beschrieben, und wen es interessiert, der mag wissen, daß sie aus einer
rechtwinkeligen Umfriedigung besteht, die in jeder Ecke einen runden
Turm trägt. Zwischen den Türmen befindet sich eine runde Bastion und
ein viereckiges, inneres Gefängnisgebäude an der Südmauer. In die
Türpfosten sind prächtige Muster in Schlangenlinien eingemeißelt:
Arabesken, Blumen und Blätter mit schreitenden Tieren dazwischen. Die
obengenannten Forscher halten die Ruine für eine Grenzfestung der
Römer, die aus der Zeit vom 2. bis 4. Jahrhundert stammt. Mit absoluter
Sicherheit aber können wir nichts über die Entstehung behaupten,
ebensowenig wie über die unweit davon liegenden Ruinen im Djebel
Sēs, oder über Mschitta oder über irgend ein Gebäude der westlichen
Wüste. Sie alle ähneln einander und zeigen doch wieder bedeutende
Unterschiede, wie ja auch die Kal'at el Beida und die Architektur des
Haurān Gemeinsames haben. Welcher Bildhauer des Gebirges aber würde
seine Phantasie so von allen klassischen Regeln haben abweichen lassen,
wie der Mann, der Abbildungen von Wüstentieren über die Tore der
Weißen Burg setzte? Ein Etwas, das der benachbarten Kunst fremd ist,
geht durch diese Architektur, ein wilderer, freierer Zug, der weniger
geschult, roher, wahrscheinlich auch älter ist als der Geist, der die
Steinmeißelungen von Mschitta schuf. Vorläufig sind alles Vermutungen;
mag auch die Wüste uns ihre Geheimnisse ausliefern, mag man auch
die Geschichte der Safa und der Ruhbeh aus den beschriebenen Felsen
zusammensetzen, noch müssen viele Reisen, noch viele Ausgrabungen an
den syrischen Grenzen, vielleicht auch in Hiran oder Jemen vorgenommen
werden. Nur bemerken will ich noch, daß die Gebäude der Kal'at el
Beida, so wie sie jetzt sind, unmöglich ein und derselben Periode
angehören können. Das Gefängnis ist sicher jüngeren Datums als die
Zwischenwände im Kastell. Während zu den letzteren Mörtel verwendet
worden ist, wie zu dem römischen Fort in Kastal und der Festung in
Muwaggar, besteht das Gefängnis aus trocknem Mauerwerk, wie es im
Haurān üblich ist, und zeigt bildergeschmückte Steine eingefügt, die
sicherlich nicht für den Zweck, dem sie jetzt dienen, hergestellt
wurden. Selbst die Verzierungen am Haupttore des Gefängnisses
bestehen aus entliehenen Steinen; die beiden übereinanderliegenden
Steine des oberen Querbalkens passen weder zueinander noch zu dem
Türrahmen. Jedoch wage ich daraus keinen weiteren Schluß zu ziehen,
als daß beide Vermutungen der Archäologen über den Ursprung der Ruine
richtig sein können, daß sie ein römisches Lager und zugleich eine
Ghassanidenfestung gewesen ist.
[Illustration: Gefängnistür, Kal'at el Beida.]
Der Rand des Lavaplateaus ragt einige Fuß über die Ebene hinaus. Längs
dieser natürlichen Schanze befinden sich noch andere Gebäude, aber
keins kommt an architektonischem Interesse der Weißen Burg gleich. Ihre
Mauern bestehen aus sorglos aufgeschichteten, viereckigen Lavablöcken
ohne Mörtel, während die Burg aus einem grauweißen Gestein hergestellt
wurde, das teilweise mit Mörtel verbunden ist. Das einzige bedeutendere
Gebäude, das ich besichtigte, lag etwas nördlich; sein Dach hatte nach
haurānischer Art aus Steinplatten bestanden, die auf querlaufenden
Bogen ruhten. In Zwischenräumen standen längs der Lava auch kleine
Türme wie Schilderhäuschen, die den Zugang zu der Burg schützten und
ebenfalls aus trocknem Mauerwerk bestanden, das heißt, ohne Mörtel
geschichtet waren.
[Illustration: Simse aus der Kal'at el Beida und aus Palmyra. Der
aufrechtstehende Steinblock stammt aus dem Kal'at el Beida.]
