Ich merkte bald, daß ich in die Hände des reichsten Bewohners der

Stadt gefallen war. Mohammed 'Ali Agha ist der Sohn Rustum Aghas,

eines Zirkassiers von Geburt, der Diener in der großen zirkassischen

Familie Kakhya Zādeh von Hamadān war -- so lautet ihr arabischer Name,

während die Perser sie Kat Khuda Zādeh nennen. Die Familie wanderte

vor 200 Jahren nach Aleppo aus; durch die bei den Zirkassiern üblichen

Unternehmungen wurde sie außerordentlich reich und ist nun eine der

mächtigsten Familien in Aleppo. Ihre Diener teilten ihren Erfolg, und

Rustum Agha legte als sorglicher Mann so viel Geld zurück, daß er sich

in Salkīn, im Orontestale, nahe bei seines Herrn großem Grundbesitz,

ein Stück Land kaufen konnte. Dazu begünstigte ihn das Glück so

sehr, daß sein Sohn die Hand einer Tochter aus dem Hause der Kakhya

erhielt. Ich erfuhr diese Einzelheiten nicht alle sofort und wunderte

mich bei meinem Besuch in Mohammed 'Alis Harem über die Ehrerbietung,

die er seiner Frau entgegenbrachte. Ich konnte mir nicht denken,

warum die kleine Dame mit den scharfen Zügen und den hellen Augen,

die ihm doch keinen Sohn geschenkt hatte, von ihrem Mann mit solcher

Hochachtung angeredet wurde, denn ich wußte noch nicht, daß sie die

Schwester Reschīd Agha Kakhya Zādehs war. Mohammeds einziges Kind,

ein Mädchen von sechs Jahren, schien, obwohl sie einem so unnützen

Geschlecht angehörte, doch des Vaters Augapfel zu sein. Während ich die

vortrefflichen Oliven und die Kirschenmarmelade aß, die seine Mägde

mir vorgesetzt hatten, sprach er weitläufig über des Kindes Erziehung

und seine weitere Zukunft. Die Hausfrau ließ sich herab, den Kaffee

mit ihren eignen Händen zu bereiten und den abgenutzten Filzhut zu

bewundern, der, mit einem purpur- und silberfarbenen Tuch ausgeputzt,

neben mir auf dem Diwan lag.

[Illustration: Salkīn.]

»Oh, der schöne europäische Hut,« sprach sie, »warum legen Sie eine

Verhüllung darüber, wo er doch so hübsch ist?«

Damit streifte sie das seidene Tuch und die Kamelshaarschnur ab,

drückte ihn in seiner ganzen kahlen Schäbigkeit auf die schwarzen

Locken ihrer Tochter und erklärte ihn für den schönsten Kopfputz der

Welt.

Um 6 Uhr bekam ich die Nachricht von der Ankunft meiner Packtiere,

aber ehe ich zu meinen Zelten zurückkehren durfte, mußte ich erst

noch Rustum Agha besuchen. Er lag in wattierte Seidendecken gebettet

in einem oberen Zimmer, das auf den rauschenden Strom und die beiden

großen Zypressen hinausblickte, die so viel dazu beitragen, der Stadt

ein malerisches Ansehen zu verleihen. Riesigen schwarzen Schildwachen

gleich, stehen diese Bäume vor dem Tor des Hauses, das das erste und

größte der krummen Straße ist. Rustum Agha war sehr alt und leidend.

Wie das Antlitz eines Toten hob sich sein Gesicht von der blaßgelben

Seide ab. Mein Besuch erfreute ihn augenscheinlich, aber sobald er

die Lippen zu einem Wort der Begrüßung öffnete, wurde er von einem so

unerträglichen Husten befallen, als ob er sich die Seele heraushusten

solle. Sobald er sich einigermaßen erholt hatte, verlangte er die

letzten Berichte über Rußland und Japan zu hören, und ich wunderte

mich, daß er, mit dem Tode so nahe vor Augen, nicht lieber zu wissen

begehrte, ob wir wohl den säumigen Schnitter mit seiner Sense durch die

Zypressen auf das Tor zuschreiten sähen.

Als ich mich dann in meinem Zelt zum Abendessen niederließ, traten zwei

Diener Mohammed 'Alis mit einem großen Krug Oliven ein, die in den

Gärten von Salkīn gewachsen und in ihrem eignen Öl eingelegt waren.

