5. September.

Mein Täubchen Warinka!

Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrücke empfangen. Mein Kopf tat

mir den ganzen Tag über weh. Um die Kopfschmerzen zu vertreiben, ging

ich schließlich hinaus: ich wollte längs der Fontanka wenigstens etwas

frische Luft schöpfen. Der Abend war düster und feucht. Jetzt dunkelt es

doch schon um sechs! Es regnete nicht, aber es war neblig, was noch

unangenehmer zu sein pflegt, als ein richtiger Regen. Am Himmel zogen

die Wolken in langen, breiten Streifen dahin. Viel Volk ging auf dem

Kai. Es waren lauter schreckliche Gesichter, die ich sah, Gesichter, wie

sie einen geradezu schwermütig machen können, betrunkene Kerle,

stumpfnäsige finnländische Weiber in Männerstiefeln und mit strähnigem

Haar, Handwerker und Kutscher, Herumtreiber jeden Alters, Bengel:

irgendein Schlosserlehrling in einem gestreiften Arbeitskittel, so ein

ausgemergelter, blutarmer Junge mit schwarzem, rußglänzendem Gesicht,

ein Schloß in der Hand, oder irgendein ausgedienter Soldat von

Riesengröße, der Federmesserchen und billige unechte Ringe feilbietet –

das war das Publikum. Es muß wohl gerade die Stunde gewesen sein, in der

sich ein anderes dort gar nicht zeigt!

Die Fontanka ist ein breiter und tiefer Kanal, sogar Schiffe können ihn

passieren. Frachtkähne lagen da, in einer solchen Menge, daß man gar

nicht begriff, wie ihrer nur so viele Platz hatten – denn die Fontanka

ist doch immerhin nur ein Kanal und kein Fluß. Auf den Brücken saßen

Hökerweiber mit nassen Pfefferkuchen und verfaulten Äpfeln, so

schmutzige, garstige Weiber! Es ist nichts, an der Fontanka spazieren zu

gehen! Der feuchte Granit, die hohen, dunklen Häuser: unten die Füße im

Nebel, über dem Kopf gleichfalls Nebel ... So ein trauriger, so ein

dunkler, lichtloser Abend war es heute.

Als ich in die nächste Straße, in die Gorochowaja, einbog, war es schon

ganz dunkel geworden. Man zündete gerade das Gas an. Ich war lange nicht

mehr auf der Gorochowaja gewesen – es hatte sich nicht so gemacht. Eine

belebte, großartige Straße! Was für Läden, was für Schaufenster! – alles

glänzt nur so und leuchtet ... Stoffe und Seidenzeuge und Blumen unter

Glas ... und was für Hüte mit Bändern und Schleifen! Man denkt, das sei

alles nur so zur Verschönerung der Straße ausgestellt, aber nein: es

gibt doch Menschen, die diese Sachen kaufen und ihren Frauen schenken!

