»Und wenn er ihn aufgefressen hat,« fuhr Mūsa fort, »kommt eine Flut,

die sieben Tage oder sieben Monate oder sieben Jahre anhalten wird.«

»Und die Erde wird reingewaschen werden,« fügte der Kompagnon hinzu.

»Und dann wird der Madi kommen,« fuhr Mūsa fort, »und die vier Sekten

zusammenberufen, Jezīdis, Christen, Mohammedaner und Juden, und der

Prophet jeder Sekte muß seine Gläubigen sammeln: Jezīd die Jezīdi,

Jesus die Christen, Mohammed die Mohammedaner und Moses die Juden. Alle

die aber, die während ihres Lebens den Glauben gewechselt haben, werden

im Feuer geprüft, damit offensichtlich wird, welchem Bekenntnis sie in

ihrem Herzen anhangen. So wird jeder Prophet die Seinen kennen. Das ist

das Ende der Welt.«

»Haltet ihr alle vier Glaubensbekenntnisse für gleichwertig?« fragte

ich.

Mūsa erwiderte (etwas diplomatisch vielleicht): »Christen und Juden

erachten wir uns gleich.«

»Und die Mohammedaner?« erkundigte ich mich.

»Die halten wir für Schweine.«

Das waren Mūsas Glaubenssätze. Was sie bedeuten, will ich nicht zu

wissen behaupten. Hadūdmadūd aber ist wahrscheinlich Gogmagog, wenn das

der Sache zu größerer Klarheit verhilft.

Die Sonne sank, als wir uns von der Kirchenschwelle erhoben und über

die Ruinen von Kefr Lāb heimwärts zu klettern begannen. Jenseits des

Dorfes stießen wir auf brüchigen Boden, und auf der Spitze des Hügels

sah ich große Höhlungen unter den Felsen. Mūsas Genosse machte Halt vor

denselben und sprach:

»An solchen Stellen suchen wir nach Schätzen.«

»Und findet ihr sie?« sprach ich.

Er erwiderte: »Ich habe nie einen entdeckt, aber man hört viel

erzählen. So verlor einst, wie berichtet wird, ein Hirtenknabe eine

Ziege und durchsuchte das Gebirge nach ihr. Endlich fand er sie in

einer Höhle, die ganz mit Goldmünzen gefüllt war. Schnell verstopfte

er den Eingang und eilte heim, um einen Esel zu holen, den er mit dem

Golde beladen konnte. In seiner Hast aber ließ er die Ziege in der

Höhle, und als er zurückkam, fand er weder Höhle noch Ziege, noch Gold,

soviel er auch suchte.«

»Und ein andermal,« sagte Mūsa, »schlief ein Knabe in den Ruinen von

Kefr Lāb und träumte, er hätte einen großen Schatz in der Erde gefunden

und danach gewühlt. Als er erwachte, waren seine Hände wirklich mit

Goldstaub bedeckt, aber er hatte keine Ahnung mehr von der Stelle, wo

er gegraben.«

Keine dieser Erzählungen bot jedoch genügend Anhaltspunkte, um die

Ausrüstung einer Schatzgräberexpedition nach dem Djebel Sim'ān zu

rechtfertigen.

Als wir Bāsufān erreichten, fragte Mūsa, ob seine Schwester Wardēh (die

Rose) sich wohl die Ehre geben dürfte, mir ihre Aufwartung zu machen.

