Unsinn, Warinka, das ist ja alles nichts als Unsinn, reiner Unsinn!
Wollte man Sie so sich selbst überlassen, was würden Sie sich da nicht
alles ins Köpfchen setzen! Bald bilden Sie sich dieses ein, bald jenes!
Ich sehe doch, daß das nichts als Unsinn ist. Was fehlt Ihnen denn bei
uns, so sagen Sie doch bloß? Wir lieben Sie und Sie lieben uns, wir sind
alle zufrieden und glücklich, – was will man denn noch mehr? Was aber
wollen Sie wohl unter fremden Menschen anfangen? Sie wissen noch nicht,
was das heißt: fremde Menschen! ... Nein, da müssen Sie mich fragen,
denn ich – ich kenne den fremden Menschen und kann Ihnen sagen, wie er
ist. Ich kenne ihn, Kind, kenne ihn nur zu gut. Ich habe sein Brot
gegessen. Bös ist er, Warinka, sehr böse, so böse, daß das kleine Herz,
das man hat, nicht mehr standhalten kann, so versteht er es, einen mit
Vorwürfen und Zurechtweisungen und unzufriedenen Blicken zu martern. –
Bei uns haben Sie es wenigstens warm und gut, wie in einem Nestchen
haben Sie sich hier eingelebt. Wie können Sie uns nun mit einem Male so
etwas antun wollen? Was werde ich denn ohne Sie anfangen? Sie sollten
mir nicht unentbehrlich sein? Nicht nützlich? Wieso denn nicht nützlich?
Nein, Kind, denken Sie mal selbst etwas nach und dann urteilen Sie,
inwiefern Sie mir nicht nützlich sein sollten! Sie sind mir sehr, sogar
sehr nützlich, Warinka. Sie haben, wissen Sie, solch einen wohltuenden
Einfluß auf mich ... Da denke ich jetzt zum Beispiel an Sie und bin ohne
weiteres froh gestimmt ... Ich schreibe Ihnen hin und wieder einen
Brief, in dem ich alle meine Gefühle ausdrücke, und erhalte darauf eine
ausführliche Antwort von Ihnen. Kleiderchen und ein Hütchen habe ich für
Sie gekauft, manchmal haben Sie auch einen kleinen Auftrag für mich, na,
und dann besorge ich Ihnen eben das Nötige ... Nein, wie sollten Sie
denn nicht nützlich sein? Und was soll ich wohl ohne Sie anfangen in
meinen Jahren, wozu würde ich allein denn noch taugen? Sie haben
vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Warinka, aber denken Sie mal
wirklich darüber nach und fragen Sie sich, zu was ich denn noch taugen
könnte ohne Sie. Ich habe mich an Sie gewöhnt, Warinka. Und was käme
denn dabei heraus, was wäre das Ende vom Liede? – Ich würde in die Newa
gehen und damit wäre die Geschichte erledigt. Nein, wirklich, Warinka,
was bliebe mir denn ohne Sie noch zu tun übrig?!
Ach, Herzchen, Warinka! Da sieht man’s, Sie wollen wohl, daß mich ein
Lastwagen nach dem Wolkoff-Friedhof führt, daß irgendeine alte
Herumtreiberin meinem Sarge folgt und daß man mich dort in der Gruft mit
Erde zuschüttet und dann fortgeht und mich allein zurückläßt. Das ist
sündhaft von Ihnen, sündhaft, mein Kind! Wirklich sündhaft, bei Gott,
sündhaft!
Ich sende Ihnen Ihr Büchelchen zurück, meine kleine Freundin, und wenn
Sie, Warinka, meine Meinung über dasselbe wissen wollen, so kann ich
Ihnen nur sagen, daß ich mein Lebtag noch kein einziges so gutes Buch zu
lesen bekommen habe. Ich frage mich jetzt selbst, mein Kind, wie ich
denn bisher so habe leben können, ein wahrer Tölpel, Gott verzeihe mir!
