und schlauen Frömmlergesicht. Er wußte sogar die zehn Minuten gut
auszunützen, die er im Gastzimmer des Wirtshauses verbrachte. Denn
als er einen prunkvollen Ring an Sēlim Begs Finger erspähte, wünschte
er ihn zu sehen und fand so großen Gefallen daran, daß er ihn in die
Tasche steckte und bemerkte, Sēlim würde gewiß gern seiner khānum
(jüngsten Frau), die er vor ein oder zwei Jahren geheiratet, ein
Geschenk damit machen. Sēlim schlug darauf vor, sofort nach seinem
Hause in Salahijjeh zu fahren, um das Präsent zu überbringen, und da
Scheich Hassan und Mohammed Pascha ihre Landauer an der Tür hatten,
stiegen wir ein und fuhren durch die freundlichen, festtägigen Straßen
nach Salahijjeh. Vor der Tür des Hauses meinte Sēlim, ich möchte mich
erst vom Vāli, der ganz nahe wohnte, verabschieden, und er borgte
Djerūdis Wagen, »des Pompes halber«. Dann sagte Sēlim zu Mohammed
Pascha:
»Ihr kommt nicht mit uns?« Eine sarkastische Frage, denn er wußte gar
wohl, daß Djerūdi gerade in Ungnade und eben erst aus wohlverdienter
Haft entlassen worden war.
Djerūdi schüttelte den Kopf, kam dann ganz nahe heran an uns, die wir
im Landauer saßen, und flüsterte:
»Sagt etwas zu meinem Gunsten beim Pascha!«
Wir versprachen das lachend. Im Fortfahren vertraute mir Sēlim an, daß
auch kein einziger Mann zu ihm selbst gehalten hätte, als er in Ungnade
war (»nur Intrigen meiner Feinde waren daran schuld«), kein einziger
hätte ihm helfen wollen; jetzt aber, wo er in Gunst stand, würde er von
allen Seiten um seine Vermittlung gebeten. Und, die Rockschöße um sich
breitend, lehnte er sich in stolzem Selbstbewußtsein in Djerūdis Wagen
zurück.
Nāzim Pascha stand auf der Türschwelle und verabschiedete sich eben
vom Oberbefehlshaber. Er stieg die Stufen herunter und lud uns mit der
größten Freundlichkeit in sein Haus. Und dieser zweite Besuch bei ihm
(er hatte mich inzwischen aufgesucht) war weit weniger förmlich als der
erste. Wir unterhielten uns über den Krieg in Japan, ein Stoff, der
meinen jungen und alten Partnern im Gespräch überhaupt nie fern lag,
und ich erkühnte mich, ihn um seine Ansicht zu befragen.
»Offiziell bin ich neutral,« lautete die Antwort.
»Aber unter Freunden?«
»Natürlich bin ich auf Seiten der Japaner. Die Engländer haben durch
ihren Sieg gewonnen,« fügte er noch hinzu.
Worauf ich: »Und werden Sie nicht auch gewinnen?«
»Bis jetzt haben wir noch nicht gewonnen,« erwiderte er düster, »in
Mazedonien noch gar nicht.«
Dann erkundigte er sich, wie mir mein Aufenthalt in Damaskus gefallen
hätte. Da fuhr Sēlim hastig dazwischen:
»Heute hat sie eine große Enttäuschung erfahren.«
Der Vāli sah betroffen drein.
»Ja,« fuhr Sēlim fort, »sie hoffte einen Räuberhauptmann zu sehen und
fand nur einen friedlichen Untertan, Ew. Exzellenz.«
»Und der wäre?« forschte Nāzim.
»Mohammed Pascha Djerūdi,« sagte Sēlim. Damit war das gute Wort sehr
geschickt angebracht.
[Illustration: Vor den Toren von Damaskus.]