Die Diener fragten auch an, ob ihr Herr kommen und eine Stunde mit

mir verbringen dürfte. Ich ließ um die Ehre bitten. Später erschien

er mit einigen Begleitern, die ihm seine Wasserpfeife trugen, und

ließ sich zum behaglichen Geplauder nieder, das durch das gemütliche,

besänftigende Lied der Wasserpfeife nur um so angeregter wurde. Er

erzählte mir, daß Salkīn, eine der vielen seleucischen Städte, von

Seleucus ~I.~ selbst als eine Art Sommerresidenz für die Bewohnerschaft

von Antiochien gegründet worden wäre. Auf der Stelle, wo mein Lager

stand und auf dem Kirchhofe daneben, hatte, wie er sagte, jene alte

Stadt gestanden, »und sobald wir ein Grab graben, stoßen wir auf

behauene, nicht selten mit Inschrift versehene Steine.« Es erscheint

nicht unglaubhaft, daß diese fruchtbaren Ausläufer des Gebirges von den

Antiochiern als eine günstige Lage für ihre Landhäuser erwählt worden

sind, aber ich habe keinen weiteren Beweis für diese Annahme. Mohammed

'Ali erzählte auch, daß sein Schwager Reschīd Agha bei ihm weile, und

sprach die Hoffnung aus, daß ich ihn vor meiner Abreise besuchen würde.

[Illustration: Reisende.]

Reschīd Agha Kakhya Zādeh ist der größte Magnat des Distriktes, aber

auch der größte Schurke. Ich fand ihn am andern Morgen unter den

Zypressen am schäumenden Strome sitzen, und man könnte sich kein

boshafteres Gesicht in einer lieblicheren Umrahmung und von einer

strahlenderen Sonne beschienen vorstellen. Er war ein großer Mann mit

hochfahrendem Wesen; hinter seiner niederen Stirne lauerte eine ganze

Welt böser Gedanken, seine Augen schielten fürchterlich, über seine

dicken Lippen sprudelten die eitlen Ruhmredereien und die scharfen

Befehle nur so, die der Gipfelpunkt seiner Unterhaltung waren. Er

trug ein hellseidenes Gewand und rauchte eine Wasserpfeife, deren

Mundstück mit Edelsteinen besetzt war. Den neben ihm liegenden Strauß

Frühlingsblumen hob er hin und wieder an das Gesicht und roch während

des Redens daran; schließlich bot er mir die schönsten Blüten daraus.

Es ist einer der Vorteile, die der unabhängige Reisende genießt, daß

er selbst die Gesellschaft von Schurken nicht zu meiden braucht: als

ich deshalb erfuhr, daß mein Freund Mohammed 'Ali seinen Schwager

Reschīd Agha nach dessen Heim in Alāni begleiten wollte, und daß dieser

Ort an meinem Wege lag, stimmte ich dem Vorschlag, die Reise in ihrer

Begleitung zu machen, bei. Die Reittiere wurden gebracht, wir stiegen

unter den Zypressen auf und trabten unter Olivenhainen dem Orontestale

zu. Reschīd Agha ritt eine prächtige arabische Stute; ihr schwarzes

Fell glänzte dank sorgfältigster Pflege, sie war leicht aufgeschirrt,

ihr Zaum bestand aus silberner Kette, den Sattel schmückten silberne

Zieraten, jede ihrer Bewegungen war eine Augenweide. Verschiedentlich

forderte ihr Herr den an seiner Seite dahintrabenden Mohammed 'Ali zur

Bewunderung des schönen Tieres heraus, und wenn derselbe die erwarteten

Lobsprüche gespendet hatte, wurden seine Worte von einem alten

fetten Mann, der uns auf einem dürren Pony begleitete, aufgegriffen

und verstärkt wiederholt. Der Alte war Kakhya Zādehs ordinierter

Spaßmacher und Schmeichler, und überdies, wenn sein Gesicht nicht

trog, auch Gefährte seiner Laster und Hehler seiner Verbrechen -- in

solch seltsamer Gesellschaft befand ich mich an jenem Aprilmorgen.