»Und bitte,« fügte er hinzu, »versuchen Sie doch, sie zum Heiraten zu

überreden!«

»Zum Heiraten?« fragte ich, »wen soll sie denn heiraten?«

»Irgend jemand,« entgegnete Mūsa gleichmütig. »Sie hat erklärt, daß ihr

die Ehe verhaßt ist, und daß sie in ihres Vaters Haus bleiben will. Wir

können sie nicht davon abbringen. Und doch ist sie jung und schön.«

Sie sah wirklich sehr hübsch und überdies auch bescheiden aus, als sie

so in meiner Zelttür stand in der kleidsamen Tracht der Kurdenfrauen,

mit der Kaimakschüssel, dem mir zugedachten Gastgeschenk, in der

Hand, und ich muß gestehen, daß ich in dem Glauben, sie könne ihre

Angelegenheiten am besten selbst versorgen, die Heiratsfrage nicht sehr

dringlich betrieb. Sie brachte mir frisches Brot zum Frühstück für

den nächsten Tag und bat mich, vor meiner Abreise auch ihres Vaters

Haus zu besuchen. Das tat ich und fand die ganze Familie, Söhne,

Schwiegertöchter und Enkel zu meiner Begrüßung versammelt. Obgleich

ich erst kurz vorher gefrühstückt hatte, bestand doch der alte Vater

darauf, daß mir Brot und Schüsseln mit Rahm vorgesetzt wurden, »damit

das Band der Gastfreundschaft uns verbinde«. Schöne, wohlgebildete

Leute waren sie alle; ihre angenehmen Gesichter wurden durch das

Lächeln verklärt, das auch Mūsas Hauptreiz war. Um ihretwillen soll den

Kurden künftighin ein Platz in meinem Herzen bewahrt bleiben.

[Illustration: Bāsufān, kurdisches Mädchen.]

Dreizehntes Kapitel.

Am 4. April, früh 8 Uhr, verließen wir Bāsufān und ritten auf

unglaublich felsigen Pfaden südwärts. Wir ließen Kal'at Sim'ān westlich

liegen und umgingen die Ostflanke des Djebel Scheich Barakāt. Mūsa

erklärte, mich noch einen Teil des Weges begleiten zu müssen, und kam

mit bis Deiret Azzeh, einem großen, aus 300-400 Häusern bestehenden

mohammedanischen Dorfe. Hier verließ er uns, und wir stiegen hinab in

die fruchtbare Ebene von Sermeda, die von den Hängen des Djebel Halakah

eingeschlossen ist. Gegen Mittag erreichten wir das große Dorf Dāna

und speisten an dem berühmten, dem dritten Jahrhundert entstammenden

Grabe, das de Vogüé beschrieben hat. Es ist meiner Meinung nach das

lieblichste unter den geschichtlichen Denkmälern Nordsyriens und könnte

in seiner zierlichen Einfachheit würdig dem choragischen Denkmal des

Lysicrates in Athen zur Seite gestellt werden. Es hielt uns nichts

weiter in Dāna zurück, und als auch unsre Lasttiere angekommen waren,

sandte ich sie mit Michaïl und einem heimischen Führer voraus nach

den Ruinen von Dehes, wo sie Nadjīb und mich erwarten sollten. Nach

einigem Beraten wurden sich Nadjīb und der Eingeborene auch über die

Lage des Ortes einig, der mir nur aus den Berichten der Reisenden

bekannt war. Erst als wir ihn erreicht hatten, entdeckte ich, daß wir

uns in Mehes statt in Dehes befanden. Schließlich machte es keinen

großen Unterschied. Hauptsache war, daß wir einen bequemen Lagerplatz

dort vorfanden. Von Dāna aus führte mich Nadjīb die alte Römerstraße

entlang an einem römischen Triumphbogen, Bāb el Hawa, vorbei, der

malerisch am Eingange zu einem felsigen Tale erbaut ist. Wir ritten

einige Meilen weit in demselben aufwärts, sahen eine verfallne Kirche

und erstiegen dann den Westabhang durch eine Schlucht, die uns auf ein

weites Hochplateau, dicht an das verödete Dorf Ksedjba führte.[16]

