Manne, seinem Hauptberater, zu unterhalten, während die übrigen sich
um mich drängten und mir allerhand Geschichten von der Wüste erzählten
und von großen Ruinen nach Süden zu, die sie mir zeigen würden,
falls ich bei ihnen bliebe. Am Fuße des Hügels stießen wir auf eine
Gruppe Reiter, die Nasīb erwarteten, um ihm wichtige Mitteilungen
über die Araber zu machen. Michaïl und ich hielten abseits, denn der
argwöhnische Blick, den uns unser Wirt verstohlen zuwarf, war uns nicht
entgangen. Wir merkten weiter nichts, als daß die Kunde nicht gut war,
und auch so viel verrieten weder Nasībs unbewegliche Züge noch auch die
mit den Lidern bedeckten Augen. Offenbar wollte er auch die geringste
Spur seiner Gedanken verbergen. Wir verließen ihn zu seiner sichtlichen
Erleichterung und ritten bergan. Nun gibt es im ganzen Drusengebirge
keinen einigermaßen bedeutenden Hügel, der nicht ein Heiligtum auf
seinem Gipfel trüge, und dasselbe erweist sich immer als eins jener
alten Monumente des Landes, die bis in die Zeit vor der Einwanderung
der Drusen oder Türken zurückdatieren. Welche Geschichte sie haben?
Wurden sie nabathäischen Felsen- und Berggöttern errichtet, Drusāra
und Allāt, oder jenem Götzenbild mit semitischen Inschriften, dem die
Wüste auf dem Ka'abah und manch einsamem Hügel Opfer darbrachte? Wenn
es der Fall war, so lassen sich die alten Gottheiten noch unter anderm
Namen dienen, denn noch steigt das Blut von Ziegen und Schafen, auf
die schwarzen Türpfosten ihrer Wohnstätten gesprengt, zu den Göttern
als süßer Geruch empor, noch vernehmen sie die Gebete der mit grünen
Zweigen und Blütenbüscheln geschmückten Pilger. Das Grabdenkmal von
El Chudr enthält im Innern des Heiligtums eine Art Sarkophag, der mit
Streifen farbiger Lappen bedeckt ist; hebt man sie auf und blickt
darunter, so zeigt sich ein seltsamer, durch die Verehrungsbezeugungen
glattgeschliffner Stein -- ein Bruder des Schwarzen Steins zu Mekka.
Nahe dabei befand sich ein Steinbecken für Wasser -- eine Eisschicht
lag heute darauf. Durch die steinernen Türen war Schnee geweht,
Schmelzwasser floß durch das Dach herab und bildete Schmutztümpel am
Boden.
[Illustration: Ein drusischer Pflüger.]
Am nächsten Tage hatten wir bitteren Frost, einen bleiernen Himmel
und scharfen Wind -- die Vorboten von Schnee. Milhēm Iliān kam herab,
um mich für die Nacht zu sich zu laden, aber da ich fürchtete, nach
seiner erwärmten Stube die Temperatur in meinem Zelt zu eisig zu
finden, lehnte ich ab. Da er einige Zeit blieb, legte ich ihm meinen
Plan vor, in die Safa, die vulkanische Einöde östlich vom Djebel
Druz, zu reiten. Er ermutigte mich nicht, hielt das Projekt unter den
bestehenden Verhältnissen sogar für unausführbar. Hatte es doch den
Anschein, daß die Ghiāth, der die Safa bewohnende Stamm, sich gegen
die Regierung aufgelehnt hatten. Die Wüstenpost, die zwischen Damaskus
und Bagdad fährt, war von ihnen angefallen und ausgeraubt worden, und
die Räuber mußten nun ihrer Strafe vom Vāli gewärtig sein. Sicherlich
würde die kleine Eskorte Zaptiehs, die mich begleiten sollten, von
ihnen in Stücke gehauen werden. Indes war Milhēm mit mir der Ansicht,
daß, wenn auch eine ganze Armee Soldaten nichts ausrichten würden, man
möglicherweise doch mit den Drusen allein in die Safa gelangen könne,
und er versprach mir einen Brief an den Scheich von Saleh, Mohammed en
Nassār, den er als guten Freund von sich und einflußreichen klugen Mann
bezeichnete. Die Ghiāth sind den Drusen gegenüber in derselben Lage wie
die Djebeliyyeh: sie dürfen es mit den Bergbewohnern nicht verderben,
da sie im Sommer auf die hochgelegenen Weideplätze angewiesen sind.
Gegen Sonnenuntergang erwiderte ich Milhēms Besuch und fand sein
Zimmer voller Leute, traf auch Nasīb, der eben von seiner Expedition
zurück war. Ich mußte ihnen von meinen jüngsten Erlebnissen in der
Wüste berichten und fand, daß all meine Freunde von den Drusen als
Feinde betrachtet wurden, und daß nur die Ghiāth und die Djebeliyyeh
Verbündete der Drusen sind. Was die Scherarāt, die Da'dja, die Beni
Hassan betraf, so sollte bis auf das Blut gegen sie gekämpft werden.
In der Wüste kommt das Wort gōm (Feind) gleich nach daif (Gast), in den
Bergen aber nimmt es gar zu leicht die erste Stelle ein. Ich sagte:
»O Nasīb, die Drusen ähneln dem Volk, von dem Kureyt ibn Uneif
sang: ‚Wenn das Unheil ihnen die Zähne zeigt, so bieten sie ihm
Trutz, gleichviel ob verbündet oder allein’.« Die schlauen Züge
des Scheichs verzogen sich einen Augenblick, aber da das Gespräch
sich jetzt gefährlichem Grund näherte, erhob er sich kurz darauf
und verabschiedete sich. Bald wurde sein Platz durch Neuankömmlinge
ausgefüllt (Milhēms Kaffeetöpfe müssen vom Morgengrauen bis spät in die
Nacht hinein kochen), und endlich trat einer ein, zu dessen Begrüßung
sich alle erhoben. Es war ein kurdischer Agha, ein schöner alter Mann
mit weißem Schnurrbart und glattrasiertem Kinn, der von Zeit zu Zeit
in seinen eignen Angelegenheiten von Damaskus herabkam. Da Milhēm
aus Damaskus stammt, wollte er allerlei wissen; die Unterhaltung
verließ deshalb die Wüstenfragen und wandte sich den Städtern und ihren
Gebräuchen und Ansichten zu.
[Illustration: Bosra Eski Schām.]
»Sehen Sie, Exzellenz,« sagte ein Mann, der Kaffee über einem
Kohlenbecken bereitete, »in der Stadt haben sie nicht so viel Religion
wie in den kleinen Landorten.«
»Ja,« fiel Milhēm ein.
»Gott lasse das Ja über dein Haupt kommen!« rief der Kurde aus.
»Lohn dir's Gott, o Agha! In der großen Moschee von Damaskus kann
man zum Freitagsgebet Leute genug finden, vielleicht auch einige in
Jerusalem, in Smyrna aber und Beirut sind die Kirchen leer, und die
Moscheen leer. Sie haben keinen Glauben mehr.«
»Meine Freunde,« nahm der Agha das Wort, »ich will euch den Grund
sagen. Auf dem Lande sind die Leute arm und brauchen viel. Von wem
sollen sie es fordern, wenn nicht von Gott? Wer hat Mitgefühl für die
Armen, als Er allein? Aber in der Stadt sind sie reich und haben alles,
was sie brauchen; warum sollten sie zu Gott beten, wenn sie nicht zu
bitten haben? Die Dame lacht -- ist es bei ihrem Volke nicht ebenso?«
Ich gab zu, daß in dieser Hinsicht sehr wenig Unterschied zwischen
Europa und Asien sei, und überließ dann die Gesellschaft ihrem Kaffee
und ihrer weiteren Unterhaltung.
Spät in der Nacht klopfte jemand an mein Zelt, und eine Frauenstimme
rief:
»Meine Dame, meine Dame, sind nicht die Engländer gütig? Möge das Herz
einer Mutter den Kummer eines Mutterherzens hören und diesen Brief
meinem Sohne bringen!«
Ich fragte die unsichtbare Bittstellerin, wo sich ihr Sohn befände.
»In Tripoli, in Tripoli, weit im Westen. Er ist ein gefangener Soldat
und kam nach dem Kriege nicht mit den anderen zurück. Nehmen Sie diesen
Brief mit und schicken Sie ihn durch einen sicheren Boten von Damaskus
ab; die Post von Salchad ist mir zu unsicher.«
Während ich das Zelt öffnete und den Brief entgegennahm, fuhr sie fort:
»Nasībs Frau hat mir gesagt, Sie seien gütig. Das Herz einer Mutter,
Sie wissen -- ein trauerndes Mutterherz.«
Weinend entfernte sie sich, und ich habe den geheimnisvollen Brief von
Beirut mit der Post abgesandt, aber ob er Tripoli im weiten Westen und
den gefangenen Drusen erreicht hat, werden wir nicht erfahren.
Der Kāimakām kam am andern Morgen vor unsrer Abreise und versorgte uns
mit einem drusischen Zaptieh, der uns den Weg nach Sāleh zeigen sollte.
Es blies ein schneidend kalter Wind, und weiter im Gebirge oben lag
der Schnee hoch; wir wählten deshalb den tiefer gelegenen Weg über
Ormān, ein Dorf, das als Schauplatz des Ausbruchs des letzten Krieges
bekannt ist. Milhēm hatte meinen Führer Jūsef mit der Post betraut, die
eben in Salchad eingetroffen war; sie bestand aus einem einzigen Brief
an einen Christen in Ormān, dem wir außerhalb des Dorfes begegneten.
Der Brief kam aus Massachusetts von einem seiner drei Söhne, die alle
drei nach Amerika ausgewandert waren. Es ging ihnen allen gut, Gott
sei Dank! Im vergangenen Jahre hatten sie dem Vater zusammen 30 Lire
geschickt. Das und mehr sprudelte er in freudigem Stolze heraus, als
wir ihm den Brief mit den frischen Nachrichten einhändigten. In Ormān
wandte sich der Weg bergauf -- ich benenne ihn weiter mit dem stolzen
Namen Weg, da ich keine Benennung weiß, die schlecht genug ist. Es
gehört zu den drusischen Verteidigungsmaßregeln, keinen in das Gebirge
führenden Weg so breit zu machen, daß zwei Personen nebeneinander
gehen können, noch so eben, daß eine andere Gangart als ein mühseliges
Stolpern darauf möglich wäre. Und sie haben dieses System auch
wirklich sehr erfolgreich durchgeführt. Bald befanden wir uns in halb
schmelzendem, halb gefrorenem Schnee, der die Löcher im Pfade wohl
verbarg, aber keine genügend feste Decke bildete, um die Tiere vor dem
Einbrechen zu schützen. Oft kamen wir auch an tiefe Wehen, in welche
die Kamele mit dem größten Vertrauen hineinsteuerten, aber nur, um in
der Mitte zu fallen und unser Gepäck zu verstreuen, während die Pferde
hineinstampften und sich bäumten, daß wir Gefahr liefen, abgeworfen
zu werden. Michaïl, der nicht beritten war, küßte den Schneebrei des
öfteren. Die Zeichner der Karte von Palästina haben am Ostabhange des
Djebel Druz ihrer Phantasie den weitesten Spielraum gelassen. Hügel
sind meilenweit fortgehüpft, Dörfer haben Schluchten übersprungen und
sich auf der gegenüberliegenden Seite niedergelassen. So findet man z.
B. Abu Zreik, das auf dem linken Ufer des Wādi Rādjīl liegt, auf dem
rechten eingezeichnet.
Besonders an diesem Tage schien sich alles gegen uns zu verschwören,
und unser Elend erreichte seinen Gipfelpunkt, als wir ein endloses
Schneefeld betraten, über das ein furchtbarer Sturm nadelscharfer
Graupeln dahinfegte. In nebelhafter, schier unerreichbar scheinender
Ferne sahen wir durch das Graupelwetter die Hänge schimmern, auf
denen Sāleh steht. Meile um Meile quälten wir uns mühsam vorwärts (es
war unmöglich, auf den stolpernden Tieren zu reiten, auch viel zu
kalt dazu) und plätscherten und wateten am Spätnachmittag, nachdem
wir sieben Stunden auf eine vierstündige Entfernung verwendet
hatten, durch die Wassertümpel und schmelzenden Schneehügel, die
die Stelle von Straßen in Sāleh vertraten. Im ganzen Dorfe war kein
trocknes Fleckchen, und der Schnee fiel dicht; mir blieb keine
andere Möglichkeit, als an die Tür Mohammed Nassārs zu klopfen, dem
der Ruf großer Gastlichkeit vorausging. Mit Mühe nur stieg ich die
eisüberzogenen Stufen zu seinem Mak'ad hinan.
[Illustration: Torweg in Habrān.]
Wenn die Vorsehung uns irgend eine Entschädigung für die Mühsalen
des heutigen Tages schuldete, so hat sie uns, wenigstens mich, mit
einem reichen, ja übervollen Maße bezahlt durch den schönen Abend,
den ich im Hause des Scheichs verbringen durfte. Mohammed Nassār ist
ein Mann reich an Alter und Weisheit, der eine große Schar Söhne und
Neffen um sich hat heranwachsen sehen, deren gute Geistesgaben er
durch das vortreffliche Beispiel seiner eignen Ritterlichkeit und
Liebenswürdigkeit herangebildet hat. Jeder Druse ist ein geborner
Gentleman; aber das Haus des Scheichs von Sāleh konnte hinsichtlich
guter Manieren, natürlicher sowohl als auch anerzogener, nicht von
den Edelsten der sogenannten aristokratischen Nationen, der Perser,
Radjputs oder irgend eines anderen sich auszeichnenden Volkes,
übertroffen werden. Milhēms Empfehlungsbrief war ganz unnötig, um mir
einen Willkomm zu sichern: ich fror, war hungrig und war Engländerin
-- das genügte. Das Feuer im eisernen Ofen wurde angezündet, und
ich meiner feuchten Oberkleider entledigt; unter des Scheichs
eigner Leitung belegte man die Diwane mit Teppichen und Kissen, und
schließlich stellte sich die ganze Schar der männlichen Familienglieder
und der Seitenverwandten ein, um zur Belebung des Abends beizutragen.
Es ließ sich gut an. Ich wußte, daß Oppenheim auf seine Reise in die
Safa Begleiter aus Sāleh mitgenommen hatte, und führte zufällig auch
sein Buch mit mir. Wie oft hatte ich schon bedauert, daß kein weiser
Instinkt mich bestimmt, Dussauds zwei prächtige Bände anstelle von
Oppenheims gewichtigem Werke zu wählen, das eine Menge mir für die
jetzige Reife ganz unnützer Belehrungen enthielt. Die Stärke des
Buches liegt in den Illustrationen, und glücklicherweise befand sich
unter denselben eine Abbildung Mohammed Nassārs mit seinen beiden
jüngsten Kindern. Nachdem ich Kieperts Karten ausgerissen, war ich
großmütig genug, den Band einem Familienglied zu schenken, das den
gelehrten Reisenden auf seiner Expedition begleitet hatte. Er ist in
Sāleh verblieben, den Scheichs zur Ehre und Freude. Sie schauen die
Bilder an, ohne sich mit dem Text herumzustreiten, und die Lücke in
meinen Bücherreihen wird durch die Erinnerung an die Freude der Drusen
reichlich ausgefüllt.
Wir erzählten den ganzen Abend ununterbrochen, eine kurze Pause
entstand nur, als das vortreffliche Essen gebracht wurde. Der
alte Scheich, Jūsef, der Zaptieh, und ich nahmen zusammen daran
teil; die reichlichen Überreste wurden von den ältesten Neffen und
Vettern aufgezehrt. Das Thema, dem man in Sāleh das meiste Interesse
entgegenbrachte, war der japanische Krieg -- ja im ganzen Gebirge
drehte sich die Unterhaltung fast ausschließlich um diesen Stoff, da
die Drusen meinen, mit den Japanern zu ein und demselben Volksstamm
zu gehören. Die Gedankenreihe, die diese erstaunliche Schlußfolgerung
gezeitigt hat, ist einfach genug. Ihre geheimen Glaubenslehren weisen
auf die Hoffnung hin, daß eines Tages ein drusisches Heer von den
fernsten Grenzen Asiens hervorbrechen und die Welt unterjochen wird.
Nun haben die Japaner unbesiegbaren Mut gezeigt -- auch die Drusen
sind tapfer; die Japaner haben gesiegt, die Drusen der Prophezeiung
werden unbesiegbar sein: also sind die beiden eins. Die Sympathie von
ganz Syrien und Kleinasien ist auf Seiten der Japaner; eine Ausnahme
bilden nur die Glieder der griechisch-katholischen Kirche, die in
Rußland ihren Schirmherrn sehen. Es erscheint sehr begreiflich, daß die
türkische Regierung sich über die Niederlage ihres alten Erbfeindes
freut, schwieriger aber ist es, einen Grund für das Vergnügen der
Araber, Drusen (abgesehen von den oben erwähnten geheimen Hoffnungen
der Drusen) und Kurden zu finden, denn zwischen ihnen und den Türken
ist doch wahrlich keine Liebe verloren. Diese Völkerschaften pflegen
sich sonst nicht am Unglück der Feinde des Sultans zu erfreuen, da
sie selbst zumeist dazu gehören. Jedenfalls liegt der Grund in einer
gewissen Schadenfreude und dem natürlichen Bestreben, auf Seiten des
kleinen Mannes gegen den großen Unterdrücker zu stehen, vor allem aber
mag jenes große Band mitsprechen, das wir mit dem Namen »Erdteil«
bezeichnen, und der Krieg wendet sich an das Gefühl der Asiaten, weil
er gegen die Europäer geht. Mag man sich auch noch so sehr dagegen
sträuben, Rußland als einen Teil der europäischen Zivilisation
anzuerkennen, mag man auch noch so überzeugt sein, daß die Japaner
ebensowenig Gemeinsames mit den Türken oder Drusen haben wie mit den
Südseeinsulanern oder Eskimos -- der Osten wendet sich an den Osten,
und seine Stimme hallt wider vom Gelben bis zum Mittelmeer.
[Illustration: Drusischer Mak'ad, Habrān.]
Wir sprachen auch von den Türken. Mohammed war einer der vielen
Scheichs gewesen, die nach dem drusischen Kriege in die Verbannung
geschickt worden; er hatte Konstantinopel besucht und kannte auch
Kleinasien, so daß man ihm wohl ein maßgebendes Urteil über den
türkischen Charakter zusprechen konnte. Ganz unbeabsichtigt von
den Türken hatte diese Massenwegführung der drusischen Scheichs
und ihr zwei- bis dreijähriger Aufenthalt in entfernten Städten
des Reiches einen Erfolg gezeitigt, den selbst die umsichtigste
Staatskunst nur schwer erreicht haben dürfte. Männer, die unter
anderen Verhältnissen nicht 50 Meilen über ihr Dorf hinausgekommen
wären, haben gezwungenerweise ein Stück Welt kennen gelernt und sind
zurückgekehrt, um sich dann ebenso großer Unabhängigkeit zu erfreuen
wie früher. Aber sie haben doch einen tiefen Eindruck von der Größe
des türkischen Reichs und von der unendlichen Zahl der Hilfsquellen
des Sultans mitgebracht und haben einsehen gelernt, wie unwichtig ein
drusischer Aufstand in einem Reiche ist, das noch besteht, trotzdem es
jede Art des Bürgerkrieges durchgemacht hat. Mohammed hatte diese Welt
jenseits der Grenzen des Gebirges so schätzen gelernt, daß er zwei von
seinen sechs Söhnen hineinzuversetzen versuchte, indem er sie in einem
Regierungsbüreau von Damaskus unterbrachte. Der Versuch war mißlungen,
weil die Knaben, obgleich in seinen Grundsätzen erzogen, zu eigenwillig
waren. Eine knabenhafte Pflichtvergessenheit, ein strenger Verweis des
Vorgesetzten hatte sie eiligst in ihr Dorf zurückgetrieben, wo sie
als unabhängige Scheichs ein träges und doch geachtetes Dasein führen
konnten. Mohammed hatte auf eine in Damaskus erscheinende Wochenschrift
abonniert, und er und seine Söhne verfolgten mit dem größten Interesse
alle politischen Neuigkeiten des Auslandes, besonders Englands, die
dem Stifte der Zensur entgangen waren. Oftmals übersahen sie auch eine
wichtige Nachricht -- oder war es der Herausgeber? So fragte mich mein
Wirt z. B. nach Lord Salisbury und war sehr betrübt zu hören, daß er
schon seit einigen Jahren tot sei. Außer Lord Cromer, der immer und
überall bekannt ist, kannten sie auch Mr. Chamberlain, und es entspann
sich in dem Mak'ad von Sāleh eine belebte Unterhaltung über fiskalische
Fragen, die ich meinerseits mit Beispielen aus dem türkischen gumruk,
dem Zollhaus, reichlich illustrieren konnte.
Nur ein einziger Punkt wurde an diesem Abend nicht zur allgemeinen
Befriedigung erledigt, das war meine Reise in die Safa. Ich hege den
leisen Argwohn, daß Milhēms Brief, den er mir versiegelt einhändigte,
so daß ich ihn nicht lesen konnte, dem ähnelte, den Praetus Bellerophon
einhändigte, als er ihn zum Könige von Lydien sandte. Wurde nun
Mohammed zwar nicht aufgefordert, die Überbringerin bei ihrer Ankunft
hinzurichten, so war er doch sicher dringlich gebeten worden, ihren
Plänen entgegenzuarbeiten. Jedenfalls meinte Mohammed, daß die
Expedition nicht ohne Begleitung von wenigstens 20 Drusen unternommen
werden könnte, und da mich das zu viel Vorbereitungen und Ausgaben
gekostet hätte, sah ich mich genötigt, das Projekt fallen zu lassen.
Um 10 Uhr fragte man mich, welche Zeit ich zu schlafen wünschte.
Zum augenscheinlichen Verdruß aller der Anwesenden, die nicht den
ganzen Tag durch den Schnee geritten waren, erwiderte ich, daß die
Zeit gekommen sei. Die Söhne und Neffen empfahlen sich, es wurden
wattierte Decken gebracht und auf den drei Seiten des Diwans zu je
einem Bette aufgetürmt. Der Scheich, Jūsef und ich wickelten uns
hinein, und ich wußte von nichts mehr, bis ich im scharfen Frost der
Dämmerung erwachte. Schnell stand ich auf und ging an die frische Luft.
Sāleh lag noch fest schlafend im Schnee; selbst das kleine Bächlein,
das ein Wasserbassin inmitten des Dorfes speiste, schlummerte unter
seinem dicken Eispelz. In dem klaren, kalten Schweigen beobachtete
ich, wie der Osthimmel sich rötete und wieder erblich, und wie die
Sonne einen ersten langen Lichtstrahl über das Schneefeld entsandte,
das wir gestern mit so vieler Mühe bezwungen. Nachdem ein kurzes
Dankgebet für schönes Wetter meinem Herzen entstiegen war, weckte ich
die Maultiertreiber und die Tiere in ihrem gewöhnlichen Ruheplatz
unter den Wölbungen der Karawanserei, genoß das von Mohammed en Nassār
gebotene Frühstück und sagte meinem Wirt und seiner Familie ein
langausgedehntes, dankbares Lebewohl. Kein Wanderer durch Berg und Tal
kann sich einer angenehmeren Gesellschaft und einer erquickenderen
Nachtruhe erfreuen, als mir in Sāleh zu teil wurden.
[Illustration: Türbalken, El Churbeh.]
Sechstes Kapitel.
Das Ziel dieses Tages war das Dorf Umm Ruweik am Osthange des
Drusengebirges. Da ich die Ungenauigkeit der Karte kannte, nahm ich
einen von Mohammeds Neffen als Führer mit; er hieß Fāiz und war ein
Bruder Gischgāschs, des Scheichs von Umm Ruweik. Ich hatte ihn mir am
Abend vorher als das angenehmste Glied des ganzen angenehmen Kreises
im Mak'ad auserkoren, und während unsrer viertägigen Bekanntschaft
ereignete sich auch nicht der geringste Zwischenfall, der mich meine
Wahl hätte bereuen lassen. Er war ein Mensch mit gänzlich verzeichnetem
Gesicht: die Nase war schief, der Mund war schief, und niemand konnte
ihm geradgestellte Augen nachsagen, aber sein Wesen war außerordentlich
sanft und liebenswürdig, seine Unterhaltung klug, er war voll guter
Ratschläge und wußte überall Abhilfe. Wir ritten am Abhang der Hügel
dahin, und unablässig ruhte mein Auge sehnsüchtig auf der sich nach
Osten hin ausbreitenden Steppe, wie auf einem verheißenen Lande, das
mein Fuß nicht betreten sollte. Noch waren wir nicht weit gekommen, als
Fāiz mir einen Plan entwickelte, wie wir unsre Tiere und Zelte in Umm
Ruweik zurücklassen und einen Abstecher über die Safa nach der Ruhbeh
zu der großen Ruine machen wollten, von der ich so viel Wunderbares
gehört hatte, daß meine Phantasie gereizt war. In einem Augenblick
hatte die Welt ein anderes Aussehen gewonnen, alles verhieß Erfolg: der
blaue Himmel über mir und die goldenen Nebelschleier über der Ebene
dort unten, die nicht länger unerreichbar vor mir lag.
Unser Weg führte schnell bergab; bereits nach einer halben Stunde waren
wir aus dem Bereich von Schnee und Eis, die uns während der letzten
24 Stunden zur Plage geworden waren, und als wir nach einer weiteren
halben Stunde den Wādi Busān erreichten, dessen flinkes Wasser ein
Mühlrad drehte, hatten wir den Winter ganz hinter uns gelassen. Sāneh,
ein blühendes Dorf am Nordufer des Wādi Būsan, enthielt einige schöne
Proben haurānischer Architektur. So erinnere ich mich z. B. eines
prächtigen Architravs, in den zwei Ranken, aus Trauben und Weinblättern
bestehend, eingemeißelt waren, die zu beiden Seiten einer in der Mitte
des Steines stehenden Vase herabfielen. Mit Sāneh hatten wir zugleich
den äußersten Rand des Hochplateaus erreicht und sahen nun die Safa
wie ein weites Meer unmittelbar unter uns liegen. Sonderbar mutete es
uns an, daß ihre Oberfläche kohlschwarz wie ein schwarzes Zeltdach
aussah, eine Eigentümlichkeit, die diese Steppe den Lavaschichten
und vulkanischen Steinen verdankt, mit denen sie bedeckt ist. Hier
und da bemerkte ich auch helle Flecke. Es waren dies, wie ich später
entdeckte, Stellen, an denen die Tuffsteine zufällig fehlten, so daß
die Erde zutage lag. Von den Arabern werden solche Stellen Beida,
das Weiße Land, genannt, im Gegensatz zu Harra, dem aus Lava und
erratischen Steinen gebildeten Schwarzen Land. In der Safa ist sowohl
das Weiße als auch das Schwarze Land unfruchtbar, obgleich Beida oft im
Sinne von Kulturland gebraucht wird.
[Illustration: Die Mauern von Kanawāt.]
Die Safa erstreckte sich bis zu einer dunklen Masse kleiner Vulkane,
die fast direkt nach Norden und Süden lagen, deren Höhe uns aber kaum
bewußt wurde, da wir so hoch über ihnen standen. Jenseits derselben
erblickten wir eine weite Beidafläche, die Ruhbehsteppe. Nach Osten
und Süden hin aber zeigten sich am unermeßlich fernen Horizont einige
niedrige Vulkankegel, die letzten Ausläufer des Haurāngebirges und der
Anfang der großen Hamad, der wasserlosen Wüste, die sich bis Bagdad
ausdehnt. Nach Norden zu liegen die Hügel von Dmer und noch weiter
nördlich ein zweiter Höhenzug, der das zehn Meilen breite, nach Palmyra
führende Tal säumt, jenseits aber bis an den Antilibanon heranreicht,
dessen schneebedeckte Häupter über der Wüstenstraße nach Homs sich am
Himmel abzeichneten. Wir wandten uns ostwärts nach Schibbekeh, einem
merkwürdigen Orte, der am Rande eines Tales erbaut war, dessen ganzer
Nordhang wabenartig mit Höhlen durchsetzt ist, und dann nordwärts nach
Scheikhly und Rameh. Beide Orte liegen am Südrande des eine tiefe
Schlucht bildenden Wādi esch Schām; an demselben Flusse finden wir
weiter abwärts die östlichsten aller bewohnten Dörfer, Fedhāmeh und
Edj Djeida. Alle Niederlassungen auf dieser Seite des Gebirges tragen
das Gepräge außerordentlich hohen Alters. Die Höhlendörfer müssen
schon lange vor der nabathäischen Zeit bestanden haben; möglicherweise
datieren sie sogar zurück bis in die graue, vorgeschichtliche Zeit
des King Og oder des Volkes, das hinter seinem Namen steht, wo ganze
Städte in die Felsen hineingehauen, -- das berühmteste Beispiel ist
Dera'a in der Haurānsteppe, südlich von Mezērib. Muschennef ließen
wir westlich liegen, nicht ohne Bedauern meinerseits, denn in der
großen Dorfzisterne spiegelt sich der schönste Tempel im Djebel Druz,
der selbst von den prächtigen Baudenkmälern in Kanawāt nicht an
Schönheit übertroffen wird. Das nördlich vom Wādi esch Schām liegende
El Adjlād ist auf dem Gipfel eines so hohen Tells erbaut, daß es
die Februarschneegrenze erreicht. Von hier aus führt ein zweites
Tal hinab in die Safa, an dessen unterm Ende eine Ruine mit einer
Inschrift liegen soll, aber ich konnte sie nicht besuchen. Gegen 4 Uhr
nachmittags kamen wir in Umm Ruweik an, und wir errichteten unsre Zelte
am Rande der Hochebene, so daß ich durch meine offene Zelttür die Safa
in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken konnte.
[Illustration: Basilika, Kanawāt.]