Mein Täubchen Warinka!
Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrücke empfangen. Mein Kopf tat
mir den ganzen Tag über weh. Um die Kopfschmerzen zu vertreiben, ging
ich schließlich hinaus: ich wollte längs der Fontanka wenigstens etwas
frische Luft schöpfen. Der Abend war düster und feucht. Jetzt dunkelt es
doch schon um sechs! Es regnete nicht, aber es war neblig, was noch
unangenehmer zu sein pflegt, als ein richtiger Regen. Am Himmel zogen
die Wolken in langen, breiten Streifen dahin. Viel Volk ging auf dem
Kai. Es waren lauter schreckliche Gesichter, die ich sah, Gesichter, wie
sie einen geradezu schwermütig machen können, betrunkene Kerle,
stumpfnäsige finnländische Weiber in Männerstiefeln und mit strähnigem
Haar, Handwerker und Kutscher, Herumtreiber jeden Alters, Bengel:
irgendein Schlosserlehrling in einem gestreiften Arbeitskittel, so ein
ausgemergelter, blutarmer Junge mit schwarzem, rußglänzendem Gesicht,
ein Schloß in der Hand, oder irgendein ausgedienter Soldat von
Riesengröße, der Federmesserchen und billige unechte Ringe feilbietet –
das war das Publikum. Es muß wohl gerade die Stunde gewesen sein, in der
sich ein anderes dort gar nicht zeigt!
Die Fontanka ist ein breiter und tiefer Kanal, sogar Schiffe können ihn
passieren. Frachtkähne lagen da, in einer solchen Menge, daß man gar
nicht begriff, wie ihrer nur so viele Platz hatten – denn die Fontanka
ist doch immerhin nur ein Kanal und kein Fluß. Auf den Brücken saßen
Hökerweiber mit nassen Pfefferkuchen und verfaulten Äpfeln, so
schmutzige, garstige Weiber! Es ist nichts, an der Fontanka spazieren zu
gehen! Der feuchte Granit, die hohen, dunklen Häuser: unten die Füße im
Nebel, über dem Kopf gleichfalls Nebel ... So ein trauriger, so ein
dunkler, lichtloser Abend war es heute.
Als ich in die nächste Straße, in die Gorochowaja, einbog, war es schon
ganz dunkel geworden. Man zündete gerade das Gas an. Ich war lange nicht
mehr auf der Gorochowaja gewesen – es hatte sich nicht so gemacht. Eine
belebte, großartige Straße! Was für Läden, was für Schaufenster! – alles
glänzt nur so und leuchtet ... Stoffe und Seidenzeuge und Blumen unter
Glas ... und was für Hüte mit Bändern und Schleifen! Man denkt, das sei
alles nur so zur Verschönerung der Straße ausgestellt, aber nein: es
gibt doch Menschen, die diese Sachen kaufen und ihren Frauen schenken!
Ja, eine reiche Straße! Viele deutsche Bäcker haben dort ihre Läden –
das müssen auch wohlhabende Leute sein. Und wieviel Equipagen fahren
alle Augenblicke vorüber – wie das Pflaster das nur aushält! Und alles
so feine Kutschen, die Fenster wie Spiegel, inwendig alles nur Samt und
Seide, und die Kutscher und Diener so stolz, mit Tressen und Schnüren
und Degen an der Seite! Ich blickte in alle Wagen hinein und sah dort
immer Damen sitzen, alle so geputzt und großartig. Vielleicht waren es
lauter Fürstinnen und Gräfinnen? Es war wohl gerade die Zeit, in der sie
auf Bälle fahren, zu Diners oder Soupers. Es muß doch sehr eigen sein,
eine Fürstin oder überhaupt eine vornehme Dame einmal in der Nähe zu
sehen. Ja, das muß sehr schön sein. Ich habe noch niemals eine in der
Nähe gesehen: höchstens so in einer Kutsche und im Vorüberfahren. Da
mußte ich denn heute immer an Sie denken. – Ach, mein Täubchen, meine
Gute! Während ich jetzt wieder an Sie denke, da will mir mein Herz
brechen! Warum müssen Sie denn so unglücklich sein, Warinka? Mein
Engelchen! Sind Sie denn schlechter, als jene? Sie sind gut, sind schön,
sind gebildet, weshalb ist Ihnen da ein solches Los beschieden? Warum
ist es so eingerichtet, daß ein guter Mensch in Armut und Elend leben
muß, während einem anderen sich das Glück von selbst aufdrängt? Ich
weiß, ich weiß, mein Kind, es ist nicht gut, so zu denken: das ist
Freidenkerei! Aber offen und aufrichtig, wenn man so über die
Gerechtigkeit der Dinge nachdenkt – weshalb, ja, weshalb wird nur dem
einen Menschen schon im Mutterschoß das Glück fürs ganze Leben bereitet,
während der andere aus dem Findelhaus in die Welt Gottes hinaustritt?
