nördlichen Gebirge bis zur Kal'at Sim'ān aufs genaueste erforscht und
in ihren Karten aufgezeichnet, aber weder sie noch andre Reisende
haben einen Bericht des Hügellandes veröffentlicht, das sich von dem
Heiligtum in nordöstlicher Richtung erstreckt.[11] Ich habe dasselbe
bereist und beinahe alle verfallnen Dörfer besucht. Von den Bewohnern
wird es beinahe allgemein Djebel Sim'ān genannt, und auch ich werde
unter diesem Namen davon sprechen. Das Simongebirge mit dem Djebel
Bārischa nach Südwesten und dem Djebel el 'Ala noch weiter nach
Westen hin gehören demselben architektonischen System an, wie der
Djebel Zawijjeh, durch den wir auf unserm Wege nach Aleppo gekommen
waren. Man könnte wohl Unterschiede in dem Stile der nördlichen und
dem der südlichen Gruppe herausfinden; dem amerikanischen Architekten
Mr. Butler ist es dank seiner gründlichen Kenntnis der beiden
Distrikte auch gelungen, für den flüchtigen Beobachter aber scheinen
diese Verschiedenheiten hauptsächlich auf natürlichen Ursachen zu
beruhen, sowie auf dem Umstand, daß der nördliche Distrikt mehr
unter dem Einflusse Antiochiens stand, und diese Stadt war in den
ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung die Hauptquelle
aller künstlerischen Anregung, und zwar nicht für Syrien allein. Die
Ansiedlungen im Djebel Sim'ān waren kleiner und die einzelnen Häuser
weniger geräumig, wahrscheinlich weil das nördliche Gebirge viel
zerklüfteter ist und unmöglich eine so große und reiche Bevölkerung
ertragen konnte. Der Djebel Sim'ān scheint früher bebaut worden zu
sein und den Gipfel des Wohlstandes etwas später erreicht zu haben,
als der Süden des Landes, auch ist er nicht jener Periode des Verfalls
unterworfen gewesen, der den Süden im letzten Jahrhundert vor der
arabischen Besitzergreifung heimgesucht hat.[12] Die schönen Kirchen
des Nordens entstammen dem 6. Jahrhundert und zeigen bezüglich des
architektonischen Schmuckes einen fast genialen Luxus, den keine
der spätesten südlichen Kirchen erreicht, die, mit Ausnahme der
Bizzoskirche in Ruweihā, alle bereits ein Jahrhundert früher erbaut
sind. Es ist interessant, daß die letztgenannte Kirche, die doch
etwas jünger ist, als Kal'at Sim'ān, gleichwohl viel herber in ihren
Einzelheiten ist, und daß im Norden selbst kleine Häuser nicht selten
größere Mannigfaltigkeit und Kostbarkeit im Schmuck aufweisen, als im
Süden üblich ist.[13] Da der Reisende beim Lesen der Inschriften an
Kirchen und Wohngebäuden das Datum immer mehr nach der Antiochischen
Zeitrechnung angegeben findet, wird er auf den sehr verzeihlichen
Gedanken verfallen, daß es die prachtliebende Hand Antiochiens gewesen
ist, die hier die Architrave und Kapitäle, die Simse und Friese
geschaffen hat. Die Kirche des St. Simon ist nicht nur aus lokalen
Beiträgen errichtet worden, sondern hier hat die ganze Christenheit dem
berühmten Heiligen ihren Tribut dargebracht, und wahrscheinlich sind
nicht heimische Arbeiter, sondern die Architekten und Steinschneider
von Antiochien ihre Erbauer gewesen. Wenn es an dem ist, so muß man
auch die anmutige Kirche von Kalb Lōzeh denselben Schöpferhänden
zuschreiben, und ein Dutzend kleinere Bauten wie z. B. die Ostkirche in
Bākirha verraten deutlich gleichen Einfluß.
[11] Seither habe ich erfahren, daß nach meiner Anwesenheit Mr. Butler
und seine Reisegesellschaft ihre Forschungen auf das Land nördlich
von Kal'at Sim'ān erstreckt haben, und ich warte mit Spannung auf
eine ausführliche Beschreibung dieser Gegend in ihren künftigen
Veröffentlichungen.
