unversehrt; jetzt sind sie fast gänzlich zerstört. Die Bewohner
Antiochiens behaupten, die Stadt werde jedes halbe Jahrhundert bis
in ihre Grundfesten erschüttert, und sie selbst erwarten jeden
Augenblick eine neue Bodenbewegung, nachdem die letzte im Jahre 1862
stattgefunden hat. Die Verwüstung der Festung aber hat kein Erdbeben,
hat der Wohlstand herbeigeführt. Die Stadt ist wunderbar günstig in
ihrem reichen Tale gelegen und mit dem Hafen Alexandretta durch eine
ziemlich gute Landstraße verbunden, so daß sie mit Leichtigkeit zu
einem bedeutenden Handelszentrum werden könnte. Während der letzten
50 Jahre ist sie -- sogar unter türkischer Herrschaft -- beträchtlich
gewachsen, freilich auf Kosten der Akropolis. Der Orientale läßt sich
durch keinerlei Schwierigkeiten abschrecken, wofern sie ihm nur die
Mühe des Steinebrechens ersparen, und trotz der Mühe, die das Befördern
der behauenen Steine der Festung macht, ehe sie bis an den Fuß des
ungemein steilen Hügels, worauf sie steht, gelangen, hat man zum Bau
all der neueren Häuser das Material von dort genommen. Das Werk der
Zerstörung hält an. Die Steine der Mauern verschwinden schnell, und
der Rest von Schutt und Mörtel wird in kurzer Zeit dem Einfluß der
Witterung erliegen. Eines Morgens umging ich die Festung; es kostete
mich drei Stunden. Westlich vom Gipfel der Berges Silpius wurde die
Berglehne von einem Felsenspalt durchschnitten, der voller Felsengräber
war, und direkt über meinem Lager von einem Aquädukt überspannt
wurde. Auf der linken Seite der Schlucht fiel die Felsenwand jäh ins
Tal ab. An größeren Überresten erkannte man deutlich, daß die Mauern
abwechselnd aus Reihen von Steinen und Ziegeln bestanden hatten, ja
hier und da war auch in den Steinreihen noch durch größere und kleinere
Blöcke Abwechselung geschaffen worden. Die Befestigungen umfaßten eine
weite Fläche; leicht ansteigende, mit Gestrüpp und verfallenem Gemäuer
bedeckte Hänge führten zu der Spitze des Hügels. In der Westmauer war
eine schmale, massive Steintür, die von einem Sims aus gefügten Blöcken
mit einem erhabenen Bogen darüber gekrönt war. Die südliche Mauer wurde
durch Türme unterbrochen, die Hauptzitadelle aber befand sich an der
südöstlichen Ecke. Von hier aus fielen die Mauern wieder steil nach der
Stadt zu ab und setzten sich noch eine Strecke östlich derselben fort.
Ich glaube, sie können bis an den Orontes hin verfolgt werden. Ich
ging ihnen nicht nach, sondern kletterte auf einem steinigen Pfad von
der Zitadelle in die tiefe Schlucht, die das östliche Ende des Hügels
durchschneidet. Den Eingang zu derselben bewacht eine mächtige Ziegel-
und Steinmauer, und sie führt den Namen »Das eiserne Tor«. Jenseits
desselben klettern die Festungswerke an der gegenüberliegenden Seite
der Schlucht empor und ziehen sich an der Spitze des Hügels weiter. Wie
weit sie sich erstrecken, weiß ich nicht, denn der Boden war so uneben
und mit Gestrüpp überwachsen, daß ich den Mut verlor und umkehrte. Eine
reiche Fülle von Blumen, Ringelblumen, Asphodill, Zyklamen und Iris,
wucherten zwischen den Felsen. Auf der Berglehne, die jenseits vom
Eisernen Tor auf den Orontes niederblickt, befindet sich eine Höhle,
welche die Tradition St. Petershöhle nennt. Die Griechengemeinde hat
an ihrem Eingang eine kleine Kapelle errichtet. Ein wenig weiter am
Hügel hin ist eine noch merkwürdigere Reliquie Altantiochiens, nämlich
das Haupt einer Sphinx, reliefartig aus einem etwa 20 Fuß hohen Felsen
ausgehauen. Sie trägt auf ihrer Stirn eine Drapierung, die, zu beiden
Seiten ihres Gesichtes niederfallend, dort endet, wo der Hals in die
unbekleidete Brust übergeht. Ihr ausdrucksloses Gesicht ist leicht
talaufwärts gerichtet, als ob sie jemandes harre, der aus dem Osten
kommen müsse. Könnte sie nur reden! Sie würde uns von großen Königen
und prunkvollen Aufzügen, von Kämpfen und Belagerungen erzählen, denn
all das hat sie von ihrem Felsen an der Berglehne aus gesehen. Sie
erinnert sich auch, wie die ihr bekannten Griechen von Babylonien
heraufzogen, aber da selbst die Römer sie nicht lehren konnten, daß
das wahre Leben westwärts liegt, durfte auch ich nicht hoffen, sie
aufzuklären, und ließ sie daher weiter des Neuen aus dem Osten harren.
