steht auf einem langgezogenen Bergrücken, der durch einen künstlichen
Einschnitt in der Mitte unterbrochen ist und steil nach dem Orontes
hin abfällt. Letzterer läuft hier in einem schmalen Bett zwischen
Felswänden dahin. Die Burgmauern, die die Anhöhe zwischen dem
Flusse und dem Einschnitt krönen, bieten von unten gesehen einen
prächtigen Anblick. Am Fuße des Hügels liegt ein kleines Dorf aus
Bienenkorbhütten. Der Unmenge behauener Steine nach zu urteilen, die
auf dem grasigen Nordabhang verstreut liegen, muß sich früher hier die
seleucidische Stadt Larissa befunden haben. Ich errichtete meine Zelte
am äußersten Ende der Brücke in einem Aprikosenhain, der in weißem
Blütenschnee stand und von dem Summen der Bienen erfüllt war. Anemonen
und scharlachrote Ranunkeln bedeckten den Grasboden. Das Kastell
ist Eigentum des Scheich Ahmed Seidjari, in dessen Familie es sich
bereits seit drei Jahrhunderten befindet. Er und seine Söhne bewohnen
einige kleine, moderne, aus alten Steinen erbaute Häuser inmitten der
Festungswerke. Ihm gehört auch ein ziemlich großer Grundbesitz sowie
ungefähr ein Drittel des Dorfes, in das Übrige teilen sich die Killānis
von Hamāh und die Smātijjeh-Araber zu ungleichen Teilen. Die letzteren
sind ein halbnomadischer Stamm und bewohnen im Winter feste Häuser.
Mustafa Barāzi hatte mir einen Empfehlungsbrief an Scheich Ahmed
mitgegeben, und obgleich Mahmūd der Meinung war, daß ich ihn infolge
eines langwierigen Streites zwischen den Seidjari und den Smātijjeh
kaum in der Burg finden würde, kletterten wir doch zu dem Tore hinauf.
Wir gingen dann einen Weg entlang, der wie der Aufgang zu Kal'at el
Husn Spuren einer Überwölbung zeigte, und gelangten über Berge von
Ruinen an die moderne Niederlassung, die der Scheich bewohnt. Auf meine
Frage nach seinem Hause wies man mich nach einem großen Holztor, das
abschreckend fest verschlossen war. Ich klopfte und wartete, Mahmūd
klopfte lauter, und wir warteten abermals. Endlich öffnete eine sehr
schöne Frau einen Laden über uns in der Mauer und fragte nach unserm
Begehr. Ich berichtete, daß ich einen Brief von Mustafa an Ahmed hätte
und verlangte, ihn zu sehen. Sie erwiderte:
»Er ist nicht da.«
Ich sagte: »Kann ich seinen Sohn begrüßen?«
»Sie können ihn nicht sehen,« gab sie zur Antwort, »er sitzt, des
Mordes angeklagt, im Gefängnis zu Hamāh.«
Damit schloß sie den Laden. Während ich mir noch überlegte, welche
Handlungsweise mir der gute Ton in dieser kritischen Lage vorschrieb,
kam ein Mädchen an das Tor und öffnete es eine Hand breit. Ich gab ihr
den Brief und meine in Arabisch geschriebene Karte, murmelte ein paar
Worte des Bedauerns und entfernte mich. Mahmūd versuchte mir die Sache
zu erklären. Es war eine jener langen Geschichten, ohne Anfang und
Ende, wie man sie im Orient hört, die auch nicht den geringsten Hinweis
bieten, welcher Gegner im Recht ist, sondern nur eine überzeugende
Wahrscheinlichkeit, daß sie alle beide unrecht haben. Die Smātijjeh
hatten den Seidjari Vieh gestohlen, darauf waren die Söhne des Scheichs
in das Dorf hinabgegangen und hatten zwei Araber getötet -- in der Burg
freilich hieß es, sie wären von den Arabern überfallen worden, und
hätten sie in der Notwehr getötet. Die Regierung aber, die immer die
halbe Unabhängigkeit der Scheichs mit scheelen Augen betrachtet, hatte
die Gelegenheit ergriffen, den Seidjari eins zu versetzen, gleichviel,
ob sie schuldig oder nicht; es waren Soldaten von Hamāh gekommen, einen
von Ahmeds Söhnen hatten sie hingerichtet, zwei weitere befanden sich
noch im Gefängnis, und alles Vieh war fortgetrieben worden. Die übrigen
Familienglieder aber durften die Burg nicht verlassen, konnten es in
der Tat auch nicht, denn an den Toren standen die Smātijjeh, bereit,
ja begierig, jeden zu töten, der sich über die Mauern herauswagte.
