Der Doktor der Medizin und Chirurgie, Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz,
ein überaus gesunder, obschon bejahrter Mann mit dichten, bereits
ergrauenden Augenbrauen und ebensolchem Backenbart, einem
ausdrucksvollen, funkelnden Blick, mit dem allein er dem Anscheine nach
schon Krankheiten zu vertreiben vermochte, und, nicht zu vergessen, mit
einem bedeutenden Orden, den er auch vormittags schon auf der Brust
trug, saß an diesem Morgen wie gewöhnlich in seinem Kabinett, bequem im
Stuhl zurückgelehnt, trank den Kaffee, den ihm seine Frau persönlich zu
bringen pflegte, rauchte eine Zigarre und schrieb von Zeit zu Zeit
Rezepte für seine Patienten. Nachdem er soeben ein solches für einen
leidenden alten Herrn aufgeschrieben und diesen zur Tür geleitet hatte,
setzte sich Krestjan Iwanowitsch wieder in seinen Sessel und erwartete
den nächsten Leidenden. Herr Goljädkin trat ein.
Ersichtlich hatte Krestjan Iwanowitsch gerade diesen Herrn nicht im
geringsten erwartet – und wie es schien, wünschte er auch gar nicht, ihn
vor sich zu sehen, denn in seinem Gesicht machte sich im ersten
Augenblick eine gewisse Unruhe bemerkbar, die aber schon im nächsten
Augenblick einem seltsamen, man kann wohl sagen, recht unzufriedenen
Ausdruck wich. Da nun Herr Goljädkin seinerseits fast immer den Mut und
gewissermaßen auch sich selbst verlor, sobald er jemanden in seinen
eigenen kleinen Angelegenheiten anreden mußte, so geriet er auch diesmal
beim ersten Satz, der bei ihm stets im wahren Sinn des Wortes der Stein
des Anstoßes war, in nicht geringe Verwirrung, murmelte irgend etwas,
das wohl so etwas wie eine Entschuldigung sein sollte, und da er nun
entschieden nicht mehr wußte, was weiter tun, nahm er einen Stuhl und –
setzte sich. Doch kaum war das geschehen, da fiel es ihm auch schon ein,
daß er unaufgefordert Platz genommen hatte, errötete ob seiner
Unhöflichkeit, und beeilte sich, um seinen Verstoß gegen den guten Ton
möglichst ungeschehen zu machen, sogleich wieder aufzustehen. Leider kam
er erst nach dieser „Tat“ zur Besinnung und begriff trotz seiner etwas
wirren Verfassung, daß er der ersten Dummheit nur eine zweite hatte
folgen lassen, weshalb er sich schnell zur dritten entschloß, indem er
irgend etwas wie zu seiner Rechtfertigung murmelte, dazu lächelte,
verwirrt errötete, vielsagend verstummte und sich schließlich wieder
hinsetzte, diesmal jedoch endgültig, worauf er sich auf alle Fälle mit
einem gewissen herausfordernden Blick gleichsam sicherstellte, der die
ungeheure Macht besaß, sämtliche Feinde Herrn Goljädkins im Geiste
niederzuschmettern und zu vernichten. Überdies drückte besagter Blick
die vollkommene Unabhängigkeit Herrn Goljädkins aus, d. h. er gab
deutlich zu verstehen, daß Herr Goljädkin niemanden etwas anzugehen
wünsche und daß er wie alle Menschen ein Mensch für sich sei.
Krestjan Iwanowitsch räusperte sich, hustete – beides offenbar zum
Zeichen seines Einverständnisses und des Beifalls, den er dem gewählten
Standpunkt zollte – und richtete seinen Inspektorenblick fragend auf
Herrn Goljädkin.
„Ich bin, wie Sie sehen, Krestjan Iwanowitsch,“ begann Herr Goljädkin
mit einem Lächeln, „bin gekommen, um Sie nochmals mit meinem Besuch zu
belästigen ... wage es, Sie nochmals um Ihre Nachsicht zu bitten ...“
Herrn Goljädkin fiel es offenbar schwer, sich kurz und bündig
auszudrücken.
