Mein Engelchen Warwara Alexejewna!
Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Seelchen, daß ich jetzt doch
wieder eine kleine Aussicht habe und damit auch wieder Hoffnung. Aber
zunächst erlauben Sie mir eines, mein Kind: Sie schreiben, ich solle
keine Anleihe machen? Mein Täubchen, es geht nicht ohne sie. Mir geht es
schon schlecht, aber wie wird das erst mit Ihnen sein, es kann Ihnen
doch plötzlich etwas zustoßen! Sie sind doch solch ein schwächliches
Dingelchen. Also sehen Sie, deshalb sage ich denn auch, daß man sich
unbedingt Geld verschaffen muß. Und nun hören Sie weiter.
Also zunächst muß ich vorausschicken, daß ich im Bureau neben Jemeljan
Iwanowitsch sitze. Das ist nicht jener Jemeljan, von dem ich Ihnen schon
erzählt habe. Er ist vielmehr, ganz wie ich, ein Staatsschreiber. Wir
beide sind so ziemlich die Ältesten im ganzen Departement, die
Alteingesessenen, wie man uns zu nennen pflegt. Er ist ein guter Mensch,
ein uneigennütziger Mensch, aber nicht gerade sehr gesprächig, wissen
Sie, und eigentlich sieht er immer wie so ein richtiger Brummbär aus.
Dafür arbeitet er gut, hat eine sogenannte englische Handschrift, und
wenn man die Wahrheit sagen soll, schreibt er nicht schlechter als ich.
Er ist dabei ein wirklich ehrenwerter Mensch! Sehr intim sind wir beide
nie gewesen, nur so auf „Guten Tag!“ und „Leben Sie wohl!“ haben wir
gestanden, doch, was mitunter vorkam, wenn ich sein Federmesser nötig
hatte, nun, dann sagte ich eben: „Bitte, Jemeljan Iwanowitsch, Ihr
Messerchen, auf einen Augenblick!“ Also eine richtige Unterhaltung gab’s
zwischen uns nicht, aber es wurde doch das gesprochen, was man sich so
gelegentlich zu sagen hat, wenn man nebeneinander sitzt. Nun aber, sehen
Sie, da sagte dieser Mensch heute ganz plötzlich zu mir: „Makar
Alexejewitsch, warum sind Sie denn jetzt so nachdenklich?“
Ich sah, der Mensch meinte es gut mit mir – und da vertraute ich mich
ihm denn an. So und so, sagte ich, Jemeljan Iwanowitsch, d. h. alles
erzählte ich ihm nicht – und natürlich, Gott behüte, werde ich das auch
nie tun, denn dazu fehlt mir der Mut, Warinka, aber so dies und jenes
habe ich ihm doch anvertraut, mit anderen Worten: ich gestand ihm, daß
ich „etwas in Geldverlegenheit“ sei, nun, und so weiter.
„Aber Sie könnten doch, Väterchen,“ sagte darauf Jemeljan Iwanowitsch,
„könnten sich doch von jemandem Geld leihen, sagen wir zum Beispiel von
Pjotr Petrowitsch, der leiht auf Prozente. Ich habe auch von ihm
geliehen. Und er nimmt nicht einmal gar so hohe Prozente, wirklich,
nicht gar so hohe.“
Nun, Warinka, mein Herz schlug gleich ganz anders vor lauter Freude – es
hüpfte nur so! Ich dachte und dachte hin und her und setzte mein
Vertrauen auf Gott, der, was kann man wissen, dem Pjotr Petrowitsch
vielleicht doch eingibt, daß er mir Geld leiht. Und ich begann schon,
alles auszurechnen: wie ich dann meine Wirtin bezahlen und Ihnen helfen
und auch mir selbst ein einigermaßen menschliches Aussehen verleihen
würde – denn so ist es doch eine wahre Schande, man schämt sich
ordentlich, auf seinem Platz zu sitzen, ganz abgesehen davon, daß die
Jungen ewig über einen lachen – nun, Gott verzeih’ ihnen! Aber auch
Seine Exzellenz gehen mitunter an unserem Tisch vorüber: nun, sagen wir,
wenn sie einmal – wovor Gott uns behüte und bewahre! – wenn sie einmal
im Vorübergehen einen Blick auf mich zu werfen geruhten und bemerken
sollten, daß ich, sagen wir, ungehörig gekleidet bin! Bei Seiner
Exzellenz aber sind Sauberkeit und Ordnung die Hauptsache. Sie würden ja
wahrscheinlich nichts sagen, aber ich, Warinka, ich würde auf der Stelle
sterben vor Scham, – sehen Sie, so würde es sein. Daher nahm ich denn
all meinen Mut zusammen, verbarg meine Scheu so gut es ging, und begab
mich zu Pjotr Petrowitsch, einerseits voll Hoffnung und andererseits
weder tot noch lebendig vor Erwartung – beides zugleich.
