Das Tal des Orontes war früher arabischer Lagerplatz; noch jetzt lassen

sich in trocknen Zeiten einige Scheichs der Haseneh und der 'Anazeh

dort nieder, aus dem letzteren Stamme hauptsächlich die Ruwalla;

aber die große Masse der Beduinen ist von der Zivilisation verdrängt

worden. Der Kāmua wahrt ihr Gedächtnis in Gestalt alter Stammeszeichen.

Seltsam mutete es an, daß wir uns in den Niederlassungen der alten

Hittiter (wer sie auch gewesen sein mögen) befanden; die berühmten

Proben ihrer noch bis jetzt nicht entzifferten Schrift, die in Hamah

aufgefunden wurden, sind jetzt in dem Museum von Konstantinopel

untergebracht und spotten der Bemühungen der Gelehrten. Die jetzigen

Einwohner von Kseir bestehen teilweise aus Christen und aus Gliedern

einer die »Nosairijjeh« genannten Sekte. Der Islam erkennt sie zwar

nicht als Rechtgläubige an, aber sie geben sich, wie alle die kleineren

Sekten, die größte Mühe, den äußeren Unterschied zwischen sich und dem

herrschenden Glauben zu verwischen. Sie halten ihre Glaubenslehren

möglichst geheim, aber Dussaud hat ihnen gründlich nachgespürt und

manche Anklänge an den alten Phönizierglauben entdeckt. Abgeschlossen

in ihren Bergfesten lebend, haben die Nosairijjeh ihren alten

semitischen Kultus beibehalten und nehmen als direkte Abkömmlinge des

Heidentums eine hohe Stellung in den Augen der Syriologen ein, während

sie selbst über ihre Abstammung völlig im Dunklen sind. Im Lande sprach

man Übles von ihrer Religion, wie man ja überhaupt immer über Dinge,

die man nicht versteht, Böses zu flüstern pflegt, und als sichtbaren

Beweis sagte man mir, daß das Leben dieser Sekte alles zu wünschen

übrig lasse. Aber Dussaud hat den Fleck weggewaschen, der auf ihrem

Glauben lag, und ich meinerseits beobachte, nach meinen Erfahrungen

über ihr Verhalten Fremden gegenüber, eine wohlwollende Neutralität.

Habe ich doch fünf Tage in dem Bergland westlich von Homs verlebt und

eine Woche in der Nähe Antiochiens, in welch beiden Distrikten sie

besonders vertreten sind, und habe keinen Grund zur Klage gehabt.

Weniger war mein Hund Kurt mit der Gesellschaft zufrieden, die er in

Kseir antraf. Er bellte die ganze Nacht hindurch unaufhörlich, fast

hätte ich ihn in den Hof des Metawīleh zurückgewünscht.

[Illustration: Tempel des Jupiter, Ba'albek.]

Der folgende Tag brachte herrliches Wetter. Ich machte mit Michaïl

einen weiten Umweg, um den Tell Nebi Mendu aufzusuchen, wo Kadesch

am Orontes, die südliche Hauptstadt der Hittiter, lag. Kadesch muß

seinerzeit eine schöne Stadt gewesen sein. Der Hügel, auf dem es erbaut

wurde, erhebt sich aus einer großen Getreideebene. Nach Süden zu zieht

sich zwischen den Zwillingsketten des Libanon das breite Orontestal

dahin, im Westen wird es durch den Djebel Nosairijjeh gegen das Meer

hin geschützt, und der Libanon umschließt mit den Nosairijjehbergen ein

blühendes Flachland, durch welches die Kaufleute mit ihren Waren an das

Meer gelangen können. Nach dem nördlichen Horizont erstrecken sich die

Ebenen von Zölesyrien, und die Steppen der palmyrischen Wüste begrenzen

den Blick nach Osten. Der Fuß des Tell wird von dem kleinen aber

reißenden Orontes (der »Rebell« bedeutet sein arabischer Name) bespült,

ganz im Vordergrund aber liegt der sechs Meilen lange See Homs. Man

nähert sich dem Hügel Kadesch auf grasbewachsenen Flächen; zwischen

Weidengebüsch dreht sich ein Mühlrad lustig in dem rauschenden Strom.