Hadji Nadjīb trottete ganz zufrieden hinter uns drein, Michaïl aber,

mit seinem stark ausgeprägten Sinn für alles Geziemende, konnte seine

Mißbilligung kaum verbergen und antwortete nur einsilbig, sobald ihn

der Spaßmacher oder Reschīd Agha selbst anredeten, wenn er sich auch

gegen Mohammed 'Ali, der ihm (und mit Recht) aus anderem Stoffe gemacht

schien, ganz zugängig zeigte. Ungefähr eine Stunde lang ritten wir

über weichen, sprießenden Boden dahin, während uns Reschīd auf die

Schönheiten seines Besitztums aufmerksam machte.

»Alle diese Olivengärten gehören mir,« sprach er, »und bei Gott und

seinem Propheten, es gibt im ganzen Lande keine solche Oliven. Jedes

Jahr komme ich von Aleppo, um der Olivenernte mit meinen eignen Augen

zuzusehen, damit die Schurken, die für mich arbeiten, mich nicht

betrügen. Gottes Fluch über sie! Deshalb habe ich mir auch ein Haus in

Alāni gebaut. Der Mensch muß es sich behaglich machen und anständig

wohnen. Aber Sie werden es ja sehen, denn Sie müssen bei mir speisen;

mein Tisch ist für alle Gäste gedeckt. Und um das Haus habe ich

Maulbeerplantagen angelegt, tausend Schößlinge sind in den letzten fünf

Jahren gepflanzt worden. Ich will Seidenzucht einführen, in großem

Stile, so Gott will. Oh Jusef! zeige ihr die Schachteln mit Eiern, die

aus dem Lande Frankreich gekommen sind.«

Der Spaßmacher zog aus seiner Brusttasche einen kleinen Pappkasten mit

dem Stempel einer französischen Firma; aber noch ehe ich dem Fleiße

des Agha meine Achtung zollen konnte, wurde seine Aufmerksamkeit

plötzlich durch zwei Bauern abgelenkt, die die Olivenbäume nicht zu

seiner Zufriedenheit verputzten. Er sprengte hinüber, und eine Flut von

Flüchen und Verwünschungen ergoß sich über die unglücklichen Männer.

Danach kehrte er zurück und sang sein eignes Lob weiter.

Sein Haus war groß und neu und durchweg mit Plüsch und goldgerahmten

Spiegeln ausgestattet. Der Agha war nicht eher befriedigt, bis ich

alles gesehen und jeden Winkel bewundert hatte. Der Spaßmacher lenkte

mein Lob und meine Beglückwünschungen in die rechte Bahn; von ihm

erfuhr ich auch, daß der Agha besondere Würdigung der eisernen Öfen

erwartete, die in allen Räumen standen -- ohne Zweifel erhöhten sie die

Behaglichkeit sehr, weniger aber den Eindruck des Malerischen. Nach der

Besichtigung ließen wir uns auf einen Diwan nieder, um das Erscheinen

des Frühstücks zu erwarten. Der Hausherr benutzte die Zeit, um mir

mit übertriebenem Unwillen von seinen Kämpfen gegen die verderbte

tyrannische Regierung zu erzählen, unter der er lebte. Freilich vergaß

er zu erwähnen, daß er jede Unbill, die ihm von seinen Vorgesetzten

zuteil ward, mit Zinsen an seine Untergebenen weitergab.

»Bei Gott!« sprudelte er hervor, »wie ich in meinen Olivenplantagen

arbeite, wie ich Maulbeerbäume anpflanze und Seidenwürmer von fernher

kommen lasse, um einen neuen Erwerbszweig einzuführen! Aber ist der

Vāli dankbar? Beim Propheten, nein! Er schickt seine Leute, und die

sagen: »Halt' ein, wir müssen erst sehen, wieviel höher wir dich

besteuern können!« Und als ich unten am Fluß eine Mühle zum Mahlen

meines Kornes erbauen wollte, sprachen sie wieder: »Halt' ein, das ist

nicht erlaubt!« Dann ließen sie mich mitten in der Ernte holen. Hastig

ritt ich nach Aleppo und mußte dort Tag um Tag, Woche um Woche warten,

denn sie verboten mir, die Stadt zu verlassen. Aber bei Gott!« schrie

der Agha und schlug mit der Faust auf den kleinen eingelegten Tisch,

»ich habe sie überlistet. Ich ging zum Kadi und sprach: ‚Wer hat den

Befehl gegeben?’ ‚Der Vāli,’ antwortete er. Danach fragte ich den Vāli:

‚Wer hat den Befehl gegeben?’ ‚Ich weiß nicht,’ gab er zur Antwort,

‚vielleicht der Kādi.’ Nun verlangte ich es von beiden schriftlich,

aber das wagten sie nicht zu tun und ließen mich gehen.«

Mitten in dieser Unterhaltung wurden drei Besucher angekündigt.

