»Ich bin der junge Pascha, der Frieden zwischen den Kirchen gestiftet

hat.« Nun war mir bekannt, daß er zu einer Zeit Muteserrif zu Jerusalem

gewesen, als die Eifersüchteleien zwischen den christlichen Parteien

zu außergewöhnlich heftigem Blutvergießen geführt hatten, und daß es

zu einer Art von erzwungenem Vertrag gekommen war -- ob infolge seines

Scharfsinnes oder der Dringlichkeit des Falles, wußte ich jedoch nicht.

»Für wie alt halten Sie mich?« fragte der Pascha.

Mein Taktgefühl gab mir ein, ihn auf 35 zu schätzen.

»36!« erklärte er triumphierend. »Aber die Konsuln hörten auf mich!

~Mon Dieu!~ ein bessrer Posten als dieser hier, wenn ich auch nun Vāli

bin. Hier kann man keine Konferenz mit Konsuln abhalten, und einem

Manne wie mir ist der Umgang mit gebildeten Europäern Bedürfnis.«

(Ein weiterer Grund zu Mißtrauen: ein orientalischer Beamter, welcher

erklärt, den Verkehr mit Europäern vorzuziehen!)

»Ich bin sehr engländerfreundlich,« fuhr er fort, worauf ich die

Dankbarkeit meines Landes in geeigneten Ausdrücken übermittelte.

»Aber was suchen Sie in Jemen?« fügte er schnell hinzu.

»Exzellenz,« sagte ich, »wir Engländer sind eine Schiffahrt treibende

Nation, und ganz Arabien hat nur zwei Orte, die uns berüh--«

»Ich weiß,« fuhr er dazwischen, »Mekka und Medina.«

»Nein,« sagte ich, »Aden und Kweit.«

»Und Sie behaupten sie beide,« gab er scharf zurück -- ja ich muß

gestehen, sein Ton war nicht der eines Engländer-Schwärmers.

Alsdann begann er mir zu erklären, daß er als einziger unter den

Paschas die Bedürfnisse der Jetztzeit erfaßt habe. Er gedenke eine

schöne Chaussee nach Alexandretta zu legen (viel Zweck wird sie ja

nicht haben -- dachte ich bei mir -- wenn keine Kamele vorhanden sind,

um sie zu begehen), ganz wie die Straße, die er von Samaria nach

Jerusalem geführt hätte. Solch eine Straße solle man in der Türkei

suchen -- ob ich sie kenne? Ich war kürzlich darauf gereist und ergriff

die Gelegenheit, den Schöpfer derselben zu beglückwünschen, hielt

es aber nicht für nötig zu erwähnen, daß sie am Fuße der einzigen

nennenswerten Steigung abbricht und erst wieder da einsetzt, wo man die

Höhe des Plateaus von Judäa erreicht hat.

Des weiteren brauche ich mich über Kiāzim Paschas Eigentümlichkeiten

nicht zu ergehen.

Eine weit anziehendere Bekanntschaft war der griechisch-katholische

Erzbischof, ein Damaszener, der in Paris erzogen und dort eine

Zeitlang auch Seelsorger der griechisch-katholischen Gemeinde gewesen

war. Trotzdem ist er noch verhältnismäßig jung. Ich war mit einem

Empfehlungsbrief versehen, nach dessen Empfang er mich höchst leutselig

in sein Privathaus einlud. Da saßen wir in dem mit Büchern angefüllten

Raum, dessen Fenster die Aussicht auf den stillen Hof seines Palastes

boten, und unterhielten uns von den Bahnen, in welche der Geist Europas

eingelenkt hatte. Ich bemerkte mit Genugtuung, daß der Erzbischof,

trotz seiner Gelehrsamkeit und seines Aufenthaltes im Westen, im Herzen

Orientale geblieben war.

»Ich freute mich, als mir der Befehl wurde, aus Paris in mein eignes

Land zurückzukehren,« sagte er. »Es gibt viel Gelehrsamkeit und wenig

Glauben in Frankreich; in Syrien findet man zwar viel Unwissenheit,

aber die Religion ruht auf einer festen Grundlage des Glaubens.«

Die Schlußfolgerung, die aus dieser Darlegung gezogen werden kann, ist

zwar nicht schmeichelhaft für die Kirche, aber ich enthielt mich eines

Kommentars.