„Hm ... ja!“ äußerte sich dazu Krestjan Iwanowitsch, indem er langsam
den Rauch ausstieß und die Zigarre auf den Tisch legte, „aber Sie müssen
die Vorschriften befolgen, anders geht es nicht! Ich habe Ihnen doch
erklärt, daß Ihre Behandlung in einer Veränderung der Lebensweise
bestehen muß ... Also etwa Zerstreuungen, sagen wir, etwa Besuche bei
Freunden ... außerdem dürfen Sie auch der Flasche nicht feind sein ...
fröhliche Gesellschaft sollten Sie nicht meiden ...“
Hier machte Herr Goljädkin, der immer noch lächelte, schnell die
Bemerkung, daß er, wie er annehme, ganz ebenso lebe, wie alle, daß er
seine eigene Wohnung habe und dieselben Zerstreuungen, wie die anderen
... daß er natürlich auch noch das Theater besuchen könne, zumal er ja
gleichfalls, ganz wie alle anderen, die Mittel dazu habe, daß er
tagsüber im Amte sei, abends aber bei sich zu Hause ... ja, er deutete
flüchtig an, daß es ihm, wie ihm scheine, nicht schlechter ginge als
anderen, daß er, wie gesagt, seine eigene Wohnung habe, und auch noch
den Petruschka. Hier stockte Herr Goljädkin plötzlich.
„Hm! nein, diese Lebensweise ist es nicht, aber ich wollte Sie etwas
anderes fragen. Ich möchte ganz im allgemeinen nur wissen, ob Sie gern
in munterer Gesellschaft sind, ob Sie die Zeit lustig verbringen ...
Nun, etwa, ob Sie jetzt ein melancholisches oder ein heiteres Leben
führen?“
„Ich ... Herr Doktor ...“
„Hm! ... ich sage Ihnen,“ unterbrach ihn der Doktor, „daß Sie ein von
Grund aus verändertes Leben führen und in gewissem Sinne auch Ihren
Charakter von Grund aus verändern müssen.“ – Krestjan Iwanowitsch
betonte das „von Grund aus“ ganz besonders, worauf er, um der größeren
Wirkung willen, eine kleine Pause folgen ließ, nach der er eindringlich
fortfuhr: „Sie dürfen der Geselligkeit nicht aus dem Wege gehen, Sie
müssen das Theater und den Klub besuchen, und vor allem geistigen
Getränken nicht abhold sein. Zu Hause zu sitzen, ist nicht ratsam ...
oder vielmehr – Sie dürfen überhaupt nicht zu Hause sitzen.“
„Aber, Krestjan Iwanowitsch – ich liebe doch die Stille,“ wandte Herr
Goljädkin ein, indem er den Doktor bedeutsam ansah und offenbar nach
Worten suchte, die seine Gedanken am besten hätten ausdrücken können,
„in meiner Wohnung sind nur ich und Petruschka ... das heißt, mein
Diener, Herr Doktor. Ich will damit sagen, Krestjan Iwanowitsch, daß ich
meinen eigenen Weg gehe, und ganz für mich lebe, Herr Doktor. Wirklich:
ich lebe ganz für mich, und wie mir scheint, bin ich von niemandem
abhängig. Gewiß: ich gehe zuweilen spazieren ...“
„Was? ... Ja, so! Nun, jetzt bereitet das Spazierengehen einem gerade
kein Vergnügen: das Wetter ist nicht danach.“
„Ja, das allerdings nicht, Herr Doktor. Aber sehen Sie, Krestjan
Iwanowitsch, ich bin ein stiller Mensch, wie ich Ihnen bereits
mitzuteilen, glaube ich, die Ehre hatte, und mein Weg führt mich nicht
mit anderen zusammen. Der allgemeine Lebensweg ist breit, Krestjan
Iwanowitsch ... Ich will ... ich will damit nur sagen ... Entschuldigen
Sie, ich bin kein Meister in der Redekunst, Krestjan Iwanowitsch ...“
„Hm! ... Sie sagen ...“
„Ich sage oder bitte vielmehr, mich zu entschuldigen, Krestjan
Iwanowitsch, da ich kein Meister in der Redekunst bin,“ versetzte Herr
Goljädkin in halbwegs gekränktem Tone, doch merklich verwirrt und
unsicher. „In dieser Beziehung bin ich ... bin ich, wie gesagt, nicht so
wie andere,“ fuhr er mit einem eigentümlichen Lächeln fort, „ich
verstehe nicht logisch zu reden ... ebensowenig wie der Rede Schönheit
zu verleihen ... das habe ich nicht gelernt. Dafür aber, Krestjan
Iwanowitsch, handle ich: ja, dafür handle ich, Krestjan Iwanowitsch.“
„Hm! ... Wie denn ... wie handeln Sie denn?“ forschte Krestjan
Iwanowitsch. Darauf folgte beiderseitiges Schweigen. Der Arzt blickte
etwas seltsam und mißtrauisch Herrn Goljädkin an, der auch seinerseits
heimlich einen recht mißtrauischen Blick auf ihn warf.