Bescheiden ließen sie sich auf dem gegenüberstehenden Diwan nieder und

ergingen sich in Begrüßungen und Lobsprüchen. Der Agha empfing sie wie

der Kaiser seine Untertanen, und einer ergriff die Gelegenheit, um mir

bedeutungsvoll und jedem verständlich zuzuflüstern:

»Sie wissen nun, was für ein Mann der Agha ist! Kommt er Ihnen nicht

vor, wie ein König in seinem Lande?« worauf der Agha sich voll noch

königlicherer Gnade zeigte.

Endlich ließen wir uns vor einem Tisch nieder, der mit allen Arten

syrischer Delikatessen beladen war, und wenig fremde Küchen können sich

mit der guten syrischen Kochkunst messen. Der Agha sprach und aß mit

gleichem Eifer, indem er seinen Gästen eine Schüssel nach der anderen

aufnötigte. Als das Fest in vollem Gange war, trat ein Diener mit der

Meldung ein, daß ein gewisser Bauer den Herrn zu sprechen wünschte.

»Er soll kommen!« sprach der Agha gleichmütig. Darauf erschien die

zerlumpte Gestalt eines Landmannes in der Tür und starrte mit halb

trotzigem, halb erschrecktem Blick auf die Gesellschaft und die Fülle

auserlesener Gerichte.

»Friede sei mit dir, oh Agha!« begann er.

Kaum aber hatte dieser den Bittsteller erblickt, als er in

leidenschaftlichster Wut aufsprang. Sein Gesicht wurde purpurrot, die

Augen traten aus ihren Höhlen hervor, und mit der geballten Faust auf

den Tisch schlagend, schrie er:

[Illustration: Antiochien.]

»Hinaus mit dir! Gottes Fluch über dich und deine Kinder! Möge er

deines Vaters Haus zerstören! Hinaus mit dir, sage ich, und schaffe das

Geld, oder ich werde dich mit deiner Frau und deiner ganzen Familie ins

Gefängnis werfen und zu Tode hungern lassen.«

»Oh Agha,« sprach der Mann und setzte der Wut des anderen eine gewisse

Würde entgegen, »nur ein wenig Zeit! Gewähre mir ein wenig Zeit!«

»Nicht einen Tag! nicht eine Stunde!« tobte der Agha. »Fort! Fort! und

noch heute bringst du mir das Geld!«

Ohne ein weiteres Wort verschwand der Bauer durch die Tür, der Agha

aber ließ sich wieder zu seiner unterbrochenen Unterhaltung und seinem

unterbrochenen Mahle nieder. Die anderen Gäste aßen weiter, als wäre

nichts geschehen, ich aber schämte mich einigermaßen meines Platzes an

Reschīds Rechter und war nicht böse, als ich ihm Lebewohl sagen konnte.

Der Agha schickte uns an den Orontes hinab und ließ uns in seinem

eignen Fährboot über den Strom setzen. Als wir das andere Ufer

erreichten, zog Michaïl ostentativ eine Brotkruste aus der Tasche und

begann sie zu essen.

»Hast du nicht in Alāni gespeist?« fragte ich.

[Illustration: Antiochien.]

»Ich esse nicht mit solchen Leuten, wie er ist,« erwiderte Michaïl

steif.

Nadjīb, den kein solches Bedenken davon abgehalten hatte, sich an dem

ungewohnten Luxus eines reichen Mahles zu erfreuen, nickte darauf mit

dem Kopfe und sprach:

»Der Agha ist ein böser Mann. Gott lohne ihm nach seinen Taten! Er

preßt den letzten Heller aus den Armen, nimmt ihnen ihr Land, vertreibt

sie von Haus und Hof und gibt sie dem Hungertode preis.«

»Und er tut noch Schlimmeres!« bemerkte Michaïl düster.