Unser Weg führte uns durch eine Gegend, die mit Blumen und Gruppen

verfallner Häuser und Kirchen wie bestreut war, weiter nach dem Dorfe

Bābiska. Das Herz hüpfte vor Freude beim Anblick so viel einsamer,

unberührter Schönheit. Zwischen diesen Hügeln war es schwierig, zu

sagen, wo Bākirha, die Stadt, der mein nächster Besuch galt, liegen

mochte; aber in der Nähe von Bābiska fanden wir einige Hirtenzelte, von

deren Bewohnern wir den Weg erfragten. Der Hirt, ein phlegmatischer

Mann, behauptete, es gäbe keinen Weg nach Bākirha, und der Nachmittag

wäre für ein derartiges Unternehmen zu weit vorgeschritten, überdies

müßte er einen Korb Eier nach einer andern Richtung tragen und könnte

uns nicht helfen. Ich aber war nicht so viele Meilen geritten, um so

nahe dem Ziele von meinem Vorhaben abzustehen, und mit etwas Poltern

und viel Überredungskunst brachten wir den Mann endlich dazu, uns bis

an den Fuß des Berges, der Bākirha trägt, zu führen. Er ging ungefähr

eine Stunde weit mit uns und zeigte dann nach dem Gipfel des Djebel

Bārischa. Mit den Worten »Das ist Bākirha« verließ er uns eilends und

kehrte zu seinem Eierkorb zurück.

[16] Die alten Stätten im Djebel Bārischa sind von der amerikanischen

Expedition bereist und beschrieben worden.

[Illustration: Grab zu Dāna.]

[Illustration: Bāb el Hawa.]

Da wir uns vergeblich nach einem Pfad umsahen, der uns hinaufführen

sollte zu den Ruinen, die im leuchtenden Nachmittagssonnenschein

oben am Berghang lagen, lenkten wir unsre Tiere endlich mitten in

das Geröll und das blühende Dornengestrüpp hinein. Aber selbst die

Ausdauer der syrischen Pferde kennt eine Grenze, und die unseren waren

fast an derselben angelangt, nachdem sie schon den ganzen langen Tag

über Felsgestein geklettert. Überdies stand uns noch ein wer weiß

wie langer Ritt bis zu unserm Lager bevor. Und doch mochte ich die

verlockend schimmernden Mauern, die so greifbar nahe über mir lagen,

nicht aufgeben; ich gebot daher dem widerwilligen Nadjīb, unten mit den

Pferden auf mich zu warten, und kletterte allein hinauf. Schon neigte

sich der Tag, und ich eilte schnell vorwärts, aber die Erinnerung an

diesen hastigen Stieg über die steilen Felsen, die halb in Blumen

begraben und von der Sonnenhitze durchglüht waren, wird mir nicht

so leicht aus dem Gedächtnis schwinden. Eine halbe Stunde später

stand ich am Eingang der Stadt vor einer prächtigen Basilika mit der

schönsten abwechslungsreichsten architektonischen Ausschmückung.

Jenseits derselben lagen die verfallenen Straßen, alles Lebens bar,

am Berghange die Häuser, die mit Skulpturen geschmückten Balkone,

die tiefen, überwölbten Torwege, die säulenbestandenen Marktplätze,

-- alles war vom goldenen Sonnenlicht überflutet. Aber ich strebte

noch einem weiteren Ziele zu. Ich stieg einen breiten, gewundenen

Weg hinan, bis die Stadt und die blumigen Wiesenhänge hinter mir

lagen, und der Pfad an einem tiefen Abgrund endete. Nichts mehr lag

zwischen mir und dem Kamme des Bergzuges als eine schroffe Felswand.

Das Gebirge war nämlich hier durch steile Schluchten zerrissen, deren

Böschungen sonnenbeglänzte, fruchtbare Ebenen einschlossen, der obere

Rand dieser Schluchten aber trug auf einem schmalen Felsplateau einen

kleinen lieblichen Tempel. Ich ließ mich an dem Tore nieder, durch

welches die Andächtigen in den Tempelhof geschritten waren. Unter mir

lagen der Nordabfall des Djebel Bārischa, breite, schöne Täler und die

schneegekrönten, von warmem Dunst umschleierten Häupter des Giour Dāgh.

Stadt, Tempel und Berg, alle lagen sie gleich verödet, nur weit drüben

auf felsigem Pfad blies ein Hirtenknabe seiner zerstreuten Herde eine

wilde, süße Melodie. Der Ton der Rohrpfeife ist so recht die Stimme der

Einsamkeit: getragen von den Wellen der Gebirgsluft, die vom Hauch der

Blumen durchduftet, von den Strahlen der sinkenden Sonne durchglüht

war, schallte sie schrill, klar und leidenschaftslos herüber zu dem

Tore des Tempels. Menschen waren gekommen und gegangen, das Leben war

an den Flanken des Berges heraufgeflutet und wieder geebbt, die alten

Götter aber waren zurückgeblieben und streckten ihre Zepter über die in

friedlicher Einsamkeit und Schönheit liegenden Felsen und den blühenden

Dorn.