[12] Vermutlich hat dieser Verfall seine Ursache zum Teil in der
ungeheuren Steuerlast, die Justinian während seiner Bemühungen, den
Westen seines Landes zurückzuerobern, den Ostprovinzen auferlegte.
Wer Diehls großes Werk über Justinian gelesen hat, weiß, wie sehr die
soziale und politische Organisation seiner Provinzen unter dem Druck
der Kriege in Italien und Nordafrika in Unordnung geriet. Die Ostländer
hatten, als die reichsten, am meisten zu leiden.
[13] Es ist dies eine Beobachtung Mr. Butlers, »Architektur und andre
Kunst.«
[Illustration: Kal'at Sim'ān, der kreisrunde Hof.]
Ich verbrachte den Morgen damit, die Simonskirche und das am Fuße des
Berges gelegene Dorf zu durchforschen. Letzteres weist einige sehr
schöne Basiliken und die Ruinen einer großen Pilgerherberge auf. Beim
Frühstück erschien ein Kurde auf der Bildfläche, der einen so klugen,
vertrauenerweckenden Eindruck machte, daß ich mir ihn sofort für die
nächsten Tage zum Führer erkor, denn die Gegend, die ich zu durchziehen
beabsichtigte, war steinig, pfadlos und auf der Karte nur ein leerer
Fleck. Mūsa war der Name meines neuen Freundes. Als wir am Nachmittag
zusammen dahinritten, vertraute er meinem verschwiegenen Ohr, daß
er seines Glaubens Jezīdi sei, eine Sekte, die die Mohammedaner
Teufelanbeter nennen. Ich halte sie jedoch für ein gutmütiges,
harmloses Volk. Sie sind im oberen Teile von Mesopotamien zu Hause,
und von dort war Mūsas Familie auch ausgewandert. Wir sprachen von
Glaubenslehren -- freilich nur vorsichtig, denn unsre Bekanntschaft
war noch jung -- und Mūsa gestand ein, daß die Jezīdis die Sonne
anbeten. »Ein sehr geeignetes Anbetungsobjekt,« entgegnete ich, und
in der Absicht, ihm etwas Angenehmes zu sagen, fügte ich hinzu, daß
die Ismailiten beides, Sonne und Mond, anbeten, aber siehe da, bei
dem bloßen Gedanken an einen derartigen Götzendienst war Mūsa kaum
imstande, seinen Abscheu zu verbergen. Das führte mich zu der stillen
Betrachtung, ob die Welt wohl viel klüger geworden seit den Tagen,
da St. Simon auf seiner Säule saß. Der Schluß, zu dem ich endlich
gelangte, war nicht schmeichelhaft.
[Illustration: Kal'at Sim'ān, der kreisrunde Hof.]
In den Dörfern am Fuße des Djebel Scheich Barakāt, des höchsten Gipfels
südlich von Kal'at Sim'ān, setzte der Regen unsern Streifereien ein
Ziel und trieb uns heim; gegen Abend aber klärte sich der Himmel wieder
auf. An dem wunderbar schönen Westtor sitzend, beobachtete ich, wie
die Berge allmählich kupferrot erstrahlten, die grauen Mauern der
Ruine wie in Gold getaucht erschienen. Der sehr niedergeschlagene
und reumütige Michaïl beglückte mich mit einem vortrefflichen Diner,
trotzdem würde ich ihn davongejagt haben, wenn St. Simon mir nur zu
einem andern Koch hätte verhelfen können. Ja, ich war halb geneigt,
mir einen aus Aleppo kommen zu lassen, aber der Zweifel, ob ich durch
eine Stellenvermittlung einen guten Diener bekommen würde, und eine
gewisse Bequemlichkeit verhinderten mich an der Ausführung des Planes.
Vor mir rechtfertigte ich mich mit der Hoffnung, daß Michaïls Reue von
Dauer sein würde. Einen Monat lang lebten wir auf einem Vulkan mit
gelegentlichen Ausbrüchen, bis wir schließlich in die Luft flogen. Aber
genug dieser unerquicklichen Dinge.
[Illustration: Kal'at Sim'ān, Apsis.]
