9. September.

Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind!

Ich schreibe Ihnen, ganz außer mir, wie ich bin. Durch diesen Vorfall

bin ich so aufgeregt, bis zur Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem

Kopf dreht sich noch alles im Kreise. Ich fühle es förmlich, wie sich

ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe, wie soll ich Ihnen

das nun erzählen! Das haben wir uns ja nicht mal träumen lassen! Oder

doch – ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt! Mein

Herz hat das schon vorher gewußt, hat gefühlt, wie es kam ... Und

wirklich, ich habe neulich etwas Ähnliches im Traume gesehen!

Nun hören Sie, was geschehen ist! – Ich werde Ihnen alles erzählen, ohne

diesmal auf den Stil Sorgfalt zu verwenden, ganz einfach, wie Gott es

mir eingibt.

Ich ging heute, wie gewöhnlich, frühmorgens in den Dienst. Komme hin,

setze mich, schreibe weiter. Sie müssen nämlich wissen, mein Kind, daß

ich gestern gleichfalls geschrieben habe. Nämlich gestern, da kam

Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: „Hier ist ein wichtiges Dokument,

das schnell abgeschrieben werden muß. Also machen Sie sich sogleich

daran – sauber und sorgfältig ... Exzellenz müssen es heute noch

unterschreiben.“ Ich muß vorausschicken, mein Engelchen, daß ich gestern

gar nicht so war, wie man eigentlich sein muß – will sagen, daß ich

eigentlich überhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram bedrückten

mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele dunkel. Meine Gedanken aber

waren alle bei Ihnen, mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn

daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft, nur – ich weiß

wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer erklären soll, ob mich der

leibhaftige Gottseibeiuns selber dazu verleitete oder ob da sonst welche

geheimen Kräfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach so und nicht

anders kommen mußte: – nur ließ ich beim Abschreiben eine ganze Zeile

aus! So daß denn Gott weiß was für ein Sinn herauskam, wahrscheinlich

überhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern zu spät fertig und

erst heute Seiner Exzellenz zur Unterschrift vorgelegt.

Nun und heute morgen – ich komme wie gewöhnlich hin, und nehme meinen

Platz neben Jemeljan Iwanowitsch ein. Ich muß Ihnen bemerken, meine

Liebe, daß ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schämte und noch

mehr zu verstecken suchte, als früher. Ja, in der letzten Zeit hatte ich

überhaupt niemanden mehr anzusehen gewagt. Kaum höre ich irgendwo einen

Stuhl rücken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun, und heute war

alles ebenso: ich duckte mich und saß ganz still, wie ein Igel, so daß

Jefim Akimowitsch (der spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes

Erdboden gegeben hat) plötzlich laut zu mir sagte, so daß alle es

hörten:

„Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn da wie solch ein U–u–u?“ –

und dabei schnitt er eine Grimasse, daß alle, die dort ringsum saßen,

sich die Seiten hielten vor Lachen, und natürlich über mich allein

lachten, nicht über ihn. Nun, und da ging es denn los! – Ich klappte

meine Ohren zu und kniff auch die Augen zu und rührte mich nicht. So tue

ich immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher wieder in Ruhe.

Plötzlich höre ich erregte Stimmen, hastige Schritte, ein Laufen, Rufen.

Ich höre – täuschen mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen

Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich weiß selbst nicht,

wie es kam, daß mir der Schreck so in die Glieder fuhr, wie noch nie

zuvor in meinem Leben. Ich saß wie angewachsen auf meinem Stuhl, – ich

rührte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht mehr ich. Aber da rief

man schon wieder, immer näher kam es, schon in nächster Nähe:

„Djewuschkin! Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin!“ – Ich schlage die Augen

auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch – und ich höre noch, wie er

sagt:

„Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! Sie haben mit Ihrer

Abschrift ein schönes Unheil angerichtet!“ Das war alles, was er sagte,

aber es war auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es war schon

genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich empfand überhaupt nichts

mehr, ich ging – das heißt, meine Füße gingen, ich selbst war weder tot

noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer geführt, durch noch eines und

noch ein drittes – ins Kabinett – jedenfalls sah ich dann, daß ich dort

stand. Rechenschaft darüber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen

nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz und um sie

herum alle die anderen. Ich glaube, ich habe nicht einmal eine

Verbeugung gemacht: ich vergaß sie! Ich war ja so bestürzt, daß meine

Lippen und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund dazu vorhanden,

mein Kind! Erstens schämte ich mich, und dann, als ich noch zufällig

nach rechts in einen Spiegel sah, hätte ich wohl alle Ursache gehabt, in

die Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch immer so zu

verhalten gesucht, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden, so daß es

kaum anzunehmen war, daß Seine Exzellenz überhaupt etwas von mir wußten.