[Illustration: Tempeltor, Bākirha.]

Ein Loblied stieg hier, an der Schwelle des Heiligtums, aus meinem

Herzen empor, ehe ich dankerfüllten, freudigen Sinnes den Rückweg

antrat.

Nadjīb bewillkommnete mich mit Ausrufen der Erleichterung.

»Bei Gott,« sagte er, »nicht eine einzige Zigarette habe ich geraucht,

seit ich Ew. Exzellenz aus den Augen verloren. Die ganze Stunde mußte

ich unaufhörlich beten: Gefalle es Gott, daß sie auf keinen Räuber in

den Felsen stößt!«

Um das Versäumte nachzuholen, brannte er die Zigarette an, die er

trotz seiner Angst während meiner Abwesenheit gerollt hatte, und wenn

ich auch nicht zu behaupten wage, daß es wirklich die einzige war,

so muß man seinem Gefühl doch Anerkennung zollen. Ich glaubte damals

(der nächste Tag belehrte mich freilich eines besseren), daß wir auf

dem holperigsten Pfade der Welt in die Ebene von Sermeda hinabritten.

Am Fuße des Berges angelangt, wandten wir uns südwärts einem Tale zu,

das, ein schmaler Streifen angebauten Bodens, sich zwischen steinigen

Höhen dahinwand. Weiterhin verbreiterte es sich, und wir kamen durch

ein großes, neues Dorf, in dem uns die willkommne Nachricht zuteil

ward, daß unsre Karawane uns bereits voraus war. ¼7 Uhr ritten wir

todmüde in Mehes oder Dehes, welches von beiden es auch gewesen ist,

ein. Es möchte eine harte Probe für unsre Tiere gewesen sein, hätten

sie noch eine Meile weiter aushalten sollen. Mehes war ein prächtiger

Lagerplatz. Es kam nicht oft vor, daß wir unsre Zelte so weit von jeder

menschlichen Wohnung entfernt aufschlagen konnten. Die Maultiertreiber

trauerten dem sauren Quark und anderm Luxus der Kultur nach, und auch

ich vermißte den Quark, aber der Reiz eines einsamen Lagers vermochte

mich über vieles zu trösten. Die Nacht war still und klar; wir

verbrachten sie in dem verfallnen Schiff einer Kirche und schliefen

nach unserm langen Ritt den Schlaf der Gerechten.

Noch eine Ruine gedachte ich zu besuchen, ehe ich das Gebirge

verließ, und zwar die Kirche von Kalb Lōzeh, die der Beschreibung

nach das schönste Gebäude von ganz Nordsyrien sein mußte und in

Wirklichkeit auch war. Die Lasttiere schickte ich unten herum durch

die Täler und gab Fāris strenge, leider nutzlose Anweisung, unterwegs

nicht zu säumen. Ich selbst machte mich mit Michaïl und Nadjīb auf,

zwei Gebirgszüge, den Djebel Bārischa und den Djebel el 'Ala zu

überschreiten. Es ist am besten, Felsen zu Fuße zu überklettern, wer

aber die ganze gymnastische Leistungsfähigkeit eines Pferdes kennen

lernen will, der muß über den Djebel el 'Ala nach Kalb Lōzeh reiten.

Ich glaubte über diesen Punkt ganz genau Bescheid zu wissen, muß aber

gestehen, daß dieser Streifzug meine Kenntnis um ein ganz Erhebliches

erweitert hat. Nachdem wir einen unerträglich steinigen Berg westlich

von Mehes gerade hinaufgeklommen waren, erreichten wir den Kamm des

Djebel Bārischa.

