lassen. Da er die französische Sprache, in der wir uns unterhielten,
nur unvollkommen beherrschte, half ihm von Zeit zu Zeit ein türkischer
Herr über die Steine des Anstoßes hinweg. Dieser Syrer war ein reicher
Grundbesitzer aus dem Libanon und stand in großer Gunst im Hause des
Gouverneurs, obgleich er erst kürzlich ein Jahr im Gefängnis gesessen
hatte. Er begleitete mich auf meinem Besuche und wurde vom Vāli zu
meinem Cicerone in Damaskus ernannt; Sēlim Beg war sein Name. Wir
sprachen hauptsächlich von Archäologie. Ich betonte ganz nachdrücklich
mein weitaus größeres Interesse für dieses Gebiet als für die Politik
des Gebirges und der Wüste, welch letzteres Thema wir nicht mehr als
flüchtig streiften. Der Vāli war die Liebenswürdigkeit selbst. Er
überreichte mir mehrere Photographien der unschätzbaren Manuskripte
der dem Publikum nun für alle Zeiten verschlossenen Kubbet el Chazneh
in der Großen Moschee und versprach mir die übrigen der ganzen Serie.
Zu diesem Zweck schrieb eine sich verbeugende Persönlichkeit meine
Adresse in England mit der größten Sorgfalt in ein Notizbuch, und
das war -- ich brauche es wohl kaum zu erwähnen -- das Letzte, was
von dieser Angelegenheit je gehört wurde. Darauf bemerkte der Vāli,
daß Madame Pascha und die Kinder meinen Besuch erwarteten, weshalb
ich ihm treppauf in ein sonniges Zimmer folgte, dessen Balkon einen
Ausblick auf ganz Damaskus mit seinen Gärten und auf die jenseitigen
Hügel bot. Augenblicklich gibt es nur eine Madame Pascha, eine hübsche
Zirkassierin mit ausgeprägten Zügen, eine weitere (die bevorzugtere,
wie man sagt) ist vor einem Jahr gestorben. Die Kinder waren von sehr
einnehmendem Wesen. Sie sagten französische Gedichte auf, wobei ihre
hellen Augen jeden Blick der Billigung oder der Heiterkeit auffingen
und beantworteten. Die Rattenschwänzchen über ihren Samtrücken
hinabhängend, saßen sie kerzengerade auf dem Musikschemel und spielten
muntere Polkas. Der Pascha lehnte strahlenden Gesichts am Fenster, die
Zirkassierin rauchte Zigaretten und verbeugte sich, sobald mein Auge
dem ihren begegnete, an der Tür stand ein schwarzer Sklavenjunge und
grinste von einem Ohr bis zum anderen, während seine kleinen Herren
und Herrinnen, die zugleich seine Spielgefährten und Schulkameraden
waren, ihre Künste zeigten. Es war ein sehr guter Eindruck, den ich mit
fortnahm, ich hatte angenehme, gewinnende Manieren und lebhaften Geist
kennen gelernt und bezeugte dem Pascha meine Freude darüber, als wir
hinabstiegen.
[Illustration: Kubbet el Chazneh.]
»Ach,« sagte er höflich, »könnte ich sie nur Englisch lernen lassen!
Aber was hilft der Wunsch? Wir können keine Engländerin bekommen, die
sich an das Leben hier gewöhnt. Wir haben nur die Griechin, welche Sie
oben sahen, die lehrt Französisch.«
Ich hatte sie wohl bemerkt, die kleine ungebildete Person, deren
Verhalten in der ganzen anmutigen Gesellschaft oben nicht unbemerkt
bleiben konnte, aber -- möge mir der Himmel verzeihen -- ich zögerte
nicht, mich in Lobsprüchen über die Vortrefflichkeit ihres Französisch
zu ergehen. Der Pascha schüttelte jedoch den Kopf.
»Könnte ich nur eine Engländerin bekommen,« sprach er.
Unglücklicherweise konnte ich niemand für die Stelle vorschlagen;
wahrscheinlich wäre ihm ein Vorschlag auch gar nicht willkommen
gewesen.