[Illustration: Lampe in Rifa't Aghas Sammlung.]
Eine weitere Pilgerfahrt mußte von Antiochien aus nach Daphne, der
berühmten Ruine, gemacht werden, die den Ort kennzeichnet, wo die
Nymphe die Absicht des Gottes vereitelte. »Das Haus der Gewässer« nennt
sie der Araber. Man erreicht die im Westen der Stadt gelegene Stelle
durch einen einstündigen Ritt am Fuße der Hänge entlang, und einen
bezaubernderen Ritt kann man sich zur Frühlingszeit nicht wünschen.
Der Pfad führte durch ein liebliches Gehölz aus knospendem Grün, aus
dem sich üppig blühender Schwarzdorn und das eigenartige Purpur des
Judasbaumes abhoben; er führte dann über einen niederen Gebirgszug
hinweg und senkte sich, steil abfallend, in ein Tal, durch welches ein
tosender Bach dem Orontes zueilte.
[Illustration: Haupt einer Sphinx, Antiochien.]
Von den Tempeln, die dieses schönste aller Heiligtümer zierten, ist
keine Spur geblieben; Erdbeben und stürzende Bäche haben sie von den
Bergen in die Schluchten gefegt. Aber die Schönheit der Gegend hat
nicht verloren seit jenen Tagen, als die Bürger der üppigsten Stadt des
Ostens mit den Mädchen tändelten, die dem Gott dienten. Nicht brausend
bricht der Strom aus der Seite des Berges hervor, wird er doch in einem
tiefen, stillen Weiher geboren, der, in ein Gewand aus Mädchenhaar-Farn
gehüllt, zwischen Dickichten verborgen liegt, »die alles Leben zu
süßem Traum mit Grün umweben«. Aus dem Weiler geht ein durchsichtiger,
spiegelglatter, schmaler und tiefer Bach hervor; bald aber staut er
sich und bildet Wirbel und Wasserfälle, die ihren weißen Schaum in das
Gezweig von Maulbeerbaum und Platane hinaufschleudern. Unter den Bäumen
drehen sich elf Wassermühlen; die zerlumpten Müller bilden die einzige
Bewohnerschaft von Apollos Heiligtum. Sie brachten uns Walnüsse, an
den Ufern des Stromes zu essen, und kleine, antike Steine, die aus den
Schmuckstücken derer gefallen waren, die an dem Gestade dieses Stromes
wohl weniger harmlosen Vergnügungen nachgingen als wir.
[Illustration: Daphne.]
Man kann unmöglich in Nordsyrien reisen, ohne von einem lebhaften
Interesse für die Seleucidenkönige ergriffen zu werden, das durch
die Anerkennung ihrer hervorragenden Taten in Politik und Kunst noch
gefestigt wird; ich beschloß daher, ehe ich mich nordwärts wenden
würde, noch die Gegend von Seleucia Pieria, den Hafen von Antiochien
und die Begräbnisstätte von Seleucia Nicator aufzusuchen. Binnenstadt
und Hafen entstanden zu gleicher Zeit; beide waren Teile desselben
großen Planes, der aus der Gegend des unteren Orontes eine reiche
und bevölkerte Handelsstätte schuf. In jenen Tagen konnten Könige
mit einem Winke ihres Szepters weltberühmte Städte ins Leben rufen,
und die Seleuciden säumten wahrlich nicht, dem Beispiele zu folgen,
das Alexander ihnen gegeben. Wie Apamea, so ist auch Seleucia zur
Größe eines Dörfchens zusammengeschrumpft, oder besser gesagt, es hat
sich in mehrere Dörfer zersplittert, die der Name Sweidijjeh deckt.
