Am nächsten Morgen regnete es noch immer; in mißlichster Laune

kleidete ich mich an und frühstückte, als die Wolken plötzlich wie

von Zauberhand weggeschoben wurden, und 7½ Uhr brachen wir beim

herrlichsten Sonnenschein auf. Am Fuße des steilen Hügels, der das

Kastell trägt, liegt inmitten eines Olivenhains ein griechisches

Kloster. Als wir es erreichten, stieg ich ab, um den Abt zu

begrüßen, aber siehe da! er war ein alter Bekannter von mir, dem ich

bereits vor fünf Jahren bei meiner Rückkehr von Palmyra im Kloster

Ma'alūla begegnet war. Große Freude herrschte über dieses glückliche

Zusammentreffen, zu dessen Feier viel Marmelade, Kaffee und Wasser

vertilgt wurde. Mit Ausnahme einer kryptaähnlichen Kapelle, die 1200

Jahre alt sein soll, ist das Kloster wieder aufgebaut worden. Das

Gewölbe der alten Kapelle wird von zwei Marmorsäulen getragen, die

unterhalb des Kapitäls abgebrochen und in die Wand eingefügt sind,

ein Verfahren, das mehr seltsam als schön zu nennen ist. Die Kapitäle

zeigen die Form von Lilienblüten im byzantinischen Stil. Am Altar, der

ein schönes Muster moderner Holzschnitzerei ist, befinden sich einige

prächtige persische Kacheln in der Wand. In der Westmauer des Klosters

zeigte man mir eine so schmale Pforte, daß es kaum möglich war, sich

hindurchzuzwängen, -- unmöglich, wie die Mönche sagten, jedenfalls für

den, der nicht reines Herzens ist. Ich wagte nicht, meinen Ruf durch

einen Versuch, mich hindurchzudrängen, aufs Spiel zu setzen.

Wir ritten weiter durch dünnbewaldete aber desto dichter mit Blumen

besetzte Täler; die Obstbäume begannen zu blühen, das Geißblatt grünte,

und bei einem winzigen Friedhof ließen wir uns unter knospenden Eichen

zum Frühstück nieder. Vor uns lag der kritische Punkt unsrer Tagereise.

Schon sahen wir die Mauern der Burg Sāfita auf dem gegenüberliegenden

Hügel, aber noch trennte uns ein angeschwollener Strom, dessen Brücke

weggerissen, und dessen Furt, einem Gerücht zufolge, unpassierbar war.

Als wir die Ufer des Abrasch erreichten, sahen wir durch das weite

Bett eine einzige wirbelnde und schäumende Wassermasse hinabtosen, die

kein beladenes Maultier durchwaten konnte. Zwei Stunden ritten wir

stromabwärts und gelangten gerade noch zur rechten Zeit an die zweite

Brücke, die Djisr el Wād, die sich im letzten Stadium des Verfalls

befand, da nur noch die mittleren Bogen zusammenhielten. Die Hügel auf

dem gegenüberliegenden Ufer waren mit niederem Buschwerk besetzt, aus

dem die liebliche ~Iris stylosa~ ihre blauen Staubgefäße erhob. Zur

weiteren Belebung der Szenerie trug ferner ein ununterbrochener Zug

weißgekleideter Nosairijjeh bei, die der Brücke zustrebten. In meiner

Gesellschaft befand sich 'Abd ul Medjid, ein kurdischer Zaptieh, der

das Gebirge und all seine Bewohner gut kannte. Obgleich Mohammedaner,

hegte er keinen Groll gegen die Nosairijjeh, die ihm immer als harmlose

Leute erschienen waren, und ein jeder grüßte ihn freundlich im

Vorübergehen. Er erzählte mir auch, daß die weiße Gesellschaft sich zu

den Beerdigungsfeierlichkeiten eines großen, seiner Frömmigkeit wegen

wohlbekannten Scheichs begab, der vor einer Woche gestorben war. Das

Fest selbst wird gewöhnlich zwei Tage nach der Beerdigung abgehalten,

und wenn die Gäste gespeist haben, bringt jeder nach seinen Kräften der

Familie des Toten seinen Tribut dar, der zwischen einem und fünf, ja

sechs Piaster schwankt. Im Djebel Nosairijjeh im Geruch der Heiligkeit

zu stehen, ist gleichwertig mit einer Lebensversicherung bei uns zu

Lande.