Ehe ich mich verabschiedete, kamen zwei angesehene Persönlichkeiten
zur Audienz zum Vāli. Die eine, der Amīr 'Abdullah Pascha, der Sohn
von 'Abd ul Kādir, dem großen Algerier, und einer Negersklavin, hatte
fast den Teint eines Negers, sonst aber den unverkennbaren Rassetypus
und einen durchdringenden, lebhaften Blick. Der zweite Herr war Hassan
Nakschibendi, ein erbliches Oberhaupt (beinahe hätte ich Pope gesagt)
einer in Damaskus berühmten, orthodoxen Sekte des Islam. Dort befindet
sich auch ihr Hauptsitz, die Tekyah. (Diese ist ein religiöses Stift
für bettelnde Derwische und andere heilige Leute. Könnte beinahe ein
Kloster genannt werden, nur daß für seine Brüder das Gelübde der
Keuschheit nicht gilt, da sie außerhalb des Stiftes beliebig viel
Frauen haben dürfen. Scheich Hassan hatte in der Tat die Vollzahl
vier.) Die schlauen Züge des würdigen Kirchenmannes strahlten seine
ganze Verschlagenheit wider. Ob sein Verstand besonders hervorragend
war, weiß ich nicht, aber wenn sein Lächeln nicht trog, muß seine
Skrupellosigkeit all seine Defekte wettgemacht haben.
Meine Begegnung mit diesen beiden Herren hatte meine Einführung in die
Gesellschaft von Damaskus zur Folge. Beide luden mich ein, sie in ihren
Häusern, in der Tekyah oder sonstwo zu besuchen, ich nahm auch alles
an, ging aber zuerst zu dem Amīr 'Abdullah.
[Illustration: Tekyah des Nakschibendi.]
Oder vielmehr in das Haus des Amīr 'Ali Pascha, seines ältesten
Bruders, und zwar weil 'Abd ul Kādir dort gewohnt und in den trüben
Tagen des Blutbades von 1860 tausend Christen daselbst beherbergt
hat. Ein Schimmer von Mut und Vaterlandsliebe verherrlicht seinen
Namen, und außerdem verleiht sein Reichtum dem bejahrten weisen
Manne Ansehen und Macht, besitzt doch die Familie 'Abd ul Kādir das
ganze Viertel, das sie bewohnt, als ihr eigen. Das Haus macht, wie
alle großen Häuser in Damaskus, äußerlich nichts von sich. Aus einer
kleinen krummen Straße traten wir durch eine Tür in einen dunklen Gang,
bogen um etliche Ecken und sahen uns in einem rings mit Orangenbäumen
bepflanzten Marmorhof, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befand.
Auf diesen Hof mündeten alle größeren Räume; nachdem sämtliche Türen
weit für mich geöffnet worden waren, präsentierte ein Diener Kaffee
und Konfekt. Ich bewunderte die Verzierungen der Mauern und das in die
Marmorbecken plätschernde Wasser, das durch Marmorrinnen abfloß. Wie
bei allen Palästen in Damaskus, so war auch hier jede Fensterbrüstung
mit einem gurgelnden Wässerchen versehen, so daß die in den Raum
eindringende Luft immer feuchte Kühle mit sich führt. Der Amīr 'Ali
war zwar nicht anwesend, aber sein Haushofmeister, -- er trug ganz
den Typus eines hochherrschaftlichen Dieners und befleißigte sich
jener ehrerbietigen Vertraulichkeit, die der untergebene Orientale
sich so leicht aneignet -- zeigte uns die Schätze seines Herrn. Da
war der juwelenbesetzte Säbel, den Napoleon ~III.~ dem alten Amīr
überreicht hatte, dann 'Abd ul Kādirs Flinten und einige schwere,
silberbeschlagene Schwerter von 'Abd ul 'Aziz ibn er Raschid aus
dem letzten Jahre. Wie ich hörte, verbindet eine alte Freundschaft
die algerische Familie mit den Lords von Haīl. Ferner zeigte er
uns verschiedene Gemälde von 'Abd ul Kādir: wie er seine Reiterei
anführt, wie er in Versailles mit Napoleon die Stufen des Palastes
hinunterschreitet in der Haltung eines Mannes, der gewinnt und nicht
verliert, und endlich Amīr als Greis in Damaskus; überall trägt er
