8. April.

Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!

Gestern war ich glücklich, über alle Maßen glücklich, wie man

glücklicher gar nicht sein kann! So haben Sie Eigensinnige doch

wenigstens einmal im Leben auf mich gehört! Als ich am Abend, so gegen

acht Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, daß ich mich nach dem

Dienst ein bis zwei Stündchen etwas auszustrecken liebe), da holte ich

mir meine Kerze – und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe

und nur noch meine Feder spitze, schaue ich plötzlich ganz unversehens

auf – da: wirklich, mein Herz begann zu hüpfen! So haben Sie doch

erraten, was ich wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster war

zurückgeschlagen und an einem Blumentopf mit Balsaminen angesteckt,

genau so, wie ich es Ihnen damals anzudeuten versuchte. Dabei schien es

mir noch, daß auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flüchtig

auftauchte, daß auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach mir ausschauten, daß

Sie gleichfalls an mich dachten! Und wie es mich verdroß, mein Täubchen,

daß ich Ihr liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte!

Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit klaren Augen sahen,

mein Kind. Das Alter ist keine Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es

wieder so, als flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends

noch ein bißchen, schreibt man noch etwas, so sind die Augen am nächsten

Morgen gleich rot und tränen so, daß man sich vor fremden Leuten fast

schämen muß. Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lächeln, mein Kind,

Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem Herzen hatte ich ganz

dieselbe Empfindung, wie damals, als ich Sie einmal küßte, Warinka –

erinnern Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen, es schien

mir sogar, als ob Sie mir mit dem Finger drohten. War es so, Sie Unart?

Das müssen Sie mir unbedingt ausführlich erzählen, wenn Sie mir wieder

einmal schreiben.

Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich meine, das mit Ihrem

Fenstervorhang, Warinka? Gar zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der

Arbeit, oder lege ich mich schlafen, oder stehe ich auf – immer weiß ich

dann, daß auch Sie dort an mich denken, sich meiner erinnern, und auch

selbst gesund und heiter sind. Lassen Sie den Vorhang herab, so heißt

das: „Gute Nacht, Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu gehen!“

Heben Sie ihn wieder auf, so heißt das: „Guten Morgen, Makar

Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen, und wie steht es mit Ihrer

Gesundheit, Makar Alexejewitsch? Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund

und wohlgemut!“

Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen ist. So sind gar

keine Briefe nötig! Schlau, nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung

stammt von mir! Nun was – bin ich nicht erfinderisch, Warwara

Alexejewna?

Ich muß Ihnen doch noch berichten, mein Kind, daß ich diese Nacht recht

gut geschlafen habe, eigentlich gegen alle Erwartung gut, womit ich denn

auch sehr zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung, schon aus

Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen pflegt; es ist eben doch

immer nicht alles so, wie es sein muß. Als ich heute aufstand, war es

mir ganz wie – wie – nun, wie so einem lichten Falken ums Herz – froh

und sorgenfrei! Was ist das doch heute für ein schöner Morgen, mein

Kind! Unser Fenster wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die

Vögel zwitschern, die Luft ist erfüllt von Frühlingsdüften und die ganze

Natur lebt auf, – nun, und auch alles andere war genau so, wie es sich

gehört, genau wie es sein muß, wenn es Frühling wird. Ich versank sogar

ein Weilchen in Träumerei und dabei dachte ich nur an Sie, Warinka. Ich

verglich Sie in Gedanken mit einem Himmelsvögelchen, das so recht zur

Freude der Menschen und zur Verschönerung der Natur erschaffen ist.

Dabei dachte ich auch, daß wir, Warinka, wir Menschen, die wir in Sorgen

und Ängsten leben, die kleinen Himmelsvöglein um ihr sorgenloses und

unschuldiges Glück beneiden könnten, – nun und Ähnliches mehr, alles von

der Art, dachte ich. Das heißt, ich machte nur so entfernte Vergleiche

... Ich habe da ein Büchelchen, Warinka, in dem ist von solchen Dingen

die Rede, und alles ist ganz ausführlich beschrieben. Ich schreibe das

deshalb, weil ich nur sagen will, daß es doch sonst immer verschiedene

Auffassungen gibt, nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist es Frühling,

und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken, so geistreiche und

erfinderische obendrein, und sogar zärtliche Träumereien kommen einem.

Die ganze Welt erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb habe ich auch

dies alles geschrieben. Übrigens habe ich es meist dem Büchelchen

entnommen. Dort äußert der Verfasser ganz denselben Wunsch, nur in

Versen:

„Ein Vogel, ein Raubvogel möchte ich sein!“

Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene andere Gedanken vor,

aber – nun, Gott mit Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute

morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch nicht zum Dienst

aufgemacht, da gingen Sie bereits fröhlich über den Hof, hatten schon

wie ein Frühlingsvöglein Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein Herz

sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka! Grämen Sie sich

doch nicht! Mit Tränen hilft man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich

weiß es, weiß es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch so ruhig

und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit geht es besser. – Nun, was

macht Ihre Fedora? Ach, was ist das für ein guter Mensch! Sie müssen mir

alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit ihr leben und ob Sie

auch mit allem zufrieden sind? Fedora ist mitunter etwas brummig, aber

Sie müssen das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr! Sie ist

doch eine gute Seele.

Ich habe Ihnen schon früher von unserer Theresa geschrieben – sie ist

gleichfalls eine gute und treue Person. Was hab’ ich mir doch um unsere

Briefe für Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befördern? Da kam uns denn

zu unserem Glück diese Theresa, kam wie von Gott gesandt. Sie ist eine

gute, bescheidene, stille Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft

erbarmungslos, so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird mit

Arbeit ganz überhäuft.