(Da jede Gruppe Farmhäuser oder Hütten ihren eignen Namen führt,
kann man sich in den Ortsbezeichnungen schwer zurechtfinden.) Das
weite Auseinanderwohnen der Leute in den Dörfern am Orontes ist in
ihrer Beschäftigung begründet. Ihre Tätigkeit als Seidenwurmzüchter
erfordert im Frühling einen Monat lang die ununterbrochene Anwesenheit
des Besitzers im Mittelpunkt seiner Maulbeerbaumplantagen, so daß
der Mann durch deren ganze Ausdehnung von seinem Nachbar getrennt
ist. Nach dreistündigem Ritt durch eine prächtige Gegend voll
Myrtengebüsch und Maulbeerbaumhaine erreichten wir die Militärstation
Sweidijjeh, das wichtigste der verstreut liegenden Dörfer. Und hier
geschah es zum ersten und einzigen Mal auf meiner Reise, daß ich von
einem Beamten (er hatte offenbar der Arrakflasche zugesprochen) nach
meinem Paß befragt wurde. Nun besaß ich keinen Paß, ich hatte ihn im
Djebel Zawijjeh mit meinem Mantel zugleich eingebüßt, und daß ich
durch das halbe Ottomanenreich ohne papiernen Anhang an meinen Namen
reisen konnte, beweist, wie wenig sich der türkische Beamte um seine
Regierungsbefehle zu kümmern braucht. Da der mich begleitende Zaptieh
mit ziemlichem Eifer erörterte, daß es ihm sicherlich nicht erlaubt
gewesen sein würde, mich zu begleiten, wenn ich nicht eine achtbare
und gutbeleumdete Persönlichkeit wäre, durften wir weiterreisen. Die
Veranlassung zu solch ungewöhnlichem Pflichteifer wurde uns bald
klar: die Küstendörfer beherbergen große Kolonien Armenier und sind
von Militärstationen umgeben, welche die Bewohner abhalten sollen,
sowohl nach anderen Orten im Binnenlande des Reiches, als zur See
nach Cypern zu entweichen. Die Ankunft und Abreise der Fremden wird
sorgsam überwacht. Der Reisende sollte stets als Hauptpunkt im Auge
haben, sich nicht in die armenische Frage verwickeln zu lassen. Es war
die stillschweigende Überzeugung der Gelehrten des Mittelalters, daß
eine unlösbare Frage überhaupt nicht existierte. Es könnte ja Dinge
mit ernstlichen Schwierigkeiten geben, aber wenn man sie der richtigen
Person unterbreitete -- z. B. irgend einem Araber in Spanien, der durch
gründliches Studium in Einzelheiten eingeweiht ist, in die man selber
lieber nicht einzudringen versucht -- so würde man sicher die rechte
Lösung erfahren. Der Kernpunkt wäre, nur die passende Person zu finden.
Heutzutage sind wir von diesem Glauben abgekommen. Die Erfahrung hat
gelehrt, daß es leider viele für den Menschengeist unlösbare Probleme
gibt, und ein beträchtlicher Teil davon fällt dem Türkenreich zu.
Ein solches Problem ist die armenische Frage, und ein zweites die
mazedonische.
Mit dem Entschluß, nicht einem Grundsatz untreu zu werden, der,
wie ich überzeugt war, viel zu einer glücklichen und erfolgreichen
Reise beigetragen hat, ritt ich nach Chaulīk, dem Hafen des alten
Seleucia, hinab. Mein Entschluß war um so leichter durchzuführen, als
die Armenier fast nur Armenisch und Türkisch sprachen; jedenfalls
genügten die wenigen arabischen Worte, deren einige mächtig waren,
nicht, um eine eingehende Schilderung ihrer Leiden zu geben, und
der Mann, der mir diesen Nachmittag als Führer diente, war mit
so heiterer Gemütsstimmung begnadigt, daß er sicher ein anderes
Gesprächsthema vorgezogen hätte. Ibrahim war der Name des helläugigen,
klugen Mannes, und sein Frohsinn verdiente in der Tat Lob, da sein
jährliches Einkommen sich auf nicht mehr als 400 Piaster (kaum 40 Mark
deutsches Geld) belief. Davon gedachte er noch genug zu erübrigen,
um die türkischen Beamten im Hafen zu bestechen, damit sie ein Auge
zudrückten, wenn er in einem offenen Boote nach Cypern entwich. »Denn,«
sagte er, »hier ist kein anderer Erwerb als die Seidenraupenzucht,
die aber schafft mir nur zwei Monate vom Jahre Arbeit, und in den
anderen zehn kann ich nichts tun und nichts verdienen.« Er erzählte mir
auch, daß die Nosairijjeh, welche die umliegenden Dörfer bewohnten,
unangenehme Leute wären.