Am nächsten Tage ging ich daran, den östlich und nordöstlich der
Kirche gelegenen Dörfern des Djebel Sim'ān einen Besuch abzustatten.
Ein einstündiger Ritt in rein östlicher Richtung brachte uns nach
Burdjkeh, das den unverfälschten Charakter dieser Dörfer des äußersten
Nordens trägt. So hat es den fast unvermeidlichen großen, viereckigen
Turm. Alles Mauerwerk war massiv; oft waren die Steine nicht einmal zu
richtigen Lagen geschichtet, und wenn schon, so zeigten diese Lagen
ganz verschiedene Tiefen. Die Kirche hatte eine viereckige, über die
Mauern des Schiffes hinausgebaute Apsis. Jedes Fenster krönte ein
fortlaufender Fries, der sich in der Höhe der Brüstung von einem
Fenster zum anderen hinüberzog und beim letzten in einer Spirale
endete. Er machte den Eindruck eines Bandes, das um die Öffnungen
geschlungen, und dessen Enden aufgerollt worden waren.
[Illustration: Kal'at Sim'ān, Westtor.]
Dieser Fries ist den Bauten des 6. Jahrhunderts in Nordsyrien eigen.
Die Wohnhäuser von Burdjkeh waren einfache, viereckige Hütten und
aus vieleckigen Steinen erbaut. Mūsa kundschaftete ein neugeöffnetes
Grab in der Nähe der Kirche aus. Mit etwas Mühe gelang es mir,
hineinzukriechen; ich wurde aber belohnt, denn in einer der Nischen
fand ich das Datum 292 der Antiochischen Zeitrechnung eingegraben.
Es entspricht unserm Jahr 243 n. Chr. Unter der Jahreszahl befanden
sich drei Zeilen arg verwitterter griechischer Schrift. Wir ritten
weiter und gelangten eine halbe Stunde später nach Surkanyā, einem
verlassenen Dorfe, das ganz reizend am Anfange eines flachen, felsigen
Tales liegt, in dem sogar einige Bäume zu finden sind. Die Häuser waren
von außergewöhnlich massiver Konstruktion; schwerfällige Steinbalkone
bildeten eine Art Vorraum über der Tür. Eins trug ein Datum, das
Jahr 406 n. Chr. Die Kirche war der zu Burdschkeh fast ganz gleich.
Dreiviertel englische Meilen weiter nördlich lag Fāfertīn; hier begann
es zu regnen. Wir suchten Zuflucht in einer Apsis, dem letzten
Überrest einer Kirche, die grob gebaut war, aber größer als eine der
bisher gesehenen.[14]
[14] Butler berichtet in seinen Aufzeichnungen, daß diese Kirche die
Jahreszahl 372 n. Chr. trägt und damit den Vorzug hat, diejenige Kirche
Syriens, wenn nicht der ganzen Welt zu sein, die das älteste Datum
aufweist.
[Illustration: Grabmal, Kāturā.]
Das Dorf war von einigen Familien der Jezīdi-Kurden bewohnt. In
strömendem Regen ritten wir eine Stunde nordostwärts nach Chirāb
esch Schems, konnten hier aber infolge des Wetters nichts vornehmen.
Wir eilten deshalb weiter über Kalōteh nach Burdj el Kās, wo ich
meine Zelte auf einer feuchten Wiese errichtet fand. Mūsa zeigte
sich sehr betrübt über den heftigen Regen, denn, wie er sagte, war
das feuchte Frühjahr seinen Feldern verhängnisvoll, da alle Erde von
den hochgelegenen Stellen in die Täler hinabgewaschen wurde. Noch
ist das Bloßlegen des Gesteins, das die Fruchtbarkeit Nordsyriens
so herabgemindert hat, in vollem Gange. In Burdj el Kās krönte ein
viereckiger Turm den Gipfel des Berges, einige alte Häuser waren
wieder instandgesetzt und von den Kurden bewohnt. Der Querbalken
einer Tür trug die Zahl 406 n. Chr., ein anderer eine sehr schwer zu
entziffernde Inschrift. Das Ende dieses Steines wurde durch die Ecke
eines wiederaufgebauten Hauses verdeckt, ein Blick dahinter aber ließ
mich gerade noch erkennen, daß sich am äußersten Rande eine kleine
Verzierung befand. Der Besitzer des Hauses war der Meinung, daß
dieselbe eine Madonna darstelle. Das wäre nicht nur eine bemerkenswerte
Vermehrung der spärlichen Skulpturen Nordsyriens gewesen, sondern auch
ein neuer theologischer Ausblick; ich drückte deshalb mein Bedauern
aus, die Ecke nicht genauer sehen zu können. Sofort holte mein Freund
eine Spitzhacke und schlug damit ein Stück seines Hauses ab: die
Jungfrau Maria erwies sich als ein römischer Adler.
