eingeprägt, den ich lieber als Mißgeschick und nicht mit dem stolzen
Namen Abenteuer bezeichnen will. Während er sich zutrug, erwies er
sich ebenso lästig, wie ein wirkliches Abenteuer (jeder, der solche
erlebt hat, weiß, wie lästig sie häufig sind), und dabei hat er nicht
einmal jene wohlbekannte Würze einer entronnenen Gefahr hinterlassen,
wovon sich später am Kaminfeuer so herrlich plaudern läßt. Nachdem
wir Kal'at el Mudīk um 8 Uhr in strömendem Regen verlassen hatten,
wendeten wir uns nordwärts, einer Gruppe niedriger Hügel, dem Djebel
Zawijjeh zu, der zwischen dem Orontestal und der weiten Aleppoebene
liegt. Diese Kette birgt eine Anzahl verfallner Städte, aus dem 5.
und 6. Jahrhundert hauptsächlich; sie sind teilweise von syrischen
Bauern bewohnt und von de Vogüé und Butler ausführlich beschrieben
worden. Bei nachlassendem Regen ritten wir auf dem sanft ansteigenden
Wege eine Hügelreihe hinauf. Auf der roten Erde ringsum war der
Pflug geschäftig, aus Olivenhainen schauten die Dörfer heraus. Eine
eigenartige Schönheit lag über der weiten Fläche und wurde noch durch
die vielen verlassenen Städte erhöht, die verstreut darauf lagen. Am
Anfang erwiesen sich die Ruinen nur als Haufen behauener Steine, aber
in Kefr Anbīl gab es guterhaltene Häuser, eine Kirche, einen Turm und
eine große Begräbnisstätte aus in die Felsen gehauenen Gräbern. Hier
veränderte sich das Landschaftsbild: die bebauten Äcker wurden zu
kleinen Streifen, die rote Erde verschwand und machte wüsten, felsigen
Strecken Platz, aus denen die grauen Ruinen wie riesige Steinblöcke
emporragten. Damals, als der Distrikt noch die zahlreiche Bevölkerung
der nun verödeten Städte ernährte, muß es mehr Ackerland gegeben haben;
seitdem hat mancher winterliche Regen die künstlichen Terrassendämme
zerstört und die Erde in die Täler hinabgeschwemmt, so daß die frühere
Bewohnerzahl jetzt unmöglich dem Boden Frucht genug zum Leben abringen
könnte. Nördlich von Kefr Anbīl stieg aus einem Labyrinth von Felsen
ein prächtiges Dorf, Chīrbet Hāß, auf, welches ich besonders gern
besichtigen wollte. Daher ließ ich die Maultiere direkt nach El
Bārah, unserm Nachtquartier, weitergehen, nahm einen Dorfbewohner als
Führer über die Steinwüste mit und machte mich mit Michaïl und Mahmūd
auf den Weg. Der schmale, grasbewachsene und reichlich mit Steinen
bedeckte Pfad schlängelte sich zwischen den Felsen hin und her, die
Nachmittagssonne brannte entsetzlich, und ich stieg endlich ab, zog
den Mantel aus, band ihn, wie ich glaubte, fest an meinen Sattel
und schritt zwischen Gras und Blumen voraus. Das war der Eingang
zum Mißgeschick. Wir fanden Chīrbet Hāß bis auf ein paar Zelte ganz
verödet; die Straßen waren leer, die Wände der Läden eingefallen, die
Kirche hatte längst keinen Andächtigen mehr gesehen. Still wie Gräber
lagen die prächtigen Häuser, die ungepflegten, umzäunten Gärten da,
und niemand kam herbei, um Wasser aus den tiefen Zisternen zu ziehen.
Der geheimnisvolle Zauber ließ mich verweilen, bis die Sonne fast den
Horizont erreichte, und ein kalter Wind mich an meinen Mantel gemahnte.
