Fingerzeig gewesen, dem ich folgte, als die beiden Unglücklichen, sich
nahe an mein Pferd drängend, mir zuflüsterten:
»Meine Dame, meine Dame, sind Sie im Lande Hind gewesen?«
»Ja,« sagte ich.
»Gott segne Sie für dieses Ja! Haben Sie auch von dem großen König
gehört, den sie König Mohammed nennen?«
Wieder konnte ich bejahend antworten und sogar hinzufügen, daß ich ihn
selbst kannte und mit ihm gesprochen habe, denn ihr König Mohammed war
niemand anders als mein Mituntertan, der Agha Chān, und die Religion
der Gefangenen konnte sich eines ehrwürdigen Alters rühmen, da sie
von dem gegründet ist, den wir den ‚Alten vom Berge’ nennen. Die
beiden waren demütige Vertreter der vielgefürchteten (und wohl auch
vielverleumdeten) Sekte der Assassinen.
Chudr faßte meinen Steigbügel mit der freien Hand und fragte eifrig:
»Ist er nicht ein großer König?«
Diesmal antwortete ich vorsichtig. Obzwar der Agha Chān wohl im
modernen Sinne, das heißt um seines außerordentlichen Reichtums
willen, ein großer König genannt werden kann, würde es mir doch sehr
schwer geworden sein, seinen Jüngern das Wesen dieses gewandten,
wohlunterrichteten Weltmannes genau zu erklären, den ich zuletzt in
London bei einem Diner gesehen, und der mir den Marlborough-Club als
seine Adresse angegeben hatte. Nicht daß ihnen solche Dinge, selbst,
wenn sie sie verstanden hätten, anstößig erschienen wären; ist doch
der Agha Chān sich selbst Gesetz, und sollte er sich auch größeren
Ausschweifungen als Diners u. dgl. hingeben, so würde doch jede seiner
Handlungen schon dadurch gerechtfertigt sein, daß _er_ sie begeht.
Sein Vater pflegte seinen Untertanen Empfehlungsbriefe an den Erzengel
Gabriel mitzugeben, um ihnen einen guten Platz im Paradies zu sichern,
und wenn auch der Sohn, dank seiner englischen Erziehung und seiner
Bekanntschaft mit englischer Denkungsart, sich dieses Vorrechtes
nicht mehr bedient, so ist er doch in der Meinung seiner Anhänger
noch immer der Hüter der Schlüssel zum Himmelreich. Ihr Glaube an ihn
findet seinen sehr konkreten Ausdruck in dem Einkommen, das sie durch
Subskription für ihn in Asien und Afrika aufbringen, und das jährlich
in die Zehntausende geht.
Ungefähr eine Stunde ritten wir durch Gärten dahin. Scharen von Arabern
der niedersten Klasse begegneten uns. Auf ihren mit Milch und Quark
beladenen Eseln trotteten sie zum Markt nach Homs. Endlich gelangten
wir in die jenseits des Orontes liegende Ebene, wo diese Araber zu
Hause sind. Diese Steppe bot einen vertrauten Anblick: sie ähnelte der
Landschaft im Drusengebirge und war gleich dem Haurān mit schwarzem,
vulkanischem Gestein bedeckt. Sie ist der Steinlieferant für die Stadt
Homs. Alle zum Bauen benötigten Steine werden auf Eseln jenseits
vom Flusse hereingebracht. Sie gelten in der Stadt einen Metallik
(es ist eine so kleine Münze, daß sie kein europäisches Gegenstück
besitzt), und ein Mann mit einem guten Gespann kann bis zu 10 Piaster
pro Tag verdienen. Im Frühjahr ist Wa'r Homs, die steinige Steppe von
Homs, nur von den verachtetsten Arabern bewohnt, die die Stadt mit
Lebensmitteln versorgen, -- wohlgemerkt, kein Beduine würde seinen
Lebensunterhalt durch Quarkhandel oder durch irgend etwas anderes
als durch Kampf erwerben -- im Sommer aber lassen sich große Stämme,
wie z. B. die Haseneh, auf einige Monate hier nieder, und nach der
Ernte folgen ihnen gewisse Familien der 'Anazeh, die ihre Kamele die
Stoppeln abweiden lassen. Diese großen Völkerschaften sind dem Lachs zu
vergleichen, der aus dem offenen Meere in den Forellenbach eindringt
und die kleineren Fische in Angst und Schrecken versetzt. Jetzt, im
März, stand die Steppe zum Teil unter Wasser, und zwischen den Steinen
sproßten Gras und Blumen; als wir aber, weiter westwärts ziehend, ein
allmählich ansteigendes Terrain erreichten, bot die Landschaft das
Bild eines wahren Blumengartens. Lichtblaue Hyazinthen erhoben ihre
dichtgedrängten Glöckchen über die Lavablöcke, Schwertlilien, rote
Anemonen, gelbes Habichtskraut und die prächtige purpurfarbene Nieswurz
schmückten das Gras -- kurz, die ganze Fülle des syrischen Frühlings
lag an diesem glücklichen Tage unter unseren Füßen ausgebreitet.
