Liebe Warinka!
Die Sache ist nämlich die, Kind, daß ich das Büchlein selbst gar nicht
gelesen habe. Es ist wahr, ich las ein wenig, sah, daß es irgendein
Unsinn war, nur so zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu
unterhalten. Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges sein und
vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm ich es und schickte es
Ihnen.
Aber nun hat mir Ratasäjeff versprochen, mir etwas wirklich
Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da werden Sie also wieder gute
Bücher erhalten, mein Kind. Ratasäjeff – der versteht sich darauf! Er
schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt schreibt er, und
einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach großartig! In jedem Wort ist
ein Etwas – sogar im allergewöhnlichsten, alltäglichsten Wort, in jedem
einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal Faldoni oder
Theresa etwas sage, – selbst da versteht er noch, sich stilvoll
auszudrücken. Ich wohne jetzt seinen literarischen Abenden regelmäßig
bei. Wir rauchen Tabak und er liest uns vor, liest bis fünf Stunden in
einem durch, wir aber hören zu, die ganze Zeit. Das sind nun einfach
Perlen, nicht Literatur! Einfach Blumen, duftende Blumen – auf jeder
Seite so viel Blumen, daß man einen Strauß draus winden kann! Und im
Umgang ist er so freundlich, so liebenswürdig. Was bin ich im Vergleich
mit ihm, nun was? – Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann von
Ruf – was aber bin ich? – Nichts! So gut wie nichts, bin neben ihm
überhaupt nichts! Er aber beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich
habe für ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur denken Sie
deshalb nicht, Warinka, daß das irgend etwas auf sich habe, ich meine,
daß er mir deshalb wohlgesinnt sei, weil ich für ihn abschreibe! Hören
Sie nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie ihnen nicht,
beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein, ich tue es ganz aus freien
Stücken, um ihm damit etwas Angenehmes zu erweisen. Und daß er mir sein
Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus freien Stücken, tut’s, um
mir eine Freude zu bereiten. Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu
verstehen: man muß nur wissen, welch ein Zartgefühl sich dahinter birgt.
Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und außerdem ein ganz
unvergleichlicher Schriftsteller.
Es ist eine schöne Sache um die Literatur, Warinka, eine sehr schöne,
das habe ich vorgestern bei ihnen erfahren. Und zugleich eine tiefe
Sache! Sie stärkt und festigt und belehrt die Menschen – und noch
verschiedenes andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet
steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die Literatur – das ist ein
Bild, das heißt in gewissem Sinne, versteht sich; ein Bild und ein
Spiegel; ein Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge; sie ist
Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und ein großes menschliches
Dokument. Das habe ich mir alles von ihnen sagen lassen und aus ihren
Reden gemerkt. Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling, wenn man so
unter ihnen sitzt und zuhört – und man raucht dabei sein Pfeifchen, ganz
wie sie – und wenn sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen und
über die verschiedensten Dinge zu disputieren, da muß ich denn einfach
wie im Kartenspiel sagen: – ich passe. Denn wenn die erst mal loslegen,
Kind, dann bleibt unsereinem nichts anderes übrig, dann müssen wir beide
passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf und schäme
mich vor mir selber. Und wenn man sich auch den ganzen Abend die größte
Mühe gibt, irgendwo ein halbes Wörtchen in das allgemeine Gespräch mit
einzuflechten, so ist man doch nicht einmal dazu fähig. Man kann und
kann dieses halbe Wörtchen nicht finden! Man verfällt aber auch auf rein
gar nichts – man mag’s anstellen wie man will! Das ist wie verhext,
Warinka, und man tut sich schließlich selber leid, daß man so ist, wie
man nun einmal ist, und daß man das Sprichwort auf sich anwenden kann:
dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt.
Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? – Schlafe, schlafe wie ein
alter Esel. An Stelle dieses unnützen Schlafens aber könnte man sich
doch auch mit etwas Angenehmem oder Nützlichem beschäftigen, so zum
Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben, so ganz frei von
sich aus, – was? Sich selbst zu Nutz und Frommen und anderen zum
Vergnügen. Und hören Sie nur, Kind, wieviel sie für ihre Sachen
bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel gleich dieser Ratasäjeff,
was der Mann einnimmt! Was ist es für ihn, einen Bogen vollzuschreiben?
An manchen Tagen hat er sogar ganze fünf geschrieben, und dabei erhält
er, wie er sagt, volle dreihundert Rubel für jeden Bogen! Da hat er
irgend so eine kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein
Anekdotchen oder sonst etwas für die Leute – fünfhundert, gib oder gib
nicht, aber darunter kriegst du es für keinen Preis. Häng dich auf, wenn
du willst. Willst du nicht – nun gut, dann gibt ein anderer tausend! Was
sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna?
Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum Beispiel ein Heftchen
Gedichte, alles solche kleinen Dingerchen – paar Zeilen nur, ganz kurz,
– siebentausend, Kind, siebentausend will er dafür haben, denken Sie
sich! Das ist doch ein Vermögen, groß wie ein ganzes Besitztum, das sind
ja die Prozente eines Hauses von fünf Stockwerken! Fünftausend, sagt er,
biete man ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet und
vernünftig auf ihn eingesprochen, – nehmen Sie doch, Bester, die
fünftausend, nehmen Sie sie nur, und dann können Sie ihnen ja den Rücken
kehren und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fünftausend – das ist doch
Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch sieben geben, die Schufte.
Solch ein Schlaukopf ist er, wirklich!
Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon die Rede ist, eine
Stelle aus den „Italienischen Leidenschaften“ abschreiben. So heißt
nämlich eines seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen
Sie selbst:
– ... Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften brausten wild in ihm
auf und sein Blut geriet in Wallung ...
„Gräfin,“ rief er, „Gräfin! Wissen Sie, wie schrecklich diese
Leidenschaft, wie grenzenlos dieser Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne
täuschen mich nicht! Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe
rasend, wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes würde nicht ausreichen,
die wallende Leidenschaft meiner Seele zu ersticken! Diese kleinen
Hindernisse sind unfähig, das allesvernichtende, höllische Feuer, das in
meiner erschöpften Brust loht, in seinem Flammenstrom aufzuhalten. O
Sinaida, Sinaida! ...“
„Wladimir!“ ... flüsterte die Gräfin fassungslos und schmiegte ihr Haupt
an seine Schulter.
„Sinaida!“ rief Ssmelskij berauscht.
Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem Altar der Liebe schlug
die Lohe hellflammend auf und umfing mit ihrer Glut die Seelen der
Liebenden.
„Wladimir!“ flüsterte die Gräfin trunken. Ihr Busen wogte, ihre Wangen
röteten sich, ihre Augen glühten ...
Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen!
* * * * *
Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in das Boudoir seiner Frau.
„Wie wäre es, mein Herzchen, soll man nicht für unseren teuren Gast den
Ssamowar aufstellen lassen?“ fragte er, seiner Frau die Wange
tätschelnd. –
Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist ja wahr, – es ist ein
wenig frei, das läßt sich nicht leugnen, aber dafür doch schwungvoll und
gut geschrieben. Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich muß Ihnen doch
noch ein Stückchen aus der Novelle „Jermak und Suleika“ abschreiben.
Stellen Sie sich vor, Kind, daß der Kosak Jermak, der tollkühne Eroberer
Sibiriens, in Suleika, die Tochter des sibirischen Herrschers Kutschum,
die er gefangen genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade in
der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte – wie Sie sehen. Hier
schreibe ich Ihnen nun ein Gespräch zwischen Jermak und Suleika ab:
– „Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole es! ...“
„Ich liebe dich, Jermak!“ flüsterte Suleika.
„Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glücklich! Ihr habt mir alles
gegeben, alles, wonach mein wilder Geist seit meinen Jünglingsjahren
strebte! Also hierher hast du mich geführt, mein Leitstern, über den
steinernen Gürtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich meine Suleika
zeigen, und die Menschen, diese wilden Ungeheuer, werden es nicht wagen,
mich zu beschuldigen! O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer
zärtlichen Seele verständen, wenn sie, wie ich, in einer Träne meiner
Suleika eine ganze Welt von Poesie zu erblicken wüßten! O, laß mich mit
Küssen diese Träne trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du
himmlisches Wesen!“
„Jermak,“ sagte Suleika, „die Welt ist böse, die Menschen sind
ungerecht! Sie werden uns verfolgen und verurteilen, mein Liebster! Was
soll das arme Mädchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens
in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort in eurer kalten, eisigen,
seelenlosen, eigennützigen Welt anfangen? Die Menschen werden mich nicht
verstehen, mein Geliebter, mein Ersehnter!“
„Dann sollen sie Kosakensäbel kennen lernen!“ rief Jermak, wild die
Augen rollend. –
Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak, wie er erfährt, daß
seine Suleika ermordet ist. Der verblendete Greis Kutschum hat sich im
Schutz der nächtlichen Dunkelheit während der Abwesenheit Jermaks in
dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet, um sich an
Jermak, der ihn um Zepter und Krone gebracht hat, zu rächen.
„Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen!“ rief Jermak in wilder
Rachgier, und er wetzte den Stahl am Schamanenstein. „Ich muß Blut
sehen, Blut! Rächen, rächen, rächen muß ich sie!!!“
Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch nicht überleben, er
wirft sich in den Irtysch und ertrinkt, und damit ist dann alles zu
Ende.
Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist humoristisch, was nun
kommt, und nur so zum Lachen geschrieben:
– „Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch Sheltopus? Na, das ist doch
derselbe, der den Prokofij Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan
Prokofjewitsch ist ein schroffer Charakter, dafür aber ein selten
tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen liebt außerordentlich
Rettich mit Honig. Als er aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war
... Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist doch dieselbe, die
ihren Rock immer mit dem Futter nach außen anzieht, um das Oberzeug zu
schonen.“ –
Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor! Wir wälzten uns vor Lachen,
als er uns dies vorlas. Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm!
Übrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch, aber im Grunde
doch ganz unschuldig, ganz ohne die geringste Freidenkerei und ohne alle
liberalen Verirrungen. Ich muß Ihnen auch noch sagen, daß Ratasäjeff
vortreffliche Umgangsformen besitzt, und vielleicht liegt hier mit ein
Grund, warum er ein so ausgezeichneter Schriftsteller ist, und mehr als
das, was die anderen sind.
Aber wie wär’s – in der Tat, es kommt einem mitunter der Gedanke in den
Kopf – wie wär’s, wenn auch ich einmal etwas schriebe: was würde dann
wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, daß
plötzlich mir nichts dir nichts ein Buch in der Welt erschiene und auf
dem Deckel stände: „_Gedichte von Makar Djewuschkin._“ Was?! Ja, was
würden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen? Wie würde Ihnen das
vorkommen, was würden Sie dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen
freilich sagen, mein Kind, daß ich mich, sobald mein Buch erschienen
wäre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij zu zeigen wagte. Wie wäre
denn das, wenn ein jeder sagen könnte: „Sieh, dort geht der Dichter
Djewuschkin!“ und ich selbst dieser Djewuschkin wäre!?
Was würde ich dann zum Beispiel bloß mit meinen Stiefeln machen? Die
sind ja doch bei mir, nebenbei bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und
auch die Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft recht weit
vom wünschenswerten Zustande entfernt. Nun, wie wäre denn das, wenn alle
wüßten, daß der Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn
das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erführe, was würde sie
dazu sagen, mein Seelchen? Selbst würde sie es ja vielleicht nicht
bemerken, denn Komtessen und Duchessen beschäftigen sich nicht mit
Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber schließlich bleiben ja
Stiefel immer Stiefel), – nur würde man ihr alles erzählen, meine
eigenen Freunde würden es womöglich tun! Ratasäjeff zum Beispiel wäre
der erste, der es fertig brächte! Er ist oft bei der Gräfin B., besucht
sie, wie er sagt, sogar ohne besondere Einladung, wann es ihm gerade
paßt. Eine gute Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch
gebildete Dame. Ja, dieser Ratasäjeff ist ein Schlaukopf!
Doch übrigens – genug davon! Ich schreibe das ja alles nur so, mein
Engelchen, um Sie zu zerstreuen, also nur zum Scherz. Leben Sie wohl,
mein Täubchen. Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber das
eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders froh gestimmt bin.
Wir speisten nämlich heute alle bei Ratasäjeff, und da (es sind ja doch
Schlingel, mein Kind!) holten sie schließlich solch einen besonderen
Likör hervor ... na – was soll man Ihnen noch viel davon schreiben! Nur
sehen Sie zu, daß Sie jetzt nicht gleich etwas Schlechtes von mir
denken, Warinka. Es war nicht so schlimm! Büchelchen werde ich Ihnen
schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von Hand zu Hand, nur
werden Sie diesen Paul de Kock nicht in die Fingerchen bekommen, mein
Kind ... Nein, nein, Gott behüte! Solch ein Paul de Kock ist nichts für
Sie, Warinka. Man sagt von ihm, daß er bei allen anständigen
Petersburger Kritikern ehrliche Entrüstung hervorgerufen habe.
Ich sende Ihnen noch ein Pfündchen Konfekt – habe es speziell für Sie
gekauft. Und hören Sie, mein Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie
an mich. Nur dürfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeißen! Lutschen Sie
sie nur so, sonst könnten Ihnen noch die Zähnchen nachher wehtun. Aber
vielleicht lieben Sie auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur!
Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei mit Ihnen, mein
Täubchen. Ich aber verbleibe nach wie vor
Ihr treuester Freund
Makar Djewuschkin.