3. September.

Ich habe meinen letzten Brief nicht beendet, Makar Alexejewitsch, es

fiel mir zu schwer, zu schreiben. Bisweilen habe ich Augenblicke, wo es

mich freut, allein zu sein, allein meinem Kummer nachhängen zu können,

allein, ganz allein die Qual auszukosten, und solche Stimmungen

überfallen mich jetzt immer häufiger. In meinen Erinnerungen liegt etwas

mir Unerklärliches, das mich unwiderstehlich gefangen nimmt, und zwar in

einem solchen Maße, daß ich oft stundenlang für alles mich Umgebende

vollständig unempfindlich bin und die Gegenwart, alles Gegenwärtige,

vergesse. Ja, es gibt in meinem jetzigen Leben keinen Eindruck,

gleichviel welcher Art, der mich nicht an etwas Ähnliches aus meinem

früheren Leben erinnerte, am häufigsten an meine Kindheit, meine goldene

Kindheit! Doch nach solchen Augenblicken wird mir immer unsäglich schwer

zumute. Ich fühle mich ganz entkräftet, meine Schwärmerei erschöpft mich

und meine Gesundheit wird sowieso schon immer schwächer.

Doch dieser frische, helle, glänzende Herbstmorgen, wie wir ihn jetzt

selten haben, hat mich heute neu belebt und mit Freude erfüllt. So haben

wir schon Herbst! O, wie liebte ich den Herbst auf dem Lande! Ich war ja

damals noch ein Kind, aber doch fühlte und empfand ich schon alles in

gesteigertem Maße. Den Abend liebte ich im Herbst eigentlich mehr als

den Morgen. Ich erinnere mich noch – nur ein paar Schritte weit von

unserem Hause, am Berge, lag der See. Dieser See – es ist mir, als sehe

ich ihn jetzt wirklich vor mir – so hell und rein, wie Kristall! War der

Abend ruhig, dann spiegelte sich alles im See. Kein Blatt rührte sich in

den Bäumen am Ufer, der See lag blank und regungslos wie ein großer

Spiegel. Frisch und kühl! Im Grase blinkt der Tau. In einer Hütte fern

am Ufer brennt schon das Herdfeuer, die Herden werden heimgetrieben – da

schleiche ich denn heimlich aus dem Hause zum See und schaue und schaue

und vergesse ganz, daß ich bin. Ein Bündel Reisig brennt bei den

Fischern dicht am Ufer und der Feuerschein fließt in einem langen

Streifen auf dem Wasserspiegel zu mir hin. Der Himmel ist blaßblau und

kalt und im Westen über dem Horizont ziehen sich rote feurige Streifen,

die nach und nach bleicher werden und schließlich ganz blaß vergehen.

Der Mond geht auf. Die Luft ist so klar, so regungslos still – bald

fliegt ein Vogel auf oder rauscht das Schilf leise unter einem Windhauch

– alles, selbst das leiseste Geräusch ist deutlich zu hören. Über dem

blauen Wasser erhebt sich langsam weißer Nebel, so leicht und

durchsichtig. In der Ferne dunkelt es, es ist, als versinke dort alles

im Nebel, in der Nähe aber ist alles so scharf umrissen – das Boot, das

Ufer, die Insel – eine alte Tonne, die im Schilf vergessen ist,

schaukelt kaum-kaum merklich auf dem Wasser, ein Weidenzweig mit

vertrockneten Blättern liegt nicht weit von ihr im Schilf. Eine

verspätete Möve fliegt auf, taucht ins Wasser, fliegt wieder auf und

verschwindet im Nebel, – und ich schaute und horchte, – wundervoll, so

wundervoll war mir zumut! Und doch war ich noch ein Kind! ...

Ich liebte den Herbst, namentlich den Spätherbst, wenn das Korn schon

eingeerntet ist, die Feldarbeiten beendet sind, man des Abends in den

Hütten zusammenkommt und alle sich auf den Winter vorbereiten. Dann

werden die Tage dunkler, der Himmel bewölkt sich, die Wälder werden

gelb, das Laub fällt von den Bäumen und die Bäume stehen kahl und

schwarz, – namentlich abends, wenn sich noch feuchter Nebel erhebt, dann

erscheinen sie wie dunkle, unförmige Riesen, wie schreckliche

Gespenster. Und wenn man sich auf dem Spaziergang etwas verspätet und

hinter den anderen zurückbleibt – wie eilt man ihnen dann nach, und wie

groß wird die Bangigkeit! Man zittert wie ein Espenblatt, auf einmal –

hinter jenem Baumstamm – hat sich dort nicht etwas Schreckliches

versteckt, das gleich hervorlugen wird? Und da fährt der Wind durch den

Wald und es braust und rauscht und dazwischen scheinen Stimmen zu heulen

und zu klagen, und Blätter fliegen durch die Luft und wirbeln im Winde,

und plötzlich zieht rauschend mit gellem Geschrei eine ganze Wolke

Zugvögel vorüber. Die Angst wächst ins Riesenhafte, und da ist es – als

hörte man jemand, eine fremde Stimme raunen: „Laufe, laufe, Kind,

verspäte dich nicht, hier wird alles gleich voll Grauen sein, laufe,

Kind!“ – und Entsetzen erfaßt das Herz und man läuft und läuft, bis man

außer Atem zu Hause anlangt. Im Hause aber ist Leben und Fröhlichkeit:

uns Kindern wird eine Arbeit gegeben, Erbsen auszuhülsen oder

Mohnkörnchen aus den Kapseln zu schütteln. Im Ofen prasselt das Feuer,

Mama beaufsichtigt lächelnd unsere fröhliche Arbeit und die alte

Kinderfrau Uljana erzählt uns schreckliche Märchen von Zauberern und

Räubern. Und wir Kinder rücken ängstlich einander näher, aber das

Lächeln will doch nicht von den Lippen weichen. Und plötzlich ist alles

still ... Hu! da, ein Surren und Klopfen – pocht jemand an der Tür? –

Nein, es ist nur das Spinnrad der alten Frolowna! Und wie wir lachen!

Dann aber kommt die Nacht, und man kann vor Angst nicht schlafen,

Schreckbilder und Träume verscheuchen die Müdigkeit. Und wacht man auf,

so wagt man nicht sich zu rühren und liegt zitternd bis zum Morgengrauen

unter der Decke. Wenn aber dann die Sonne in das Zimmer scheint, steht

man doch wieder frisch und munter auf und schaut neugierig durch das

Fenster: auf dem Stoppelfelde liegt silbriger Herbstreif und alle Bäume

und Büsche sind bereift. Wie eine dünne Glasscheibe hat sich Eis auf dem

See gebildet, und die Vögel zwitschern lustig. Und Sonne, überall Sonne,

wie Glas bricht das dünne Eis unter den warmen Strahlen. So hell ist es,

so klar, so ... so wonnig!

Im Ofen prasselt wieder das Feuer, wir setzen uns an den Tisch, auf dem

schon der Ssamowar summt, und durch das Fenster sieht unser schwarzer

Hofhund Polkan und wedelt schmeichelnd mit dem Schwanz. Ein Bäuerlein

fährt am Hause vorüber, in den Wald, nach Holz. Alle sind so zufrieden,

so frohgemut! ... In den Scheunen sind ganze Berge von Korn aufgehäuft,

in der Sonne glänzt goldgelb die Strohdeckung der großen, großen

Heuschober – es ist eine wahre Lust, das alles anzusehen! Und alle sind

ruhig, alle sind froh: alle fühlen den Segen Gottes, der ihnen in der

Ernte zuteil wurde, alle wissen, daß sie im Winter nicht darben werden,

und der Bauer weiß, daß er seinen Kindern Brot zu geben hat und sie satt

sein werden. Deshalb hört man abends die Lieder der Mädchen, die

fröhlich ihren Reigen tanzen, deshalb sieht man sie alle am Feiertage

ihr Dankgebet im Gotteshause sprechen ... Ach wie wundervoll, wie

wundervoll war meine Kindheit! ...

Da habe ich jetzt wie ein Kind geweint. Daran sind natürlich nur diese

Erinnerungen schuld. Ich habe so lebhaft, so deutlich alles vor mir

gesehen, die ganze Vergangenheit lebte auf, und die Gegenwart erscheint

mir jetzt doppelt trüb und dunkel! ... Wie wird das enden, was wird aus

uns werden? Wissen Sie, ich habe das seltsame Vorgefühl oder sogar die

Überzeugung, daß ich in diesem Herbst sterben werde. Ich fühle mich

sehr, sehr krank. Ich denke oft an meinen Tod, aber eigentlich möchte

ich doch nicht so sterben – würde nicht in dieser Erde ruhen wollen ...

Vielleicht werde ich wieder krank, wie im Frühling, denn ich habe mich

von jener Krankheit noch nicht erholt.

Fedora ist heute für den ganzen Tag ausgegangen und ich bin allein. Seit

einiger Zeit fürchte ich mich, wenn ich allein bin: es scheint mir dann

immer, daß noch jemand mit mir im Zimmer ist, daß jemand zu mir spricht,

und zwar besonders dann, wenn ich aus meinen Träumereien, die mich mit

ihren Erinnerungen ganz gefangen nehmen und die Wirklichkeit vergessen

lassen, plötzlich erwache und mich umsehe. Es ist mir dann, als habe

sich etwas Unheimliches im Zimmer versteckt. Sehen Sie, deshalb habe ich

Ihnen auch einen so langen Brief geschrieben: wenn ich schreibe, vergeht

es wieder – Leben Sie wohl. Ich schließe meinen Brief, ich habe weder

Papier noch Zeit, um weiterzuschreiben. Von dem Gelde für meine

verkauften Kleider und den Hut habe ich nur noch einen Rubel. Sie haben

Ihrer Wirtin zwei Rubel gegeben, das ist gut: jetzt wird sie hoffentlich

eine Weile schweigen. – Versuchen Sie doch, Ihre Kleider irgendwie ein

wenig auszubessern. Leben Sie wohl, ich bin so müde. Ich begreife nicht,

wovon ich so schwach geworden bin. Die geringste Beschäftigung ermüdet

mich. Wenn Fedora mir eine Arbeit verschafft – wie soll ich dann

arbeiten? Das ist es, was mir den Mut raubt.

Sämtliche Werke 14 · 第 60 / 102 题