Am Nachmittag erschien er zum Gegenbesuch -- muß doch vom Vāli abwärts

jedermann dieser gesellschaftlichen Verpflichtung nachkommen. Er hatte

das goldene Kreuz angelegt und trug den erzbischöflichen Stab in der

Hand. Von seinem hohen, randlosen Hut fiel ein schwarzer Schleier

über seinen Rücken nieder, und seine schwarzen Gewänder waren mit

Purpur gesäumt. Hinter ihm her schritt ein willfähriger Kaplan. Er

traf bereits einen Besucher in meinem Hotelzimmer an, Nicola Homsi,

einen reichen Bankier aus seiner eignen Gemeinde. Er gehört einer

einflußreichen Christenfamilie in Aleppo an, und sein Bankgeschäft

hat Filialen in Marseille und London. Beide, er und der Erzbischof,

vertraten sozusagen die unternehmendsten und gebildetsten Klassen

Syriens. Sie sind es, die durch die Türken zu leiden haben -- der

Geistliche durch die blinde, kleinliche Opposition der Behörden, die

den Christen überall entgegentritt, der Bankier, weil seine Interessen

überall gebieterisch nach Fortschritt rufen, und Fortschritt ist es,

was der Türke nie begreifen will. Als ich die Herren daher nach ihren

Ansichten über die Zukunft des Landes befragte, sahen sie einander an,

und der Erzbischof gab zur Antwort:

»Ich weiß nicht ..... ich habe die Frage gründlich erwogen, aber wie

ich sie auch beleuchte, eine Zukunft für Syrien erblicke ich nicht.«

Das ist die einzige glaubwürdige Antwort, die mir über irgend einen

Punkt der türkischen Frage geworden ist.

Die Luft von Aleppo eignet sich nach des Sultans Dafürhalten ganz

ausgezeichnet für Paschas, die bei ihm in Konstantinopel in Ungnade

gefallen sind. Die Stadt birgt eine solche Menge Verbannter, daß selbst

der gelegentliche Besucher mit einigen Bekanntschaft schließen muß. So

wohnte auch in meinem Hotel ein Dyspeptiker von demütigem Auftreten,

dem wahrscheinlich niemand revolutionäre Gelüste zugetraut hätte.

Vermutlich hatte er auch keine und verdankte seine Verbannung nur einer

gelegentlichen Bemerkung, die von einem Feinde oder Spion hinterbracht

und verschärft worden war. Ich habe viele dieser Verbannten über

Kleinasien verstreut angetroffen, und keiner hat mir sagen können,

wofür ihn eigentlich sein Geschick betroffen. Gewiß hat mancher seine

Vermutungen gehabt, und manchem ist sein Vergehen genau bekannt

gewesen, aber die meisten waren wohl so unschuldig, wie sie zu sein

vorgaben. Das wirft ein schärferes Licht auf die Frage vom türkischen

Patriotismus, als anfänglich erscheinen mag, denn es ist Tatsache, daß

diese ausgewiesenen Paschas selten Patrioten sind, die für ihre Hingabe

an ein hohes Ideal büßen, sondern meist Männer, welche sich durch eine

unselige Schicksalsfügung der bestehenden Ordnung entfremden ließen.

Wofern ihnen die geringste Hoffnung winkt, daß ihnen die Gunst wieder

lächelt, zeigen sie selbst in der Verbannung eine nervöse Furcht,

irgend etwas zu tun, was bei den Behörden Verdacht erwecken könnte;

erst wenn sie eingesehen haben, daß zu Lebzeiten des regierenden

Sultans keine Hoffnung für sie existiert, geben sie sich dem Verkehr

mit Europäern ohne Zwang hin, sprechen auch offen von ihren Trübsalen.

Es gibt, soviel ich sehen kann, keine organisierte Körperschaft für

freisinnige Ansichten, alles beruht auf individuellem Mißvergnügen,

das durch persönliches Mißgeschick hervorgerufen wird. Schwerlich

werden die Ausgewiesenen, wenn sie bei dem Tode des Sultans nach

Konstantinopel zurückkehren, irgend welcher Reform das Wort reden oder

den Wunsch äußern, ein System zu ändern, durch welches sie, infolge der

natürlichen Umwälzung der Dinge, wieder zu Einfluß gelangen können.