Während der ersten fünf Stunden folgten wir der Fahrstraße nach
Tripoli, passierten die die letzte Station vor Homs bildende
Karawanserei und überschritten die Grenzlinie zwischen Damaskus und
Beirut. Dann wandten wir uns zur Rechten und betraten einen Saumpfad,
der eine wellige Grasfläche durchschnitt, die zum Teil angebaut war und
einen noch reicheren Blumenflor zeigte als die Ränder der Fahrstraße.
Anemonen vom lichtesten Weiß bis zum dunkelsten Purpur und kleine blaue
Iris säumten den Pfad, gelbe Krokus drängten einander an den Ufern
des Stromes. Für uns aber, die wir vor kurzem Südsyrien durchzogen,
bot das Gras eine noch größere Augenweide als die Blumen. Tragen doch
selbst die höchsten Gipfel des Djebel Nosairijjeh ein so saftiggrünes
Gewand, daß sich sogar die fruchtbarsten Hänge Judäas und Samarias
keines solchen rühmen können. Nachdem wir einen niederen Höhenzug
überschritten, senkte sich der Pfad nach einem kurdischen Dorfe,
dessen Wohnungen teils aus Zelten, teils aus Erdhütten bestanden.
Sicher lebten die Einwohner schon lange in Syrien, denn sie hatten
ihre heimische Sprache vergessen und konnten nur Arabisch, das sie,
ebenso wie unsre beiden Zaptiehs, mit dem abgehackten Akzent der Kurden
aussprachen. Über dem Dorfe drüben erstreckte sich eine ungefähr drei
Meilen breite Steppe, die Bkei'a, bis an den Fuß des steilen Abfalls
des Nosairijjehgebirges, von dessen höchstem Gipfel die große Festung
aus der Zeit der Kreuzzüge herniederdräute, die unser nächstes Ziel
war. Noch lag sie von der Sonne beschienen da, hinter ihren Türmen
aber kroch bereits ein schwarzes Wetter empor; schon hörten wir den
Donner in den Bergen grollen, und zackige Blitze durchzuckten den
schwarzen Hintergrund der Burg. Leider war der direkte Weg durch die
Bkei'a dem Berittenen unzugänglich dank der schwammigen Sümpfe, die
nach Aussage der Dörfler tief genug waren, um ein Maultier samt seiner
Ladung zu verschlingen; wir wandten uns deshalb, zwar widerwillig
nur, nach rechts und umritten den Fuß des Gebirges. Noch waren wir
nicht weit gekommen, als uns zwei Reiter begegneten, die der Kāimakām
von Kal'at el Husn zu unsrer Begrüßung ausgeschickt; kaum hatten
sie sich uns zugesellt, als das Wetter losbrach und uns in Ströme
von Regen hüllte. Durch Pfützen und Schlamm plätschernd, gelangten
wir gegen 5 Uhr vom Regen durchweicht an den Fuß des Berges. Hier
ließ ich meine Karawane die Hauptstraße weiter verfolgen und erklomm
mit einem von des Kāimakāms Reitern den Gipfel auf einem steilen,
schmalen, gerade hinaufführenden Pfade. Sonnenuntergang brachte uns an
den »Schwarzen Turm«. Durch ein prächtiges arabisches Tor ritten wir
in einen gewölbten Gang, durch den eine Wendeltreppe aufwärtsführte.