Die also Bedrängten hatten Hamāh um Schutz angerufen, es war auch ein
Posten von ungefähr zehn Soldaten am Flusse aufgestellt worden; ob
sie das Leben der Scheichs behüten oder aber sie in noch strengerem
Gewahrsam halten sollten, dürfte schwer zu entscheiden sein. Diese
Vorkommnisse lagen bereits zwei Jahre zurück; seit der Zeit waren die
Seidjari teils in Hamāh, teils in ihrem eigenen Hause Gefangene. Sie
konnten die Bestellung ihrer Äcker nicht beaufsichtigen, die indessen
der Verwahrlosung entgegengingen. Überdies schien keine Aussicht auf
Verbesserung der Lage. Am Spätnachmittag erschien ein Bote mit der
Nachricht, daß Ahmeds Bruder, 'Abd ul Kādir, sich freuen würde, mich
empfangen zu können, und daß er selbst zu meiner Bewillkommnung kommen
würde, wenn er die Burg verlassen dürfte. Ich begab mich also noch
einmal, diesmal ohne Mahmūd, hinauf, und mußte die ganze Geschichte
jetzt wieder vom Standpunkte der Scheichs hören, was mir auch nicht zur
Klarheit verhalf, da sie gerade in den Hauptpunkten ganz verschieden
von dem war, was mir Mahmūd erzählte.
Die einzige unbestreitbare Tatsache (und sie gehörte jedenfalls
gar nicht so wenig zur Sache, wie man denkt) war, daß die Frauen
der Seidjari sich außerordentlicher Schönheit rühmen konnten. Sie
trugen dunkelblaue Beduinengewänder, aber die von ihren Häuptern
herabhängenden blauen Tücher wurden an den Schläfen von schweren
Goldornamenten gehalten, die den Plaketten des mycenischen Schatzes
ähnelten. Obgleich ihre Gesellschaft sich sehr angenehm erwies, mußte
ich doch meinen Besuch abkürzen der vielen Flöhe wegen, die die
Gefangenschaft der Familie teilten. Zwei der jüngeren Frauen geleiteten
mich durch die Burgruinen zurück, hielten aber inne, sobald wir das
äußere Tor erreichten, und sahen mich, auf der Schwelle stehend, an.
»Allah!« sagte die eine, »Sie ziehen aus, die ganze Welt zu
durchreisen, und wir sind noch nie in Hamāh gewesen!«
Noch sah ich sie im Torweg, als ich mich wandte, ihnen ein Lebewohl
zuzuwinken. Groß und stattlich, voll geschmeidiger Anmut standen sie
da in den enganliegenden blauen Gewändern, dem goldgeschmückten Haar
und ließen ihre Augen über den Pfad schweifen, den sie nicht betreten
durften. Denn was auch mit den Scheichs geschehen mag, nichts ist
sicherer, als daß so liebliche Frauen, wie jene beiden, von ihren
Herren auch weiter in Kal'at es Seidjar gefangen gehalten werden.
[Illustration: Kal'at es Seidjar, der Einschnitt im Bergrücken.]
Am nächsten Tage ritten wir durch Kulturland nach Kal'at el Mūdik,
eine kurze Strecke von kaum vier Stunden. Obgleich wir mehrmals auf
die Spuren verfallner Städte stießen, -- ich erinnere mich besonders
einer in der Nähe des Weilers Scheich Hadīd liegenden, in der sich ein
Schuttberg vorfand, der eine Akropolis gewesen sein mochte -- wäre
die Reise ohne Mahmūds Erzählungen doch sehr uninteressant gewesen.
Er beschrieb die charakteristischen Eigentümlichkeiten der vielen
verschiedenen, das türkische Kaiserreich bildenden Völkerschaften, von
denen ihm die meisten bekannt waren. Als er zu den Zirkassiern kam,
stellte es sich heraus, daß er meine Abneigung gegen dieselben teilte.
»Oh meine Dame,« sagte er, »sie wissen nicht, wie man für empfangene
Güte dankt. Der Vater verkauft seine Kinder, und die Kinder würden
ihren Vater töten, wenn er Gold im Gürtel hätte. Als ich einst von
Tripoli nach Homs ritt, traf ich in der Nähe der Karawanserei -- Sie
kennen den Ort -- einen einsam dahinwandernden Zirkassier. ‚Friede
sei mit dir!’ rief ich, ‚warum gehst du zu Fuß?’ Denn das tut der
Zirkassier nie. Er erwiderte: ‚Mein Pferd ist mir gestohlen worden, und
nun ziehe ich voller Angst diese Straße.’ ‚Komm mit mir,’ sprach ich,
‚so wirst du sicher nach Homs gelangen.’ Aber ich ließ ihn vor meinem
Pferde hergehen, denn er trug ein Schwert, und man weiß nie, was ein
Zirkassier tut, wenn man ihn nicht im Auge behält. Nach einer Weile
kamen wir an einem alten Manne vorüber, der auf dem Felde arbeitete.
