10. September.

Mein bester Makar Alexejewitsch!

Ich freue mich unendlich über Ihr Glück und weiß die Hilfe Ihres

Vorgesetzten in ihrer ganzen Güte zu würdigen. So können Sie jetzt

endlich aufatmen und sich von Ihren Sorgen erholen! Aber nur um eines

bitte ich Sie: geben Sie das Geld um Gottes willen nicht wieder für

unnütze Sachen aus! Leben Sie ruhig und still, leben Sie möglichst

sparsam, und bitte, fangen Sie jetzt an, jeden Tag etwas Geld beiseite

zu legen, damit Sie nicht wieder so in Not geraten! Um uns brauchen Sie

sich wirklich nicht mehr zu sorgen. Werden uns schon durchschlagen. Wozu

haben Sie uns soviel Geld geschickt, Makar Alexejewitsch? Wir brauchen

es doch gar nicht ... Wir sind zufrieden mit dem, was wir uns verdienen.

Es ist wahr, wir werden bald zum Umzuge Geld nötig haben, aber Fedora

hofft, daß man ihr jetzt endlich eine alte Schuld abtragen wird. Ich

behalte also für alle Fälle zwanzig Rubel, den Rest sende ich Ihnen

zurück. Geben Sie das Geld nur nicht für Unnötiges aus, Makar

Alexejewitsch!

Leben Sie wohl! Leben Sie jetzt ganz ruhig, werden Sie gesund und

fröhlich. Ich würde Ihnen mehr schreiben, fühle mich aber schrecklich

müde. Gestern lag ich den ganzen Tag im Bett. Das ist gut, daß Sie mich

besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald, Makar

Alexejewitsch. Ich erwarte Sie.

Ihre

W. D.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich flehe Sie an, meine Liebe, verlassen Sie mich jetzt nicht, jetzt, wo

ich vollkommen glücklich und mit allem zufrieden bin! Mein Täubchen!

Hören Sie nicht auf Fedora! Ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was Sie

nur wollen. Ich werde mich gut aufführen, allein schon aus Hochachtung

für Seine Exzellenz werde ich mich ehrenhaft und anständig aufführen.

Wir werden einander wieder selige Briefe schreiben, werden uns

gegenseitig unsere Gedanken mitteilen, und unsere Freuden und Sorgen –

wenn es wieder einmal Sorgen geben sollte – miteinander teilen: und so

werden wir denn wieder einträchtig und glücklich miteinander leben. Wir

werden uns mit der Literatur beschäftigen ... Mein Engelchen! In meinem

Leben hat sich doch jetzt alles zum besseren gewendet. Meine Wirtin läßt

wieder mit sich reden. Theresa ist bedeutend klüger geworden und sogar

Faldoni wird diensteifrig. Mit Ratasäjeff habe ich mich ausgesöhnt. Ich

ging in meiner Freude selbst zu ihm. Er ist wirklich ein guter Kerl,

mein Kind, und was man von ihm Schlechtes gesagt hat, beruht auf Unsinn

und Irrtum: jetzt habe ich erfahren, daß alles nur eine häßliche

Verleumdung gewesen ist. Er hat gar nicht daran gedacht, eine Satire auf

uns zu machen. Er hat es mir selbst gesagt. Er las mir sein neuestes

Werk vor. Und was das betrifft, daß er mich damals Lovelace benannt hat:

nun – so ist das ja gar nichts Schlechtes oder gar eine unanständige

Bezeichnung. Er hat mir nämlich jetzt die Bedeutung erklärt. Lovelace

ist ein Fremdwort und bedeutet ungefähr „ein gewandter Bursche“, oder

wenn man es hübscher, sozusagen literarischer ausdrücken will: „ein

schneidiger Kavalier“. Sehen Sie, das bedeutet es, nicht aber irgend so

etwas – anderes! Es war also ein ganz unschuldiger Scherz von ihm, mein

Engelchen. Ich ungebildeter Dummkopf habe es nur gleich für eine

Beleidigung gehalten. Nun, und da habe ich mich denn auch deswegen heute

bei ihm entschuldigt ...

Das Wetter ist heute so schön, Warinka. Am Morgen hatten wir zwar

leichten Frost, aber das tut nichts: dafür ist die Luft jetzt etwas

frischer. Ich ging und kaufte mir ein Paar Stiefel – es sind wirklich

tadellos schöne Stiefel, die ich gekauft habe. Dann ging ich noch etwas

auf dem Newskij spazieren. Habe dann die Zeitung gelesen. Ja, richtig!

und das Wichtigste habe ich vergessen, Ihnen zu erzählen!