Und es ist doch wirklich so, daß das Glück öfter einem Närrchen
Iwanuschka zufällt.
„Du Närrchen Iwanuschka, wühle nach Herzenslust in den Goldsäcken deiner
Väter, iß, trink, freue dich! Du aber, der und der, leck dir bloß die
Lippen, mehr hast du nicht verdient, da siehst du, was du für einer
bist!“
Es ist sündhaft, mein Kind, ich weiß, es ist sündhaft, so zu denken,
aber wenn man nachdenkt, dann drängt sich einem nun einmal ganz
unwillkürlich die Sünde in die Gedanken. Ja, dann könnten auch wir in so
einer Kutsche fahren, mein Engelchen, mein Sternchen! Hohe Generäle und
Staatsbeamte würden nach einem Blick des Wohlwollens von Ihnen haschen –
und nicht unsereiner. Sie würden dann nicht in einem alten
Kattunkleidchen umhergehen, sondern in Seide und mit funkelnden
Edelsteinen geschmückt. Sie würden auch nicht so mager und kränklich
sein, wie jetzt, sondern wie ein Zuckerpüppchen, frisch und rosig und
gesund aussehen. Ich aber würde schon glücklich sein, wenn ich
wenigstens von der Straße zu Ihren hellerleuchteten Fenstern
hinaufschauen und vielleicht einmal Ihren Schatten erblicken könnte.
Allein schon der Gedanke, daß Sie dort glücklich und fröhlich sind, mein
Vögelchen, Sie, mein reizendes Vögelchen, würde mich gleichfalls
fröhlich und glücklich machen. Aber jetzt! ... Nicht genug, daß böse
Menschen Sie ins Unglück gebracht haben, nun muß auch noch ein Wüstling
Sie beleidigen! Doch bloß weil sein Rock elegant ist und er Sie durch
eine goldgefaßte Lorgnette betrachten kann, der Schamlose, bloß deshalb
ist ihm alles erlaubt, bloß deshalb muß man seine schamlosen Reden noch
untertänig anhören! Ist denn darin aber Gerechtigkeit? Und weshalb darf
man das? Weil Sie eine Waise sind, Warinka, weil Sie schutzlos sind,
weil Sie keinen starken Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen
Schutz und Schirm gewähren könnte!
Doch was ist das für ein Mensch, was sind das für Menschen, denen es
nichts ausmacht, eine schutzlose Waise zu beleidigen? – Das sind eben
nicht Menschen, das ist Gesindel, einfach Gesindel, ein irgendetwas, das
bloß als Summe zählt, als Begriff, ein trübes Etwas, das es in
Wirklichkeit und als Einzelwesen überhaupt nicht gibt – davon bin ich
überzeugt. Sehen Sie, _das_ sind sie, diese Leute! Und meiner Ansicht
nach, meine Liebe, verdient jener Leiermann, dem ich heute auf der
Gorochowaja begegnet bin, viel eher die Achtung der Menschen, als diese.