Ja, eine reiche Straße! Viele deutsche Bäcker haben dort ihre Läden –

das müssen auch wohlhabende Leute sein. Und wieviel Equipagen fahren

alle Augenblicke vorüber – wie das Pflaster das nur aushält! Und alles

so feine Kutschen, die Fenster wie Spiegel, inwendig alles nur Samt und

Seide, und die Kutscher und Diener so stolz, mit Tressen und Schnüren

und Degen an der Seite! Ich blickte in alle Wagen hinein und sah dort

immer Damen sitzen, alle so geputzt und großartig. Vielleicht waren es

lauter Fürstinnen und Gräfinnen? Es war wohl gerade die Zeit, in der sie

auf Bälle fahren, zu Diners oder Soupers. Es muß doch sehr eigen sein,

eine Fürstin oder überhaupt eine vornehme Dame einmal in der Nähe zu

sehen. Ja, das muß sehr schön sein. Ich habe noch niemals eine in der

Nähe gesehen: höchstens so in einer Kutsche und im Vorüberfahren. Da

mußte ich denn heute immer an Sie denken. – Ach, mein Täubchen, meine

Gute! Während ich jetzt wieder an Sie denke, da will mir mein Herz

brechen! Warum müssen Sie denn so unglücklich sein, Warinka? Mein

Engelchen! Sind Sie denn schlechter, als jene? Sie sind gut, sind schön,

sind gebildet, weshalb ist Ihnen da ein solches Los beschieden? Warum

ist es so eingerichtet, daß ein guter Mensch in Armut und Elend leben

muß, während einem anderen sich das Glück von selbst aufdrängt? Ich

weiß, ich weiß, mein Kind, es ist nicht gut, so zu denken: das ist

Freidenkerei! Aber offen und aufrichtig, wenn man so über die

Gerechtigkeit der Dinge nachdenkt – weshalb, ja, weshalb wird nur dem

einen Menschen schon im Mutterschoß das Glück fürs ganze Leben bereitet,

während der andere aus dem Findelhaus in die Welt Gottes hinaustritt?

Und es ist doch wirklich so, daß das Glück öfter einem Närrchen

Iwanuschka zufällt.

„Du Närrchen Iwanuschka, wühle nach Herzenslust in den Goldsäcken deiner

Väter, iß, trink, freue dich! Du aber, der und der, leck dir bloß die

Lippen, mehr hast du nicht verdient, da siehst du, was du für einer

bist!“

Es ist sündhaft, mein Kind, ich weiß, es ist sündhaft, so zu denken,

aber wenn man nachdenkt, dann drängt sich einem nun einmal ganz

unwillkürlich die Sünde in die Gedanken. Ja, dann könnten auch wir in so

einer Kutsche fahren, mein Engelchen, mein Sternchen! Hohe Generäle und

Staatsbeamte würden nach einem Blick des Wohlwollens von Ihnen haschen –

und nicht unsereiner. Sie würden dann nicht in einem alten

Kattunkleidchen umhergehen, sondern in Seide und mit funkelnden

Edelsteinen geschmückt. Sie würden auch nicht so mager und kränklich

sein, wie jetzt, sondern wie ein Zuckerpüppchen, frisch und rosig und

gesund aussehen. Ich aber würde schon glücklich sein, wenn ich

wenigstens von der Straße zu Ihren hellerleuchteten Fenstern

hinaufschauen und vielleicht einmal Ihren Schatten erblicken könnte.

Allein schon der Gedanke, daß Sie dort glücklich und fröhlich sind, mein

Vögelchen, Sie, mein reizendes Vögelchen, würde mich gleichfalls

fröhlich und glücklich machen. Aber jetzt! ... Nicht genug, daß böse

Menschen Sie ins Unglück gebracht haben, nun muß auch noch ein Wüstling

Sie beleidigen! Doch bloß weil sein Rock elegant ist und er Sie durch

eine goldgefaßte Lorgnette betrachten kann, der Schamlose, bloß deshalb

ist ihm alles erlaubt, bloß deshalb muß man seine schamlosen Reden noch

untertänig anhören! Ist denn darin aber Gerechtigkeit? Und weshalb darf

man das? Weil Sie eine Waise sind, Warinka, weil Sie schutzlos sind,

weil Sie keinen starken Freund haben, der für Sie eintreten und Ihnen

Schutz und Schirm gewähren könnte!

Doch was ist das für ein Mensch, was sind das für Menschen, denen es

nichts ausmacht, eine schutzlose Waise zu beleidigen? – Das sind eben

nicht Menschen, das ist Gesindel, einfach Gesindel, ein irgendetwas, das

bloß als Summe zählt, als Begriff, ein trübes Etwas, das es in

Wirklichkeit und als Einzelwesen überhaupt nicht gibt – davon bin ich

überzeugt. Sehen Sie, _das_ sind sie, diese Leute! Und meiner Ansicht

nach, meine Liebe, verdient jener Leiermann, dem ich heute auf der

Gorochowaja begegnet bin, viel eher die Achtung der Menschen, als diese.