„Ich ... sehen Sie, Krestjan Iwanowitsch,“ fuhr Herr Goljädkin
schließlich im selben Tone fort, ein wenig gereizt und zugleich
verwundert über das Verhalten Krestjan Iwanowitschs, „ich liebe, wie
gesagt, die Ruhe und nicht die gesellschaftliche Unruhe und den Lärm und
alles das. Dort bei ihnen, sage ich, in der großen Gesellschaft, dort
muß man verstehen, das Parkett mit den Stiefeln zu polieren ...“ –
hierbei scharrte auch Herr Goljädkin leicht mit dem Fuß auf dem Fußboden
–, „dort wird das verlangt, und auch Geist und Witz wird dort verlangt
... duftige Komplimente muß man dort zu sagen verstehen ... sehen Sie,
so etwas wird dort verlangt! Ich aber habe das alles nicht gelernt,
sehen Sie, alle diese Kniffe sind mir fremd, ich habe keine Zeit gehabt,
so etwas zu lernen. Ich bin ein einfacher Mensch, bin nicht
erfinderisch, es ist auch nichts äußerlich Bestechendes an mir. Damit
strecke ich die Waffen, Krestjan Iwanowitsch; ich strecke sie einfach,
das heißt, ich lege sie hin ... indem ich in diesem Sinne rede.“
Alles dies brachte unser Held mit einer Miene vor, die deutlich zu
erkennen gab, daß er es nicht im geringsten bedauere, daß er „in diesem
Sinne“ die Waffen strecke und „jene Kniffe“ nicht gelernt habe, –
vielmehr ganz im Gegenteil!
Krestjan Iwanowitsch sah, während er zuhörte, mit einem sehr
unangenehmen Gesichtsausdruck zu Boden und schien schon einiges
vorauszusehen oder vielleicht auch nur zu ahnen.
Der langen Rede Herrn Goljädkins folgte ein ziemlich langes und
bedeutsames Schweigen.
„Sie sind, glaube ich, ein wenig vom Thema abgekommen,“ sagte
schließlich Krestjan Iwanowitsch halblaut, „ich habe Sie, offen gesagt,
nicht ganz verstanden.“
„Ich bin, wie gesagt, kein Meister in der Redekunst, Krestjan
Iwanowitsch ... ich hatte bereits die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich
im Schönreden kein Meister bin,“ versetzte Herr Goljädkin diesmal in
scharfem und energischem Tone.