In Scheich Hassans Haus zurückgekehrt, teilten wir diesen Teil der
Unterhaltung dem Gegenstand derselben mit. Djerūdi zog ein schiefes
Gesicht, erklärte sich aber zufrieden. Dann führte mich Hassan zu
seiner Frau -- seiner fünften, die er geheiratet hatte, nachdem er
sich von seiner gesetzmäßigen vierten hatte scheiden lassen. Er ist
so diskret, jeder einzelnen ihren besonderen Hausstand zu halten, und
ohne Frage wird ihm dafür auch durch Frieden in seinen Häuslichkeiten
gelohnt. Drei Frauen befanden sich im inneren Gemach, außer der
Gattin noch eine andre, die offenbar nicht zum Haushalt gehörte, denn
bei Scheich Hassans Eintritt verbarg sie das Gesicht in den Betten,
und eine Christin, die sich um die Bedürfnisse der männlichen Gäste
verdient machte (außer Djerūdi und Sēlim waren noch andre anwesend),
und die in den Bazaren, wo sie sich freier bewegen kann als ihre
mohammedanischen Schwestern, die Einkäufe besorgt. Im Harem sah
es entsetzlich wüst aus. Wofern die Frauen nicht Besuch erwarten
und darauf vorbereitet haben, herrscht in der Tat überall eine
unvergleichliche Unordnung. Es läßt sich dieselbe teilweise dadurch
erklären, daß weder Schubladen noch Schränke vorhanden sind, und alle
Habseligkeiten in großen grünen oder vergoldeten Kästen aufbewahrt
werden, die man auspacken muß, so oft auch nur ein Taschentuch
gebraucht wird, und die häufig auch ausgepackt bleiben. Scheich Hassans
Frau war jung und hübsch; freilich hing ihr das Haar in Strähnen um
Gesicht und Hals, und ein schmutziger Morgenrock umkleidete eine
Gestalt, die leider schon verfallen war.
Die Aussicht von Nakschibendis Balkon ist mir unvergeßlich. Zu unsern
Füßen die große, prächtige Stadt Damaskus mit ihren Gärten, Kuppeln
und Minarets, und weiterhin die Wüste, die fast bis an ihre Tore
heranreicht. Und das ist der Kernpunkt der ganzen Sache.
Dies meine Erlebnisse in Damaskus. Was die Kirchen und Kastells
betrifft, diese können die Herrschaften selbst sehen.
[Illustration: Wasserverkäufer.]
Achtes Kapitel.
Als ich dem Vāli (Generalgouverneur) auf seine Fragen, wohin ich von
Damaskus aus zu reisen gedächte, Ba'albek als Ziel nannte, äußerte er
die Absicht, eine Schar Bewaffneter zum Schutze einer so vornehmen Dame
mitzuschicken. Um dieses Thema abzubrechen, erwiderte ich kurzerhand,
ich würde die Bahn benutzen. Da ich aber im Ernste nicht die geringste
Lust zu diesem Beförderungsmittel verspürte, blieb mir, wollte ich
allein reisen, nur ein möglichst früher Aufbruch übrig. Es war ein
freundlicher, sonniger Morgen, als wir durch die bereits von einer
Schar fröhlicher Menschen belebten Straßen ritten; unsre Pferde zerrten
ungeduldig am Zaumzeug nach ihrer achttägigen Ruhe. An Amīr Omars Haus
in der Wādi Barada vorüberkommend, erblickten wir diesen Herrn in der
Morgensonne auf seinem Dach sich gütlich tun. Er rief mir zu, doch
heraufzukommen, aber ich erklärte, daß Geschäfte vorlägen, und er mich
ziehen lassen müßte.