Der Boden war hier vielfach mit Felsblöcken bedeckt, aber zwischen

denselben erblickten wir kleine Olivenhaine, Weingärten und winzige

Kornfelder verstreut. Jeder Vorsprung, jede Vertiefung war ein Garten

voll wilder Blumen: große blaue Iris entfalteten ihre schlanken Knospen

im süßduftenden Lorbeerdickicht, und die Luft war mit dem Wohlgeruch

des purpurfarbenen Seidelbast erfüllt. Und in diesem Paradies wohnte

ein sauertöpfischer Bauer, der unliebenswürdigste und schweigsamste

Mensch, den man sich denken kann. Nach viel erfolglosem Verhandeln

(er verlangte ungeheuerliche Preise für alle Dienste, und da wir in

seiner Hand waren, mußten wir auch schließlich nachgeben) willigte er

ein, uns nach Kalb Lōzeh zu bringen, und führte uns auf einem steilen,

in den Felsen gehauenen Pfad den Djebel Bārischa hinab. Er fiel so

gerade ab und war so schmal, daß wir uns nur mit größter Mühe an

einigen Frauen vorbeidrücken konnten, die mit Bündeln von Reisig --

Reisig! es war blühender Lorbeer und Seidelbast -- vom unteren Abhang

heraufgestiegen waren. Am Fuße dieses halsbrecherischen Abstiegs lag

ein tiefes Tal, an dessen einem Ende ein See erglänzte, und vor uns

erhob sich der Djebel el 'Ala, meinem Ermessen nach nicht mehr als eine

Steinmauer, die kein Roß zu erklimmen vermochte. Unser einsilbiger

Führer -- glücklicherweise habe ich seinen Namen vergessen -- gab uns

zu verstehen, daß unser Weg dahinauf lag, und da Nadjīb beizustimmen

schien, folgte ich sinkenden Mutes. Es war unbeschreiblich. Wir

sprangen und stolperten über die Steinblöcke, und unsre Tiere sprangen

und stolperten hinter uns drein; sie taumelten am Rande kleiner

Abgründe dahin, in denen ihnen beim Hinabstürzen jeder Knochen

zerschmettert worden wäre. Aber die Vorsehung wachte über uns, und

unversehrt gelangten wir hinauf, wo sich unseren Blicken eine ebenso

liebliche Landschaft zeigte, wie sie drüben auf dem Djebel Bārischa

hinter uns lag. Am Rande eines Olivenhaines machte unser Führer kehrt,

und wir erreichten nach wenig Augenblicken Kalb Lōzeh.

[Illustration: Kalb Lōzeh.]

Ob die große Kirche je von einer umfangreicheren Niederlassung

umgeben gewesen ist, weiß ich nicht; jetzt finden sich nur noch

wenige Häuserruinen vor, die Kirche steht fast ganz isoliert. Kaum

ein anderes Denkmal syrischer Kunst kommt ihr gleich. Schon

beim ersten Blick wird das Auge des Beschauers gefesselt von dem

turmtragenden Narthex, den weiten Ausbuchtungen des Schiffes, der

mit Säulen geschmückten Apsis, der unvergleichlichen Schönheit des

architektonischen Bildwerkes und den tadellosen Größenverhältnissen;

schaust du aber näher hin, so wirst du innewerden, daß du hier nicht

nur die höchste, letzte Vervollkommnung der syrischen Kunst, wie sie

allein durch Jahrhunderte währendes Streben erreicht werden konnte, vor

dir hast, sondern daß dieses Bauwerk den Anfang eines neuen Kapitels

in der Architektur der ganzen Welt bezeichnet. Der romanische Stil

in seiner edlen Einfachheit ist ein Kind Nordsyriens. Es ist ein

dankbares Feld für die Phantasie, zu überdenken, wie sich das Genie

dieser Architekten weiter entfaltet haben würde, wäre es nicht durch

die arabische Besitzergreifung gehemmt worden. Sicher ist, daß sie

eine große Künstlerschule gebildet hätten, die sich vielleicht stark

an die klassischen Muster und sicher mehr noch an den Orient anlehnte,

die aber allerorten unverkennbar ihre ebenso kühne wie edle und

schöpferisch tätige Eigenart bekundete. Ein kleiner Trost liegt in dem

Gedanken, daß die Schöpferkraft, die sich in Kalb Lōzeh offenbart, nie

Zeit gehabt hat, in Verfall zu geraten.