Es war fast Nacht darin; einige Schießscharten gewährten der grauen
Dämmerung von draußen Eingang und verbreiteten kaum einen Schimmer von
Tageslicht. Hin und wieder ritten wir an Türen vorüber, hinter denen
tiefste Finsternis lag. Die Steinstufen waren flach und breit, aber
vielfach zerbrochen; unsre Pferde stolperten und klapperten höher und
höher hinauf, bogen um eine Ecke nach der anderen, ritten durch Tor um
Tor, bis das letzte uns endlich in den innern Hof der Festung brachte.
Mir war, als ritt ich an der Seite eines Ritters aus dem Feenreich, und
ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn mir wie in Spencers Dichtung
von dem Torbogen Worte wie »Sei kühn!« »Sei kühn!« »Sei nicht zu kühn!«
entgegengeleuchtet hätten. Es befand sich jedoch kein Zauberer im
Innern der Burg -- nichts als eine Schar Dörfler reckten ihre Hälse, um
uns zu sehen, und der Kāimakām versicherte mir lächelnd und freundlich,
daß er nicht daran denken könnte, mich in dieser nassen, stürmischen
Nacht ein Lager aufschlagen zu lassen. Er hatte bereits für ein
Nachtquartier in der Burg gesorgt.
[Illustration: Kaffee am Wegrande.]
Der Kāimakām von Kal'at el Husn ist ein ganz hervorragender Gelehrter.
Sein Name ist 'Abd ul Hamid Beg Rāfi'a Zādeh; seine Familie stammt
aus Ägypten, wo noch jetzt viele Verwandte von ihm leben. Er wohnt im
höchsten Turme der Festung, und hier lag auch mein Gastzimmer, bequem
ausgestattet mit Teppichen, einem Diwan, einer viersäuligen Bettstelle
und einem Mahagonischrank mit Spiegeltüren, deren Glas jedoch während
des Transportes von Tripoli auf dem Rücken des Kameles so zersplittert
worden war, daß ich auch nicht das kleinste Fleckchen meines Antlitzes
darin erblicken konnte. Obgleich ich bis auf die Haut naß war, mußte
ich doch den Forderungen des guten Tones nachkommen, und der schrieb
vor, daß wir uns zunächst auf den Diwan niederlassen und Höflichkeiten
austauschen mußten, während ich mehrere Gläser schwachen Tees zu mir
nahm. Mein Wirt schien nachdenklich und augenscheinlich nicht zu
lebhafter Konversation aufgelegt -- aus einem guten Grund, wie mir
später klar wurde, -- aber schon bei meiner Antwort auf seine erste
Begrüßung löste sich ein Seufzer der Erleichterung aus seiner Brust.
[Illustration: Kal'at el Husn.]
»Gottlob! Ew. Exzellenz sprechen Arabisch. Wir fürchteten schon, uns
nicht mit Ihnen unterhalten zu können, und ich habe deshalb eine
syrische Dame, die der englischen Sprache mächtig ist, gebeten, den
Abend hier zu verbringen und als Dolmetscherin zu dienen.«
[Illustration: Kal'at el Husn, Inneres der Festung.]
Etwa eine Stunde lang hielten wir eine zusammenhangslose Plauderei
aufrecht, während welcher die Nässe meine Kleider immer gründlicher
durchdrang. Erst nachdem auch meine Maultiere angekommen und abgeladen
worden waren, erhob sich der Kāimakām und entfernte sich, um mich, wie
er sagte, der Ruhe zu überlassen. Wir hatten in der Tat eine lange
Tagereise hinter uns, hatten die Maultiertreiber doch 11 Stunden
zugebracht, um Kal'at el Husn zu erreichen. Kaum aber hatte ich Zeit
gehabt, meine feuchten Sachen zu wechseln, als auch schon ein leises
Klopfen an der Tür mir die Anwesenheit der Frauen verriet. Ich öffnete
sofort und ließ eine Dienerin ein sowie die Frau des Kāimakāms und eine
nette Dame, die mich in einem Englisch blumenreichster Art begrüßte.