Eine Rast von wenigen Stunden war alles, was wir uns gestatten konnten,
denn wollten wir die Nacht nicht in der offnen Safa verbringen, mußte
uns vor Einbruch der Dämmerung unser Ghiāthlager wieder in Sicht sein.
Rasch verzehrten wir die Reste der fünf von Umm Ruweik mitgebrachten
Hühner -- sie waren mit den Röhren der wilden Zwiebel gewürzt, die
'Awād in der Lava gefunden hatte -- und traten dann den Heimweg an.
Wir legten die 4¾stündige Wegstrecke gerade in der richtigen Zeit
zurück, das heißt, wir sahen den Rauch der Lagerfeuer, noch ehe es
dunkelte, und richteten uns danach. Über eine Anzahl freier Plätze
gelangten wir schließlich zu den Zelten. Diese gesäuberten Stellen in
der Wüste sind die Marāh (frühere Lagerplätze) der 'Anazeh, die ihre
Zelte in der Safa aufzuschlagen pflegten, ehe die Drusen sich vor mehr
als hundert Jahren im Gebirge niederließen. Wenigstens ein Jahrhundert
lang sind also diese Marāh sichtbar geblieben und werden es noch viele
Jahrhunderte lang sein. Es blies ein kalter Wind an diesem Abend, und
obgleich die Hauptwand des Zeltes so gedreht war, daß sie uns schützte,
verbrachten wir doch eine recht ungemütliche Nacht. Mehrere Male weckte
mich die Kälte und brachte mich dadurch zum Bewußtsein eines Gefühles,
als hätte ich mich auf einen Ameisenhaufen schlafen gelegt. Wie es
die Araber ermöglichen, in ihren Habseligkeiten so viele Flöhe zu
beherbergen, ist mir ein unlösbares Rätsel. Außer den Zeltwänden bleibt
den Tierchen wirklich kein passender Zufluchtsort, und wenn diese
Wände herabgenommen werden, so müssen sie tatsächlich eine weit über
die gewöhnliche Flohgeschicklichkeit und -behendigkeit hinausgehende
Kunstfertigkeit zeigen, um sich mit zusammenpacken und an den nächsten
Lagerplatz bringen zu lassen, aber daß sie dieser Aufgabe gewachsen
sind, weiß jeder, der eine Nacht in solchem Haarhause zugebracht
hat. Nach den zwei Nächten bei den Ghiāth erschienen unsre Zelte, die
wir am nächsten Nachmittag wieder erreichten, ein wahres Paradies von
Luxus, und ein Bad der Gipfel eines sybaritischen Lebens, selbst wenn
man es bei einer Temperatur von mehreren Grad unter dem Gefrierpunkt
nehmen mußte.
[Illustration: Tor, Schakka.]
Auf unsrer Heimreise ereignete sich ein Zwischenfall, der des Erzählens
wert ist, da er die drusischen Sitten charakterisiert. Dieses Volk
wird, wie schon früher erwähnt, in Eingeweihte und Uneingeweihte
eingeteilt. Für den Fremden besteht der Hauptunterschied zwischen
beiden darin, daß die Eingeweihten sich des Tabakgenusses enthalten;
so hatte ich an dem in Sāleh verbrachten Abend bemerkt, daß kein Glied
von Mohammed en Nassārs Familie rauchte. Ich war daher nicht wenig
erstaunt, als Fāiz, sobald er sich mit Michaïl und mir allein befand,
den ersteren um eine Zigarette bat. Auf meine Entschuldigung, ihm nicht
schon früher eine angeboten zu haben, weil ich geglaubt, daß ihm das
Rauchen verboten sei, blinzelte Fāiz mit seinen schiefen Augen und
erwiderte, daß es wohl an dem sei, und daß er auch in Gegenwart eines
anderen Drusen keine Zigarette annehmen würde, da aber keiner seiner
Religionsgenossen anwesend, fühle er sich frei zu tun, was ihm beliebe.
Er bat mich jedoch, seinem Bruder gegenüber dieses seines Sprunges vom
Pfade der Tugend nicht zu erwähnen. In dieser Nacht schmiedete ich
im Mak'ad von Umm Ruweik mit den drei Scheichs noch manchen Plan zur
weiteren Erforschung der Safa; wir setzten die Zahl der mitzunehmenden
Kamele fest, ja bestimmten sogar die Geschenke, mit denen ich am Ende
der Reise meine Begleiter belohnen sollte. Wenn mir die Wahl bleibt,
sollen Fāiz und 'Ahmed und Chittāb jedenfalls an der Expedition
teilnehmen.
