Meine unschätzbare Warwara Alexejewna!
Gestern war ich glücklich, über alle Maßen glücklich, wie man
glücklicher gar nicht sein kann! So haben Sie Eigensinnige doch
wenigstens einmal im Leben auf mich gehört! Als ich am Abend, so gegen
acht Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, daß ich mich nach dem
Dienst ein bis zwei Stündchen etwas auszustrecken liebe), da holte ich
mir meine Kerze – und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe
und nur noch meine Feder spitze, schaue ich plötzlich ganz unversehens
auf – da: wirklich, mein Herz begann zu hüpfen! So haben Sie doch
erraten, was ich wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster war
zurückgeschlagen und an einem Blumentopf mit Balsaminen angesteckt,
genau so, wie ich es Ihnen damals anzudeuten versuchte. Dabei schien es
mir noch, daß auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flüchtig
auftauchte, daß auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach mir ausschauten, daß
Sie gleichfalls an mich dachten! Und wie es mich verdroß, mein Täubchen,
daß ich Ihr liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte!
Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit klaren Augen sahen,
mein Kind. Das Alter ist keine Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es
wieder so, als flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends
noch ein bißchen, schreibt man noch etwas, so sind die Augen am nächsten
Morgen gleich rot und tränen so, daß man sich vor fremden Leuten fast
schämen muß. Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lächeln, mein Kind,
Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem Herzen hatte ich ganz
dieselbe Empfindung, wie damals, als ich Sie einmal küßte, Warinka –
erinnern Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen, es schien
mir sogar, als ob Sie mir mit dem Finger drohten. War es so, Sie Unart?
Das müssen Sie mir unbedingt ausführlich erzählen, wenn Sie mir wieder
einmal schreiben.
Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich meine, das mit Ihrem
Fenstervorhang, Warinka? Gar zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der
Arbeit, oder lege ich mich schlafen, oder stehe ich auf – immer weiß ich
dann, daß auch Sie dort an mich denken, sich meiner erinnern, und auch
selbst gesund und heiter sind. Lassen Sie den Vorhang herab, so heißt
das: „Gute Nacht, Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu gehen!“
Heben Sie ihn wieder auf, so heißt das: „Guten Morgen, Makar
Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen, und wie steht es mit Ihrer
Gesundheit, Makar Alexejewitsch? Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund
und wohlgemut!“
Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen ist. So sind gar
keine Briefe nötig! Schlau, nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung
stammt von mir! Nun was – bin ich nicht erfinderisch, Warwara
Alexejewna?
Ich muß Ihnen doch noch berichten, mein Kind, daß ich diese Nacht recht
gut geschlafen habe, eigentlich gegen alle Erwartung gut, womit ich denn
auch sehr zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung, schon aus
Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen pflegt; es ist eben doch
immer nicht alles so, wie es sein muß. Als ich heute aufstand, war es
mir ganz wie – wie – nun, wie so einem lichten Falken ums Herz – froh
und sorgenfrei! Was ist das doch heute für ein schöner Morgen, mein
Kind! Unser Fenster wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die
Vögel zwitschern, die Luft ist erfüllt von Frühlingsdüften und die ganze
Natur lebt auf, – nun, und auch alles andere war genau so, wie es sich
gehört, genau wie es sein muß, wenn es Frühling wird. Ich versank sogar
ein Weilchen in Träumerei und dabei dachte ich nur an Sie, Warinka. Ich
verglich Sie in Gedanken mit einem Himmelsvögelchen, das so recht zur
Freude der Menschen und zur Verschönerung der Natur erschaffen ist.
Dabei dachte ich auch, daß wir, Warinka, wir Menschen, die wir in Sorgen
und Ängsten leben, die kleinen Himmelsvöglein um ihr sorgenloses und
unschuldiges Glück beneiden könnten, – nun und Ähnliches mehr, alles von
der Art, dachte ich. Das heißt, ich machte nur so entfernte Vergleiche
... Ich habe da ein Büchelchen, Warinka, in dem ist von solchen Dingen
die Rede, und alles ist ganz ausführlich beschrieben. Ich schreibe das
deshalb, weil ich nur sagen will, daß es doch sonst immer verschiedene
Auffassungen gibt, nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist es Frühling,
und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken, so geistreiche und
erfinderische obendrein, und sogar zärtliche Träumereien kommen einem.
Die ganze Welt erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb habe ich auch
dies alles geschrieben. Übrigens habe ich es meist dem Büchelchen
entnommen. Dort äußert der Verfasser ganz denselben Wunsch, nur in
Versen:
„Ein Vogel, ein Raubvogel möchte ich sein!“
Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene andere Gedanken vor,
aber – nun, Gott mit Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute
morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch nicht zum Dienst
aufgemacht, da gingen Sie bereits fröhlich über den Hof, hatten schon
wie ein Frühlingsvöglein Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein Herz
sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka! Grämen Sie sich
doch nicht! Mit Tränen hilft man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich
weiß es, weiß es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch so ruhig
und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit geht es besser. – Nun, was
macht Ihre Fedora? Ach, was ist das für ein guter Mensch! Sie müssen mir
alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit ihr leben und ob Sie
auch mit allem zufrieden sind? Fedora ist mitunter etwas brummig, aber
Sie müssen das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr! Sie ist
doch eine gute Seele.
Ich habe Ihnen schon früher von unserer Theresa geschrieben – sie ist
gleichfalls eine gute und treue Person. Was hab’ ich mir doch um unsere
Briefe für Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befördern? Da kam uns denn
zu unserem Glück diese Theresa, kam wie von Gott gesandt. Sie ist eine
gute, bescheidene, stille Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft
erbarmungslos, so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird mit
Arbeit ganz überhäuft.