Es war Sitt Ferīdeh, die Frau des Regierungsfeldmessers, der gleich
ihr Christ war. Sie war in einer Missionsschule in Tripoli erzogen
und ließ mich nicht lange in Unwissenheit der Tatsache, daß sie
Schriftstellerin und ihr größtes Werk die Übersetzung der »Letzten Tage
von Pompeji« ins Arabische war. Des Kāimakāms Frau, ein junges Geschöpf
mit Apfelbäckchen, hätte für hübsch gelten können, wenn sie nicht so
außergewöhnlich stark gewesen wäre. Sie war die zweite Frau und erst
seit wenigen Monaten verheiratet, der Kāimakām hatte sie nach dem Tode
seiner ersten Gemahlin, der Mutter seiner Kinder, genommen. Geraume
Zeit wagte sie vor Schüchternheit in meiner Gegenwart den Mund kaum zu
öffnen; Sitt Ferīdeh aber war ganz Herrin der Situation, schwatzte bald
auf Englisch, bald auf Arabisch munter darauf los und suchte durch ein
völlig korrektes Betragen die Tiefe ihres Christentums nachdrücklich
zu beweisen. Die Gesellschaft dieser angenehmen und klugen Frau
bereitete mir unendlich mehr Vergnügen als die meiner Wirtin. Das erste
Wort, das die letztere zu äußern wagte, war mir jedoch ein höchst
willkommenes, denn sie fragte mich, wann ich zu speisen wünschte. Voll
Eifer erwiderte ich, daß mir keine Stunde zu früh wäre. Darauf begaben
wir uns über einen schmutzigen Hof nach einem Gemach, in welchem ein
reiches Mahl aufgetragen war. Hier gesellte sich eine alte Dame zu
uns, die mir als »eine Freundin, die einen Blick auf Ew. Exzellenz
werfen möchte«, vorgestellt wurde. Dann ließen wir uns zu dem besten
Mahle und zu den besten Saucen nieder, die wenigstens von einem Gliede
der Gesellschaft je gegessen worden sind. Eine dickliche Suppe, vier
riesige Schüsseln mit Fleisch und Gemüse und ein Reispudding als Krone
des Ganzen machten das Diner aus. Nach Beendigung desselben kehrten wir
in mein Zimmer zurück, wo wir uns, nachdem ein Becken voll Holzkohlen
und Wasserpfeifen für die Damen hereingebracht worden waren, zu einem
abendlichen Plauderstündchen niederließen. Die alte Frau weigerte
sich, auf dem Diwan zu sitzen, da sie, wie sie sagte, mehr an den
Fußboden gewöhnt war; sie ließ sich so nahe als möglich am Kohlenbecken
nieder und streckte ihre runzeligen Hände über die Glut. Sie trug ein
schwarzes Kleid und über dem Kopf ein dickes weißes Leinentuch, das
die Stirn fest umspannte und auch das Kinn verhüllte, wodurch sie das
Aussehen einer alten Priorin irgend eines religiösen Ordens erhielt.
Draußen heulte der Wind um das Turmzimmer, der Regen schlug gegen das
einzige Fenster, und ganz natürlich kam das Gespräch auf allerlei
Schreckenstaten, auf Geschichten von Mord und Totschlag, die eins dem
anderen zuraunt, und für welche die tiefen Schatten dieses Zimmers
gewiß schon seit Jahrhunderten ein fruchtbarer Boden gewesen sein
mochten.
Vor zehn Tagen erst hatte den Kāimakām ein schreckliches Unglück
in seiner Familie betroffen: sein Sohn war in Tripoli von einem
Schulkameraden in kindischem Streit erschossen worden -- den Frauen
schien es gar nicht so ungewöhnlich vorzukommen, daß eines Knaben
schnell aufwallender Zorn von so verhängnisvollen Folgen begleitet war.
Eine Depesche hatte den Kāimakām gerufen; qualvolle Furcht im Herzen,
war er die lange Gebirgsstraße hinabgeritten, nur um seinen Sohn tot zu
finden. Fast war der Kummer größer gewesen, als er ertragen konnte. So
berichtete Sitt Ferīdeh.