Er schleppt sich zwar nur kläglich umher und sammelt die wenigen
Kopeken, um seinen Unterhalt zu bestreiten, dafür aber ist er sein
eigener Herr und ernährt sich selbst. Er will nicht umsonst um Almosen
bitten, er dreht zur Freude der Menschen seine Orgel, dreht und dreht
wie eine aufgezogene Maschine – also mit anderen Worten: womit er eben
kann, damit bringt er Nutzen, auch er! Er ist arm, ist bettelarm, das
ist wahr, und er bleibt arm, dafür ist er ein ehrenwerter Armer: er ist
müde und hinfällig, und es ist kalt draußen, aber er müht sich doch, und
wenn seine Mühe auch nicht von der Art ist, wie die der anderen, er müht
sich trotzdem. Und von der Art gibt es viele ehrliche Menschen, mein
Kind, solche, die im Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistung nur wenig
verdienen, doch dafür sich vor niemandem zu beugen brauchen, die keinen
untertänig grüßen müssen und niemand um Gnadenbrot bitten. Und so einer,
wie dieser Leiermann, bin auch ich, das heißt, ich bin natürlich etwas
ganz anderes. Aber im übertragenen Sinne, und zwar in einem ehrenwerten
Sinne, bin ich ganz so wie er, denn auch ich leiste das, was in meinen
Kräften steht. Viel ist es ja nicht, aber doch immer mehr als gar
nichts.
Ich bin nur deshalb auf diesen Leiermann zu sprechen gekommen, mein
Kind, weil ich durch die Begegnung mit ihm heute meine Armut doppelt
empfand. Ich war nämlich stehen geblieben, um dem Leiermann zuzusehen.
Es waren mir gerade so besondere Gedanken durch den Kopf gegangen – da
blieb ich denn stehen und sah ihm zu, um mich von diesen Gedanken
abzulenken. Und so stand ich denn da, auch einige Kutscher standen da,
auch ein erwachsenes Mädchen blieb stehen, und noch ein anderes, ein
ganz kleines Mädchen, das schrecklich schmutzig war. Der Leiermann hatte
sich dort vor jemandes Fenster aufgestellt. Da bemerkte ich einen
kleinen Knaben, so von etwa zehn Jahren: es wäre ein netter Junge
gewesen, wenn er nicht so kränklich, so mager und verhungert ausgesehen
hätte. Er hatte nur so etwas wie ein Hemdchen an, und ein dünnes
Höschen. So stand er, barfuß wie er war, und hörte mit offenem Mäulchen
der Musik zu – Kinder sind eben Kinder! – Augenscheinlich vergaß er sich
ganz in kindlichem Entzücken über die Puppen, die auf dem Leierkasten
tanzten, seine Händchen und Füßchen aber waren schon blau vor Kälte und
dabei zitterte er am ganzen Körper und kaute an einem Ärmelzipfelchen,
das er zwischen den Zähnen hielt – in der anderen Hand hatte er ein
Papier. Ein Herr ging vorüber und warf dem Leiermann eine kleine Münze
zu, die gerade auf das Brett fiel, auf dem die Puppen tanzten. Kaum
hörte mein Jungchen die Münze klappern, da fuhr er plötzlich aus seiner
Versonnenheit auf, sah sich schüchtern um und glaubte wohl, daß ich das
Geld geworfen habe. Und er kam zu mir gelaufen, das ganze Kerlchen
zitterte, das Stimmchen zitterte, und er streckte mir das Papier
entgegen und sagte: „Bitte, Herr!“
Ich nahm das Papier, entfaltete es und las – nun, man kennt das ja
schon: Wohltäter ... und so weiter, drei Kinder hungern, die Mutter
liegt im Sterben, habt Erbarmen mit uns! „Wenn ich vor dem Throne Gottes
stehen werde, will ich in meiner Fürbitte diejenigen nicht vergessen,
die hienieden meinen armen Kindern geholfen haben.“
Was soll man da viel reden, die Sache ist doch klar und oft genug