Die Gegend muß seit den Zeiten der Hittiter beinahe ununterbrochen

bewohnt gewesen sein, denn die Geschichte erwähnt eine Seleucidenstadt

Laodicea ad Orontem, auch finden sich Spuren einer christlichen Stadt.

Jede nachfolgende Generation hat auf dem Staube derer gebaut, die vor

ihr gewesen. So ist der Berg höher und höher geworden und sicher auch

reicher und reicher an Spuren von denjenigen, die darauf wohnten.

Aber er kann nicht gänzlich durchgraben werden wegen der armseligen

Lehmhütten, die den Ruhm von Laodicea und Kadesch geerbt haben. Und

da ist ja auch der kleine Kirchhof am Nordende des Dorfes, der, so

will es der Islam, ungestört bleiben muß, bis die Posaune Gabriels

die Schläfer weckt. Ich sah wohl Fragmente von Säulen und recht rohen

Kapitälen umherliegen, aber als ich so auf dem Berge stand, war meine

Phantasie zu lebhaft beschäftigt, ein Bild von der Schlacht bei Kadesch

zu weben, wo der König der Hittiter seinerzeit gegen Pharao kämpfte,

und von der uns eine wundervolle Reihe Hieroglyphen in Ägypten erzählt.

Ein viertelstündiger Ritt führte von Tell Nebi Mendu an eine seltsame

Erdarbeit, die von den Arabern für Sefinet Nuh (Noahs Arche), von den

Archäologen dagegen für eine assyrische Befestigung erklärt wird; jede

der beiden Auslegungen über den ursprünglichen Zweck kann mit derselben

Berechtigung für richtig gelten. Es ist ein quadratischer Erdhaufen

mit genau nach den Punkten des Kompaß gerichteten Seiten; er erhebt

sich 40-50 Fuß über die Ebene und wird von einem Graben umgeben, dessen

Ecken noch scharf sind.

[Illustration: Kapitäle in dem Tempel des Jupiter, Ba'albek.]

Wir ritten auf die Spitze und fanden, daß es eine ungefähr eine

Achtelmeile im Geviert messende Plattform war; die vier ein wenig

erhabenen Ecken mochten wohl Türme getragen haben, und Turm sowohl

als Wall und Plattform waren mit aufsprießendem Getreide bedeckt. Der

Schöpfer -- ob Patriarch oder Assyrer -- mag eine mühevolle Arbeit

gehabt haben, aber solange man nicht mit Nachgrabungen begonnen hat,

muß es dahingestellt bleiben, welchem Ziel sein Schaffen diente. Wir

ritten an den See hinunter, um bei dem Lecken der plätschernden Wellen

auf einer Bank aus sauberen Muscheln zu frühstücken. In der Nähe der

Ufer befanden sich noch zwei weitere Erhöhungen, und eine dritte etwa

eine Meile vor Homs, während die Burg Homs selbst auf einer vierten

errichtet worden war. Sie scheinen alle von Menschenhand geschaffen

und bergen mutmaßlich Überreste von Schwesterstädten Kadeschs. Die

fruchtbare Ebene östlich vom Orontes muß von jeher imstande gewesen

sein, eine große Bevölkerung zu ernähren; vielleicht war dieselbe zu

der Hittiter Zeit größer als in unseren Tagen. Diesen Tag hatte unser

Ritt von 8½-2 Uhr gedauert mit einer dreiviertelstündigen Rast bei Tell

Nebi Mendu und einer halbstündigen am See.

[Illustration: Brunnen im großen Hof, Ba'albek.]

[Illustration: Fragment eines Gebälkes, Ba'albek.]