die weiße, algerische Tracht, die er überhaupt nie ablegt, immer
zeigt er auch dieselben ernsten und würdevollen Züge. Und nun wurde
ich über eine kleine Brücke geführt, die hinter dem großen Hofe einen
Bach überspannte, und wir gelangten aus einem Garten voll Veilchen
in die Ställe. So luftig, hell und trocken waren sie, wie nur die
besten europäischen Ställe sein könnten. Hier standen zwei prächtige
Araberstuten aus dem Gestüte der Ruwalla, und, fast ebenso wertvoll
wie sie, ein gut zugerittenes Maultier. Auf unserm Rundgang begleitete
uns ein Mann, der scheinbar nicht zu dem Haushalt gehörte. Er blickte
so melancholisch drein, daß er mir auffiel, und ich Sēlim Beg nach ihm
fragte. »Ein Christ,« erklärte dieser, »er entstammt einer reichen
Familie, die ihre Religion zu wechseln gezwungen war und bei Amīr
Ali Zuflucht suchte.« Weiter hörte ich nichts von ihm, aber er paßte
in das Bild, das 'Abd ul Kādirs Haus mir hinterließ: eine Wohnstätte
edler Leute, die von einer gut geschulten Dienerschaft geleitet wird,
und die, mit allen Annehmlichkeiten des Lebens versehen, auch den
Bedrängten Schutz gewährt.
[Illustration: Tor der Tekyah.]
Am nächsten Morgen besuchte ich den Amīr 'Abdullah, der direkt neben
seinem Bruder wohnt. Ich fand da den Amīr Tāhir, den Neffen Abdullahs,
als Sohn eines dritten Bruders vor. Meine Ankunft erregte um so mehr
Freude, als zufällig ein vornehmer Gast anwesend war, ein gewisser
Scheich Tāhir ul Djezāiri, der wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner
ungestümen, revolutionären politischen Tätigkeit wohlbekannt war.
Er wurde schleunigst in das mit Diwan und Teppichen ausgerüstete
Oberzimmer, in dem wir saßen, gebeten, kam wie ein Wirbelwind herein
und, sich neben mich setzend, ergötzte er sowohl meine als alle Ohren
in der Nähe (er sprach sehr laut) mit Klagen darüber, daß ihm der
Vāli nicht erlaubte, nach Gutdünken mit begabten Ausländern, wie mit
amerikanischen Archäologen oder auch mit mir, zu verkehren. »Oh,
behüte Gott!« protestierte ich bescheiden. Und noch manchen anderen
Kummer hatte er. Als das Thema ziemlich abgelaufen war, ließ er den
Amīr Tāhir einige von ihm selbst verfaßte Schriftstücke holen und
verehrte sie mir. Sie handelten von der arabischen und ihr verwandter
Sprachen, der nabathäischen, safaitischen und phönizischen. Die Lettern
des Alphabetes waren höchst peinlich zu vergleichenden Tabellen
zusammengestellt, und doch verstand der gute Mann keine einzige dieser
Sprachen außer seiner eigenen. Scheich Tāhir repräsentiert wirklich
ein seltsames und typisches Beispiel orientalischer Gelehrsamkeit,
aber nach seiner Unterhaltung zu urteilen, bin ich doch zweifelhaft,
ob die Sympathien von Ordnung und Frieden liebenden Leuten sich nicht
eher dem Vāli zuneigen. Jetzt trat noch ein andrer Edelmann, Mustafa
Pascha el Barāzi, ein Glied einer der vier ersten Familien von Hamah,
ein. Der ganze Kreis wendete sich inneren Angelegenheiten zu, der
Politik Syriens und dergleichen, ich aber lauschte, schaute dabei
durch das Fenster in Amīrs Garten und auf den angrenzenden Fluß hin
und wunderte mich über mein Glück, an einer Morgenvisite in Damaskus
teilnehmen zu können. Schließlich führten mich der Amīr 'Abdullah und
sein Neffe abseits, um über ein großes Projekt zu beraten, das ich
ihnen vorgelegt hatte, hier aber nicht erörtern will. Als der Besuch
beendet war, ging ich mit Sēlim und Mustafa nach dem griechischen
Bazar, um in einem vortrefflichen heimischen Restaurant zu frühstücken.
