Keine Stadt in Syrien kann sich einer gleich malerischen Lage rühmen

wie Hamāh. Der breite Fluß mit seinen Wasserrädern verleiht einen

nie versagenden Reiz, die schwarz und weiß gestreiften Türme der

Moscheen sind von prächtiger architektonischer Wirkung, die engen,

zum Teil überwölbten Straßen bieten in ihrem Wechsel von Sonnenschein

und Schatten unvergleichliche Lichteffekte, und die Bazare sind noch

nicht durch die eisernen Dächer entstellt, die die Verkaufsstraßen

von Damaskus und Homs so sehr ihres charakteristischen Gepräges

beraubt haben. Die große Moschee im Mittelpunkte der Stadt war einst

eine byzantinische Kirche. Noch heute zeichnen sich die Türen und

Fenster des ehemaligen Gebäudes deutlich in den Mauern der Moschee

ab; der untere Teil des westlichen Minarets bildete augenscheinlich

die Grundmauern eines früheren Turmes; im Hofe liegen zahlreiche

byzantinische Säulenschäfte und Kapitäle, und die schöne kleine Kubbeh

wird von acht korinthischen Säulen getragen. Auf einer der letzteren

bemerkte ich das byzantinische Motiv des wehenden Akanthus. Die

Steinschneider aber schienen es müde geworden zu sein, die Blätter in

stereotyper Einförmigkeit aufrecht zu stellen, und haben sie statt

dessen leicht um das Kapitäl gelegt, als ob ein Wirbelwind über sie

hinweggefahren wäre. Diese neue Anordnung wirkt außerordentlich anmutig

und pikant.

Kbēs und ich erkletterten den Burgberg und fanden oben ein ungeheuer

großes Ruinenfeld, aber alle behauenen Steine der ehemaligen Festungen

sind fortgeschafft und zum Bau der Stadt verwendet worden. Meinem

Eindrucke nach steht der Festungskegel nicht von Natur so isoliert da,

sondern er ist entstanden, indem man durch einen Einschnitt ein in das

Tal vorspringendes Vorgebirge von dem Hauptbergzug abgetrennt hat. Wenn

es an dem ist, so haben wir ein ungeheures Werk der Vergangenheit vor

uns, denn der Durchstich ist sehr breit und tief.

[Illustration: Kubbeh in der Moschee zu Hamāh.]

Das Interessanteste dieses Tages in Hamāh waren die Bewohner. Vier

machtvolle mohammedanische Geschlechter bilden die Aristokratie der

Stadt. Es sind dies die Familien 'Azam Zadēh, Teifūr, Killani und

Barāzi. Ein Glied der letzteren hatte ich bereits in Damaskus kennen

gelernt. Das Gesamteinkommen jeder dieser Familien beläuft sich

vielleicht auf 6000 Pfund Sterling im Jahre und entstammt dem Besitz

an Dörfern und Ländereien, denn es wird in Hamāh nur wenig Handel

getrieben. Als die ottomanische Regierung noch nicht so fest begründet

stand wie jetzt, waren diese vier Familien die Herren von Hamāh und

seiner Umgegend, und noch jetzt haben sie beträchtlichen Einfluß auf

die Verwaltung der Stadt. Die Beamten des Sultans lassen sie fast immer

ihre eigenen Wege gehen, die nicht selten ungesetzmäßige sind. So

hört man von den 'Azam Zadēh oft eine alte, böse Geschichte erzählen,

die, soviel ich erfahren konnte, auch von der Familie nicht in Abrede

gestellt wird. In alten Zeiten lebte ein 'Azam, der, wie weiland König

Ahab, nach seines Nachbars Weinberg trachtete, den sein Eigentümer

nicht verkaufen wollte. Da schmiedete der große Mann einen Plan. Er

ließ einen seiner Sklaven töten, in Stücke schneiden und nicht zu

tief in eine Ecke des umstrittenen Besitztums einscharren. Nach einer

angemessenen Zeit sandte er seinem Nachbar folgende Botschaft: »Du

hast mich oft eingeladen, mit Dir in Deinem Garten Kaffee zu trinken.