Wir zogen in Homs durch den Friedhof ein. Daß sich schon vor demselben

auf eine Viertelmeile hin Gräber befanden, ist nicht etwa lediglich

eine Eigentümlichkeit Homs', sondern den Städten des Orients überhaupt

eigen. Jede Stadt wird durch Bataillone Toter bewacht, und durch ein

Regiment beturbanter Grabsteine flutet das Leben der Stadt hin und

her. Nun war es gerade Donnerstag, als wir in Homs eintrafen, der

allwöchentliche Allerseelentag in der mohammedanischen Welt. Gruppen

verschleierter Frauen legten Blumen auf die Gräber oder saßen munter

plaudernd auf den Hügeln -- sind doch die Grabstätten für die Frauen

des Orients ein Vergnügungsort, ein Spielplatz für die Kinder, und die

düstere Bestimmung des Ortes vermag den Besuchern den Frohsinn nicht

zu rauben. Mein Lager wurde außerhalb der Stadt auf einer Rasenfläche

zwischen den Ruinen der Garnison aufgeschlagen, die von Ibrahim

Pascha erbaut und von den Syrern sofort nach seinem Tode zerstört

worden war. Jede Spur seiner verhaßten Besetzung des Landes sollte

vernichtet werden. Alles war bereit für mich; schon kochte das Wasser

zum Tee, und der Kāimakām hatte einen Boten geschickt, um versichern

zu lassen, daß jeder meiner Wünsche auf der Stelle beachtet werden

würde. Trotzdem gefiel mir die Stadt Homs nicht, und freiwillig werde

ich nie wieder dort kampieren. An diesem Entschluß war das Betragen

der Einwohner schuld, von dem ich jetzt reden will. Dem Benehmen des

Kāimakām, den ich nach der Teestunde besuchte, kann ich das beste Lob

spenden; er erwies sich als ein angenehmer Türke, der, ein wenig der

arabischen Sprache mächtig, mir sehr freundlich entgegenkam. Es waren

noch verschiedene andere Leute anwesend, beturbante Muftis und ernste

Senatoren, und wir unterhielten uns beim Kaffee höchst angenehm. Als

ich mich Abschied nehmend erhob, erbot sich der Kāimakām, mir einen

Soldaten zum Schutze durch die Stadt mitzugeben; ich lehnte jedoch

mit der Bemerkung ab, daß ich der arabischen Sprache mächtig sei und

daher nichts zu fürchten brauche. Aber da hatte ich mich getäuscht:

keinerlei Kenntnis der Sprache könnte den Fremdling in Homs instand

setzen, den Leuten seine Meinung klarzumachen. Die Verfolgung begann

schon, ehe ich den Fuß nur in den Bazar gesetzt hatte. Ich hätte der

Rattenfänger von Hameln sein können, so heftete sich eine Schar kleiner

Knaben an meine Fersen. Ein Weilchen ließ ich mir ihre Neugierde

gefallen, dann begann ich zu schelten und nahm schließlich meine

Zuflucht zu den Geschäftsleuten im Bazar. Das wirkte eine Weile; aber

als ich wagte, eine Moschee zu betreten, drängten sich nicht nur die

kleinen Burschen nach, sondern (so erschien es wenigstens meiner

erregten Phantasie), überhaupt jedes männliche Individuum aus Homs.

Nicht etwa, daß sie ärgerlich gewesen wären, mich hätten zurückhalten

wollen, sie wünschten im Gegenteil sehnlichst mein langes Bleiben, um

mich desto länger beobachten zu können. Das war mehr, als ich ertragen

konnte, und ich floh zu meinen Zelten zurück, wobei mir etwa 200 Paar

neugieriger Augen das Geleit gaben, und ließ einen Zaptieh holen, den

ich, nun klüger geworden, anderen Tags gleich zu Anfang mitnahm.

Wir erklommen die Spitze des Burgberges, um einen Überblick über die

Stadt zu gewinnen. Homs hat zwar nichts von großer architektonischer

Schönheit aufzuweisen, trägt aber dafür ein ganz spezielles Gepräge.

