Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind!
Ich schreibe Ihnen, ganz außer mir, wie ich bin. Durch diesen Vorfall
bin ich so aufgeregt, bis zur Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem
Kopf dreht sich noch alles im Kreise. Ich fühle es förmlich, wie sich
ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe, wie soll ich Ihnen
das nun erzählen! Das haben wir uns ja nicht mal träumen lassen! Oder
doch – ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt! Mein
Herz hat das schon vorher gewußt, hat gefühlt, wie es kam ... Und
wirklich, ich habe neulich etwas Ähnliches im Traume gesehen!
Nun hören Sie, was geschehen ist! – Ich werde Ihnen alles erzählen, ohne
diesmal auf den Stil Sorgfalt zu verwenden, ganz einfach, wie Gott es
mir eingibt.
Ich ging heute, wie gewöhnlich, frühmorgens in den Dienst. Komme hin,
setze mich, schreibe weiter. Sie müssen nämlich wissen, mein Kind, daß
ich gestern gleichfalls geschrieben habe. Nämlich gestern, da kam
Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: „Hier ist ein wichtiges Dokument,
das schnell abgeschrieben werden muß. Also machen Sie sich sogleich
daran – sauber und sorgfältig ... Exzellenz müssen es heute noch
unterschreiben.“ Ich muß vorausschicken, mein Engelchen, daß ich gestern
gar nicht so war, wie man eigentlich sein muß – will sagen, daß ich
eigentlich überhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram bedrückten
mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele dunkel. Meine Gedanken aber
waren alle bei Ihnen, mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn
daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft, nur – ich weiß
wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer erklären soll, ob mich der
leibhaftige Gottseibeiuns selber dazu verleitete oder ob da sonst welche
geheimen Kräfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach so und nicht
anders kommen mußte: – nur ließ ich beim Abschreiben eine ganze Zeile
aus! So daß denn Gott weiß was für ein Sinn herauskam, wahrscheinlich
überhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern zu spät fertig und
erst heute Seiner Exzellenz zur Unterschrift vorgelegt.
Nun und heute morgen – ich komme wie gewöhnlich hin, und nehme meinen
Platz neben Jemeljan Iwanowitsch ein. Ich muß Ihnen bemerken, meine
Liebe, daß ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schämte und noch
mehr zu verstecken suchte, als früher. Ja, in der letzten Zeit hatte ich
überhaupt niemanden mehr anzusehen gewagt. Kaum höre ich irgendwo einen
Stuhl rücken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun, und heute war
alles ebenso: ich duckte mich und saß ganz still, wie ein Igel, so daß
Jefim Akimowitsch (der spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes
Erdboden gegeben hat) plötzlich laut zu mir sagte, so daß alle es
hörten:
„Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn da wie solch ein U–u–u?“ –
und dabei schnitt er eine Grimasse, daß alle, die dort ringsum saßen,
sich die Seiten hielten vor Lachen, und natürlich über mich allein
lachten, nicht über ihn. Nun, und da ging es denn los! – Ich klappte
meine Ohren zu und kniff auch die Augen zu und rührte mich nicht. So tue
ich immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher wieder in Ruhe.
Plötzlich höre ich erregte Stimmen, hastige Schritte, ein Laufen, Rufen.
Ich höre – täuschen mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen
Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich weiß selbst nicht,
wie es kam, daß mir der Schreck so in die Glieder fuhr, wie noch nie
zuvor in meinem Leben. Ich saß wie angewachsen auf meinem Stuhl, – ich
rührte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht mehr ich. Aber da rief
man schon wieder, immer näher kam es, schon in nächster Nähe:
„Djewuschkin! Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin!“ – Ich schlage die Augen
auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch – und ich höre noch, wie er
sagt:
„Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! Sie haben mit Ihrer
Abschrift ein schönes Unheil angerichtet!“ Das war alles, was er sagte,
aber es war auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es war schon
genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich empfand überhaupt nichts
mehr, ich ging – das heißt, meine Füße gingen, ich selbst war weder tot
noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer geführt, durch noch eines und
noch ein drittes – ins Kabinett – jedenfalls sah ich dann, daß ich dort
stand. Rechenschaft darüber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen
nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz und um sie
herum alle die anderen. Ich glaube, ich habe nicht einmal eine
Verbeugung gemacht: ich vergaß sie! Ich war ja so bestürzt, daß meine
Lippen und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund dazu vorhanden,
mein Kind! Erstens schämte ich mich, und dann, als ich noch zufällig
nach rechts in einen Spiegel sah, hätte ich wohl alle Ursache gehabt, in
die Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch immer so zu
verhalten gesucht, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden, so daß es
kaum anzunehmen war, daß Seine Exzellenz überhaupt etwas von mir wußten.