Die Alte wiegte sich über dem Kohlenbecken hin und her und murmelte:
»Mord ist hier so gewöhnlich wie Milchtrinken! Herr, es ist kein andrer
Gott als Du!«
Mit frischen Kräften umfegte der Sturm das Gemäuer, als die
Christenfrau das Wort nahm:
»Diese Frau,« begann sie, mit dem Kopf auf die Gestalt an der Glut
deutend, »weiß auch, was Tränen sind. Erst kürzlich fiel ihr Sohn im
Gebirge von der Hand eines Räubers, der ihn mit seinem Messer erstach.
Sein ausgeplünderter Leichnam wurde am Wegrand gefunden.«
Wieder beugte sich die beraubte Mutter über die Kohlen, deren heller
Schein ihr vergrämtes, altes Gesicht überflutete.
»Mord ist wie das Ausgießen von Wasser,« stöhnte sie, »oh Allerbarmer!«
Spät erst verließen mich die Frauen. Eine erbot sich, die Nacht in
meinem Zimmer zuzubringen, aber ich lehnte höflich und entschieden ab.
Am nächsten Morgen weckte mich der Donner, und Hagelkörner prasselten
gegen meine Läden. Mir blieb nichts übrig, als weitere 24 Stunden
bei dem Kāimakām zu verbringen und dankbar zu sein, daß wir ein
schützendes Dach über unsern Häuptern hatten. Ich erforschte die Burg
von einem Ende zum andern; glücklicherweise lebt in jedem von uns das
ewige Kind, das mehr Vergnügen an den unterirdischen Kerkern und den
Befestigungen einer Burg findet als an irgend einem anderen Zeugen der
Vergangenheit. Kal'at el Husn ist so groß, daß die halbe Bevölkerung
des Dorfes Wohnung in den gewölbten Unterbauen der Festung gefunden
hat, während die Besatzung die oberen Türme innehat. Die Mauern des
inneren Festungsbaues erheben sich aus einem hinter dem äußeren
Befestigungsgürtel liegenden Graben. Durch diese Befestigungen hatte
uns gestern abend der gewölbte Gang geführt. Am Tore der inneren Mauer
wohnte der Burgfleischer, der jeden Morgen ein Schaf auf der Schwelle
schlachtete. Wer sie überschritt, watete durch einen Bluttümpel und
mußte meinen, irgend ein barbarisches Opfer würde alltäglich am
Tore vollzogen. Das Hauptgebäude enthielt die jetzt in eine Moschee
verwandelte Kapelle und einen Bankettsaal mit gotischen Fenstern,
deren Öffnungen man mit Steinen ausgesetzt hatte, um die Inwohner vor
der Kälte zu schützen. Der Turm, in den ich einquartiert war, gehörte
zu den oberen Befestigungswerken und erhob sich auf den zu drei
Stockwerken übereinandergesetzten Gewölben. Von diesem Turme aus führte
ein schmaler Gang auf der Mauer hin in einen großen, prachtvollen Raum,
unter dem sich ein runder Turm mit einem kreisrunden Gemach befand,
dessen Decke aus einem vierteiligen Gewölbe bestand, und dessen spitze
Fenster Rosetten und mit Friesen geschmückte Bogen aufwiesen. Die Burg
wird in den Chroniken der Kreuzzüge »Kerak der Ritter« genannt. Sie
gehörte den Hospitalrittern, und der Großmeister des Ordens machte
sie zu seiner Residenz. Der ägyptische Sultan Malek ed Dahēr eroberte
sie, stellte sie wieder her und setzte seine prahlerische Inschrift
über das Haupttor. Die Burg ist eine der besterhaltenen vielen
Festungen, die Zeugnis ablegen von dem wunderlichen Gemisch von edlem
Eifer, Fanatismus, Ehrgeiz und Verbrechen, aus denen die Geschichte
der Kreuzzüge zusammengesetzt ist -- eine Seite ihrer Geschichte,
auf welche die christlichen Nationen nicht ohne Erröten blicken und
die sie nicht lesen können, ohne so viel vergeblichem Heldenmut ein
unwillkürliches Mitleid zu zollen. Denn für eine unwürdige Sache zu
sterben, ist die schwerste Niederlage.