Da saß ich denn Schulter an Schulter neben einem Beduinen der Wüste,
und wir drei genossen, für den Betrag von 1,50 Mark gemeinschaftlich,
die auserlesensten Speisen und als Dessert delikate Rahmtörtchen. Der
Preis umschloß auch den Kaffee und ein reichliches Trinkgeld.
[Illustration: Muschkin Kalam.]
Noch ein andrer, nicht weniger angenehme Morgen erwartete mich, als ich
mit dem treuen Sēlim, einem prächtigen alten Mann, dem berühmtesten
Künstler der Feder, Mustafa el Asbā'i, meine Aufwartung machen
ging. Sein Haus war in dem vor etwa zwei Jahrhunderten herrschenden
trefflichen Geschmack dekoriert: bunte Marmortäfelung und Gipsstuck,
ganz in dem Muster des Titelblattes von einem berühmten persischen
Manuskript; in der Malerei, die in sanften, satten Farben ausgeführt
war, herrschten gold und goldigbraun vor. Aus dem Empfangsraum
wurden wir in ein kleines oberes Zimmer geführt, wo Mustafa jene
Verzierungen zu entwerfen pflegte, die im mohammedanischen Orient die
Bilder ersetzen. Rings an den Wänden hingen antike und moderne Proben
von der Hand berühmter Künstler, auch mein Freund, Mohammed Ali,
war vertreten, der Sohn des persischen Propheten Beha Ulla. Meiner
Ansicht nach ist er der geschickteste Meister der Feder, obgleich die
Orientalen Muschkin Kalam, einem anderen Propheten derselben Sekte,
den Vorzug geben. Auch ihn zähle ich zu meinen Freunden. Während wir,
auf Kissen sitzend, unsern Kaffee tranken, blätterten wir in kostbaren
Manuskripten verschiedenster Perioden und Länder, von denen etliche
aus Gold oder Silber, andre auf Brokat oder geschmeidiges Pergament
geschrieben waren. (Unter den letzteren befanden sich einige Seiten
cufischer Schriften, die man dem Kubbet el Chazneh entnommen hatte,
bevor derselbe geschlossen worden war.)
Als wir uns verabschiedeten, überreichte mir Mustafa drei Proben seiner
eignen Kunst, die ich hocherfreut annahm.
Am späteren Nachmittage fuhren Selim und ich nach dem Tale des
Barada, um einem dritten Sohn Abd ul Kādirs Besuch abzustatten. Die
in lateinischen Lettern gehaltene Visitenkarte meldete »Amir Omar,
princ d'Abd ul Kadir«. Er ist der Landedelmann der Familie. 'Ali ist
durch seine Ehe mit einer Schwester 'Isset Paschas (ein mächtiger
Schatten hinter dem Throne von Konstantinopel) in einflußreichere
Sphären gelenkt, 'Abdullah wird immer durch tausenderlei Geschäfte an
die Stadt gefesselt, aber 'Umar jagt, schießt, pflegt seinen Garten
und fühlt sich in diesem einfachen Leben glücklich. Eben promenierte
er, mit Rauchkäppchen, Schlafrock und Gurtschuhen angetan, durch die
Wege seines Gartens. Er nahm uns in sein Haus, das, wie alle Häuser
seiner Familie, voller Blumen war, und von da nach dem Lusthäuschen
auf dem Dach, wohin uns auch sein Hühnerhund mit wohlwollender,
kameradschaftlicher Miene folgte. Zwischen blühenden Hyazinthen-
und Tulpenpflanzen hindurch beobachteten wir die Sonne hinter den
schneeigen Hügeln verschwinden und sprachen von Wild und Sport der
Wüste.