Vielleicht hatten Exzellenz einmal flüchtig gehört, daß dort im vierten
Zimmer ein Beamter Djewuschkin sitzt, aber in nähere Beziehungen waren
Exzellenz nie zu ihm getreten.
Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht:
„Was haben Sie hier für einen Unsinn geschrieben, Herr! Wo haben Sie
Ihre Augen gehabt! Ein so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt
werden muß! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses zusammen! Was haben
Sie sich dabei eigentlich gedacht, –“ und zugleich wandten sich seine
Exzellenz an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hörte nur einzelne Worte wie aus
dem Jenseits: „Unachtsamkeit! Nachlässigkeit! ... nur Unannehmlichkeiten
zu bereiten ...“
Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich wollte mich
entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten, ich konnte aber nicht.
Fortlaufen – daran war nicht zu denken, nun aber ... nun geschah
plötzlich noch etwas – geschah so etwas, mein Kind, daß ich auch jetzt
noch kaum die Feder halten kann vor Scham! – Mein Knopf nämlich – nun,
hol’ ihn der Teufel! – mein Knopf, der nur noch an einem Fädchen
gebaumelt hatte, fiel plötzlich ab (ich muß ihn irgendwie berührt
haben), fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte – und rollte
ausgerechnet zu den Füßen Seiner Exzellenz, fiel und rollte mitten in
dieser Grabesstille, die herrschte! Das war also meine ganze
Rechtfertigung, meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner
Exzellenz zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach! Seine Exzellenz
wurde sogleich auf mein Aussehen und meine Kleider aufmerksam. Ich
dachte daran, was ich im Spiegel erblickt hatte – das sagt wohl alles –
und plötzlich lief ich meinem Knopf nach und bückte mich, um den
Ausreißer wieder einzufangen! Ich hatte eben ganz und gar den Verstand
verloren! Ich hockte und haschte nach dem Knopf, der aber rollte und
rollte wie ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher und
kriege und kriege ihn nicht – so daß ich mich also auch noch in bezug
auf meine Gewandtheit recht auszeichnete! Da fühlte ich denn, wie mich
die letzten Kräfte verließen und alles, alles verloren war! Das ganze
Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet! Obendrein begann es auch
noch in meinen beiden Ohren zu summen und dazwischen war es mir, als
hörte ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni schimpfen, wie
ich sie immer in der Küche schimpfen höre. Endlich hatte ich den Knopf,
erhob mich, richtete mich auf – doch anstatt nun die Dummheit
einigermaßen gutzumachen und stramm zu stehen, Hände an der Hosennaht –
statt dessen drücke ich den Knopf immer wieder an die Stelle, wo er
früher angenäht war und wo jetzt nur noch ein paar Fädchen hingen, ganz
als müsse das den Knopf dort ankleben, dazu aber lächelte ich noch, ja,
bei Gott, ich lächelte noch!
Exzellenz wandten sich zunächst ab, dann sahen sie mich wieder an – ich
hörte sie nur noch zu Jewstafij Iwanowitsch sagen:
„Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht! ... In welchem
Zustande! ... Was ist das mit ihm?“
Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen! Hatte mich ausgezeichnet,
wie man’s besser nicht machen kann! Ich höre, Jewstafij Iwanowitsch
antwortet ihm:
„... nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz, hat sich bisher
musterhaft aufgeführt ... gut angeschrieben ... etatsmäßiges Gehalt ...“
„Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie,“ sagte Seine Exzellenz, „geben Sie
ihm Vorschuß ...“
„Ja, leider hat er schon soviel Vorschuß genommen, schon für
soundsoviele Monate. Offenbar sind seine Verhältnisse im Augenblick
derart ... seine Aufführung ist sonst, wie gesagt, musterhaft, tadellos
...“
Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem höllischen Feuer umgeben,
das mich bei lebendigem Leibe versengte und verbrannte! Ich – ich gab
einfach meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot.