Ich werde kommen, halte alles bereit!« Der Mann freute sich der

Herablassung und richtete ein Fest zu. Der festgesetzte Tag erschien,

und mit ihm Fürst 'Azam. Das Mahl sollte in einer Laube eingenommen

werden, der Gast aber gab vor, der gewählte Platz sage ihm nicht zu,

und führte seinen Wirt gerade an die Stelle, wo der Sklave begraben

lag. Der Hausherr erhob Einspruch, da es ein unschöner Winkel in der

Nähe des Abraumhaufens war, 'Azam aber behauptete, daß es ihm hier

gefiele, und das Fest nahm seinen Anfang. Plötzlich erhob der Gast den

Kopf mit der Bemerkung: »Hier herrscht ein eigner Geruch!« »Gnädigster

Herr,« entgegnete der Wirt, »er kommt von dem Abraumhaufen.« Der andere

aber behauptete: »Nein, das ist etwas anderes!« rief seinen Diener

und ließ an der Stelle, wo er saß, die Erde aufgraben. Man fand den

gevierteilten Körper des Sklaven und erkannte ihn. Der Eigentümer des

Gartens wurde unter Anklage des Mordes verhaftet und gebunden und mußte

all seine Güter als Buße hergeben.

Wie Kbēs sagte, wurden auch jetzt noch solch gewaltsame Mittel voll

Ungerechtigkeit angewendet. Erst ganz kürzlich waren aus einem 'Abd

ul Kādir el 'Azam gehörigen Laden in dem gerade unter meinen Zelten

liegenden Stadtviertel Zwiebeln gestohlen worden.

[Illustration: Tekyah Killānijjeh, Hamāh.]

Da kamen 'Abd ul Kādirs Diener zu dem Bezirksscheich und verlangten von

ihm das Eigentum ihres Herrn zurück; da er nichts von der Angelegenheit

wußte und ihnen den Dieb nicht bezeichnen konnte, ergriffen sie ihn

und seinen Sohn, wobei letzterer durch eine Kugel an der Hand verwundet

wurde, schleppten sie an das Flußufer, entkleideten sie, schlugen

sie fast zu Tode und überließen es dann ihnen selbst, sich wieder

nach Hause zu finden. Der Vorfall wurde in ganz Hamāh bekannt, die

Regierung tat aber keine Schritte zur Bestrafung 'Abd ul Kādirs. Ich

stattete auch dem Hause Chālid Beg 'Azams einen Besuch ab, welches das

prächtigste der ganzen Stadt und ebenso schön wie das berühmte Azamhaus

in Damaskus ist. Chālid zeigte mir alle Räume. Jeder Zoll war mit einer

endlosen Mannigfaltigkeit arabischer Muster in Stuck, Holzschnitzerei

oder Mosaik bedeckt. Die Zimmer öffneten sich alle auf einen Hof, der

von einem Säulengang in bester arabischer Arbeit umgeben war. Ein

Springbrunnen plätscherte in der Mitte, Töpfe blühender Ranunkeln und

Narzissen schmückten die Ecken. Die Frauen des Hauses Azam genießen

einen noch größeren Ruf als die prächtigen Räume, die ihnen zur Wohnung

dienen: sie gelten für die schönsten in ganz Hamāh.