Was habe ich denn getan, mein Leben lang? Aus welchem Walde komme ich
eigentlich? Ich weiß ja doch nichts, mein Kind, rein gar nichts! Ich
gestehe es Ihnen ganz offen, Warinka: ich bin kein gelehrter Mensch. Ich
habe bisher nur wenig gelesen, sehr wenig, fast nichts. „Das Bild des
Menschen“ – ein sehr kluges Buch, das habe ich gelesen, dann noch ein
anderes: „Vom Knaben, der mit Glöckchen verschiedene Stücke spielt“, und
dann „Die Kraniche des Ibykus“. Das ist alles, weiter habe ich nichts
gelesen. Jetzt aber habe ich hier, in Ihrem Büchlein, den
„Stationsaufseher“ gelesen, und da kann ich Ihnen nur sagen, mein Kind,
es kommt doch vor, daß man so lebt und nicht weiß, daß da neben einem
ein Buch liegt, in dem ein ganzes Leben dargestellt ist, wie an den
Fingern hergezählt, und noch mancherlei, worauf man früher selbst gar
nicht verfallen ist. Das findet man nun hier, wenn man solch ein
Büchlein zu lesen anfängt, und da fällt einem denn nach und nach vieles
ein, und allmählich begreift man so manches und wird sich über die Dinge
klar. Und dann, sehen Sie, warum ich Ihr Büchlein noch lieb gewonnen
habe: manches Werk, was für eines es auch immer sein mag, das liest man
und liest – aber lies meinetwegen, bis dein Schädel platzt, bloß das
Verstehen, daran fehlt’s leider! Es ist eben so vertrackt geschrieben
und mit soviel Klugheit, daß man es nicht recht begreifen kann. Ich zum
Beispiel, – ich bin dumm, ich bin von Natur stumpf, bin schon so
geboren, also kann ich auch keine allzu hohen Werke lesen. Dies aber –
ja dies liest man und es ist einem fast, als hätte man es selber
geschrieben, ganz als stamme es aus dem eigenen Herzen ... Ja, und so
mag es auch sein: das Herz, das ist einfach festgenommen und vor allen
Menschen umgekehrt, das Inwendige nach außen, und dann ausführlich
beschrieben – sehen Sie, so ist es! Und dabei ist es doch so einfach,
mein Gott! Ja was! Ich könnte das ja gleichfalls schreiben, wirklich,
warum denn nicht? Fühle ich doch ganz dasselbe und genau so, wie es in
diesem Büchelchen steht! Habe ich mich doch auch mitunter in ganz
derselben Lage befunden, wie beispielsweise dieser Ssamsson Wyrin,
dieser Arme! Und wie viele solcher Ssamsson Wyrins gibt es nicht unter
uns, ganz genau so arme, herzensgute Menschen! Und wie richtig alles
beschrieben ist! Mir kamen fast die Tränen, mein Kind, während ich das
las: wie er sich bis zur Bewußtlosigkeit betrank, als das Unglück ihn
heimgesucht hatte, und wie er dann den ganzen Tag unter seinem
Schafspelz schlief und das Leid mit einem Pünschchen vertreiben wollte
und doch herzbrechend weinen mußte, wobei er sich mit dem schmierigen
Pelzaufschlag die Tränen von den Wangen wischte, wenn er an sein
verirrtes Lämmlein dachte, an sein liebes Töchterchen Dunjäscha!
Nein, das ist naturgetreu! Lesen Sie es mal, dann werden Sie sehen: das
ist so wahr wie das Leben selbst. Das lebt! Ich habe es selbst erfahren,
– das lebt alles, lebt überall rings um mich herum! Da finden wir gleich
die Theresa – wozu so weit suchen! – da ist auch unser armer Beamter, –
denn der ist doch vielleicht ganz genau so ein Ssamsson Wyrin, nur daß
er einen anderen Namen hat und eben zufällig Gorschkoff heißt. Das ist
etwas, was ein jeder von uns erleben kann, ich ebenso gut wie Sie, mein
Kind. Und selbst der Graf, der am Newskij oder am Newakai wohnt, selbst
der kann dasselbe erleben, nur daß er sich äußerlich anders verhalten
wird – denn dort bei ihm ist nun einmal äußerlich alles anders, aber
auch ihm kann es ebenso gut widerfahren, wie mir.