„Hm! ...“
„Krestjan Iwanowitsch!“ fuhr darauf unser Held etwas stiller fort, doch
mit einer vielsagenden Klangfarbe in seiner Stimme, die etwas feierlich
anmutete, welchen Eindruck er dadurch noch verstärkte, daß er nach jedem
Satz eine kleine Kunstpause machte. „Krestjan Iwanowitsch! als ich hier
eintrat, begann ich mit Entschuldigungen. Jetzt wiederhole ich es und
bitte Sie nochmals um Nachsicht für eine kurze Zeit. Ich habe vor Ihnen,
Krestjan Iwanowitsch, nichts zu verbergen. Ich bin ein kleiner Mensch,
wie Sie wissen. Doch zu meinem Glück tut es mir nicht leid, daß ich ein
kleiner Mensch bin. Sogar im Gegenteil, Krestjan Iwanowitsch: ich bin
sogar stolz darauf, daß ich kein großer, sondern nur ein kleiner Mensch
bin. Ich bin kein Ränkeschmied, – und auch darauf bin ich stolz. Ich tue
nichts heimlich und hinterrücks, sondern offen und ohne alle Berechnung,
und obschon auch ich meinerseits jemandem schaden könnte, und das sogar
sehr, und obschon ich sogar weiß, wem und wie, das heißt, wem ich
schaden könnte und wie das anzustellen wäre, so will ich mich mit
solchen Sachen doch nicht befassen und wasche lieber in dieser Beziehung
meine Hände in Unschuld. Ja, in dieser Beziehung wasche ich sie,
Krestjan Iwanowitsch – in diesem Sinne!“
Herr Goljädkin verstummte für einen Augenblick sehr ausdrucksvoll. Er
hatte mit bescheidenem Stolz gesprochen.
„Ich pflege, wie ich Ihnen, Krestjan Iwanowitsch, bereits sagte,“ fuhr
er fort, „ich pflege offen, ohne Umschweife und Umwege vorzugehen: ich
verachte Umwege und überlasse sie anderen. Ich bemühe mich nicht, jene
zu erniedrigen, die vielleicht reiner sind als wir beide ... das heißt,
ich wollte sagen, als unsereiner, Krestjan Iwanowitsch, als unsereiner,
und nicht, als wir beide. Ich liebe keine halben Worte, elende Heuchelei
und Falschheit mag ich nicht, Verleumdung und Klatsch verachte ich. Eine
Maske trage ich nur, wenn ich mich maskiere, gehe aber nicht tagtäglich
mit einer solchen unter die Menschen. Jetzt frage ich Sie nur, Krestjan
Iwanowitsch, wie Sie sich an Ihrem Feinde rächen würden, an Ihrem
ärgsten Feinde – an dem, den Sie für einen solchen hielten?“ schloß Herr
Goljädkin plötzlich mit einem herausfordernden Blick auf Krestjan
Iwanowitsch.
Herr Goljädkin hatte zwar jedes Wort so deutlich ausgesprochen, wie man
es deutlicher nicht hätte aussprechen können: ruhig, klar, verständlich
und mit Überzeugung, indem er von vornherein des größten Eindrucks gewiß
war – doch blickte er jetzt nichtsdestoweniger mit Unruhe, mit großer
Unruhe, sogar mit äußerst großer Unruhe Krestjan Iwanowitsch an. Der
ganze Mensch war nur noch Blick und erwartete fast schüchtern in
peinigender Ungeduld die Antwort Krestjan Iwanowitschs. Doch wer
beschreibt die Verwunderung und Überraschung Herrn Goljädkins, als er
sehen mußte, daß Krestjan Iwanowitsch statt dessen nur etwas in den Bart
murmelte, dann seinen Stuhl näher an den Tisch rückte und endlich
ziemlich trocken, doch noch ganz höflich erklärte, daß seine Zeit sehr
knapp bemessen sei und er ihn nicht ganz verstehe: übrigens sei er ja
gern bereit, zu tun, was in seinen Kräften stünde, doch alles übrige,
was nicht zur Sache gehöre, gehe ihn nichts an. Damit griff er zur
Feder, nahm ein Blatt Papier, schnitt einen Zettel für das Rezept
zurecht und sagte, daß er sogleich aufschreiben werde, was nottue.