Auch die Killānis besuchte ich in ihrem reizenden Heim am Orontes,

der Tekyah Killānijjeh. Es enthält ein Mausoleum, in dem drei ihrer

Vorfahren begraben liegen, und Räume, die auf den Fluß hinausblicken,

und die von dem lieblichen Rauschen eines persischen Mühlrades erfüllt

sind. Von hier aus ging ich zu dem Muteserrif, einem alten, fast bis

zur Erde gekrümmten Manne, der keiner anderen als der türkischen

Sprache mächtig ist. Es war mir eine große Erleichterung, zu finden,

daß er mir wegen meines ungebührlichen Betragens der Wache gegenüber

nicht zürnte. Auf unsrer Heimkehr zum Frühstück begegneten wir einem

weißgekleideten Afghanen, mit Namen Derwisch Effendi. Er hielt den

Stationsvorsteher an, um sich nach mir zu erkundigen; nachdem er

erfahren, daß ich Engländerin sei, näherte er sich mir mit lächelndem

Gruß und sagte auf Persisch: »Die Engländer und die Afghanen sind

gute Freunde.« Er war tatsächlich mindestens ebenso gut wie das

britische Volk -- wenn nicht noch besser -- über die Besuche und

Höflichkeitsformeln unterrichtet, die zwischen Kabul und Kalkutta

ausgetauscht worden sind. Und die Moral von diesem Zwischenfall (sie

kam in einem langen, ermüdenden, aber höchst herzlichen Besuche

Derwisch Effendis ans Licht) ist, daß alles, was im entferntesten

Winkel Asiens geschieht, fast unmittelbar danach schon an den

entgegengesetzten Enden bekannt ist. Ohne sich der Übertreibung

schuldig zu machen, kann man behaupten, daß der englische Tourist

in den Straßen von Damaskus vor Spott nicht sicher ist, sobald ein

englisches Heer an den Grenzen von Afghanistan geschlagen worden

ist. Islam heißt das Band, das die westlichen und zentralen Teile

des asiatischen Kontinents verbindet und wie ein elektrischer Strom

die Übertragung der Gefühle vermittelt, und die Stärke dieses Bandes

wird noch durch die Tatsache vergrößert, daß wenig oder gar kein

auf ein bestimmtes Landgebiet beschränktes Nationalbewußtsein ihm

entgegenwirkt. Kein Perser oder Türke würde in dem Sinne »mein

Vaterland« sagen oder auch nur denken, wie z. B. der Deutsche oder

Engländer; sein Patriotismus beschränkt sich auf die Stadt, wo er

geboren ist, oder höchstens auf den Distrikt, zu dem sie gehört. Fragst

du ihn, welcher Nationalität er angehört, so wird er antworten: »Ich

stamme aus Ispahan«, oder »Ich stamme aus Konia«, je nachdem, und der

Syrer gibt dir den Bescheid, daß Damaskus oder Aleppo seine Heimat

ist. Ich habe bereits erklärt, daß Syrien lediglich ein geographischer

Begriff ist, dem kein nationales Bewußtsein in der Brust seiner

Bewohner entspricht. Wer dem Gespräch in den Bazars lauscht oder

dem Ladeninhaber, dessen Geschäft in enger Beziehung zu den lokalen

Verhältnissen solcher Distrikte steht, die sehr weit von seinem

Ladentisch liegen, oder auch den Maultiertreibern, die so unendlich

mehr als ihre Lasten von Stadt zu Stadt tragen, dem wird Asien durch

die engsten Bande der Verwandtschaft verknüpft erscheinen, und er wird

fühlen, daß jedes Detail der auswärtigen Politik Europas, berühre sie

nun China oder einen beliebigen Ort, mehr oder minder genau vor dem

Schiedsgericht der öffentlichen Meinung erwogen wird. Es ist nicht

Sache der Reisenden, die Gerüchte hören, ihre Schlüsse zu ziehen.

Wir können nichts tun, als dem Wißbegierigen das zu wiederholen, was

denen, die sich um unser Lagerfeuer scharen oder mit uns Steppen und

Bergland durchziehen, vom Munde fließt, denn ihre Worte sind in der

Strömung der arabischen Politik wie Strohhalme, die uns anzeigen, nach

welcher Richtung die Wellen fluten. Die Erfahrung hat sie mit dem

Inventar und dem Wortschatz der hohen Staatskunst bekannt gemacht.

Sie sind vertraut mit den Begriffen von Krieg und Unterhandlung, von

Vertrag und langgehegter und sorgfältig verborgener Rache. Ob sie nun

den Ausgang einer Blutfehde oder die Folgen internationaler Eifersucht

besprechen, meist ist ihr Urteil richtig, fast immer treffen sie mit

ihren Vermutungen ins Schwarze.

Meiner Erfahrung nach scheint der englische Name hier momentan schwerer

ins Gewicht zu fallen, als noch vor kurzem. Zwischen jetzt und vor fünf

Jahren, wo gerade der Burenkrieg in seinem unglücklichsten Stadium

stand, bemerkte ich einen gewaltigen Unterschied in der allgemeinen

Haltung uns gegenüber. Dieser Stimmungswechsel hat, soviel ich den

Gesprächen, deren Zeuge ich war, entnehmen konnte, seinen Grund weniger

in unserem Siege in Südafrika, als vielmehr in Lord Cromers trefflicher

Verwaltung Ägyptens, sowie in Lord Curzons Politik am persischen Golf

und in unserm Bündnis mit den siegreichen Japanern.