[Illustration: Fenster des Bankettsaales.]
Kerak lehnt sich eng an die militärische Architektur des südlichen
Frankreichs an, wenn es auch Spuren des orientalischen Einflusses
aufweist, von dem sich die großen Ritterorden überhaupt ja nicht ganz
freimachen konnten. Viel mehr als die Hospitalritter unterlagen ihm
freilich die Tempelherren. Wie bei den zeitgenössischen arabischen
Festungen gewannen auch hier die Mauern nach ihrem Fuße zu immer mehr
an Stärke und endigten in schräg abfallenden Bastionen aus solidem
Mauerwerk, die den Angriffen der Sappeure Trotz boten; die gerundeten
Türme aber, die so weit aus der Mauerlinie vorsprangen, zeigten
durchaus französischen Charakter. Der Überlieferung nach haben die
Kreuzfahrer bereits eine Burg auf dem Berggipfel vorgefunden und sie
den Arabern genommen; ich konnte jedoch keine Spur noch früherer Bauten
finden. Wohl aber stammen Teile der jetzt vorhandenen Festung aus einer
späteren Zeit, so z. B. ein großes Gebäude am inneren Graben, dessen
Mauern erhabene Löwen zeigten, die den Seldschukischen Löwen nicht
unähnlich waren.
[Illustration: Kal'at el Husn, innerer Festungsgürtel.]
Nach dem Frühstück stieg ich den schlüpfrigen Berg hinab in das Dorf
und stattete der Sitt Ferīdeh und ihrem Manne einen Besuch ab. Ich
fand ein zweites christliches Paar dort; der Mann war der Sāhib es
Sanduk, wohl eine Art Schatzmeister. Die beiden Männer sprachen über
die Lage der syrischen Armen. Nach der Meinung des Feldmessers brauchte
keiner Hungers zu sterben, wie das von ihm aufgestellte Budget des
Durchschnittsbauern bestätigte. Selbst der ärmste Fellahīn kann im
Jahre 1000-1500 Piaster verdienen (140-220 Mark), hat aber außer
der Kopfsteuer und der Entschädigungssumme für seinen militärischen
Ersatzmann keinen Pfennig Geld auszugeben. Fleisch ist ein unbekannter
Luxus; ein Faß Semen (ranzige Butter) kostet höchstens 8-10 Mark
und genügt auf Monate hinaus, um den Burghul und andre Mehlgerichte
schmackhaft zu machen. Werden die Körnerfrüchte und der Semen knapp
beim Bauer, so braucht er nur in das Gebirge oder in das flache
Land hinabzugehen, das noch herrenloses Gebiet ist, und sich eßbare
Kräuter zu sammeln oder nach Wurzeln zu graben. Sein Haus baut er sich
eigenhändig, den Platz, auf dem es steht, hat er umsonst, Geräte und
Möbel braucht er nicht hinein. Und Kleidung? Da ist ihm wenig genug
vonnöten: einige Leinenhemden, alle 2-3 Jahre ein wollenes Gewand
und ein Baumwollentuch um den Kopf. Selten nur bleiben die Alten und
Kranken ohne Pflege; haben sie noch eine Familie, so sorgt diese für
sie, sind sie aber ganz ohne Angehörige, so können sie ihr Leben leicht
durch Betteln fristen, denn kein Orientale weist die Bitte um eine
kleine Gabe zurück, wenn der Arme auch nur selten Geld geben kann.
Wenige Fellahīn besitzen eigenes Land, sondern sie arbeiten um Tagelohn
auf den Gütern der Reicheren. Die Hauptgrundbesitzer um Kal'at el Husn
gehören der aus Tripoli stammenden Familie der Danādischeh an. Noch bis
vor kurzem war die Burg nicht Eigentum der Regierung, sondern gehörte
dem Geschlecht der Zabieh, in deren Besitz sie zwei Jahrhunderte
gewesen, und deren Nachkommen noch jetzt eine Wohnung am äußeren Wall
innehaben. Hier fiel der Schatzmeister mit der Bemerkung ein, daß
selbst der mohammedanischen Bevölkerung die ottomanische Herrschaft
verhaßt wäre, und daß sie sich viel lieber von einem Fremden regieren
lassen würden -- möge er immerhin ein Ungläubiger sein -- am liebsten
von den Engländern, denn Ägyptens Wohlfahrt hätte einen tiefen Eindruck
auf die Syrer gemacht.