„Nein, es tut nichts not, Krestjan Iwanowitsch! Nein, wirklich, glauben
Sie mir, es tut hier gar nichts not!“ versicherte Herr Goljädkin, der
plötzlich vom Stuhl aufstand und Krestjan Iwanowitschs rechte Hand
ergriff. „Nein, Krestjan Iwanowitsch, hier tut gar nichts not ...“
Doch während er das noch sprach, ging bereits eine seltsame Veränderung
in ihm vor. Seine grauen Augen blitzten eigentümlich, seine Lippen
bebten und alle Muskeln seines Gesichts begannen zu zucken und sich zu
bewegen. Er erzitterte am ganzen Körper. Nachdem er im ersten Augenblick
Krestjan Iwanowitschs Hand erfaßt und festgehalten hatte, stand er jetzt
unbeweglich, als traue er sich selbst nicht und erwarte eine Eingebung,
die ihm sagte, was er nun weiter tun solle.
Doch da geschah etwas ganz Unerwartetes.
Krestjan Iwanowitsch saß zunächst etwas verdutzt auf seinem Platz und
sah Herrn Goljädkin sprachlos mit großen Augen an, ganz wie jener auch
ihn ansah. Dann stand er langsam auf und faßte Herrn Goljädkin am
Rockaufschlag. So standen sie eine ganze Weile regungslos, ohne einen
Blick voneinander abzuwenden. Goljädkins Lippen und Kinn begannen zu
zittern, und plötzlich brach unser Held in Tränen aus. Schluchzend,
schluckend nickte er mit dem Kopf, schlug sich mit der Hand vor die
Brust und erfaßte mit der linken Hand gleichfalls den Rockaufschlag
Krestjan Iwanowitschs: er wollte irgend etwas sprechen, erklären,
vermochte aber kein Wort hervorzubringen. Da besann sich Krestjan
Iwanowitsch, schüttelte seine Verwunderung ab und nahm sich zusammen.
„Beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht auf, setzen Sie sich!“ sagte
er, und versuchte, ihn auf den Stuhl zu drücken.
„Ich habe Feinde, Krestjan Iwanowitsch, ich habe Feinde ... ich habe
gehässige Feinde, die sich verschworen haben, mich zugrunde zu richten
...“ beteuerte Herr Goljädkin, ängstlich flüsternd.
„Oh, das wird nicht so schlimm sein mit Ihren Feinden! Denken Sie nicht
an so etwas! Das ist ganz überflüssig. Setzen Sie sich, setzen Sie sich
nur ruhig hin,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, und es gelang ihm auch,
Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er setzte sich endlich, verwandte
aber keinen Blick von Krestjan Iwanowitsch. Diesem schien das jedoch
nicht zu behagen: er wandte sich bald von ihm fort und begann, in seinem
Kabinett auf und ab zu schreiten. Sie schwiegen beide eine lange Zeit.
„Ich danke Ihnen, Krestjan Iwanowitsch,“ brach endlich Herr Goljädkin
das Schweigen, indem er sich mit gekränkter Miene vom Stuhl erhob, „ich
bin Ihnen sehr dankbar und weiß es zu schätzen, was Sie für mich getan
haben. Ich werde Ihre Freundlichkeit bis zum Tode nicht vergessen.“
„Schon gut! Bleiben Sie nur sitzen!“ antwortete Krestjan Iwanowitsch in
ziemlich strengem Tone auf den Ausfall Herrn Goljädkins, den er
hierdurch zum zweitenmal zum Sitzen brachte.
„Nun, was haben Sie denn? Erzählen Sie mir doch, was Sie dort
Unangenehmes vorhaben,“ fuhr Krestjan Iwanowitsch fort, „und was sind
denn das für Feinde, von denen Sie sprachen? Um was handelt es sich
denn, erzählen Sie mir doch!“
„Nein, Krestjan Iwanowitsch, davon wollen wir jetzt lieber nicht reden,“
lenkte Herr Goljädkin gesenkten Blickes ab, „das wollen wir vorläufig
bleiben lassen ... bis zu einer gelegeneren Zeit ... bis zu einer
besseren Zeit, Krestjan Iwanowitsch, bis zu einer bequemeren Zeit, wenn
alles bereits zutage getreten, die Maske von gewissen Gesichtern
abgerissen und dann, wie gesagt, gar manches aufgedeckt sein wird. Jetzt
aber – das heißt vorläufig ... und nach dem, was hier vorgefallen ist
... werden Sie doch selbst zugeben, Krestjan Iwanowitsch ... Gestatten
Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen.“ – Und damit griff Herr
Goljädkin plötzlich entschlossen nach seinem Hut.