Da sehen Sie, mein Kind, was das heißt, Leben. Sie aber wollen noch
wegreisen und uns im Stich lassen! Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir
damit antun würden, Warinka! Sie würden doch nur sich und mich damit
zugrunde richten. Ach, mein Sternchen, so treiben Sie doch um Gottes
willen diese wilden Gedanken aus Ihrem Köpfchen und ängstigen Sie mich
nicht unnütz! Und wie überhaupt – sagen Sie doch selbst, Sie mein
kleines, schwaches Vögelchen, das noch nicht einmal flügge geworden ist
–: wie könnten Sie sich denn selbst ernähren, sich vor dem Verderben
bewahren und gegen jeden ersten besten Bösewicht verteidigen! Nein,
lassen Sie es jetzt gut und genug sein, Warinka, und bessern Sie sich!
Hören Sie nicht auf die dummen Ratschläge der anderen und lesen Sie Ihr
Büchlein noch einmal durch: das wird Ihnen Nutzen bringen.
Ich habe auch mit Ratasäjeff über den „Stationsaufseher“ gesprochen. Der
sagte, das sei alles altes Zeug und jetzt erschienen nur Bücher mit
Bildern und solche mit Beschreibungen – oder was er da sagte, ich habe
es nicht ganz begriffen, wie er es eigentlich meinte. Er schloß aber
doch damit, daß Puschkin gut sei und daß er das heilige Rußland besungen
habe, und noch verschiedenes andere sagte er mir über ihn. Ja, es ist
gut, Warinka, sehr gut: lesen Sie es noch einmal aufmerksam, folgen Sie
meinem Rat und machen Sie mich alten Knaben durch Ihren Gehorsam
glücklich. Gott der Herr wird Sie dafür belohnen, meine Gute, wird Sie
bestimmt belohnen!
Ihr treuer Freund
Makar Djewuschkin.
Mein lieber Makar Alexejewitsch!
Fedora hat mir heute die fünfzehn Rubel für den Teppich gebracht. Wie
froh sie war, die Arme, als ich ihr drei Rubel gab! Ich schreibe Ihnen
in größter Eile. Ich habe soeben die Weste für Sie zugeschnitten, – der
Stoff ist entzückend – gelb, mit Blümchen.
Ich sende Ihnen ein Buch: es sind darin verschiedene Geschichten, von
denen ich einige schon gelesen habe. Lesen Sie unbedingt die mit dem
Titel „Der Mantel“.[5]
Sie reden mir zu, mit Ihnen ins Theater zu gehen. Wird es aber nicht zu
teuer sein? Vielleicht auf die Galerie, das ginge noch. Ich bin schon
lange nicht mehr im Theater gewesen, wann zuletzt? Ich fürchte immer nur
eines: wird uns der Spaß nicht zu viel kosten? Fedora schüttelt den Kopf
und meint, daß Sie anfangen, über Ihre Verhältnisse zu leben. Das sehe
auch ich ein. Wieviel haben Sie nicht allein schon für mich ausgegeben!
Nehmen Sie sich in acht, mein Freund, daß es kein Unglück gibt. Fedora
hat mir da etwas gesagt: daß Sie, wenn ich nicht irre, mit Ihrer Wirtin
in Streit geraten seien, weil Sie irgend etwas nicht bezahlt hätten. Ich
sorge mich sehr um Sie.
Nun, leben Sie wohl. Ich habe eine kleine Arbeit: ich garniere nämlich
meinen Hut mit Band.
P. S. Wissen Sie, wenn wir ins Theater gehen, werde ich meinen neuen Hut
aufsetzen und die schwarze Mantille umnehmen. Werde ich Ihnen so
gefallen?