Vielleicht hatten Exzellenz einmal flüchtig gehört, daß dort im vierten

Zimmer ein Beamter Djewuschkin sitzt, aber in nähere Beziehungen waren

Exzellenz nie zu ihm getreten.

Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht:

„Was haben Sie hier für einen Unsinn geschrieben, Herr! Wo haben Sie

Ihre Augen gehabt! Ein so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt

werden muß! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses zusammen! Was haben

Sie sich dabei eigentlich gedacht, –“ und zugleich wandten sich seine

Exzellenz an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne Worte wie aus

dem Jenseits: „Unachtsamkeit! Nachlässigkeit! ... nur Unannehmlichkeiten

zu bereiten ...“

Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich wollte mich

entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten, ich konnte aber nicht.

Fortlaufen – daran war nicht zu denken, nun aber ... nun geschah

plötzlich noch etwas – geschah so etwas, mein Kind, daß ich auch jetzt

noch kaum die Feder halten kann vor Scham! – Mein Knopf nämlich – nun,

hol’ ihn der Teufel! – mein Knopf, der nur noch an einem Fädchen

gebaumelt hatte, fiel plötzlich ab (ich muß ihn irgendwie berührt

haben), fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte – und rollte

ausgerechnet zu den Füßen Seiner Exzellenz, fiel und rollte mitten in

dieser Grabesstille, die herrschte! Das war also meine ganze

Rechtfertigung, meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner

Exzellenz zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach! Seine Exzellenz

wurde sogleich auf mein Aussehen und meine Kleider aufmerksam. Ich

dachte daran, was ich im Spiegel erblickt hatte – das sagt wohl alles –

und plötzlich lief ich meinem Knopf nach und bückte mich, um den

Ausreißer wieder einzufangen! Ich hatte eben ganz und gar den Verstand

verloren! Ich hockte und haschte nach dem Knopf, der aber rollte und

rollte wie ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher und

kriege und kriege ihn nicht – so daß ich mich also auch noch in bezug

auf meine Gewandtheit recht auszeichnete! Da fühlte ich denn, wie mich

die letzten Kräfte verließen und alles, alles verloren war! Das ganze

Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet! Obendrein begann es auch

noch in meinen beiden Ohren zu summen und dazwischen war es mir, als

hörte ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni schimpfen, wie

ich sie immer in der Küche schimpfen höre. Endlich hatte ich den Knopf,

erhob mich, richtete mich auf – doch anstatt nun die Dummheit

einigermaßen gutzumachen und stramm zu stehen, Hände an der Hosennaht –

statt dessen drücke ich den Knopf immer wieder an die Stelle, wo er

früher angenäht war und wo jetzt nur noch ein paar Fädchen hingen, ganz

als müsse das den Knopf dort ankleben, dazu aber lächelte ich noch, ja,

bei Gott, ich lächelte noch!

Exzellenz wandten sich zunächst ab, dann sahen sie mich wieder an – ich

hörte sie nur noch zu Jewstafij Iwanowitsch sagen:

„Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht! ... In welchem

Zustande! ... Was ist das mit ihm?“

Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen! Hatte mich ausgezeichnet,

wie man’s besser nicht machen kann! Ich höre, Jewstafij Iwanowitsch

antwortet ihm:

„... nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz, hat sich bisher

musterhaft aufgeführt ... gut angeschrieben ... etatsmäßiges Gehalt ...“

„Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie,“ sagte Seine Exzellenz, „geben Sie

ihm Vorschuß ...“

„Ja, leider hat er schon soviel Vorschuß genommen, schon für

soundsoviele Monate. Offenbar sind seine Verhältnisse im Augenblick

derart ... seine Aufführung ist sonst, wie gesagt, musterhaft, tadellos

...“

Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem höllischen Feuer umgeben,

das mich bei lebendigem Leibe versengte und verbrannte! Ich – ich gab

einfach meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot.