Der Zirkassier lief hin, sprach mit ihm und zog sein Schwert, als
gedächte er ihn zu töten. ‚Laß ihn gehen,’ sprach ich, ‚ich will dir
zu essen geben.’ Und ich teilte mit ihm alles, was ich hatte, Brot,
Konfekt und Orangen. Wir zogen weiter, bis wir einen Strom erreichten.
Da ich durstig war, stieg ich von meinem Tier, hielt es am Zügel und
beugte mich nieder, um zu trinken. Plötzlich aufblickend aber sah ich,
daß der Zirkassier den Fuß in den Steigbügel auf der mir abgekehrten
Seite meines Pferdes gesetzt hatte, denn er wollte es besteigen und
davonreiten! Und bei Gott! war ich nicht wie Vater und Mutter gegen ihn
gewesen? Deshalb schlug ich ihn mit meinem Schwert, daß er zu Boden
fiel. Dann band ich ihn, brachte ihn nach Homs und übergab ihn der
Regierung. Das ist die Art der Zirkassier. Möge Gott ihnen fluchen!«
Ich befragte ihn über den Weg nach Mekka und über die Mühsalen, die die
Pilgrime unterwegs zu erdulden haben.
»Beim Angesichte Gottes! sie leiden,« rief er. »Zehn Wegstrecken von
Ma'ān nach Medā'in Sāleh, zehn von dort nach Medina und abermals zehn
von Medina nach Mekka, und diese letzten sind die schlimmsten, denn der
Scherif von Mekka hat sich mit den Araberstämmen verbündet; die Araber
berauben die Pilgrime und teilen die Beute mit dem Scherif. Auch sind
diese Wegstrecken nicht wie die Strecken der vornehmen Reisenden, denn
manchmal liegen 15 Stunden zwischen den Wasserstellen, manchmal auch
20, und der letzte Marsch vor Mekka beträgt 30 Stunden. Nun bezahlt
die Regierung zwar die Stämme dafür, daß sie die Pilgrime ungehindert
ziehen lassen, aber wenn sie hören, die Hadji kommen, stellen sie sich
auf die Höhen längs der Straße und rufen dem Amir zu: ‚Gib uns, was
uns gehört, Abd ur Rahmān Pascha!’ Und er gibt einem jeden nach seinem
Recht, dem einen Geld, dem anderen eine Pfeife Tabak, dem dritten
Tuch oder einen Mantel. Aber mehr noch als die Pilger haben die Hüter
der Forts zu leiden, die zur Bewachung der Wasserstellen längs des
Weges errichtet sind. Jedes dieser Forts gleicht einem Gefängnis.
Als ich einst der militärischen Eskorte zuerteilt war, wurde mein
Pferd unterwegs krank und konnte nicht weiter, und ich mußte in einem
der Forts zwischen Medā'in Sāleh und Medīna bleiben, bis der Zug
zurückkehrte. Sechs Wochen und länger wohnte ich bei dem Hüter des
Forts, und wir sahen keinen Menschen. Wir aßen und schliefen in der
Sonne, dann aßen und schliefen wir wieder, denn aus Furcht vor den
Howeitāt und den Beni Atijjeh, die in Fehde miteinander lagen, konnten
wir nicht ausreiten. Und der Mann hatte zehn Jahre da gelebt und sich
noch keine Viertelstunde weit von dem Orte entfernt, da er die Vorräte
hüten muß, die zur Versorgung vorüberziehender Mekkapilger in den Forts
aufgespeichert liegen. »Beim Propheten Gottes,« sagte Mahmūd und machte
eine Handbewegung von der Erde nach dem Himmel zu, »zehn Jahre hatte er
nichts als die Erde und Gott gesehen! Er hatte einen kleinen Sohn, der
war taubstumm, seine Augen aber waren schärfer als die irgend jemandes,
und er hielt den ganzen Tag Umschau von der Spitze des Turmes. Eines
Tages kam er zu seinem Vater gelaufen und machte Zeichen mit der Hand;
da wußte der Vater, daß er eine Räuberbande von fern gesehen hatte. Wir
eilten hinein und schlossen die Tore. Und die Reiter, 500 Beni Atijjeh,
kamen heran, tränkten ihre Tiere und verlangten Speise. Wir wagten aber
nicht zu öffnen, sondern warfen ihnen Brot hinaus. Während sie noch
aßen, kam eine Räuberhorde der Howeitāt über die Steppe herangesprengt,
und sie begannen unter den Mauern des Forts miteinander zu kämpfen. Bis