Es gibt dann noch eine andre, ehrbare Verbannung in der Türkei: die

Versetzung an einen entfernten Posten. Zu dieser Klasse gehört mein

Freund Mohammed 'Ali Pascha von Aleppo und wohl auch Nāzim Pascha

selbst. Der erstere, ein angenehmer Mann von etwa 30 Jahren, ist mit

einer Engländerin verheiratet. Er geleitete mich in das Haus des Vāli,

erwirkte mir die Erlaubnis, die Zitadelle zu sehen, und machte sich auf

manch andre Weise nützlich. Seine Gemahlin war eine nette, aus Brixton

stammende kleine Dame, er hatte sie in Konstantinopel kennen gelernt

und dort geheiratet; soviel ich weiß, ist das teilweise der Grund,

weshalb er in Ungnade fiel, denn die englische Nation ist keineswegs

gens grata im Yildiz Kiosk. Mohammed Pascha ist ein Gentleman in des

Wortes vollem Sinne, und er scheint seine Gattin glücklich zu machen,

aber -- verstehen Sie recht -- im allgemeinen möchte ich türkische

Paschas nicht zu Gatten für Brixtons Jungfrauen empfehlen. Denn wenn

jene Dame schon Tennis spielen und die Nähkränzchen der europäischen

Kolonie besuchen durfte, mußte sie sich doch bis zu einem gewissen

Grade den Sitten der muselmännischen Frauen anbequemen. Sie betrat

nie unbeschleiert die Straße, »weil,« wie sie sagte, »die Leute reden

würden, wenn die Frau eines Pascha ihr Antlitz sehen ließ.«

[Illustration: Wasserträger.]

Wir erklommen die Burg in der einzigen Stunde meines Aufenthaltes

in Aleppo, wo die Sonne schien, und wurden von höflichen Offizieren

in prächtigen Uniformen und mit rasselnden Schwertern und Sporen

umhergeführt. Sie waren besonders ängstlich, daß ich nicht die kleine,

in der Mitte der Festung stehende Moschee übersehen sollte, die an

jener Stelle errichtet war, wo Abraham seine Kuh melkte. Wie sie

sagten, ist selbst der Name Aleppo auf diesen historischen Vorfall

zurückzuführen, und ohne Zweifel besteht seine arabische Form, Haleb,

aus denselben Stammlauten, die auch das Stammwort melken bilden. Trotz

der hohen Bedeutung der Moschee interessierte mich die Aussicht von

der Spitze des Minarets mehr. Flach wie eine Planke lag unter uns die

Mesopotamische Ebene ausgebreitet; bei schönem Wetter ist der Euphrat

sichtbar, ja selbst Bagdad könnte man sehen, wenn die störende Rundung

der Erde nicht wäre, denn keine andre Schranke hemmt den Blick auf

dieser weiten Fläche. Zu unsern Füßen drängten sich die Dächer der

Bazare und Karawansereien; dazwischen dann und wann ein Blick aus

der Vogelperspektive auf Marmorhöfe, und hier und da der schöne Turm

eines Minarets. Bäume und Wasser fehlten in der Landschaft, wie Wasser

überhaupt die große Schwierigkeit in Aleppo ist. Der träge Strom, der

den Matkh verläßt, vertrocknet im Sommer, und die Quellen schmecken das

ganze Jahr hindurch salzig. Gutes Trinkwasser muß von weit her geholt

werden und kostet jedem Hausstand wenigstens einen Piaster pro Tag --

eine ernste Verteurung des Lebensunterhaltes. Dafür ist aber das Klima

günstig; der Winter bringt scharfe Kälte, und der Sommer nicht über

einen oder zwei Monate übergroße Hitze. Das wäre Aleppo, die Stadt mit

dem volltönenden Namen und den Spuren einer glänzenden Vergangenheit.

Zwölftes Kapitel.

