Lieber Makar Alexejewitsch!
Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner Lage herzlich gern
helfen und, wenn ich nur wolle, eine sehr gute Stelle als Gouvernante in
einem Hause verschaffen würden. Was meinen Sie, mein Freund, soll ich
darauf eingehen? Ich würde Ihnen dann nicht mehr zur Last fallen – und
die Stelle scheint gut zu sein. Aber anderseits – der Gedanke ist doch
etwas beängstigend, in einem fremden Hause dienen zu müssen. Es soll
eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden sie über mich Erkundigungen
einziehen, werden mich ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und
überdies bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am liebsten
lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt habe. Es ist nun einmal
gemütlicher und trauter in dem Winkel, an den man sich schon gewöhnt
hat, – und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es ist dennoch
besser. Außerdem müßte ich da noch reisen, und Gott weiß, was sie alles
von mir verlangen werden: vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder
warten! Und was mögen das für Leute sein, wenn sie jetzt binnen zwei
Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante wechseln? Raten Sie mir,
Makar Alexejewitsch, um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder
soll ich nicht?
Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns? Sie zeigen sich so
selten! Außer Sonntags in der Kirche sehen wir uns ja fast überhaupt
nicht mehr. Wie menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich! Aber
wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben Sie mich nicht mehr,
Makar Alexejewitsch? Ich bin, wenn ich mich allein weiß, oft sehr
traurig. Zuweilen, namentlich in der Dämmerung, sitzt man ganz
mutterseelenallein: Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas zu
besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt – man erinnert sich
an alles was einst gewesen ist, an Frohes und Trauriges, alles zieht wie
ein Nebel an einem vorüber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor meinen
Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen zu sehen, wie man sonst
nur im Traum etwas sieht), – doch am häufigsten sehe ich Mama ... Und
was für Träume ich habe! Ich fühle es, daß meine Gesundheit untergraben
ist. Ich bin so schwach. Als ich heute morgen aufstand, wurde mir übel,
und zum Überfluß habe ich auch noch diesen schlimmen Husten! Ich fühle,
ich weiß, daß ich bald sterben werde. Wer wird mich wohl beerdigen? Wer
wird wohl meinem Sarge folgen? Wer wird um mich trauern? ... Und da
müßte ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem fremden Hause, bei
fremden Menschen sterben! ... Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben,
Makar Alexejewitsch!
Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer Konfekt? Ich begreife
wirklich nicht, woher Sie soviel Geld nehmen. Ach, mein guter Freund,
sparen Sie doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora hat
einen Käufer gefunden für den Teppich, den ich genäht habe. Man will für
ihn fünfzehn Rubel geben. Das wäre sehr gut bezahlt: ich dachte, man
würde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen, und für mich werde
ich einen Stoff zu einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren
und wärmeren Kleiderstoff. Für Sie aber werde ich eine Weste machen, ein
schöne Weste: ich werde guten Stoff dazu aussuchen und sie selbst nähen.
Fedora hat mir ein Buch verschafft – Bjelkins Erzählungen –, das ich
Ihnen hiermit zusende, damit auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie
es und behalten Sie es nicht zu lange: es gehört nicht mir. Es ist ein
Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es mit Mama – da hat es denn
in mir traurige Erinnerungen wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten
Male las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie es mir, –
aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht von Ratasäjeff erhalten haben.
Er wird gewiß eines seiner eigenen Werke geben, wenn überhaupt schon
etwas von ihm gedruckt sein sollte. Wie können Ihnen nur seine Romane
gefallen, Makar Alexejewitsch? Solche Dummheiten! ...
Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwätzt habe! Wenn ich mich
bedrückt fühle, dann bin ich immer froh, sprechen zu können. Das ist die
beste Arznei: ich fühle mich sogleich erleichtert, namentlich wenn ich
alles sagen kann, was ich auf dem Herzen habe.
Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund!
Ihre
W. D.