»So zieht in Frieden!« gab er zurück, »so Gott will, reiten wir eines
Tages zusammen.«
»So Gott will!« sagte ich und »Gott mit euch!«
Als sich nach ein oder zwei Meilen der Weg teilte, schlug ich die
direkte Richtung nach dem Antilibanon ein, denn mir lag daran, der
Aufmerksamkeit behördlicher Personen zu entgehen, die angewiesen worden
waren, mir ihre Achtung zu bezeigen. Wir kamen durch das schöne, mit
Aprikosenbäumen bestandene Tal der Barada (noch war die Zeit der Blüte
nicht gekommen), kreuzten den Fluß oberhalb der prächtigen Schlucht
Barada, und ritten über eine zwischen schneebedeckten Bergen liegende
Ebene nach dem durch seine Äpfel berühmten Zebdāny. Hier schlugen wir
auf einer grünen Wiese neben einem Brunnen unser Lager auf; nach Süden
zu begrenzten die schneeigen Flanken des Hermon das Bild, nach Norden
lagen die Dorfhäuser verstreut auf den Hügelwellen; kein einziger
aus Zebdāny bekümmerte sich um die kleinen Zelte. Am nächsten Tage
passierten wir im Sturmgeheul den Antilibanon. Eine weite Tour war
es von 8¼ Meilen, aber reizvoll und unterhaltend. Wir mußten auf der
großen Römerstraße von Damaskus nach Ba'albek sein; das ganze Tal
entlang sah man ab und zu lateinische Inschriften an den Felswänden.
Ganz durchnäßt, denn die letzten Meilen wurden durch kahle Gegend in
strömendem Regen zurückgelegt, gelangten wir endlich in Ba'albek an. Es
war fast zu stürmisch, um ein Lager auszuschlagen, und doch lehnte sich
alles in mir gegen den Gedanken an ein Hotel auf. Aber Michaïl wußte
Rat. Er kannte eine anständige, christliche Frau, die am Eingang des
Dorfes wohnte, die würde uns sicherlich Obdach geben. Und so geschah es
auch. Die Frau war hocherfreut, uns zu sehen, und richtete sofort einen
sauberen leeren Raum für mein Zeltzubehör ein, während Michaïl sich mit
seinen Kochutensilien in einem anderen niederließ. Mochte nun der Regen
wütend gegen die Fenster schlagen -- wir waren geborgen.
Meine Wirtin, Kurunfuleh, die Nelke, mit Namen, hatte zum Gatten einen
gewissen Jūsef el 'Awais, der gerade in Amerika sein Glück suchte,
wohin sie ihm zu folgen gedachte. Ich verbrachte einige Stunden in
ihrer Gesellschaft; auch ihr Sohn und ihre Tochter waren da, und ein
paar Verwandte, die ihre Lauten mitgebracht hatten. Man plauderte und
musizierte. Wie sie sagten, macht ihnen die Zukunft viel Sorge, denn
die Bevölkerung von Ba'albek und der Umgegend gehört größtenteils zu
den Metāwileh, einer freisinnigen und wegen ihres Fanatismus und ihrer
Unwissenheit berüchtigten Sekte des Islam. So oft die Japaner siegreich
waren, pflegten diese Leute zu kommen, ballten ihre Fäuste drohend
gegen die Christennachbarn und riefen: »Die Christen sind geschlagen
worden! Hütet euch, wir werden euch auch bald davonjagen und eure Habe
nehmen.« »Und ganz so geht es in Jerusalem her,« fiel Michaïl ein (ob
seine Worte auf Wahrheit beruhten, weiß ich nicht), »dort haben die
Muselmänner dem Mufti durch eine Deputation sagen lassen: ‚Die Zeit ist
für uns gekommen, die Christen zu verjagen.’ Aber der Mufti versetzte:
‚Wenn ihr Unruhen heraufbeschwört, werden die europäischen Mächte sich
einmischen, denn Jerusalem ist ihr Augapfel; sie werden das ganze Land
einnehmen, und wir werden schlimmer dran sein als zuvor.’«
Ich suchte Kurunfuleh zu trösten, indem ich sagte, es sei undenkbar,
daß die Christen in Syrien verfolgt werden könnten, da das Land so wohl
bekannt und von Touristen viel besucht sei, die sicherlich entrüstet
sein würden. Der alljährlich wiederkehrende Strom von Touristen bietet
in der Tat eine der besten Garantien für die Aufrechterhaltung der
Ordnung. Aber warum kehrte denn Kurunfuleh nicht in den Libanon, ihre
Heimat, zurück, wo sie unter dem direkten Schutz der Mächte stand und
keine Gefahr zu befürchten brauchte? Sie antwortete:
[Illustration: Suk Wādi, Barada.]