Am nächsten Tag, früh 9½ Uhr, begannen wir unsern dreitägigen Ritt nach
Damaskus.
Von Umm Ruweik habe ich nur noch hinzuzufügen, daß gerade vier Tage
dazu nötig waren, bei den Einwohnern Geld genug zum Wechseln eines
Goldstückes zusammenzubringen. Wir hatten zwar einen Sack voll Silber
und Kupfermünzen aus Jerusalem mitgebracht, aber als dieser Vorrat
erschöpft war, bereitete uns das Bezahlen unsrer Schulden die größte
Schwierigkeit -- es ist dies ebenfalls einer der »Winke für Reisende«,
die Michaïl mich bat, meinem Buche einzuverleiben. Wir ritten an den
herrlichen Hängen hin, die überall da, wo kein Schnee mehr lag, mit der
himmelblauen Iris Histrio bedeckt waren, und verbrachten dann einige
Stunden in Schakka, dem Hauptzentrum von de Vogüés archäologischer
Arbeit. Die Basilika, die er in seinem Werke noch als fast vollständig
erhalten hinstellt, ist inzwischen gänzlich verfallen, nur die Fassade
ist verblieben; aber die Kaisariēh steht noch, ebenso das Kloster,
welches er für eins der ältesten noch existierenden Klostergebäude
hält. Wir kamen über Hīt, ein interessantes Dorf mit einem schönen
vorarabischen Hause, in dem der Scheich wohnt, und übernachteten in
Bathaniyyeh bei so starkem Frost, daß ich zitternd ins Bett kroch. Um
einige von meiner früheren Reise her gebliebenen Lücken auszufüllen und
zu sehen, was für Gebäude an der Nordabdachung des Gebirges zu finden
sind, machte ich am nächsten Tage einen Umweg nach Hayat, dessen schöne
Kalybeh (Ruine) von de Vogüé beschrieben worden ist. Die altertümlichen
Dörfer bevölkern sich jetzt schnell, und in wenigen Jahren wird keine
Spur ihrer Baudenkmäler mehr vorhanden sein. Allmählich gelangten wir
in die Ebene und stießen bei Lahiteh auf die von Schaba nach Damaskus
führende Ledschastraße, der wir bis nach Brāk, dem letzten Dorfe des
Haurān, folgten. Hier befindet sich ein aus ungefähr 20 Soldaten
bestehender Militärposten. Knapp vor dem Orte kauerte ein kleines
Drusenmädchen am Wege und weinte bei unserm Anblicke vor Furcht. »Ich
bin ein Mädchen!« rief sie, »ich bin ein Mädchen!« Ihre Worte warfen
einen bedenklichen Schatten auf das türkische Regiment, unter dem
wir uns wieder befanden. In der Nähe des Forts begegneten wir zwei
aus Damaskus zurückkehrenden Drusen. Sie grüßten freundlich, und ich
fragte:
»Geht's dem Gebirge zu?«
Sie erwiderten: »Bei Gott! Gott schütze dich!«
Darauf fügte ich noch hinzu: »Ich komme von dort -- grüßt es von mir!«
worauf sie antworteten:
»Gott grüße dich! Gehe in Frieden!«
Nie wird der Reisende das Drusenland ohne ein Gefühl des Schmerzes
verlassen, nie auch ohne das ernste Gelübde, sobald als möglich dorthin
zurückzukehren.
[Illustration: Haus des Scheich, Hayāt.]