[Illustration: Chirāb esch Schems.]
[Illustration: Chirāb esch Schems, Skulpturen im Innern eines Grabes.]
In Nadjībs und Mūsas Begleitung suchte ich die Dörfer wieder auf, an
denen ich des Regens wegen am Tage vorher vorübergeritten war. In
Kalōteh blieb Nadjīb mit den Pferden zurück, während wir zu Fuß nach
Chirāb esch Schems weitergingen. War doch der Weg so steinig, daß ich
ihn meinen Tieren gern ein zweites Mal ersparen wollte. Chirāb esch
Schems enthielt eine schöne Kirche, die vom Westtor bis zum Beginn
des Altarplatzes 21 Schritt maß. Nach Norden und Süden hin waren die
Umfassungsmauern gestürzt, es standen nur noch die fünf Bogen auf
jeder Seite des Schiffes, sowie ein von zehn kleinen, rundbogigen
Fenstern durchbrochenes Cleristerium, letzteres den Eindruck einer
allerliebsten, freistehenden Loggia machend. Weiter bergaufwärts befand
sich eine massive Kapelle ohne Flügel, aber mit herausgebauter Apsis.
Mit ihrem halbdomförmigen Dach aus viereckigen Steinplatten ähnelte sie
dem im 5. Jahrhundert erbauten Baptisterium zu Dār Kīta.[15] In der
Bergwand fanden wir eine Anzahl Felsengräber; zu meiner Befriedigung
entdeckte ich in dem einen mehrere merkwürdige Reliefs. Die Nische
links der Tür zeigte vier grobgehauene Figuren mit in Gebetsstellung
erhobenen Armen, in einer dunklen Ecke der Felswand aber befand sich
eine einzelne Gestalt mit Hemd und spitzer Kappe angetan, die in der
rechten einen sonderbaren korbähnlichen Gegenstand hielt. Nach Kalōteh
zurückgekehrt, besuchten wir eine westlich des Dorfes isoliert auf
einer Anhöhe stehende Kirche. In der Nähe des Südtores trug die Mauer
eine lange griechische Inschrift. Das Schiff war von den Flügeln durch
je vier Säulen getrennt, die, nach den Überresten zu urteilen, teils
kanneliert, teils glatt gewesen waren.
[15] Butler, Architektur und andre Kunst, Seite 139.
[Illustration: Kapitäl, obere Kirche zu Kalōteh.]
Der Säulengang endete an der Apsis mit eingebauten kannelierten
Säulen, die schöne korinthische Kapitäle trugen. Apsis, Prothesis und
Diaconicum waren alle mit in die Umfassungsmauern eingeschlossen. Das
Westtor zeigte einen erhabenen, überhöhten Bogen über der zerbrochenen
Oberschwelle, welch letztere mit einer Zahnschnittleiste verziert war.
Südlich der Kirche liegt ein isoliertes Baptisterium, neun Fuß im
Geviert groß, dessen Grundmauern noch die erste Lage der Steinwölbung
trugen. Die Kirche muß mit Ziegeln bedeckt gewesen sein, denn ich
sah noch zahlreiche Bruchstücke im Schiff umherliegen. Eine massive
Umfriedigungsmauer umschloß beides, Kirche und Baptisterium. Im Dorfe
unten standen noch zwei weitere Kirchen, die westliche 38 zu 68 Fuß,
die andre 48 zu 70 Fuß groß. Aus den Friesen um die Tore beider Kirchen
kann man schließen, daß sie nicht vor dem 6. Jahrhundert erbaut sein
können. Das Dorf wies auch Häuser mit Steinveranden auf.
