Sehr geehrte Warwara Alexejewna!
Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es muß wohl wieder einmal so ein Tag
sein, wie er einem vom Schicksal öfter beschieden ist! Da haben Sie sich
nun über mich Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Übrigens bin ich
selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer hieß mich auch, in meinem
Alter, mit meinem spärlichen Haarrest auf dem Schädel, auf Abenteuer
ausgehen ... Und noch eins muß ich sagen, mein Kind: der Mensch ist
bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du lieber Gott! auf was er
mitunter nicht zu sprechen kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei
schließlich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber heraus kommt
dabei ein solcher Unsinn, daß Gott uns behüte und bewahre! Ich, mein
Kind, ich ärgere mich ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt
daran zurückzudenken, was ich Ihnen da alles so glücklich und dumm
geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich heute so stolz und
stutzerhaft: es war solch ein Leuchten in meinem Herzen, war so wie ein
Feiertag in der Seele, und doch ganz ohne allen Grund, – so frohgemut
war ich! Mit förmlicher Schaffensgier machte ich mich an die Arbeit, an
die Papiere – und was wurde schließlich daraus? Als ich mich dann umsah,
war wieder alles so wie früher – grau und nüchtern. Überall dieselben
Tintenflecke, wie immer dieselben Tische und Papiere, und auch ich ganz
derselbe: wie ich war, genau so bin ich auch geblieben, – was war da für
ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und woher war denn alles
gekommen? Daher, daß die Sonne einmal durch die Wolken geschaut und der
Himmel sich heller gefärbt hatte. Nur deshalb – dies alles? Und was
können das für Frühlingsdüfte sein, wenn man auf einen Hof hinaussieht,
auf dem aller Unrat der Welt zu finden ist! Da muß ich mir also nur so
aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es kommt doch bisweilen
vor, daß ein Mensch sich in seinen eigenen Gefühlen verwirrt und in die
Weite schweift und Unsinn redet. Das kommt von nichts anderem, als von
alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine Rolle spielt. Nach Hause kam
ich nicht mehr wie andere Menschen, sondern schleppte mich heim: der
Kopf schmerzte. Das kommt dann schon so: eins zum anderen. Ich muß wohl
meinen Rücken erkältet haben. Ich hatte mich, recht wie ein alter Esel,
über den Frühling gefreut und war im leichten Mantel ausgegangen. Auch
das noch! In meinen Gefühlen aber haben Sie sich getäuscht, meine Liebe!
Sie haben meine Äußerungen in einem ganz anderen Sinn aufgefaßt. Nur um
väterliche Zuneigung handelt es sich, Warinka, denn ich nehme bei Ihnen,
in Ihrer bitteren Verwaistheit, die Stelle Ihres Vaters ein, das sage
ich aus reiner Seele und aus reinem Herzen. Wie es auch sei: ich bin
doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch nur ein ganz entfernter
Verwandter, vielleicht wie das Sprichwort sagt: das siebente Wasser in
der Suppe, aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe ich dennoch, und jetzt
bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger Beschützer. Denn dort,
wo es am nächsten lag, daß Sie Schutz und Beistand suchten, dort fanden
Sie nur Verrat und Schmach. Was aber die Gedichte betrifft, so muß ich
Ihnen sagen, mein Kind, daß es sich für mich nicht schickt, mich auf
meine alten Tage noch im Dichten zu üben. Gedichte sind Unsinn! Heute
werden in den Schulen die Kinder geprügelt, wenn sie dichten ... da
sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe.
Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna, von Bequemlichkeit, Ruhe
und was nicht noch alles? Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich
habe niemals besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen
zu mäkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und Schuh – was will man
mehr? Nicht uns steht es zu, Gott weiß was für Sprünge zu machen! – bin
nicht von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger und bezog mit
seiner ganzen Familie ein geringeres Gehalt, als ich. Ich bin nicht
verwöhnt. Übrigens, wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen soll, so
war ja wirklich in meiner früheren Wohnung alles unvergleichlich besser.
Man war freier, unabhängiger, gewiß, mein Kind. Natürlich ist auch meine
jetzige Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar ihre Vorzüge:
es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es gibt mehr Abwechslung und
Zerstreuung. Dagegen will ich nichts sagen, aber es tut mir doch leid um
die alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das heißt, wenn wir
Menschen schon anfangen, älter zu werden. Die alten Sachen, an die wir
uns gewöhnt haben, sind uns schließlich wie verwandt. Die Wohnung war,
wissen Sie, ganz klein und gemütlich. Ich hatte ein Zimmerchen für mich.