Nachdem wir unter dem schützenden Auge des Sultans vorübergezogen
waren, stellte es sich heraus, daß mir für den nächsten Tag ein Weg
durch ein recht gefährliches Stück Land bevorstand. Die Zirkassier
und Türken von Brāk (die Türken waren liebenswürdige Leute aus dem
nördlichen Kleinasien) redeten mir ernstlich ab, den kürzeren Weg
über die Berge nach Damaskus zu wählen, so ernstlich, daß ich den
Gedanken beinahe aufgegeben hätte. Die Hügel sollten von Räubern
wimmeln, in der jetzigen Jahreszeit aber von arabischen Lagern gänzlich
verlassen sein, so daß die Wegelagerer schalten und walten konnten,
wie sie wollten. Glücklicherweise hörten wir am andern Morgen, daß
eine Kompagnie Soldaten über die Berge nach Damaskus reiten würde,
und dieses Gerücht ermutigte uns, in ihrem Schutz desselben Wegs zu
ziehen. Sie kamen uns nicht zu Gesicht; ich glaube auch gar nicht
an ihr wirkliches Vorhandensein. Dagegen sahen wir gerade auf dem
schlimmsten Stück des Weges ein paar schwarze Zelte zum Trost, die
Räuber aber müssen anderweitig beschäftigt gewesen sein, denn sie
erschienen nicht. Zweierlei war mir interessant zu beobachten, erstens
nämlich, daß das Wüstenleben sich bis auf wenige Meilen vor Damaskus
erstreckt, eine Tatsache, die mir früher, als ich auf der Hauptstraße
reiste, entgangen war, und zweitens, daß der Friede des Sultans, wenn
man es überhaupt Friede nennen kann, fast an den Mauern der syrischen
Hauptstadt aufhört. Wir kreuzten den Nahr el 'Awadj, den alten Pharpar,
und erreichten kurz nach Mittag das zirkassische Dorf Nedja. Hier
machte ich Halt, um mein Frühstück unter einigen Pappeln einzunehmen,
der ersten Baumgruppe, die ich seit meiner Abreise von Salt gesehen.
Wie man auch nach Damaskus kommt, ob auf einem Richtweg oder auf
der Chaussee, ob vom Haurān oder von Palmyra -- immer scheint die
Entfernung weiter als nach irgend einem anderen bekannten Ort.
Vielleicht liegt es daran, daß der Reisende so begierig ist, die große,
prächtige Araberstadt zu erreichen, die in einen Kranz von Obstbäumen
eingebettet liegt und von dem Geriesel rinnenden Wassers erfüllt ist.
Aber bei Geduld nimmt auch der längste Weg endlich ein Ende, und so
erreichten auch wir endlich die Aprikosengärten und das Bawābet Ullah,
die Tore Gottes, und schritten hinein in das Meidān, das große Viertel
voll Läden und Karawansereien, das sich wie der Stiel eines großen
Löffels bis in die Schüssel hinein erstreckt, in der die Minarets und
Kuppeln der vornehmen Stadtteile liegen. Um 4 Uhr war ich im Hotel
Viktoria einquartiert und hielt die Briefe und Zeitungen eines ganzen
Monates in Händen.
Siebentes Kapitel.
Als ich Damaskus vor fünf Jahren besuchte, war Lütticke, Chef des
Bankhauses gleiches Namens und deutscher Honorarkonsul, mein Ratgeber
und bester Freund, ein Freund, dessen Tod gewiß von manchem Besucher
Syriens beklagt wird. Durch eine ganz zufällige Bemerkung klärte er
mich darüber auf, welche Rolle die Stadt in der arabischen Geschichte
gespielt hat und noch spielt. »Ich bin überzeugt,« sagte er, »daß
Sie in und um Damaskus die edelste arabische Bevölkerung finden, die
es überhaupt gibt. Es sind dies die Nachkommen der ursprünglichen
Einwanderer, die bei der Eroberung des Landes von der ersten großen
Kriegswoge hierhergeschwemmt wurden, und die ihr Blut fast ganz rein
erhalten haben.«
Mehr als alle anderen großen Städte muß Damaskus die Hauptstadt der
Wüste genannt werden. Bis an die Tore erstreckt sich die Wüste, jeder
Windstoß trägt ihren Atem über die Mauern, mit jedem Kameltreiber
dringt ihr Geist durch die östlichen Tore herein. In Damaskus haben
die Scheichs der reicheren Stämme ihre Stadtwohnungen. Sie können
Mohammed von den Haseneh oder Bassān von den Beni Raschid sehen, wie
er an einem schönen Freitag im goldgestickten Mantel an den Bazars
hinabstolziert. Die purpur- und silberfarbenen Tücher, die seine Stirn
schmücken, sind mit golddurchflochtenen Kamelshaarschnuren umwunden.
Sie tragen ihre Häupter hoch, diese Herren der Wildnis, wenn sie
durch die festtägliche Menge schreiten, die sich öffnet, um ihnen
Raum zu geben, als wäre ganz Damaskus ihr eigen. Und das ist es ja
eigentlich auch, denn es war die erste Hauptstadt aller der außerhalb
der Provinz Hedschas wohnenden Beduinenkalifen und ist der Schauplatz
und die Bewahrerin der heiligsten Traditionen Arabiens. Als eine der
ersten der weltbekannten Städte fiel Damaskus der unwiderstehlichen
Tapferkeit der Wüste zum Opfer, die Mohammed zu den Waffen gerufen,
der er ein Ziel gesteckt und einen Schlachtruf gegeben hatte, und es
war die einzige, die unter der Herrschaft des Islam ebenso bedeutend
blieb, wie sie während des römischen Kaiserreichs gewesen. Mu'āwiyah
machte es zu seiner Hauptstadt, und es verblieb in dieser Würde, bis
etwa neunzig Jahre später das Haus Ummayah gestürzt wurde. Es war
die letzte mohammedanische Hauptstadt, die in Übereinstimmung mit
den Traditionen der Wüste herrschte. Persische Generale setzten die
Beni Abbās auf ihren Thron in Mesopotamien, persischer und türkischer
Einfluß begann in Bagdad vorzuherrschen, und mit ihm schlich sich
der so verhängnisvolle Luxus ein, den die Wüste nie gekannt, und
dem auch die früheren Kalifen nicht gehuldigt haben, die ihre
Ziegen noch selbst melkten und ihre Siegesbeute unter die Gläubigen
verteilten. Schien doch selbst der Boden von Mesopotamien eine Luft
auszuströmen, die keine Mannhaftigkeit aufkommen ließ. Die alten
Geister der babylonischen und assyrischen Palastintrige entstiegen
ihren schmutzigen Gräbern wieder und versuchten, mächtig im Bösen, den
Soldatenkalifen zu stürzen, ihn seiner Rüstung zu entkleiden und ihm
Hände und Füße mit Fesseln von Gold und Seide zu binden. Damaskus,
das von dem frischen, reinigenden Wüstenwind durchfegte, kannte das
alles nicht, es hatte das Reich des Propheten mit dem an spartanische
Strenge gemahnenden Geist der früheren Tage regiert. Kein Parvenü, wie
die Hauptstädte am Tigris, hatte es Könige und Kaiser in seinen Mauern
gesehen, den Unterschied zwischen Kraft und Schwäche kennen gelernt und
erprobt, welcher Weg zur Herrschaft und welcher zur Sklaverei führt.
[Illustration: In der palmyrischen Wüste.]
Bei meiner Ankunft wurde ich mit der Nachricht begrüßt, daß Se.
Exzellenz, Nāzim Pascha, der Generalgouverneur von Syrien, sich in
großer Erregung über meine Reise in den Haurān befinde, ja gerüchtweise
verlautete sogar, daß der vielbeschäftigte und sich in schwieriger
Stellung befindende Herr über mein plötzliches Erscheinen in Salchad
ungewöhnlich ärgerlich gewesen und sich ins Bett verfügt habe, sobald
ich den Bereich von Jūsef Effendis wachsamen Augen verlassen. Andere
freilich vermuteten den wahren Grund von Sr. Exzellenz plötzlichem
Unwohlsein in dem Wunsch, nicht an der Trauerfeier für den Großfürsten
Sergius teilnehmen zu müssen. Sei dem, wie ihm wolle, am Tage meiner
Ankunft schickte mir der Vāli einen sehr höflichen Brief, in dem er die
Hoffnung ausdrückte, daß ich ihm das Vergnügen meiner Bekanntschaft
zuteil werden lasse.
[Illustration: Große Moschee und Dächer vom Fort aus.]
Ich muß gestehen, daß es hauptsächlich ein Gefühl der Reue war, mit
dem ich das große, neue Haus betrat, das Se. Exzellenz sich draußen
vor der Vorstadt Salahijjeh erbaut hat, die sich am Fuße der nördlich
von Damaskus liegenden kahlen Hügel ausbreitet. Ich hegte den großen
Wunsch, mich zu entschuldigen, oder wenigstens zu zeigen, daß ich nicht
als vorsätzlicher Feind zu betrachten sei, und dieser Wunsch wurde
nur noch verstärkt durch die Freundlichkeit, mit der ich empfangen
wurde, und durch die Achtung, die der Vāli jedem einflößt, der ihn
kennen lernt. Er ist ein ziemlich nervöser Mann, der immer auf die
Schwierigkeiten gefaßt ist, mit denen seine Provinz ihn reichlich
genug versieht, dabei gewissenhaft und auch aufrichtig, wie ich
glaube, und stets ängstlich bemüht, Interessen zu vereinigen, die oft
so schwer zu verschmelzen sind, wie Essig und Öl. Ein Winkel seines
Auges aber bleibt unablässig auf seinen königlichen Herrn geheftet,
der wohl darauf bedacht ist, eine so hervorragende Persönlichkeit,
wie Nāzim Pascha, in gehöriger Entfernung vom Bosporus zu halten.
Obgleich die gewöhnliche Amtsdauer nur fünf Jahre beträgt, befindet
sich der Generalgouverneur bereits acht Jahre in Damaskus und hat
augenscheinlich auch die Absicht, hier zu bleiben, wenn kein Unfall
dazwischenkommt, denn er hat sich ein großes Haus gebaut und plant
einen schönen Garten, dessen Anlage ihn hoffentlich von den ihn
beschäftigenden Angelegenheiten abzieht, die nur selten erfreulicher
Natur sein dürften. Der beste Schutz für ihn ist sein lebhaftes
Interesse am Bau der Heddjasbahn, an der auch der Sultan großen Anteil
nimmt. Solange sie nicht vollendet oder aufgegeben worden ist, wird
es der Sultan für nützlich erachten, den Vāli an seinem Platz zu
belassen.[7]
[7] Seit ich diese Zeilen schrieb, ist der Vāli durch eine Drehung des
politischen Rades nach unten gekommen und hat jetzt eine Stellung auf
der Insel Rhodus inne.....
Trotz des Widerstandes des Emirs von Mekka und seiner ganzen Sippe, die
dem Sultan noch immer kein gesetzmäßiges Anrecht auf das Kalifat des
Islam zugestehen wollen, und die ihn gern von jeder näheren Berührung
mit ihren heiligen Städten fernhalten wollen, glaubt der Bazar, das
ist die öffentliche Meinung, nicht, daß man das Bahnprojekt fallen
lassen wird. Der Bazar gewährt dem Sultan Rückhalt gegen den Emir und
alle seine anderen Gegner, seien es geistliche oder weltliche. Die
Mühlen des Türken mahlen langsam und stehen oft still, besonders wenn
arabische Stämme das Mahlkorn sind, die durch ihre privaten Zänkereien,
Verdächtigungen und Anmaßungen schon morsch geworden. Die türkische
Politik ähnelt der, von der Ibn Kulthum singt:
»Wenn unsre Mühle in einem Volke aufgestellt ist, so ist es wie Mehl
schon vor unserem Kommen.
Unser Mahltuch ist ostwärts von Nedj ausgebreitet, und unser Korn
ist der ganze Stamm Kuda'a.
Wie Gäste seid ihr vor unsrer Tür abgestiegen, und wir haben euch
Gastlichkeit gewährt, daß ihr euch nicht gegen uns kehrtet.
Wir haben euch Willkomm geboten, schnellen Willkomm: ja, vor Tag,
und unsre Mühlen mahlen fein.«
Nāzim Pascha spricht nicht Arabisch, obgleich er acht Jahre in Syrien
gelebt hat. Wir in Europa sprechen von der Türkei als von einem
geschlossenen Ganzen, begehen aber damit denselben Fehler, als wenn
wir in den Namen England Indien, die Schanstaaten, Hongkong und Uganda
mit einbegreifen wollten. Versteht man unter Türkei ein Land, das
hauptsächlich von Türken bewohnt ist, so gibt es keine Türkei. Der
Teile des Landes, in denen der Türke in der Majorität ist, sind wenige;
im allgemeinen nimmt er die Stellung eines Widersachers ein, der mit
einer Handvoll Soldaten und einer leeren Börse ein zusammengewürfeltes
Gemisch von Untertanen regiert, die nicht nur ihm, sondern auch
einander feindlich gesinnt sind. Er kennt ihre Sprache nicht, und es
ist widersinnig, von ihm besondere Sympathie für ihre politischen und
religiösen Wünsche zu erwarten, die ihm noch dazu gewöhnlich unter
Musketengeknatter bekannt gegeben werden. Richten sich, wie es nicht
selten geschieht, die Kugeln der einen aufsässigen, ungebärdigen
Partei gegen eine andere ebenso aufsässige und ungebärdige, so wird
die Regierung wohl nicht viel Bedauern über den daraus folgenden
Verlust an Menschenleben empfinden. Wenn dem Türken freier Lauf
gelassen wird, so zeigt er großen Sinn für die Segnungen des Gesetzes
und der Ordnung. Man beobachte nur die inneren Einrichtungen in
einem türkischen Dorfe und man wird sehen, daß der Türke versteht,
Verhaltungsmaßregeln zu geben und sie zu befolgen. Ich glaube, daß die
besten unsrer eingebornen Lokalbeamten in Ägypten Türken sind, welche
unter dem neuen Regime ihren gesunden Verstand und ihre natürlichen
Gaben zum Regieren, die unter der alten Herrschaft brachliegen mußten,
erst recht zur Geltung gebracht haben. In den oberen Ämtern hat sich
die Hierarchie der ottomanischen Regierung sehr mangelhaft bewiesen.
Und wer hält diese oberen Ämter besetzt? Griechen, Armenier, Syrer
und Personen anderer Nationalitäten, die im Osten allgemein (und nicht
ohne Grund) als nicht vertrauenswürdig gelten. Und in der Tatsache, daß
solche Männer bis auf die oberste Stufe der Leiter steigen, liegt der
Grund zu den Mißerfolgen des Türken. Er kann wohl eine Dorfgemeinde
organisieren, aber im großen Maßstabe herrschen, -- das kann er
nicht. Vor allem versteht er nicht, in moderner Weise zu regieren und
wird doch unglücklicherweise mehr und mehr mit fremden Nationen in
Berührung gebracht. Sind doch seine eigenen Untertanen bereits vom
Fortschritt angesteckt worden! Die Griechen und Armenier sind Kaufleute
und Bankiers geworden, die Syrer Kaufleute und Grundbesitzer; nun
aber sehen sie sich an allen Ecken und Enden durch eine Regierung
gehemmt, die nicht begreifen kann, daß eine Nation nur reich wird,
wenn sie reiche Untertanen ihr eigen nennt. Und doch weiß man trotz
aller ihrer Fehler niemand, der wirklich geeignet wäre, die Türken
zu ersetzen. Ich spreche hier nur von Syrien, der Provinz, mit der
ich am besten vertraut bin. Welchen Wert haben die großen arabischen
Bündnisse und die begeisternden Schriften, die sie in ausländischen
Druckereien herstellen lassen? Die Antwort ist sehr leicht: sie haben
gar keinen Wert. Denn es gibt überhaupt keine arabische Nation; ein
weiterer Abgrund trennt den syrischen Kaufmann vom Beduinen als vom
Osmanen, und das syrische Land ist von allerlei arabisch sprechenden
Völkerschaften bewohnt, die am liebsten einander an den Hals springen
würden, wenn sie nicht an der Ausführung dieser ihrer natürlichen
Instinkte durch die zerlumpten, halb verhungerten Soldaten gehindert
würden, die nur in langen Pausen des Sultans Sold in Empfang nehmen.
Und diese Soldaten, mögen sie nun Kurden, Zirkassier oder Araber aus
Damaskus sein, sind viel mehr wert als der Lohn, der ihnen zuteil
wird. Andere Armeen mögen meutern, die türkische steht stets treu zu
ihrem Kalifen; mögen andere vor Leiden, Seuchen und Entbehrungen die
Waffen strecken, der türkische Soldat geht vorwärts, solange er sich
aufrecht erhalten kann, er kämpft, solange ihm Waffen zu Gebote stehen
und siegt, solange er Führer hat. Er gibt nichts Bewundernswerteres
und Mitleiderregenderes als ein türkisches Regiment auf dem Marsche:
Graubärte neben halbflüggen Knaben, schlecht gekleidet, oft barfuß,
geknechtet, abgemattet -- und unbesiegbar. Siehst du sie vorüberziehen,
so rufe ihnen zu: Ihr seid von dem Stoff, aus dem in den Tagen, da der
Krieg noch mehr eine Kunst als eine Wissenschaft war, die Weltbezwinger
gemacht waren.
[Illustration: Kornmarkt.]