Aber siehe da! Als ich wieder zu den Pferden kam, war er nicht mehr
auf dem Sattel. Nun wachsen ja Tweedmäntel nicht auf jedem Busch
Nordsyriens, daher mußte unter allen Umständen der Versuch gemacht
werden, den meinigen wieder zu erlangen. Mahmūd ritt auch fast bis
nach Kefr Anbīl zurück, kam aber nach anderthalb Stunden mit leeren
Händen wieder. Es begann zu dunkeln, ein schwarzes Wetter türmte sich
im Osten auf, und vor uns lag ein einstündiger Ritt durch eine sehr
unwirtliche Gegend. Michaïl, Mahmūd und ich brachen sofort auf und
tappten auf dem fast unsichtbaren Pfade vorwärts. Wie es das Unglück
wollte, brach jetzt mit der einbrechenden Dämmerung das Unwetter los;
es wurde kohlschwarze Nacht, und bei dem in unsre Gesichter wehenden
Regen verfehlten wir den Medea-Faden von Pfad völlig. In dieser
Schwierigkeit glaubten Michaïls Ohren Hundegebell zu hören, und wir
wendeten daher die Köpfe unsrer Pferde nach der von ihm bezeichneten
Richtung. Und dies war die zweite Stufe zu unsrem Mißgeschick. Warum
bedachte ich auch nicht, daß Michaïl immer der schlechteste Führer war,
selbst wenn er genau die Richtung des Ortes kannte, der wir zustrebten?
So stolperten wir weiter, bis ein wäßriger Mond hervorbrach und uns
zeigte, daß unser Weg überhaupt zu keinem Ziele führte. Da blieben wir
stehen und feuerten unsre Pistolen ab. War das Dorf nahe, so mußten
uns die Maultiertreiber doch hören und uns ein Zeichen geben. Da sich
aber nichts regte, kehrten wir zu der Stelle zurück, wo der Regen
uns geblendet hatte, und abermals von jenem vermeintlichen Gebell
verleitet, wurde eine zweite Irrfahrt gewagt. Diesmal ritten wir noch
weiter querfeldein, und der Himmel weiß, wo wir schließlich gelandet
wären, hätte ich nicht beim Schein des bleichen Mondes bewiesen, daß
wir direkt südlich vordrangen, während El Bārah nach Norden zu lag.
Daraufhin kehrten wir mühsam in unsrer Fährte zurück stiegen nach einer
Weile ab, und uns auf einer verfallenen Mauer niedersetzend, berieten
wir, ob es wohl ratsam sei, die Nacht in einem offnen Grab zu kampieren
und einen Bissen Brot mit Käse aus Mahmūds Satteltaschen zu essen. Die
hungrigen Pferde schnupperten uns an, und ich gab dem meinigen die
Hälfte meines Brotes, denn schließlich war ihm doch mehr als die Hälfte
der Arbeit zugefallen. Die Mahlzeit weckte unsre Unternehmungslust
von neuem; wir ritten weiter und befanden uns im Handumdrehen wieder
an der ersten Teilung des Weges. Jetzt schlugen wir einen dritten Weg
ein, der uns in fünf Minuten nach dem Dorfe El Bārah brachte, um das
wir uns drei Stunden im Kreise gedreht hatten. Wir weckten die in den
Zelten schlafenden Maultiertreiber ziemlich unsanft und erkundigten
uns, ob sie denn nicht unsre Schüsse gehört hätten. O ja! entgegneten
sie wohlgemut, aber da sie gemeint hätten, ein Räuber mache sich die
Sturmnacht zunutze, um jemand umzubringen, hätten sie der Sache keinen
Wert beigelegt. Hier haben Sie mein Mißgeschick! Es gereicht keinem der
Betroffenen zur Ehre, und ich scheue mich fast, es zu erzählen. Aber
das eine habe ich daraus gelernt: keinen Zweifel in die Berichte über
ähnliche Erlebnisse zu setzen, die anderen Reisenden widerfahren sind;
ich habe vielmehr nun allen Grund, sie für wahrheitsgetreu zu halten.
[Illustration: Ein Haus in El Bārah.]
Mag El Bārah zur Nachtzeit auch unerträglich sein, am Tage ist es
jedenfalls wunderbar schön. Es gleicht einer Zauberstadt, wie sie sich
die Phantasie eines Kindes im Bett erträumt, ehe es einschläft. Palast
um Palast steigt aus dem schimmernden Boden hervor, unbeschreiblich
ist der Zauber solcher Schöpfungen, unbeschreiblich auch der Reiz
eines syrischen Lenzes. Generationen Dahingeschiedener begleiten
dich auf den Straßen, du siehst sie über die Veranden dahingleiten,
aus den mit weißer Clematis umrankten Fenstern schauen, dort wandeln
sie zwischen Iris, Hyazinthen und Anemonen in den mit Olivenbäumen
und Weinstöcken bestandenen Gärten umher. Aber du durchblätterst die
Chroniken umsonst nach ihrem Namen: sie haben keine Rolle in der
Geschichte gespielt, sie hatten keinen anderen Wunsch, als große
Häuser zu bauen, in denen sie friedlich leben, und schöne Grabstätten,
worin sie nach ihrem Tode schlafen konnten. Daß sie Christen wurden,
beweisen die Hunderte verfallner Kirchen und die über den Türen und
Fenstern ihrer Wohnstätten eingehauenen Kreuze zur Genüge, daß sie auch
Künstler waren, dafür sprechen die Ausschmückungen, und ihren Reichtum
bekunden die geräumigen Häuser, ihre Sommerwohnungen, Ställe und
Wirtschaftsgebäude. Der Kultur und Kunst Griechenlands entlehnten sie
in dem Maße, wie sie es brauchten, und sie verstanden es, damit jene
orientalische Pracht zu verbinden, die nie verfehlt, auf die Phantasie
des Abendländers Eindruck zu machen, und nachdem sie in Frieden und
Behaglichkeit, wie es wenigen ihrer Zeitgenossen vergönnt gewesen sein
mag, gelebt hatten, sind sie durch die mohammedanische Invasion von der
Oberfläche der Erde getilgt worden.
