27. Juni.

Lieber Makar Alexejewitsch!

Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner Lage herzlich gern

helfen und, wenn ich nur wolle, eine sehr gute Stelle als Gouvernante in

einem Hause verschaffen würden. Was meinen Sie, mein Freund, soll ich

darauf eingehen? Ich würde Ihnen dann nicht mehr zur Last fallen – und

die Stelle scheint gut zu sein. Aber anderseits – der Gedanke ist doch

etwas beängstigend, in einem fremden Hause dienen zu müssen. Es soll

eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden sie über mich Erkundigungen

einziehen, werden mich ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und

überdies bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am liebsten

lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt habe. Es ist nun einmal

gemütlicher und trauter in dem Winkel, an den man sich schon gewöhnt

hat, – und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es ist dennoch

besser. Außerdem müßte ich da noch reisen, und Gott weiß, was sie alles

von mir verlangen werden: vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder

warten! Und was mögen das für Leute sein, wenn sie jetzt binnen zwei

Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante wechseln? Raten Sie mir,

Makar Alexejewitsch, um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder

soll ich nicht?

Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns? Sie zeigen sich so

selten! Außer Sonntags in der Kirche sehen wir uns ja fast überhaupt

nicht mehr. Wie menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich! Aber

wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben Sie mich nicht mehr,

Makar Alexejewitsch? Ich bin, wenn ich mich allein weiß, oft sehr

traurig. Zuweilen, namentlich in der Dämmerung, sitzt man ganz

mutterseelenallein: Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas zu

besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt – man erinnert sich

an alles was einst gewesen ist, an Frohes und Trauriges, alles zieht wie

ein Nebel an einem vorüber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor meinen

Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen zu sehen, wie man sonst

nur im Traum etwas sieht), – doch am häufigsten sehe ich Mama ... Und

was für Träume ich habe! Ich fühle es, daß meine Gesundheit untergraben

ist. Ich bin so schwach. Als ich heute morgen aufstand, wurde mir übel,

und zum Überfluß habe ich auch noch diesen schlimmen Husten! Ich fühle,

ich weiß, daß ich bald sterben werde. Wer wird mich wohl beerdigen? Wer

wird wohl meinem Sarge folgen? Wer wird um mich trauern? ... Und da

müßte ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem fremden Hause, bei

fremden Menschen sterben! ... Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben,

Makar Alexejewitsch!

Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer Konfekt? Ich begreife

wirklich nicht, woher Sie soviel Geld nehmen. Ach, mein guter Freund,

sparen Sie doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora hat

einen Käufer gefunden für den Teppich, den ich genäht habe. Man will für

ihn fünfzehn Rubel geben. Das wäre sehr gut bezahlt: ich dachte, man

würde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen, und für mich werde

ich einen Stoff zu einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren

und wärmeren Kleiderstoff. Für Sie aber werde ich eine Weste machen, ein

schöne Weste: ich werde guten Stoff dazu aussuchen und sie selbst nähen.

Fedora hat mir ein Buch verschafft – Bjelkins Erzählungen –, das ich

Ihnen hiermit zusende, damit auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie

es und behalten Sie es nicht zu lange: es gehört nicht mir. Es ist ein

Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es mit Mama – da hat es denn

in mir traurige Erinnerungen wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten

Male las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie es mir, –

aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht von Ratasäjeff erhalten haben.

Er wird gewiß eines seiner eigenen Werke geben, wenn überhaupt schon

etwas von ihm gedruckt sein sollte. Wie können Ihnen nur seine Romane

gefallen, Makar Alexejewitsch? Solche Dummheiten! ...

Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwätzt habe! Wenn ich mich

bedrückt fühle, dann bin ich immer froh, sprechen zu können. Das ist die

beste Arznei: ich fühle mich sogleich erleichtert, namentlich wenn ich

alles sagen kann, was ich auf dem Herzen habe.

Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund!

Ihre

W. D.

Sämtliche Werke 14 · 第 32 / 102 题