Also hören Sie jetzt, wie es war:

Heute morgen knüpfte ich mit Jemeljan Iwanowitsch und mit Akssentij

Michailowitsch ein Gespräch an: wir sprachen von Seiner Exzellenz. Ja,

Warinka, Seine Exzellenz sind nicht nur gegen mich so gütig gewesen. Sie

haben schon vielen Gutes erwiesen und die Herzensgüte Seiner Exzellenz

ist aller Welt bekannt. Viele, viele Menschen rühmen diese Güte und

vergießen Tränen der Dankbarkeit, wenn sie der ihnen erwiesenen Hilfe

gedenken. Exzellenz haben unter anderem eine arme Waise bei sich im

Hause erzogen, und die ist dann verheiratet worden, an einen angesehenen

Beamten, der zu den nächsten Untergebenen Seiner Exzellenz gehört, und

Exzellenz haben ihr dann auch noch eine Aussteuer mitgegeben. Ferner

haben Exzellenz auch noch den Sohn einer armen Witwe in einer Kanzlei

untergebracht, und noch viel, viel Gutes haben Exzellenz den Menschen

erwiesen. Ich hielt es für meine Pflicht, mein Kind, auch mein

Scherflein beizusteuern und erzählte allen laut, was Exzellenz an mir

getan: ich erzählte ihnen alles, ich verheimlichte nichts. Meine

Verlegenheit steckte ich dabei in die Tasche. Was Verlegenheit, was

Ansehen, wenn es sich um so etwas handelt! Ganz laut erzählte ich es, so

daß alle es hören konnten, ja, ganz laut, um die edelmütigen Taten

Seiner Exzellenz allen kundzutun! Ich sprach mit Eifer und Begeisterung

und errötete nicht: im Gegenteil, ich war stolz, daß ich so etwas

erzählen konnte. Und ich erzählte alles (nur von Ihnen, mein Kind,

erzählte ich zum Glück nichts, über Sie ging ich vernünftigerweise mit

Stillschweigen hinweg), aber von meiner Wirtin und Faldoni, und von

Ratasäjeff und Markoff und von meinen Stiefeln – alles das erzählte ich

rückhaltlos. Manche spotteten wohl ein bißchen, oder eigentlich

spotteten alle – alle lachten wenigstens! Wahrscheinlich haben sie an

meiner Erscheinung etwas Lächerliches gefunden. Vielleicht haben sie

auch nur über meine Stiefel gelacht – ja, ganz sicher nur über meine

Stiefel! Aber in irgendeiner schlechten Absicht haben sie gewiß nicht

gelacht, das hätten sie nie und nimmer tun können. Es kam eben nur so,

es war ihre Jugend – oder weil sie wohlhabende Leute sind. In einer

schlechten, einer häßlichen Absicht jedenfalls – da hätten sie mich und

meine Worte bestimmt nicht verspottet. Das heißt, ich meine: etwa über

Seine Exzellenz lachen – das hätten sie unter keinen Umständen getan.

Hab’ ich nicht recht, Warinka?

Ich kann eigentlich noch immer nicht ganz zur Besinnung kommen, mein

Kind. Alle diese Geschehnisse haben mich so verwirrt! Haben Sie auch

Holz zum Heizen? Sehen Sie nur zu, daß Sie sich nicht erkälten, Warinka,

wie leicht ist das geschehen! Ich bete zu Gott, mein Kind, er möge Sie

behüten und beschützen. Haben Sie zum Beispiel wollene Strümpfchen oder

was da sonst von warmen Kleidungsstücken für den Winter nötig ist? Seien

Sie nur vorsichtig, mein Täubchen. Wenn Ihnen von solchen Sachen etwas

fehlen sollte, dann kränken Sie mich Alten nicht, dann wenden Sie sich

sogleich an mich. Jetzt sind ja die schlechten Zeiten vorüber und vor

uns liegt das Leben so hell und so schön!

Aber es war doch eine traurige Zeit, Warinka! Nun ja, was soll man da

noch reden, jetzt, da sie überstanden ist! Wenn erst Jahre darüber

vergangen sein werden, dann werden wir auch an diese Zeit lächelnd

zurückdenken. Nicht wahr, wie wenn man heute so an seine Jugendjahre

zurückdenkt! Was man da nicht alles durchgemacht hat! Wie oft hatte man

nicht einen einzigen Kopeken in der Tasche. Kalt war man, hungrig war

man, aber dabei doch immer lustig. Morgens ging man über den Newskij,

begegnete einem netten Gesichtchen – und da wurde man denn für den

ganzen Tag glücklich. Eine schöne, eine wunderschöne Zeit war es doch,

mein Kind! Es ist schön, in der Welt zu leben, Warinka! Namentlich in

Petersburg. Ich habe gestern mit Tränen in den Augen vor Gott dem Herrn

meine Sünden bereut, damit er mir alle meine Sünden, die ich in dieser

traurigen Zeit begangen habe, verzeihen möge, als da sind: Freidenkerei,

Leichtsinn und Spiel. Und Ihrer, mein Kind, habe ich in meinem Gebet mit

Rührung gedacht. Sie allein, mein Engelchen, haben mich getröstet und

gestärkt, haben mir guten Rat erteilt und mir mit Ihrem Beistand über

alles Schwere hinweggeholfen. Das werde ich, mein Kind, Ihnen niemals

vergessen. Ihre Briefchen habe ich heute alle einzeln abgeküßt, mein

Täubchen, mein Engelchen! Nun, und jetzt – leben Sie wohl!

Ich habe gehört, daß hier in der Nähe jemand eine Uniform zu verkaufen

hat. Nun werde ich mich auch äußerlich wieder etwas instand setzen.

Leben Sie wohl, mein Engelchen, leben Sie wohl, auf Wiedersehen!

Ihr Ihnen innig zugetaner

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 64 / 102 题