[Illustration: Fries in El Bārah und Oberschwelle in Chīrbet Hāß.]
Mit dem Scheich von El Bārah und seinem Sohn als Führern, brachte ich
zwei Tage in dem Orte zu und besuchte fünf oder sechs der umliegenden
Dörfer. Scheich Jūnis war ein munterer alter Mann, der alle berühmten
Archäologen seiner Zeit begleitet hatte, sich ihrer erinnerte und
nach ihrem Namen von ihnen erzählte. Oder vielmehr es waren Namen
seiner eigenen Schöpfung, die von den Originalen sehr weit abwichen.
De Vogüé und Waddington herauszufinden, gelang mir ja, ein andrer,
ganz unverständlicher, muß wohl für Sachau bestimmt gewesen sein.
In Serdjilla, der Stadt mit den gänzlich verlassenen und dachlosen
Häusern, die aber trotzdem einen fast unvergleichlichen Eindruck
solider Wohlanständigkeit machten, schenkte mir der Scheich einen
Palast mit der anliegenden Grabstätte, damit ich in seiner Nähe leben
und sterben möchte, und beim Abschied ritt er bis Deir Sanbīl mit,
um mich auf dem richtigen Wege zu sehen. Er zeigte sich diesen Tag
außerordentlich erregt über eine Störung, die in einem nahen Dorfe
vorgekommen war. Zwei Männer aus einem Nachbarorte hatten nämlich einem
Manne aufgelauert und ihn zu berauben versucht. Glücklicherweise war
einer aus seinem eignen Dorfe ihm zu Hilfe gekommen, und es war ihnen
auch gelungen, den Angriff abzuschlagen, aber der Freund hatte bei
dem Kampf sein Leben verloren, worauf seine Sippe das Dorf der Räuber
geplündert und alles Vieh weggetrieben hatte.
Mahmūd war der Meinung, daß sie das Gesetz nicht in ihre eignen Hände
hätten nehmen sollen.
»Bei Gott!« sagte er, »sie hätten den Fall der Regierung vorlegen
müssen!«
[Illustration: Grab, Sedjilla.]
Worauf Jūnis mit unbegreiflicher Logik erwiderte:
»Was hätten sie bei der Regierung gesollt? Sie verlangten ihr Recht!«
Im Laufe des Gesprächs fragte ich Jūnis, ob er wohl je nach Aleppo käme.
»Bei Gott!« sagte er. »Dann setze ich mich in die Bazare und beobachte
die Konsuln, vor denen je ein Mann hergeht in einem Rock, der wohl
seine 200 Piaster wert ist, und die Damen mit so etwas wie Blumen auf
dem Kopf.« (Wahrscheinlich der moderne europäische Hut.) »Ich gehe
immer nach Aleppo, wenn meine Söhne im Gefängnis dort sind,« fuhr er
fort, »manchmal ist der Wärter gutmütig und läßt sie gegen etwas Geld
heraus.«
Ich ließ den etwas kritischen Punkt fallen und erkundigte mich, wieviel
Söhne er hätte.
»Acht, gelobt sei Gott! Jede meiner zwei Frauen hat mir vier Söhne und
zwei Töchter geboren.«
»Gelobt sei Gott!« sagte ich, worauf Jūnis zurückgab: »Gott beschere
Ihnen ein langes Leben! Meine zweite Frau kostet mich viel Geld!« fügte
er noch hinzu.
[Illustration: Scheich Jūnis.]
»Ja?« sprach ich.