An diesem Abend ließ mich der Kāimakām fragen, ob ich allein zu speisen
wünschte, oder ob ich ihm und seiner Frau die Ehre geben wollte.
Ich bat um den letzteren Vorzug. Trotz seines wahrhaft rührenden
Bemühens, mir ein guter Wirt zu sein, war er doch still und traurig
zu Beginn des Diners, bis wir endlich ein Thema anschnitten, das
ihn seinem Kummer einigermaßen entzog. Die großen Toten kamen uns zu
Hilfe und trugen Worte auf ihren Lippen, die schon Menschengeschlecht
um Menschengeschlecht Balsam ins sinkende Herz geträufelt haben. Der
Kāimakām war wohlvertraut mit der arabischen Literatur; er kannte die
Meister der Wüstendichtung auswendig und trug Lied um Lied vor, sobald
er erfahren, daß ich sie zwar hochschätzte, aber nur wenig von ihnen
kannte. Sein eigner Geschmack freilich neigte sich mehr modernerer
Dichtung zu; einer seiner Lieblingsdichter schien der dem zehnten
Jahrhundert angehörende Mutanabbi zu sein. Noch glüht etwas vom Feuer
der Alten in Mutanabbis Zeilen, und hell lohte es wieder auf, als der
Kāimakām die berühmte Ode zitierte, in der der Dichter Abschied von den
Freuden der Jugend nimmt:
»Wie oft hab ich das Alter hergesehnt, den Sturm im Herzen mir zu
stillen!
und sollte ich nun klagen, da mein Bitten mir erfüllt?
Alles Wünschen ist erstorben, nur dem Speer noch gilt mein Lieben,
Ihm allein sei Spiel und Scherz geweiht.
Gibt's einen schön'ren Sitz im Leben als den Sattel des
flücht'gen Renners?
Einen bessren Gefährten für die Muße als ein Buch?«
»Diese Zeilen,« schloß der Kāimakām, »müssen Ew. Exzellenz doch
gefallen!«
Als er mich in das Gastgemach zurückbrachte, fragte er, ob er mir
nicht sein letztes Gedicht vorlesen dürfte, das er auf Bitten der
Studenten der amerikanischen Universität zu Beirut (der berühmtesten
derartigen Anstalt Syriens) zur Feier eines Jahrestages verfaßt, den
sie binnen kurzem festlich begehen wollten. Zunächst brachte er den
in den schmeichelhaftesten Ausdrücken abgefaßten Brief der Studenten
zum Vorschein, dann sein Manuskript und las mir seine Verse mit der
trefflichen Betonung des orientalischen Rezitators vor. Von Zeit zu
Zeit hielt er inne, um die Bedeutung einer Metapher zu erklären oder
eine Erläuterung zu einer schwierigen Strophe zu geben. Er sang das
Lob der Bildung, endete aber höchst inkonsequenterweise mit einem
liebedienerischen Hymnus auf den Sultan, eine Stelle, die ihn noch
dazu mit großem Stolz erfüllte. Soweit ich es beurteilen konnte, war
es keine besonders hervorragende Poesie; aber was schadet das? Es
gibt keinen besseren Trost im Kummer als das Bewußtsein, Schöpfer
irgend eines Werkes zu sein, und für eine kurze Stunde vergaß der
Kāimakām seinen Schmerz und lebte in einer Welt, wo kein Leid ist, noch
Geschrei. An passenden Stellen drückte ich meine Billigung und mein
Lob aus und mußte innerlich darüber lachen, daß ich hier denselben
liebenswürdigen Unsinn auf Arabisch redete, den man so oft auf Englisch
sagt.
Statt zwischen den kahlen Wänden einer Kreuzfahrerfestung hätte ich
ebenso gut in einem Londoner Salon sitzen können. Ist doch die Welt
allüberall aus demselben Stoff gemacht!