zur Stunde des Abendgebetes fochten sie, dann ritten die Überlebenden
davon und ließen ihre Toten, 30 an der Zahl, zurück. Die ganze Nacht
blieben wir hinter verschlossenen Türen, im Morgengrauen aber gingen
wir hinaus, die Toten zu begraben. Immer noch besser aber ist es, in
einer Festung an der Haddjstraße zu wohnen,« fuhr Mahmūd fort, »als
Soldat in Jemen zu sein, denn dort bekommen die Soldaten keine Löhnung
und nicht genug Nahrung, um davon leben zu können, und die Sonne brennt
wie Feuer. Wenn einer in Jemen sich im Schatten befindet und sieht
eine Börse mit Gold in der Sonne liegen, bei Gott! er geht nicht hinaus
sie aufzuheben, denn die Hitze draußen gleicht der Glut der Hölle. Oh,
meine Dame, ist es wahr, daß die Soldaten in Ägypten Woche für Woche
und Monat für Monat ihre Löhnung bekommen?«
Ich erwiderte, daß das wohl der Fall sein dürfte, da es im englischen
Heere so gebräuchlich wäre.
»Uns,« sagte Mahmūd, »bleibt man den Sold gewöhnlich ein halbes Jahr
schuldig, und von der Löhnung von zwölf Monaten werden uns oft nur
sechs Monate ausgezahlt. Wāllah! Ich hatte noch nie im Jahre mehr
als die Bezahlung für acht Monate. Einmal,« fuhr er fort, »war ich
in Alexandria -- Mascha'llah, welch schöne Stadt! Häuser so groß wie
Königsschlösser, und alle Straßen haben gepflasterte Seiten, auf denen
die Leute gehen. Und hier sah ich einen Kutscher, der eine Dame des
Fahrpreises wegen verklagte, und der Richter sprach ihm das Recht
zu. Bei der Wahrheit! Hier bei uns pflegen die Richter anders zu
handeln,« bemerkte Mahmūd nachdenklich und rief dann, schnell das Thema
wechselnd: »Sehen Sie, meine Dame, dort ist Abu Sa'ad.«
Ich blickte auf und sah Abu Sa'ad über das gepflügte Feld
dahinschreiten. Sein weißes Gewand war so fleckenlos, als ob er nicht
gerade von einer Reise, ebenso lang wie Mahmūds, zurückgekehrt wäre,
und seine schwarzen Ärmel lagen zierlich gefaltet an seiner Seite an.
Ich beeilte mich, den Vater guter Vorbedeutung willkommen zu heißen,
denn in Syrien gilt der erste Storch dasselbe, wie bei uns die erste
Schwalbe. Er kann freilich ebensowenig wie eine Schwalbe Sommer machen,
und so ritten wir denn diesen Tag in strömendem Regen nach Kal'at
el Mudīk. Kal'at el Mudīk ist das Apamea der Seleuciden. Seleucus
Nicator erbaute es, jener große Städtegründer, der so viele Städte
zu Patenkindern hat, Seleucia am Calycadnus, Seleucia in Babylonien
und andre. Obgleich es durch Erdbeben völlig in Trümmer gelegt ist,
bekunden doch die genügend vorhandenen Ruinen seinen ehemaligen Ruhm:
den weiten Umkreis seiner Mauern, die Zahl seiner Tempel, die Pracht
seiner mit Säulen bestandenen Straßen. Von Tor zu Tor kannst du die
Straßen nach den aufgehäuften Kolonnadentrümmern verfolgen, kannst nach
den Steinpostamenten an den Kreuzungen der Straßen auf den Standort
früherer Statuen schließen. Hier und da blickst du durch ein massives
Tor ins Weite, der Palast, welchem es gedient hat, ist geschleift;
oder ein bewaffneter Reiter dekoriert den Grabpfeiler, auf welchem die
einstigen Taten seines Ahnen verzeichnet stehen. Die Christen nahmen
das Werk auf, wo die Seleucidenkönige es abbrachen: an der Seite der
Hauptstraße liegen die Ruinen einer großen Kirche und des mit Säulen
umgebenen Hofes. Als ich zum Ärger der grauen Eulen, die blinzelnd
auf den Steinhaufen saßen, im lauen Frühlingsregen durch Gras und
Blumen dahinschritt, erschienen mir die Geschichte und die Architektur
der Stadt wie ein Auszug aus der wunderbaren Verschmelzung zwischen
Griechenland und Asien, die Alexanders Eroberungen zur Folge hatten.
