Meine liebe Warwara Alexejewna!
Ich komme wieder auf unser gestriges Gespräch zurück. – Ja, mein Kind,
auch wir haben seinerzeit dumme Streiche gemacht! So hatte ich mich
einstmals wirklich und wahrhaftig in eine Schauspielerin verliebt,
sterblich verliebt, jawohl! Und das wäre noch nichts gewesen, das
Wunderliche aber war dabei, daß ich sie im Leben überhaupt nicht gesehen
und auch im Theater nur ein einziges Mal gewesen war – dennoch verliebte
ich mich in sie.
Damals wohnten wir, fünf junge, übermütige Leute, alle Wand an Wand und
Tür an Tür. Ich geriet in ihren Kreis, geriet ganz von selbst hinein,
obschon ich mich zunächst zurückhaltend zu ihnen gestellt hatte. Dann
aber, verstehen Sie, um ihnen nicht nachzustehen, ging ich auf alles
ein. Und was sie mir nicht von dieser Schauspielerin erzählten! Jeden
Abend, so oft Theater gespielt wurde, schob die ganze Kumpanei – für
Notwendiges hatten sie nie einen Heller – schob die ganze Kumpanei ins
Theater auf die Galerie und klatschte und klatschte und rief immer nur
diese eine Schauspielerin hervor – einfach wie die Besessenen gebärdeten
sie sich! Und dann ließen sie einen natürlich nicht einschlafen: die
ganze Nacht wurde nur von ihr gesprochen, ein jeder nannte sie seine
Glascha[6], alle waren sie in sie verliebt, alle hatten sie nur den
einen Kanarienvogel im Herzen: Sie! Da regten sie denn schließlich auch
mich auf. Ich war ja damals noch ganz jung!
Ich weiß selbst nicht mehr, wie es kam, daß ich mit ihnen im Theater
saß, oben auf der Galerie. Sehen konnte ich nur ein Eckchen vom Vorhang,
dafür aber hörte ich alles. Sie hatte solch ein hübsches Stimmchen –
hell, süß, wie eine Nachtigall. Wir klatschten uns die Hände rot und
blau, schrien, schrien – mit einem Wort, man hätte uns beinahe am Kragen
genommen, ja, einer wurde wirklich hinausgeführt.
Ich kam nach Hause, – wie im Nebel ging ich! In der Tasche hatte ich nur
noch einen Rubel, bis zum Ersten aber waren es noch gute zehn Tage. Ja,
und was glauben Sie, Kind? Am nächsten Tage, auf dem Wege zum Dienst,
trat ich in einen Parfümerieladen ein und kaufte für mein ganzes Kapital
Parfüm und wohlriechende Seifen – ich vermag selbst nicht mehr zu sagen,
wozu ich dies alles damals kaufte. Und dann speiste ich nicht einmal zu
Mittag, sondern ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie wohnte am
Newskij, im vierten Stock. Ich kam nach Haus, saß ein Weilchen, erholte
mich, und dann ging ich wieder auf den Newskij, um ihr von neuem
Fensterpromenaden zu machen.
So trieb ich’s anderthalb Monate; jeden Augenblick nahm ich Droschken,
immer Lichatschi[7], und fuhr hin und her vor ihren Fenstern: kurz, ich
brachte all mein Geld durch, geriet obendrein in Schulden, bis ich dann
schließlich und von selbst aufhörte, sie zu lieben, und das Ganze mir
langweilig wurde.
Da sehen Sie, was eine Schauspielerin aus einem ordentlichen Menschen zu
machen imstande ist! Doch ich war damals wirklich noch jung, Warinka,
noch ganz, ganz jung! ...