Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!
Wissen Sie, daß man Ihnen endlich einmal die Freundschaft wird kündigen
müssen? Ich schwöre Ihnen, guter Makar Alexejewitsch, es fällt mir
furchtbar schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß doch, wieviel sie
kosten und was das für Ihren Beutel ausmacht, zu wieviel Entbehrungen
Sie sich deshalb zwingen, wie Sie sich das Notwendigste selbst
verweigern. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich nichts nötig
habe, ganz und gar nichts, daß es nicht in meinen Kräften steht, die
Wohltaten, mit denen Sie mich überschütten, zu erwidern. Und wozu diese
Blumen? Die Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun noch
Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes Wort zu entschlüpfen, wie
zum Beispiel meine Bemerkung über Geranium, da müssen Sie auch schon
sofort Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer? Wie wundervoll
die Blüten sind! So leuchtend rot, und Stern steht an Stern. Wo haben
Sie nur ein so schönes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf
auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste Stelle. Auf das
Bänkchen vor dem Fenster werde ich noch andere Blumen stellen, lassen
Sie mich nur erst reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen –
unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber und hell und
freundlich. Aber wozu war denn das Konfekt nötig? Übrigens: ich erriet
es sogleich aus Ihrem Brief, daß irgend etwas nicht richtig ist:
Frühling und Wohlgerüche und Vogelgezwitscher – nein, dachte ich, sollte
nicht gar noch ein Gedicht folgen? Denn wirklich, es fehlen nur noch
Verse in Ihrem Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefühle sind zärtlich
und die Gedanken rosafarben – alles, wie es sich gehört! An den Vorhang
habe ich überhaupt nicht gedacht. Der Zipfel muß an einem Zweige hängen
geblieben sein, als ich die Blumentöpfe umstellte. Da haben Sie es!
Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und rechnen mir Ihre
Einnahmen und Ausgaben vor, um mich zu beruhigen und glauben zu machen,
daß Sie alles nur für sich allein ausgeben! Mich können Sie damit doch
nicht betrügen. Ich weiß doch, daß Sie sich des Notwendigsten um
meinetwillen berauben. Was ist Ihnen denn eingefallen, daß Sie sich ein
solches Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man beunruhigt Sie
doch, man belästigt Sie dort, das Zimmer wird gewiß eng und unbequem und
ungemütlich sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber – was wird
denn das für ein Leben sein? Und bei Ihrem Gehalt könnten Sie doch viel
besser wohnen. Fedora sagt, daß Sie früher unvergleichlich besser gelebt
hätten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so verbracht,
immer einsam, immer mit Entbehrungen, ohne Freude, ohne ein gutes,
liebes Wort zu hören, immer in einem bei fremden Menschen gemieteten
Winkel? Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid tun! So schonen Sie
doch wenigstens Ihre Gesundheit, Makar Alexejewitsch! Sie erwähnen, daß
Ihre Augen angegriffen seien, – so schreiben Sie doch nicht bei
Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn noch? Ihr Diensteifer wird
Ihren Vorgesetzten doch wohl ohnehin schon bekannt sein.
Ich bitte Sie nochmals inständig, verschwenden Sie nicht soviel Geld für
mich. Ich weiß, daß Sie mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht
reich ... Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte. Es war
mir so leicht zumut. Fedora war schon lange an der Arbeit und hatte auch
mir Arbeit verschafft. Darüber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch
aus, um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls an die
Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag war ich so heiter! Jetzt
aber – wieder trübe Gedanken, alles so traurig, das Herz tut mir weh.
Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird mein Schicksal sein! Das
Schwerste ist, daß man so nichts, nichts davon weiß, was einem
bevorsteht, daß man so gar keine Zukunft hat, und daß man nicht einmal
erraten kann, was aus einem werden wird. Und zurückzuschauen, davor
graut mir einfach! Dort liegt soviel Leid und Qual, daß das Herz mir
schon bei der bloßen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang werde ich
unter Tränen die Menschen anklagen, die mich zugrunde gerichtet haben.
Diese schrecklichen Menschen!
Es dunkelt schon. Es ist Zeit, daß ich mich wieder an die Arbeit mache.
Ich würde Ihnen gern noch vieles schreiben, doch diesmal geht es nicht:
die Arbeit muß zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da muß ich mich
beeilen. Briefe zu erhalten ist natürlich immer angenehm: es ist dann
doch nicht so langweilig. Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns?
Wirklich, warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen ja jetzt so nahe,
und soviel freie Zeit werden Sie doch wohl haben. Also bitte, besuchen
Sie uns! Ich sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie hat
mir so leid getan, daß ich ihr zwanzig Kopeken gab.
Ja, fast hätte ich es vergessen: schreiben Sie mir unbedingt alles
möglichst ausführlichst – wie Sie leben, was um Sie herum vorgeht –
alles! – Was es für Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in
Frieden mit ihnen auskommen? Ich möchte das alles sehr gern wissen. Also
vergessen Sie es nicht, schreiben Sie es unbedingt! Heute werde ich
unabsichtlich ganz gewiß keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen
Sie früher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht Licht bei
Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist wieder alles da: Trauer und
Trübsal und Langeweile! Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl.
Ihre
Warwara Dobrosseloff.