Aber lassen Sie mich über so hochstehenden Persönlichkeiten auch
nicht meine bescheideneren Freunde vergessen: den Afghanen mit den
schwarzen Locken um die Schläfe, der mir, so oft wir uns begegneten,
seinen Segen spendete (der Amir von Afghanistan hat einen Beamten in
Damaskus, um seinen Untertanen auf ihrer Pilgerfahrt beizustehen), den
am Eingang zur Großen Moschee sitzenden Zuckerwarenhändler, der mich
wiederholt durch das Labyrinth der Bazare geleitet und mir, so oft
ich an ihm vorüberkam, zurief: »Benötigen Ew. Exzellenz heute keinen
Dragoman?« Auch der Derwische aus Scheich Hassans Tekyah gedenke ich,
von denen ich zu einem Freitags-Gebet geladen wurde, und nicht minder
gern des rotbärtigen Persers, der ein Teelädchen am Kornmarkt besitzt
und zur Sekte der Beha'i gehört, von welcher viele Glieder zu meinen
Bekannten zählen. Als ich einst an seinem Tische köstlichen persischen
Tee nippte, trank ich ihm in seiner eignen Sprache zu und flüsterte:
»Ich bin von der Heiligen Familie in Acre hochgeehrt worden,« worauf er
lächelte und, mit dem Kopfe nickend, antwortete: »Ew. Exzellenz sind
unter uns wohlbekannt.« Wenn ich ihn beim Fortgehen aber nach seinem
Guthaben fragte, sagte er: »Für Sie gibt es nie etwas zu bezahlen.« Es
gibt in der Tat nichts, das dem Herzen so wohltut, wie in den geheimen
Kreis orientalischen Wohlwollens aufgenommen zu werden. Auch fast
nichts Selteneres.
[Illustration: Verkäufer von Zuckerwerk.]
An einem sonnigen Nachmittage machte ich mich von den vielen Personen
frei, die immer bereit waren, mir dieses oder jenes zu zeigen, und
bahnte meinen Weg allein durch die Bazare, jenen bezauberndsten Ort,
um Mußestunden zu verbringen, und begab mich nach den Toren der Großen
Moschee. Es war die Stunde des Nachmittagsgebetes. Meine Schuhe in
der Hut eines gelähmten Negers am Eingange zurücklassend, wandelte
ich nach dem großen Säulengang, der sich an der ganzen Westseite der
Moschee hinzieht. Zwar hat das Gebäude vor zehn Jahren durch eine
Feuersbrunst und die dadurch notwendigen Reparaturen viel von seiner
Schönheit eingebüßt, ist jedoch immer noch von großem Interesse für den
Archäologen, der sich über allerhand an Mauern und Toren befindliche
Zeichen und Gott weiß, was sonst noch, den Kopf zerbricht. In den
Hof teilte sich die Sonne bereits mit den Schatten des Nachmittags,
und kleine Knaben mit grünen Weidenzweigen in den Händen rannten,
geräuschlos spielend, hin und her, während die ankommenden Gläubigen
am Eingang zur Moschee in die Kniee fielen. Ich folgte und sah,
wie sie sich in Schiff und Seitenflügel in westlicher Richtung zu
langen Reihen gruppierten. Da standen sie Schulter an Schulter ohne
Unterschied des Ranges, der gelehrte Doktor im Gewande von Seide und
pelzgefüttertem Mantel neben dem zerlumptesten Kameltreiber aus der
Wüste; erkennt doch der Islam, dieser einzige religiöse Freistaat der
