12. April.

Sehr geehrte Warwara Alexejewna!

Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen! Jedesmal erschrecken

Sie mich! Ich schreibe Ihnen in jedem Brief, daß Sie sich schonen

sollen, sich warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen, daß

Sie in allem vorsichtig sein sollen, – Sie aber, mein Engelchen, hören

gar nicht darauf, was ich sage! Ach, mein Täubchen, Sie sind doch

wirklich noch ganz wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so

ein Strohhälmchen, das weiß ich doch. Es braucht nur ein Windchen zu

wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb müssen Sie sich auch in acht

nehmen, müssen Sie selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr

auszusetzen und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und Trübsal zu

bereiten.

Sie äußerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein Kind, über meine

Lebensweise und alles, was mich umgibt und angeht, Genaueres zu

erfahren. Gern will ich Ihren Wunsch erfüllen. Ich beginne also –

beginne mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung in der

Sache.

Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind ziemlich mittelmäßig;

die Paradetreppe ist noch ganz gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen:

rein, hell, breit, alles Gußeisen und wie Mahagoni poliertes

Holzgeländer. Dafür ist aber die Hintertreppe so, daß ich lieber gar

nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen Stufen,

und die Wände sind so fettig, daß die Hand kleben bleibt, wenn man sich

an sie stützen will. Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Stühle

und Schränke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum Trocknen

aufgehängt, die Fensterscheiben eingeschlagen; Waschkübel stehen da mit

allem möglichen Schmutz, mit Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und

Tischresten; der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht

schön.

Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben; sie ist – dagegen

läßt sich nichts sagen – wirklich bequem, das ist wahr, aber es ist auch

in ihnen eine etwas dumpfe Luft, das heißt, ich will nicht geradezu

sagen, daß es in den Zimmern schlecht riecht, aber so – es ist nur ein

etwas fauliger Geruch, wenn man sich so ausdrücken darf, in den Zimmern,

irgend so ein süßlich scharfer Modergeruch, oder so ungefähr. Der erste

Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch das hat nichts zu

sagen, man braucht nur ein paar Minuten bei uns zu sein, so vergeht das,

und man merkt nicht einmal, wie es vergeht, denn man fängt selbst an, so

zu riechen, die Kleider und die Hände und alles riecht bald ebenso, –

nun, und da gewöhnt man sich eben daran. Aber alle Zeisige krepieren bei

uns. Der Seemann hat schon den fünften gekauft, aber sie können nun

einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist nichts zu machen. Unsere

Küche ist groß, geräumig und hell. Morgens ist es allerdings etwas

dunstig in ihr, wenn man Fisch oder Fleisch brät und es riecht dann nach

Rauch und Fett, da immer etwas übergegossen wird, und auch der Fußboden

ist morgens meist naß, aber abends ist man dafür wie im Paradies. In der

Küche hängt bei uns gewöhnlich Wäsche zum Trocknen auf Schnüren, und da

mein Zimmer nicht weit ist, das heißt, fast unmittelbar an die Küche

stößt, so stört mich dieser Wäschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das

hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas länger gelebt, wird man

sich auch daran gewöhnen.

Vom frühesten Morgen an, Warinka, beginnt bei uns das Leben, da steht

man auf, geht, lärmt, poltert, – dann stehen nämlich _alle_ auf, die

einen, um in den Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus

eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken. Die Ssamoware gehören

fast alle der Wirtin, es sind ihrer aber nur wenige, deshalb muß ein

jeder aufpassen, wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fällt

und mit seinem Teekännchen früher geht, als er darf, dem wird sogleich,

und zwar tüchtig, der Kopf zurecht gerückt. Das geschah mit mir auch

einmal, gleich am ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei der

Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt. Näher bekannt wurde

ich zunächst mit dem Seemann. Der ist so ein Offenherziger, hat mir

alles gleich erzählt: von seinem Vater und seiner Mutter, von der

Schwester, die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und von

Kronstadt, wo er längere Zeit gelebt hat. Er versprach mir auch seinen

Beistand, wenn ich seiner bedürfen sollte, und lud mich gleich zu sich

zum Abendtee ein. Ich suchte ihn dann auch auf – er war in demselben

Zimmer, in dem man bei uns gewöhnlich Karten spielt. Dort wurde ich mit

Tee bewirtet und dann verlangte man von mir, daß ich an ihrem

Hazardspiel teilnehmen sollte. Wollten sie sich nun über mich lustig

machen oder was sonst, das weiß ich nicht, jedenfalls spielten sie

selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten sie. Überall

Kreide, Karten, und ein Rauch war im Zimmer, daß es einen förmlich in

die Augen biß. Nun, spielen wollte ich natürlich nicht, und da sagten

sie mir, ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter

niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein Wort mehr mit mir. Doch

darüber war ich, wenn ich aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt

gehe ich nicht mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der reine

Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so etwas wie ein Literat ist,

kommt man abends gleichfalls zusammen. Und bei dem geht es anders her,

dort ist alles bescheiden, harmlos und anständig, – ein behaglich

tüchtiges Leben.

Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beiläufig anvertrauen, daß unsere

Wirtin eine sehr schlechte Person ist, eine richtige Hexe. Sie haben

doch Theresa gesehen, – also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch

dran? Mager ist sie wie eine Schwindsüchtige, wie ein gerupftes

Hühnchen. Und dabei hält die Wirtin nur zwei Dienstboten: diese Theresa

und den Faldoni. Ich weiß nicht, wie er eigentlich heißt, vielleicht hat

er auch noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn man ihn so

ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so. Er ist rothaarig, irgendein

Finne, ein schielender Grobian mit einer aufgestülpten Nase: auf die

Theresa schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so würde er

sie einfach prügeln. Überhaupt muß ich sagen, daß das Leben hier nicht

ganz so ist, daß man es gerade gut nennen könnte ... Daß sich zum

Beispiel abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen – das

kommt hier überhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo noch gesessen und

gespielt, manchmal wird aber sogar so etwas getrieben, daß man sich

schämt, es auch nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und

an vieles gewöhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar verheiratete

Leute in einem solchen Sodom leben können. Da ist eine ganze arme

Familie, die hier in einem Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit

den anderen Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem Eckzimmer,

also etwas weiter ab. Stille Leutchen! Niemand hört von ihnen was. Und

sie leben alle in dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine

Scheidewand haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein – vor etwa

sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man weiß nicht, weshalb. Sein

Familienname ist Gorschkoff. Er ist ein kleines, graues Männchen, geht

in alten, abgetragenen Kleidern, daß es ordentlich weh tut, ihn

anzusehen – viel schlechter als ich! So ein armseliges, kränkliches

Kerlchen – ich begegne ihm bisweilen auf dem Korridor. Die Kniee zittern

ihm immer, auch die Hände zittern und der Kopf zittert, von einer

Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon. Schüchtern ist er,

alle fürchtet er, geht jedem scheu aus dem Wege und drückt sich ganz

still und leise längs der Wand an den Menschen vorüber. Auch ich bin ja

mitunter etwas schüchtern, aber mit dem ist das gar kein Vergleich!

Seine Familie besteht aus seiner Frau und drei Kindern. Der älteste

Knabe ist ganz nach dem Vater geraten, auch so ein kränkliches Kerlchen.

Seine Frau muß einmal gut ausgesehen haben, das sieht man jetzt noch ...

sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern – oh, so alten!! Wie ich

hörte, schulden sie der Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt

sie sie nicht gar zu freundlich. Auch hörte ich, daß Gorschkoff selbst

irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben soll, weshalb er

verabschiedet worden sei, – war es nun ein Prozeß oder etwas anderes,

vielleicht eine Anklage, oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden,

das weiß ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm, Gott im

Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer, so still, als wohnte dort

keine Seele. Nicht einmal die Kinder hört man. Und daß sie mal unartig

wären oder ein Spielchen spielten – das kommt gar nicht vor, und ein

schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal kam ich abends an ihrer Tür

vorüber – es war gerade ganz ungewöhnlich still bei uns – da hörte ich

ganz leises Schluchzen, dann ein Flüstern, dann wieder Schluchzen, ganz

als weine dort jemand, aber so still, so hoffnungslos verzweifelt, so

traurig, daß es mir das Herz zerreißen wollte – und dann wurde ich die

halbe Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los, so daß ich

lange nicht einschlafen konnte.

Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen! Da habe ich Ihnen jetzt

alles beschrieben, so, wie ich es verstand. Heute habe ich den ganzen

Tag nur an Sie gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz müde gegrämt.

Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich weiß doch, daß Sie kein warmes

Mäntelchen haben. Und ich kenne doch dieses Petersburger

Frühlingswetter, diese Frühjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch

Schnee bringt, – das ist doch der Tod, Warinka! Da gibt es doch solche

Wetterumschläge, daß Gott uns behüte und bewahre! Nehmen Sie mir,

Herzchen, mein Geschreibsel nicht übel; ich habe keinen Stil, Warinka,

ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen hätte! Ich

schreibe, was mir gerade einfällt, damit Sie eine kleine Zerstreuung

haben, also nur so, um Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt

hätte, dann wäre es etwas anderes; aber so – was habe ich denn gelernt?

Meine Erziehung hat wenig gekostet!

Ihr ewiger und treuer Freund

Makar Djewuschkin.

Sämtliche Werke 14 · 第 15 / 102 题