»Ist Fehde zwischen euch?« fragte ich.
»Ey, wāllah!« sagte er mit Nachdruck und illustrierte seine Behauptung
durch den langen Bericht eines vor kurzem ausgebrochenen Streites, der,
soviel ich ausmachen konnte, gänzlich den Übergriffen der Armenier zu
verdanken war.
»Aber ihr hattet zuerst gestohlen,« wendete ich ein, als er zu Ende war.
»Ja,« sagte er, »die Nosairijjeh sind Hunde.« Und lächelnd fügte er
noch hinzu: »Ich saß darauf zwei Jahre lang im Gefängnis zu Aleppo.«
»Bei Gott! Ihr hattet es verdient,« bemerkte ich.
»Ja,« gestand er mit gleicher Heiterkeit ein.
Und das war, wie ich mich freue, konstatieren zu können, alles, was
Ibrahim zur Beleuchtung der armenischen Frage beitrug.
Die Bucht von Seleucia ist dem Golf von Neapel nicht unähnlich und
kaum weniger schön. Eine jähe Bergwand, mit Felsengräbern und Höhlen
durchsetzt, bildet den Hintergrund der Maulbeerbaumanpflanzungen
und schließt, einen Bogen bildend, die Bucht auch nach Norden hin
ab. Unterhalb der Felswand liegen die Mauern und die Wassertore
des Hafens, der durch eine Sandbank vom offnen Meere getrennt ist.
Durch Sand und Schlamm fließt der Orontes weiter nach Süden, und
eine steile Bergkette, die an ihrem Südende zu dem lieblichen Berg
Cassius ansteigt, schließt die Aussicht ab. Der letztere Berg ist
gleichsam der Vesuv der Landschaft. Ich schlug mein Lager an der
Nordgrenze in einer kleinen Grotte auf. Sie war von der übrigen Bai
durch einen niederen Ausläufer getrennt, der in einem mit Ruinen
bedeckten Vorgebirge endete und den Ausblick über die gesamte Küste
bot. Ich weidete mich in dem Gedanken, daß gerade an dieser Stelle
Tempel und Grab von Seleucus Nicator gestanden hatten, obgleich ich
nicht weiß, ob die genaue Lage je festgestellt worden ist. Am Strande
befand sich ein isolierter Raum, in dem eine von Säulen getragene
Halle ausgegraben worden war. Eine frische, salzige Brise durchwehte
den nach dem Meere duftenden Raum: ein echter Tempel für Nymphen und
Tritonen. Auf schmalen Pfaden und einer ehemaligen Fahrstraße führte
mich Ibrahim über die steilen Klippen hin nach der auf dem höchsten
Punkt des Plateaus gelegenen oberen Stadt. Wie er sagte, braucht man
sechs Stunden zu einem Gang um die Ringmauer der oberen Stadt; es
war nur zu heiß, um seine Behauptung auf die Probe zu stellen. Wir
stiegen in eine große Anzahl der künstlichen Höhlen hinein, wovon
viele keine Grabnischen aufwiesen; sie mögen wohl eher zu Wohnräumen
und Vorratskammern bestimmt gewesen sein. Um diese Zeit waren alle
Höhlen von Seidenwurmzüchtern bewohnt, die jetzt, wo die Larven aus
den Eiern schlüpften, ihre geschäftigste Zeit hatten. Am Eingang jeder
Höhle hing ein Büschel grüner Zweige, um die Sonne auszuschließen,
und angenehm schimmerte das Licht des Nachmittags durch das knospende
Gezweig. Am Südende der Klippe lag ein großer Begräbnisplatz, der aus
kleinen, ringsum mit Grabnischen besetzten Höhlen und Steinsarkophagen
bestand. Diese letzteren trugen, wenn überhaupt Schmuck daran war,
das Girlandenmuster der Sarkophage zu Antiochien. Die bedeutendste
Gräbergruppe befand sich am Nordrande der Klippe. Man betrat sie durch
einen mit Säulen bestandenen Portikus, welches in ein doppeltes Gewölbe
führte. Das größere enthielt zwischen 30-40 Grabnischen und ein paar
Gräber mit Baldachinen, die aus dem Felsen selbst gehauen waren. Das
kleinere barg etwa halb so viel Grabnischen. Das Dach wurde von Säulen
und viereckigen Wandpfeilern getragen, ich bemerkte über den Gräbern
auch grob ausgehauenen Fries mit teils efeuartigen, teils ausgezähnten
Blättern.