Als ich endlich von der Gegenwart des Afghanen wieder befreit war und

allein auf dem Grassaum saß, der mein Zelt von der Hunderte von Fuß

unter mir liegenden Stadt trennte, fuhr eine Person von Bedeutsamkeit

vor, um mir ihre Achtung zu erweisen. Es war der Mufti Mohammed

Effendi. In seiner Begleitung befand sich ein kluger Mann aus Bosra el

Harīr im Haurān, der Cypern bereist hatte und viel (wenn auch nicht

gerade Gutes) über unsre Regierungsverwaltung dort zu sagen wußte.

Der Mufti war ein Mann vom selben Typus wie der Kādi von Homs und

der Scheich Nakschibendi, der scharfsichtige Asiate, dessen vornehme

Gesichtszüge einigermaßen durch eine gewisse Schlauheit, die sich bis

zur Verschlagenheit steigert, beeinträchtigt werden. Er ließ sich auf

meinen besten Zeltstuhl nieder und bemerkte mit Genugtuung:

»Ich fragte: ‚Spricht sie Arabisch?’ und beorderte, als mir ‚Ja’ zur

Antwort gegeben wurde, schnell meinen Wagen und kam.«

[Illustration: Kapitäl aus der Moschee Hamāh.]

Die Unterhaltung drehte sich um Jemen, wohin er vor einigen Jahren

gesandt worden war, um den Frieden nach dem letzten arabischen Aufstand

wiederherzustellen. Er erzählte von seiner dreitägigen Reise durch die

hinter der Küste liegenden dürren Wüsten, von den bewaldeten Gebirgen

im Innern des Landes, wo es Winter und Sommer regnet, von den riesigen

Trauben in den Weinbergen und der Mannigfaltigkeit der Früchte in den

Obstgärten, von den Städten, die an Größe Damaskus gleichkamen und die

durch gewaltige, tausendjährige Erdbefestigungen geschützt sind. Die

Araber, sagte er, sind Städtebewohner, nicht Nomaden und verabscheuen

die ottomanische Regierung so, wie sie nur an wenig Orten verabscheut

wird. Wenn die Heere des Sultans gegen sie anrücken, pflegen sie in

die Gebirge zu fliehen, wo sie sich, nach der Meinung des Mufti, eine

unbeschränkte Zahl von Jahren halten können. Darin aber hat er unrecht:

wenige Monate schon brachten den türkischen Truppen, dank ihrer kühnen

Führerschaft und ihrer langen Ausdauer bei Wüstenmärschen, den Sieg:

der Aufstand schlug fehl wie so viele andere, weil die arabischen

Stämme einander noch grimmiger hassen als die Osmanen. Aber wie alle

unterdrückten Empörungen in der Türkei, so ist auch diese letztere

schon wieder aufgelodert. Vom Mufti hörte ich auch, daß man in Hamāh

allerorten unter dem Flußbett auf altes Mauerwerk stößt.

Ihm folgte mein Freund, der türkische Telegraphenbeamte, der sich über

mein schönes Lager freute, und diesem der Muteserrif, der ängstlichen

unsicheren Ganges vom Wagen durch meine Zelttaue schritt. Er lieh

mir seine Equipage, damit ich die auf dem östlichen Ufer des Orontes

liegenden Stadtteile besichtigen konnte, und so fuhren Kbēs und ich

mit zwei Vorreitern davon, die ganz außergewöhnlicherweise nicht mit

Lumpen bedeckt waren. Das Ostviertel, Hādir genannt, ist vornehmlich

das Beduinenviertel, das städtische Arabisch ist hier von dem rauhen

Wüstendialekt verdrängt worden, und die Bazare sind mit Arabern

gefüllt, die Kaffee, Tabak und gestreifte Gewänder einhandeln. Dieser

Stadtteil birgt eine schöne, kleine, verfallne Moschee, die nach den

gewundenen Säulen ihrer Fenster El Hayyāt, Schlangenmoschee, genannt

ist, und die seldschukischen Ursprungs sein soll. Am Nordende des Hofes

befindet sich ein Raum mit dem Marmorsarkophag des berühmten Geographen

Abu'l Fīda, Prinzen von Hamāh. Er starb im Jahre 1331; sein Grab trägt

eine schöne Inschrift, die das Datum nach der Zeitrechnung der Hedschra

wiedergibt.