»O, meine Dame, Gott segne Sie für dieses Ja! Ich nahm sie ihrem Gatten
und bei Gott! Sein Name sei gelobt und gepriesen, ich mußte dem Gatten
2000 Piaster bezahlen und 3000 dem Richter.«
Das war zuviel für Hadji Mahmūds Gerechtigkeitssinn, und er sagte:
»Wie? Du nahmst sie ihrem Gatten? Wāllah! So handelt ein Nosairijjeh
oder ein Ismaili. Nimmt ein Muselmann jemandes Weib? Es ist verboten!«
»Er war mein Feind,« erklärte Jūnis, »bei Gott und dem Propheten! Es
herrschte Todfeindschaft zwischen uns.«
»Hat sie Kinder?« forschte Mahmūd.
»Eh, wāllah!« bejahte der Scheich, den Mahmūds Mißbilligung reizte,
»aber ich habe 2000 Piaster dem Gatten und 3000 dem --«
»Beim Angesicht Gottes!« unterbrach Mahmūd in steigender Empörung, »es
war die Tat eines Ungläubigen!«
[Illustration: Haus in Serdjilla.]
Hier aber fiel ich in die Diskussion ein, indem ich mich erkundigte, ob
sich denn die Frau gern hätte fortnehmen lassen.
»Ohne Zweifel,« sagte Jūnis, »es war ihr Wunsch.«
Und daraus ersehen wir, daß das Sittengesetz mit der Sache nicht
viel zu tun hatte, obgleich der Mann den Gatten und Richter so reich
entschädigte.
Dieser Zwischenfall brachte uns auf die Frage, wieviel gewöhnlich für
eine Frau bezahlt würde.
»Für unsereinen,« entgegnete Jūnis, indem er die unbeschreibliche Miene
eines gesellschaftlich Hochstehenden annahm, »ist das Mädchen nicht
unter 4000 Piaster zu haben, aber ein armer Mann, der kein Geld hat,
gibt dem Vater eine Kuh oder etliche Schafe, und damit begnügt der
sich.«
Nachdem er von uns gegangen war, ritt ich über Ruweihā, denn ich
wünschte, die berühmte Kirche mit der danebenstehenden überkuppelten
Grabstätte des Bizzos zu sehen.
[Illustration: Grabstätte des Bizzos.]
Die Kirche ist mit ihrem prächtigen Narthex (schmale, viereckige
Vorhalle der Basilika), den mit Bildhauerarbeit verzierten Türen, dem
überhöhten Bogen und breitgespannten Bogengängen ihres Schiffes die
schönste im Djebel Zawijjeh. Wie gerechtfertigt das Vertrauen war,
welches der kühne Erbauer in seine Herrschaft über das verfügbare
Material setzte, als er jene großen Bogen von Säule zu Säule spannte,
beweist die Tatsache, daß eine davon bis auf den heutigen Tag steht.
Das kleine Grabmal des Bizzos ist fast so gut erhalten, als wäre es
neu. Die neben der Tür eingehauene Inschrift lautet: »Bizzos, Sohn des
Pardos. Ich lebte gut, ich sterbe gut, ich ruhe gut. Bitt' für mich.«
Die leisen Anklänge an klassische Motive, wie sie sich in manchen fast
mit gotischer Freiheit ausgeführten Bildwerken wiederfinden, sind,
ebenso wie das klassische Gebälk an Kirchenfenstern und Architraven,
der seltsamste Zug in der gesamten Architektur Nordsyriens. Die
Uranfänge syrischer Dekoration bestanden in einer Reihe von Kreisen
oder Kränzen, die entweder mit Windungen oder dem christlichen
Monogramm ausgefüllt waren. Als dann die Bildhauer geschickter
wurden, verschlangen sie die Kreise zu den mannigfachsten schönen
und phantastischen Formen, zu Akanthus, Palme und Lorbeer, und ihre
Phantasie umgab damit Kirche und Grab in den denkbar verschiedensten
Gewinden. Das Gras unter ihren Füßen, die Blätter der Zweige über ihren
Häuptern gaben ihnen eine Fülle von Entwürfen ein, wie sie ähnlich
zwölf Jahrhunderte später William Morris begeisterten.
[Illustration: Kirche und Grabmal Ruweihā.]