[Illustration: Der Garīz.]
Den Erbauern von Seleucia scheint die Verteilung des Wasservorrats viel
zu schaffen gemacht zu haben. Ibrahim zeigte mir einen auf dem Felsen
hinlaufenden Kanal von etwa zwei Fuß Weite bei fünf Fuß Höhe, der
drei bis vier Fuß unterhalb der Oberfläche ausgehauen war und Wasser
von einem Ende der Stadt zum anderen leitete. Durch gelegentliche
Luftlöcher oder Spalten in der äußersten Felsenwand konnten wir seinen
Lauf verfolgen. Ein äußerst schwieriges Problem muß die Regulierung
des Flusses gewesen sein, der nördlich der Stadt eine Schlucht
hinabstürzte. Man hatte einen riesigen Tunnel durch den Ausläufer bis
südlich von meinem Lager gehauen, um das Wasser nach dem Meere zu
leiten, damit es die Häuser am Fuße der Klippe nicht überschwemmte.
Der Garīz, wie der Name dieses Tunnels ist, begann an der Mündung
eines engen Hohlwegs, erstreckte sich einige hundert Meter weit durch
Felsenmassen und setzte sich dann bis zum Ende des Ausläufers als ein
tiefer, oben offner Einschnitt fort. Am Eingang des Tunnels befand sich
in scharf ausgehauenen Buchstaben eine Inschrift. »~Divus Vespasianus~«
begann sie, aber der Rest verschwand unter dem felsigen Boden. Es
gab auch noch einige andere Inschriften am Garīz entlang: alle waren
lateinisch, ich denke mir, das Werk ist nicht seleucischer, sondern
römischer Herkunft.
[Illustration: Die Statue im Maulbeerbaumhain.]
Noch zu einem anderen Besuch ließ ich mich durch Ibrahim verleiten.
Wenn ich ihm durch die Maulbeeranlagen am Fuße der Klippe folgen
wollte, erklärte er, würde er mir »eine Person, aus Stein gemacht«
zeigen. Nun war meine Neugierde zwar durch die Hitze und den langen
Marsch schon etwas gelähmt, aber ich schleppte mich doch durch die
Steine und andere Hindernisse mühsam zurück und fand, unter einem
Maulbeerbaum sitzend, einen bärtigen, mit Gewändern angetanen Gott.
Ein sehr majestätischer Gott war er nicht. Seine Haltung war steif,
das Gewand roh ausgehauen, die obere Hälfte seines Kopfes dahin, aber
die tiefstehende Sonne vergoldete seine Marmorschulter, und die Zweige
der Bäume flüsterten von seiner einstigen Würde. Als wir uns neben ihn
gesetzt hatten, bemerkte Ibrahim:
»Auf diesem Felde ist auch noch jemand begraben, eine Frau, aber sie
ist tief unter der Erde.«
»Habt Ihr sie gesehen?« forschte ich.
»Ja, der Herr des Feldes hat sie begraben, weil er glaubte, sie brächte
ihm Unglück. Vielleicht gräbt er sie aus, wenn Sie ihm Geld bieten.«
Ich ging auf den Vorschlag nicht ein; wahrscheinlich blieb die Frau
besser der Einbildung überlassen.
Dicht an der Statue sah ich einen langen modellierten Sims; vermutlich
hatte er eine Mauer gekrönt, die jetzt im Getreidefeld vergraben
lag. Es bietet sich hier viel Gelegenheit zu Entdeckungen, aber die
Ausgrabungen werden wegen der tiefen Schlammschicht und der Ansprüche
der Besitzer von Maulbeerbaumhainen und Getreidefeldern hoch zu stehen
kommen. Die Stadt bedeckt eine ungeheure Fläche, und das Nachgraben
kann jahrelang dauern, wenn gründlich vorgegangen werden soll.
