Lieber Makar Alexejewitsch!
Um Gottes willen, Makar Alexejewitsch, verschaffen Sie so bald als
möglich Geld! Ich würde Sie unter den jetzigen Umständen natürlich für
keinen Preis um Hilfe bitten, aber wenn Sie wüßten, in welcher Lage ich
mich befinde! Ich kann nicht mehr in dieser Wohnung bleiben, ich muß
fort! Ich habe die schrecklichsten Unannehmlichkeiten gehabt, Sie können
es sich nicht vorstellen, wie aufgeregt und verzweifelt ich bin!
Stellen Sie sich vor, mein Freund: heute morgen erscheint bei uns
plötzlich ein fremder Herr, ein schon bejahrter Mann, nahezu ein Greis,
mit Orden auf der Brust. Ich wunderte mich und begriff nicht, was er von
uns wollte. Fedora war gerade ausgegangen, um noch etwas zu kaufen. Er
begann mich auszufragen: wie ich lebe, womit ich mich beschäftige, und
darauf erklärte er mir – ohne meine Antwort abzuwarten, – er sei der
Onkel jenes Offiziers und habe sich über das flegelhafte Betragen seines
Neffen sehr geärgert: er sei sehr aufgebracht darüber, daß jener mich in
einen schlechten Ruf gebracht habe – sein Neffe sei ein leichtsinniger
Bengel, der zu nichts tauge, er aber fühle sich als Onkel verpflichtet,
die Schuld seines Neffen zu sühnen und mich unter seinen Schutz zu
nehmen. Ferner riet er mir noch, nicht auf die jungen Leute zu hören, er
dagegen habe wie ein Vater Mitleid mit mir, empfinde überhaupt
väterliche Liebe für mich und sei bereit, mir in jeder Beziehung zu
helfen.
Ich errötete, wußte aber noch immer nicht, was ich denken sollte,
weshalb ich ihm natürlich auch nicht dankte. Er nahm meine Hand und
hielt sie fest, obschon ich sie ihm zu entziehen suchte, tätschelte
meine Wange, sagte mir, ich sei gar zu reizend, und ganz besonders
gefalle es ihm, daß ich in den Wangen Grübchen habe. – Gott weiß, was er
da noch sprach! – und zu guter Letzt wollte er mich auch noch küssen: er
sei ja schon ein Greis, wie er sagte. Er war so ekelhaft! – Da trat
Fedora ins Zimmer. Er wurde ein wenig verlegen und begann wieder damit,
daß er mich wegen meiner Bescheidenheit und Wohlerzogenheit überaus
achte: er würde es sehr gern sehen, daß ich meine Scheu vor ihm verlöre.
Dann rief er Fedora beiseite und wollte ihr unter einem seltsamen
Vorwand Geld in die Hand drücken. Doch Fedora nahm es natürlich nicht
an. Da brach er denn endlich auf, wiederholte nochmals alle seine
Beteuerungen, versprach, mich nächstens wieder zu besuchen und mir dann
Ohrringe mitzubringen (ich glaube, er war zum Schluß selbst etwas
verlegen). Er riet mir außerdem, in eine andere Wohnung überzusiedeln,
und empfahl mir sogar eine, die sehr schön sei und mich nichts kosten
würde. Er sagte, daß er mich namentlich deshalb sehr liebgewonnen habe,
weil ich ein ehrenwertes und vernünftiges Mädchen sei. Darauf riet er
mir nochmals, mich vor der verderbten Jugend in acht zu nehmen, und zum
Schluß erklärte er, daß er mit Anna Fedorowna bekannt sei und sie ihn
beauftragt habe, mir zu sagen, daß sie mich besuchen werde. Da begriff
ich denn alles! Ich weiß nicht mehr, was mit mir geschah – ich habe das
zum erstenmal gefühlt und mich zum erstenmal in einer solchen Lage
befunden: ich war außer mir! Ich beschämte ihn tüchtig – und Fedora
stand mir bei und jagte ihn förmlich aus dem Zimmer. Das ist natürlich
Anna Fedorownas Machwerk – woher hätte er sonst etwas von uns erfahren
können?
Ich aber wende mich an Sie, Makar Alexejewitsch, und flehe Sie an, mir
beizustehen. Helfen Sie mir, um Gottes willen, lassen Sie mich jetzt
nicht im Stich! Bitte, bitte, verschaffen Sie uns Geld, wenn auch nur
ein wenig, wir haben nichts, womit wir die Kosten eines Umzuges
bestreiten könnten, hierbleiben aber können wir unter keinen Umständen,
das ist ganz ausgeschlossen. Auch Fedora ist der Meinung. Wir brauchen
wenigstens fünfundzwanzig Rubel. Ich werde Ihnen dieses Geld
zurückgeben, ich werde es mir schon verdienen! Fedora wird mir in den
nächsten Tagen noch Arbeit verschaffen, lassen Sie sich daher nicht
durch hohe Prozente abschrecken, sehen Sie nicht darauf, gehen Sie auf
jede Bedingung ein! Ich werde Ihnen alles zurückzahlen, nur verlassen
Sie mich jetzt nicht, um Gottes willen! Es kostet mich viel, Ihnen unter
den jetzigen Umständen mit einer solchen Bitte zu kommen, aber Sie sind
doch meine einzige Stütze, meine einzige Hoffnung!
Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch, denken Sie an mich, und Gott gebe
Ihnen Erfolg!