[Illustration: Arabische Bauern.]

Dank dem großen Umwege erreichten wir Sāfita erst um 4 Uhr. Ich

lehnte die Gastfreundschaft des Kommandanten ab und schlug meine

Zelte außerhalb des Dorfes an einem Waldrande auf. Das innere

Festungsgebäude, welches wir von ferne gesehen hatten, ist alles, was

von der Weißen Burg der Tempelherren übriggeblieben ist. Es steht auf

dem Gipfel des Hügels, um dessen Fuß sich das Dörflein gruppiert, und

von dem aus man das Mittelmeer und den nördlichen Teil der phönizischen

Küste erblickt. Unter den mir zum Verkauf angebotenen Antiquitäten

bemerkte ich eine phönizische Münze und die kleine Bronzestatue

eines phönizischen Gottes -- wahrscheinlich war Sāfita für jenes

Handelsvolk ein Stützpunkt im Binnenlande. Die Feste selbst war eine

geschickte architektonische Überraschung. Sie enthielt nicht, wie zu

erwarten stand, eine gewölbte Halle oder ein Refektorium, sondern

eine große Kirche, die also sozusagen das Herz der Festung ausmachte.

Als wir eintraten, wurde gerade ein Gottesdienst abgehalten; durch

die Westtüren ergoß sich die Abendröte und hüllte die in Anbetung auf

ihren Knieen liegende Gemeinde in purpurne Glut. Die meisten Bewohner

von Sāfita sind Christen und sprechen Englisch mit dem ausgesprochen

amerikanischen Akzent, den sie sich angeeignet haben, während sie

in den Vereinigten Staaten ihr kleines Vermögen erwarben. Außer dem

Akzent aber hatten sie auch eine mir nicht angenehme Vertraulichkeit

in der Redeweise mitgebracht und ein Teil der ihnen angeborenen guten

Manieren verloren. 'Abd ul Medjid, der fesche Unteroffizier, begleitete

mich durch die Stadt, rettete mich aus den Klauen der amerikanisierten

Christen, zwirbelte seinen kühnen, militärischen Schnurrbart gegen die

kleinen Jungen, die uns nachlaufen wollten, und schickte hinter ihrem

Rückzug Proben aus dem elegantesten Schimpfwörterschatz her, den mein

Ohr je den Vorzug hatte zu hören.