Er schleppt sich zwar nur kläglich umher und sammelt die wenigen

Kopeken, um seinen Unterhalt zu bestreiten, dafür aber ist er sein

eigener Herr und ernährt sich selbst. Er will nicht umsonst um Almosen

bitten, er dreht zur Freude der Menschen seine Orgel, dreht und dreht

wie eine aufgezogene Maschine – also mit anderen Worten: womit er eben

kann, damit bringt er Nutzen, auch er! Er ist arm, ist bettelarm, das

ist wahr, und er bleibt arm, dafür ist er ein ehrenwerter Armer: er ist

müde und hinfällig, und es ist kalt draußen, aber er müht sich doch, und

wenn seine Mühe auch nicht von der Art ist, wie die der anderen, er müht

sich trotzdem. Und von der Art gibt es viele ehrliche Menschen, mein

Kind, solche, die im Verhältnis zu ihrer Arbeitsleistung nur wenig

verdienen, doch dafür sich vor niemandem zu beugen brauchen, die keinen

untertänig grüßen müssen und niemand um Gnadenbrot bitten. Und so einer,

wie dieser Leiermann, bin auch ich, das heißt, ich bin natürlich etwas

ganz anderes. Aber im übertragenen Sinne, und zwar in einem ehrenwerten

Sinne, bin ich ganz so wie er, denn auch ich leiste das, was in meinen

Kräften steht. Viel ist es ja nicht, aber doch immer mehr als gar

nichts.

Ich bin nur deshalb auf diesen Leiermann zu sprechen gekommen, mein

Kind, weil ich durch die Begegnung mit ihm heute meine Armut doppelt

empfand. Ich war nämlich stehen geblieben, um dem Leiermann zuzusehen.