Es ist aus Tuffstein erbaut; die großen Häuser umschließen Höfe,

deren schwarze Mauern mit einfachen aber schönen Mustern in weißem

Kalkstein geziert sind. Hier und da sieht man den weißen Stein, mit

dem schwarzen abwechselnd, in geraden Linien gelegt, wie die Fassade

der Kathedrale zu Siena. Auch durch die Minarets fühlt man sich nach

Italien versetzt, diese schlanken, viereckigen Türme, die so völlig

denen in San Gimignano gleichen, nur daß sie in Homs so hübsch und

wirkungsvoll durch eine weiße Kuppel gekrönt sind. Die Überreste des

Kastells waren arabischen Ursprungs, wie auch die Befestigungswerke um

die Stadt herum, nur an einer Stelle, im Osten, schien der arabische

Bau auf älteren Fundamenten zu ruhen. Ich sah nur ein einziges Bauwerk

aus der mohammedanischen Zeit, nämlich eine Ziegelruine vor dem

Tripolitor; sie war unzweifelhaft römisch, die einzige Reliquie der

Römerstadt Emesa. Auch der Burgwall befindet sich außerhalb der Stadt.

Als ich meine Überschau beendet hatte, traten wir durch das Westtor

ein, um uns umzusehen. Diese Tätigkeit erfordert Zeit; alle Augenblicke

wird man durch die dringliche Einladung unterbrochen, hereinzukommen

und Kaffee zu trinken. Wir kamen am Turkmān Djāmi'a vorüber, wo sich

ein paar griechische Inschriften in das Minaret eingebaut finden, und

ein als Brunnen dienender Sarkophag mit eingemeißelten Stierköpfen und

Girlanden. Da der Zaptieh dafür war, daß ich unter allen Umständen dem

Bischof der griechisch-katholischen Kirche meine Aufwartung machen

sollte, begab ich mich nach seinem Palast, kam jedoch zu früh, um

Seine Herrlichkeit zu sehen. Indes wurde ich mit Marmelade, Wasser und

Kaffee bewirtet und durfte den Klageliedern zuhören, die des Bischofs

Sekretär den Siegen der Japaner widmete. So oft die Nachricht von

einer Niederlage der Russen eintraf, hielt die griechisch-katholische

Kirche einen Trauergottesdienst, und eben jetzt flehten sie andächtig

zum Allmächtigen, die Feinde des Christentums zu strafen. Der Sekretär

beauftragte einen Diener, mir die kleine Kirche Mār Eliās und einen

interessanten Marmorsarkophag darin zu zeigen, auf dessen Boden ich

lateinische Kreuze eingemeißelt fand, während der Deckel griechische

aufwies; ich halte dafür, daß es spätere Ergänzungen eines aus

klassischer Zeit stammenden Grabmals sind. Vor der Kirche traf ich

einen gewissen 'Abd ul Wahhāb Beg, den ich bei einem Besuche beim

Kāimakām in Serāya getroffen. Er lud mich in sein Haus. Ich fand darin

die Homs eigene Innenarchitektur schön vertreten: den Hof des Harem in

reizenden Mustern aus Kalkstein und Basalt dekoriert. Inzwischen war

der Zaptieh dahintergekommen, was ich eigentlich zu sehen wünschte, und

er verkündete mir, daß er mich in das Haus eines gewissen Hassan Beg

Nā'i führen würde, es sei das älteste in Homs. Als wir durch die engen

aber auffallend reinlichen Straßen dem Ziele zuwanderten, bemerkte ich

fast in jedem Hause einen Webstuhl, an dem ein Mann geschäftig jenen

gestreiften Seidenstoff webte, für den Homs berühmt ist. In den meisten

Gassen war auch Seidengarn ausgespannt. Der Zaptieh erzählte, die Leute

würden nach dem Stück bezahlt und verdienten täglich 7-12 Piaster (etwa

1-2 Mark), -- ein hübscher Verdienst im Osten. Der Lebensunterhalt wäre

billig, fügte mein Cicerone hinzu, für 100 Piaster könnte ein armer

Mann ein Haus -- das heißt, ein einziges Zimmer -- mieten, um eine

Familie zu ernähren, genügten 30-40 Piaster, ja noch weniger, wenn

keine Kinder vorhanden wären.