[Illustration: Barād, Turm im Westen der Stadt.]
1½ Stunde westlich von Kalōteh liegt Barād, das größte und
interessanteste Dorf des Djebel Sim'ān. Es ist zum Teil wieder bewohnt,
und zwar von Kurden. Mein Lager befand sich auf freiem Felde, einem
wunderbar schönen Grabmal gegenüber; es stellte einen Baldachin dar,
der von vier auf hohem Podium ruhenden Strebepfeilern getragen wurde.
In der Nähe lag ein großer Steinsarkophag und eine Anzahl anderer
Gräber, die teils in die Felsen gehauen waren. Zwei Kirchen im Innern
der Stadt unterzog ich näherer Prüfung. In der einen war das 68 Fuß
lange Schiff von den Seitenflügeln durch vier große Säulen abgetrennt,
die sechs Fuß im Durchmesser hatten und eine Säulenweite von 18 Fuß
zeigten. Diese große Säulenweite ist ein Beweis später Entwicklung, sie
weist etwa auf das 6. Jahrhundert hin. Die zweite Kirche zeigte noch
größere Dimensionen, 118 zu 73 Fuß, lag aber bis auf die Westmauer und
einen Teil der Apsis gänzlich in Trümmern. Nördlich davon stand eine
kleine Kapelle mit vollständig erhaltener Apsis; der nahe dabeiliegende
Sarkophag läßt den Schluß zu, daß die Kapelle ein Mausoleum gewesen
ist. Das östliche Ende der Stadt enthielt einen Komplex von Gebäuden,
aus vieleckigen Steinblöcken konstruiert; sie umschlossen eine
viereckige Umfriedigung mit einem viereckigen Raum in der Mitte, unter
dem sich ein Gewölbe befand, das jedenfalls ein Grab darstellt. Im
äußersten Westen der Stadt stand ein schöner Turm und einige große,
wohlerhaltene Häuser daneben. Diese Gruppe war durch eine kleine Kirche
von der Stadt selbst getrennt. Nahe bei meinem Lager befand sich ein
wunderliches Gebäude mit zwei unregelmäßig in die Ostmauer eingebauten
Altarplätzen. Meiner Meinung nach ist es vorchristlich. Die Mauern
trugen noch die vollständig erhaltene Wölbung. Während Mūsa und ich
dieses Bauwerk ausmaßen und den Grundriß zeichneten, wurden wir von
zwei Personen in langen weißen Gewändern und Turbanen beobachtet, die
das größte Interesse für unsre Bewegungen an den Tag legten. Wie Mūsa
sagte, waren es Regierungsbeamte, die den Djebel Sim'ān besuchten, um
mit Rücksicht auf eine Steuererhöhung eine Volkszählung vorzunehmen.
[Illustration: Barād, Baldachingrab.]
Der nächste Tag war einer der unangenehmsten, deren ich mich entsinnen
kann. Eine dicke Wolkenschicht lag unmittelbar über dem Gebirge und
hüllte uns in kalten, grauen Schatten, während nach Norden und Süden
hin Berge und Ebene im lieblichsten Sonnenschein lagen. Wir ritten
ungefähr eine Stunde nordwärts nach Keifār, einem großen Dorfe am
äußersten Ende des Djebel Sim'ān. Über dem Tale des Afrīn drüben, der
das Gebirge im Nordwesten begrenzt, erhoben sich die ersten großen
Strebepfeiler des Giour Dagh. Nach Mūsas Aussage enthalten weder das
Tal noch die entfernteren Gebirge weitere verfallene Dörfer; sie hören
an der Grenze des Djebel Sim'ān ganz plötzlich auf, und die syrische
Zivilisation scheint nicht weiter nordwärts gedrungen zu sein. Aus
welchem Grunde ist nicht festzustellen. In Keifār fanden wir drei arg
verfallne Kirchen, an denen aber noch Spuren außerordentlich fein
gearbeiteter Verzierungen sichtbar waren, einige gut erhaltene Häuser
und ein Baldachingrab, ähnlich dem zu Barād. Eine zahlreiche kurdische
Bevölkerung bewohnte das Dorf. Wir kehrten nach Barād zurück und ritten
dann in bitter kaltem Regen und Wind etwa 1½ Stunde in südöstlicher
Richtung weiter nach Kefr Nebu. Hier sahen wir eine Inschrift auf
dem Oberbalken einer Tür, ein paar kufische Grabsteine und ein sehr
schönes, zum Teil wieder hergestelltes Haus; ich litt aber viel zu
sehr unter der Kälte, um diesen historischen Denkmälern die gebührende
Aufmerksamkeit zuwenden zu können. Ich war bis aufs Mark erkältet und
außerdem so enttäuscht, daß meine Versuche, einige Aufnahmen zu machen,
infolge des Sturmes mißlungen waren, daß ich sofort mein eine Stunde
von Kefr Nebu entfernt in Bāsufān befindliches Lager aufsuchte, ohne
einige weiter südlich liegende Ruinen zu besichtigen.