„Nun,“ sagte plötzlich Seine Exzellenz laut, „das muß also nochmals

abgeschrieben werden. Djewuschkin, kommen Sie mal her: also schreiben

Sie mir das nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren ...“ hier

wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen und erteilten verschiedene

Aufträge, so daß sie alle einer nach dem anderen fortgingen. Kaum aber

war der letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche

hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. –

„Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie – lassen Sie’s gut sein ...“ und

damit drückten sie mir den Schein in die Hand.

Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine ganze Seele erbebte: ich

weiß nicht mehr, wie mir geschah! Ich wollte seine Hand ergreifen, um

sie zu küssen, er aber errötete, mein Täubchen, und – ich weiche hier

nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein Kind – und er nahm diese

meine unwürdige Hand und schüttelte sie, nahm sie ganz einfach und

schüttelte sie, ganz als wäre das die Hand eines ihm völlig

Gleichstehenden, etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes, wie er

selbst einer ist.

„Nun, gehen Sie,“ sagte er, „womit ich helfen kann ... Schreiben Sie das

nochmals ab, aber machen Sie keine Fehler. Und dies hier, das kann man

zerreißen ...“

Jetzt, mein Kind, hören Sie an, was ich beschlossen habe: Sie und Fedora

bitte ich, und wenn ich Kinder hätte, würde ich ihnen befehlen, daß sie

zu Gott beten sollten, und zwar so: daß sie für den eigenen leiblichen

Vater nicht beten, für Seine Exzellenz aber tagtäglich und bis an ihr

Lebensende beten sollten! Und ich will Ihnen noch etwas sagen, und das

sage ich feierlichst – also passen Sie auf, mein Kind: ich schwöre es,

daß ich – so groß auch meine Not war und wie sehr ich auch unter unserem

Geldmangel gelitten habe, zumal, wenn ich an Ihre Not und Ihr Ungemach

dachte und desgleichen an meine Erniedrigung und Unfähigkeit – also

ungeachtet alles dessen schwöre ich Ihnen, daß diese hundert Rubel mir

nicht soviel wert sind, wie diese eine Tatsache, daß Seine Exzellenz

selbst und leibhaftig mir, dem Trunkenbold, dem Geringsten unter den

Geringen, die Hand, diese meine unwürdige Hand zu drücken geruhten!

Damit haben sie mich mir selbst zurückgegeben. Damit haben sie meinen

Geist von den Toten auferweckt, mir das Leben für ewig versüßt, und ich

bin fest überzeugt, daß – so sündig ich auch vor dem Allerhöchsten sein

mag – mein Gebet für das Glück und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch bis

zum Throne Gottes dringen und von ihm erhört werden wird! –

Mein Liebes, mein Kind! Ich bin jetzt in einer Gemütserregung, wie ich

sie noch nie erlebt habe. Mein Herz klopft zum Zerspringen und ich fühle

mich so erschöpft, als wäre mir alle Kraft abhanden gekommen.

Ich sende Ihnen hiermit 45 Rubel. 20 Rubel gebe ich der Wirtin und den

Rest von 35 behalte ich für mich: davon will ich mir für 20

Kleidungsstücke anschaffen, und 15 bleiben dann zum Leben. Nur haben

mich alle diese Eindrücke heute morgen so erschüttert, daß ich mich ganz

schwach fühle. Ich werde mich etwas hinlegen. Ich bin jetzt übrigens

ganz ruhig, vollständig ruhig. Es ist nur noch so wie ein Druck auf dem

Herzen und irgendwo dort in der Tiefe spüre ich, wie meine Seele bebt

und zittert.

Ich werde zu Ihnen kommen. Noch bin ich wie betäubt von all diesen

Empfindungen ... Gott sieht alles, mein Kind, alles!

Ihr würdiger Freund

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 63 / 102 题