Bei meinen Zelten schlich ein träger Strom durch Büschel gelber
Iris und bildete einen Tümpel im Sande, der für unsre Tiere und die
Ziegenherden Wasser lieferte, welche von armenischen Hirtenknaben früh
und spät am Meeresufer gehütet wurden. So reizvoll war der Ort, und das
Wasser so herrlich, daß ich einen ganzen müßigen Tag dort zubrachte,
den ersten wirklich müßigen, seit ich Jerusalem verlassen, und da ich
nun einmal Seleucia nicht gründlich erforschen konnte, wollte ich
auch nicht mehr davon sehen, als von meiner Zelttür aus möglich war.
Diesem löblichen Entschluß verdanke ich 24 Stunden, an die ich mit
lebhaftester Befriedigung zurückdenke, wenn ich auch weiter nichts
davon zu berichten weiß, als daß ich nicht ganz so leicht, wie ich
gehofft hatte, der armenischen Frage entgehen sollte. Am Morgen wurde
mir ein langer Besuch von einer Frau, die von Kabuseh herabgekommen
war, einem Dorfe auf der Höhe der über dem Garīz gelegenen Schlucht.
Sie sprach Englisch, hatte es in den Missionsschulen zu 'Aintāb, ihrer
Heimat in den kurdischen Bergen, gelernt. Kymet nannte sie sich. Sie
hatte 'Aintāb bei ihrer Verheiratung verlassen und diesen Schritt nie
zu bereuen aufgehört, denn ihr Gatte war zwar ein guter und ehrbarer
Mann, aber doch so arm, daß sie nicht wußte, wie sie ihre beiden Kinder
aufziehen sollte. Außerdem waren, wie sie sagte, die Leute in der
Gegend von Kabuseh, Nosairijjeh sowohl als Armenier, alle Räuber, und
sie erbat sich meine Hilfe, um nach Zypern entkommen zu können. Sie
erzählte mir auch ein seltsames Stück Familiengeschichte, welches, wenn
man es nicht als Beweis behördlicher Bedrückung zitieren will, doch
dartut, wie traurig die Lage der Sekten in einem mohammedanischen Lande
sein muß. Als Kymed selbst noch Kind gewesen, war ihr Vater zum Islam
übergetreten und zwar hauptsächlich deswegen, weil er eine zweite Frau
zu nehmen wünschte. Kymets Mutter hatte die ihr angetane Schmach nicht
ertragen können, sie hatte ihn verlassen und ihre Kinder erhalten, so
gut es gehen wollte. Der bittre Zwist hatte, nach der jungen Frau
Versicherung, ihre eigne Jugend vergiftet. Am nächsten Morgen schickte
sie ihren Gatten mit einem Huhn und einem Gedicht, das sie selbst auf
Englisch niedergeschrieben hatte. Das Huhn bezahlte ich, aber die Verse
waren unbezahlbar. Sie lauteten:
»Willkommen, willkommen, Geliebteste, dein Kommen beglückt uns!
Für dein Kommen willkommen! Willkommen deine Ankunft!
Laßt uns singen mit Freuden, mit Freuden, mit Freuden, ihr Knaben, mit
Freuden!
Die Sonne scheint nun mit dem Mond so klar, mit süßem hellen Schein,
ihr Knaben:
Für dein Kommen willkommen, ihr Lächeln heißt dich willkommen!
Die Bäume senden uns, teure Knaben, die Vögel jubeln voll Glück;
Der süße Duft spricht dir willkommen! Willkommen dir ihr froher Sang!
Ich verbleibe
Ihr getreuer
_George Abraham_.«
Für den Fall, daß das Gedicht für vielversprechend erachtet werden
sollte, beeile ich mich noch hinzuzufügen, daß nicht etwa George
Abraham der Verfasser war -- bei den Verhandlungen über das Huhn fand
ich heraus, daß er kein Wort Englisch konnte. Kymet hatte ihres Mannes
Namen lediglich benutzt, weil er eine gewichtigere Unterschrift abgab,
als der ihre. Überdies sind die in den Versen erwähnten Knaben nur
rhetorische Figuren. Auch kann ich keine Vermutung darüber aussprechen,
was die Bäume uns senden; in diesem Punkte scheint der Text unklar.
Vielleicht ist »uns« als Akkusativ gedacht.
Ich verließ Seleucia mit wirklichem Bedauern. Noch vor Tagesanbruch
ging ich hinab in die See, um zu baden; zarte Wolkenschleier lagen
über den Berghängen, und als ich in das laue Wasser hinausschwamm,
vergoldeten die ersten Strahlen der Morgensonne das schneeige Haupt
des Berges Cassius, der einen so bezaubernd schönen Abschluß für das
Halbrund der Bai bildet.