Welt, weder Reichtum noch Stand als Unterschied an. Jetzt war die Zahl
zu drei- oder vierhundert angewachsen, und der Imām begann seinen
Gesang. »Gott!« rief er, worauf die Versammelten wie ein einziger Mann
niederfielen und eine Minute lang in stiller Anbetung verharrten, bis
der Hochgesang von neuem ertönte: »Der Schöpfer dieser Welt und der
zukünftigen, Er, der den Gerechten auf den rechten Weg leitet und
den Gottlosen zum Verderben: Gott!« Und als des Allmächtigen Name in
dem Säulengang widerhallte, wie er es nahe an die 2000 Jahre getan,
da warfen sich die Andächtigen abermals nieder, und das Heiligtum
lag einen Moment in tiefem Schweigen. Denselben Abend begab ich mich
zu einer Abendgesellschaft auf die Einladung von Schekīb el Arslān
hin, eines Drusen aus wohlbekannter Familie im Libanon. Auch Poet war
er -- hat er mir nicht ein Exemplar seiner neusten Ode verehrt? Die
Gesellschaft fand im Meidān statt, in dem Hause von Getreidehändlern,
die im Auftrage der Haurān-Drusen Getreide verkaufen, und die in den
politischen Angelegenheiten des Berglandes wohl bewandert sind. Wir
waren 12-14 Personen, Schekīb, ich und die Kaufleute, die nach Art
Wohlhabender blauseidene Gewänder und bestickte gelbe Turbane trugen;
außerdem noch einige, deren ich mich nicht weiter erinnere. Der Raum
war lediglich mit Teppichen, Diwan und Kohlenbecken ausgestattet, was
wirklich bemerkenswert war, denn selbst den Häusern von 'Abd ul Kādir
werden weder die blau und roten Glasvasen erspart, noch auch jene
befransten Matten, die sich wie ein häßlicher Ausschlag inmitten der
Marmortäfelung und auf den Fächern der Gipsetageren ausnehmen. Schekīb
war ein gebildeter und wohlerfahrener Mann, -- war er doch einst bis
nach London gekommen. Er sprach Französisch, bis einer unsrer Wirte ihn
unterbrach:
»O Schekīb! Sie können Arabisch, und die Dame hier auch. Reden Sie
also, daß wir es ebenfalls verstehen.«
Seine Ansichten über türkische Politik waren hörenswert.
»Meine Freunde,« sagte er, »die fremden Nationen sind an dem
Mißgeschick schuld, unter dem wir leiden, sie wollen das türkische
Reich sich nicht frei bewegen lassen. Führt es Krieg, so nehmen sie
ihm die Früchte seines Sieges weg, wie es im Kriege gegen die Griechen
geschah. Was nützt es uns, die aufsässigen Albanesen zu besiegen? Nur
die Bulgaren würden Vorteil davon haben, und die Nachfolger unseres
Propheten (dabei war er ein Druse!) könnten ebensowenig unter dem
Zepter der Bulgaren leben, wie sie unter dem der Griechen auf Kreta
leben möchten. Denn sehen Sie, die Muselmänner von Kreta wohnen
bekanntlich jetzt in Salahiyyeh, und Kreta hat unter ihrem Weggang
gelitten.«
Darin lag so viel Wahres, daß ich wünschte, die Feinde der Türkei
hätten es hören können und würden den Standpunkt intelligenter und gut
unterrichteter Untertanen des Ottomanenreiches wohl in Erwägung ziehen.
[Illustration: Hof der Großen Moschee.]
[Illustration: Dreschplatz in Karyatein.]
