8. April.

Sehr geehrte Warwara Alexejewna!

Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es muß wohl wieder einmal so ein Tag

sein, wie er einem vom Schicksal öfter beschieden ist! Da haben Sie sich

nun über mich Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Übrigens bin ich

selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer hieß mich auch, in meinem

Alter, mit meinem spärlichen Haarrest auf dem Schädel, auf Abenteuer

ausgehen ... Und noch eins muß ich sagen, mein Kind: der Mensch ist

bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du lieber Gott! auf was er

mitunter nicht zu sprechen kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei

schließlich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber heraus kommt

dabei ein solcher Unsinn, daß Gott uns behüte und bewahre! Ich, mein

Kind, ich ärgere mich ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt

daran zurückzudenken, was ich Ihnen da alles so glücklich und dumm

geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich heute so stolz und

stutzerhaft: es war solch ein Leuchten in meinem Herzen, war so wie ein

Feiertag in der Seele, und doch ganz ohne allen Grund, – so frohgemut

war ich! Mit förmlicher Schaffensgier machte ich mich an die Arbeit, an

die Papiere – und was wurde schließlich daraus? Als ich mich dann umsah,

war wieder alles so wie früher – grau und nüchtern. Überall dieselben

Tintenflecke, wie immer dieselben Tische und Papiere, und auch ich ganz

derselbe: wie ich war, genau so bin ich auch geblieben, – was war da für

ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und woher war denn alles

gekommen? Daher, daß die Sonne einmal durch die Wolken geschaut und der

Himmel sich heller gefärbt hatte. Nur deshalb – dies alles? Und was

können das für Frühlingsdüfte sein, wenn man auf einen Hof hinaussieht,

auf dem aller Unrat der Welt zu finden ist! Da muß ich mir also nur so

aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es kommt doch bisweilen

vor, daß ein Mensch sich in seinen eigenen Gefühlen verwirrt und in die

Weite schweift und Unsinn redet. Das kommt von nichts anderem, als von

alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine Rolle spielt. Nach Hause kam

ich nicht mehr wie andere Menschen, sondern schleppte mich heim: der

Kopf schmerzte. Das kommt dann schon so: eins zum anderen. Ich muß wohl

meinen Rücken erkältet haben. Ich hatte mich, recht wie ein alter Esel,

über den Frühling gefreut und war im leichten Mantel ausgegangen. Auch

das noch! In meinen Gefühlen aber haben Sie sich getäuscht, meine Liebe!

Sie haben meine Äußerungen in einem ganz anderen Sinn aufgefaßt. Nur um

väterliche Zuneigung handelt es sich, Warinka, denn ich nehme bei Ihnen,

in Ihrer bitteren Verwaistheit, die Stelle Ihres Vaters ein, das sage

ich aus reiner Seele und aus reinem Herzen. Wie es auch sei: ich bin

doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch nur ein ganz entfernter

Verwandter, vielleicht wie das Sprichwort sagt: das siebente Wasser in

der Suppe, aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe ich dennoch, und jetzt

bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger Beschützer. Denn dort,

wo es am nächsten lag, daß Sie Schutz und Beistand suchten, dort fanden

Sie nur Verrat und Schmach. Was aber die Gedichte betrifft, so muß ich

Ihnen sagen, mein Kind, daß es sich für mich nicht schickt, mich auf

meine alten Tage noch im Dichten zu üben. Gedichte sind Unsinn! Heute

werden in den Schulen die Kinder geprügelt, wenn sie dichten ... da

sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe.

Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna, von Bequemlichkeit, Ruhe

und was nicht noch alles? Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich

habe niemals besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen

zu mäkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und Schuh – was will man

mehr? Nicht uns steht es zu, Gott weiß was für Sprünge zu machen! – bin

nicht von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger und bezog mit

seiner ganzen Familie ein geringeres Gehalt, als ich. Ich bin nicht

verwöhnt. Übrigens, wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen soll, so

war ja wirklich in meiner früheren Wohnung alles unvergleichlich besser.