Spät am Abend wurden zwei Besucher angekündigt. Es war der Zābit

(Kommandant) und ein andrer Beamter, durch die der Kāimakām von

Drekisch mich bewillkommnen und in sein Dorf einladen ließ. Wir

drei ritten in der Frühe des nächsten Morgens mit einigen Soldaten

hinter uns auf einem gewundenen Pfad durch die Berge und gelangten

nach zwei Stunden in ein Tal voller Olivenhaine, an dessen Hängen

das Dorf Drekisch lag. Bei der ersten Olivengruppe fanden wir drei

Biedermänner in langem Rock und Tarbusch unser harrend; bei unsrer

Annäherung bestiegen sie ihre Pferde und schlossen sich dem Zuge an,

der, während wir die Dorfstraße hinaufritten, durch andere Honoratioren

zu Pferde immer mehr anschwoll, bis wir schließlich die Gesamtsumme

von 13 erreicht hatten. Der Kāimakām erwartete uns in Gala und allen

Zeremoniells voll an der Tür seines Hauses und geleitete mich in sein

Besuchszimmer, wo wir Kaffee tranken. Die Gesellschaft bestand nun aus

30 Personen von Rang und Ansehen. Nach dem offiziellen Empfang brachte

mich mein Wirt in seine Privatwohnung und stellte mich seiner Frau,

einer liebenswürdigen Damaszenerin, vor. Während der nun folgenden

kurzen Unterhaltung lernte ich ihn genauer kennen. Riza Beg el 'Abid

verdankt seine gegenwärtige Stellung dem Umstand, daß er ein Vetter

'Isset Paschas ist, denn es gibt in der Familie dieses großen Mannes

kein Glied, das nicht wenigstens Kāimakām ist. Aber Riza Beg hätte

die soziale Leiter auch ohne Unterstützung erklimmen können; er ist

ein Mann von außergewöhnlich gewinnendem Wesen und verfügt in reichem

Maße über den scharfen Verstand der Syrer. Das Geschlecht, zu dem er

und 'Isset gehören, ist arabischen Ursprungs. Die Glieder der Familie

leiten ihre Abstammung von dem edlen Stamm der Muwāli her, die Harūn

er Raschid verwandt sind, und wenn du 'Isset Pascha begegnest, so

wirst du wohl tun, ihn zu seiner Verwandtschaft mit jenem Kalifen

zu beglückwünschen, obgleich er weiß, (auch weiß, daß du es weißt),

daß die Muwāli seinen Anspruch mit Verachtung zurückweisen und ihn

unter die Abkömmlinge ihrer Sklaven zählen, worauf auch sein Name

'Abid (Sklave) hinweist. Gleichviel, ob Sklaven oder Freie -- die

Söhne des Hauses 'Abid sind so geschickt emporgestiegen, daß sie der

Türkei den Fuß auf den Nacken gesetzt haben und in dieser gewagten

Stellung auch verbleiben werden, bis 'Isset die Gunst des Sultans

verliert. Riza Beg machte ein ernstes Gesicht, als ich auf seine hohen

Verbindungen anspielte, und bemerkte, daß die Machtstellung, deren

er sich als Glied seiner Familie erfreute, keine leichte Sache sei,

und daß er mit Freuden ein weniger hervorragendes Amt als das eines

Kāimakāms ausfüllen würde. Vielleicht würde auch der Pascha die Freuden

Konstantinopels nur allzugern gegen einen bescheideneren aber sicheren

Wirkungskreis austauschen -- eine Vermutung, der ich um so lieber

Glauben schenke, als 'Isset, wenn das Gerücht wahr spricht, in den

Jahren, da er sich der höchsten Gunst erfreute, aus seiner Stellung

so viel Nutzen gezogen hat, wie er nur irgend erwarten konnte. Ich

versicherte dem Kāimakām, daß ich mir ein Vergnügen daraus machen

würde, dem Pascha bei meinem demnächstigen Aufenthalt in Konstantinopel

einen Besuch abzustatten, und ich führte dieses Projekt auch mit so

gutem Erfolg aus, daß ich nach 'Issets eigner Aussage mich künftighin

zu den Personen rechnen muß, die seiner lebenslänglichen Freundschaft

versichert sein können.

Inzwischen war das Frühstück fertig geworden. Nachdem sich die Hausfrau

zurückgezogen, fanden die übrigen Gäste Einlaß. Es waren vier an der

Zahl: der Zābit, der Kadi und zwei andere. Wir hielten ein reichliches,

vortreffliches und unterhaltendes Mahl. Es wurde von munterem Gespräch

belebt, das der Kāimakām anregte und aufrechterhielt, der jedes Thema

mit der gewandten Leichtigkeit eines Mannes von Welt behandelte.

Während er sprach, kam mir immer wieder von neuem zum Bewußtsein,

was für eine schöne, elegante Sprache das Syrisch-Arabisch im Munde

des Gebildeten ist. Bei meinem Abschied eröffnete mir der Kāimakām,

daß ich noch während der ganzen folgenden Nacht sein Gast sein

würde. Er hatte nämlich, wie er sagte, von meiner Absicht erfahren,

mein Lager am verfallnen Tempel von Husn es Suleimān aufzuschlagen,

und meine Karawane unter dem Schutze eines Zaptiehs bereits dahin

gesandt. Einer seiner Vettern, der für meine Bedürfnisse Sorge tragen

sollte, war mit Dienern und Vorräten ebenfalls schon vorausgegangen.

