Sehr geehrtes Fräulein und liebe Freundin, Warwara Alexejewna!
Ich fühle es, daß ich schuldig bin, ich fühle es, daß Sie mir viel zu
verzeihen haben, aber meiner Meinung nach ist damit nichts gewonnen,
Kind, daß ich alles dies fühle. Ich habe das alles auch schon vor meinem
Vergehen gefühlt, bin aber dann doch gefallen, im vollen Bewußtsein
meiner Schuld.
Kind, mein Kind, ich bin nicht hartherzig und böse. Um aber Ihr
Herzchen, mein Täubchen, zerfleischen zu können, müßte man gar ein
blutdürstiger Tiger sein. Nun, ich habe ein Lämmerherz und, wie Ihnen
bekannt sein dürfte, keine Veranlagung zu blutdürstiger
Raubtierwildheit. Folglich bin ich, mein Engelchen, nicht eigentlich
schuld an meinem Vergehen, ganz wie mein Herz und meine Gedanken nicht
schuldig sind. Das ist nun einmal so, und ich weiß es selbst nicht, was
oder wer eigentlich die Schuld trägt. Das ist nun schon so eine dunkle
Sache mit uns, mein Kind!
Dreißig Kopeken haben Sie mir geschickt und dann noch zwanzig Kopeken:
mein Herz weinte, als ich Ihre Waisengeldchen in Händen hielt. Sie haben
sich das Händchen verbrannt und verletzt und bald werden Sie hungern
müssen. Trotzdem schreiben Sie, ich soll mir noch Tabak kaufen. Nun
sagen Sie selbst: was sollte ich denn tun? Einfach und ohne alle
Gewissensbisse, recht wie ein Räuber Sie armes Waisenkindchen zu
berauben anfangen?! Es sank mir eben der Mut, mein Kind, das heißt,
zuerst fühlte ich nur unwillkürlich, daß ich zu nichts tauge und daß ich
selbst höchstens nur um ein Geringes besser sei, als meine Stiefelsohle.
Ja, ich hielt es sogar für unanständig, mich für irgend etwas von
Bedeutung, und wärs etwas noch so Geringes, zu halten, sondern fing an,
in mir etwas Unwürdiges und bis zu einem gewissen Grade geradezu
Gemeines und Niederes zu sehen. Nun, und als ich so die rechte
Selbstachtung verloren hatte und mich der Verneinung der eigenen guten
Eigenschaften und der Verleugnung meiner Menschenwürde überließ, da war
denn schon so gut wie alles verloren, und er konnte kommen, der Sturz,
der unvermeidliche! Das war mir offenbar so vom Schicksal bestimmt. Ich
aber bin nicht schuld daran.
Ich ging nur hinaus, um etwas frische Luft einzuatmen. Doch da kam
gleich eins zum anderen: auch die Natur war so regnerisch, verweint und
kalt. Und dann kam mir plötzlich noch der Jemeljä entgegen. Er hatte
bereits alles versetzt, Warinka, alles, was er besaß, und schon seit
zwei Tagen hatte er kein Gotteskorn mehr im Munde gehabt, so daß er
bereits solche Sachen versetzen wollte, die man überhaupt nicht
versetzen kann, weil doch niemand so etwas als Pfand annimmt.
Nun ja, Warinka, da gab ich ihm denn nach, und zwar mehr aus Mitleid mit
der Menschheit als aus eigenem Verlangen. So kam es zu jener Sünde, mein
Kind! Wir weinten beide, Warinka! – sprachen auch von Ihnen! Er ist ein
sehr guter, ein herzensguter Mensch, und ein sehr gefühlvoller Mensch.
Das fühlte ich alles, mein Kind, und deshalb ist es denn auch so
gekommen, eben weil ich das alles fühlte.
Ich weiß, wieviel Dank, mein Täubchen, ich Ihnen schuldig bin! Als ich
Sie kennen lernte, begann ich, auch mich selbst besser kennen zu lernen
und Sie zu lieben. Bis dahin aber, mein Engelchen, war ich immer einsam
gewesen und hatte eigentlich nur so mein Leben verdämmert und gar nicht
wirklich auf der Erde gelebt, wie die anderen! Die bösen Menschen, die
da ewig sagten, daß meine Erscheinung einfach ruppig sei, und sich
schämten, mit mir zu gehen, brachten mich so weit, daß auch ich mich
schließlich ruppig fand und mich meiner selbst zu schämen begann. Sie
sagten, ich sei stumpfsinnig, und ich dachte auch wirklich, daß ich
stumpfsinnig sei. Seitdem Sie aber in mein Leben getreten sind, haben
Sie es mir hell gemacht, so daß es in meinem Herzen wie in meiner Seele
licht geworden ist. Ich lernte endlich so etwas wie Seelenfrieden kennen
und erfuhr, daß ich nicht schlechter war als die anderen. Daß ich dabei
bin, wie ich bin, daß ich durch nichts glänze, keinen Schliff besitze,
keine Umgangsformen: das ist nun einmal so. Trotzdem bin ich immer noch
ein Mensch, ja, bin mit dem Herzen und den Gedanken ein ganzer Mensch!
Nun, und dann, als ich fühlte, daß das Schicksal mich verfolgte, als
ich, durch das Schicksal erniedrigt, zuließ, daß ich meine Menschenwürde
selber vernichtete, als ich unter der Last meiner Anfechtungen
zusammenbrach, da habe ich eben den Mut verloren: und das war das
Unglück!
Doch da Sie jetzt alles wissen, mein Kind, bitte ich Sie unter Tränen,
mich nie mehr über diesen Zwischenfall auszufragen oder auch nur davon
zu reden, denn mein Herz ist schon ohnehin zerrissen und das Leben wird
mir schwer und bitter.
Ich bezeuge Ihnen, mein Kind, meine Ehrerbietung und verbleibe Ihr
treuer
Makar Djewuschkin.