Doch in was für eine Wildnis bin ich hier geraten, Warwara Alexejewna!

Das ist mir mal eine Wohnung, das muß ich sagen! Früher lebte ich doch

in einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still, wenn

einmal eine Fliege flog, hörte man es. Hier aber – Lärm, Geschrei,

Gezeter! Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wie das hier eigentlich

alles ist. Denken Sie sich ungefähr einen langen Korridor, einen ganz

dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer, ohne Fenster, ohne

Türen; links aber ist Tür an Tür, ganz wie in einem Hotel, so eine lange

Reihe Türen. Und hinter jeder Tür ist nur ein Zimmer, Nummer

Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern wohnen zwei bis drei zusammen,

je nachdem, und die zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung dürfen Sie nicht

verlangen – das ist hier wie in der Arche Noah! Doch sind es, glaube

ich, trotzdem gute Menschen, alle sind sie so gebildet, sogar gelehrt.

Unter anderen wohnt hier ein Beamter – ein sehr belesener Mann: er

spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen Schriftstellern,

von allem spricht er, – ein kluger Mensch! Dann wohnen hier noch zwei

ehemalige Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein Seemann, der

englische Stunden gibt. – Warten Sie mal, ich werde Sie einmal zum

Lachen bringen, mein Kind: ich werde in meinem nächsten Brief alle die

Leute satirisch beschreiben, das heißt, wie sie hier hausen, und zwar

ganz ausführlich!

Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes altes Weib, geht den

ganzen Tag in Pantoffeln und in einem Schlafrock umher und schimpft

ununterbrochen die Theresa. Ich wohne in der Küche, oder richtiger

gesagt – Sie müssen sich das so denken: hier neben der Küche ist noch

ein Zimmer (unsere Küche ist, muß ich Ihnen sagen, rein und hell und

sehr anständig), ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes

Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird es so sein: die

Küche ist groß und hat drei Fenster, und bei mir ist nun parallel der

Querwand eine Scheidewand angebracht, so daß es sozusagen noch ein

Zimmerchen gibt, eine Nummer „über den Etat“, wie man sagt. Alles ist

geräumig und bequem, und sogar ein Fenster habe ich und überhaupt alles,

– mit einem Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist also

mein Winkelchen. Aber nun müssen Sie nicht etwa denken, Kind, daß irgend

etwas dabei sei und ich einen Hintergedanken habe: weil das immerhin nur

eine Küche ist! Das heißt, genau genommen lebe ich ja in demselben Raum,

nur hinter einer Scheidewand, aber das hat nichts zu sagen! Ich lebe

hier ganz heimlich und mäuschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe

hier mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei Stühle,

jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild aufgehängt. Es gibt

gewiß bessere Wohnungen, sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist

doch die Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil ich es so

am bequemsten habe – Sie brauchen nicht zu denken, daß ich es aus

irgendeinem anderen Grunde tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade

gegenüber, über den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines

Höfchen, da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder im

Vorübergehen, – das ist doch immer etwas geselliger für mich Armen, und

auch billiger.

Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit der Beköstigung

zusammen fünfunddreißig Rubel monatlich. Das ist nichts für meinen

Beutel! Mein Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und für die

Beköstigung zahle ich fünf, während ich früher für alles in allem runde

dreißig Rubel zahlte, dafür aber auf vieles verzichten mußte: so konnte

ich nicht immer Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug

für Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so – tatsächlich: man

schämt sich irgendwie, wenn man keinen Tee trinken kann, Warinka. Hier

wohnen nur Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man sich eben.

Und eigentlich: nur wegen der anderen trinkt man ihn, den Tee, Warinka,

nur des Ansehens wegen, weil es hier zum guten Ton gehört. Mir wäre es

ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf Genüsse gibt.

Und dann, was man so noch als Taschengeld braucht – denn irgend etwas

hat man doch immer nötig – nun, sei es ein Paar Stiefel, ein

Kleidungsstück – wieviel bleibt denn da übrig? So geht denn mein ganzes

Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin ganz zufrieden. Für mich genügt

es. Hat es doch schon viele Jahre genügt! Hin und wieder gibt es auch

noch Gratifikationen.

Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe da ein paar Blumen

gekauft, zwei Töpfchen, eines mit Balsaminen und eines mit Geranium –

nicht teuer. Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda ist zu

haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausführlich, ja? Übrigens

müssen Sie da nicht irgendwie etwas argwöhnen, Kind, ich meine – was

mich betrifft, und daß ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein, nur

die Bequemlichkeit veranlaßte mich dazu, nur, daß es in allem so bequem

war, das verleitete mich. – Ich habe doch, das muß ich Ihnen noch sagen,

Kind, ich habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt: oh ja:

ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf, daß ich so still und

zaghaft bin, daß es aussieht, als könne mich eine Fliege mit den Flügeln

umstoßen. Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und habe gerade

den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem Gewissen und in der

Festigkeit, die uns unsere Anständigkeit gibt, haben muß. Leben Sie

wohl, mein Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben

und es ist bereits höchste Zeit zum Dienst. Ich küsse Ihre Fingerchen,

Warinka, und verbleibe

Ihr ergebenster Diener und treuester Freund

Makar Djewuschkin.

P. S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie mir recht ausführlich,

mein Engelchen. Ich sende Ihnen hier eine Düte Konfekt, Warinka;

verschmausen Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes willen

keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur nicht irgend etwas übel. Und

nun leben Sie wohl, mein Kind.

Sämtliche Werke 14 · 第 11 / 102 题