erlebt. Was aber – ja, was sollte ich ihm wohl geben? Nun, so gab ich
ihm denn nichts. Dabei tat er mir so leid! So ein armer kleiner Knabe,
ganz blau war er vor Kälte, und so hungrig sah er aus, und er log doch
nicht, bei Gott, er log nicht! – ich weiß, wie das ist! Schlecht ist
nur, daß diese Mütter ihre Kinder nicht schonen und sie halbnackt und
bei dieser Kälte hinausschicken. Dessen Mutter ist vielleicht so ein
dummes Weib, das nicht weiß, was zu tun seine Pflicht wäre, vielleicht
kümmert sich niemand um sie und da sitzt sie denn müßig zu Hause und tut
nichts! Vielleicht ist sie aber auch wirklich krank? Nun ja, immerhin
könnte sie sich dann an einen Wohltätigkeitsverein wenden, oder sich bei
der Polizei melden, wie es sich gehört. Aber vielleicht ist sie einfach
eine Betrügerin, die ein hungriges, krankes Kind auf die Straße
hinausschickt, um die Leute zu beschwindeln, bis das Kindchen
schließlich an irgendeiner Krankheit stirbt? Und was lernt denn der
Knabe bei diesem Betteln? Sein Herz wird hart und grausam. Er geht vom
Morgen bis zum Abend umher und bettelt. Viele Menschen gehen an ihm
vorüber, doch niemand hat Zeit für ihn. Ihre Herzen sind hart, ihre
Worte grausam.
„Fort! Pack dich! Straßenjunge!“ – das ist alles, was er an Worten zu
hören bekommt, und das Herz des Kindes krampft sich zusammen, und
vergeblich zittert der arme, verschüchterte Knabe in der Kälte. Seine
Hände und Füße erstarren. Wie lange noch, und da – er hustet ja schon –
kriecht ihm die Krankheit wie ein schmutziger, scheußlicher Wurm in die
Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon der Tod über
ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank in irgendeinem feuchten,
schmutzigen, stinkenden Winkel, ohne Pflege, ohne Hilfe – das aber ist
dann sein ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft – ein Menschenleben!
Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein „um Christi willen“ zu hören und
vorübergehen zu müssen, ohne etwas geben zu können, und dem Hungrigen
sagen zu müssen: „Gott wird dir geben.“
Gewiß, manch ein „um Christi willen“ braucht einen nicht zu berühren.
(Es gibt ja doch verschiedene „um Christi willen“, mein Kind.) Manch
eines ist gewohnheitsmäßig bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen,
eingeleiert, gleichgültig. An einem solchen Bettler ohne Gabe
vorüberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man denkt: der ist Bettler
von Beruf, der wird es verwinden, der weiß schon, wie man es verwindet.
Aber manch ein „um Christi willen“, das von einer ungeübten, gequälten,
heiseren Stimme hervorgestoßen wird, das geht einem wie etwas
Unheimliches durch Mark und Bein, – so wie heute, gerade als ich von dem
kleinen Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer, der dort am
Zaun stand – er wandte sich nicht an jeden –: „Ein Almosen, Herr, um
Christi willen!“ – sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme, daß
ich unwillkürlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck einer
schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein Almosen: denn ich hatte
nichts. Und dabei gibt es reiche Leute, die es nicht lieben, daß die
Armen über ihr schweres Los klagen – sie seien „ein öffentliches
Ärgernis“, sagen sie, „sie seien lästig“! nichts als „lästig“: – Das
Gestöhn der Hungrigen läßt diese Satten wohl nicht schlafen?!
Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles dies zum Teil
deshalb zu schreiben angefangen, um mein Herz zu erleichtern, zum Teil
aber auch deshalb, und zwar zum größten Teil, um Ihnen eine Probe meines
guten Stils zu geben. Denn Sie werden es doch sicher schon bemerkt
haben, mein Kind, daß mein Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert
hat? Doch jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur in
einen solchen Kummer hineingeredet, daß ich ordentlich anfange, selbst
von Herzensgrund mit meinen Gedanken Mitgefühl zu empfinden, obschon ich
sehr wohl weiß, mein Kind, daß man mit diesem Mitgefühl nichts erreicht
... aber man läßt sich damit wenigstens in einer gewissen Weise
Gerechtigkeit widerfahren!
Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich selbst ganz
grundlos, hält sich nicht einmal für eine Kopeke wert, schätzt sich für
weniger als ein Holzspänchen ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen,
vielleicht nur daher, daß man selbst verschüchtert und verängstigt ist,
ganz so wie jener kleine Junge, der mich heute um ein Almosen bat.
Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen reden, in einem
Gleichnis, sozusagen. Also hören Sie mich an.
Es kommt vor, meine Liebe, daß ich, wenn ich früh am Morgen auf dem Wege
zum Dienst bin, mich ganz vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da
erwacht und mählich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu brodeln,
zu rasseln und zu lärmen beginnt: so daß man sich vor diesem Schauspiel
schließlich ganz klein und gering vorkommt, als hätte man auf seine
neugierige Nase von irgend jemand einen Nasenstüber bekommen – und da
schleppt man sich denn ganz klein und still weiter, und wagt überhaupt
nicht mehr, etwas zu denken! Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen
schwarzen, verräucherten großen Häusern vorgeht, versuchen Sie, sich das
einmal vorzustellen, und dann urteilen Sie selbst, ob es richtig war,
sich so ohne Sinn und Verstand so gering einzuschätzen und sich so
unwürdigerweise einschüchtern zu lassen. – Vergessen Sie nicht, Warinka,
daß ich bloß bildlich spreche, nur so im Gleichnis.
Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn dort in diesen Häusern
vorgeht.
Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes, den nur die Not
zu einer Menschenwohnung machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker
aufgewacht. Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze Zeit über nur von
einem Paar Stiefel geträumt, das er gestern versehentlich falsch
zugeschnitten – ganz als müsse einem Menschen gerade nur von solchen
Nichtigkeiten träumen! Nun, – er ist ja Handwerker, ist ein Schuster:
bei ihm ist es also noch erklärlich. Er hat kleine Kinder und eine
hungrige Frau. Übrigens, nicht Schuster allein stehen mitunter so auf,
meine Liebe. Das wäre ja noch nichts und es verlohnte sich auch nicht,
sich darüber zu verbreiten, doch nun sehen Sie, mein Kind, was hierbei
bemerkenswert ist. In demselben Hause, nur in einem anderen, höher
gelegenen Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach hat in
derselben Nacht einem vornehmen Herrn vielleicht von ganz denselben
Stiefeln geträumt, das heißt, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer
Art, von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin Stiefeln
... denn in dem Sinne meines Gleichnisses sind wir schließlich alle ein
wenig und irgendwie Schuster. Aber auch das hätte wohl noch nichts auf
sich, das Schlimme jedoch ist, daß es keinen Menschen neben jenem
Reichen gibt, keinen einzigen, der ihm ins Ohr flüstern könnte: „Laß das
doch, denk nicht daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein
armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau klagt nicht über
Hunger, so sieh dich doch um, ob du denn nicht etwas anderes, etwas
Edleres und Höheres für deine Sorgen findest, als deine Stiefel!“
Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein Gleichnis klar machen
wollte, Warinka. Es ist das vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er
kommt einem mitunter, und dann drängt er sich unwillkürlich in einem
heißen Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb sage ich denn auch, daß
man sich ganz grundlos so gering eingeschätzt, da einen doch nur das
Geräusch und Gerassel erschreckt hat! Ich schließe damit, daß Sie, mein
Kind, nicht denken sollen, daß es eine böswillige Verdrehung sei, was
ich Ihnen hier erzähle, oder daß ich Grillen fange, oder daß ich es aus
einem Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es nicht,
beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas zu verdrehen und
schlecht zu machen, auch Grillen fange ich nicht, und abgeschrieben habe
ich das erst recht nicht – damit Sie’s wissen!
Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte mich an meinen Tisch,
machte mir etwas heißes Wasser und schickte mich dann an, ein Gläschen
Tee zu trinken. Plötzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu mir ins
Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war mir eigentlich schon am Morgen
aufgefallen, daß er im Korridor immer an den anderen Zimmertüren
vorüberstrich und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte. Nebenbei
bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel, viel schlechter, als
meine. Gar keinen Vergleich kann man machen! Er hat doch eine Frau und
Kinder zu ernähren ... so daß ich, wenn ich Gorschkoff wäre, – ja, ich
weiß nicht, was ich an seiner Stelle tun würde! Also, mein Gorschkoff
kommt zu mir herein, grüßt – hat wie gewöhnlich ein Tränchen im Auge –,
macht so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort hervorbringen.
Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings einen zerbrochenen, denn einen
anderen habe ich nicht. Ich bot ihm ferner Tee an. Er entschuldigte
sich, entschuldigte sich sehr lange, endlich nahm er doch das Glas. Dann
wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken, er entschuldigte sich wieder
und wieder, als ich ihm versicherte, daß er im Gegenteil unbedingt
Zucker dazu nehmen müsse – lange weigerte er sich so, dankte,
entschuldigte sich von neuem – schließlich legte er das kleinste
Stückchen in sein Glas und versicherte, der Tee sei ungewöhnlich süß.
Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin die Armut den Menschen zu bringen
vermag!
„Nun, was gibt es Gutes, Väterchen?“ fragte ich ihn.
Ja, so und so, und so weiter, – „seien Sie mein Wohltäter, Makar
Alexejewitsch, stehen Sie mir bei, helfen Sie einer armen Familie! Meine
Kinder und meine Frau – wir haben nichts zu essen ... ich aber, als
Vater – was stellen Sie sich vor, was ich dabei empfinde ...“
Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach mich:
„Ich fürchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das heißt, nicht gerade,
daß ich sie fürchte, aber so, wissen Sie, man schämt sich, sie sind alle
so stolz und hochmütig. Ich würde Sie, Väterchen, gewiß nicht
belästigen,“ sagte er, „ich weiß, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten
gehabt, ich weiß auch, daß Sie mir nicht viel geben können, aber
vielleicht werden Sie mir doch wenigstens etwas – leihen? Ich wage es
nur deshalb, Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil ich
weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben, daß Sie selbst arm sind – da
wird Ihr Herz eher mitfühlen.“ Und zum Schluß bat er mich noch
ausdrücklich, ihm seine „Dreistigkeit und Unverschämtheit“ zu verzeihen.
Ich antwortete ihm, daß ich ihm von Herzen gern helfen würde, daß ich
aber selbst nichts hätte, oder doch so gut wie nichts.
„Väterchen, Makar Alexejewitsch,“ sagte er, „ich will Sie ja nicht um
viel bitten,“ – dabei errötete er bis über die Stirn – „aber meine Frau
... meine Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar
Alexejewitsch!“
Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete, als ich seine Bitte um
„nur zehn Kopeken“ hörte. Da war ich doch noch reich im Vergleich zu
ihm! In Wirklichkeit besaß ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit denen
ich für die nächsten Tage rechnete, um mich noch irgendwie bis zum
Zahltage durchzuschlagen. Und so sagte ich ihm denn auch, ich könne
wirklich nicht ... und ich erklärte ihm die Sache.