Bāsufān ist Mūsas Heimat; wir gingen an seinem Vater vorüber, der auf
dem Kornfeld arbeitete.
»Gott gebe deinem Körper Kraft!« rief Mūsa. Es ist dies der übliche
Gruß für jemand, der Feldarbeit tut.
»Und deinem Körper!« antwortete der Alte und blickte mit seinen trüben
Augen zu uns herüber.
»Er ist schon alt,« erklärte Mūsa im Weiterreiten, »und Kummer hat ihn
getroffen, aber einstens war er der schönste Mann und der beste Schütze
im Djebel Sim'ān.«
»Welcher Kummer?« fragte ich.
»Mein Bruder ist vor wenigen Monaten von einem Blutfeind erschlagen
worden,« antwortete er. »Wir wissen nicht, wer ihn getötet hat,
vielleicht war es ein Verwandter seiner Braut, denn er wollte sie ohne
die Zustimmung ihrer Familie heiraten.«
»Und was ist aus der Braut geworden?«
»Sie ist zu den Ihren zurückgegangen,« sprach er, »aber sie hat
bitterlich geweint.«
Bāsufān wird von gewissen Juden und Christen aus Aleppo als
Sommerfrische benutzt. Sie kommen heraus und wohnen während der heißen
Monate in den Häusern der Kurden, die um diese Zeit in ihren Zelten
hausen. Auch einige hohe Bäume stehen im Süden des Dorfes, wo sie einen
Kirchhof beschatten, auf dem zumeist mohammedanische Tote ruhen, die
oft viele Meilen weit hergebracht worden sind. Das nahe Tal birgt einen
berühmten Quell, der selbst in regenlosen Jahren, wo alle seine Brüder
erschöpft sind, nicht versiegt.
[Illustration: Mūsa und seine Familie.]
Die Kurden pflegten auf den benachbarten Hängen Tabak zu bauen, und das
Kraut wurde seiner Güte wegen hochgeschätzt, so daß die Ernten immer
schnellen Abgang fanden, bis die Regierung das Tabaksmonopol einführte.
Von da ab erhielten die Kurden so geringe Preise, daß der Anbau nichts
mehr abwarf. Andre Erwerbsquellen hatten sie nicht, und somit hörte
die Industrie ganz auf; die Felder blieben brach liegen, höchstens
wurde etwas Korn angebaut -- »und nun sind wir alle arm«, sagte Mūsa
zum Schluß.
Noch war ich keine Stunde im Lager, als der Regen aufhörte und die
Sonne durchbrach. Damit war auch unser Lebensmut wieder hergestellt.
In Bāsufān befand sich eine große Kirche, die zu irgend einer Zeit
durch Hinzufügung dreier Türme in ein Fort verwandelt worden war. Alle
Überreste des ursprünglichen Gebäudes zeigten vortreffliche Arbeit.
Die eingebauten Säulen an der Apsis waren spiralig kanneliert -- das
erste Beispiel, das ich sah -- und die korinthischen Kapitäle wiesen
sorgfältige tiefeingeschnittene Skulpturarbeit auf. Mūsa zeigte mir
auf der Südmauer eine altsyrische Inschrift, die ich mit vieler
Mühe und wenig Erfolg kopierte: möge der Kuckuck alle altsyrischen
Inschriften holen oder aber die Reisenden mit schärferem Witz begaben!