Mein letzter Tag in Damaskus war ein Freitag. Nun ist Damaskus an
einem schönen Freitag ein Anblick, der auch einer weiten Reise wert
ist. Die gesamte männliche Bevölkerung paradiert in den besten
Gewändern durch die Straßen, die Geschäfte in Zuckerwaren und die
in getragenen Kleidern florieren, den fertig vorgerichteten Speisen
in den Eßwarenläden entströmen wahrhaft verlockende Gerüche, und
prächtig aufgezäumte Rosse galoppieren den Weg am Flusse Abana
entlang. Am zeitigen Nachmittag bekam ich vornehmen Besuch, als
ersten Mohammed Pascha, den Scheich von Djerūd, letzteres eine Oase
halbwegs nach Palmyra. Djerūdi ist der zweitgrößte Brigant im ganzen
Lande, der größte aber (niemand wird ihm den Rang streitig machen)
ist Fayyād Agha von Karyatein, einer anderen Oase an der Straße nach
Palmyra. Fayyād mag wohl ein schlimmer Bösewicht sein, wenn er mich
auch höflich genug behandelte, als ich seinen Weg kreuzte, Djerūdis
Schurkerei aber ist ganz anderer Art. Dieser große kräftige Mann mit
dem Glasauge war seiner Zeit ein tüchtiger Reiter und Räuber, denn in
seinen Adern fließt arabisches Blut, und sein Großvater entstammte dem
stolzen Geschlecht der 'Anazeh. Aber nun ist er alt, schwerfällig und
gichtisch geworden und wünscht weiter nichts als Frieden, den er jedoch
mit Rücksicht auf sein Vorleben und die Lage von Djerūd, die diese
Oase zu einem günstigen Zufluchtsort für alle unruhigen Geister der
Wüste macht, schwerlich erlangen wird. Er muß sich sowohl mit seinen
arabischen Stammesbrüdern als auch mit der Regierung gut stellen;
während jede dieser Parteien seinen Einfluß auf die andre auszunützen
sucht, muß er selbst von beiden Nutzen zu ziehen suchen, sein Glasauge
auf die Forderungen des Gesetzes, das gesunde auf seinen eignen Vorteil
richten. So wenigstens verstehe ich ihn. In gerechtfertigtem Unwillen
hat mancher Konsul schon vom Vāli seine sofortige Hinrichtung verlangt,
aber zu einem solchen Schritt kann sich der Vāli nicht entschließen,
wenn er auch nicht selten eine besondere Greueltat durch Verhängung
einer Kerkerhaft geahndet hat. Wie er sagt, hat die Regierung in
Djerūdi gelegentlich einen nützlichen Mann gesehen, und -- der Vāli muß
es ja am besten wissen. Zu seinem großen Kummer hat Mohammed Pascha
keine Söhne als Erben seines immensen Reichtums, und die Grünspechte,
in Gestalt einer Schar spekulierender Neffen, sind eine Plage seiner
alten Tage. Neuerdings hat er eine Tochter aus Fayyāds Haus, ein
fünfzehnjähriges Mädchen, geheiratet, aber sie hat ihm kein Kind
geboren. Übrigens kursiert in Damaskus eine hübsche Geschichte von ihm,
auf die jedoch in seinem Beisein nicht angespielt wird. Beim Ausbruch
des letzten Drusenkrieges wurde Djerūdi, der zufälligerweise gerade mit
der Regierung auf gutem Fuße stand und sich im Gebirge wohl auskannte,
mit 30 oder 40 Mann ausgeschickt, um zu rekognoszieren und Bericht
zu erstatten. Das Heer folgte ihm auf dem Fuße. Als er durch ein
Dörfchen nahe bei Ormān zog, lud ihn der Scheich, sein alter Bekannter,
zu Tische. Während er noch im Mak'ad des Mahles harrte, hörte er
die Drusen draußen beraten, ob es nicht geraten sei, ihn bei dieser
Gelegenheit als Beauftragten der türkischen Armee zu töten. Er wünschte
sehnlichst, den Ort zu verlassen, aber die Regeln des guten Tones
forderten, daß er das Mahl auch verzehrte, welches eben bereitet wurde.
Als es endlich erschien, beförderte er es in größter Hast, denn die
Lebhaftigkeit der Beratung draußen erfüllte ihn mit ernster Besorgnis,
bestieg alsdann sein Pferd und ritt davon, ehe noch die Drusen zu einem
Entschluß gekommen waren. Aber plötzlich befand er sich zwischen zwei
Feuern, denn das türkische Heer war eingetroffen, und das erste Gefecht
war im Gange. Djerūdi und seine Genossen suchten in ihrer Verwirrung
hinter einigen Felsen Schutz, und schließlich schlich sich einer nach
dem andern zu dem türkischen Nachtrab zurück. Die Drusen haben den
Vorfall in einem Liede verewigt; es beginnt:
»Djerūdis goldne Rosse sind berühmt,
und schön die Reiter auf der wirren Flucht!
Mohammed Pascha, sage deinem Herrn,
wo sind die Mannen, wo die Waffen?«
Das Lied wird nicht oft vor ihm gesungen.
[Illustration: Tekyah des Nakschibendi.]