Auf demselben Wege, den wir gekommen, kehrten wir nach Antiochien
zurück und schlugen unsre Zelte außerhalb der Stadt an der Landstraße
auf. Zwei Tage später brachen wir früh 6½ Uhr zu einem langen Ritt nach
Alexandretta auf. Während der ersten Meilen war der Weg abscheulich;
tiefe Schlammlöcher wechselten mit kurzen gepflasterten Stellen ab,
die jedoch kaum bequemeres Vorwärtskommen ermöglichten als der Morast
selbst. Nach drei Stunden erreichten wir das Dorf Kāramurt; ¾ Stunden
später verließen wir die Straße und ritten bei einer verfallenen
Karawanserei, die Spuren schöner arabischer Arbeit aufwies, direkt in
das Gebirge hinein. Der Pfad führte steile, erdbedeckte Hänge hinauf
und hinab, durch blühende Dickichte aus Ginster, Judasbäumen und den
auf der Erde hinkriechenden Cistenrosen. Zur Linken sahen wir das
malerische Kastell Baghrās, das alte Pagrae, einen Berggipfel krönen.
Ich glaube nicht, daß die Gebirgsgruppe nördlich von Antiochien
jemals systematisch erforscht worden ist, vielleicht kommen dort noch
Teile seleucidischer oder römischer Befestigungswerke zu Tage, die
den Eingang zu dieser Stadt bewachten. Bald lenkten wir in die alte,
gepflasterte Straße ein, die steiler dahinführt als der neuere Fahrweg,
und nachdem wir ¾ Stunden gerastet hatten, um an den schattigen Ufern
eines Flusses zu frühstücken, erreichten wir den höchsten Punkt des
Bailānpasses um 1 Uhr. Hier bogen wir in die Hauptstraße von Aleppo
nach Alexandretta ein. Ich konnte keinerlei Spuren von Befestigungen
an den Syrischen Toren bemerken, wo Alexander umkehrte und nach der
Ebene von Issus zurückmarschierte, um Darius zu begegnen, aber der
Paß ist sehr eng und muß leicht gegen Eindringlinge von Norden her
zu verteidigen gewesen sein. Es ist das der einzige für eine Armee
gangbare Paß über den zerklüfteten Berg Amanus. Eine Stunde davon
befindet sich das Dorf Bailān; seine wundervolle Lage an der Nordseite
der Berge bietet den Überblick über die Bucht von Alexandretta nach
der wilden Cilicianischen Küste und der weißen Tauruskette. Ein etwa
vierstündiger Ritt brachte uns von Bailān nach Alexandretta.
Als wir auf grünen, blumenbesäten Hängen, den letzten Syriens, dem
schimmernden Meere zutrabten, entspann sich zwischen mir und Michaïl
ein Gespräch. Wir blickten, wie Reisegefährten zu tun pflegen, noch
einmal auf unsre Reiseerlebnisse zurück, erinnerten uns der Abenteuer,
die uns zu Wasser und Land beschieden gewesen, und endlich sagte ich:
»Oh Michaïl, diese Welt ist schön, wenn auch mancher ihr Übles
nachredet, und die Kinder Adams sind meist gut und nicht böse.«
»Es geht alles nach Gottes Willen!« sagte Michaïl.
»Ohne Zweifel,« entgegnete ich. »Aber denken wir an alle die zurück,
denen wir auf der Reise begegnet sind. Wie haben sie sich gefreut, wenn
sie uns helfen konnten, und wie gut haben sie uns aufgenommen. Gleich
zu Anfang hatten wir Habīb Fāris, der uns geleitete, dann Namrūd und
Gablān --«
»Mascha'llah!« fiel Michaïl ein, »Gablān war ein vortrefflicher Mann.
Habe ich doch noch keinen Araber gesehen, der so wenig gierig war, kaum
daß er die Speisen kosten wollte, die ich ihm vorrichtete.«
»Und Scheich Mohammed en Nassār,« fuhr ich fort, »sein Neffe Fāris
und der Kāimakām von Kal'at el Husn, der alle von uns zwei Nächte
beherbergte und bewirtete. Auch der Kāimakām von Drekisch -- er
veranstaltete uns zu Ehren ein Fest -- und der Zaptieh Mahmūd« --
hier knurrte Michaïl, denn mit Mahmūd hatte er auf gespanntem Fuße
gestanden -- »und Scheich Jūnis« fuhr ich hastig fort, »aber Mūsa, der
Kurde, war doch der Beste von allen.«
[Illustration: Unterer Teil des Garīz.]
