ich in die Steppe Ruhbeh hinüberreiten, wenn ich mich nur von ihm,
seinem Sohne Ahmed und Fāiz begleiten lassen wollte. Den Vorschlag,
eine größere Eskorte mitzunehmen, wies er voll Hohn von sich. Beim
Himmel, die Ghiāth waren seine Diener, seine Leibeignen, und würden
uns aufnehmen, wie es den Edlen gebührt, und uns das prächtigste
Unterkommen anweisen. Ich speiste mit Gischgāsch, der keine Weigerung
gelten ließ, und lernte ihn als einen gutmütigen, ruhmredigen,
beschränkten und gesprächigen Menschen kennen, dessen ganzes
Geschwätz nicht so viel wert war, wie ein einziger Satz von Fāiz.
Der letztere war ziemlich schweigsam, auch Ahmed sprach nicht viel,
aber das wenige war verständig und hörenswert. Gischgāsch erzählte
Wunderdinge von der Safa und von dem, was sie enthielt. Außer den
bereits bekannten Ruinen war nichts darin zu finden, wie er sagte,
aber wenn man eine Tagereise ostwärts von der Ruhbeh ritt, würde man
an einen Steinbruch und ein verfallenes Kastell kommen, das der Weißen
Ruine von Ruhbeh, unserm jetzigen Ziele, ganz ähnlich, nur kleiner
und weniger gut erhalten war. Darüber hinaus aber erstreckte sich die
Hamad, ganz ohne Wohnungen und Ruinen, die große Wüste, die selbst die
tapfersten Araber im Sommer wegen gänzlichen Wassermangels verlassen
mußten. Mein Herz verlangte nach der geheimnisvollen Ruine östlich der
Ruhbeh, die wahrscheinlich noch keines Reisenden Auge erblickt hatte,
aber die Reise war zu weit, als daß man sie ohne Vorbereitungen, nur
auf die Eingebung eines Augenblicks hin, hätte unternehmen können.
»Wenn Sie das nächste Mal wiederkommen, meine Dame --«. Ja, wenn ich
wiederkomme. Aber bei einer zweiten Gelegenheit werde ich mich nicht
wieder auf die üppige Verpflegung der Ghiāth verlassen.
[Illustration: Tempel, Kanawāt.]
Nach einer Beratung beschloß ich, Michaïl und Habīb mitzunehmen, den
letzten auf seine ausdrückliche Bitte. Er wollte sein bestes Maultier
reiten, versicherte er, das mit jedem Pferd Schritt halten und außerdem
noch die Decken und die fünf Hühner tragen würde, die wir als Ergänzung
der Gastfreundschaft der Ghiāths mitnahmen. Ich hatte einen Pelzmantel
hinter meinem Sattel aufgeschnallt, und die Satteltaschen bargen wie
gewöhnlich eine Kamera und ein Notizbuch. Ungefähr eine Stunde lang
ritten wir steile Abhänge hinab. Unterwegs gesellten sich drei weitere
Drusen zu Pferde zu uns. Ich bemerkte wohl, daß die Scheichs sie der
von ihnen selbst vorgeschlagenen Eskorte noch zugefügt hatten, machte
aber keine Bemerkung. Einer der drei war ein Verwandter von Gischgāsch,
mit Namen Chittāb; er war mit Oppenheim gereist und erwies sich als
ein angenehmer Gesellschafter. Wir ritten durch das zu Gischgāschs
Dorf gehörige Ackerland und dann fast ganz kahle Hänge hinab, die
trotzdem den von Arabern gehüteten Herden noch genug Weide boten, und
betraten am Fuße des Berges ein flaches, steiniges Tal, in dem sich
eine kleine Niederlassung und noch weitere Schafherden befanden, die
ihre armselige Nahrung zwischen dem Geröll suchten. Eine Stunde lang
wand sich das Tal zwischen vulkanischen Felsen dahin, dann betraten
wir die große Einöde der Safa. Sie ist fast ganz eben. Die Oberfläche
zeigt flache, sanft gebogene Wellen, gerade tief genug, um dem in
der Senkung befindlichen Reiter den Ausblick auf die Landschaft zu
verwehren. So kann eine Stunde oder mehr vergehen, ohne daß er mehr
sieht, als rechts und links, wenige Fuß über seinem Haupte, die einen
schmalen Himmelsstrich begrenzende schwarze Steinlinie. Die Wellen sind
planmäßig angeordnet; sie bilden fortlaufende wasserlose Täler, deren
jedes dem Araber mit Namen bekannt ist. Wellental sowie Wellenberg
sind mit vulkanischen Steinen bedeckt, die an Größe von sechs Zoll bis
zu einem Meter Durchmesser und mehr variieren. Wo sie Lücken lassen,
sieht man den harten, gelben Boden durchschimmern, auf dem sie liegen,
und der an Farbe dem Seesande gleicht. Ganz spärlich drängt sich eine
kümmerliche Flora durch die Steine, Hamad und Schih und Hadscheineh,
hier und da auch ein winziges Geranium, Tulpenblätter oder die
Sternchen des Knoblauchs; im allgemeinen aber liegen die Steine so eng
aneinander, daß auch das schlankste Pflänzchen nicht Platz dazwischen
findet. Schwarz, glatt und eckenlos sind diese Steine, als wären sie in
einem Wasserlauf abgeschliffen worden; wenn die Sonne scheint, flimmert
die Luft über der Steppe wie über einer Fläche geschmolzenen Metalls,
und im Sommer läßt sich dieser Vergleich noch weiter ziehen, denn die
erbarmungslose Glut soll fast unerträglich sein. Ganz unmöglich wäre
es, über die Safa zu kommen, wenn sie nicht von zahllosen kleinen
Pfaden durchkreuzt würde. Sie sind so schmal und undeutlich, daß der
Reiter sie zunächst gar nicht bemerkt, bald aber wundert er sich, warum
vor ihm und seinem Tier gerade noch Platz genug zum Weiterschreiten
ist, und sieht ein, daß er einen Weg verfolgt. Die wandernden Füße
zahlloser Generationen haben die Tuffsteine ganz allmählich zur Seite
geschoben und es möglich gemacht, durch dieses Steinmeer zu reisen.
[Illustration: Tor der Basilika, Kanawāt.]
Wir folgten der Bodensenkung Ghadīr el Gharz und trafen nach zwei
Stunden auf einen zerlumpten Menschen, der den Namen Gottesherz führte.
Er war außerordentlich erfreut, uns zu sehen, dieser Gottesherz, denn
er war ein langjähriger Freund der Familie (wenigstens 80 Jahre, sollte
ich meinen), und groß war sein Staunen, als er mich in der Kavalkade
entdeckte. Damit hörte seine Verwunderung aber auch schon auf, denn
daß ich Engländerin sei, wie sie ihm sagten, machte keinen Eindruck
auf ihn, da sein Gemüt mit den Namen und der Geschichte fremder Völker
gänzlich unbelastet war. Wir erfuhren von ihm, daß wir Wasser ganz in
der Nähe und arabische Zelte in einer Entfernung von höchstens zwei
Stunden finden würden, dann wünschte er Gischgāsch Gottes Frieden, und
möge auch die Fremde bei ihm in Frieden ziehen. Was die Zelte anbetraf,
so hatte er gelogen, dieser Gottesherz, oder wir hatten ihn falsch
verstanden, aber das Wasser fanden wir in Gestalt eines schlammigen
Tümpels, an dem wir in Gesellschaft einer Kamelherde frühstückten.
Europäischen Anforderungen entsprechendes Trinkwasser gibt es in der
Safa ebensowenig wie im Djebel Druz. Gebirgsquellen im letzteren sind
unbekannt, der Wasservorrat wird in offenen Löchern gesammelt, und der
Reisende kann sich glücklich preisen, wenn ihm nicht eine Flüssigkeit
zum Trinken geboten wird, in der er eben Kamele und Maultiere sich
hat wälzen sehen. Im besten Falle ist das Wasser wenigstens stark mit
Fremdstoffen versetzt, die selbst das Kochen nicht entfernt, wenn
es sie auch verhältnismäßig unschädlich macht. Tee, der mit dieser
Flüssigkeit bereitet worden, ist dick und von eigenem Geschmack; er
sieht aus wie trüber Kaffee und hinterläßt einen Bodensatz in der
Tasse. Michaïl führte für mich einen irdenen Krug mit gekochtem Wasser
von Quartier zu Quartier mit, und da ich mich konsequent weigerte,
unterwegs aus etwaigen Tümpeln und Wasserlöchern zu trinken, zwang
ich ihn, diese Vorsichtsmaßregel auch während meiner Reise durch die
Safa fortzusetzen. Er und die Drusen und die Maultiertreiber tranken,
gleichviel ob in der Wüste oder im Gebirge, alles, was ihnen vor Augen
kam, und schienen keine üblen Folgen davon zu verspüren. Wahrscheinlich
waren die Keime, die die Männer bei ihrem leichtsinnigen Trinken
hinabschluckten, so zahlreich und tatkräftig, daß sie genug zu tun
hatten, einander umzubringen.
Weiter und weiter ritten wir, über alle Steine der Welt. Selbst
Gischgāsch verfiel in Schweigen oder sprach nur, um seine Verwunderung
auszudrücken, daß wir die Zelte der Ghiāth noch immer nicht erreichten.
Chittāb war der Meinung, daß wir sie schon sehen würden, wenn wir den
Kantarah, den Bogen, erreichten, und ich spitzte die Ohren bei der
Erwähnung eines Namens, der auf irgend ein Bauwerk schließen ließ.
Aber der Kantarah war nichts als eine nur wenig über ihre Umgebung
hervorragende Erhöhung, die eben so steinig war, wie alles übrige.
Solcher Hügel gibt es viele, meist führt ein Pfad zur Spitze, den
die Araber auf dem Bauche liegend hinaufrutschen, um nach Feinden
Umschau zu halten. Sie selbst sind dabei durch den kleinen schwarzen
Steinhaufen verdeckt, der als bleibende Bastion auf dem Gipfel
errichtet worden ist. Im Sommer wimmelt die Safa von Räubern. Große
Stämme, wie die 'Anazeh, durchstreifen sie, führen bald im Norden,
bald im Süden einen plötzlichen Streich gegen irgend einen Feind und
quälen die Ghiāth im Vorbeigehen. Da es in der unvergleichlichen Glut
der Steinwüste nur sehr wenig Wasserplätze gibt, sind sowohl die Räuber
als auch diejenigen Ghiātharaber, die noch in der Safa zurückgeblieben,
gezwungen, in der Dämmerung die gleichen schlammigen Löcher
aufzusuchen: kein Wunder, daß die Tage und Nächte der Ghiāth durch
beständige Furcht vergällt werden, bis endlich die großen Stämme wieder
ostwärts in die Hamad ziehen. Auch von dem Kantarah aus erblickten
wir keine Spur von Zelten, und es begann immer wahrscheinlicher zu
werden, daß wir mitten in den Steinen unter dem frostklaren Himmel
eine wasserlose Nacht würden verbringen müssen, als ungefähr eine
Stunde vor Sonnenuntergang Chittāb plötzlich nach Nordwesten hin Rauch
von Lagerfeuern entdeckte. Wir ritten ein gut Stück zurück, so daß
der von uns zurückgelegte Weg schließlich einen Halbkreis bildete,
und erreichten die Zelte gerade nach Einbruch der Nacht nach einer
neunstündigen Tagereise. Mit den Ziegen und Kamelen, die eben von ihrer
mühseligen Tagesweide heimkehrten, stolperten wir über die Steine
mitten in das kleine Lager hinein, das so ärmlich aussah und doch so
sehnsüchtig von uns herbeigewünscht worden war. Ein paar Hundert Pfund
würden ein schöner Preis für alle irdischen Güter der Ghiāth sein,
sie besitzen nichts als die schwarzen Zelte, ein paar Kamele und ihre
Kaffeetöpfe, und hätten sie mehr, es würde ihnen bei einem sommerlichen
Raubzuge genommen werden. Sie leben ausschließlich von Brot -- Schirak,
den dünnen, braunem Packpapier ähnelnden Kuchen -- und wandern während
ihres ganzen Lebens in beständiger Todesangst zwischen den Steinen
umher; verhältnismäßig sicher sind sie nur in den wenigen Monaten, die
sie auf den Weiden des Djebel Druz verbringen.
[Illustration: Tempel von Maschenneh.]
Da wir eine große Gesellschaft waren, zerstreuten wir uns; Gischgāsch,
meine Diener und ich begaben uns in das Haus des Scheichs, der den
Namen »Weisheit« führte. Seine zwei Söhne, Mohammed und Hamdān,
zündeten ein Feuer aus Reisig und Kameldünger an, das ganz abscheulich
rauchte. Mohammed, als der Älteste, machte die Honneurs. Mit großem
Geschick ließ er die Mörserkeule singen und schlug lustige Wirbel auf
der Mörserwand. Er hatte ein schmales, dunkles Gesicht, und seine
weißen Zähne blitzten, wenn er lächelte; seine höchst luftige Kleidung
bestand aus schmutzigen, weißen Baumwollgewändern, ein baumwollenes
Tuch fiel von der Kamelhaarschnur auf seinem Kopf bis auf die nackte
Brust hernieder, und er sprach in harten, nur schwer verständlichen
Gutturaltönen. Unsre Mahlzeit bestand aus Schirak und Dibs; die
Ghiāth sind zu arm, um ein Schaf für ihren Gast zu schlachten, und
wäre er selbst eine so wichtige Persönlichkeit wie Gischgāsch. Der
letztere war in seinem Element und benahm sich wie ein echter Narr.
Er brüstete und blähte sich vor Stolz, kämmte seinen langen Bart vor
den bewundernden Blicken seiner Wirtsleute und sprach unaufhörlich
bis in die Nacht hinein -- dummes Geschwätz, schien es mir, die ich
mich sehnte, schlafen zu können. Mit meinem Sattel als Kopfkissen und
einem Plaid als Zudecke lag ich in einer Ecke an der Sāhah, der Wand,
die das Frauengemach abtrennt, und lauschte bald dem nicht besonders
erbaulichen Gespräch, bald verwünschte ich den scharfen, beißenden
Rauch. Um die Mitte der Nacht weckte mich der Mond, der mit frostigem
Glanz in das Zelt schien. Das Feuer war niedergebrannt, der Rauch hatte
sich verzogen, die Araber und Drusen lagen schlafend um den kalten
Herd; friedlich standen einige Pferde an der Zeltstange und schauten
mit klugen Augen auf ihre Herren, während weiter draußen ein Kamel
wiederkäuend zwischen den Steinen lag. Die fremdartige schweigende
Schönheit einer Szenerie, die so alt ist wie die Welt selbst, machte
einen wunderbaren Eindruck auf mich und hielt meine Phantasie
gefesselt, als ich schon wieder in Schlaf gesunken war.
Noch vor Tagesanbruch war es Michaïl gelungen, mir über dem launischen
Reisigfeuer eine Tasse Tee zu bereiten, und als die Sonne aufging,
stiegen wir in den Sattel, denn wir hatten einen weiten Weg vor
uns. »Gottes gütige, unerforschliche Vorsehung« hatte die Steppe
in wunderbare Schönheit gekleidet; die aufgehende Sonne, der wir
entgegenritten, umgab jeden Stein mit einem goldenen Schein, in
klaren, scharfgeschnittenen Linien zeichnete sich die ostwärts liegende
Vulkanreihe vom wolkenlosen Himmel ab, und im Nordwesten erglänzten
die Schneegipfel des Antilibanon und Hermon in blendender Weiße
und bildeten einen scharfen Kontrast zu dem funkelnden Schwarz des
Vordergrundes. Einer der Araber hatte sich uns als Führer zugesellt;
'Awād war sein Name. Er ritt ein Kamel und unterhielt sich von diesem
erhabenen Standpunkt aus durch ein lautes Schreien mit uns, als wolle
er damit den unendlichen Abstand zwischen rākib und fāris, Kamelreiter
und zu Pferde Sitzenden, überbrücken. Wir zitterten alle vor Frost, als
wir durch den kühlen Morgen dahinzogen, 'Awād aber machte einen Scherz
aus diesem Übel, indem er von seinem Tier herunterrief: »Meine Dame,
meine Dame, wissen Sie, warum ich so friere? Weil ich zu Hause vier
Frauen habe!« Die anderen lachten, denn er stand im Rufe, ein wenig
Don Juan zu sein, und die Kapitalien, die ihm zu Gebote standen, kamen
seinem Harem mehr als seinem Kleiderschrank zugute.
Schnell erreichten wir wieder den Ghādir el Gharz. Nach einem
zweistündigen Ritt kreuzten wir eine Erhebung südwestlich der Tulūl es
Safa, der Vulkanlinie, und sprengten über eine beträchtliche Strecke
steinlosen, gelben Sandes Beida, bis wir das Südende des Lavastromes
erreichten. Die Lava lag zu unsrer Linken wie ein schrecklicher,
gespenstischer See, der nicht sowohl gefroren, als vielmehr plötzlich
erstarrt schien, als hätte ihn irgend ein großer Schreck mitten im
Laufe aufgehalten und den Ausdruck der zurückschreckenden Furcht auf
seiner Oberfläche versteinert. Aber das war lange, lange her, daß eine
mächtige Hand den Wogen des Tulūl es Safa das Gorgonenhaupt vorhielt.
Sonne, Frost und Jahrtausende hatten das ursprüngliche Aussehen der
Vulkane inzwischen verändert, hatten die Lavaströme zerrissen, die
Abgründe zugeschüttet und die charakteristischen Züge der Hügel
verwischt. Ein oder zwei Terpentinbäumchen hatten sich in den Spalten
angesiedelt, aber als wir vorübergingen, waren sie noch kahl und
grau, und trugen nicht dazu bei, den allgemeinen Eindruck der Öde und
Leblosigkeit zu beheben.
Während wir diese Grenzen des Todes umritten, wurde ich gewahr, daß
wir einen Pfad verfolgten, der fast ebenso alt sein mußte wie die
Berge selbst; ein kleiner Zeuge der Weltgeschichte führte uns mitten
durch dieses verödete Stück Land. 'Awād sprach wiederholt von einem
Stein, den er El 'Ablā nannte, ein Wort, das einen weithin sichtbaren,
weißen Felsen bezeichnet, aber ich war so sehr an Namen gewöhnt, deren
Bedeutung nicht zutraf, daß ich 'Awāds Worten keine Aufmerksamkeit
schenkte, bis er plötzlich sein Kamel anhielt und ausrief:
»O meine Dame, das ist er! Bei Gottes Angesicht, das ist El 'Ablā!«
Es war nicht mehr und nicht weniger als ein Brunnenstein. Wo das
Seil gelaufen war, befand sich ein mehrere Zoll tiefer Einschnitt,
ein Beweis, daß der Brunnen lange Zeit gedient haben mußte, denn
dieser schwarze Stein ist sehr hart. Dicht daneben stand ein großer
Steinhaufen und noch zwei weitere, und so zwei bis drei in jeder
Viertelmeile Wegs. Näheres Hinschauen überzeugte mich, daß sie erbaut,
nicht aufeinandergehäuft waren. Schätzesuchende Araber hatten einige
geöffnet; nach Entfernung der oberen Steinschichten zeigte sich ein
flacher, viereckiger, aus halbzugehauenen Steinen erbauter Raum. 'Awād
sagte, daß man seines Wissens nie etwas darin gefunden, und daß ihm
unbekannt, was sie früher enthielten. Vermutlich waren die Steinhaufen
als Wegzeichen der alten, durch dieses Steinmeer führenden Wüstenstraße
errichtet worden. Einige Hundert Meter weiter hielt 'Awād wieder an
einigen, kaum über die Oberfläche hervorragenden schwarzen Felsen. Sie
glichen den offenen Seiten eines Buches, in das alle vorüberziehenden
Nationalitäten ihre Namen eingetragen, sei es in der griechischen,
cufischen, arabischen oder auch in jener seltsamen Sprache, die
die Gelehrten Safaitisch nennen. Als die letzten hatten auch die
ungelehrten Beduinen ihre Namenszeichen eingekritzelt.
‚Schureik, Sohn des Naghafat, Sohn des Nafis, Sohn des Numan,’ lautete
die eine Inschrift, und eine andere: ‚Buchalih, Sohn des Thann, Sohn
des An'am, Sohn des Rawak, Sohn des Buhhalih. Er fand die Inschrift
seines Onkels und sehnte sich, ihn zu sehen.’ Eine weitere auf einer
Deckplatte befindliche habe ich nicht genau genug kopiert, um ihre
Bedeutung mit Sicherheit angeben zu können. Sie enthält wahrscheinlich
zwei durch ibn verbundene Namen, ‚Sohn des’. Über den Namen befinden
sich sieben gerade Linien, die nach Dussauds geistreicher Auslegung die
sieben Planeten darstellen sollen[6]. Die griechischen Schriftzeichen
ergaben das Wort Hanelos, das heißt Johannes; es ist ein semitischer
Name, den sein Inhaber wahrscheinlich deshalb in dieser fremden Sprache
eingezeichnet, weil er sie während seines Dienstes unter den römischen
Adlern erlernt hatte. Die kufischen Worte sind fromme Wünsche, die den
Segen des Himmels auf den Reisenden herabflehen, der hier innegehalten,
um sie einzugraben. So hat jeder einen seiner Art entsprechenden
Bericht hinter sich gelassen, um dann im grauen Nebel der Zeit zu
verschwinden, und außer diesen wenigen Strichen auf den schwarzen
Felsen wissen wir nichts von seinem Volk und seiner Lebensgeschichte,
nichts von dem Vorhaben, das ihn in das unwirtliche Ghādir el Gharz
geführt hat. Die Sätze, die ich niederschrieb, kamen mir vor wie feine
Stimmen aus einer längstvergessenen Vergangenheit; selbst Orpheus mit
seiner Laute hätte den Steinen kein deutlicheres Zeugnis über die toten
Generationen entlocken können. In der ganzen Safa raunt und flüstert
es; geisterartig flattern diese Namen in der flimmernden Luft über den
Steinen und rufen in den verschiedensten Zungen ihren Gott an.
[6] _Dussaud_, wissenschaftliche Mission, S. 64. Die Übersetzungen der
Inschriften verdanke ich ~Dr.~ _Littmann_, der meine ersten Kopien der
Originale in seinem Werk »Semitische Inschriften« veröffentlichen wird.
In Eile nur konnte ich die Inschriften niederschreiben, denn wir hatten
an dem Tage keine Zeit zu verlieren. Ungeduldig umstanden mich die
Drusen, und 'Awād rief: »Jallah, jallah! ya sitt!« was so viel heißt
wie: »Mach' schnell!« Weiter zogen wir bis an die Ostgrenze der Safa,
umritten das Ende des Lavastromes und sahen die weite, gelbe Ebene
der Ruhbeh vor uns. Vom Djebel Druz aus hatte ich gesehen, daß diese
Steppe sich sehr weit nach Osten hin erstreckt, jetzt aber erschien
sie uns nicht mehr als ungefähr eine halbe Meile breit und wurde von
einem herrlichen blauen, in duftigem Nebel liegenden See begrenzt.
Inseln gleich erhoben sich die fernen kleinen Vulkane aus dem Wasser,
in dem ihr Spiegelbild zitterte; je mehr wir uns aber dieser lockenden
Flut inmitten der Wüste näherten, um so mehr wichen ihre Gestade
zurück, denn es war nur ein visionäres Meer, dem wir zueilten, in dem
höchstens die visionären Besucher der Wüste ihren Durst löschen können.
Endlich erblickten wir am Fuße der Lavahügel einen grauen Turm, und
in der Ebene davor einen weißen, mit einer Kuppel versehenen Tempel,
die Chirbet (Ruine) el Beida und den Mazār (Tempel) des Scheich Serāk.
Der letztere hat sein Amt als Hüter der Ruhbeh von Zeus Saphatenos
geerbt, der seinerzeit der direkte Nachfolger des Gottes El, der
ersten Gottheit der Safa, war. Er hat über die Saaten zu wachen, die
die Araber in guten Jahren um die Wohnung seiner Seele säen; er wird
von den Moslemiten sowie auch von den Drusen angebetet, die ihm zu
Ehren ein wohlbesuchtes jährliches Fest veranstalten, das ungefähr 14
Tage vor meiner Ankunft abgehalten worden war. Der Tempel selbst ist
ein Gebäude im haurānischen Stil, sein Steindach wird von Querbalken
getragen. Über dem Tor befindet sich ein mit Steinmeißeleien verzierter
Querpfosten aus den Ruinen der Weißen Burg.
[Illustration: Kal'at el Beida.]
Kaum vermochte ich so lange an dem Tempel zu verweilen, bis alle meine
Leute zusammengekommen waren, so sehr zog es mich nach der Kal'at el
Beida hin. Chirbeh oder Kal'at, Ruine oder Burg, beide Namen werden
ohne Unterschied von den Arabern gebraucht. Ich verließ die Drusen
-- mochten sie dem Zeus Saphatenos, oder wer es sonst war, die ihm
gebührende Verehrung bezeigen -- und sprengte hinüber nach dem Rande
der Lavafläche. Ein tiefer Graben trennte mich von ihr, der so tief mit
Wasser gefüllt war, daß ich nur mit Hilfe einer leichten Bretterbrücke
hinüberkonnte; ich vertraute mein Pferd Habīb an, der hier sein
Maultier tränkte, dieses wunderbare Maultier, das es an Schnelligkeit
den Pferden gleichtat, und eilte über die rissige Lava in den
Festungshof. Einige Araber schlenderten darin umher, schenkten mir aber
ebensowenig Beachtung, wie ich ihnen. Das war es also, das berühmte
Kastell, das ein erstorbenes Land vor einem unbevölkerten schützt, die
Safa vor der Hamad. Wie der gespenstische Zufluchtsort einer ganzen
Welt von Geistern erscheinen mir diese Mauern aus sorgfältig behauenen
Steinen, die sich grauweiß schimmernd auf der weißen Plattform erhoben.
Wessen Hand sie errichtete, wessen Kunst die Arabeskengewinde auf
den Türpfosten und Querbalken bildete, wessen Auge wachehaltend vom
Turm herabblickte, kann noch nicht mit Gewißheit festgestellt werden.
Hanelos und Schuraik und Buchalih haben vielleicht nach dem Kastell
ausgeschaut, als sie aus dem Wādi el Gharz heraustraten; vielleicht
hat Gott El es unter seinen Schutz genommen, vielleicht sind die
Gebete des Wächters auf dem Turme irgend einem fernen Tempel zugeeilt
und den Göttern der Griechen oder Römer dargebracht worden. Tausend
unbeantwortete, unbeantwortbare Fragen fliegen dir beim Überschreiten
der Schwelle blitzartig durch den Sinn.
[Illustration: Kal'at el Beida.]