»O meine Dame, das Haus hier ist auf meines Gatten Namen eingetragen,
es darf vor seiner Rückkehr nicht verkauft werden noch unbewohnt
bleiben, und außerdem lebt es sich in der Ebene so ganz anders, als im
Libanon; ich könnte es nicht wieder ertragen, dort zu wohnen. Dort tun
die Leute weiter nichts als ihre Nachbarn beobachten, und zieht man
einen neuen Rock an, so stecken sie die Köpfe zusammen und spotten:
Hast die feine Dame gesehen? Und lassen Sie sich auch nur sagen, wie
man im Libanon lebt: ich esse in Ba'albek jeden Tag Fleisch, die im
Libanon aber nur einmal in der Woche. Sie teilen eine Zwiebel in drei
Teile und würzen drei Abende hintereinander ihren burghul (geschroteter
Weizen) damit; ich aber werfe Abend für Abend eine ganze Handvoll
Zwiebeln in den Kochtopf. Ja, es geht karg her im Libanon.«
Sie hatte recht. Es geht so karg dort her, daß jeder, der nur
irgendwie das Reisegeld erschwingen kann, nach den Vereinigten
Staaten auswandert, so daß es in den Kulturen von Getreide, Wein und
Maulbeerbäumen entsetzlich an Arbeitskräften mangelt. »Es ist kein
Vorwärtskommen«, wie der Syrer sagt. Die Provinz ist eine Sackgasse
ohne eignen Hafen, ohne Handel. Du brauchst dort nicht gerade zu
verhungern, aber was hast du von einem Leben, das dir nicht mehr als
den dritten Teil einer Zwiebel zum Abendbrot bietet? Die Hohe Pforte
ist den Mächten einmal wieder übergewesen. Sie hat alles bewilligt,
was von ihr gefordert worden ist, o ja, auch mit Freuden, aber die
Zugeständnisse, welche die Türen zum Wohlstand anscheinend erschlossen,
haben in Wirklichkeit den Pfad denen versperrt, die Nutzen daraus
ziehen sollten.
Am nächsten Tage hatte der Regen noch nicht nachgelassen. Ich empfing
den Polizeikommissar, der mich hergeleitet hatte, und stattete
dann in dem meiner Wohnung nahegelegenen Hotel einer vielköpfigen
Portugiesenfamilie einen Besuch ab. Monsieur Luiz de Sommar war mit
Gattin, Töchtern und Neffen über den Djebel Druz von Jerusalem nach
Damaskus gereist. In Salchad hatte ich von ihrer Ankunft in Sueda
gehört und mich gewundert, wie sie sich Zulaß verschafft haben mochten.
Ich hörte eine seltsame Geschichte, die sehr zugunsten Sommars spricht,
gleichzeitig aber auch dartut, wie ängstlich die Regierung das Bergland
vor den spionierenden Augen der Touristen zu hüten bestrebt ist. Die
Portugiesen hatten Mr. Mark Sykes in 'Ammān getroffen, der ihnen
riet, ihre Tour lieber über Kanawāt im Djebel Druz zu nehmen, da sie
keinerlei Schwierigkeit haben würden, die Erlaubnis dazu zu erhalten.
Monsieur Sommar war denn auch gutes Mutes vorwärtsmarschiert, aber in
Sueda, dem Hauptsitz der Regierung, angekommen, hatte ihn der Kāimakām
angehalten und zwar höflich aber fest angedeutet, daß er auf demselben
Wege, den er gekommen, wieder zurückreisen müsse. Der Herr verweigerte
das in ebenso bestimmter Weise und sandte Telegramme an seinen Konsul
in Damaskus und seinen Minister in Konstantinopel. Und nun erfolgte ein
erregter Depeschenaustausch mit dem Endergebnis, daß Monsieur Sommar
nach Kanawāt weiterreisen dürfte, falls er hundert Zaptiehs mitnehmen
würde. »Denn«, sagte der Kāimakām, »das Land ist über die Maßen
gefährlich.« (Ein Land, durch welches, wie ich weiß, eine Frau in der
alleinigen Begleitung eines Drusenjungen, ja, ganz allein reiten kann,
selbst wenn ihre Satteltaschen mit Gold angefüllt sind!) Aber Monsieur
de Sommar war ein kluger Mann. Er erwiderte, daß er die hundert
Zaptiehs schon mitnehmen wolle, aber keinen Piaster würden sie von
ihm bekommen. Man feilschte, der Kāimakām änderte seinen Beschluß und
setzte die Eskorte auf zwanzig fest, unter welchem Schutz die Sommars
glücklich in Kanawāt landeten. Ich beglückwünschte sie zu diesem
Abenteuer und mich selber, die ich meinen Passierschein von Fellāh ul
'Isa und nicht vom syrischen Vāli erwirkt hatte.