[Illustration: Apsis, Kalb Lōzeh.]

Wie ich früher gehört oder gelesen, befanden sich in den Bergen bei

Kalb Lōzeh einige drusische Niederlassungen, die von Auswanderern

aus dem Libanon bewohnt wurden, da ich aber noch keine gesehen,

hatte ich ihr Dasein fast ganz vergessen. Nun standen in der Nähe

der Kirche ungefähr ein halbes Dutzend Hütten, deren Bewohner

herauskamen und mir beim Photographieren zusahen. Und siehe da, es

traf mich ein wohlbekannter Blick aus kohlschwarzen Augen, es fielen

mir gewisse Eigentümlichkeiten im Benehmen auf, die zwar schwer zu

beschreiben sind, die aber in ihrer Gesamtheit bei mir den Eindruck

freundschaftlicher Vertrautheit, mit Wohlwollen gepaart, hervorriefen.

Als sich die Frauen der kleinen Gruppe zugesellten, hafteten meine

Augen auf den silbernen Ketten und Schnallen, die sie trugen, und die

ich, wie ich mich dunkel erinnerte, schon früher gesehen hatte. Beim

Abschied trat ein ältlicher Mann vor und erbot sich, uns eine Stunde

weit zu begleiten, da der Weg nach Hārim schwer zu finden sei, wie er

sagte. Noch waren wir keine hundert Schritte zusammen gegangen, als mir

die Bedeutung meines unbewußten Wiedererkennens klar wurde.

»Mascha'llah!« sagte ich, »ihr seid Drusen.«

Ängstlich blickte sich der Mann nach Nadjīb und Michaïl um, die uns

auf dem Fuße folgten, dann nickte er mit dem Kopfe und schritt ohne zu

sprechen vorwärts.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten,« tröstete ich, »der Soldat und

mein Diener sind verschwiegene Männer.«

Da nahm er sich ein Herz und sprach:

»Etliche von uns wohnen hier in den Bergen, aber wir fürchten die

Mohammedaner und verheimlichen vor ihnen, daß wir Drusen sind, damit

sie uns nicht verjagen. Es sind nicht über 200 drusische Häuser, alles

in allem.«

»Ich hatte mich schon auf euch gefreut,« entgegnete ich, »denn ich

kenne die Scheichs im Haurān; sie haben mir viel Freundlichkeit

erwiesen. Deshalb will ich alle Drusen begrüßen, wo ich sie auch finde.«

»Allah,« sagte er, »kennst du den Turschan?«

»Bei Gott!« erwiderte ich.

»Schibly und seinen Bruder Jahya?«

»Jahya kenne ich, aber Schibly ist tot.«

»Tot!« rief er aus, »Allgütiger -- Schibly tot?«

Und so entlockte er mir alle Neuigkeiten aus dem Gebirge und lauschte

mit atemloser Aufmerksamkeit den mancherlei Geschichten, für die ich,

so weit von Salchad entfernt, kein williges Ohr zu finden erwartet.

Plötzlich stockte sein Fragen, er verließ den Weg und trat auf einen

Weingarten zu, in dem ein junger Mann die Stöcke verschnitt.

»Oh mein Sohn!« rief er, »Schibly el Atrasch ist tot! Borge mir deine

Schuhe, daß ich mit der Dame nach Hārim gehen kann, die meinen sind

zerrissen!«

Der junge Mann näherte sich und zog währenddes seine roten

Lederpantoffeln von den Füßen.

»Wir sind Gottes!« sagte er. »Ich habe Schibly zuletzt vor einem Jahr

gesehen.« Und die Kunde mußte ihm in ihren Einzelheiten wiederholt

werden.