„Nur ... nur zehn Kopeken, Väterchen, wir hungern doch, Makar
Alexejewitsch ...“
Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kästchen und gab ihm meine letzten
zwanzig Kopeken, mein Kind, – es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die
Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen Unterhaltung zwischen
uns, und da fragte ich ihn denn so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in
solche Armut geraten und wie es komme, daß er dabei doch noch in einem
Zimmer wohne, für das er im Monat ganze fünf Silberrubel zahlen müsse.
Darauf erklärte er mir denn die Sachlage. Er habe das Zimmer vor einem
halben Jahr gemietet und die Miete für drei Monate im voraus bezahlt.
Dann aber hätten sich seine Verhältnisse so verschlimmert, daß er die
weitere Miete schuldig bleiben mußte und auch nicht die Mittel zu einem
Umzuge hatte. Inzwischen erwartete er vergeblich das Ende seines
Rechtsstreites. Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka. Er ist
nämlich, müssen Sie wissen, in einer gewissen Angelegenheit mit
angeklagt, und zwar handelt es sich da um die Schurkereien eines
gewissen Kaufmanns, der bei Lieferungen an die Krone irgendwie betrogen
hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der Kaufmann in Haft genommen,
worauf dieser letztere nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese
Angelegenheit hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur einer gewissen
Fahrlässigkeit beschuldigen und ihm höchstens den Vorwurf machen, daß er
nicht umsichtig genug gewesen sei und den Vorteil der Krone außer Acht
gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon ein paar Jahre so
hin: es herrscht immer noch nicht volle Klarheit in der Angelegenheit,
so daß auch Gorschkoff nicht freigesprochen werden kann, – „der
Ehrlosigkeit aber, die man mir vorwirft,“ sagt Gorschkoff, „des Betruges
und der Hehlerei bin ich nicht schuldig, nicht im geringsten!“ Das
ändert jedoch nichts daran, daß er wegen dieser Sache aus dem Dienst
entlassen worden ist, obschon man ihm, wie gesagt, ein eigentliches
Verschulden nicht hat nachweisen können. Auch hat er eine nicht
unbedeutende Geldsumme, die ihm gehört, und die ihm der Kaufmann nun vor
Gericht streitig macht, noch immer nicht durch den Prozeß herausbekommen
können, was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er sagte,
noch seine Rechtfertigung zusammenhängt.
Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht aber denkt anders. Es
ist, wie gesagt, eine so verzwickte Sache, daß man sie selbst in hundert
Jahren nicht entwirren könnte. Kaum hat man sie ein wenig aufgeklärt, da
bringt der Kaufmann wieder eine neue Unklarheit hinein und ändert die
Lage der Sache abermals. Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs
Mißgeschick, meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfühlen. Ein Mensch
ohne Stellung, niemand will ihn annehmen, da er nun einmal in dem Ruf
der Unzuverlässigkeit steht. Was sie erspart hatten, haben sie
aufgezehrt. Die Sache kann sich noch lange hinziehen – sie aber müssen
doch leben. Und da kam dann noch plötzlich zu so ungelegener Zeit ein
Kindchen zur Welt – das verursachte natürlich erst recht Ausgaben. Dann
erkrankte der Sohn – wieder Ausgaben. Und der Sohn starb – und das hat
neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau ist krank und auch er leidet an
irgendeiner schleichenden Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist
schwer, sehr schwer! Übrigens, sagte er, die Sache werde sich in einigen
Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher günstig für ihn, daran könne
man jetzt nicht mehr zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr leid, mein
Kind! Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er ist ja doch
ein ganz eingeschüchterter, ängstlich gewordener Mensch, er hat
Bedürfnis nach einem aufmunternden Wort, nach etwas Güte und Wohlwollen.
Da habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt.
Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit Ihnen, bleiben Sie
gesund. Mein Täubchen Sie! Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege
sich Balsam auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch um Sie sorge,
so sind mir doch auch diese Sorgen eine Lust.
Ihr aufrichtiger Freund
Makar Djewuschkin.