[Illustration: Basilika des Konstantin, Ba'albek.]

[Illustration: Steinlager, Ba'albek.]

Hassan Beg Nā'i war ein rothaariger und rotbärtiger Mann mit den

harten Zügen des schottischen Hochländertypus. Er war freilich gar

nicht entzückt, mich zu sehen, aber auf die Bitten des Zaptieh kroch

er doch aus seiner Klause hervor, wo er mit seinen Freunden den

Freitagsmorgenkaffee trank, führte mich über die Straße in seinen

Harem und überließ mich den Frauen, die ebenso freundlich waren, wie

er sich sauertöpfisch gezeigt hatte. Sie zeigten sich in der Tat

höchst erfreut über den Besuch, denn Hassan Beg ist ein gar gestrenger

Herr, welcher weder Frau noch Mutter oder irgend einer anderen

Angehörigen erlaubt, die Nase aus der Tür zu stecken; nicht einmal ein

Spaziergang im Friedhof oder eine Fahrt am Orontesufer an einem schönen

Sommernachmittag ist ihnen gestattet. Der Harem war ehemals ein sehr

schönes arabisches Haus nach Art der Häuser von Damaskus. Zimmer und

Liwān (Sprechzimmer im Hintergrund des Hofes) waren gewölbt, aber der

Stuck blätterte sich ab, und Fußboden sowie Treppen knirschten unter

den Füßen der Dahinschreitenden. In die eine Mauer war eine Marmorsäule

mit einem Akanthuskapitäl gebaut, und auf dem Fußboden des Liwān stand

ebenfalls ein großes, in seiner Art hübsches, wenn auch einfaches

Kapitäl. Es war jetzt in ein Wasserbecken verwandelt worden, mag aber

wohl als Taufstein gedient haben, ehe die Araber Emesa einnahmen, und

nachdem die älteren Gebäude der Römerstadt in Verfall geraten waren,

und ihr Material zu anderen Zwecken genommen wurde. Auf meinem Heimweg

kam ich an einem schönen Minaret vorbei, das abwechselnd schwarze und

weiße Streifen zeigte. Die Moschee oder christliche Kirche, zu welcher

der Turm gehört hatte, war eingefallen; wie mein Zaptieh berichtete,

soll der Turm für den ältesten der Stadt gelten. Sicherlich war die

Moschee am Eingang zum Bazar von nicht geringem architektonischen Wert.

[Illustration: Rās ul 'Ain, Ba'albek.]

Da Homs weiter nichts Sehenswertes bot, und der Nachmittag schön

war, ritt ich nach dem Anger am Orontes hinab, der in Frühlings- und

Sommertagen einen beliebten Schauplatz für alle Feiertagsbelustigungen

abgibt. Der Orontes läßt Homs eine gute Meile südlich liegen, und

die Versorgung mit Wasser ist, nach Beschaffenheit und auch Menge,

unbefriedigend, da sie einem Kanal entstammt, der am Nordende des

Sees seinen Anfang nimmt. Der Orontesanger, Mardj ul 'Asi, gibt

einen guten Begriff von den Örtlichkeiten, wo der Orientale, mag er

Türke, Syrer oder Perser sein, seine Mußestunden zuzubringen liebt.