»Ja, bei Gott!« bestätigte Nadjīb. »Jeder, der eine schöne Frau oder

eine schöne Tochter hat, muß ihn fürchten, denn er ruht nicht, bis sie

in seinen Händen ist. Bei Gott und Mohammed, seinem Propheten, er hat

manchen Mann getötet, nur um seine Frau in seinen eignen Harem bringen

zu können, und niemand wird mehr gehaßt, als er.«

»Vermag das Gesetz nichts wider ihn?« fragte ich.

»Wer sollte etwas wider ihn vermögen?« erwiderte Nadjīb, »er ist reich

-- möge Gott sein Haus zerstören!«

»Oh Michaïl,« sagte ich, während wir mühsam über die schlammigen Felder

zogen, »ich habe euer Land viel bereist und habe viel Menschen gesehen

und kennen gelernt, aber selten nur bin ich einem Armen begegnet, den

ich mir nicht zum Freunde gewünscht, und ebenso selten einem Reichen,

dessen Gesellschaft ich nicht lieber gemieden hätte. Wie kommt das?

Verändert der Reichtum selbst das Herz in Syrien? Denn sieh, in meiner

Heimat sind zwar längst nicht alle Mächtigen tugendhaft, es sind aber

auch nicht lauter Schurken. Würdet denn auch ihr, du und die Drusen von

Kalb Lōzeh, und Mūsa, der Kurde, wie Reschīd Agha werden, wenn euch

plötzlich Reichtümer zufielen?«

»Oh, meine Dame,« erwiderte Michaïl, »die Herzen sind die gleichen,

aber Sie haben in Ihrem Lande eine starke und gerechte Regierung, der

jeder Engländer, auch der reiche, gehorchen muß; bei uns dagegen gibt

es keine Gerechtigkeit: der Große verschlingt den Kleinen, der Kleine

den noch Kleineren, und die Regierung verschlingt sie alle. Wir leiden

alle in unsrer Weise und schreien zu Gott um Hilfe, da wir uns nicht

selbst helfen können. Aber wenigstens habe ich Reschīd Aghas Brot nicht

gegessen,« schloß Michaïl ziemlich anzüglich. Worauf Nadjīb und ich den

Kopf hängen ließen.

Es folgten nun fünf Stunden mühseligsten Vorwärtskommens. Es war dies

vielleicht für Nadjīb und mich die gerechte Strafe, weil wir an der

Tafel des Gottlosen gesessen hatten, aber wie fast immer, so betraf

auch dieses Strafgericht den Gerechten mit den Sündern, denn Michaïl

hatte dasselbe zu leiden wie wir. Hatten uns am Tage vorher die

Felsen und Steine zu schaffen gemacht, so stöhnten wir heute unter

dem Gegenteil, dem Schlamm. Nur daß diese Plage tausendmal schlimmer

war. Fünf Stunden lang wateten wir über Erdberge hin, auf denen kein

einziger Stein zu sehen war. Abhänge, bedeckt mit dickem, zähem

Schlamm, wechselten mit tiefen Morästen, in die unsre Pferde bis zum

Gurt einsanken. Als wir endlich dieses Sumpfland hinter uns hatten und

das Orontestal erreichten, waren Menschen und Tiere völlig erschöpft.

Das Hügelland, welches wir eben verlassen, erhob sich nun zu felsigen

Bergrücken und Gipfeln, zu unsrer Rechten aber lag das breite, zum

Teil von Wasserfluten überschwemmte Tal, und jenseits desselben zog

sich eine prächtige Bergkette dahin. Bald erblickten wir auch die

byzantinischen Türme und Mauern auf den Bergrücken zur Linken, und

zwischen blühenden Lorbeerhecken stolperten unsre Tiere über das

lückenhafte Pflaster der alten Römerstraße dahin, die nach Antiochien

führte.

Wir mußten uns in den Weg mit einem Nebenfluß des Orontes teilen, der

lustig über das Pflaster plätscherte. Nicht ohne eine gewisse Erregung

konnte ich auf die Stadt Antiochien blicken, die so viele Jahrhunderte

lang Wiege der Kunst und Mittelpunkt einer der glänzendsten

Kulturepochen gewesen ist, die die Welt je gekannt. Das moderne

Antiochien gleicht dem Harlekin, dessen Kleider viel zu weit für seine

mageren Glieder sind: umschließen doch die Festungsmauern, die über

Fels und Hügel dahinklettern, ein weites Weichbild, von dem die Stadt

allmählich hinweggeschmolzen ist. Aber noch heute bietet sie mit den

hohen, zerrissenen, mauergekrönten Bergen im Hintergrund und den sich

in dem breiten, fruchtbaren Orontestale ausbreitenden Gruppen roter

Ziegeldächer eins der lieblichsten Bilder.

[Illustration: Am Ufer des Orontes.]

Erdbeben und Überflutungen des Stromes haben die Paläste der

Griechen- und Römerstadt gestürzt und mit Schlamm bedeckt, und doch!

als ich bei Sonnenuntergang auf der abfallenden Rasenfläche des

nosairischen Kirchhofs stand, am Fuße des Berges Silpius, wo mein

Lager aufgeschlagen war, und die wachsende Mondsichel die Trümmer

beleuchtete, da erkannte ich, daß Schönheit das unveräußerliche Erbe

Antiochiens sei.

Vierzehntes Kapitel.

Auch meine weitere Bekanntschaft mit Antiochien änderte an dem Eindruck

des ersten Abends nichts. Je mehr ich die engen, gepflasterten Straßen

durchwanderte, desto bewundernswerter erschienen sie mir. Bis auf

die Hauptstraße, den Bazar, waren sie fast menschenleer; meine auf

den Kieselsteinen widerhallenden Tritte unterbrachen die Stille von

Jahren. Die flachen, mit roten Ziegeln gedeckten Giebel verliehen

der ganzen Stadt einen reizvollen, eigenartigen Ton; Haus für Haus

war mit vorspringenden, verschließbaren Balkonen versehen. Von der

Vergangenheit ist freilich kaum eine Spur mehr vorhanden. In der Serāya

befinden sich zwei schöne Sarkophage, die mit Girlanden und Köpfen

sowie mit den bekannten Stiere zerfleischenden Löwen geziert sind,

letzteres, wie ich glaube, ein speziell asiatisches Motiv. Ein dritter,

weniger großartiger, steht am Saume der Daphnestraße. Ferner sah ich

im Hofe eines türkischen Hauses das Fragment eines klassischen Simses

und auf der Hauptstraße ein Stückchen Mauerwerk, das sicherlich aus

der vormohammedanischen Zeit herrührte -- die Bauart, abwechselnde

Streifen in Ziegeln und Steinen, -- gleicht derjenigen der Akropolis.

Im übrigen lebt das Antiochien des Seleucus Nicator nur in der

Phantasie. Die Insel, worauf es erbaut war, ist mit der Veränderung

des Flußbettes verschwunden; der Überlieferung nach hat es oberhalb

der modernen Stadt gelegen. Prächtige Villen müssen die Ufer des

Orontes gesäumt haben. Man erzählte mir, daß die Grundmauern davon zum

Vorschein kamen, wenn genügend tief in den Morast gegraben wurde, und

daß kleine Wertgegenstände, Münzen und Bronzen, oft gefunden wurden.

Es wurden mir auch gar viele zum Verkauf angeboten, aber ich erachtete

sie für ungeschickte Nachahmungen und wurde auch in dieser Meinung von

einem türkischen Pascha, Rifa't Agha, bestärkt, der sich zu seinem

Vergnügen eine Antiquitätensammlung angelegt hat. Von seiner schönen

Serie seleucidischer Münzen sind die ältesten beinahe so gut wie

die besten sizilianischen, und die späteren fast so schlecht wie die

schlechtesten byzantinischen. Auch einige Bronzelampen sind vorhanden.

Eine derselben, ein lockiger Eroskopf, ist ein schönes Exemplar

römischer Kunst. Der Agha verehrte mir einen kleinen Kopf, welchen ich

für eine Nachahmung von dem Haupte des Antiochus mit der hohen Krone

halte. Obgleich er ziemlich grob gearbeitet ist, verrät er doch durch

eine gewisse Vornehmheit die Abstammung von einem großen Original.

[Illustration: Der Getreidemarkt, Antiochien.]

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 21 / 24 段