26. Juni.

Liebe Warinka!

Die Sache ist nämlich die, Kind, daß ich das Büchlein selbst gar nicht

gelesen habe. Es ist wahr, ich las ein wenig, sah, daß es irgendein

Unsinn war, nur so zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu

unterhalten. Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges sein und

vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm ich es und schickte es

Ihnen.

Aber nun hat mir Ratasäjeff versprochen, mir etwas wirklich

Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da werden Sie also wieder gute

Bücher erhalten, mein Kind. Ratasäjeff – der versteht sich darauf! Er

schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt schreibt er, und

einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach großartig! In jedem Wort ist

ein Etwas – sogar im allergewöhnlichsten, alltäglichsten Wort, in jedem

einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal Faldoni oder

Theresa etwas sage, – selbst da versteht er noch, sich stilvoll

auszudrücken. Ich wohne jetzt seinen literarischen Abenden regelmäßig

bei. Wir rauchen Tabak und er liest uns vor, liest bis fünf Stunden in

einem durch, wir aber hören zu, die ganze Zeit. Das sind nun einfach

Perlen, nicht Literatur! Einfach Blumen, duftende Blumen – auf jeder

Seite so viel Blumen, daß man einen Strauß draus winden kann! Und im

Umgang ist er so freundlich, so liebenswürdig. Was bin ich im Vergleich

mit ihm, nun was? – Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann von

Ruf – was aber bin ich? – Nichts! So gut wie nichts, bin neben ihm

überhaupt nichts! Er aber beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich

habe für ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur denken Sie

deshalb nicht, Warinka, daß das irgend etwas auf sich habe, ich meine,

daß er mir deshalb wohlgesinnt sei, weil ich für ihn abschreibe! Hören

Sie nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie ihnen nicht,

beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein, ich tue es ganz aus freien

Stücken, um ihm damit etwas Angenehmes zu erweisen. Und daß er mir sein

Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus freien Stücken, tut’s, um

mir eine Freude zu bereiten. Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu

verstehen: man muß nur wissen, welch ein Zartgefühl sich dahinter birgt.

Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und außerdem ein ganz

unvergleichlicher Schriftsteller.

Es ist eine schöne Sache um die Literatur, Warinka, eine sehr schöne,

das habe ich vorgestern bei ihnen erfahren. Und zugleich eine tiefe

Sache! Sie stärkt und festigt und belehrt die Menschen – und noch

verschiedenes andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet

steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die Literatur – das ist ein

Bild, das heißt in gewissem Sinne, versteht sich; ein Bild und ein

Spiegel; ein Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge; sie ist

Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und ein großes menschliches

Dokument. Das habe ich mir alles von ihnen sagen lassen und aus ihren

Reden gemerkt. Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling, wenn man so

unter ihnen sitzt und zuhört – und man raucht dabei sein Pfeifchen, ganz

wie sie – und wenn sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen und

über die verschiedensten Dinge zu disputieren, da muß ich denn einfach

wie im Kartenspiel sagen: – ich passe. Denn wenn die erst mal loslegen,

Kind, dann bleibt unsereinem nichts anderes übrig, dann müssen wir beide

passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf und schäme

mich vor mir selber. Und wenn man sich auch den ganzen Abend die größte

Mühe gibt, irgendwo ein halbes Wörtchen in das allgemeine Gespräch mit

einzuflechten, so ist man doch nicht einmal dazu fähig. Man kann und

kann dieses halbe Wörtchen nicht finden! Man verfällt aber auch auf rein

gar nichts – man mag’s anstellen wie man will! Das ist wie verhext,

Warinka, und man tut sich schließlich selber leid, daß man so ist, wie

man nun einmal ist, und daß man das Sprichwort auf sich anwenden kann:

dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt.

Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? – Schlafe, schlafe wie ein

alter Esel. An Stelle dieses unnützen Schlafens aber könnte man sich

doch auch mit etwas Angenehmem oder Nützlichem beschäftigen, so zum

Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben, so ganz frei von

sich aus, – was? Sich selbst zu Nutz und Frommen und anderen zum

Vergnügen. Und hören Sie nur, Kind, wieviel sie für ihre Sachen

bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel gleich dieser Ratasäjeff,

was der Mann einnimmt! Was ist es für ihn, einen Bogen vollzuschreiben?

An manchen Tagen hat er sogar ganze fünf geschrieben, und dabei erhält

er, wie er sagt, volle dreihundert Rubel für jeden Bogen! Da hat er

irgend so eine kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein

Anekdotchen oder sonst etwas für die Leute – fünfhundert, gib oder gib

nicht, aber darunter kriegst du es für keinen Preis. Häng dich auf, wenn

du willst. Willst du nicht – nun gut, dann gibt ein anderer tausend! Was

sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna?

Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum Beispiel ein Heftchen

Gedichte, alles solche kleinen Dingerchen – paar Zeilen nur, ganz kurz,

– siebentausend, Kind, siebentausend will er dafür haben, denken Sie

sich! Das ist doch ein Vermögen, groß wie ein ganzes Besitztum, das sind

ja die Prozente eines Hauses von fünf Stockwerken! Fünftausend, sagt er,

biete man ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet und

vernünftig auf ihn eingesprochen, – nehmen Sie doch, Bester, die

fünftausend, nehmen Sie sie nur, und dann können Sie ihnen ja den Rücken

kehren und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fünftausend – das ist doch

Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch sieben geben, die Schufte.

Solch ein Schlaukopf ist er, wirklich!

Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon die Rede ist, eine

Stelle aus den „Italienischen Leidenschaften“ abschreiben. So heißt

nämlich eines seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen

Sie selbst:

– ... Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften brausten wild in ihm

auf und sein Blut geriet in Wallung ...

„Gräfin,“ rief er, „Gräfin! Wissen Sie, wie schrecklich diese

Leidenschaft, wie grenzenlos dieser Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne

täuschen mich nicht! Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe

rasend, wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes würde nicht ausreichen,

die wallende Leidenschaft meiner Seele zu ersticken! Diese kleinen

Hindernisse sind unfähig, das allesvernichtende, höllische Feuer, das in

meiner erschöpften Brust loht, in seinem Flammenstrom aufzuhalten. O

Sinaida, Sinaida! ...“

„Wladimir!“ ... flüsterte die Gräfin fassungslos und schmiegte ihr Haupt

an seine Schulter.

„Sinaida!“ rief Ssmelskij berauscht.

Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem Altar der Liebe schlug

die Lohe hellflammend auf und umfing mit ihrer Glut die Seelen der

Liebenden.

„Wladimir!“ flüsterte die Gräfin trunken. Ihr Busen wogte, ihre Wangen

röteten sich, ihre Augen glühten ...

Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen!

* * * * *

Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in das Boudoir seiner Frau.

„Wie wäre es, mein Herzchen, soll man nicht für unseren teuren Gast den

Ssamowar aufstellen lassen?“ fragte er, seiner Frau die Wange

tätschelnd. –

Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist ja wahr, – es ist ein

wenig frei, das läßt sich nicht leugnen, aber dafür doch schwungvoll und

gut geschrieben. Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich muß Ihnen doch

noch ein Stückchen aus der Novelle „Jermak und Suleika“ abschreiben.

Stellen Sie sich vor, Kind, daß der Kosak Jermak, der tollkühne Eroberer

Sibiriens, in Suleika, die Tochter des sibirischen Herrschers Kutschum,

die er gefangen genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade in

der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte – wie Sie sehen. Hier

schreibe ich Ihnen nun ein Gespräch zwischen Jermak und Suleika ab:

– „Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole es! ...“

„Ich liebe dich, Jermak!“ flüsterte Suleika.

„Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glücklich! Ihr habt mir alles

gegeben, alles, wonach mein wilder Geist seit meinen Jünglingsjahren

strebte! Also hierher hast du mich geführt, mein Leitstern, über den

steinernen Gürtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich meine Suleika

zeigen, und die Menschen, diese wilden Ungeheuer, werden es nicht wagen,

mich zu beschuldigen! O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer

zärtlichen Seele verständen, wenn sie, wie ich, in einer Träne meiner

Suleika eine ganze Welt von Poesie zu erblicken wüßten! O, laß mich mit

Küssen diese Träne trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du

himmlisches Wesen!“

„Jermak,“ sagte Suleika, „die Welt ist böse, die Menschen sind

ungerecht! Sie werden uns verfolgen und verurteilen, mein Liebster! Was

soll das arme Mädchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens

in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort in eurer kalten, eisigen,

seelenlosen, eigennützigen Welt anfangen? Die Menschen werden mich nicht

verstehen, mein Geliebter, mein Ersehnter!“

„Dann sollen sie Kosakensäbel kennen lernen!“ rief Jermak, wild die

Augen rollend. –

Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak, wie er erfährt, daß

seine Suleika ermordet ist. Der verblendete Greis Kutschum hat sich im

Schutz der nächtlichen Dunkelheit während der Abwesenheit Jermaks in

dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet, um sich an

Jermak, der ihn um Zepter und Krone gebracht hat, zu rächen.

„Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen!“ rief Jermak in wilder

Rachgier, und er wetzte den Stahl am Schamanenstein. „Ich muß Blut

sehen, Blut! Rächen, rächen, rächen muß ich sie!!!“

Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch nicht überleben, er

wirft sich in den Irtysch und ertrinkt, und damit ist dann alles zu

Ende.

Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist humoristisch, was nun

kommt, und nur so zum Lachen geschrieben:

– „Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch Sheltopus? Na, das ist doch

derselbe, der den Prokofij Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan

Prokofjewitsch ist ein schroffer Charakter, dafür aber ein selten

tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen liebt außerordentlich

Rettich mit Honig. Als er aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war

... Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist doch dieselbe, die

ihren Rock immer mit dem Futter nach außen anzieht, um das Oberzeug zu

schonen.“ –

Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor! Wir wälzten uns vor Lachen,

als er uns dies vorlas. Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm!

Übrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch, aber im Grunde

doch ganz unschuldig, ganz ohne die geringste Freidenkerei und ohne alle

liberalen Verirrungen. Ich muß Ihnen auch noch sagen, daß Ratasäjeff

vortreffliche Umgangsformen besitzt, und vielleicht liegt hier mit ein

Grund, warum er ein so ausgezeichneter Schriftsteller ist, und mehr als

das, was die anderen sind.

Aber wie wär’s – in der Tat, es kommt einem mitunter der Gedanke in den

Kopf – wie wär’s, wenn auch ich einmal etwas schriebe: was würde dann

wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, daß

plötzlich mir nichts dir nichts ein Buch in der Welt erschiene und auf

dem Deckel stände: „_Gedichte von Makar Djewuschkin._“ Was?! Ja, was

würden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen? Wie würde Ihnen das

vorkommen, was würden Sie dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen

freilich sagen, mein Kind, daß ich mich, sobald mein Buch erschienen

wäre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij zu zeigen wagte. Wie wäre

denn das, wenn ein jeder sagen könnte: „Sieh, dort geht der Dichter

Djewuschkin!“ und ich selbst dieser Djewuschkin wäre!?

Was würde ich dann zum Beispiel bloß mit meinen Stiefeln machen? Die

sind ja doch bei mir, nebenbei bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und

auch die Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft recht weit

vom wünschenswerten Zustande entfernt. Nun, wie wäre denn das, wenn alle

wüßten, daß der Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn

das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erführe, was würde sie

dazu sagen, mein Seelchen? Selbst würde sie es ja vielleicht nicht

bemerken, denn Komtessen und Duchessen beschäftigen sich nicht mit

Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber schließlich bleiben ja

Stiefel immer Stiefel), – nur würde man ihr alles erzählen, meine

eigenen Freunde würden es womöglich tun! Ratasäjeff zum Beispiel wäre

der erste, der es fertig brächte! Er ist oft bei der Gräfin B., besucht

sie, wie er sagt, sogar ohne besondere Einladung, wann es ihm gerade

paßt. Eine gute Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch

gebildete Dame. Ja, dieser Ratasäjeff ist ein Schlaukopf!

Doch übrigens – genug davon! Ich schreibe das ja alles nur so, mein

Engelchen, um Sie zu zerstreuen, also nur zum Scherz. Leben Sie wohl,

mein Täubchen. Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber das

eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders froh gestimmt bin.

Wir speisten nämlich heute alle bei Ratasäjeff, und da (es sind ja doch

Schlingel, mein Kind!) holten sie schließlich solch einen besonderen

Likör hervor ... na – was soll man Ihnen noch viel davon schreiben! Nur

sehen Sie zu, daß Sie jetzt nicht gleich etwas Schlechtes von mir

denken, Warinka. Es war nicht so schlimm! Büchelchen werde ich Ihnen

schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von Hand zu Hand, nur

werden Sie diesen Paul de Kock nicht in die Fingerchen bekommen, mein

Kind ... Nein, nein, Gott behüte! Solch ein Paul de Kock ist nichts für

Sie, Warinka. Man sagt von ihm, daß er bei allen anständigen

Petersburger Kritikern ehrliche Entrüstung hervorgerufen habe.

Ich sende Ihnen noch ein Pfündchen Konfekt – habe es speziell für Sie

gekauft. Und hören Sie, mein Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie

an mich. Nur dürfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeißen! Lutschen Sie

sie nur so, sonst könnten Ihnen noch die Zähnchen nachher wehtun. Aber

vielleicht lieben Sie auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur!

Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei mit Ihnen, mein

Täubchen. Ich aber verbleibe nach wie vor

Ihr treuester Freund

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 31 / 102 题