»Drei Dinge sind es,« sagt das arabische Sprichwort, »die das Herz

von Kummer befreien: Wasser, grünes Gras und Frauenschönheit.« Der

hurtige Orontes strömte durch die bereits mit Gänseblumen besternten

grünen Flächen, unter Weidenbäumen, die schon der Hauch des Frühlings

gestreift hatte, stiegen leicht verschleierte Christendamen von ihren

Mauleseln. Das Wasser drehte eine große Na'oura (persisches Rad), sein

angenehmes Rauschen erfüllte die Luft. Ein Kaffeekocher hatte an der

Straße sein Kohlenbecken aufgestellt, ein Zuckerwarenhändler breitete

am Ufer seine Schätze aus, und auf der breiteren Rasenfläche tummelten

buntgekleidete Jünglinge ihre Araberstuten. Der Osten hielt in der ihm

eigenen, zufriedenen Weise Feiertag, und seine eigene Sonne spendete

ihre Wärme dazu.

[Illustration: Zedern des Libanon.]

Der übrige Nachmittag wurde der Geselligkeit und den fruchtlosen

Bemühungen gewidmet, der Neugierde der Städter zu entgehen. Es war

ein Freitagnachmittag, und wie hätte man ihn besser anwenden können,

als sich in einer Schar von vielen Hunderten rings um meine Zelte

aufzustellen und jede Bewegung jeder einzelnen Person im Lager zu

beobachten? Trieben es die Männer schon schlimm genug, so übertrafen

die Frauen sie noch, und die Kinder waren am schlimmsten. Nichts konnte

sie zurückschrecken, und die Aufregung erreichte ihren Gipfel, als Abd

ul Hamed Pascha Druby, der reichste Mann von Homs, vorsprach und den

Kādi Mohammed Sāid ul Chāni mitbrachte. Bei dem uns umgebenden Auf- und

Abwogen der Menge konnte ich unmöglich der interessanten, geistreichen

Unterhaltung die gebührende Aufmerksamkeit widmen; als ich eine Stunde

drauf den Besuch in des Paschas schönem neuen Hause am Stadttor

erwiderte, war ich von mindestens 300 Personen begleitet. Ich muß einen

Seufzer der Erleichterung ausgestoßen haben, als die Tür sich hinter

meiner eignen Begleitung schloß, denn nachdem ich mich in dem kühlen,

ruhigen Liwān niedergelassen, sagte 'Abd ul Hamed:

»Möge Gott geben, daß das Volk Ew. Exzellenz nicht belästigt, ich werde

sonst ein Regiment Soldaten ausschicken.«

Ich murmelte eine mir nur halb von Herzen kommende Ablehnung, hätte

ich doch mit Befriedigung jene kleinen Burschen von einer ganzen

Musketensalve niedergestreckt gesehen. Darauf bemerkte der Pascha

nachdenklich:

»Als der deutsche Kaiser in Damaskus weilte, gab er Befehl, daß

niemandem untersagt würde zu kommen und ihn sich anzusehen.«

[Illustration: Kamūa Hurmul.]

Mit diesem erhabenen Vorbild vor Augen ward mir klar, daß ich die Buße

für Größe und fremde Herkunft klaglos auf mich nehmen mußte.

Das Gespräch ging auf religiöses Gebiet über. Ich fragte nach den

Nosairijjeh, aber der Kādi verzog den Mund und erwiderte:

»Es sind keine angenehmen Leute. Einige geben vor, 'Ali anzubeten,

andre verehren die Sonne. Sie glauben, daß, wenn sie sterben, ihre

Seele in den Körper von anderen Menschen, ja sogar Tieren übergeht, wie

es der Glaube in Indien oder China lehrt.«

Worauf ich sagte: »Ich habe von einer Geschichte gehört, die unter

ihnen geht. Ein Mann hatte einen Weinberg, und als er starb, hinterließ

er ihn seinem Sohn. Der junge Mann arbeitete in dem Weinberg, aber als

die Trauben reif waren, kam jeden Abend ein Wolf hinein und fraß die

Frucht. Der junge Mann versuchte ihn zu verjagen, aber er kehrte jeden

Abend wieder. Und in einer Nacht rief der Wolf laut: ‚Soll ich nicht

von den Trauben essen dürfen, ich, der ich den Weinberg pflanzte?’ Da

staunte der Mann und fragte: ‚Wer bist du denn?’ Der Wolf antwortete:

‚Ich bin dein Vater.’ Und der junge Mann fragte: ‚Wenn du wirklich

mein Vater bist, so sprich, wo hast du denn das Gartenmesser hin? Denn

ich habe es nicht gesehen, nachdem deine Seele deinen Körper floh!’ Da

führte ihn der Wolf an den Ort, wo er das Messer hingelegt hatte, und

der junge Mann glaubte, ja wußte nun, daß der Wolf sein Vater war.«

Der Kādi ließ den Beweis unbeachtet.

»Sie sind ohne Zweifel große Lügner,« sprach er.

Später fragte ich ihn, ob er mit den Behā'is bekannt wäre. Er erwiderte:

»Wie Ew. Exzellenz wissen, hat der Prophet (Gott schenke ihm

ewigen Frieden!) gesagt, daß es 72 falsche und nur ein wahres

Glaubensbekenntnis gibt; ich aber weiß, daß von diesen 72 wenigstens

50 in unserm Lande zu finden sind. So viel von den Behā'is und

ihresgleichen.«

Ich erwiderte, daß Propheten allein befähigt wären, echten und falschen

Glauben zu unterscheiden, und daß wir in Europa, denen keine solchen

zur Seite stehen, es für eine schwere Sache halten.

»Es ist mir gesagt worden,« entgegnete der Kādi, »daß in Europa die

Gelehrten die Propheten sind.«

»Und sie gestehen ein, daß sie nichts wissen,« gab ich zur Antwort.

»Ihre Augen haben die Sterne erforscht, und doch können sie uns nicht

die Bedeutung des Wortes Unendlichkeit erklären.«

»Wenn Sie damit das unendliche Himmelsgewölbe meinen, so wissen wir,

daß es von den sieben Himmeln ausgefüllt wird.«

»Und was befindet sich jenseits des siebenten Himmels?«

»Wissen Ew. Exzellenz nicht, daß die Zahl Eins der Anfang aller Dinge

ist? Können Sie mir angeben, was vor der Zahl Eins kommt, so will ich

ihnen sagen, was sich hinter dem siebenten Himmel befindet.«

Der Pascha lachte und erkundigte sich, ob der Kādi mit seiner

Beweisführung zu Ende sei. Dann fragte er mich, was man in Europa vom

Gedankenlesen hielte. »Denn,« fuhr er fort, »vor einem Monat wurde ein

wertvoller Ring in meinem Haus gestohlen, und ich konnte den Dieb nicht

finden. Da kam ein gewisser, mir befreundeter Effendi, der von der

Sache gehört hatte, zu mir und sagte: ‚Ich kenne einen Mann im Libanon,

der sich auf diese Dinge versteht.’ Ich bat, ihn holen zu lassen. Der

Mann kam und forschte in Homs nach, bis er eine Frau gefunden hatte,

die das zweite Gesicht besaß. Dank seinen Beschwörungsformeln sagte

sie endlich aus: ‚Der Dieb heißt so und so; er hat den Ring in seinem

Hause.’ Wir suchten und fanden das Juwel. Dies sind meine Erfahrungen,

denn die Sache hat sich unter meinen Augen zugetragen.«

[Illustration: Ein Feiertag im Orient.]

Auf meine Erwiderung, daß die Gedankenleser im Libanon einen besseren

Gebrauch von ihrer Gabe zu machen verstünden als die in London,

entgegnete der Pascha nachdenklich:

»Vielleicht hatte die Frau irgend etwas gegen den Mann, in dessen Hause

wir den Ring gefunden haben -- Gott allein weiß es, sein Name sei

gelobt!«

Damit verließen wir das Thema.

[Illustration: Straße in Homs.]