Nun, was soll ich Ihnen denn sagen, Warinka, es endete mit – nichts. Er
war da sehr beschäftigt und sprach gerade mit Fedossei Iwanowitsch. Ich
trat von der Seite an ihn heran und zupfte ihn ein wenig am Ärmel:
bedeutete ihm, daß ich mit ihm sprechen wolle, mit Pjotr Petrowitsch. Er
sah sich nach mir um – und da begann ich denn und sagte ungefähr: „So
und so, Pjotr Petrowitsch, wenn möglich, sagen wir etwa dreißig Rubel
usw.“ – Er schien mich zuerst nicht ganz zu verstehen, als ich ihm aber
dann nochmals alles erklärt hatte, da begann er zu lachen, sagte aber
nichts und schwieg wieder. Ich begann von neuem, er aber fragte
plötzlich: „Haben Sie ein Pfand?“ – selbst jedoch vertiefte er sich
wieder ganz in seine Papiere und schrieb weiter, ohne sich nach mir
umzusehen. Das machte mich ein wenig befangen.
„Nein,“ sagte ich, „ein Pfand habe ich nicht, Pjotr Petrowitsch“ – und
ich erklärte ihm: „So und so, ich werde Ihnen das Geld zurückzahlen,
sobald ich meine Monatsgage erhalte, werde es unbedingt tun, werde es
für meine erste Pflicht erachten.“ In diesem Augenblick rief ihn jemand
und er ging fort, ich blieb aber und erwartete ihn. Er kam denn auch
bald wieder zurück, setzte sich, spitzte seine Feder – mich aber
bemerkte er gleichsam überhaupt nicht. Ich kam jedoch wieder darauf zu
sprechen, „also so und so, Pjotr Petrowitsch, ginge es denn nicht doch
irgendwie?“
Er schwieg und schien mich wieder gar nicht zu hören, ich aber stand,
stand. – Nun, dachte ich, ich will es doch noch einmal, zum letztenmal,
versuchen, und zupfte ihn wieder ein wenig am Ärmel. Er sagte aber
keinen Ton, Warinka, entfernte nur ein Härchen von seiner Federspitze
und schrieb weiter. Da ging ich denn.
Sehen Sie, mein Kind, es sind das ja vielleicht sehr ehrenwerte
Menschen, nur stolz sind sie, sehr stolz, – nichts für unsereinen! Wo
reichen wir an diese hinan, Warinka! Deshalb, damit Sie es wissen, habe
ich Ihnen auch alles das geschrieben.
Jemeljan Iwanowitsch begann gleichfalls zu lachen und schüttelte den
Kopf, aber er machte mir doch wieder Hoffnung, der Gute. Jemeljan
Iwanowitsch ist wirklich ein edler Mensch. Er versprach mir, mich einem
gewissen Mann zu empfehlen, und dieser Mann, Warinka, der auf der
Wiborger Seite[9] wohnt, leiht gleichfalls Geld auf Prozente. Jemeljan
Iwanowitsch sagt, der werde zweifellos geben, dieser ganz bestimmt. Ich
werde morgen, mein Engelchen, gleich morgen werde ich zu ihm gehen. Was
meinen Sie dazu? Es geht doch nicht ohne Geld! Meine Wirtin droht schon,
mich hinauszujagen, und will mir nichts mehr zu essen geben. Und meine
Stiefel sind schrecklich schlecht, mein Kind, und Knöpfe fehlen mir
überall, und was mir nicht sonst noch alles fehlt! Wenn nun einer der
Vorgesetzten eine Bemerkung darüber macht? Es ist ein Unglück, Warinka,
wirklich ein Unglück!
Makar Djewuschkin.