»Er war ein braver Mann und hat Ew. Exzellenz gut gedient,« stimmte
Michaïl bei.
»Ja sogar Reschīd Agha,« sprach ich weiter, »er war ja ein Schelm, aber
Gastfreundschaft hat er uns doch bewiesen.«
»Hören Sie mich an, Madame,« sprach Michaïl, »ich will Ihnen die Sache
erklären. Der Mensch hat einen beschränkten Gesichtskreis, er sieht
nur, was er sehen will. Mancher sucht nach Bösem und findet es, ein
anderer sucht Gutes, und Gutes findet er. Einem dritten aber lächelt
das Glück, und ihm wird immer, was er begehrt. Zu diesen gehören Sie,
gelobt sei Gott! Und gefalle es Gott, daß Sie in Frieden weiter ziehen
und wohlbehalten in Ihrer Heimat anlangen, wo Sie Seine Exzellenz,
Ihren Vater, Ihre Mutter, all Ihre Brüder und Schwestern gesund und
glücklich antreffen mögen. Und auch all Ihre Verwandten und Freunde!«
fügte er noch bedeutsam hinzu. »Möchten Sie noch manchesmal Syrien in
Frieden und Sicherheit glücklich durchreisen, das gebe Gott!«
[Illustration: Sarkophag in der Serāya, Antiochien.]
»Gott gebe es!« sagte ich.
Register.
~A.~ bedeutet Abbildung.
Abādeh, Stamm 22.
Abana, Fluß 147.
Abbās, Beni 130.
Abbrechen des Lagers ~A.~ 73.
'Abd ul Aziz ibn er Raschid 141.
'Abd ul Hamed Pascha Druby 182, 187.
'Abd ul Hamid Beg Rāfi'a Zādeh 192-201.
'Abd ul Kadir, der große Algerier 138, 141, 144.
'Abd ul Kādir el 'Azam 216.
'Abd ul Medjid, kurdischer Zaptieh 203, 204.
'Abd ul Wahhāb Beg 178.
'Abdullah Pascha, der Amīr 138, 142, 144.
Abd ur Rahmān Pascha 231.
Abessinische Priester ~A.~ 19.
Abraham, George 323.
Abrasch, Fluß 202.
Abu Kbēsch 211.
Abu Zreik 96.
Abu'l Fīda, Marmorsarkophag zu Hamāh 222.
Adana 261.
Aden 256.
'Adwān, Stamm 16, 23.
'Adwānaraber als Feldhüter. ~A.~ 22.
Afrīn, Tal des 280.
'Agēl, Stamm 53;
Lager der, auf der Wanderschaft ~A.~ 63.
Agha Chān 189, 225.
Agha, Mohammed 'Ali 300, 301, 302.
Agha, Rifa't, Antiquitätensammlungen 310 bis 312;
Lampe in der Sammlung ~A.~ 313.
Agha, Rustum 300, 301, 302.
Ägypten, Herrschaft der Engländer in 54, 55, 56, 221.
Ahmed, Sohn des Gischgāsch 104, 126.
Ain esh Schems 7, 210.
'Aintāb, Missionsschulen 322.
'Ajārmeh, Stamm 14.
Ajlun, Höhen von 16.
'Akaba, Golf von 13.
Akropolis Athens 158.
'Ala, Djebel el 266, 293, 299, 300.
Alāni 303, 304, 307.
Aleppo 62, 162, 214 Anm., 235, 241, 246, 251, 252, 255, 257, 260, 283;
Burg 259, ~A.~ 253.
Alexander der Große 233, 324.
Alexandretta 255, 256, 260, 262, 323, 324.
Alexandria 232.
'Al Herdeh, Dorf 224, 225.
'Ali id Diāb ul 'Adwān, Sultan ibn 16.
Ali, Behamed, persischer Prophet 143.
'Ali, Mohammed, Pascha von Aleppo 143, 258.
'Ali Pascha, Amīr 138, 141.
Allāt 91.
Altsyrische Inschriften 282.
'Alya, Djebel el 49, 50, 52, 60.
Amanus, Berg 324.