Der Zābit und Rā'ib Effendi el Helu, ein andrer Teilnehmer an der

Frühstücksgesellschaft, sollten mich begleiten. Hoffentlich war das

alles zu meiner Zufriedenheit. Ich dankte dem Kāimakām herzlich

für seine Güte und versicherte, ihn schon an seiner großmütigen

Gastfreundschaft als Araber von edler Geburt erkannt zu haben.

Unser Pfad führte uns bis zur Höhe des Nosairischen Gebirges, wo wir,

auf dem Kamme hinreitend, eine felsige, romantische Wegspur verfolgten.

Die Abhänge waren außerordentlich steil und zeigten außer Gras und

Blumen keinen Pflanzenwuchs. Nur hier und da waren die höchsten Gipfel

von einer Eichengruppe gekrönt, durch deren kahles Gezweig die weiße

Kuppel einer nosairischen Mazār leuchtete. Die Nosairijjeh haben

weder Kirchen noch Moscheen, aber auf jedem Berggipfel errichten sie

eine Kapelle, das Zeichen einer Begräbnisstätte. Diese hochgebetteten

Toten haben zwar die Erdenwelt verlassen, fahren aber noch fort, sie

mit ihren Segnungen zu beglücken, denn sie sind die Beschützer der

Bäume, deren Wurzeln ihre Gebeine umschlingen, und die deshalb als die

einzigen ihrer Art ungehindert wachsen dürfen.

[Illustration: Tempel von Husn es Suleimān.]

Husn es Suleimān liegt hoch oben in den Bergen am Anfang eines Tales.

Ein klarer Quell rieselt unter dem Gestein hervor und umspült eine

natürliche, mit grünem Moos bewachsene Plattform, auf der wir unsre

Zelte errichteten. Amphitheatralisch steigen die Berge hinter dem

Tempel hinan, vor ihm senkt sich das Tal abwärts, und die Götter,

denen er geweiht war, können sich in ungestörter Einsamkeit der in

Trümmer gesunkenen Lieblichkeit ihres Heiligtums erfreuen. Die Mauern

sind mit Efeu übersponnen, und Veilchen sprossen in den Ritzen. Vier

Tore führen in den Hof, in dessen Mitte sich die Ruinen des Tempels

befinden, während etwas südlich von der Cella noch das Mauerwerk

eines Altars sichtbar ist, der in schönen griechischen Lettern eine

Widmung trägt. Sie berichtet, daß der Centurio Decimus, aus der

Legion des Flavian, nebst zwei Söhnen und einer Tochter dem Gott von

Baitokaikē einen erzenen Altar stiftete und auf einem Steinsockel

errichtete. Das geschah im Jahre 444 der seleucidischen Zeitrechnung.

Dieses Datum entspricht unserm Jahre 132 nach Christus. Es ist

bedauerlich, daß Decimus sich nicht bewogen fühlte, auch den Namen des

Gottes hinzuzufügen; derselbe bleibt in allen Inschriften unerwähnt.

Der Nordeingang besteht aus einem dreiteiligen Tor und liegt einer

zweiten rechteckigen Umfriedigung gegenüber, in deren südöstlichen

Winkel ein kleiner Tempel steht, während aus der Nordmauer eine

kuppelförmige Überdachung hervorragt. Letztere schützte vielleicht

die Statue des unbekannten Gottes, denn es führen Stufen hinauf, und

Säulenstümpfe umstehen den Platz. Wie in Ba'albek, so heiligten die

Christen auch diese Stelle durch das Erbauen einer Kirche, die in der

zweiten Umfriedigung und zwar rechtwinkelig zu dem Heiligtum an der

Nordwand lag. Die äußeren Mauern beider Höfe sind außerordentlich

massiv, sind doch die Steine nicht selten 6-8 Fuß dick. Obgleich der

Schmuck viel strenger, herber ist als in Ba'albek, so erinnern doch

gewisse Details so lebhaft an das letztere, daß ich mich der Vermutung

nicht entschlagen kann, es müsse ein und derselbe Architekt gewesen

sein, der in die untere Seite der Architrave zu Baitokaikē die Adler

und Cherubine einmeißelte, mit denen er bereits die Architrave des

Jupitertempels geschmückt hatte. Nach der Behauptung der Bauern

befinden sich unter beiden Tempeln und Höfen tiefe Gewölbe. Sicherlich

ist die Ruine sorgfältige Ausgrabungen wert, wenn auch keine weitere

Entdeckung die Schönheit des großartigen Heiligtums in den Bergen

steigern kann.