Während meines zweitägigen Aufenthaltes in Aleppo wurde jeder Moment

meiner Muße benutzt, um Maultiertreiber auszuwechseln, eine zwar

störende, aber durchaus unerläßliche Beschäftigung. In Antiochien

hörte die Arabisch sprechende Bevölkerung auf. Habīb und sein Vater

konnten kein Wort Türkisch, Michaïl nur einige Namen, wie Ei, Milch

und Piaster, und mir, die ich kaum weiter vorgeschritten war,

widerstrebte es, mit einem Gefolge in Gegenden einzudringen, wo wir

höchstens nach den dringendsten Bedürfnissen oder nach dem nächsten

Wege fragen konnten. Man hatte mir viel von den großen Fähigkeiten

der nordsyrischen Maultiertreiber erzählt; der Titel Maultiertreiber

ist allen Ernstes eine Namensirrung, denn das Lasttier ist in diesen

Strichen nur ein armseliger Klepper (kadīsch sagt man auf Arabisch);

von Alexandretta bis Konia sahen wir wohl überhaupt kein Maultier,

ganz sicher aber keine Karawane. Man hatte mir gesagt, daß ich bis zur

Reorganisation meiner Begleitung auf Behaglichkeit, Pünktlichkeit und

Ordnung würde verzichten müssen, nie ohne Verdruß und das Gefühl der

Verantwortlichkeit sein würde, und daß ich ja, wenn ich wünschte, meine

Karawane in Konia auflösen könnte. Für die Männer aus Aleppo würde sich

schon eine Ladung zum Heimweg finden. So verabschiedete ich mich von

meinen Beirutern -- und vom Frieden.

Von nun an ging die Reise unter einem Erpressungssystem vor sich.

Der Erpresser war ein zahnloser alter Lump, Fāris mit Namen, der mit

seinem Bruder eine beträchtliche Zahl Lasttiere in Aleppo besaß. Dank

seiner Zahnlosigkeit war sein Arabisch und Türkisch in gleicher Weise

unverständlich. Er versah mich mit vier Lastpferden und ritt selbst auf

einem fünften zu seiner eignen Bequemlichkeit und auf eigne Kosten,

machte aber doch den vergeblichen Versuch, mich dafür zahlen zu lassen,

als wir Konia erreichten. So mietete er auch um einen Hungerlohn zwei

Burschen zur sämtlichen Arbeit im Lager und auf dem Marsche, und ließ

sie fast verhungern. Die Ärmsten gingen barfuß (die vermögenden Leute

aus dem Libanon hatten sich mit Eseln versehen), denn obgleich Fāris

sich verbindlich gemacht hatte, ihnen Schuhe zu liefern, weigerte er

sich, bis ich endlich mit der Drohung einschritt, ihm das Geld für

die Schuhe an seinem Lohne abzuziehen und sie selbst zu kaufen. Ich

mußte mich sogar um den Proviant bekümmern und darauf achten, daß die

Burschen genug zu essen bekamen, um arbeitsfähig zu bleiben, aber trotz

aller Mühe liefen die gemieteten Leute auf jeder Station davon, und mir

lag die Sorge ob, andre ausfindig zu machen und, was noch schlimmer

war, das neue Paar in seine Pflichten einzuweihen -- wo die Zeltpflöcke

zu befestigen waren, wie die Lasten verteilt werden mußten, und noch

hundert kleine, aber immerhin wichtige Dinge mehr. Dann galt es, Fāris

anzuspornen, der sich mit stets wachsenden Entschuldigungen von seiner

Arbeit zu drücken suchte, und hätte ich nicht früh und spät das Füttern

der Pferde überwacht, sie wären sicher mit ebenso knapper Not dem

Hungertode entgangen, wie die gemieteten Burschen. Als wir endlich in

Konia angelangt waren, mußte ich erfahren, daß Fāris die letzten seiner

Sklaven auf die Straße gesetzt und sich ganz entschieden geweigert

hatte, sie bis in ihre Heimat Adana mitzunehmen, weil er -- so hatte

er sich hinter meinem Rücken geäußert -- »billigere Leute bekommen

könnte«. Da es mir widerstrebte, zwei Leute, die bei aller Dummheit

ihr Bestes getan hatten, um mir zu dienen, im Stich zu lassen, mußte

ich sie unterstützen, damit sie ihr Heim wieder erreichten. Kurz und

gut: ich möchte behaupten, daß niemand, der die Maultiertreiber Aleppos

und ihr abscheuliches System empfiehlt, je eine wohlorganisierte und

gut geleitete Karawane besessen haben kann, wo die Arbeit mit der

Regelmäßigkeit des Big Ben getan wird, und die Männer heitere Mienen

und willige Hände zeigen. Sie können auch keine Erfahrung in wirklich

geschäftsmäßigem Reisen haben, denn das läßt sich nur mit Dienern

ermöglichen, die Mut in Gefahren und Unternehmungslust offenbaren, und

die sich zu helfen wissen. Ich gebe zu, daß ich nur geringe Erfahrung

besitze und -- im Vertrauen sei es gesagt -- sie wird auch nicht

zunehmen, denn eher würde ich Maultiertreiber aus Bagdad mitbringen,

als Fāris und seinesgleichen ein zweites Mal mieten.

Gerade als die Schwierigkeiten der Reise sich mehrten, versagten

Michaïls Tugenden. Die zwei Tage, wo er auf die Gesundheit seiner

davonziehenden Kameraden trank, mit denen er -- wie sich's den Gliedern

einer guten Karawane geziemt -- sich vortrefflich gestanden, genügten,

um den Segen seiner zweimonatigen Nüchternheit wieder zu vernichten.

Von den Tagen an bauchte die Arrakflasche seine Satteltaschen aus,

und wenn auch auf Arrakflaschen in Satteltaschen gefahndet und sie

am Gestein zerschmettert werden können, so vermochte doch keinerlei

Wachsamkeit, Michaïl den Weinläden fernzuhalten, sobald wir in eine

Stadt kamen. Das Mißgeschick gibt uns manche Lehre, mit gemischten

Gefühlen blicke ich auf die vier ungemütlichen Wochen zurück, die

zwischen unsrer Abreise von Aleppo und der Zeit lagen, wo die Vorsehung

mir einen anderen und besseren Mann bescherte, und ich mein Herz

verhärtete und Michaïl entließ, aber ich bedaure das Lehrgeld nicht,

welches ich zahlen mußte.

Von Hadji Mahmūd, dessen Vertrag in Aleppo zu Ende war, verabschiedete

ich mich nur ungern. Der Vāli versah mich mit einem Zaptieh, dem Kurden

Hadji Nadjīb, der, obwohl von unvorteilhaftem Äußeren, sich doch als

ein gefälliger und auch nützlicher Mann erwies, denn er war mit den

Gegenden, die wir durchreisten, und auch mit den Bewohnern wohlbekannt.

Unser Aufbruch verzögerte sich: Michaïl war voll Arrak, und die

Maultiertreiber ungeschickt im Aufladen. Der Tag (wir hatten den 30.

März) war wolkenlos, und zum erstenmal machte sich die Sonne unangenehm

fühlbar. Schon als wir um 10 Uhr auszogen, brannte sie glühendheiß,

und den ganzen Tag lang winkte auf dem ganzen öden Weg keine Spur von

Schatten. Nachdem wir etwa eine Meile auf der Straße von Alexandretta

geritten und an einem von etlichen Bäumen umstandenen Kaffeehaus

vorübergekommen waren, schlugen wir zur Linken einen Pfad ein, der in

kahles, felsiges Hügelland führte und selbst bald ebenso felsig wurde.

Wir hielten uns östlich mit einer Neigung nach Norden zu. ½12 hielten

wir inne, um zu frühstücken, und warteten eine volle Stunde auf unser

Gepäck, was mir Zeit gab, Vergleiche zwischen der Marschschnelligkeit

meiner alten und der neuen Dienerschaft anzustellen und der Sonnenglut

innezuwerden, die während des Reitens weniger fühlbar gewesen. Als wir

nach einem weiteren halbstündigen Ritt auf eine Hütte, Jakit 'Ades,

stießen, schlug Nadjīb vor, da zu lagern, aber ich fand es noch zu

früh, und nachdem wir Fāris genaue Weisungen über den Pfad, den er

verfolgen, und den Ort, wo wir lagern würden, erteilt hatten, machte

ich mich mit dem Zaptieh auf den Weg, und gemächlich weitertrabend,

waren wir bald außer Sehweite der übrigen.

Auf der Sohle eines kahlen, gewundenen Tales dahinziehend, kamen wir

an mehreren Stellen vorbei, die zwar auf der Karte eingezeichnet,

in Wirklichkeit aber nichts als winzig kleine Trümmerhaufen waren.

Gegen 4 Uhr erstiegen wir den Nordabhang des Tales und erreichten

einen Weiler, der Kiepert unbekannt war, und den mir Nadjīb als das

Dorf Kbeschīn bezeichnete. Hier fanden wir inmitten einiger alter

Mauern und vieler moderner Schutthaufen ein kurdisches Lager, eine

jener Frühlingsniederlassungen, wie sie nomadische Völkerschaften

mit ihren Herden zur Zeit des jungen Grases zu beziehen pflegen.

Die Zeltwände, wenn der Name Zelt überhaupt anwendbar ist,

bestanden aus rohen Steinen, die flüchtig zu einer Höhe von ca.

fünf Fuß übereinandergesetzt waren, die Dächer aber bestanden aus

Ziegenhaarstoff und wurden in der Mitte durch Zeltstangen gestützt.

Bald drängten sich die kurdischen Hirten um uns und unterhielten sich

mit Nadjīb in ihrer eignen Sprache, die mir vertraute Klänge aufwies,

denn sie ähnelt der persischen. Sie sprachen auch Arabisch, ein

seltsames Kauderwelsch voll türkischer Worte. Wir saßen eine Weile auf

den Schutthaufen in Erwartung unsrer Lasttiere, bis mir endlich, trotz

Nadjībs beruhigender Worte, klar wurde, daß die Sache einen Haken haben

mußte, und wir wahrscheinlich in alle Ewigkeit hier warten konnten. Da

kam der Kurdenscheich mit der Nachricht, daß es Essenszeit sei, und

lud uns ein, an dem Mahle teilzunehmen. Der Vorschlag fand freudiges

Entgegenkommen, denn es ist einer der Vorteile des Lebens im Freien bei

schmaler Kost, daß es keinen Augenblick des Tages gibt, der uns nicht

voll Eifer findet zu essen.

[Illustration: Kal'at Sim'ān.]

Der Kurde erfreut sich in den Reiseberichten keines guten Namens. Er

wird als mürrisch und streitsüchtig geschildert, ich für mein Teil

aber habe an ihm fast alle die Eigenschaften gefunden, die angenehmen

geselligen Verkehr ermöglichen. Wir wurden in das größte der Gebäude

geleitet; es war hell und kühl, luftig und sauber, da seine Bauart

ihm die Vorteile des Zeltes sowohl als auch des Hauses verlieh. Die

Mahlzeit bestand aus Brot, saurem Quark und vorzüglichem Pillaf, in dem

zerquetschter Weizen den Reis ersetzte. Wir saßen auf Teppichstücken

um eine Matte herum, auf welcher die Gerichte aufgetragen waren. Die

Frauen bedienten uns. Ehe wir fertig wurden, war es 6 Uhr, aber keine

Karawane ließ sich blicken. Nadjīb war sehr betroffen, unsre Wirte

zeigten große Anteilnahme und erklärten sich von Herzen gern bereit,

uns über Nacht zu beherbergen. Unserm Zögern wurde durch einen kleinen

Knaben ein Ende gemacht, der mit der Kunde hereingestürmt kam, daß

bei dem Dorfe Fāfertīn, auf der entgegengesetzten Seite des Tales,

eine Karawane gesehen worden war, die auf Kal'at Sim'ān, das nächste

Ziel unsrer Reise, zusteuerte. Nun gab es keine Zeit zu verlieren;

die Sonne war bereits untergegangen, lebhaft erinnerte ich mich der

nächtlichen Wanderung bei El Bārah durch eine Gegend, die der jetzt

vor uns liegenden nicht unähnlich war. Vor unserm Aufbruch aber nahm

ich Nadjīb beiseite und fragte ihn, ob ich den Leuten wohl Geld für

die uns gebotene Mahlzeit geben dürfte. Er versicherte, daß das

keinesfalls angängig sei: die Kurden erwarteten keine Bezahlung von

ihren Gästen. Ich konnte weiter nichts tun, als die Kinder um mich

versammeln und eine Handvoll Metalliks unter sie verteilen, eine sehr

wohlfeile Großmut, die auch das empfindlichste Gemüt nicht verletzen

konnte. Dann machten wir uns auf den Weg. Nadjīb ritt so schnell auf

dem steinigen Pfade voran, daß ich die größte Mühe hatte, Schritt mit

ihm zu halten. Ich wußte, daß die große Kirche des St. Simon Stylites

auf einem Hügel stand und von unserm Wege aus zu sehen sein mußte;

freilich liegt die große Säule des Heiligen, um welche die Kirche

erbaut wurde, schon seit Jahrhunderten in Trümmer gesunken. Nachdem

wir eine Stunde vorwärts gestolpert waren, zeigte Nadjīb nach dem

dämmerigen Gebirge, und ich konnte gerade noch eine undeutliche Masse

unterscheiden, die wie eine die Kammlinie unterbrechende Festung

aussah. Eine weitere halbe Stunde brachte uns an die Mauern. Es war ½8

Uhr und vollständig dunkel. Als wir durch die ungeheure Kirche ritten,

merkten wir zu unsrer Erleichterung am Geläut der Karawanenglocken,

daß unsre Zelte angekommen waren -- wir hörten auch das Schreien und

Fluchen Michaïls, der unter dem Einfluß verschiedener Dosen Arraks wie

ein wildes Tier tobte und sich weigerte, den neuen Maultiertreibern

Anweisungen bezüglich des Aufstellens meines englischen Zeltes zu

geben. Als die einzige nüchterne Person, die da wußte, wie die Pfähle

ineinandergepaßt, die Zapfen eingetrieben und die Möbel aufgestellt

wurden, mußte ich beim Schimmer zweier Kerzen den größten Teil der

Arbeit selbst verrichten und dann die Vorratskörbe nach Brot und

Butter für die Maultiertreiber durchsuchen. Wurde doch mein Befehl,

die übliche, aus Reis bestehende Abendmahlzeit zu bereiten, von meinem

aufsässigen Koch mit höhnischem Geheul und mit Fluchen über alles und

jedes beantwortet. Mit einem Betrunkenen ist nicht zu reden, ich hoffe

aber, daß der Racheengel der Gefühle nicht Erwähnung getan hat, mit

denen ich mich zum Schweigen zwang.

[Illustration: Kal'at Sim'ān.]

Als endlich alles fertig war, ging ich hinaus in die milde

Frühlingsnacht, durchschritt die stattlichen, so friedlich daliegenden

Ruinen, unter deren Mauern wir unser Lager aufgeschlagen hatten, und

befand mich plötzlich in einem kreisrunden, oben offnen Hofe, von dem

aus sich die vier Flügel der Kirche nach den vier Himmelsgegenden

erstrecken. Der Hof ist von einem unvergleichlich schönen Säulengang

umgeben gewesen, von dem noch jetzt viele Bogen erhalten sind, und

in der Mitte erhob sich in vergangenen Tagen die Säule, auf welcher

St. Simon lebte und starb. Ich kletterte über die Steinhaufen bis zu

dem die Basis bildenden Felsblock; es war ein mächtiger, schiefriger

Stein mit einer Vertiefung in der Mitte, in der sich, wie in einer

kleinen Schüssel, klares Regenwasser gesammelt hatte. Ich wusch mir

Hände und Gesicht darin. Die Nacht war mondlos; eine verfallne Pracht,

standen die Pfeiler und Bogen im tiefen Schatten da, still wie ein

unbewegter See lag die Luft, alle Müdigkeit und aller Ärger fielen von

der Seele ab, sie stand dem Himmel und dem Frühling offen. Ich saß und

überdachte, welch einen Streich das Schicksal in diesen Stunden dem

grimmigen Heiligen gespielt. Für diese eine Nacht hatte es seinen Thron

der Bitternis einem Menschenkinde überlassen, dessen rosige Träume

einer tiefen inneren Zufriedenheit entstammten, die er wohl als der

erste verdammt haben würde. Bei solchem Sinnen nickte mir ein großer

Stern zu, der über den in Trümmer stehenden Säulengang heraufgeklettert

war, und wir beide kamen überein, daß es besser sei, über Himmel und

Erde dahinzuwandern, als bis zum Ende der Tage auf einer Säule zu

sitzen.

[Illustration: Kal'at Sim'ān, westliches Tor.]

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 18 / 24 段