Eine andre Kirche in Ruweihā ist kaum weniger gut erhalten als die des
Bizzos, wenn auch weniger schön im Plan. Sie ist besonders merkwürdig
wegen eines dicht an der Südmauer befindlichen Bauwerkes, welches als
ein Glockenturm, ein Grab, eine Kanzel oder überhaupt nicht gedeutet
worden ist. Es erhebt sich in zwei Stockwerken, von denen das untere,
aus sechs Säulen bestehende eine Plattform trägt, auf deren niedriger
Mauer vier Eckpfeiler ruhen, die Kuppel oder Baldachin tragen. Die
Ähnlichkeit mit norditalienischen Gräbern, z. B. mit dem Monument
Rolandino in Bologna, tritt so stark hervor, daß der Beschauer dem
anmutenden Bauwerk in Ruweihā unwillkürlich dieselbe Bestimmung
zuschreibt.
Diese Nacht blieben wir in Dana. Dieses Dorf rühmt sich eines
Pyramidengrabes mit einem Portal aus vier korinthischen Säulen, das so
wohlproportioniert und schön ausgeführt ist, wie man sich nur etwas zu
sehen wünschen kann. Auf unserm Weg von Ruweihā hinweg kamen wir an
einer Wohnstätte vorbei, die mir wie ein Typus der Hausarchitektur des
6. Jahrhunderts erschien. Sie stand, von jedwedem Ort durch ein oder
zwei Meilen welliges Terrain getrennt, ganz isoliert da, die offnen
Veranden nach Westen gerichtet, das reizende gegiebelte Portal -- es
hätte jedem englischen Landhaus von heutzutage zur Zierde gereicht --
nach Norden zu. Im Geiste sah ich den Eigentümer aus dem 6. Jahrhundert
auf der Steinbank darin sitzen und nach einem Freunde Ausschau halten.
Er brauchte sicher keine Feinde zu fürchten, warum hätte er auch
sonst seine Wohnstätte so weit draußen errichtet und nur durch einen
Gartenzaun geschützt? In Kasr el Banāt, der Jungfernfestung, wie die
Syrer sie bezeichnen, kam mir der hohe soziale Standpunkt, den man im
Djebel Zawijjeh erreicht hat, mehr als an irgend einem anderen Orte zum
Bewußtsein, weil Sicherheit und Wohlstand hier ganz offenkundig zutage
traten, wie auch Muße genug, um der Kunst zu leben. Im Weiterreiten
fragte ich mich, ob die Zivilisation wirklich nach unsern europäischen
Begriffen eine Macht ist, die unaufhaltsam vorwärts drängt, und in
ihr Wappen diejenigen aufnimmt, die aus ihrem Lauf Nutzen zu ziehen
vermögen. Sollte sie nicht vielmehr, gleich einer Flut, gehen und
kommen, und bei diesem rastlosen Vorwärts und Zurück, zur Zeit der Flut
immer wieder denselben Ort am Gestade berühren?
Ganz spät abends kam einer von Scheich Jūnis' Söhnen geritten,
um sich zu erkundigen, ob sein Vater noch bei uns wäre. Dieser
unternehmungslustige alte Herr war also, nachdem er von uns gegangen,
nicht in den Schoß seiner sich sorgenden Familie zurückgekehrt, und ich
argwöhne, daß sein freundschaftlicher Eifer, uns auf dem richtigen Weg
zu sehen, mit einem feinausgeklügelten Projekt in Verbindung stand,
durch welches er persönlich in jene lokalen Störungen einzugreifen
hoffte, die ihn am Morgen so beschäftigt hatten. Jedenfalls hatte er
sich davon gemacht, sobald wir außer Sicht gewesen, und die Vermutung
lag nahe, daß er zum Kampfplatz geeilt war. Ich habe nie erfahren, was
ihm zugestoßen, aber wetten will ich, daß es jedenfalls nicht Scheich
Jūnis gewesen ist, der auf das Dorf El Mugharāh zugeritten ist.
[Illustration: Kasr el Banāt.]
Drei recht mühselige Tage trennten uns noch von Aleppo. Wir hätten die
Reise ja in zweien zurücklegen können, aber um die mir gut bekannte
Fahrstraße zu vermeiden, hatte ich vorgeschlagen, einen Umweg nach
Osten zu machen, denn war die Gegend auch nicht interessanter, so
mir doch weniger vertraut. Nach fünfstündigem Ritt über offenes
Hügelland gelangten wir nach Tarutīn. Wir kamen an verschiedenen alten
Stätten vorüber, in denen sich die fast seßhaft gewordenen Araber der
Muwālistämme angesiedelt haben; die ursprünglichen Gebäude fand ich
freilich fast gänzlich in Trümmern. Am ganzen westlichen Saum der Wüste
beginnt der Beduine den Boden urbar zu machen und muß daher in der Nähe
seiner Kulturen feste Wohnungen errichten. »Wir sind Bauern geworden,«
sagte der Scheich von Tarutīn. Wenn in kommenden Zeiten die ganze Erde
unter Pflug und Ernte stehen wird, wird das Nomadenleben in Arabien
aufgehört haben. In der Zwischenzeit wohnen diese neuerstandenen Bauern
in ihren Zelten weiter, die indessen stehen bleiben und mit ihrem sich
darin aufhäufenden Schmutz eine für alle Sinne fatale Niederlassung
abgeben. Die wenigen Familien Tarutīns hatten die Sitten der Wüste noch
beibehalten; wir fanden in ihnen angenehme Leute, trotzdem die obigen
Bemerkungen auch auf ihre Haarzelte Anwendung finden müssen.