Für den Abend hatte ich den Stationsvorsteher, den syrischen Arzt

Sallum und den griechischen Priester zum Diner eingeladen. Wir

unterhielten uns bis spät, eine zwar ungleichartige aber doch

übereinstimmende Gesellschaft. Sallum hatte die amerikanische

Universität in Beirut absolviert, von wo alle die großen und kleinen

praktizierenden Ärzte kommen, die über Syrien verstreut sind. Er war

Christ, freilich von ganz andrer Anschauung wie der Priester, und Kbēs

repräsentierte eine dritte Art Glaubenslehre. Im ganzen herrschte, wie

der Priester konstatierte, wenig direkt christenfeindliche Gesinnung

in Hamāh, freilich auch nicht viel Achtung vor seinem Gewand; hatten

doch am selben Tage, während seines Ganges durch die Stadt, ein paar

mohammedanische Frauen Steine vom Dach auf ihn herabgeworfen und

dazu geschrieen: »Hund von einem Christenpriester!« Kbēs erörterte

die Vorteile der neuen Eisenbahn (meiner Meinung nach ein sehr

schlechtgeleitetes Unternehmen) und behauptete, daß Hamāh zweifellos

Nutzen daraus gezogen hätte. Die Preise waren in den letzten zwei

Jahren in die Höhe gegangen, das Fleisch, das so wenig Absatz gefunden

hatte, wurde nach Beirut und Damaskus hinabgesandt. Er selbst hatte zu

Beginn seines Aufenthaltes zu Hamāh für ein Schaf einen Frank gegeben,

jetzt mußte er zehn bezahlen.

Der Muteserrif von Hamāh versah mich mit dem besten Zaptieh, den

ich während all meiner Reisen gehabt habe. Hadj Mahmūd war ein

großer, breitschulteriger Mann; er hatte zu des Sultans Leibwache in

Konstantinopel gehört und die große Wallfahrt dreimal mitgemacht,

einmal als Pilger, die beiden anderen Male als Soldat in der Eskorte.

Zehn Tage lang ritt er mit mir und hat mir in dieser Zeit in der

schönen, blumenreichen Sprache, deren er Meister war, mehr Geschichten

erzählt, als ein ganzer Band fassen kann. Da er bereits mit einem

deutschen Archäologen gereist war, kannte er die seltsame Vorliebe der

Europäer für Ruinen und Inschriften. Bezüglich des deutschen Gelehrten

erzählte er einst:

»In Kal'at el Mudīk sprach ich zu ihm: ‚Wenn Sie gern einen Stein sehen

möchten, auf dem ein Roß mit seinem Reiter eingeschrieben ist, beim

Lichte Gottes! ich kann Ihnen einen solchen zeigen.’ Er hat sich sehr

darüber gewundert und hat mich mit Geld belohnt. Bei Gott und Mohammed,

dem Propheten Gottes! Ihre Augen sollen den Stein auch schauen, meine

Dame!«

[Illustration: Ein Kapitäl, Hamāh.]

Diese Entdeckung Mahmūds war viel merkwürdiger, als man auf den ersten

Blick denken sollte, denn unser Suchen nach Altertümern wird am meisten

dadurch erschwert, daß die Eingeborenen, besonders in den entlegeneren

Gegenden, eine Skulptur nicht als solche erkennen, wenn sie sie

sehen. Es ist vielleicht nicht so besonders verwunderlich, daß sie

den Unterschied zwischen einer Inschrift und den natürlichen Sprüngen

oder den Spuren der Verwitterung auf einem Stein nicht herausfinden,

aber man erschrickt förmlich, wenn man auf die Frage, ob Steine mit

Menschen- oder Tierfiguren in der Nähe sind, zur Antwort erhält:

»Wāllah, wir wissen nicht, wie eine Menschenfigur aussieht!« Und zeigst

du den Leuten ein Stück Relief mit deutlichen Gestalten darauf, so

behaupten sie nicht selten, keine Ahnung zu haben, was das Bildwerk

darstellen soll.