Die Wände waren ... ach nun, was soll man da reden! – Die Wände waren
wie alle Wände sind, nicht um die Wände handelt es sich, aber die
Erinnerungen an all das Frühere, die machen mich etwas wehmütig ...
Sonderbar – sie bedrücken, aber dennoch ist es, als wären sie angenehm,
als dächte man selbst doch gern an all das Alte zurück. Sogar das
Unangenehme, worüber ich mich bisweilen geärgert habe, sogar das
erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesäubert und
ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten ganz
still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige Alte. Ja,
auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefühlen zurück. Sie war
eine brave Frau und nahm nicht viel für das Zimmerchen. Sie strickte
immer aus alten Zeugstücken, die sie in schmale Bänder zerschnitt, mit
ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein beschäftigte sie sich.
Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb arbeiteten wir abends
an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei ihr, Mascha, ich
erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz klein war – jetzt wird sie
dreizehn sein, schon ein großes Mädchen. Und so unartig war sie, so
ausgelassen, immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir denn zu
dreien, saßen an langen Winterabenden am runden Tisch, tranken unseren
Tee, und dann machten wir uns wieder an die Arbeit. Die Alte begann oft
Märchen zu erzählen, damit Mascha sich nicht langweile oder auch, damit
sie nicht unartig sei. Und was das für Märchen waren! Da konnte nicht
nur ein Kind, nein, auch ein erwachsener, vernünftiger Mensch konnte da
zuhören. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein Pfeifchen
angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit Spannung zugehört und die ganze
Arbeit darüber vergessen. Das Kindchen aber, unser Wildfang, wurde ganz
nachdenklich, stützte das rosige Bäckchen in die Hand, öffnete seinen
kleinen Kindermund und horchte mit großen Augen; und wenn es ein Märchen
zum Fürchten war, dann schmiegte es sich immer näher, immer angstvoller
an die Alte an. Uns aber war es eine Lust, das Kindchen zu betrachten.
Und so saß man oft und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, und
vergaß ganz, daß draußen der Schneesturm wütete. –
Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben wir fast ganze
zwanzig Jahre gemeinsam verlebt. – Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen
werden solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir sind
diese Erinnerungen auch nicht so leicht, – namentlich jetzt in der
Dämmerung. Theresa klappert dort mit dem Geschirr – ich habe
Kopfschmerzen, auch mein Rücken schmerzt ein wenig, und die Gedanken
sind alle so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin heute
traurig gestimmt, Warinka!
Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute? Wie soll ich denn zu
Ihnen kommen? Mein Täubchen, was werden die Leute dazu sagen? Da müßte
ich doch über den Hof gehen, das würde man bemerken und dann fragen, –
da gäbe es denn ein Gerede und daraus entstünden Klatschgeschichten und
man würde die Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist schon
besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse sehe; das wird
vernünftiger sein und für uns beide unschädlicher. Seien Sie mir nicht
böse, mein Kind, weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe.
Beim Durchlesen sehe ich jetzt, daß alles ganz zusammenhanglos ist. Ich
bin ein alter ungelehrter Mensch, Warinka; in der Jugend habe ich nichts
zu Ende gelernt, jetzt aber würde nichts mehr in den Kopf gehen, wenn
man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte. Ich muß schon gestehen,
mein Kind, ich bin kein Meister der Feder und weiß, auch ohne fremde
Hinweise und spöttische Bemerkungen, daß ich, wenn ich einmal etwas
Spaßigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze. – Ich sah Sie
heute am Fenster, ich sah, wie Sie den Vorhang herabließen. Leben Sie
wohl, Gott schütze Sie! Leben Sie wohl, Warwara Alexejewna.
Ihr Freund, der ganz uneigennützig Ihr Freund sein will,
Makar Djewuschkin.
P. S. Ich werde, meine Liebe, über niemanden mehr Satiren schreiben. Ich
bin zu alt geworden, Kind, um müßigerweise noch Scherze zu machen. Man
würde dann auch über mich lachen, denn es ist schon so, wie unser
Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine Grube gräbt, der – fällt selbst
hinein.