[Illustration: Ba'albek.]
Trotz des Regens war der Tag in Ba'albek nicht verloren. Die Deutschen
hatten seit meinem letzten Besuch den Tempel der Sonne ausgegraben und
Altäre, Fontänen, Teile von Dekorationen sowie Grundmauern von Kirchen
bloßgelegt, die von höchstem Interesse waren. Und außerdem erweckt
die große Gruppe von Tempeln mit den sie umschließenden Mauern, die
zwischen dem Doppelgebirge des Libanon und Antilibanon liegt, einen
Eindruck, der nur von der Tempelgruppe der athenischen Akropolis
übertroffen wird, die ja wirklich ihresgleichen sucht. Die Ausführungen
im einzelnen sind weniger gut als die athenischen. Das unendlich Würde-
und Maßvolle in dieser Krone unter den Schöpfungen der Architekten
kann nicht erreicht werden, wie auch die prachtvolle, das blaue Meer
und den Golf von Salamis beherrschende Lage einzig in ihrer Art ist.
Aber im großen ganzen kommt Ba'albek der Akropolis näher als irgend ein
anderer Gebäudekomplex, und der Gelehrte findet reichlich Material zu
Betrachtungen über die griechisch-asiatische Kunst, die Ba'albek erbaut
und seine Pfosten, Architrave und Kapitäle mit Ornamenten versehen hat,
die ebenso abwechslungsreiche Entwürfe zeigen, wie sie herrlich
ausgeführt sind. Der Archäologe kennt weder rein noch unrein. Jedes
Werk der menschlichen Phantasie nimmt bei ihm den ihm bestimmten Platz
in der Geschichte der Kunst ein, leitet und erweitert sein eigenes
Verständnis. Befriedigt das Ergebnis sein Auge, so freut er sich, in
jedem Falle aber liefert es ihm ein neues unerwartetes Band zwischen
dieser und jener Kunst und führt ihn eine Stufe weiter empor auf der
Leiter der Geschichte. Das macht ihn fähig, mit allem zufrieden zu
sein, was er sieht, und sicher wird er nicht sagen: »O weh -- o weh!
Diese Dummköpfe von Syrern ... Phidias würde das so und so gemacht
haben!« Denn ihm gewährt es Befriedigung, einen neuen Versuch auf dem
Pfade künstlerischen Schaffens zu entdecken, einen frischen Hauch, der
die Akanthusblätter und Weinranken an den Kapitälen bewegt.
[Illustration: Der große Hof, Ba'albek.]
Unsre Abreise von Ba'albek wurde durch ein sehr betrübliches Vorkommnis
gekennzeichnet: mein Hund Kurt war in der Nacht verschwunden. Im
Gegensatz zu den meisten syrischen Pariahunden offenbarte er ein höchst
anschmiegendes Wesen, war auch (und darin unterschied er sich wiederum
nicht von seinen halbverhungerten Stammesgenossen) unersättlich
gefräßig, weshalb die Wahrscheinlichkeit nahelag, daß er mit einem
Knochen weggelockt und eingesperrt worden war, bis wir glücklich
aus dem Wege sein würden. Während Habīb nach der einen Richtung hin
das Dorf durchstreifte, und Michaïl nach der anderen, erschien der
Polizeikommissar auf dem Schauplatz und suchte Balsam in die Wunde
meines Schmerzes zu träufeln. Nach einiger Zeit erschien Habīb wieder,
hinter ihm Kurt, schweifwedelnd und an einer Kette befestigt. Wie jener
atemlos berichtete, hatte er das Tier, an eben diese Kette gefesselt,
bei jemand entdeckt, der es hatte stehlen wollen.