Mahmūds merkwürdigster Reisegefährte war ein Japaner gewesen, den, wie

ich später erfuhr, seine Regierung ausgesandt hatte, um die Bauweise

in den östlichen Teilen des alten römischen Reiches zu studieren und

darüber zu berichten -- für derartige Forschungen also fanden die

Japaner selbst in ihren Kriegsnöten Muße. Der kleine Mann, dessen

Landsleute den gefürchteten Russen den Sieg entrissen, hatte Mahmūds

Neugier augenscheinlich in hohem Grade erregt.

»Den ganzen Tag lang ritt er, und nachts schrieb er in seine Bücher.

Er aß nichts als ein Stück Brot und trank Tee dazu, und wenn er einmal

etwas verneinen wollte, so sagte er (er konnte weder Arabisch noch

Türkisch): ‚Noh! Noh!’ Und das ist Französisch,« schloß Mahmūd.

Mein Einwand, daß das nicht Französisch, sondern Englisch sei, gab ihm

Stoff zum Nachdenken; nach einer Weile fügte er hinzu:

»Vor dem Krieg hatten wir den Namen der Japaner noch nicht gehört, aber

beim Angesicht der Wahrheit! die Engländer kannten sie.«

Zwischen Hamāh und Kal'at el Seidjar beschreibt der Orontes einen

Halbkreis; wir folgten der Sehne des Bogens und durchritten dieselbe

schwach angebaute Fläche, die ich bereits auf meinem Wege von Masjād

gekreuzt hatte. Sie war mit Dörfern aus bienenkorbähnlichen Erdhütten

bestreut, wie man sie auf dem ganzen Wege nach Aleppo in der Ebene

findet, sonst aber nirgends; sie ähneln höchstens den Dörfern die man

auf den Abbildungen zentralafrikanischer Reisebeschreibungen sieht.

Sobald ein Bauer reicher wird, baut er an seine Wohnung einen neuen

Bienenkorb an, und noch einen und noch einen, bis ein Dutzend und mehr

seinen Hof umstehen. In einigen wohnt er und seine Familie, andre

bergen das Vieh, einer ist seine Küche, ein andrer die Scheune. In der

Ferne sahen wir das Dorf 'Al Herdeh liegen, das, wie Mahmūd sagte,

von Christen bewohnt war, die früher alle dem griechischen Bekenntnis

angehörten. Die Einwohner lebten friedlich und erfreuten sich

guten Wohlstandes, bis sie das Unglück hatten, von einem Missionar

entdeckt zu werden, der Traktate verteilte und gegen 60 Personen zur

englischen Kirche bekehrte. Seither war es aus mit dem Frieden; keinen

Augenblick hatte der Streit in 'Al Herdeh aufgehört. Im Weiterreiten

erzählte Mahmūd allerlei von den Ismailiten und den Nosairijjeh. Von

den ersteren wußte er zu berichten, daß sich in jedem Hause eine

Photographie des Agha Chān befindet, aber daß es die Frau ist, der

sie Verehrung zollen. Jedes am 27. Radschab geborne Kind weiblichen

Geschlechts wird abgesondert und für eine Fleischwerdung dieser

Gottheit gehalten. Das Mädchen heißt Rōzah. Sie arbeitet nicht, ihre

Haare und Nägel werden nie verschnitten, auch ihre Familie zollt ihr

die Achtung, die ihr gebührt, und jeder Mann aus dem Dorfe trägt in den

Falten seines Turbans ein Stück ihres Kleides oder ein Haar von ihrem

Körper. Sie darf nicht heiraten.