[Illustration: Nordtor, Tempel von Husn es Suleimān.]

Der Kāimakām hatte sein Wort gehalten. Es waren uns Scharen von Schafen

und Hühnern zum Opfer gefallen, und nachdem ich und meine Freunde

gespeist hatten, taten sich auch die Soldaten und Maultiertreiber

gütlich. Lustig flackerten die Lagerfeuer in der klaren, reinen

Gebirgsluft, die Sterne glitzerten am Himmel, über die Steine

plätscherte der Bach; alles übrige lag in Schweigen, denn Kurt war

nicht mehr. Irgendwo in den Bergen war er uns davongelaufen und nicht

wiedergekommen. Ich betrauerte seinen Verlust, konnte aber in Zukunft

um so friedlicher schlafen.

[Illustration: Stadttor, Masjād.]

Alle meine Freunde sowie auch die Soldaten begleiteten uns am nächsten

Tage bis an die Grenze der Provinz Drekisch und verließen uns hier,

nachdem sie noch einen widerwilligen Nosairijjeh in seinem Hause zu

'Ain es Schems aufgejagt und ihm befohlen hatten, dem mich begleitenden

Zaptieh bei der Auffindung des außerordentlich felsigen Pfades nach

Masjād behilflich zu sein. Nach seinem Weggang rief ich Michaïl, um

seine Meinung über unsre Bewirtung am gestrigen Tage zu hören. Er gab

den arabischen Ersatz für ein Grunzen von sich und sagte:

»Zweifellos denken Ew. Exzellenz, daß Sie der Gast des Kāimakām waren.

Ich will Ihnen sagen, wessen Gast Sie gewesen sind. Sie haben die

nosairischen Bauern gesehen, das elende Volk, das Ihnen an der Ruine

Antiquitäten verkaufte. Das waren Ihre Wirte. Alles ist von ihnen

ohne Bezahlung genommen worden. Sie haben das Holz für die Lagerfeuer

gesammelt, die Hühner und Eier gehörten ihnen, die Schafe entstammen

ihren Herden, und als Sie sagten ‚Ich habe genug!’ und sich weigerten,

mehr zu nehmen, ergriffen die Soldaten noch ein Schaf und behielten es

für sich. Und das einzige Entgelt, was die Bauern bekamen, waren die

Metalliks, die Sie Ihnen für ihre alten Münzen gaben. Aber wenn Sie mir

folgen wollen,« fügte Michaïl höchst inkonsequenterweise hinzu, »sollen

Sie durch ganz Anatolien reisen, ohne den vierten Teil eines Medjideh

aus Ihrer Börse nehmen zu müssen. Sie werden von Kāimakām zu Kāimakām

ziehen und überall Gastfreundschaft finden -- den Leuten ist es nicht

um Bezahlung zu tun, sie wünschen nur, daß Ew. Exzellenz ein gutes Wort

für sie einlegen, wenn Sie nach Konstantinopel kommen. Sie werden in

ihren Häusern schlafen und an ihrem Tisch essen, wie es war, als ich

mit Sacks reiste ....«

Aber wenn ich alles erzählen wollte, was sich ereignete, während

Michaïl mit Mark Sykes reiste, würde ich nie nach Masjād kommen.

[Illustration: Kapitäl zu Masjād.]

Der Tag war bemerkenswert um der außerordentlichen Unzugänglichkeit der

Wege und der Schönheit der Blumen willen. Auf den Berggipfeln wuchsen

gelbe, weiße, purpurrote Krokus, alpine Cyclamen und ganze Flächen

weißer Primeln; weiter unten blühten Iris, Narzissen, schwarze, grüne,

rote Orchideen, und im Myrtengebüsch die blauen gefüllten Anemonen. Am

Fuße des steilsten Abfalls angelangt, entließ ich den unglücklichen

Nosairijjeh mit einem Trinkgeld, das jedenfalls viel mehr war, als er

aus einem Abenteuer zu gewinnen gehofft, das mit einem Polizeibefehl

begonnen. Um 3 Uhr erreichten wir Masjād und schlugen unsre Zelte am

Fuße der Burg auf.