Man war freier, unabhängiger, gewiß, mein Kind. Natürlich ist auch meine

jetzige Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar ihre Vorzüge:

es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es gibt mehr Abwechslung und

Zerstreuung. Dagegen will ich nichts sagen, aber es tut mir doch leid um

die alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das heißt, wenn wir

Menschen schon anfangen, älter zu werden. Die alten Sachen, an die wir

uns gewöhnt haben, sind uns schließlich wie verwandt. Die Wohnung war,

wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich hatte ein Zimmerchen für mich.

Die Wände waren ... ach nun, was soll man da reden! – Die Wände waren

wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt es sich, aber die

Erinnerungen an all das Frühere, die machen mich etwas wehmütig ...

Sonderbar – sie bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm,

als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück. Sogar das

Unangenehme, worüber ich mich bisweilen geärgert habe, sogar das

erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesäubert und

ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten ganz

still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige Alte. Ja,

auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war

eine brave Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie strickte

immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale Bänder zerschnitt, mit

ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein beschäftigte sie sich.

Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir abends

an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei ihr, Mascha, ich

erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz klein war – jetzt wird sie

dreizehn sein, schon ein großes Mädchen. Und so unartig war sie, so

ausgelassen, immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir denn zu

dreien, saßen an langen Winterabenden am runden Tisch, tranken unseren

Tee, und dann machten wir uns wieder an die Arbeit. Die Alte begann oft

Märchen zu erzählen, damit Mascha sich nicht langweile oder auch, damit

sie nicht unartig sei. Und was das für Märchen waren! Da konnte nicht

nur ein Kind, nein, auch ein erwachsener, vernünftiger Mensch konnte da

zuhören. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein Pfeifchen

angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit Spannung zugehört und die ganze

Arbeit darüber vergessen. Das Kindchen aber, unser Wildfang, wurde ganz

nachdenklich, stützte das rosige Bäckchen in die Hand, öffnete seinen

kleinen Kindermund und horchte mit großen Augen; und wenn es ein Märchen

zum Fürchten war, dann schmiegte es sich immer näher, immer angstvoller

an die Alte an. Uns aber war es eine Lust, das Kindchen zu betrachten.

Und so saß man oft und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, und

vergaß ganz, daß draußen der Schneesturm wütete. –

Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben wir fast ganze

zwanzig Jahre gemeinsam verlebt. – Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen

werden solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir sind

diese Erinnerungen auch nicht so leicht, – namentlich jetzt in der

Dämmerung. Theresa klappert dort mit dem Geschirr – ich habe

Kopfschmerzen, auch mein Rücken schmerzt ein wenig, und die Gedanken

sind alle so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin heute

traurig gestimmt, Warinka!

Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute? Wie soll ich denn zu

Ihnen kommen? Mein Täubchen, was werden die Leute dazu sagen? Da müßte

ich doch über den Hof gehen, das würde man bemerken und dann fragen, –

da gäbe es denn ein Gerede und daraus entstünden Klatschgeschichten und

man würde die Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist schon

besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse sehe; das wird

vernünftiger sein und für uns beide unschädlicher. Seien Sie mir nicht

böse, mein Kind, weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe.

Beim Durchlesen sehe ich jetzt, daß alles ganz zusammenhanglos ist. Ich

bin ein alter ungelehrter Mensch, Warinka; in der Jugend habe ich nichts

zu Ende gelernt, jetzt aber würde nichts mehr in den Kopf gehen, wenn

man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte. Ich muß schon gestehen,

mein Kind, ich bin kein Meister der Feder und weiß, auch ohne fremde

Hinweise und spöttische Bemerkungen, daß ich, wenn ich einmal etwas

Spaßigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze. – Ich sah Sie

heute am Fenster, ich sah, wie Sie den Vorhang herabließen. Leben Sie

wohl, Gott schütze Sie! Leben Sie wohl, Warwara Alexejewna.

Ihr Freund, der ganz uneigennützig Ihr Freund sein will,

Makar Djewuschkin.

P. S. Ich werde, meine Liebe, über niemanden mehr Satiren schreiben. Ich

bin zu alt geworden, Kind, um müßigerweise noch Scherze zu machen. Man

würde dann auch über mich lachen, denn es ist schon so, wie unser

Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine Grube gräbt, der – fällt selbst

hinein.

Sämtliche Werke 14 · 第 13 / 102 题