»Und als Kurt meine Stimme hörte, bellte er; ich ging in den Hof und
sah ihn. Und der Herr der Kette verlangte sie von mir, aber bei Gott!
ich gab sie ihm nicht, sondern schlug ihn zu Boden damit. Gottes Zorn
über den diebischen Metawīleh!«
Und so habe ich das Vergnügen zu berichten, daß die Metawīleh eine ganz
so unehrliche Gesellschaft sind, wie das Gerücht von ihnen geht, daß
ihre Anschläge aber von umsichtigen Christen vereitelt werden können.
Wir ritten das weite und öde Tal zwischen Libanon und Antilibanon
dahin. Ich hätte ja mit der Bahn nach Homs und weiter bis Hamah reisen
können, aber ich zog es vor, je nach Laune von einer Seite des Tales
nach der anderen zu kreuzen, um alle interessanten Stätten der Gegend
aufzusuchen, und das war mir nur zu Pferde möglich. Das nördlich von
Ba'albek gelegene Syrien war mir unbekannt, es war auch insofern ein
Abschnitt, als hier die Karte von Palästina aufhörte. Ich mußte nun
meine Zuflucht zu Kieperts kleiner aber vortrefflicher Karte nehmen,
die ich aus dem in Saleh verbliebenen Werke Oppenheims entfernt hatte.
Es gibt keine andre genügende Karte, bis etliche dreißig Meilen südlich
von Aleppo Kieperts großer kleinasiatischer Atlas im Maßstabe von
1 : 400000 einsetzt; diesem Übelstand wird hoffentlich abgeholfen sein,
sobald die Amerikanische Princeton-Expedition ihr Werk herausgibt. Nach
4½ Stunden erreichten wir Lebweh, wo der Hauptquell des Orontes in
einer Menge kleiner Brünnchen dem Boden entspringt -- ein entzückender
Anblick. Hier war es, wo wir von zwei Soldaten eingeholt wurden,
die der Kāimakām uns mit der höflichen Frage nachgeschickt hatte,
ob mir eine Eskorte erwünscht wäre. Ich schickte den einen Mann
zurück, behielt aber den anderen, um den Kāimakām nicht zu verletzen.
Unser neuer Begleiter nannte sich Derwisch und erwies sich als sehr
nützlich und angenehm, wie in der Tat die ganze lange Reihe seiner
Nachfolger, die uns eskortierten, bis ich den Zug in Konia bestieg.
Einige von ihnen trugen viel dazu bei, die Reise unterhaltend zu
gestalten: während wir Stunde um Stunde nebeneinander dahinritten,
erzählten sie mir vielerlei von ihren Erfahrungen und Abenteuern.
Diese Unterbrechung des Garnisonlebens behagte ihnen nicht wenig;
gar wohl gefiel ihnen auch der Medschideh (etwa vier Mark) täglich,
der ihnen viel sicherer war als der Sold des Sultans. Nach Ablauf
ihrer Dienstzeit beschenkte ich sie überdies noch mit einem
kleinen Trinkgeld, und sie erhielten sich und ihre Pferde mit den
Nahrungsmitteln und dem Futter, die sie, wie ich starken Verdacht hege,
dem Bauernvolk gewaltsam abnahmen -- eine Art offizieller Erpressung,
gegen die einzuschreiten der Reisende keine Macht hat.
[Illustration: Säulen des Sonnentempels, Ba'albek.]
