Warwara Alexejewna, meine Liebe!
Nun ist’s genug mit dem Grämen! Schämen Sie sich denn nicht? So machen
Sie doch ein Ende, mein Kind! Wie können Sie sich nur mit solchen
Gedanken abgeben? Sie sind ja gar nicht mehr krank, Herzchen, ganz und
gar nicht! Sie blühen einfach, wirklich, glauben Sie mir: nur ein wenig
bleich sind Sie noch, aber trotzdem blühen Sie. Und was sind denn das
für Träume und Gespenster, die Sie da sehen! Pfui, schämen Sie sich,
mein Liebling, lassen Sie es sein, wie es ist! Kümmern Sie sich nicht
weiter um diese dummen Träume – so etwas schüttelt man ab. Ganz einfach!
Wie kommt es denn, daß ich gut schlafe? Warum fehlt mir denn nichts?
Sehen Sie mich einmal an, mein Kind. Lebe froh und zufrieden, schlafe
ruhig, bin gesund – mit einem Wort, ein Teufelskerl: und man hat seine
wahre Freude daran, es zu sein! Also hören Sie auf, mein Seelchen,
schämen Sie sich und bessern Sie sich. Ich kenne doch Ihr Köpfchen,
Kind: kaum hat es etwas gefunden, da fängt es gleich wieder an mit dem
Grübeln und Grämen, und Sie machen sich von neuem allerlei Gedanken.
Schon allein mir zuliebe sollten Sie doch wirklich einmal damit
aufhören, Warinka!
Bei fremden Menschen dienen? – Niemals! Nein und nein und nochmals nein!
Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie überhaupt auf solche Gedanken kommen?
Und noch dazu wegreisen! Nein, Kind da kennen Sie mich schlecht: das
lasse ich nie und nimmermehr zu, einen solchen Plan bekämpfe ich mit
allen Kräften. Und wenn ich auch meinen letzten alten Rock vom Leibe
verkaufen – wenn mir nur noch das Hemd bleiben würde, aber Not leiden,
das sollen und werden Sie bei uns niemals. Nein, Warinka, nein, ich
kenne Sie ja! Das sind Torheiten, nichts als Torheiten! Was aber wahr
ist, das ist: daß an allem Fedora ganz allein die Schuld trägt – nur
sie, dies dumme Frauenzimmer, hat Ihnen diese Gedanken in den Kopf
gesetzt. Sie aber, Kind, müssen gar nicht darauf hören, was sie sagt.
Sie wissen wahrscheinlich noch nicht alles, mein Seelchen? ... Wissen
nicht, daß sie eine dumme, schwatzhafte, unzurechnungsfähige Person ist,
die auch ihrem verstorbenen Mann schon das Leben weidlich sauer gemacht
hat. Überlegen Sie sich: hat sie Sie nicht geärgert, irgendwie gekränkt?
Nein, nein, mein Kind, aus all dem, was Sie da schrieben, wird nichts!
Und was sollte denn aus mir werden, wo bliebe ich dann? Nein, Warinka,
mein Herzchen, das müssen Sie sich aus dem Köpfchen schlagen. Was fehlt
Ihnen denn bei uns? Wir können uns nicht genug über Sie freuen und auch
Sie haben uns gern, also bleiben Sie und leben Sie hier friedlich
weiter. Nähen Sie oder lesen Sie, oder nähen Sie auch nicht – ganz wie
Sie wollen, nur bleiben Sie bei uns! Denn sonst, sagen Sie doch selbst:
wie würde das denn aussehen? Ich werde Ihnen Bücher verschaffen – und
dann können wir ja auch wieder einmal einen Spaziergang unternehmen. Nur
müssen Sie, mein Kind, mit diesen Gedanken jetzt wirklich ein Ende
machen und vernünftig werden und sich nicht grundlos um alles
Alltägliche sorgen und grämen! Ich werde zu Ihnen kommen, und zwar sehr
bald, inzwischen aber nehmen Sie es als mein gerades und offenes
Bekenntnis: das war nicht schön von Ihnen, Herzchen, gar nicht schön!
Ich bin natürlich kein gelehrter Mensch und ich weiß es selbst, daß ich
nichts gelernt habe, daß ich kaum unterrichtet worden bin, aber darum
handelt es sich jetzt nicht und das war es auch nicht, was ich sagen
wollte – doch für den Ratasäjeff stehe ich ein, da machen Sie, was Sie
wollen! Er ist mein Freund, deshalb muß ich ihn verteidigen. Er schreibt
gut, schreibt sehr, sehr und nochmals sehr gut. Ich kann Ihnen unter
keinen Umständen beistimmen. Er schreibt farbenreich und gewählt, es
sind auch Gedanken darin, kurz, es ist sehr schön! Sie haben es
vielleicht ohne Anteil gelesen, Warinka, vielleicht waren Sie gerade
nicht bei Laune, als Sie lasen, vielleicht hatten Sie sich gerade über
Fedora wegen irgend etwas geärgert, oder es ist vielleicht sonst
irgendwie ein Unglückstag für Sie gewesen.
Nein, Sie müssen das einmal mit Gefühl lesen und aufmerksam, wenn Sie
froh und zufrieden und bei guter Laune sind, zum Beispiel wenn Sie
gerade ein Konfektchen im Munde haben – dann lesen Sie es noch einmal.
Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?), daß es nicht noch
bessere Schriftsteller gibt als Ratasäjeff, ganz gewiß, es gibt bessere,
aber deshalb braucht doch Ratasäjeff noch lange nicht schlecht zu sein:
sie sind eben alle gut; er schreibt gut und die anderen schreiben
meinetwegen auch gut. Außerdem schreibt er, vergessen wir das nicht, nur
für sich – tut es, sagen wir, bloß so in seinen Mußestunden – und das
merkt man ihm dann an, daß er es tut, und zwar zu seinem Vorteil!
Nun leben Sie wohl, mein Kind, schreiben werde ich heute nicht mehr: ich
habe da noch etwas abzuschreiben und muß mich beeilen. Also sehen Sie
zu, mein Liebling, mein Herzchen, daß Sie sich beruhigen. Möge Gott der
Herr Sie behüten, ich aber bin und bleibe
Ihr treuer Freund
Makar Djewuschkin.
P. S. Danke für das Buch, meine Gute, also lesen wir Puschkin. Heute
aber komme ich gegen Abend ganz bestimmt zu Ihnen.
Mein teurer Makar Alexejewitsch!
Nein, mein Freund, nein, es geht nicht, daß ich noch länger hier lebe.
Ich habe nachgedacht und eingesehen, daß es sehr falsch von mir ist,
eine so vorteilhafte Stelle von der Hand zu weisen. Dort werde ich mir
doch wenigstens mein sicheres Stück Brot verdienen. Ich werde mir Mühe
geben, ich werde versuchen, mir die Neigung der fremden Menschen zu
erwerben, und, wenn es nötig sein sollte, auch meinen Charakter zu
ändern. Es ist natürlich schwer und bitter, bei fremden Menschen zu
leben, sich ihnen in allem anzupassen, sich selbst zu verleugnen und von
ihnen abhängig zu sein, aber Gott wird mir sicher helfen. Man kann doch
nicht sein Leben lang menschenfern bleiben! Und ich habe ja auch früher
schon Ähnliches erlebt. Zum Beispiel als ich noch in der Pension war.
Den ganzen Sonntag spielte ich und sprang munter wie ein echter Wildfang
umher, und wenn Mama bisweilen auch schalt – was tat das, ich war doch
froh, und im Herzen war es so hell und warm. Kam aber dann der Abend, da
fühlte ich mich wieder über alle Maßen unglücklich: um neun Uhr hieß es
– nach der Pension zurückkehren! Dort war alles fremd, kalt, streng, die
Lehrerinnen waren Montags immer so mürrisch, und ich fühlte mich so
bedrückt, so elend, daß die Tränen sich nicht mehr zurückdrängen ließen.
Da schlich ich denn leise in einen Winkel und weinte vor lauter
Einsamkeit und Verlassenheit. Natürlich hieß es dann, ich sei faul und
wolle nicht lernen. Und doch war das gar nicht der Grund, weshalb ich
weinte.
Dann aber – womit endete es? Ich gewöhnte mich schließlich an alles, und
als ich die Pension verlassen mußte, weinte ich gar beim Abschied von
den Freundinnen.
Nein, es ist nicht gut, daß ich Ihnen und Fedora hier zur Last bin. Der
Gedanke ist mir eine Qual. Ich sage Ihnen alles ganz offen, weil ich
gewohnt bin, Ihnen nichts zu verhehlen. Sehe ich denn nicht, wie Fedora
jeden Morgen schon in aller Frühe aufsteht und sich ans Waschen macht,
und dann bis in die späte Nacht hinein arbeitet? – Alte Knochen aber
bedürfen der Ruhe. Und sehe ich denn nicht, wie Sie alles für mich
opfern, wie Sie sich selbst das Notwendigste versagen, um Ihr ganzes
Geld nur für mich auszugeben? Ich weiß doch, daß das über Ihre
Verhältnisse geht, mein Freund. Sie schreiben mir, daß Sie eher das
Letzte verkaufen würden, als daß Sie mich Not leiden ließen. Ich glaube
es Ihnen, mein Freund, ich weiß, daß Sie ein gutes Herz haben, – doch
das sagen Sie jetzt nur so. Jetzt haben Sie zufällig überflüssiges Geld,
haben ganz unerwartet eine Gratifikation erhalten. Aber dann? Sie wissen
doch – ich bin immer krank. Ich kann nicht so arbeiten, wie Sie, obschon
ich froh wäre, wenn ich’s könnte, und überdies habe ich auch nicht immer
Arbeit. Was soll ich tun? Mich grämen und quälen, indem ich Sie und
Fedora für mich sorgen lasse und selbst müßig zusehen muß? Wie könnte
ich Ihnen jemals auch nur das Geringste entgelten, wie Ihnen auch nur im
geringsten nützlich sein? Inwiefern bin ich Ihnen denn so unentbehrlich,
mein Freund? Was habe ich Ihnen Gutes getan? Ich bin Ihnen nur von
ganzem Herzen zugetan, ich liebe Sie aufrichtig und von ganzem Herzen,
doch das ist auch alles, was ich tun kann. So ist es nun einmal mein
bitteres Geschick! Zu lieben verstehe ich – aber Gutes tun, Ihre
Wohltaten durch meine Taten erwidern, das kann ich nicht. Also halten
Sie mich nicht mehr zurück, überlegen Sie sich meinen Plan nochmals
gründlich und sagen Sie mir dann Ihre aufrichtige Meinung.
In Erwartung derselben verbleibe ich
Ihre
W. D.