Aber Masjād war eine Enttäuschung. Wohl weist der Ort eine große

Burg auf, aber sie ist, soviel ich beurteilen konnte, arabischen

Ursprungs, ebenso wie die Stadtmauern arabische Arbeit sind. Da eine

alte Römerstraße von Hamāh durch die Stadt geht, sollten sich darin

auch Spuren römischer Niederlassung vorfinden, aber ich sah keine. Ich

hörte nur von einer Burg in Abu Kbēsch auf dem Kamm des Gebirges, da

sie aber nach dem Ausspruch der Leute gerade wie Masjād, nur kleiner

war, ging ich nicht hinauf. Die Burg von Masjād hat eine äußere Mauer

und innere Befestigungswerke, zu denen man, ähnlich wie in Kal'at el

Husn, durch einen überwölbten Gang gelangt. Die alte Festung ist fast

gänzlich zerstört und nun durch flüchtig hingebaute Hallen und Säulen

ersetzt worden, die die Ismailiten vor einigen hundert Jahren, als sie

im Besitz des Ortes waren, errichteten. So wenigstens erzählte mir ein

alter Mann, der Emir Mustafa Milhēm, der jener Sekte angehörte und mir

als Führer diente. Er behauptete auch, daß seine Familie die Festung

7-8 Jahrhunderte lang bewohnt habe. Vielleicht log er damit, wenn es

auch auf Wahrheit beruht, daß sie den Ismailiten so lange gehört hat.

In die äußeren Tore sind eine Anzahl Säulen und Kapitäle eingebaut, die

von byzantinischen Bauten herrühren müssen. Es finden sich auch auf der

Innenseite des zweiten Tores einige alte arabische Inschriften vor,

die den Namen der Erbauer dieses Festungsteiles berichten, aber sie

sind sehr verwittert. Später sagte man mir auch, ich hätte einen Ort,

namens Deir es Sleb, besuchen müssen, wo zwei Kirchen und ein kleines

Kastell zu sehen sind. Er ist auf der Karte nicht eingezeichnet und

lag schon weit hinter uns, als ich davon erfuhr. Als ich am nächsten

Tag nach Hamāh reiste, sah ich Reste des Rasīf, der alten Römerstraße.

4½ Meilen von Masjād entfernt, liegt an der Brücke über den Fluß Sarut

ein eigentümlicher Erdwall, an dessen Vorderseite eine hohe Mauer aus

ungeheuren Steinblöcken bis zur Spitze hinaufläuft. Michaïl fand unten

am Fuße eine römische Münze in den Furchen des Felsens. Von der Brücke

an stand uns noch eine 2½stündige langweilige Reise bevor, die uns

durch die Gegenwart eines alten Türken, eines Telegraphenbeamten, sehr

verschönt wurde, der sich an der Brücke zu uns gesellte und mir im

Weiterreisen seine Geschichte erzählte.

[Illustration: Kapitäl in Masjād.]

»Effendim, meine Familie wohnt in der Nähe von Sofia. Effendim, kennen

Sie den Ort? Mascha'llah, es ist ein schönes Land! In meiner Heimat

sind die Berge mit Bäumen, Obstbäumen und Tannen bewachsen, und die

Ebenen sind Rosengärten. Effendim, viele von uns sind nach dem Krieg

mit den Moskowitern hierhergezogen, weil wir unter keiner anderen

als des Sultans Hand leben wollten. Aber viele sind bald wieder

zurückgekehrt. Warum Effendim? Sie mochten nicht in einem Lande ohne

Bäume wohnen; sie konnten es nicht ertragen, bei Gott!«

So plaudernd, erreichten wir Hamāh.

[Illustration: Na'oura, Hamāh.]