In Lebweh befinden sich die Ruinen eines Tempels, der in derselben
massigen Bauweise wie Ba'albek errichtet war. Ein aus vier Steinlagen
bestehendes Podium, das von einem einfachen Sims, lediglich
einer krummgezogenen Fläche, überragt wird, ist alles, was davon
übriggeblieben. Das Dorf gehört Asad Beg, einem reichen Metawīleh,
dem Bruder des in ganz Nordsyrien wohlbekannten Dr. Haida. Er ist in
der Tat überall zu finden. Komme ich doch nie nach Damaskus, ohne
ihn zu treffen, und immer gewährt es mir Befriedigung, denn er ist
außerordentlich intelligent und in der Literatur Arabiens gut zu Hause.
Neuerdings ist er zu irgend einem Posten an der Bahn von Mekka berufen
worden; meines Wissens ist er der einzige Mann seines Stammes, der eine
gute Erziehung genossen und sich hervorgetan hat.
Wir schlugen unser Lager in Rās Ba'albek, 1½ Stunde von Lebweh entfernt
auf, wo sich eine vortreffliche Quelle in einer Schlucht der östlichen
Hügel befindet. Der beißende Frost hatte eines Morgens aufgehört -- dem
Himmel sei Dank! -- aber noch war es kalt. Die Graupeln schlugen an die
Zeltwand, als wir in der Morgendämmerung aufstanden, und den ganzen
Tag ritten wir in einem teuflischen Wetter dahin. Und dies war der 8.
März! Ja, der Frühling reist gemächlich in das nördliche Syrien! Ich
ließ mein Lagergerät auf dem direkten Wege gehen, um mit Derwisch ein
Denkmal aufzusuchen, welches sich auf einer kleinen Anhöhe inmitten des
Orontes-Tales erhebt und auf dieser trostlosen Fläche von jeder Seite
her auf eine Tagereise weit sichtbar ist. Es ist ein hoher Turm aus
massivem Steingemäuer mit einer Pyramide auf der Spitze; viereckige
Wandpfeiler und ein grober Fries mit Kriegstrophäen und Jagdszenen
in Basrelief bilden die Dekoration. Die Syrer nennen es nach einem
nahegelegenen Dorfe Kāmu'a Hurmul (Turm von Hurmul), und die Gelehrten
vermuten, daß es zum Gedächtnis an irgend eine große Schlacht der
Römer errichtet wurde. Ob sie recht haben oder nicht, läßt sich durch
keinerlei Inschrift nachweisen. Es liegt zwei Wegstunden westlich von
Rās Ba'albek. Von dem fürchterlichen Wind gepeitscht, ritten wir noch
1½ Stunden weiter bis zu einer Reihe kleinerer Erdwälle, welche die
Luftlöcher eines unterirdischen Kanals deckten. In Persien nennt man es
einen Kanāt, und ich glaube, so heißt es auch auf Arabisch. 2½ weitere
Stunden brachten uns nach Kseir; und als eine Viertelstunde später auch
die Maultiere eingetroffen waren, schlugen wir unser Lager dicht an
der Begräbnisstätte außerhalb der häßlichen, aus Lehm erbauten Stadt
auf. Nach Sonnenuntergang legte sich der Wind, und Friede, physischer
sowohl als moralischer, zog ins Lager ein. Hatte doch sogar Michaïls
gute Laune unter der Wut der Elemente gelitten, während Habīb, heiter
wie gewöhnlich, hereingekommen war, und ich mich -- ich freue mich,
das konstatieren zu können -- in philosophisches Schweigen gehüllt
hatte, sobald ich fühlte, daß der Orkan sich mit meinem Humor entfernen
wollte. Mohammed der Druse war nicht mehr bei uns; wir hatten ihn in
Damaskus zurückgelassen. Mochte es seine eigne Schuld sein, oder hatten
sich die anderen gegen ihn zusammengetan -- jedenfalls nahmen die
Verdrießlichkeiten und der Streit kein Ende, und es war besser, ein
Glied des Stabes zu opfern, um die Karawane in Einigkeit zu erhalten.
In Damaskus, wo unser Vertrag endete, schieden wir als die besten
Freunde, und eine Reihe von Mietlingen, die sich -- in meinen Augen
wenigstens -- durch nichts voneinander unterschieden, nahm seinen Platz
ein.