Doch in was für eine Wildnis bin ich hier geraten, Warwara Alexejewna!
Das ist mir mal eine Wohnung, das muß ich sagen! Früher lebte ich doch
in einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still, wenn
einmal eine Fliege flog, hörte man es. Hier aber – Lärm, Geschrei,
Gezeter! Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wie das hier eigentlich
alles ist. Denken Sie sich ungefähr einen langen Korridor, einen ganz
dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer, ohne Fenster, ohne
Türen; links aber ist Tür an Tür, ganz wie in einem Hotel, so eine lange
Reihe Türen. Und hinter jeder Tür ist nur ein Zimmer, Nummer
Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern wohnen zwei bis drei zusammen,
je nachdem, und die zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung dürfen Sie nicht
verlangen – das ist hier wie in der Arche Noah! Doch sind es, glaube
ich, trotzdem gute Menschen, alle sind sie so gebildet, sogar gelehrt.
Unter anderen wohnt hier ein Beamter – ein sehr belesener Mann: er
spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen Schriftstellern,
von allem spricht er, – ein kluger Mensch! Dann wohnen hier noch zwei
ehemalige Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein Seemann, der
englische Stunden gibt. – Warten Sie mal, ich werde Sie einmal zum
Lachen bringen, mein Kind: ich werde in meinem nächsten Brief alle die
Leute satirisch beschreiben, das heißt, wie sie hier hausen, und zwar
ganz ausführlich!
Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes altes Weib, geht den
ganzen Tag in Pantoffeln und in einem Schlafrock umher und schimpft
ununterbrochen die Theresa. Ich wohne in der Küche, oder richtiger
gesagt – Sie müssen sich das so denken: hier neben der Küche ist noch
ein Zimmer (unsere Küche ist, muß ich Ihnen sagen, rein und hell und
sehr anständig), ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes
Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird es so sein: die
Küche ist groß und hat drei Fenster, und bei mir ist nun parallel der
Querwand eine Scheidewand angebracht, so daß es sozusagen noch ein
Zimmerchen gibt, eine Nummer „über den Etat“, wie man sagt. Alles ist
geräumig und bequem, und sogar ein Fenster habe ich und überhaupt alles,
– mit einem Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist also
mein Winkelchen. Aber nun müssen Sie nicht etwa denken, Kind, daß irgend
etwas dabei sei und ich einen Hintergedanken habe: weil das immerhin nur
eine Küche ist! Das heißt, genau genommen lebe ich ja in demselben Raum,
nur hinter einer Scheidewand, aber das hat nichts zu sagen! Ich lebe
hier ganz heimlich und mäuschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe
hier mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei Stühle,
jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild aufgehängt. Es gibt
gewiß bessere Wohnungen, sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist
doch die Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil ich es so
am bequemsten habe – Sie brauchen nicht zu denken, daß ich es aus
irgendeinem anderen Grunde tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade
gegenüber, über den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines
Höfchen, da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder im
Vorübergehen, – das ist doch immer etwas geselliger für mich Armen, und
auch billiger.
Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit der Beköstigung
zusammen fünfunddreißig Rubel monatlich. Das ist nichts für meinen
Beutel! Mein Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und für die
Beköstigung zahle ich fünf, während ich früher für alles in allem runde
dreißig Rubel zahlte, dafür aber auf vieles verzichten mußte: so konnte
ich nicht immer Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug
für Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so – tatsächlich: man
schämt sich irgendwie, wenn man keinen Tee trinken kann, Warinka. Hier
wohnen nur Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man sich eben.
Und eigentlich: nur wegen der anderen trinkt man ihn, den Tee, Warinka,
nur des Ansehens wegen, weil es hier zum guten Ton gehört. Mir wäre es
ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf Genüsse gibt.
Und dann, was man so noch als Taschengeld braucht – denn irgend etwas
hat man doch immer nötig – nun, sei es ein Paar Stiefel, ein
Kleidungsstück – wieviel bleibt denn da übrig? So geht denn mein ganzes
Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin ganz zufrieden. Für mich genügt
es. Hat es doch schon viele Jahre genügt! Hin und wieder gibt es auch
noch Gratifikationen.
Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe da ein paar Blumen
gekauft, zwei Töpfchen, eines mit Balsaminen und eines mit Geranium –
nicht teuer. Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda ist zu
haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausführlich, ja? Übrigens
müssen Sie da nicht irgendwie etwas argwöhnen, Kind, ich meine – was
mich betrifft, und daß ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein, nur
die Bequemlichkeit veranlaßte mich dazu, nur, daß es in allem so bequem
war, das verleitete mich. – Ich habe doch, das muß ich Ihnen noch sagen,
Kind, ich habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt: oh ja:
ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf, daß ich so still und
zaghaft bin, daß es aussieht, als könne mich eine Fliege mit den Flügeln
umstoßen. Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und habe gerade
den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem Gewissen und in der
Festigkeit, die uns unsere Anständigkeit gibt, haben muß. Leben Sie
wohl, mein Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben
und es ist bereits höchste Zeit zum Dienst. Ich küsse Ihre Fingerchen,
Warinka, und verbleibe
Ihr ergebenster Diener und treuester Freund
Makar Djewuschkin.
P. S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie mir recht ausführlich,
mein Engelchen. Ich sende Ihnen hier eine Düte Konfekt, Warinka;
verschmausen Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes willen
keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur nicht irgend etwas übel. Und
nun leben Sie wohl, mein Kind.