[Illustration: Grabmal, Dana.]
Ich hatte noch keine Stunde in meinem Lager zugebracht, als sich
eine große Aufregung unter meinen Männern bemerkbar machte, und
Michaïl rief: »Die Amerikaner! Die Amerikaner!« Aber uns drohte keine
Räuberhorde, es war nur die archäologische Expedition Princeton, die
von Damaskus aus, auf einem anderen Wege als wir, dem Djebel Zawijjeh
zuwanderte, und als eine erfreuliche Begegnung pries man es im ganzen
Lager, denn fand nicht jeder von uns Bekannte unter den Herren oder
den Maultiertreibern und nahm sich Muße zum Plaudern, wie man zu
plaudern pflegt, wenn man auf öder Straße einander trifft? Überdies
verschaffte mir der in Tarutīn verbrachte Tag wundervoll anschauliche
archäologische Belehrung, denn da die Teilnehmer der Expedition
Grundrisse von den Ruinen entwarfen und die Inschriften entzifferten,
stieg das ganze 5. Jahrhundert aus seiner Asche vor unsern Augen empor
-- Kirchen, Häuser, Forts, Felsengräber, über deren Tür Name und
Todestag ihrer Inhaber eingemeißelt waren. Am nächsten Tag erwartete
uns ein zehnstündiger Marsch. Auf unserm Weg nordwärts passierten wir
das kleine Erdhüttendorf Helbān und ein zweites, Mughāra Merzeh, wo wir
die Ruinen einer Kirche und sehr primitive Felsengräber fanden. (Keine
dieser Örtlichkeiten findet sich auf Kieperts Karte.)
In Tulūl, das wir erreichten, nachdem wir uns östlich gewendet hatten,
stießen wir auf eine ungeheure überschwemmte Fläche, die sich von
dem Matkh, aus welchem der Fluß Kuwēk entspringt, wenigstens zwölf
englische Meilen nach Süden zu erstreckt. In Tulūl weinten mehrere
Araberfrauen an einem frischen Grabe. Drei Tage lang bejammern sie
den Toten am Grabesrande; nur in Mekka und Medina gibt es, wie Mahmūd
sagte, keine Trauer um den Verschiedenen. Dort stoßen die Frauen,
sobald der letzte Atemzug getan ist, dreimal einen Schrei aus, um
anzukünden, daß die Seele den Körper verlassen hat; aber damit hört
auch alles Wehklagen auf, denn keine Träne darf auf das Haupt des Toten
fallen. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen.
Am Rande einer Erhebung hin südlich reitend, gelangten wir an den
kleinen Berg Selma, schlugen dann wieder die östliche Richtung ein und
kamen am Rande der Überschwemmung hin nach dem großen Dorfe Moyemāt,
das zur einen Hälfte aus Zelten, zur anderen aus Bienenkorbhütten
bestand. Das einzige Baumaterial dort ist Erde; wir sahen überhaupt
keine Steine mehr dort von dem Augenblick an, wo wir den felsigen
Boden, auf dem Tarutīn steht, verließen, ja keine Steine und auch
keinen Baum, nichts als ein endloses, ununterbrochenes Getreidefeld,
auf dem die ersten, scharlachroten Tulpen zwischen dem ersten jungen
Weizen blühten. Die Pferdefüße hatten zwar weichen Boden unter sich,
aber es war schweres Marschieren. Wieviel leichter würde sich das
Reisen in Syrien gestalten, wenn die Hügel mit etwas mehr Erde bedeckt,
und dafür mehr Steine auf der Ebene wären! Aber Er, dem keiner gleicht,
hat es anders gewollt. Von Moyemāt ritten wir nordöstlich bis zu
dem Dorfe Hober, welches am Fuße eines Ausläufers vom Djebel El Hāß
liegt, und hier wollten wir lagern; da indes weder Hafer noch Gerste
oder auch nur eine Handvoll Häcksel zu bekommen war, ging es bis nach
dem auf der Karte angegebenen Kefr 'Abīd weiter, wo wir um 6 Uhr die
Zelte aufschlugen. Die Kiepert unbekannten Dörfer sind wahrscheinlich
neueren Datums, in der Tat sind viele aus der großen Zahl -- bei Hober
zählte ich fünf in einem Umkreis von etwa zwei Meilen -- beinahe noch
Zeltlager. Die sie bewohnenden Araber halten als Nomadengewohnheit an
der Fehde fest; jedes Dorf hat seine Verbündeten und seine Todfeinde,
und die politische Zugehörigkeit ist ebenso schwach wie in der Wüste.
