»Der Geist der Drusen gleicht edlem Stahl, aber was ist Stahl, ehe er

zu einem Schwert geschmiedet worden ist?«

Selmān entgegnete: »Mein Onkel Schibly konnte weder lesen noch

schreiben.«

»Die Zeiten sind andere geworden,« sagte ich. »Das Haus Turschān wird

geschulter Köpfe bedürfen, wenn es wie in alten Zeiten die Bewohner der

Berge anführen soll.«

Mit dieser Führerrolle ist es freilich für immer vorbei, denn Schibly

ist tot und Yahya kinderlos, Mohammed alt und Selmān unerzogen. Nun hat

Faiz zwar vier Söhne hinterlassen, sie stehen aber nicht in Ansehen;

Nasīb ist schlau aber ungebildet, Mustafa zu Imtain gilt für einen

braven, wenig intelligenten Mann, und Hamūd von Sueda hat weiter nichts

als seinen Reichtum. Der fähigste der Drusen ist ohne Zweifel Abu

Tellāl von Schahba, und der scharfsinnigste Scheich Mohammed en Nassār.

Wir hatten eine bitterkalte Nacht. Der Kältegrad konnte zwar nicht

genau festgestellt werden, denn mein Thermometer war zerbrochen, aber

bis wir Damaskus erreichten, war das Wasser im Glase neben meinem

Bett jeden Morgen ausgefroren, und in der einen Nacht war sogar der

kleine tosende Fluß vor dem Lager still, weil hart gefroren. Gewöhnlich

wurden Vieh und Maultiere in einem Khan (Karawanserei) untergebracht,

solange der Frost anhielt. Kaum war unser Zelt aufgestellt worden, so

verschwand Mohammed, der Druse (er war nun zu seinem eigentlichen

Namen und Glauben zurückgekehrt), um sich während der Nacht der

Gastfreundschaft seiner Sippe zu erfreuen. »Hm,« kommentierte Michaïl

sarkastisch, »bei dem ist jeder, von dem er seine Mahlzeit erwischen

kann, der Sohn seines Onkels.«

Ich mußte meinen morgigen Aufbruch verschieben, weil der Scheich

mich zu einer sehr dehnbaren Zeit zum Frühstück geladen hatte. »Zwei

Stunden nach Sonnenaufgang« -- war gesagt worden, aber wer kann denn

sagen, wann es dem Tagesgestirn beliebt, sich zu erheben? Es war eine

angenehme Sitzung. Wir besprachen den Krieg in Jemen nach allen Seiten

hin (im Grunde war ich die einzige Person, die irgendwelche Kunde davon

hatte, und die meinige entstammte einer einige Monate alten Weekly

Times), dann wollte Mohammed wissen, warum die Europäer so eifrig nach

Inschriften forschten.

[Illustration: Flora und Fauna in der Wüste.]

»Ich kann mir's ja denken,« fügte er hinzu, »sie werden wahrscheinlich

das Land seinen früheren Besitzern zurückgeben wollen.«

Und als ich ihm versicherte, daß die letzten Sprossen der ehemaligen

Herren des Haurān an die tausend Jahre tot wären, hörte er höflich zu

und ging mit der unsicheren Miene eines Mannes, der um eine Antwort

verlegen ist, auf ein anderes Thema über.

Der junge Mann, der uns unsern Lagerplatz angewiesen hatte, ritt mit

uns bis Salchad, weil er, wie er sagte, dort Geschäfte hatte und

lieber in Gesellschaft den Weg zurücklegte. Einer geistlichen Familie

entstammend, ist Saleh, wie er hieß, im Lesen und Schreiben bewandert.

Nun zerfallen die Drusen in Geweihte und Ungeweihte, und ich hatte die

Kühnheit, ihn zu fragen, ob er zu den ersteren ('akil) gehöre. Mit dem

gesellschaftlichen Rang hat diese Bezeichnung zwar nichts zu tun, denn

die meisten Turschānen sind Ungeweihte, aber er warf mir doch einen

scharfen Blick zu, und seine Gegenfrage:

»Was glauben Sie denn?« machte mir meinem Verstoß klar, so daß ich das

Thema fallen ließ.

Saleh war nicht einer, der sich die Gelegenheit, etwas zu lernen,

entschlüpfen ließ. Er forschte gehörig nach unsern Bräuchen, auch nach

unsern Gesetzen über Ehe und Scheidung. Zu besonderer Heiterkeit reizte

ihn die Sitte der englischen Väter, einen Mann dafür zu bezahlen,

daß er seine Tochter heiratet. So deutete wenigstens Saleh das Wesen

einer Mitgift, und wir lachten beide über ein derartiges sonderbares

Übereinkommen. Auch war er begierig, die Ansichten der Abendländer

über die Schöpfung der Welt und den Ursprung der Dinge zu hören,

und die mancherlei heterodoxen Auffassungen, mit denen ich ihm den

Willen tat, erfuhren weit schärfere Beleuchtung, als ihnen meinerseits

entgegengebracht wurde. Wir verbrachten trotz des Schmutzes und

Gerölles einen angenehmen Morgen. Ein kleiner purpurner Krokus hatte es

eilig, am Rande einer Schneewehe zu blühen, und auch der weiße Stern

einer Knoblauchpflanze. Das Gebirge ist reich an Frühlingsblüten.

Reizvoll war die Aussicht nach Süden zu über die große Ebene, die wir

überschritten hatten, nordwärts erhoben sich die mit dickem Schnee

bedeckten Hügel, und Kuleib, das Kleine Herz, sah mit seinem eisigen,

halb von Nebel verhüllten Gipfel ordentlich alpin aus. Zwei Stunden

nach Mittag sahen wir Salchad, unser erstes Reiseziel.

Fünftes Kapitel.

Salchad, der Wohnsitz von King Og in Baschan, muß von Anbeginn an

ein befestigter Ort gewesen sein. Das neuere Dorf gruppiert sich

um den Fuß eines kleinen Vulkans, auf seiner Spitze und direkt in

den Krater hineingebaut liegt die verfallene Festung. Sie und ihre

Vorgänger im Krater bildeten die Vorposten des Haurāngebirges nach

der Steppe hin, waren die Vorposten der frühesten Zivilisation gegen

die ersten Marodeure. Das Terrain fällt nach Süden und Osten zu steil

ab und ebnet, nur ganz im Anfang von ein oder zwei vulkanischen

Erhebungen unterbrochen, in die lange, bis zum Euphrat reichende

Fläche aus; schnurgerade, wie der Pfeil, der den Bogen verläßt, läuft

die Römerstraße von Salchad in die Wüste hinein, keiner der neueren

Reisenden ist ihr über zwei oder drei Stationen gefolgt. Hier nimmt der

Karawanenweg nach Nedjd seinen Anfang; er führt über Kāf und Ethreh

am Wādi Sirhan entlang nach Djof und Haïl und wurde, so gefährlich er

ist, von den Blunts und später von Euting bereist. Eutings Beschreibung

ist, mit der Gelehrsamkeit und gründlichen Beobachtung der Deutschen

verfaßt, die beste, die wir haben. Direkt südlich von Salchad liegt ein

interessantes zerstörtes Fort, Kal'at el Azrak. Das Dickicht der Oase

birgt eine Menge wilder Bären. Dussaud, der diesen Teil besuchte, hat

zwar eine prächtige Reisebeschreibung geliefert, aber ohne Zweifel läßt

sich noch viel mehr des Neuen auffinden, birgt die Wüste noch manches

Geheimnis, und jene große Ebene lockt so verführerisch, daß der Fuß in

Salchad nur widerstrebend die Weiterreise nach Süden aufgibt.

[Illustration: Burg, Salchad.]

Mein erster Weg war nach dem Hause von Nasīb el Atrasch, um Fellāh ul

'Isas Brief zu überbringen. Nasīb ist siebenundzwanzig, obgleich er

wohl zehn Jahre älter erscheint; er ist von kurzer Statur, glatthaarig,

und seine Gesichtszüge, die mehr schlau als angenehm sind, tragen

ausgeprägten drusischen Typus. Er empfing mich in seinem Mak'ad, wo

er mit seinem Bruder Djadallah saß, letzterer ein schlanker junger

Mann mit hübschem, aber ziemlich einfältigem Gesicht. Nachdem er

mich mit »~bon jour~« begrüßt, verfiel er in Schweigen, weil er

mit seinem Französisch zu Ende war. Und wie er sich eine einzige

Redensart aus einer europäischen Sprache geborgt hatte, so auch ein

einziges Kleidungsstück aus einer europäischen Garderobe: einen

enormen hochstehenden Halskragen, der zu seiner arabischen Tracht ganz

wunderlich paßte. Außerdem befanden sich noch einige kaffeetrinkende

Drusen in dem Raume, und noch jemand, den ich sofort aus einen

Fremdling schätzte. Er entpuppte sich als der Mudīr el Māl von der

türkischen Regierung. Seine eigentlichen amtlichen Funktionen sind

mir zwar unbekannt, aber der Titel weist auf einen Angestellten der

Schatzkammer hin. Salchad ist eins der drei Dörfer im Djebel Druz (die

anderen heißen Sueda und 'Areh), wo der Sultan einen Kāimakām sowie

ein Telegraphenamt hat. Jūsef Effendi, der Kāimakām, und Milhēm Iliān,

der Mudīr el Māl, waren nicht wenig überrascht, als ich ohne irgend

einen Avis oder eine Erlaubnis aus der Wüste auftauchte; täglich gingen

drei Telegramme von ihnen mit Berichten über alles, was ich sagte

oder tat, an den Vāli von Damaskus ab, und wenn ich auch auf besten

Fuße mit beiden stand (Milhēm erwies sich als der intelligenteste und

angenehmste Mann im Dorfe), habe ich ihnen wohl leider viel innere

Unruhe geschafft. Und hier lassen Sie mich einschalten, daß ich auf

Grund meiner Erfahrungen die türkischen Beamten zu den höflichsten und

gefälligsten Männern rechnen muß. Komme zu ihnen mit den gehörigen

Ausweisungen, und sie werden alles in ihrer Macht tun, um dir

beizustehen. Und gesetzt auch, sie sind dir hinderlich, so geschieht

es nur, weil sie höherem Gebot gehorchen müssen. Ja, selbst wenn

du, wie es hin und wieder notgedrungen geschehen muß, ihre stets in

ausgesucht höflicher Sprache gegebenen Weigerungen nicht beachtest,

verbergen sie doch ihren gerechtfertigten Verdruß und tragen dir die

Mühe nicht nach, die du ihnen verursachst. Die Regierungsbeamten in

Salchad haben eine schwierige Stellung. In den letzten fünf Jahren ist

es zwar im Gebirgsland friedlich hergegangen, aber die Drusen sind

ein wetterwendisches Volk und leicht gereizt. Milhēm wußte sie wohl

zu nehmen, und seine Ernennung zu dem neuen Posten in Salchad beweist

Vālis aufrichtigen Wunsch, in der Zukunft Reibereien zu vermeiden.

Milhēm war früher viele Jahre in Sueda gewesen, und als Christ lag

zwischen ihm und den Drusen nicht jene unüberbrückbare Scheidewand des

Hasses, die die letzteren vom Islam trennt; überdies sagt er sich auch,

daß im Interesse der türkischen Regierung im Djebel Haurān nur wenig

von einem Volk gefordert werden darf, das dem Namen nach untertan, in

Wirklichkeit aber unabhängig ist. Jūsef Effendi stimmte mit ihm in

dieser Überzeugung ziemlich überein, und er wußte gewiß am besten,

wie schattenhaft seine Autorität war: gibt es doch nicht mehr als 200

türkische Soldaten im ganzen Bergland; der Rest der ottomanischen Macht

besteht aus drusischen Zaptiehs, die sich zwar die Dienstuniform wohl

gefallen lassen und den Sold einstecken, der selten genug bis zu ihnen

gelangt, im übrigen aber kaum als zuverlässiger Schutz gelten können,

wenn ernste Streitigkeiten zwischen ihrem eignen Volke und dem Sultan

entstehen. Wie es den Anschein hatte, lebten Nasīb und sein Bruder mit

dem Kāimakām im besten Einvernehmen: sie saßen fortwährend in seinem

Mak'ad und tranken seinen Kaffee, aber als wir einst zufällig allein

waren, bemerkte Jūsef Effendi pathetisch in seinem hochtrabenden

Türkisch-Arabisch: »Ich weiß nie, was sie vorhaben, sie betrachten mich

als Feind. Und wenn sie den Befehlen aus Damaskus nicht folgen wollen,

so zerschneiden sie den Telegraphendraht und tun, was ihnen gefällt.

Welche Macht habe ich, sie zu hindern?«

[Illustration: Nasīb el Atrasch.]

Indes sind Anzeichen vorhanden, daß das unruhige Volk der Bergbewohner

sein Interesse jetzt anderen Dingen zuwendet als dem Kriege mit den

Osmanen, vor allem den Dampfwerken, die das Getreide für Salchad und

einige andre Ortschaften mahlen. Wer eine Dampfmühle sein eigen nennt,

ist gebunden, die bestehende Ordnung aufrecht zu erhalten. Er, der

sie mit beträchtlichen Kosten erbaut hat, wird nicht wünschen, sie

von einer eindringenden türkischen Armee zerstört und sein Kapital

vernichtet zu sehen; er hofft im Gegenteil, Geld daraus zu schlagen,

und so erhält seine rastlose Energie eine neue, einträgliche Betätigung

in dieser Weise. Ich habe den Eindruck, daß der Friede jetzt auf einer

viel solideren Basis ruht als vor fünf Jahren, und daß die türkische

Regierung nicht gesäumt hat, sich die Lektion des letzten Krieges zu

Herzen zu nehmen. Hätte nur der Vāli von Damaskus gewußt, welch guten

Eindruck seine wohlbedachten Maßnahmen auf die »ränkevolle Engländerin«

machen -- er hätte seinen Telegraphenbeamten ein gut Teil Arbeit

ersparen können.

[Illustration: Eine Gruppe Drusen.]

Es kann kaum ein besseres Beispiel geben für die Ungezwungenheit,

mit der die Drusen ihre eignen Angelegenheiten erledigen, als ein

Vorkommnis, welches sich am Abend meiner Ankunft zutrug. Es waren

bereits Andeutungen über die Wahrscheinlichkeit kriegerischer

Zusammenstöße zwischen den Bergbewohnern und der Wüste gefallen, und

kaum hatten wir einen Nachmittag in Salchad verlebt, so war uns auch

schon klar, daß der große, vor einigen Monaten ausgeführte Raubzug

Nasīb und seinen Bruder besonders beschäftigte. Wenn sie auch nicht mit

uns davon sprachen, so lauschten sie doch aufmerksam, sobald wir die

gegen die Hassaniyyeh verübten Räubereien erwähnten und die Rolle, die

die Suchūr dabei gespielt hatten. Sie lockten auch alles heraus, was

wir über die jetzige Stellung der letzteren wußten oder vermuteten, wie

weit die Räuber gekommen waren, in welcher Richtung sie den Rückzug

angetreten. Die Maultiertreiber hatten Männer an den Straßenecken

flüstern hören und zwar von Vorbereitungen zum Krieg. Die Gruppen um

Michaïls Feuer, von jeher ein Zentrum sozialer Tätigkeit, sprachen

von Vergehungen, die nicht unbemerkt bleiben durften, und einer der

vielen Söhne von Mohammeds Onkel hatte den ausgehungerten Beirutern

ein Frühstück serviert, das mit mancherlei dunklen Winken über ein

zwischen den Wādi Sirhan und den Beni Sachr bestehendes Bündnis gewürzt

war, welches im Keime erstickt werden müsse, ehe es beunruhigende

Dimensionen annehmen könne. Der Raubzug würde sich kaum bis Salchad

erstrecken, aber das Unheil brauchte auch gar nicht bis zu diesem

Punkte zu warten, besonders nicht im Winter, wo alle Vierfüßler, außer

den notwendigen Reitpferden, weit entfernt auf der südlichen Ebene sind.

Mein Lager befand sich außerhalb der Stadt, auf einem Felde am Fuße

des Burghügels. Nach Norden zu waren die Hänge bis zu den verfallenen

Festungsmauern hinauf dick mit Schnee bedeckt, und auch wo wir

lagerten, befanden sich einzelne Schneewehen, die im Vollmondschein

glitzerten. Eben ging ich nach beendeter Mahlzeit mit mir zu rate, ob

es wohl zu kalt wäre, mein Tagebuch zu schreiben, als wilder Gesang die

Stille der Nacht unterbrach, und eine mächtige Flamme von den obersten

Mauern des Kastells zum Himmel emporloderte. Es war ein Leuchtfeuer,

welches den zahlreichen drusischen Dörfern in der Ebene unten die

Annäherung des Raubzuges verkünden sollte, der Gesang aber rief zu den

Waffen. Der drusische Zaptieh, der an meinem Lagerfeuer saß, sprang auf

und starrte erst auf mich und dann auf die rote Glut über uns.

»Wird es mir gestattet sein, hinaufzugehen?« fragte ich.

»Es liegt nichts dagegen vor. Beehren Sie uns.«

[Illustration: Blick von der Burg Salchad nach Südosten.]

Wir kletterten über den halbgefrornen Schlamm und an der

schneebedeckten Nordseite des Vulkans entlang, bahnten im Dunklen

unsern Weg um die Mauern der Burg, wo die Lava unter unsern Füßen

nachgab, und sahen uns endlich im hellen Mondschein der wildesten

Szene gegenüber, die je ein Auge sah. Eine Schar Drusen, junge Männer

sowohl als Knaben, stand auf dem schmalen Rücken des Hügels, am Rande

des Festungsgrabens. Sie waren sämtlich mit Schwertern und Messern

bewaffnet und brüllten Strophe um Strophe eines entsetzlichen Liedes.

Jede Zeile wurde zwanzigmal oder öfter noch wiederholt, bis es dem

Hörer zumute war, als hätte sie sich in die tiefsten Falten seines

Geistes eingefressen, wie scharfe Säuren in ein Metall.

»Auf sie, auf sie! Herr unser Gott! Laß den Feind in Schwaden unter

unsern Schwertern fallen!

Auf sie, auf sie! Laß unsre Speere ihr Herzblut trinken!

Laß den Säugling sich lösen von der Brust der Mutter!

Laß den Jüngling sich erheben und fallen!

Auf sie, auf sie! Herr unser Gott! Laß unsre Schwerter ihr Herzblut

trinken!«

So sangen sie, und es schien, als wolle ihr Grimm nimmer enden, als

müßten die Mauern der Burg auf ewig von ihrer Wut widerhallen, als

solle die Nacht nie wieder in Schweigen versinken. Aber da brach mit

einemmal der Gesang ab, die Sänger traten auseinander und bildeten,

sich bei den Händen fassend, einen Kreis. Hinein traten drei junge

Drusen mit nackten Schwertern und schritten an dem Ring begeisterter

Jünglinge entlang. Vor jedem einzelnen blieben sie stehen, schwangen

das Schwert und riefen:

»Bist du ein guter Mann? Bist du ein echter Mann?«

Und jeder schrie jauchzend:

»Ha! ha!«

Das Mondlicht fiel auf die dunklen Gesichter und glitzerte auf den

zitternden Klingen, feurige Kriegslust ging von Hand zu Hand, und die

Erde schrie zum Himmel auf: »Krieg! Blutiger Krieg!«

Da erblickte einer der Männer plötzlich mich im Kreise; er kam heran

und schwang das Schwert über meinem Haupte, gleichsam als Gruß von

Nation an Nation, und rief:

»Meine Dame! Engländer und Drusen sind eins!«

Worauf ich erwiderte: »Gott sei Dank! Auch wir sind ein kämpfendes

Volk.«

Fürwahr, in diesem Moment dünkte mir nichts herrlicher, als auszuziehen

und den Feind zu schlagen.

Als diese Vereidigung der Krieger vorbei war, rannten wir, uns noch an

den Händen fassend, im Mondlicht den Hügel hinab, und da ich bemerkte,

daß einige von ihnen noch Kinder waren, sagte ich zu dem Kameraden,

dessen Hand der Zufall in die meine gelegt:

»Ziehen alle diese mit euch aus?«

Er erwiderte: »Nein, bei Gott! Nicht alle. Die Knaben müssen daheim

bleiben und zu Gott beten, daß auch ihr Tag bald kommen möge.«

An der Stadt angelangt, sprangen die Drusen auf das flache Dach eines

Hauses und nahmen ihren satanischen Gesang wieder auf. Das Feuer auf

den Mauern war nun erloschen, die Nacht wurde plötzlich kalt, und es

regten sich Zweifel in mir, ob Milhēm und der Vāli von Damaskus an die

Harmlosigkeit meiner Reise glauben würden, wenn sie gewahrten, daß

ich mich an einer Demonstration gegen die Suchūr beteiligte. Daher

schlug ich mich in den Schatten, rannte nach meinen Zelten und wurde

wieder zur Europäerin, die, friedlichen Zielen zustrebend, den rauhen

Leidenschaften der Männer fernbleibt.

Wir blieben zwei Tage in Salchad, hatten wir uns doch über unsre Reise

zu befragen und Vorräte anzuschaffen, ehe wir nach der Ostseite des

Gebirges aufbrachen, wo es keine Dörfer gibt. Der Proviantmeister hat

die größte Schwierigkeit, in Salchad Gerste für die Tiere zu schaffen.

In Umm er Rummān war genug für unsern Bedarf gewesen, auch in Sueda,

dem Hauptsitz der türkischen Regierung, ist nie Mangel daran. Das aber

lag weit jenseits der Hügel, und wir beschlossen daher, nach Imtain

zu schicken, wohin der Weg schneefrei war. Ich unterlasse auch nicht

zu erwähnen, daß es im Winter unmöglich ist, einen Hammel zu kaufen,

da das Vieh dann stundenweit weg in der Ebene ist, und was Hühner

anbetrifft, so muß der Reisende mit den dürrsten Exemplaren fürlieb

nehmen, die aufzutreiben sind. Michaïl war nicht wenig entrüstet über

den Mangel an Umsicht, der unsre Speisekammer so schlecht bestellt

hatte, denn er tat sich auf das Braten eines Hammelschlegels etwas

zu gute, und nun wollte er wissen, warum die Bücher, die ich bei mir

führte, sich über den Mangel an dieser Delikatesse ausschwiegen. Auf

meine Erklärung, daß den Verfassern dieser Werke römische Altertümer

wichtiger wären als Rostbraten und Steaks, sagte er kurzweg:

»Wenn Ew. Exzellenz ein Buch schreiben, werden Sie nicht sagen: Hier

befindet sich eine schöne Kirche, dort ein großes Schloß! Das sehen

die Herrschaften von selbst. Aber Sie werden sagen: In diesem Dorfe

gibt es keine Hühner. Dann wissen die Leute von Anfang an, was für eine

Gegend es ist.«

[Illustration: Kreyeh.]

