21. August.

Sehr geehrtes Fräulein und liebe Freundin, Warwara Alexejewna!

Ich fühle es, daß ich schuldig bin, ich fühle es, daß Sie mir viel zu

verzeihen haben, aber meiner Meinung nach ist damit nichts gewonnen,

Kind, daß ich alles dies fühle. Ich habe das alles auch schon vor meinem

Vergehen gefühlt, bin aber dann doch gefallen, im vollen Bewußtsein

meiner Schuld.

Kind, mein Kind, ich bin nicht hartherzig und böse. Um aber Ihr

Herzchen, mein Täubchen, zerfleischen zu können, müßte man gar ein

blutdürstiger Tiger sein. Nun, ich habe ein Lämmerherz und, wie Ihnen

bekannt sein dürfte, keine Veranlagung zu blutdürstiger

Raubtierwildheit. Folglich bin ich, mein Engelchen, nicht eigentlich

schuld an meinem Vergehen, ganz wie mein Herz und meine Gedanken nicht

schuldig sind. Das ist nun einmal so, und ich weiß es selbst nicht, was

oder wer eigentlich die Schuld trägt. Das ist nun schon so eine dunkle

Sache mit uns, mein Kind!

Dreißig Kopeken haben Sie mir geschickt und dann noch zwanzig Kopeken:

mein Herz weinte, als ich Ihre Waisengeldchen in Händen hielt. Sie haben

sich das Händchen verbrannt und verletzt und bald werden Sie hungern

müssen. Trotzdem schreiben Sie, ich soll mir noch Tabak kaufen. Nun

sagen Sie selbst: was sollte ich denn tun? Einfach und ohne alle

Gewissensbisse, recht wie ein Räuber Sie armes Waisenkindchen zu

berauben anfangen?! Es sank mir eben der Mut, mein Kind, das heißt,

zuerst fühlte ich nur unwillkürlich, daß ich zu nichts tauge und daß ich

selbst höchstens nur um ein Geringes besser sei, als meine Stiefelsohle.

Ja, ich hielt es sogar für unanständig, mich für irgend etwas von

Bedeutung, und wärs etwas noch so Geringes, zu halten, sondern fing an,

in mir etwas Unwürdiges und bis zu einem gewissen Grade geradezu

Gemeines und Niederes zu sehen. Nun, und als ich so die rechte

Selbstachtung verloren hatte und mich der Verneinung der eigenen guten

Eigenschaften und der Verleugnung meiner Menschenwürde überließ, da war

denn schon so gut wie alles verloren, und er konnte kommen, der Sturz,

der unvermeidliche! Das war mir offenbar so vom Schicksal bestimmt. Ich

aber bin nicht schuld daran.

Ich ging nur hinaus, um etwas frische Luft einzuatmen. Doch da kam

gleich eins zum anderen: auch die Natur war so regnerisch, verweint und

kalt. Und dann kam mir plötzlich noch der Jemeljä entgegen. Er hatte

bereits alles versetzt, Warinka, alles, was er besaß, und schon seit

zwei Tagen hatte er kein Gotteskorn mehr im Munde gehabt, so daß er

bereits solche Sachen versetzen wollte, die man überhaupt nicht

versetzen kann, weil doch niemand so etwas als Pfand annimmt.

Nun ja, Warinka, da gab ich ihm denn nach, und zwar mehr aus Mitleid mit

der Menschheit als aus eigenem Verlangen. So kam es zu jener Sünde, mein

Kind! Wir weinten beide, Warinka! – sprachen auch von Ihnen! Er ist ein

sehr guter, ein herzensguter Mensch, und ein sehr gefühlvoller Mensch.

Das fühlte ich alles, mein Kind, und deshalb ist es denn auch so

gekommen, eben weil ich das alles fühlte.

Ich weiß, wieviel Dank, mein Täubchen, ich Ihnen schuldig bin! Als ich

Sie kennen lernte, begann ich, auch mich selbst besser kennen zu lernen

und Sie zu lieben. Bis dahin aber, mein Engelchen, war ich immer einsam

gewesen und hatte eigentlich nur so mein Leben verdämmert und gar nicht

wirklich auf der Erde gelebt, wie die anderen! Die bösen Menschen, die

da ewig sagten, daß meine Erscheinung einfach ruppig sei, und sich

schämten, mit mir zu gehen, brachten mich so weit, daß auch ich mich

schließlich ruppig fand und mich meiner selbst zu schämen begann. Sie

sagten, ich sei stumpfsinnig, und ich dachte auch wirklich, daß ich

stumpfsinnig sei. Seitdem Sie aber in mein Leben getreten sind, haben

Sie es mir hell gemacht, so daß es in meinem Herzen wie in meiner Seele

licht geworden ist. Ich lernte endlich so etwas wie Seelenfrieden kennen

und erfuhr, daß ich nicht schlechter war als die anderen. Daß ich dabei

bin, wie ich bin, daß ich durch nichts glänze, keinen Schliff besitze,

keine Umgangsformen: das ist nun einmal so. Trotzdem bin ich immer noch

ein Mensch, ja, bin mit dem Herzen und den Gedanken ein ganzer Mensch!

Nun, und dann, als ich fühlte, daß das Schicksal mich verfolgte, als

ich, durch das Schicksal erniedrigt, zuließ, daß ich meine Menschenwürde

selber vernichtete, als ich unter der Last meiner Anfechtungen

zusammenbrach, da habe ich eben den Mut verloren: und das war das

Unglück!

Doch da Sie jetzt alles wissen, mein Kind, bitte ich Sie unter Tränen,

mich nie mehr über diesen Zwischenfall auszufragen oder auch nur davon

zu reden, denn mein Herz ist schon ohnehin zerrissen und das Leben wird

mir schwer und bitter.

Ich bezeuge Ihnen, mein Kind, meine Ehrerbietung und verbleibe Ihr

treuer

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 59 / 102 题