8. April.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Wissen Sie, daß man Ihnen endlich einmal die Freundschaft wird kündigen

müssen? Ich schwöre Ihnen, guter Makar Alexejewitsch, es fällt mir

furchtbar schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß doch, wieviel sie

kosten und was das für Ihren Beutel ausmacht, zu wieviel Entbehrungen

Sie sich deshalb zwingen, wie Sie sich das Notwendigste selbst

verweigern. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich nichts nötig

habe, ganz und gar nichts, daß es nicht in meinen Kräften steht, die

Wohltaten, mit denen Sie mich überschütten, zu erwidern. Und wozu diese

Blumen? Die Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun noch

Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes Wort zu entschlüpfen, wie

zum Beispiel meine Bemerkung über Geranium, da müssen Sie auch schon

sofort Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer? Wie wundervoll

die Blüten sind! So leuchtend rot, und Stern steht an Stern. Wo haben

Sie nur ein so schönes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf

auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste Stelle. Auf das

Bänkchen vor dem Fenster werde ich noch andere Blumen stellen, lassen

Sie mich nur erst reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen –

unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber und hell und

freundlich. Aber wozu war denn das Konfekt nötig? Übrigens: ich erriet

es sogleich aus Ihrem Brief, daß irgend etwas nicht richtig ist:

Frühling und Wohlgerüche und Vogelgezwitscher – nein, dachte ich, sollte

nicht gar noch ein Gedicht folgen? Denn wirklich, es fehlen nur noch

Verse in Ihrem Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefühle sind zärtlich

und die Gedanken rosafarben – alles, wie es sich gehört! An den Vorhang

habe ich überhaupt nicht gedacht. Der Zipfel muß an einem Zweige hängen

geblieben sein, als ich die Blumentöpfe umstellte. Da haben Sie es!

Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und rechnen mir Ihre

Einnahmen und Ausgaben vor, um mich zu beruhigen und glauben zu machen,

daß Sie alles nur für sich allein ausgeben! Mich können Sie damit doch

nicht betrügen. Ich weiß doch, daß Sie sich des Notwendigsten um

meinetwillen berauben. Was ist Ihnen denn eingefallen, daß Sie sich ein

solches Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man beunruhigt Sie

doch, man belästigt Sie dort, das Zimmer wird gewiß eng und unbequem und

ungemütlich sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber – was wird

denn das für ein Leben sein? Und bei Ihrem Gehalt könnten Sie doch viel

besser wohnen. Fedora sagt, daß Sie früher unvergleichlich besser gelebt

hätten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht,

immer einsam, immer mit Entbehrungen, ohne Freude, ohne ein gutes,

liebes Wort zu hören, immer in einem bei fremden Menschen gemieteten

Winkel? Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid tun! So schonen Sie

doch wenigstens Ihre Gesundheit, Makar Alexejewitsch! Sie erwähnen, daß

Ihre Augen angegriffen seien, – so schreiben Sie doch nicht bei

Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn noch? Ihr Diensteifer wird

Ihren Vorgesetzten doch wohl ohnehin schon bekannt sein.

Ich bitte Sie nochmals inständig, verschwenden Sie nicht soviel Geld für

mich. Ich weiß, daß Sie mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht

reich ... Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte. Es war

mir so leicht zumut. Fedora war schon lange an der Arbeit und hatte auch

mir Arbeit verschafft. Darüber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch

aus, um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls an die

Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag war ich so heiter! Jetzt

aber – wieder trübe Gedanken, alles so traurig, das Herz tut mir weh.

Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird mein Schicksal sein! Das

Schwerste ist, daß man so nichts, nichts davon weiß, was einem

bevorsteht, daß man so gar keine Zukunft hat, und daß man nicht einmal

erraten kann, was aus einem werden wird. Und zurückzuschauen, davor

graut mir einfach! Dort liegt soviel Leid und Qual, daß das Herz mir

schon bei der bloßen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang werde ich

unter Tränen die Menschen anklagen, die mich zugrunde gerichtet haben.

Diese schrecklichen Menschen!

Es dunkelt schon. Es ist Zeit, daß ich mich wieder an die Arbeit mache.

Ich würde Ihnen gern noch vieles schreiben, doch diesmal geht es nicht:

die Arbeit muß zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da muß ich mich

beeilen. Briefe zu erhalten ist natürlich immer angenehm: es ist dann

doch nicht so langweilig. Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns?

Wirklich, warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen ja jetzt so nahe,

und soviel freie Zeit werden Sie doch wohl haben. Also bitte, besuchen

Sie uns! Ich sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie hat

mir so leid getan, daß ich ihr zwanzig Kopeken gab.

Ja, fast hätte ich es vergessen: schreiben Sie mir unbedingt alles

möglichst ausführlichst – wie Sie leben, was um Sie herum vorgeht –

alles! – Was es für Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in

Frieden mit ihnen auskommen? Ich möchte das alles sehr gern wissen. Also

vergessen Sie es nicht, schreiben Sie es unbedingt! Heute werde ich

unabsichtlich ganz gewiß keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen

Sie früher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht Licht bei

Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist wieder alles da: Trauer und

Trübsal und Langeweile! Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl.

Ihre

Warwara Dobrosseloff.

Sämtliche Werke 14 · 第 12 / 102 题