Nachdem ich alles besichtigt, blieben mir immer noch ein paar helle
Nachmittagsstunden, und ich beschloß, über die Berge nach Burdj Heida
und Kefr Lāb zu gehen, welche beiden Orte ich am Morgen dank dem Regen
und der Kälte links hatte liegen lassen. Mūsa begleitete mich und nahm
seinen »Kompagnon« mit -- so wurde er mir wenigstens vorgestellt --;
an welchem Unternehmen sie beide teilhatten, erfuhr ich nicht. Der
Besuch von Burdj Heida war lohnend. Es besaß einen viereckigen Turm und
drei Kirchen, deren eine noch außerordentlich gut erhalten, und der
ein interessantes Gebäude angefügt war, das vielleicht die Wohnung des
Geistlichen gewesen. Aber hauptsächlich wegen der Unterhaltung meiner
beiden Gefährten war der Ausflug bemerkenswert. Mit Mūsa hatte ich in
den drei Tagen, die wir zusammen verbracht, eine feste Freundschaft
geschlossen, die sich meinerseits nicht nur auf seine mir geleisteten
Dienste gründete, sondern auch auf eine warme Würdigung des strahlenden
Lächelns, mit dem er alles für mich tat. Wir waren bereits so vertraut
miteinander geworden, daß ich glaubte, mit Recht von ihm einige
Aufklärung über die Glaubenslehren der Jezīdi erwarten zu können. Denn,
mag man es auch in Europa damit halten, wie man will, in Asien ist es
nicht höflich, einen Mann nach seinem Glauben zu fragen, solange er uns
nicht für seinen vertrauten Freund erachtet. Es ist auch nicht ratsam,
denn man macht sich nur verdächtig, ohne eine befriedigende Antwort zu
erzielen. Während wir auf der Schwelle der kleinen Kirche zu Kefr Lāb
saßen, begann ich meine Nachforschungen mit der vorsichtigen Frage, ob
die Jezīdi Kirchen oder Moscheen hätten.
»Nein,« erwiderte Mūsa, »wir verrichten unsre Andacht unter freiem
Himmel. Jeden Tag in der Dämmerung beten wir die Sonne an.«
»Habt ihr,« fragte ich weiter, »einen Imām, der die Gebete leitet?«
»An Festtagen,« sagte er, »tut es der Scheich, an anderen Tagen betet
jedermann für sich allein. Wir halten einige Tage für glücklich, andre
für unglücklich. Mittwoch, Freitag und Sonntag sind unsre guten Tage,
der Donnerstag aber bringt Unheil.«
»Warum?« forschte ich.
»Ich weiß nicht. Es ist so.«
»Seid ihr Freunde der Mohammedaner oder stellt ihr euch feindlich?«
Mūsa antwortete darauf: »Hier in der Gegend von Aleppo, wo unser
nur wenige sind, fürchten sie uns nicht, und wir leben friedlich
miteinander; aber es kommt jedes Jahr ein sehr gelehrter Scheich aus
Mosul zu uns, um Tribut von uns zu erheben, der wundert sich, daß wir
so brüderlich mit den Muselmännern auskommen; denn in Mosul, wo es
viele Jezīdi gibt, herrscht bittre Feindschaft zwischen ihnen. Dort
wollen die Unseren nicht Heeresdienste leisten, wir hier aber werden
Soldaten wie die anderen auch. Ich bin es selbst gewesen.«
»Habt ihr heilige Schriften?« fragte ich.
»Gewiß,« sagte er, »ich will Ihnen sagen, was sie uns lehren. Wenn das
Ende der Welt herannaht, wird Hadūdmadūd auf Erden erscheinen. Bis
dahin werden die Menschen an Größe so zusammengeschrumpft sein, daß sie
kleiner sind als Grashalme -- Hadūdmadūd aber ist ein mächtiger Riese.
Und in sieben Tagen oder sieben Monaten oder sieben Jahren wird er alle
Seen und Flüsse austrinken, so daß die ganze Erde ausgetrocknet wird.«
»Und dann,« fiel der Kompagnon ein, der Mūsas Auseinandersetzung mit
Eifer gefolgt war, »wird ein großer Wurm aus dem Staub hervorkommen und
Hadūdmadūd verschlingen.«