Es waren mir gerade so besondere Gedanken durch den Kopf gegangen – da

blieb ich denn stehen und sah ihm zu, um mich von diesen Gedanken

abzulenken. Und so stand ich denn da, auch einige Kutscher standen da,

auch ein erwachsenes Mädchen blieb stehen, und noch ein anderes, ein

ganz kleines Mädchen, das schrecklich schmutzig war. Der Leiermann hatte

sich dort vor jemandes Fenster aufgestellt. Da bemerkte ich einen

kleinen Knaben, so von etwa zehn Jahren: es wäre ein netter Junge

gewesen, wenn er nicht so kränklich, so mager und verhungert ausgesehen

hätte. Er hatte nur so etwas wie ein Hemdchen an, und ein dünnes

Höschen. So stand er, barfuß wie er war, und hörte mit offenem Mäulchen

der Musik zu – Kinder sind eben Kinder! – Augenscheinlich vergaß er sich

ganz in kindlichem Entzücken über die Puppen, die auf dem Leierkasten

tanzten, seine Händchen und Füßchen aber waren schon blau vor Kälte und

dabei zitterte er am ganzen Körper und kaute an einem Ärmelzipfelchen,

das er zwischen den Zähnen hielt – in der anderen Hand hatte er ein

Papier. Ein Herr ging vorüber und warf dem Leiermann eine kleine Münze

zu, die gerade auf das Brett fiel, auf dem die Puppen tanzten. Kaum

hörte mein Jungchen die Münze klappern, da fuhr er plötzlich aus seiner

Versonnenheit auf, sah sich schüchtern um und glaubte wohl, daß ich das

Geld geworfen habe. Und er kam zu mir gelaufen, das ganze Kerlchen

zitterte, das Stimmchen zitterte, und er streckte mir das Papier

entgegen und sagte: „Bitte, Herr!“

Ich nahm das Papier, entfaltete es und las – nun, man kennt das ja

schon: Wohltäter ... und so weiter, drei Kinder hungern, die Mutter

liegt im Sterben, habt Erbarmen mit uns! „Wenn ich vor dem Throne Gottes

stehen werde, will ich in meiner Fürbitte diejenigen nicht vergessen,

die hienieden meinen armen Kindern geholfen haben.“

Was soll man da viel reden, die Sache ist doch klar und oft genug

erlebt. Was aber – ja, was sollte ich ihm wohl geben? Nun, so gab ich

ihm denn nichts. Dabei tat er mir so leid! So ein armer kleiner Knabe,

ganz blau war er vor Kälte, und so hungrig sah er aus, und er log doch

nicht, bei Gott, er log nicht! – ich weiß, wie das ist! Schlecht ist

nur, daß diese Mütter ihre Kinder nicht schonen und sie halbnackt und

bei dieser Kälte hinausschicken. Dessen Mutter ist vielleicht so ein

dummes Weib, das nicht weiß, was zu tun seine Pflicht wäre, vielleicht

kümmert sich niemand um sie und da sitzt sie denn müßig zu Hause und tut

nichts! Vielleicht ist sie aber auch wirklich krank? Nun ja, immerhin

könnte sie sich dann an einen Wohltätigkeitsverein wenden, oder sich bei

der Polizei melden, wie es sich gehört. Aber vielleicht ist sie einfach

eine Betrügerin, die ein hungriges, krankes Kind auf die Straße

hinausschickt, um die Leute zu beschwindeln, bis das Kindchen

schließlich an irgendeiner Krankheit stirbt? Und was lernt denn der

Knabe bei diesem Betteln? Sein Herz wird hart und grausam. Er geht vom

Morgen bis zum Abend umher und bettelt. Viele Menschen gehen an ihm

vorüber, doch niemand hat Zeit für ihn. Ihre Herzen sind hart, ihre

Worte grausam.

„Fort! Pack dich! Straßenjunge!“ – das ist alles, was er an Worten zu

hören bekommt, und das Herz des Kindes krampft sich zusammen, und

vergeblich zittert der arme, verschüchterte Knabe in der Kälte. Seine

Hände und Füße erstarren. Wie lange noch, und da – er hustet ja schon –

kriecht ihm die Krankheit wie ein schmutziger, scheußlicher Wurm in die

Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon der Tod über

ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank in irgendeinem feuchten,

schmutzigen, stinkenden Winkel, ohne Pflege, ohne Hilfe – das aber ist

dann sein ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft – ein Menschenleben!

Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein „um Christi willen“ zu hören und

vorübergehen zu müssen, ohne etwas geben zu können, und dem Hungrigen

sagen zu müssen: „Gott wird dir geben.“

Gewiß, manch ein „um Christi willen“ braucht einen nicht zu berühren.

(Es gibt ja doch verschiedene „um Christi willen“, mein Kind.) Manch

eines ist gewohnheitsmäßig bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen,

eingeleiert, gleichgültig. An einem solchen Bettler ohne Gabe

vorüberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man denkt: der ist Bettler

von Beruf, der wird es verwinden, der weiß schon, wie man es verwindet.

Aber manch ein „um Christi willen“, das von einer ungeübten, gequälten,

heiseren Stimme hervorgestoßen wird, das geht einem wie etwas

Unheimliches durch Mark und Bein, – so wie heute, gerade als ich von dem

kleinen Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer, der dort am

Zaun stand – er wandte sich nicht an jeden –: „Ein Almosen, Herr, um

Christi willen!“ – sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme, daß

ich unwillkürlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck einer

schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein Almosen: denn ich hatte

nichts. Und dabei gibt es reiche Leute, die es nicht lieben, daß die

Armen über ihr schweres Los klagen – sie seien „ein öffentliches

Ärgernis“, sagen sie, „sie seien lästig“! nichts als „lästig“: – Das

Gestöhn der Hungrigen läßt diese Satten wohl nicht schlafen?!

Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles dies zum Teil

deshalb zu schreiben angefangen, um mein Herz zu erleichtern, zum Teil

aber auch deshalb, und zwar zum größten Teil, um Ihnen eine Probe meines

guten Stils zu geben. Denn Sie werden es doch sicher schon bemerkt

haben, mein Kind, daß mein Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert

hat? Doch jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur in

einen solchen Kummer hineingeredet, daß ich ordentlich anfange, selbst

von Herzensgrund mit meinen Gedanken Mitgefühl zu empfinden, obschon ich

sehr wohl weiß, mein Kind, daß man mit diesem Mitgefühl nichts erreicht

... aber man läßt sich damit wenigstens in einer gewissen Weise

Gerechtigkeit widerfahren!

Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich selbst ganz

grundlos, hält sich nicht einmal für eine Kopeke wert, schätzt sich für

weniger als ein Holzspänchen ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen,

vielleicht nur daher, daß man selbst verschüchtert und verängstigt ist,

ganz so wie jener kleine Junge, der mich heute um ein Almosen bat.

Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen reden, in einem

Gleichnis, sozusagen. Also hören Sie mich an.

Es kommt vor, meine Liebe, daß ich, wenn ich früh am Morgen auf dem Wege

zum Dienst bin, mich ganz vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da

erwacht und mählich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu brodeln,

zu rasseln und zu lärmen beginnt: so daß man sich vor diesem Schauspiel

schließlich ganz klein und gering vorkommt, als hätte man auf seine

neugierige Nase von irgend jemand einen Nasenstüber bekommen – und da

schleppt man sich denn ganz klein und still weiter, und wagt überhaupt

nicht mehr, etwas zu denken! Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen

schwarzen, verräucherten großen Häusern vorgeht, versuchen Sie, sich das

einmal vorzustellen, und dann urteilen Sie selbst, ob es richtig war,

sich so ohne Sinn und Verstand so gering einzuschätzen und sich so

unwürdigerweise einschüchtern zu lassen. – Vergessen Sie nicht, Warinka,

daß ich bloß bildlich spreche, nur so im Gleichnis.

Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn dort in diesen Häusern

vorgeht.

Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes, den nur die Not

zu einer Menschenwohnung machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker

aufgewacht. Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze Zeit über nur von

einem Paar Stiefel geträumt, das er gestern versehentlich falsch

zugeschnitten – ganz als müsse einem Menschen gerade nur von solchen

Nichtigkeiten träumen! Nun, – er ist ja Handwerker, ist ein Schuster:

bei ihm ist es also noch erklärlich. Er hat kleine Kinder und eine

hungrige Frau. Übrigens, nicht Schuster allein stehen mitunter so auf,

meine Liebe. Das wäre ja noch nichts und es verlohnte sich auch nicht,

sich darüber zu verbreiten, doch nun sehen Sie, mein Kind, was hierbei

bemerkenswert ist. In demselben Hause, nur in einem anderen, höher

gelegenen Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach hat in

derselben Nacht einem vornehmen Herrn vielleicht von ganz denselben

Stiefeln geträumt, das heißt, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer

Art, von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin Stiefeln

... denn in dem Sinne meines Gleichnisses sind wir schließlich alle ein

wenig und irgendwie Schuster. Aber auch das hätte wohl noch nichts auf

sich, das Schlimme jedoch ist, daß es keinen Menschen neben jenem

Reichen gibt, keinen einzigen, der ihm ins Ohr flüstern könnte: „Laß das

doch, denk nicht daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein

armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau klagt nicht über

Hunger, so sieh dich doch um, ob du denn nicht etwas anderes, etwas

Edleres und Höheres für deine Sorgen findest, als deine Stiefel!“

Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein Gleichnis klar machen

wollte, Warinka. Es ist das vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er

kommt einem mitunter, und dann drängt er sich unwillkürlich in einem

heißen Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb sage ich denn auch, daß

man sich ganz grundlos so gering eingeschätzt, da einen doch nur das

Geräusch und Gerassel erschreckt hat! Ich schließe damit, daß Sie, mein

Kind, nicht denken sollen, daß es eine böswillige Verdrehung sei, was

ich Ihnen hier erzähle, oder daß ich Grillen fange, oder daß ich es aus

einem Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es nicht,

beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas zu verdrehen und

schlecht zu machen, auch Grillen fange ich nicht, und abgeschrieben habe

ich das erst recht nicht – damit Sie’s wissen!

Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte mich an meinen Tisch,

machte mir etwas heißes Wasser und schickte mich dann an, ein Gläschen

Tee zu trinken. Plötzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu mir ins

Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war mir eigentlich schon am Morgen

aufgefallen, daß er im Korridor immer an den anderen Zimmertüren

vorüberstrich und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte. Nebenbei

bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel, viel schlechter, als

meine. Gar keinen Vergleich kann man machen! Er hat doch eine Frau und

Kinder zu ernähren ... so daß ich, wenn ich Gorschkoff wäre, – ja, ich

weiß nicht, was ich an seiner Stelle tun würde! Also, mein Gorschkoff

kommt zu mir herein, grüßt – hat wie gewöhnlich ein Tränchen im Auge –,

macht so etwas wie einen Kratzfuß, kann aber kein Wort hervorbringen.

Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings einen zerbrochenen, denn einen

anderen habe ich nicht. Ich bot ihm ferner Tee an. Er entschuldigte

sich, entschuldigte sich sehr lange, endlich nahm er doch das Glas. Dann

wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken, er entschuldigte sich wieder

und wieder, als ich ihm versicherte, daß er im Gegenteil unbedingt

Zucker dazu nehmen müsse – lange weigerte er sich so, dankte,

entschuldigte sich von neuem – schließlich legte er das kleinste

Stückchen in sein Glas und versicherte, der Tee sei ungewöhnlich süß.

Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin die Armut den Menschen zu bringen

vermag!

„Nun, was gibt es Gutes, Väterchen?“ fragte ich ihn.

Ja, so und so, und so weiter, – „seien Sie mein Wohltäter, Makar

Alexejewitsch, stehen Sie mir bei, helfen Sie einer armen Familie! Meine

Kinder und meine Frau – wir haben nichts zu essen ... ich aber, als

Vater – was stellen Sie sich vor, was ich dabei empfinde ...“

Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach mich:

„Ich fürchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das heißt, nicht gerade,

daß ich sie fürchte, aber so, wissen Sie, man schämt sich, sie sind alle

so stolz und hochmütig. Ich würde Sie, Väterchen, gewiß nicht

belästigen,“ sagte er, „ich weiß, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten

gehabt, ich weiß auch, daß Sie mir nicht viel geben können, aber

vielleicht werden Sie mir doch wenigstens etwas – leihen? Ich wage es

nur deshalb, Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil ich

weiß, daß Sie selbst Not gelitten haben, daß Sie selbst arm sind – da

wird Ihr Herz eher mitfühlen.“ Und zum Schluß bat er mich noch

ausdrücklich, ihm seine „Dreistigkeit und Unverschämtheit“ zu verzeihen.

Ich antwortete ihm, daß ich ihm von Herzen gern helfen würde, daß ich

aber selbst nichts hätte, oder doch so gut wie nichts.

„Väterchen, Makar Alexejewitsch,“ sagte er, „ich will Sie ja nicht um

viel bitten,“ – dabei errötete er bis über die Stirn – „aber meine Frau

... meine Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar

Alexejewitsch!“

Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete, als ich seine Bitte um

„nur zehn Kopeken“ hörte. Da war ich doch noch reich im Vergleich zu

ihm! In Wirklichkeit besaß ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit denen

ich für die nächsten Tage rechnete, um mich noch irgendwie bis zum

Zahltage durchzuschlagen. Und so sagte ich ihm denn auch, ich könne

wirklich nicht ... und ich erklärte ihm die Sache.