„Tja, nun ... wie Sie wollen ... hm ...“
Es folgte ein kurzes Schweigen.
„Ich meinerseits, das wissen Sie, würde ja gern tun, was in meinen
Kräften steht ... und ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute ...“
„Ich verstehe Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie: ich verstehe
Sie jetzt vollkommen. Jedenfalls bitte ich um Entschuldigung, daß ich
Sie belästigt habe.“
„Hm ... nein, ich wollte Ihnen nicht das sagen. Übrigens – wie Sie
wollen. Was die Medikamente betrifft, so können Sie fortfahren,
dieselben zu nehmen ...“
„Das werde ich, wie Sie sagen, Krestjan Iwanowitsch, das werde ich, –
dieselben Medikamente und aus derselben Apotheke ... Heutzutage ist
Apotheker sein schon eine große Sache, Krestjan Iwanowitsch ...“
„Was? In welch einem Sinne wollen Sie das gesagt haben?“
„In einem ganz gewöhnlichen Sinne, Krestjan Iwanowitsch. Ich will nur
sagen, daß die Welt heutzutage so ist ...“
„Hm ...“
„Und daß jetzt ein jeder Bengel, nicht nur ein Apothekerbengel, vor
einem anständigen Menschen die Nase hoch trägt.“
„Hm! Wie meinen Sie denn das?“
„Ich rede von einem bestimmten Menschen, Krestjan Iwanowitsch ... von
unserem gemeinsamen Bekannten ... sagen wir zum Beispiel – nun,
meinetwegen von Wladimir Ssemjonowitsch ...“
„Ah! ...“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch: auch ich kenne einige Menschen, denen an der
öffentlichen Meinung nicht gar so viel gelegen ist, um nicht mitunter
die Wahrheit zu sagen.“
„Ah! ... Und wie denn das?“
„Ja so. Doch das ist nebensächlich! Ich meine nur: sie verstehen
zuweilen, so ein Bonbon mit Füllung zu verabreichen.“
„Was? ... Was zu verabreichen?“
„Ein Bonbon mit Füllung, Krestjan Iwanowitsch: das ist so eine russische
Redensart. Sie verstehen zum Beispiel, zur rechten Zeit jemandem zu
gratulieren, – es gibt solche Leute, Krestjan Iwanowitsch.“
„Zu gratulieren, sagen Sie?“
„Zu gratulieren, Krestjan Iwanowitsch, wie es vor einigen Tagen einer
meiner näheren Bekannten tat! ...“
„Einer Ihrer näheren Bekannten ... hm! ja aber wie denn das?“ forschte
Krestjan Iwanowitsch, der Herrn Goljädkin jetzt aufmerksam beobachtete.
„Ja, einer meiner näheren Bekannten gratulierte einem anderen
gleichfalls sehr nahen Bekannten und sogar Freunde zum Assessor, zu dem
er neuerdings ernannt worden war. Und da sagte er denn wörtlich: ‚Freue
mich aufrichtig, Wladimir Ssemjonowitsch, Ihnen zum Assessor gratulieren
zu können, empfangen Sie meinen _aufrichtigen_ Glückwunsch. Ich freue
mich um so mehr über diesen Fall, als es heutzutage bekanntlich keine
Klatschbasen mehr gibt‘.“ – Und Herr Goljädkin nickte listig mit dem
Kopf und blickte blinzelnd zu Krestjan Iwanowitsch hinüber ...