„Nun,“ sagte plötzlich Seine Exzellenz laut, „das muß also nochmals
abgeschrieben werden. Djewuschkin, kommen Sie mal her: also schreiben
Sie mir das nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren ...“ hier
wandten sich Seine Exzellenz an die übrigen und erteilten verschiedene
Aufträge, so daß sie alle einer nach dem anderen fortgingen. Kaum aber
war der letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche
hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein. –
„Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie – lassen Sie’s gut sein ...“ und
damit drückten sie mir den Schein in die Hand.
Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine ganze Seele erbebte: ich
weiß nicht mehr, wie mir geschah! Ich wollte seine Hand ergreifen, um
sie zu küssen, er aber errötete, mein Täubchen, und – ich weiche hier
nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein Kind – und er nahm diese
meine unwürdige Hand und schüttelte sie, nahm sie ganz einfach und
schüttelte sie, ganz als wäre das die Hand eines ihm völlig
Gleichstehenden, etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes, wie er
selbst einer ist.
„Nun, gehen Sie,“ sagte er, „womit ich helfen kann ... Schreiben Sie das
nochmals ab, aber machen Sie keine Fehler. Und dies hier, das kann man
zerreißen ...“
Jetzt, mein Kind, hören Sie an, was ich beschlossen habe: Sie und Fedora
bitte ich, und wenn ich Kinder hätte, würde ich ihnen befehlen, daß sie
zu Gott beten sollten, und zwar so: daß sie für den eigenen leiblichen
Vater nicht beten, für Seine Exzellenz aber tagtäglich und bis an ihr
Lebensende beten sollten! Und ich will Ihnen noch etwas sagen, und das
sage ich feierlichst – also passen Sie auf, mein Kind: ich schwöre es,
daß ich – so groß auch meine Not war und wie sehr ich auch unter unserem
Geldmangel gelitten habe, zumal, wenn ich an Ihre Not und Ihr Ungemach
dachte und desgleichen an meine Erniedrigung und Unfähigkeit – also
ungeachtet alles dessen schwöre ich Ihnen, daß diese hundert Rubel mir
nicht soviel wert sind, wie diese eine Tatsache, daß Seine Exzellenz
selbst und leibhaftig mir, dem Trunkenbold, dem Geringsten unter den
Geringen, die Hand, diese meine unwürdige Hand zu drücken geruhten!
Damit haben sie mich mir selbst zurückgegeben. Damit haben sie meinen
Geist von den Toten auferweckt, mir das Leben für ewig versüßt, und ich
bin fest überzeugt, daß – so sündig ich auch vor dem Allerhöchsten sein
mag – mein Gebet für das Glück und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch bis
zum Throne Gottes dringen und von ihm erhört werden wird! –
Mein Liebes, mein Kind! Ich bin jetzt in einer Gemütserregung, wie ich
sie noch nie erlebt habe. Mein Herz klopft zum Zerspringen und ich fühle
mich so erschöpft, als wäre mir alle Kraft abhanden gekommen.
Ich sende Ihnen hiermit 45 Rubel. 20 Rubel gebe ich der Wirtin und den
Rest von 35 behalte ich für mich: davon will ich mir für 20
Kleidungsstücke anschaffen, und 15 bleiben dann zum Leben. Nur haben
mich alle diese Eindrücke heute morgen so erschüttert, daß ich mich ganz
schwach fühle. Ich werde mich etwas hinlegen. Ich bin jetzt übrigens
ganz ruhig, vollständig ruhig. Es ist nur noch so wie ein Druck auf dem
Herzen und irgendwo dort in der Tiefe spüre ich, wie meine Seele bebt
und zittert.
Ich werde zu Ihnen kommen. Noch bin ich wie betäubt von all diesen
Empfindungen ... Gott sieht alles, mein Kind, alles!
Ihr würdiger Freund
Makar Djewuschkin.