Mein Tagebuch enthält als Endaufzeichnung des Tages: »Immergrün, weiße
Iris, wie wir sie in El Bārah blau fanden, rote und gelbe Ranunkeln,
Störche, Lerchen.« Das war alles, was uns für die Monotonie des langen
Rittes entschädigte.
Etwa eine halbe Stunde nördlich von Kefr 'Abīd befindet sich ein
kleines Bienenkorbdorf mit einem sehr wohlerhaltenen Mosaik in
geometrischen Figuren. Im Dorfe verstreut befinden sich auch noch
andre Mosaiken, einige in Häusern, andre in Höfen. Der ganze Distrikt
möchte genau durchforscht werden, während die neuen Ansiedler den
Boden aufgraben und ehe sie vernichten, was sie vielleicht finden. Wir
erreichten Aleppo um die Mittagsstunde, und zwar ritten wir durch einen
offnen Kanal ein. Der erste Eindruck der Stadt enttäuschte, ob nun der
üble Geruch oder der bleierne Himmel und der staubbeladene Wind daran
schuld waren, mag dahingestellt bleiben. Der Name in seiner schönen
vereuropäerten Form wäre einer anziehenderen Stadt würdig; anziehend
ist Aleppo sicherlich nicht inmitten jener unfruchtbaren, baumlosen
und öden Gegend, dem Ausgang der großen Mesopotamischen Niederungen.
Die Lage der Stadt ist einer Unter- und Obertasse zu vergleichen;
während die Häuser in der Untertasse stehen, erhebt sich das Schloß auf
der umgekehrten Obertasse. Sein Minaret ist auf mehrere Stunden hin
sichtbar, wogegen die Stadt erst innerhalb der letzten Wegmeile zum
Vorschein kommt.
[Illustration: Ein Bienenkorbdorf.]
Nur zwei Tage hielt ich mich dort auf, und während der Zeit regnete
es fast unaufhörlich, weshalb ich Aleppo nicht kenne. Die Stadt
des Orients öffnet dir nicht ihre vertrauten Kreise, es sei denn,
du verbringst Monate in ihren Mauern, und selbst dann noch nicht
einmal, wenn du dir nicht Mühe gibst, den Leuten zu gefallen.
Trotzdem verließ ich Aleppo nicht, ohne bemerkt zu haben, daß es
Sehenswertes dort gibt. Es war früher eine prächtige Araberstadt;
in den engen Straßen stößt man auf Minarets und Torwege aus der
schönsten Epoche der arabischen Architektur. In demselben Stil erbaut
sind auch einige der Moscheen, Bäder und Karawansereien, besonders
die halb verfallenen und geschlossenen. In ganz Syrien aber gibt es
kein besseres Muster arabischer Kunst aus dem 12. Jahrhundert, als
die Burg mit ihren eisernen Türen aus derselben Periode (sie tragen
das Datum) und den schönen Dekorationsfragmenten. Gewiß weist die
Stadt auch jetzt noch Lebenskraft auf, die diesen Zeichen vergangener
Größe entspricht, aber leider sind schlimme Tage ihr Los. Sie ist der
Eifersucht europäischer Konzessionsjäger verfallen und leidet mehr
als irgend eine andere syrische Stadt unter dem würgenden Griff der
Ottomanenherrschaft. Sie droht an dem Mangel eines Ausfuhrweges nach
dem Meere hin zugrunde zu gehen, und weder die französische noch die
deutsche Eisenbahn wird ihr zu Hilfe kommen. Bis jetzt sind beide
Gesellschaften nur geschäftig gewesen, einander entgegenzuarbeiten.