Zehntes Kapitel.

Man sieht Hamāh nicht eher, bis man tatsächlich darauf ist -- darauf

ist das einzige Wort, das die Stellung des Ankommenden richtig

bezeichnet. Der Orontes fließt hier in einem tiefen Bett, und die Stadt

liegt zwischen den Uferhöhen versteckt. Eine weite eintönige Ebene

voller Kornfelder breitet sich ohne Unterbrechung vor dem Auge aus,

bis man plötzlich ein wahres Gewirr von Begräbnisstätten erreicht, --

wir kamen gerade an dem allwöchentlich wiederkehrenden Allerseelentag

an, und alle Kirchhöfe waren ebenso gedrängt voll von Lebenden wie von

Toten. Plötzlich hörte die Ebene zu unsern Füßen auf, und wir standen

am Rande einer steilen Böschung. Wir überblickten die ganze Stadt,

den Orontes im Schmuck der mächtigen persischen Räder und jenseits

derselben den kegelförmigen Erdwall, der die Festungen Hamath und

Epiphania und wer weiß, was sonst noch trägt, denn er ist einer der

ältesten festen Plätze der Welt. Bei unserem Kommen erhoben sich zwei

Soldaten vom Erdboden und schickten sich an, mir einen Lagerplatz

anzuweisen, aber ich war müde und gereizt, wie das manchmal auf Reisen

vorkommt, und alle die kahlen, von Häusern umschlossenen Plätze, an die

wir geführt wurden, kamen mir ganz abscheulich vor. Endlich erklärte

mein guter Türke, der mich noch nicht verlassen hatte, ein Fleckchen

zu kennen, das mir gefallen würde; er führte uns am Rande der Böschung

entlang bis zum Nordende der Stadt an eine grasbewachsene Stelle, die

den schönsten Lagerplatz bot, den ich mir wünschen konnte. Unter uns

verließ der Orontes, zwischen Gärten voll blühender Aprikosenbäume

dahingleitend, die Stadt, goldener Abendschein lag hinter den Minarets,

und eine große Na'oura entlockte den Fluten ein harmonisches Lied.

Hamāh ist gegenwärtig die Endstation der französischen Eisenbahn[8],

und der Sitz eines Muteserrif. Die Eisenbahn versah mich mit

einem Führer und Gesellschafter in der Person eines syrischen

Stationsvorstehers, eines aufgeblasenen, unfertigen, kleinen Mannes,

der in einer Missionsschule erzogen worden war und es verschmähte,

Arabisch zu reden, sobald er Französisch radebrechen konnte. Er tat

mir zu wissen, daß sein Name Monsieur Kbēs und sein Steckenpferd

Archäologie sei, und um seinen Standpunkt auf der Höhe modernen Wissens

zu dokumentieren, schrieb er jeden historischen Überrest in Hamāh

den Hittitern zu, mochte es nun ein byzantinisches Kapitäl oder eine

durchbrochene arabische Verzierung sein. Zwischen dem Muteserrif und

mir entstand sofort eine kleine Meinungsverschiedenheit, da er darauf

bestand, mein Lager während der Nacht durch acht Soldaten bewachen zu

lassen. Welch widersinnige Menge, wenn man bedenkt, daß bisher in jedem

Dorfe zwei genügt hatten. Eine so zahlreiche Wachmannschaft bedeutete

für mich eine unerträgliche Plage, denn sie hätten sich die ganze

Nacht unterhalten und das Lager um die Ruhe gebracht. Ich schickte

also sechs wieder weg trotz ihrer Beteuerung, daß sie den Befehlen

ihrer Vorgesetzten zu gehorchen hätten. Sie brachten schließlich die

Befehle des Muteserrif mit den meinen in Einklang, indem sie die Nacht

in einer nahen Moschee zubrachten, wo sie sich, durch kein Gefühl der

Verantwortung gestört, eines vortrefflichen Schlafes erfreuen konnten.

[8] Es wird höchstens noch ein oder zwei Monate die Endstation sein, da

die Linie bis Aleppo weitergeführt worden ist.

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 14 / 24 段