Ein griechischer König, dessen Hauptstadt am Tigris lag, hat hier eine
Stadt am Orontes gegründet und sie nach seiner persischen Gemahlin
benannt. Was für Bauherrn haben die Kolonnaden errichtet, die Kal'at el
Mudīk, wie alle anderen Städte Syriens griechischer Färbung, in echt
orientalischer Freigebigkeit mit klassischen Formen schmückten? Was für
Bürger sind darin auf und ab gewandelt und haben Athen und Babylon die
Hand gereicht?
[Illustration: Ein Kapitäl, Hamāh.]
Der einzige unbewohnte Teil von Kal'at el Mudīk ist das Schloß selbst;
es steht, wie die ehemalige Akropolis der Seleuciden, auf einem
Hügel, der das Orontestal und die Berge von Nosairijjeh beherrscht.
Obgleich viele Hände bei seinem Bau tätig gewesen sind, und griechische
sowohl als arabische Inschriften durcheinander eingefügt sind, zeigt
es doch in der Hauptsache arabische Bauweise. Südlich vom Schloß
befindet sich der Überrest eines altertümlichen Baues, für den mir
die Erklärung fehlt. Dem Anschein nach könnte er zu dem Proszenium
eines Theaters gehört haben, denn die dahinterliegende Anhöhe ist
ausgeschaufelt wie für ein zuhörendes Publikum. Man brauchte nur ein
wenig nachzugraben, um zu erforschen, ob sich Sitzplätze unterhalb der
Rasenfläche befinden. Das Tal weist die Ruinen einer Moschee und eine
schöne, freilich auch halbverfallne Karawanserei auf. Der Scheich des
Schlosses bewirtete mich mit Kaffee und gab dabei noch eine andre
Version der Seidjari-Angelegenheit zum besten, die freilich mit keiner
der beiden ersten im Einklang zu bringen ist, und ich beglückwünschte
mich zu meinem längstgefaßten Entschluß, mich an die Lösung dieses
verwickelten Problems nicht zu wagen. Von der Höhe des Schlosses
aus schien das Orontestal ganz unter Wasser zu stehen. Der große
'Asī-Sumpf, sagte der Scheich, der im Sommer vertrocknet, wodurch dann
diese Inseldörfer (so sah ich sie jetzt) wieder als Teil der Ebene
auftreten. Ob sie ungesund sind? Ja, gewiß, das sind sie! Sommer wie
Winter vom Fieber heimgesucht, die meisten Bewohner sterben jung --
seht, wir sind Gottes, und zu Ihm kehren wir zurück. Zur Winters- wie
zur Frühlingszeit liegen diese kurzlebigen Leute der Fischerei ob,
sobald aber der Sumpf austrocknet, bebauen sie auf ihre eigne Weise
das Land. Sie hauen das Schilf um, brennen die Fläche an und säen Mais
darauf. Und der Mais schießt aus der Asche empor und wächst. In der Tat
ein phönixartiger Betrieb von Landwirtschaft!
In Apamea wurden die vortrefflichen Kuchen alle, die ich in Damaskus
gekauft hatte, -- eine Sache, die ernst zu nehmen war, da der
Mundvorrat einförmig zu werden drohte. Von allen Mahlzeiten zeigte
sich das Frühstück am wenigsten verlockend, denn hartgekochte Eier und
Stücke kalten Fleisches vermögen den Appetit nicht zu reizen, wenn man
schon monatelang darin geschwelgt hat. Allmählich aber brachte ich
Michaïl bei, unsre Kost mit den Produkten, die die Gegend lieferte,
abwechslungsreicher zu gestalten. Käse aus Schafmilch, Oliven,
eingesalzene Pistazien, gesüßte Aprikosen und andre Delikatessen mußten
mit unsern Kuchen aus Damaskus aushelfen. Der eingeborne Diener,
der daran gewöhnt ist, Cooks Touristen Sardinen und Büchsenfleisch
vorzusetzen, betrachtet den Genuß solcher Nahrungsmittel als eines
Europäers unwürdig, und willst du in den fruchtbarsten Ländern nicht
mit kaltem Hammelfleisch darben, so mußt du schon die Bazare mit ihm
absuchen und ihn anleiten, was er kaufen soll.
Elftes Kapitel.