Die ursprüngliche Konzession der Rayak-Hamah Bahn erstreckte sich bis
nach Aleppo und im Norden nach Biridjik -- ich habe gehört, daß die
Fahrkarten nach Biridjik gedruckt wurden, als man die ersten Geleise
in Rayak legte. Da kam Deutschland mit seinem großen Plan einer Bahn
nach Bagdad. Nachdem es die Konzession zu einer Nebenlinie von Killiz
nach Aleppo erlangt, tat es sein Möglichstes, um die Franzosen zu
hindern, über Hamah hinauszugehen, indem es vorgab, die französische
Bahn würde die Konzession der deutschen Bahn beeinträchtigen. (Meine
Information entstammt nicht etwa der Kaiserlichen Kanzlei, sondern
einer heimischen Quelle in Aleppo selbst.) Seit meiner Abreise haben
die Franzosen die unterbrochene Tätigkeit an der Rayak-Hamah Bahn
wieder aufgenommen, sie soll jedoch, glaube ich, nicht nach Biridjik,
sondern nur bis Aleppo weitergeführt werden.[10] Die Stadt wird keinen
Nutzen davon haben. Aleppos Kaufleute wollen ihre Waren nicht eine
dreitägige Reise nach Beirut machen lassen; sie wünschen einen eignen,
zur Hand gelegenen Seehafen, damit ihnen der Profit ihres Handels
auch zugute kommt -- und dieser Hafen müßte Alexandretta sein. Aber
auch aus dem Weiterführen der Bagdadbahn erwächst keinerlei Aussicht
auf Vorteil. Vermittels einer bereits bestehenden Nebenlinie, die
von englischen und französischen Geldmännern erbaut, aber neuerdings
unter deutsche Verwaltung gekommen ist, wird die Bahn bei Mersina das
Meer berühren, aber Mersina ist ebenso weit von Aleppo wie Beirut.
Höchstwahrscheinlich aber ist es, daß man eine Linie direkt von Aleppo
nach Alexandretta legt, da der Sultan über alles eine Verbindung
zwischen den Karawanenstraßen des Binnenlandes mit der Küste fürchtet,
wodurch ausländischen Truppen, besonders englischen, eine gefährliche
Handhabe geboten würde, aus ihren Kriegsschiffen zu landen und
landeinwärts zu marschieren. Aleppo sollte eigentlich immer noch, wie
in vergangenen Zeiten, den Stapelplatz für die Landesprodukte abgeben,
aber der Handelsverkehr ist gelähmt, da die Regierung so erschreckend
häufig über die Lastkamele verfügt. Als im vergangenen Jahre der
Krieg in Jemen bevorstand, und Mannschaften sowohl als militärische
Requisiten an die Küste befördert werden mußten, um nach dem Roten
Meere geschifft zu werden, war diese Kalamität äußerst fühlbar. Einen
vollen Monat lang stockte der Handel; die für die Küste bestimmten
Waren blieben in den Bazaren aufgehäuft. Nur kurze Zeit noch, und die
Zufuhr hätte überhaupt aufgehört, da die Kamelbesitzer des Ostens nicht
wagten, ihre Tiere in den Bereich der Gefahr zu bringen. In Aleppo wie
in allen türkischen Städten fürchtete man den Staatsbankrott, hatte
doch die Regierung keinen Fonds zu den dringendsten Arbeiten, die
Schatzkammern waren vollständig erschöpft.
[10] Die Linie ist jetzt bis Aleppo fertiggestellt.
[Illustration: Die Burg, Aleppo.]
Mein Aufenthalt war zwar von kurzer Dauer, aber nicht ohne neue
Bekanntschaften; die wichtigste war der Vāli. Kiāzim Pascha ist ganz
andrer Art als der Vāli von Damaskus. In demselben Maße wie der
letztere sich, seiner Begabung entsprechend, als wirklicher Staatsmann
zeigt, ist Kiāzim ein bloßer Farceur. Er empfing mich in seinem Harem,
wofür ich ihm dankbar war, denn ich sah seine Frau, eine der schönsten
Frauen, die man sehen kann. Sie ist schlank und doch voll, der dunkle
Kopf sitzt auf prächtigen Schultern, die Nase ist klein und gerade,
das Kinn spitz, und ihre Brauen wölben sich über Augen, die wie dunkle
Gewässer schimmern. Konnte ich doch den Blick nicht von ihrem Gesicht
wenden, während sie bei uns saß. Sie und ihr Gatte sind Zirkassier,
weshalb ich auf meiner Hut war, ehe der Vāli den Mund öffnete. Sie
sprachen beide Französisch, er sogar sehr gut. Nachdem er mich in
seiner ungenierten Weise willkommen geheißen, bemerkte er: