Einige Meilen weiter nördlich hatte man in den Hassaniyyehlagern noch

nichts von dem Unglück des gestrigen Tages gehört, und uns blieb der

Vorzug, Überbringer der bösen Kunde zu sein. Gablān ritt zu jeder

Gruppe, die wir passierten, und erleichterte sein Herz. Die 400 Räuber

vervielfältigten sich im Weiterreiten, und ich habe vielleicht gleich

zu Anfang unrecht getan, an die mir berichteten 400 zu glauben, denn

in den 24 Stunden, die zwischen ihrem Weggange und unsrer Ankunft

lagen, hatten sie bereits Zeit gehabt, sich zu vermehren. In allen

Zelten wurden Vorbereitungen getroffen nicht zum Krieg, sondern

zu einem Fest. Fiel doch auf den morgenden Tag das große Fest des

mohammedanischen Jahres, die Opferfeier, wo die Pilgrime in Mekka ihr

Opfer schlachteten, und die Gläubigen in der Heimat ihrem Beispiel

folgen. Vor jedem Zelte war ein ungeheurer Reisighaufen aufgetürmt, an

dem am nächsten Tage das Kamel oder Schaf gebraten werden sollte, und

draußen in der Sonne lagen die Hemden des Stammes nach einer Wäsche,

die -- ich habe triftigen Grund es anzunehmen -- nur einmal im Jahre

stattfindet, zum Trocknen ausgebreitet. Um Sonnenuntergang erreichten

wir eine große Niederlassung der Beni Hassan, wo Gablān die Nacht

zu verbringen gedachte. Ein schmutziger Tümpel in der Nähe lieferte

Wasser, und über der Bodensenkung, in der die Araber lagen, fanden wir

auch einen günstigen Platz für unsre Zelte. Keiner der großen Scheichs

war im Lager anwesend, und Namrūds Warnung eingedenk, schlug ich alle

Einladungen aus und verbrachte den Abend zu Hause. Ich beobachtete

den Sonnenuntergang, das Anzünden der Kochfeuer und den blauen Rauch,

der sich im Zwielicht verlor. Das phantastisch geschmückte Opfertier

weidete unter meinen Maultieren, und nach Anbruch der Dunkelheit

wurde das Fest durch langandauerndes Schießen feierlich eingeleitet.

Gablān saß schweigend am Lagerfeuer; seine Gedanken weilten bei den

Lustbarkeiten, die zu Hause vor sich gingen. Es ging ihm sehr gegen

den Strich, an einem solchen Tage fernbleiben zu müssen. »Wieviel

Reiter,« sprach er, »werden morgen vor meines Vaters Zelt absteigen!

und ich werde nicht da sein, sie zu bewillkommnen oder meinem kleinen

Sohne ein gesegnetes Fest zu wünschen.«

[Illustration: Wasserlauf in der Steppe.]

Noch ehe die Festlichkeiten begannen, brachen wir auf. Es lockte mich

nicht, der Todesstunde des Kamels beizuwohnen, überdies hatten wir

auch eine lange Tagereise durch eine nicht besonders sichere Gegend

vor uns. Für meine Karawane zwar war die Gefahr nicht groß. Trug ich

doch in meiner Tasche einen Brief von Fellāh ul 'Isa an Nasīb el

Atrasch, den Scheich von Salchad im Djebel Druz (Drusengebirge). »An

den berühmten und gelehrten Scheich Nasīb el Atrasch,« lautete er --

ich hatte gehört, wie mein Wirt ihn Namrūd diktierte, und zugesehen,

wie er ihn mit seinem Siegel verschloß -- »den Hochverehrten, Gott

schenke ihm langes Leben! Wir senden Euch Grüße, Dir, dem ganzen

Volke von Salchad, Deinem Bruder Djad'allah, dem Sohne Deines Onkels

Mohammed el Atrasch in Umm er Rummān und unsern Freunden in Imtain.

Und weiter: es reist eine sehr hohe englische Dame von uns zu Euch.

Und wir grüßen Mohammed und unsre Freunde ... usw. (hier folgt eine

weitere Liste von Namen), und das ist alles Nötige, und Friede sei mit

Euch.« Außer diesem Briefe schützte mich auch meine Nationalität,

denn die Drusen haben unsre Einmischung zu ihren Gunsten im Jahre 1860

noch nicht vergessen. Überdies war ich auch mit mehreren Scheichs

des Hauses Turschān bekannt, zu welcher mächtigen Familie auch Nasīb

gehörte. Mit Gablān freilich war es etwas anderes, und er war sich der

Unsicherheit seiner Lage sehr wohl bewußt. Trotz seines Onkels Besuch

in den Bergen konnte er nicht wissen, wie die Drusen ihn aufnehmen

würden; er verließ die letzten Vorposten seiner Verbündeten und betrat

ein von jeher feindliches Grenzland (er selbst kannte es ja nur von den

gelegentlichen Raubzügen her, die er dorthin unternommen), und selbst

wenn er unter den Drusen keine Feinde fand, konnte er doch leicht einem

umherstreifenden Trupp der Haseneh oder ihresgleichen in die Hände

fallen, die östlich von den Hügeln wohnen und die erbittertsten Feinde

der Da'dja sind.

[Illustration: Kamele der Haseneh.]

Nach ein oder zwei weiteren Stunden veränderte sich der Charakter der

Landschaft gänzlich: der weiche Wüstenboden wich den vulkanischen

Felsen des Haurān. Nachdem wir eine Weile an einem Lavabett hingeritten

waren und die letzten Zelte der Hassaniyyeh in einer kleinen Talmulde

hinter uns gelassen hatten, befanden wir uns am Rande einer Ebene, die

sich in ununterbrochener Fläche bis an den Djebel Druz erstreckte. Sie

war verödet, fast aller Vegetation bar und mit schwarzen vulkanischen

Steinen bedeckt. Jemand hat gesagt, daß der Saum der Wüste einem

felsigen Strand gliche, an dem der Seefahrer, der das tiefe Wasser

glücklich durchschifft hat, immer noch scheitern kann, wenn er sein

Schiff in den Hafen zu bringen versucht. Und diese Landung stand uns

jetzt bevor. Irgendwo zwischen uns und dem Gebirge lagen die Ruinen

von Umm ed Djimāl, wo ich auf die Drusen zu stoßen hoffte; aber da

das Land vor uns ziemlich viel Hebung und Senkung zeigte, war es uns

ganz unmöglich zu sagen, wo diese Ruinen sich befanden. Umm ed Djimāl

steht in schlechtem Rufe -- ich glaube, das meinige war eins der

ersten europäischen Lager, die je dort ausgeschlagen wurden; vor mir

war eine Gesellschaft amerikanischer Archäologen dagewesen, die den

Ort 14 Tage vor meiner Ankunft verließ. Gablāns augenscheinliche Angst

ließ die Gefahr nur um so größer erscheinen. Zweimal wandte er sich

mit der Frage an mich, ob wir wirklich dort lagern müßten. Ich hielt

ihm entgegen, daß er es unternommen habe, mich nach Umm ed Djimāl zu

führen, und daß ich mich zweifellos auch dorthin begeben würde, und

begründete das zweite Mal meine Hartnäckigkeit mit dem Hinweis, daß

wir Wasser für unsre Tiere brauchten und es sicher nirgend anders als

in den Zisternen des verfallnen Dorfes finden würden. Darauf zog

ich meine Karte heraus, versuchte zu erraten, an welchem Punkte des

leeren weißen Blattes wir uns augenblicklich befanden, und ließ dann

meine Karawane etwas westwärts auf eine niedrige Anhöhe zu gehen, die

uns den Ausblick auf unsern Bestimmungsort versprach. Gablān fügte sich

dieser meiner Entscheidung gutwillig und drückte sein Bedauern aus,

uns keine besseren Führerdienste leisten zu können. Er war in seinem

Leben nur einmal in Umm ed Djimāl gewesen und zwar bei einem Raubzuge

in der Tiefe der Nacht. Er und seine Gesellschaft hatten hier eine

halbe Stunde gerastet, um ihre Pferde zu tränken, waren dann ostwärts

weiter gezogen und hatten für die Rückkehr einen anderen Weg gewählt.

Ja, dem Himmel sei Dank, es war ein erfolgreicher Beutezug gewesen und

noch dazu einer der ersten, an dem er teilgenommen. Michaïl begegnete

unsern Entschließungen mit Gleichgültigkeit, und die Maultiertreiber

wurden nicht befragt, Habīb aber steckte, als wir weiterritten, seinen

Revolver etwas lockerer in den Gürtel.

[Illustration: Umm ed Djimāl.]