Den ersten Tag meines Besuchs bei Nasīb verbrachte ich, indem

ich beobachtete, wie er für die zu erwartende militärische

Expedition Getreide mahlen ließ, und ihn sowie die Größen seines

Dorfes photographierte. Zum Frühstück in seinem Mak'ad gab es ein

knirschendes, Packpapier ähnliches Brot und dibs, eine Art Sirup

aus eingekochtem Traubensaft, sowie eine recht garstige Suppe, die

aus saurer Milch und Fettstückchen bestand. Kirk heißt sie bei den

Drusen und erfreut sich einer ganz unverantwortlichen Schätzung. Am

Nachmittag mußte Nasīb gegen zehn Meilen südlich reiten, um einen

Händel zwischen zwei seiner Dörfer zu schlichten. Er lud mich zwar ein,

ihn zu begleiten, aber ich dachte, es würden wahrscheinlich noch andre

Angelegenheiten vorliegen, bei denen die Anwesenheit eines Fremdlings

nicht wünschenswert war, und daher beschloß ich, eine Stunde weit mit

ihm zu gehen, dann aber abseits ein Grabdenkmal auf der Spitze eines

Hügels aufzusuchen. Es geht unter dem Namen »Grab von El Chudr«, der

kein andrer als der heilige Georg ist. Nasīb machte sich mit großem

Pomp auf den Weg; 20 Bewaffnete ritten neben ihm her, er selbst trug

einen langen dunkelblauen, schwarzbestickten Tuchmantel, zwischen die

Falten seines weißen Turbans schlang sich ein blaßblaues Tuch. Auch

jeder der Männer war in einen Mantel gehüllt, und die Flinte hielten

sie quer über den Knieen, so daß der ganze Zug sehr stattlich aussah.

Man händigte mir die Gewehre eins nach dem andern ein, damit ich die

Zeichen darauf besichtigen sollte, und ich fand, daß Alter und Ursprung

der Waffen sehr verschieden waren. Einige vorweltliche Exemplare waren

türkischen Soldaten gestohlen worden, die französischen, als die

meisten, waren ziemlich neu, etliche aber kamen aus Ägypten und waren

mit V. R. und dem breiten Pfeil gezeichnet. Nasīb ritt eine Strecke

mit mir, wobei er ein Examen über meine gesellschaftliche Stellung

anstellte. Ritt ich zu Hause mit dem König von England aus, und wie

groß waren die Reichtümer meines Vaters? Seine Wißbegierde hatte

ihren besonderen Grund: der Druse schaut immer nach einem reichen

Europäer aus, den er sich verpflichten kann, und der ihm im Fall eines

neuen Krieges mit dem Sultan zu Geldmitteln und Waffen verhilft. Mit

verächtlicher Miene hörte er meine Auskunft über unsre Finanzen an,

so daß ich mich bewogen sah, ihn in freilich taktvollerer Weise zu

fragen, was man »reich sein« in den Bergen nenne. Darauf erfuhr ich,

daß der reichste Turschane, Hamūd in Sueda, ein Jahreseinkommen von

5000 Napoleons hätte. Nasīb selbst, als weniger reich, hatte gegen

1000 Napoleons. Vermutlich fließt es ihm meistens in Naturalien zu,

denn alle Einkünfte dort entstammen dem Boden und schwanken natürlich

bedeutend nach den jeweiligen Jahreserträgnissen. Die genannten Summen

kamen mir ziemlich hochgegriffen vor, sie mochten wohl auf Grund einer

besonders glücklichen Ernte normiert sein.

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 6 / 24 段