»Aber,« warf ich ein, »wenn sie nun heiraten möchte?«

»Das ist unmöglich,« erwiderte er, »niemand würde sie mögen, denn

welcher Mann könnte wohl Gott heiraten?«

Man weiß, daß die Sekte im Besitz heiliger Bücher ist, aber bisher ist

noch keins in die Hände europäischer Gelehrter gefallen. Mahmūd hatte

eins gesehen und gelesen -- es sang den Preis der Rōzah und beschrieb

sie in lauten Lobeserhebungen bis ins einzelste. Die Ismailiten[9]

lesen auch den Koran. Mahmūd erzählte noch manche andere Dinge, die

ich, wie Herodot, zum Wiedererzählen nicht für geeignet halte. Ihr

Glaubensbekenntnis scheint sich aus einer dunklen Erinnerung an den

Astartedienst herzuleiten, oder aus jenem ältesten und allgemeinsten

Kultus, der Verehrung einer mütterlichen Gottheit; der Vorwurf der

Unanständigkeit aber, der ihrer Religion gemacht wird, ist, wie ich

glaube, unbegründet.

[9] In der heimischen Sprache ist der Plural von Ismaili Samawīleh. Ich

weiß nicht, ob das die Schriftform ist, jedenfalls habe ich sie überall

gehört.

Von den Nosairijjeh wußte Mahmūd viel zu sagen, denn er war in ihren

Bergen wohl bekannt. Hatte er doch viele Jahre lang unter den Anhängern

dieser Sekte die Kopfsteuer einsammeln müssen. Sie sind Ungläubige,

behauptete er, die weder den Koran lesen noch Gottes Namen kennen. Er

erzählte eine wunderbare Geschichte, die ich hier wiedergeben will,

wenn sie auch nicht viel wert ist.

»O meine Dame, es war einst im Winter, als ich die Steuern erhob. Nun

feiern die Nosairijjeh im Monat Kānūn el Awwal (Dezember) ein Fest, das

in dieselbe Zeit fällt wie das Christenfest (Weihnachten), und als ich

am Tage vorher mit zwei anderen durch das Gebirge ritt, fiel so viel

Schnee, daß wir nicht vorwärts konnten, und im nächsten Dorfe, und zwar

im Hause des Dorfscheichs, Zuflucht suchen mußten. Denn es gibt überall

einen Dorfscheich, meine Dame, und einen Glaubensscheich, und die Leute

werden in Eingeweihte und Uneingeweihte eingeteilt. Aber die Frauen

wissen nichts von den religiösen Geheimnissen, denn bei Gott! eine

Frau kann kein Geheimnis bewahren. Der Scheich empfing uns gastfrei

und gewährte uns Quartier; aber als wir am andern Morgen erwachten, da

war im ganzen Hause kein Mann, nichts als Frauensleute. Und ich rief

aus: ‚Bei Gott und Mohammed, dem Propheten Gottes! Was ist das für eine

Gastfreundschaft? Ist kein Mann da, den Kaffee zu kochen, sondern nur

Frauen?’ Und sie erwiderten: ‚Wir wissen nicht, was die Männer machen,

sie sind alle in das Haus des Glaubensscheichs gegangen, und wir dürfen

nicht hinein.’ Da erhob ich mich, schlich zu dem Hause und spähte

durchs Fenster. Bei Gott! Die Eingeweihten saßen im Zimmer, im Kreis um

den Glaubensscheich, der vor sich eine Schale mit Wein und einen leeren

Krug hatte. Und er stellte leisen Tones Fragen an den Krug, und -- bei

dem Lichte der Wahrheit! -- ich hörte, wie der Krug mit einer Stimme

Antwort gab, die da sagte: Bl... bl... Das war ohne Zweifel Zauberei,

meine Dame! Und während ich noch hineinschaute, erhob einer den Kopf

und sah mich. Da kamen sie aus dem Haus gelaufen, packten mich und

würden mich geschlagen haben, hätte ich nicht gerufen: ‚O Scheich, ich

bin dein Gast!’ Schnell trat der Glaubensscheich dazu und erhob seine

Hand, und augenblicklich ließen mich alle los, die Hand an mich gelegt

hatten. Er aber fiel mir zu Füßen, küßte meine Hände sowie den Saum

meines Gewandes und sagte: ‚O Hadji, wenn du versprichst, nicht weiter

zu sagen, was du gesehen hast, will ich dir zehn Medschides geben!’

Und bei Gottes Propheten (Friede sei mit ihm), ich habe nichts davon

erzählt, bis auf den heutigen Tag!«

[Illustration: Kal'at es Seidjar.]

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 15 / 24 段