Während wir über die steinigen Berggipfel dahinzogen, und unsre Füße

das Seidelbastgestrüpp streiften, das in üppiger Fülle die Hänge

überwucherte, plauderten wir, als wären wir alte, lange getrennt

gewesene Freunde. Als wir den Rand des Djebel el 'Ala erreichten, sahen

wir Hārim unter uns liegen, und ich bestand darauf, daß mein Begleiter

sich die Mühe weiteren Mitgehens erspare. Mit großem Widerstreben nur

gab er nach und goß fünf Minuten lang all seine Segenswünsche über mich

aus, ehe er Abschied nahm. Schließlich kehrte er nochmals um, um sich

zu versichern, ob wir ihn auch bezüglich des Weges richtig verstanden

hätten.

[Illustration: Hārim.]

»Und wenn Sie das nächste Mal in den Djebel el 'Ala kommen,« sagte

er, »müssen Sie Ihr Lager in Kalb Lōzeh aufschlagen und wenigstens

einen Monat bleiben. Dann geben wir Ihnen alles, was Sie brauchen, und

zeigen Ihnen alle Ruinen. Und nun gefalle es Gott, daß Sie in Frieden

und Sicherheit ziehen und nächstes Jahr in Frieden und Gesundheit

wiederkehren.«

»Gott schenke euch langes Leben,« sprach ich, »und gebe euch Frieden.«

So trennten wir uns, und in meinem Herzen fühlte ich wieder jene warme

Zuneigung zu diesem Volk, die immer wieder aufs neue entfacht wird. Sie

mögen grausam im Kriege sein -- hier spricht überwältigendes Zeugnis

gegen sie -- manche erklären sie für treulos, andre haben sie habgierig

gefunden; aber wenn ich einem Drusen begegne, so begrüße ich ihn als

Freund und werde das so lange tun, bis ich den Beweis habe, daß mein

Vertrauen übel angebracht ist.

Die Burg Hārim steht auf einem Bergkegel an der Mündung einer der

wenigen Schluchten, die Zugang zum Djebel el 'Ala gewähren. Jenseits

liegt die große Orontesebene, die in alten Zeiten die Kornkammer der

Stadt Antiochien war. Da die letzten Regengüsse den sumpfigen See, von

den Syrern El Barah genannt, in seiner ganzen Ausdehnung angefüllt

hatten, stand der nördliche Teil der Ebene fast ganz unter Wasser.

Wir wandten uns von Hārim südwärts und ritten am Fuße des Djebel el

'Ala entlang nach Salkīn. Dieser Ritt wird mir der außerordentlichen

Schönheit der Landschaft wegen unvergeßlich bleiben. Nirgends weiter

in Syrien habe ich solch üppige Fruchtbarkeit gefunden. Oliven- und

Mandelhaine teilten sich mit Hafer und Gerste in die Fettigkeit des

Bodens, undurchdringliches Gestrüpp von Ginster, Seidelbast und

Brombeeren säumte den Weg, und jede sonnige Stelle war mit der blauen

~Iris stylosa~ übersät. Salkīn selbst lag in einem bewaldeten Tal

inmitten eines wahren Olivenhaines, der sich mehrere Meilen weit, fast

bis an den Orontes hin, erstreckte. Ehe wir die Stadt erreichten,

stiegen wir auf einem freien Platz zwischen Olivengärten ab. Es war 5

Uhr, aber Fāris war noch nicht da; wir machten es uns deshalb unter

den Bäumen gemütlich und warteten auf ihn. Unsre Ankunft verursachte

einige Aufregung unter den Leuten, die, im Grase sitzend, den ruhigen

Abend genossen; es dauerte nicht lange, so kam einer, augenscheinlich

eine vornehme Persönlichkeit, in Begleitung eines Dieners auf mich

zu und forderte mich auf, in seine Wohnung zu kommen und auszuruhen.

Obgleich erst von mittleren Jahren, war er ein stattlicher Mann und

hatte angenehme Züge. Ich nahm seine Einladung an, da ich neugierig war

zu sehen, was Salkīn zu bieten hatte. Besonders in fremden Ländern muß

man jede Gelegenheit ergreifen, seine Kenntnisse zu erweitern.

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 20 / 24 段