„Hm. Gesagt hat das also ...“
„Gesagt, gewiß gesagt, Krestjan Iwanowitsch, und indem er es sagte,
blickte er noch zu Andrej Philippowitsch hinüber, der nämlich der Onkel
unseres Nesthäkchens Wladimir Ssemjonowitsch ist. Aber was geht das mich
an, daß er zum Assessor aufrückte? Was schert das mich? Nur – sehen Sie,
er will doch heiraten, er, dem die Lippen noch nicht trocken von der
Kindermilch geworden sind. Das sagte ich ihm denn auch. Ganz einfach
sagte ich es ihm. Doch – jetzt habe ich Ihnen wirklich alles erzählt.
Gestatten Sie daher, daß ich aufbreche und mich entferne.“
„Hm ...“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, erlauben Sie mir jetzt, wiederhole ich, mich
zu entfernen. Doch hier – um gleich zwei Sperlinge mit einem Stein zu
treffen – nachdem ich den Jüngling mit den Klatschbasen so aufs Trockene
gesetzt hatte, wandte ich mich an Klara Olssuphjewna – die ganze Sache
spielte sich vorgestern bei Olssuph Iwanowitsch ab –, sie aber hatte
gerade eine gefühlvolle Romanze gesungen, – da sagte ich ihr ungefähr:
‚Ja, eine gefühlvolle Romanze haben Sie gesungen, nur hört man Ihnen
nicht reinen Herzens zu.‘ Und damit spielte ich, verstehen Sie, spielte
ich deutlich darauf an, daß man eigentlich nicht – sie im Auge hat,
sondern weiter blickt ...“
„Ah! Nun und was tat er?“
„Er biß in die Zitrone, Krestjan Iwanowitsch, wie man zu sagen pflegt,
sogar ohne die Miene zu verziehen.“
„Hm ...“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Auch dem Alten sagte ich ungefähr: ‚Olssuph
Iwanowitsch, ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin,‘ sagte ich, ‚ich weiß
die Wohltaten, die Sie mir fast von Kindesbeinen an erwiesen haben, zu
schätzen. Aber öffnen Sie jetzt die Augen, Olssuph Iwanowitsch,‘ sagte
ich. ‚Schauen Sie mit offenen Augen um sich. Ich selbst gehe offen und
ehrlich vor, Olssuph Iwanowitsch.‘“
„Ah, also so!“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, so ist es ...“
„Nun, und er?“
„Ja, was sollte er, Krestjan Iwanowitsch? Brummte da etwas: dies und
jenes, ich kenne dich, Se. Exzellenz sei ein guter Mensch – und so
weiter, und so weiter – verbreitete sich ausführlich darüber ... Aber
was hilft das! Er ist eben, wie man sagt, schon etwas altersschwach
geworden.“
„Hm! Also so steht es jetzt!“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch. Und alle sind wir doch so – was rede ich vom
Alten! – Der ist wohl schon mit einem Bein im Grabe, wie man zu sagen
pflegt. Es braucht da nur irgendeine Weiberklatschgeschichte in Umlauf
gebracht zu werden, so ist auch er gleich mit beiden Ohren dabei. Anders
geht es nicht ...“
„Klatschgeschichten, sagen Sie?“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, sie haben eine Klatschgeschichte in Umlauf
gebracht. Beteiligt haben sich daran außer anderen unser Bär und dessen
Neffe, unser Nesthäkchen: Erst haben sie sich mit alten Weibern
zusammengetan und dann die Sache ausgeheckt. Was glauben Sie wohl, was
sie ersonnen haben – um einen Menschen zu töten?“
„Zu töten?“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, um einen Menschen zu töten, um ihn moralisch
zu töten. Sie haben das Gerücht verbreitet ... ich rede immer von einem
nahen Bekannten ...“
Krestjan Iwanowitsch nickte mit dem Kopf.