Bei meiner Rückkehr in mein Zelt fand ich eine Visitenkarte auf dem

Tische, die folgenden Namen und Titel trug: »Hanna Chabbaz, Prediger

an der protestantischen Kirche in Homs.« Darunter stand geschrieben:

»Madame, meine Frau und ich sind gern bereit, Ihnen jeden Dienst

zu leisten, dessen Sie im Dienste Christi und der Menschlichkeit

benötigen. Wir würden Sie gern besuchen, wenn Sie uns annehmen wollen.

Ihr gehorsamer Diener.« Ich schickte sofort die Botschaft, daß ich

mich sehr über ihren Besuch freuen würde, und so kamen sie denn gerade

vor Sonnenuntergang, die beiden guten Leute. Dringend boten sie mir

ihre Gastfreundschaft an, von der Gebrauch zu machen, ich jedoch

keine Gelegenheit hatte. Ich bedauerte dies um so weniger, als ich

in dem Pascha und dem Kādi so überaus angenehme Gesellschafter für

den Nachmittag gefunden hatte, und wenn ich an meinen sehr unruhigen

Aufenthalt in Homs zurückdenke, erscheint mir die mit den beiden

höflichen, gebildeten Mohammedanern verbrachte Stunde immer wie eine

ruhige, geschützte Insel in einem stürmischen, brandenden Meere.

Neuntes Kapitel.

Wir brachen am andern Morgen sehr zeitig auf, aber die Leute in Homs

standen früh auf, um uns abreisen zu sehen. Nur der feste Entschluß,

ihnen nicht mehr Vergnügen zu bereiten, als unbedingt nötig war,

hielt mich äußerlich ruhig. Eine Viertelstunde später hatten wir das

Tripolitor und den römischen Ziegelbau hinter uns und waren damit

außerhalb des Gesichtskreises selbst des scharfäugigsten der kleinen

Buben angelangt. Die friedliche Schönheit des Morgens beruhigte auch

unsre Gemüter, und ich ging nun daran, die Bekanntschaft der Gefährten

zu machen, die der Kāimakām mir zugesellt hatte. Es waren ihrer vier;

zwei gingen frei, die anderen in Fesseln. Die beiden ersteren waren

kurdische Zaptiehs, der eine war beauftragt, mich nach Kal'at el Husn

zu geleiten, der andere hatte das zweite Paar meiner Reisegenossen

zu bewachen. Dies waren Gefangene, die der Kāimakām schon einige

Tage in seinem Gewahrsam hatte, bis ihm meine Reise endlich günstige

Gelegenheit bot, sie nach der Festung im Djebel Nosairijjeh zu senden,

von wo aus sie dann weiter in das große Gefängnis zu Tripoli befördert

wurden. Sie waren in zerlumpte Baumwollengewänder gekleidet und

aneinandergefesselt, diese Ärmsten. Wie sie so tapfer durch Schmutz und

Schlamm dahintrotteten, äußerte ich ein Wort des Mitgefühls; darauf

erwiderten sie, Gott möge mir langes Leben schenken, aber es sei der

Wille ihres Herrn, des Sultans, daß sie in Ketten gingen. Einer der

Kurden unterbrach sie mit der Erklärung:

»Es sind Deserteure aus dem Heere des Sultans: Gott vergelte ihnen nach

ihren Taten! Übrigens sind sie Ismailiten aus Selemijjeh und beten

einen fremden Gott an, der im Lande Hind wohnt. Es wird gesagt, dieser

Gott sei eine Frau, und daß sie sie aus diesem Grunde anbeten. Jedes

Jahr läßt sie durch Abgesandte auch in diesem Lande das ihr gebührende

Geld einsammeln, und auch die ärmsten Ismailiten spenden ihr einige

Piaster. Trotzdem behaupten sie, Moslemiten zu sein: Gott allein weiß,

was sie glauben. Komm, Chudr, sage uns, was du glaubst!«

Der also aufgeforderte Gefangene erwiderte verstockt:

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 12 / 24 段