Sehr geehrte Warwara Alexejewna!
Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen! Jedesmal erschrecken
Sie mich! Ich schreibe Ihnen in jedem Brief, daß Sie sich schonen
sollen, sich warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen, daß
Sie in allem vorsichtig sein sollen, – Sie aber, mein Engelchen, hören
gar nicht darauf, was ich sage! Ach, mein Täubchen, Sie sind doch
wirklich noch ganz wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so
ein Strohhälmchen, das weiß ich doch. Es braucht nur ein Windchen zu
wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb müssen Sie sich auch in acht
nehmen, müssen Sie selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr
auszusetzen und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und Trübsal zu
bereiten.
Sie äußerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein Kind, über meine
Lebensweise und alles, was mich umgibt und angeht, Genaueres zu
erfahren. Gern will ich Ihren Wunsch erfüllen. Ich beginne also –
beginne mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung in der
Sache.
Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind ziemlich mittelmäßig;
die Paradetreppe ist noch ganz gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen:
rein, hell, breit, alles Gußeisen und wie Mahagoni poliertes
Holzgeländer. Dafür ist aber die Hintertreppe so, daß ich lieber gar
nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen Stufen,
und die Wände sind so fettig, daß die Hand kleben bleibt, wenn man sich
an sie stützen will. Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Stühle
und Schränke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum Trocknen
aufgehängt, die Fensterscheiben eingeschlagen; Waschkübel stehen da mit
allem möglichen Schmutz, mit Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und
Tischresten; der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht
schön.
Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben; sie ist – dagegen
läßt sich nichts sagen – wirklich bequem, das ist wahr, aber es ist auch
in ihnen eine etwas dumpfe Luft, das heißt, ich will nicht geradezu
sagen, daß es in den Zimmern schlecht riecht, aber so – es ist nur ein
etwas fauliger Geruch, wenn man sich so ausdrücken darf, in den Zimmern,
irgend so ein süßlich scharfer Modergeruch, oder so ungefähr. Der erste
Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch das hat nichts zu
sagen, man braucht nur ein paar Minuten bei uns zu sein, so vergeht das,
und man merkt nicht einmal, wie es vergeht, denn man fängt selbst an, so
zu riechen, die Kleider und die Hände und alles riecht bald ebenso, –
nun, und da gewöhnt man sich eben daran. Aber alle Zeisige krepieren bei
uns. Der Seemann hat schon den fünften gekauft, aber sie können nun
einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist nichts zu machen. Unsere
Küche ist groß, geräumig und hell. Morgens ist es allerdings etwas
dunstig in ihr, wenn man Fisch oder Fleisch brät und es riecht dann nach
Rauch und Fett, da immer etwas übergegossen wird, und auch der Fußboden
ist morgens meist naß, aber abends ist man dafür wie im Paradies. In der
Küche hängt bei uns gewöhnlich Wäsche zum Trocknen auf Schnüren, und da
mein Zimmer nicht weit ist, das heißt, fast unmittelbar an die Küche
stößt, so stört mich dieser Wäschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das
hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas länger gelebt, wird man
sich auch daran gewöhnen.
Vom frühesten Morgen an, Warinka, beginnt bei uns das Leben, da steht
man auf, geht, lärmt, poltert, – dann stehen nämlich _alle_ auf, die
einen, um in den Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus
eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken. Die Ssamoware gehören
fast alle der Wirtin, es sind ihrer aber nur wenige, deshalb muß ein
jeder aufpassen, wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fällt
und mit seinem Teekännchen früher geht, als er darf, dem wird sogleich,
und zwar tüchtig, der Kopf zurecht gerückt. Das geschah mit mir auch
einmal, gleich am ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei der
Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt. Näher bekannt wurde
ich zunächst mit dem Seemann. Der ist so ein Offenherziger, hat mir
alles gleich erzählt: von seinem Vater und seiner Mutter, von der
Schwester, die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und von
Kronstadt, wo er längere Zeit gelebt hat. Er versprach mir auch seinen
Beistand, wenn ich seiner bedürfen sollte, und lud mich gleich zu sich
zum Abendtee ein. Ich suchte ihn dann auch auf – er war in demselben
Zimmer, in dem man bei uns gewöhnlich Karten spielt. Dort wurde ich mit
Tee bewirtet und dann verlangte man von mir, daß ich an ihrem
Hazardspiel teilnehmen sollte. Wollten sie sich nun über mich lustig
machen oder was sonst, das weiß ich nicht, jedenfalls spielten sie
selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten sie. Überall
Kreide, Karten, und ein Rauch war im Zimmer, daß es einen förmlich in
die Augen biß. Nun, spielen wollte ich natürlich nicht, und da sagten
sie mir, ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter
niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein Wort mehr mit mir. Doch
darüber war ich, wenn ich aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt
gehe ich nicht mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der reine
Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so etwas wie ein Literat ist,
kommt man abends gleichfalls zusammen. Und bei dem geht es anders her,
dort ist alles bescheiden, harmlos und anständig, – ein behaglich
tüchtiges Leben.
Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beiläufig anvertrauen, daß unsere
Wirtin eine sehr schlechte Person ist, eine richtige Hexe. Sie haben
doch Theresa gesehen, – also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch
dran? Mager ist sie wie eine Schwindsüchtige, wie ein gerupftes
Hühnchen. Und dabei hält die Wirtin nur zwei Dienstboten: diese Theresa
und den Faldoni. Ich weiß nicht, wie er eigentlich heißt, vielleicht hat
er auch noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn man ihn so
ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so. Er ist rothaarig, irgendein
Finne, ein schielender Grobian mit einer aufgestülpten Nase: auf die
Theresa schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so würde er
sie einfach prügeln. Überhaupt muß ich sagen, daß das Leben hier nicht
ganz so ist, daß man es gerade gut nennen könnte ... Daß sich zum
Beispiel abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen – das
kommt hier überhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo noch gesessen und
gespielt, manchmal wird aber sogar so etwas getrieben, daß man sich
schämt, es auch nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und
an vieles gewöhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar verheiratete
Leute in einem solchen Sodom leben können. Da ist eine ganze arme
Familie, die hier in einem Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit
den anderen Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem Eckzimmer,
also etwas weiter ab. Stille Leutchen! Niemand hört von ihnen was. Und
sie leben alle in dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine
Scheidewand haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein – vor etwa
sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man weiß nicht, weshalb. Sein
Familienname ist Gorschkoff. Er ist ein kleines, graues Männchen, geht
in alten, abgetragenen Kleidern, daß es ordentlich weh tut, ihn
anzusehen – viel schlechter als ich! So ein armseliges, kränkliches
Kerlchen – ich begegne ihm bisweilen auf dem Korridor. Die Kniee zittern
ihm immer, auch die Hände zittern und der Kopf zittert, von einer
Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon. Schüchtern ist er,
alle fürchtet er, geht jedem scheu aus dem Wege und drückt sich ganz
still und leise längs der Wand an den Menschen vorüber. Auch ich bin ja
mitunter etwas schüchtern, aber mit dem ist das gar kein Vergleich!
Seine Familie besteht aus seiner Frau und drei Kindern. Der älteste
Knabe ist ganz nach dem Vater geraten, auch so ein kränkliches Kerlchen.
Seine Frau muß einmal gut ausgesehen haben, das sieht man jetzt noch ...
sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern – oh, so alten!! Wie ich
hörte, schulden sie der Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt
sie sie nicht gar zu freundlich. Auch hörte ich, daß Gorschkoff selbst
irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben soll, weshalb er
verabschiedet worden sei, – war es nun ein Prozeß oder etwas anderes,
vielleicht eine Anklage, oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden,
das weiß ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm, Gott im
Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer, so still, als wohnte dort
keine Seele. Nicht einmal die Kinder hört man. Und daß sie mal unartig
wären oder ein Spielchen spielten – das kommt gar nicht vor, und ein
schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal kam ich abends an ihrer Tür
vorüber – es war gerade ganz ungewöhnlich still bei uns – da hörte ich
ganz leises Schluchzen, dann ein Flüstern, dann wieder Schluchzen, ganz
als weine dort jemand, aber so still, so hoffnungslos verzweifelt, so
traurig, daß es mir das Herz zerreißen wollte – und dann wurde ich die
halbe Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los, so daß ich
lange nicht einschlafen konnte.
Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen! Da habe ich Ihnen jetzt
alles beschrieben, so, wie ich es verstand. Heute habe ich den ganzen
Tag nur an Sie gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz müde gegrämt.
Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich weiß doch, daß Sie kein warmes
Mäntelchen haben. Und ich kenne doch dieses Petersburger
Frühlingswetter, diese Frühjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch
Schnee bringt, – das ist doch der Tod, Warinka! Da gibt es doch solche
Wetterumschläge, daß Gott uns behüte und bewahre! Nehmen Sie mir,
Herzchen, mein Geschreibsel nicht übel; ich habe keinen Stil, Warinka,
ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen hätte! Ich
schreibe, was mir gerade einfällt, damit Sie eine kleine Zerstreuung
haben, also nur so, um Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt
hätte, dann wäre es etwas anderes; aber so – was habe ich denn gelernt?
Meine Erziehung hat wenig gekostet!
Ihr ewiger und treuer Freund
Makar Djewuschkin.