„Nur ... nur zehn Kopeken, Väterchen, wir hungern doch, Makar

Alexejewitsch ...“

Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kästchen und gab ihm meine letzten

zwanzig Kopeken, mein Kind, – es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die

Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen Unterhaltung zwischen

uns, und da fragte ich ihn denn so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in

solche Armut geraten und wie es komme, daß er dabei doch noch in einem

Zimmer wohne, für das er im Monat ganze fünf Silberrubel zahlen müsse.

Darauf erklärte er mir denn die Sachlage. Er habe das Zimmer vor einem

halben Jahr gemietet und die Miete für drei Monate im voraus bezahlt.

Dann aber hätten sich seine Verhältnisse so verschlimmert, daß er die

weitere Miete schuldig bleiben mußte und auch nicht die Mittel zu einem

Umzuge hatte. Inzwischen erwartete er vergeblich das Ende seines

Rechtsstreites. Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka. Er ist

nämlich, müssen Sie wissen, in einer gewissen Angelegenheit mit

angeklagt, und zwar handelt es sich da um die Schurkereien eines

gewissen Kaufmanns, der bei Lieferungen an die Krone irgendwie betrogen

hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der Kaufmann in Haft genommen,

worauf dieser letztere nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese

Angelegenheit hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur einer gewissen

Fahrlässigkeit beschuldigen und ihm höchstens den Vorwurf machen, daß er

nicht umsichtig genug gewesen sei und den Vorteil der Krone außer Acht

gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon ein paar Jahre so

hin: es herrscht immer noch nicht volle Klarheit in der Angelegenheit,

so daß auch Gorschkoff nicht freigesprochen werden kann, – „der

Ehrlosigkeit aber, die man mir vorwirft,“ sagt Gorschkoff, „des Betruges

und der Hehlerei bin ich nicht schuldig, nicht im geringsten!“ Das

ändert jedoch nichts daran, daß er wegen dieser Sache aus dem Dienst

entlassen worden ist, obschon man ihm, wie gesagt, ein eigentliches

Verschulden nicht hat nachweisen können. Auch hat er eine nicht

unbedeutende Geldsumme, die ihm gehört, und die ihm der Kaufmann nun vor

Gericht streitig macht, noch immer nicht durch den Prozeß herausbekommen

können, was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er sagte,

noch seine Rechtfertigung zusammenhängt.

Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht aber denkt anders. Es

ist, wie gesagt, eine so verzwickte Sache, daß man sie selbst in hundert

Jahren nicht entwirren könnte. Kaum hat man sie ein wenig aufgeklärt, da

bringt der Kaufmann wieder eine neue Unklarheit hinein und ändert die

Lage der Sache abermals. Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs

Mißgeschick, meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfühlen. Ein Mensch

ohne Stellung, niemand will ihn annehmen, da er nun einmal in dem Ruf

der Unzuverlässigkeit steht. Was sie erspart hatten, haben sie

aufgezehrt. Die Sache kann sich noch lange hinziehen – sie aber müssen

doch leben. Und da kam dann noch plötzlich zu so ungelegener Zeit ein

Kindchen zur Welt – das verursachte natürlich erst recht Ausgaben. Dann

erkrankte der Sohn – wieder Ausgaben. Und der Sohn starb – und das hat

neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau ist krank und auch er leidet an

irgendeiner schleichenden Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist

schwer, sehr schwer! Übrigens, sagte er, die Sache werde sich in einigen

Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher günstig für ihn, daran könne

man jetzt nicht mehr zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr leid, mein

Kind! Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er ist ja doch

ein ganz eingeschüchterter, ängstlich gewordener Mensch, er hat

Bedürfnis nach einem aufmunternden Wort, nach etwas Güte und Wohlwollen.

Da habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt.

Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit Ihnen, bleiben Sie

gesund. Mein Täubchen Sie! Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege

sich Balsam auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch um Sie sorge,

so sind mir doch auch diese Sorgen eine Lust.

Ihr aufrichtiger Freund

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 62 / 102 题