„Sie haben über ihn das Gerücht verbreitet ... Offen gestanden, Krestjan
Iwanowitsch, ich schäme mich fast, so etwas nur auszusprechen!“
„Hm ...“
„Das Gerücht verbreitet, sage ich, daß er sich bereits schriftlich
verpflichtet habe, zu heiraten: daß er bereits der Bräutigam einer
anderen sei ... Und was glauben Sie wohl, Krestjan Iwanowitsch, der
Bräutigam wessen?“
„Nun?“
„Der Bräutigam einer Köchin, einer Deutschen, die ihn beköstigt: und
anstatt seine Schuld für das Essen zu bezahlen, habe er um ihre Hand
angehalten!“
„Das haben sie also verbreitet?“
„Können Sie es glauben, Krestjan Iwanowitsch? Eine Deutsche, eine
gemeine, schamlose, unverschämte Person, die Karolina Iwanowna heißt,
wenn Sie es wissen wollen ...“
„Ich gestehe, daß ich meinerseits ...“
„Ich verstehe, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, und fühle auch
meinerseits ...“
„Sagen Sie, bitte, wo wohnen Sie jetzt?“
„Wo ich jetzt wohne, fragen Sie?“
„Ja ... ich will ... Sie lebten doch früher, glaube ich ...“
„Gewiß, Krestjan Iwanowitsch, gewiß lebte ich, gewiß lebte ich auch
früher, wie sollte ich nicht!“ unterbrach ihn schnell Herr Goljädkin mit
einem leisen Lachen, nachdem er mit seiner Antwort Krestjan Iwanowitsch
ein wenig stutzig gemacht hatte.
„Nein, Sie haben mich falsch verstanden; ich wollte meinerseits ...“
„Ich wollte gleichfalls, Krestjan Iwanowitsch, ich wollte gleichfalls
meinerseits!“ fuhr Herr Goljädkin lachend fort. „Aber ich, verzeihen
Sie, Krestjan Iwanowitsch, ich halte Sie ja schon unverantwortlich lange
auf. Sie werden mir, hoffe ich, jetzt gestatten ... Ihnen einen Guten
Morgen zu wünschen ...“
„Hm ...“
„Ja, Krestjan Iwanowitsch, ich verstehe Sie, ich verstehe Sie jetzt
vollkommen,“ versetzte unser Held ein wenig geziert. „Also, wie gesagt,
gestatten Sie, Ihnen einen Guten Morgen zu wünschen ...“
Damit verbeugte sich unser Held und verließ das Zimmer, begleitet von
den Blicken Krestjan Iwanowitschs, der ihm in höchster Verwunderung
nachsah.
Während Herr Goljädkin die Treppe hinabstieg, schmunzelte er und rieb
sich froh die Hände. Draußen angelangt, atmete er tief die frische Luft
ein, und da er sich jetzt wieder frei fühlte, war er fast bereit, sich
für den glücklichsten Sterblichen zu halten, mit welchen Gefühlen er
schon den Weg zu seinem Departement einschlagen wollte, – als plötzlich
eine Equipage ratternd vorfuhr und vor dem Portal hielt: er starrte sie
zunächst unverständlich an, doch plötzlich fiel ihm alles wieder ein.
Petruschka riß bereits den Wagenschlag auf.
Ein seltsames und höchst unangenehmes Gefühl erfaßte den ganzen Herrn
Goljädkin. Für einen Augenblick schien er wieder zu erröten. Wie ein
Stich traf es ihn.
Im Begriff, den Fuß auf den Wagentritt zu setzen, wandte er sich
plötzlich um und sah hinauf zu den Fenstern Krestjan Iwanowitschs.
Richtig! Dort stand Krestjan Iwanowitsch am Fenster, strich sich mit der
Rechten seinen Backenbart und blickte neugierig und aufmerksam unserem
Helden nach.
„Dieser Doktor ist dumm,“ dachte Herr Goljädkin, indem er einstieg,
„äußerst dumm. Es ist ja möglich, daß er seine Kranken ganz gut kuriert,
aber immerhin ... er selbst ist unglaublich dumm.“
Herr Goljädkin setzte sich, Petruschka rief: „Fahr zu!“ und die Equipage
rollte davon, wieder geradeaus zum Newskij Prospekt.