Wir eilten vorwärts. Wir hielten Umschau nach dem Rasīf, der

gepflasterten Römerstraße, die die Kal'at ez Zerkā direkt mit Bosra

verbindet, und ich ging gleichzeitig mit mir zu rate, wie ich im

Falle der Not den Freund und Führer schützen könnte, dessen angenehme

Gesellschaft unsre Reise belebt hatte, und der sicherlich nicht

zu Schaden kommen sollte, solange er bei uns weilte. Als wir uns

der Bodenerhebung näherten, sahen wir Schafhürden oben stehen und

beobachteten, wie Männer die Herden sammelten und sie mit einer Eile,

die ihre Besorgnis verriet, hinter die schwarzen Mauern trieben. Aus

einer zur Linken gelegenen Vertiefung aber näherten sich uns mehrere

Gestalten -- ob sie zu Fuß oder beritten waren, konnten wir nicht

feststellen -- und einige Augenblicke später stiegen zwei Rauchwölkchen

vor ihnen auf, und wir hörten den Knall der Gewehre.

Schnell kehrte sich Gablān nach mir um.

»Darabūna!« sagte er, »sie haben auf uns geschossen.«

Laut sprach ich: »Sie haben Angst!« zu mir selbst aber: »Jetzt geht's

los!«

Gablān erhob sich in den Steigbügeln, zog seinen pelzgefütterten Mantel

von den Schultern, schlang ihn sich um den linken Arm und schwenkte

ihn, während wir beide, er und ich, ganz langsam vorwärtsritten, über

seinem Kopfe. Es fielen noch ein paar Schüsse, wir ritten weiter unter

unsrer Friedensfahne. Das Schießen hörte auf; schließlich war es weiter

nichts gewesen als die übliche, freilich mit dem bekannten Leichtsinn

der Barbaren vollzogene Begrüßung eines Fremden. Unsre Angreifer

erwiesen sich als zwei Neger, die von einem Ohr zum andern grinsten

und gleich bereit waren, Freundschaft mit uns zu schließen und uns den

Weg nach Umm ed Djimāl zu zeigen, sobald sie nur überzeugt waren, daß

wir nicht auf Schafstehlen ausgingen. Nachdem wir den Hügel umritten

hatten, sahen wir die Ruinen vor uns liegen. Beim Anblick ihrer

schwarzen Türme und Mauern, die so kühn aus der Wüste aufragten, wurde

es uns schwer zu glauben, daß der Ort bereits seit 1300 Jahren verödet

und verfallen liegt. Erst als wir ganz nahe waren, wurden die Sprünge

und Spalten in den Tuffsteinmauern und die Breschen in der Stadtmauer

sichtbar. Vorwärts eilend wäre ich mitten in das Herz der Stadt

hineingeritten, hätte Gablān nicht die Hand auf meinen Zügel gelegt und

mich aufgehalten.

»Ich werde vorangehen!« sprach er, »o meine Dame, Sie sind meiner Obhut

anvertraut.«

Dieser Entschluß mußte ihm hoch angerechnet werden, denn Gablān war die

einzige Person, die irgendwelche Gefahr lief, und er war sich dieser

Tatsache wohl bewußt.

Wir klapperten über die zerfallene Stadtmauer, umritten den viereckigen

Klosterturm, das Hauptmerkmal der »Mutter der Kamele« (dies ist die

Bedeutung des arabischen Namens), und kamen auf einen freien, von

gänzlich verlassenen Straßen umgebenen Platz. Nichts Furchterweckendes

zeigte sich, ja wir sahen kein anderes Lebenszeichen als zwei kleine

schwarze Zelte, deren Bewohner uns mit Enthusiasmus begrüßten und

uns in der liebenswürdigsten Weise Milch und Eier zum Verkauf boten.

Die am Fuße des Haurāngebirges wohnenden Araber heißen Djebeliyyeh,

Bergaraber, und kommen nicht weiter in Betracht, da sie nur Diener

und Hirten der Drusen sind. Während sie im Winter die in die Ebene

herniedergesandten Herden weiden, dürfen sie im Sommer ihr eigenes Vieh

auf die unbebauten Abhänge treiben.

[Illustration: Tränken der Kamele.]

Ich verbrachte die noch verbleibende helle Stunde mit Besichtigung

der prächtigen Grabstätten außerhalb der Mauer. Mr. Dussaud hat die

Erforschung derselben vor ungefähr fünf Jahren begonnen, und Monsieur

Butler und ~Dr.~ Littmann, deren Besuch dem meinen unmittelbar

voranging, werden zeigen, mit welchem Eifer sie die Arbeit fortgesetzt

haben, sobald ihre nächsten Bände erscheinen. Nachdem ich die von

ihnen geöffneten Gräber betrachtet und einige Hügel bemerkt hatte,

die auf weitere Grabstätten hinweisen, entließ ich meine Gefährten

und durchwanderte in der Dämmerung die wüsten Straßen der Stadt; ich

betrat große öde Räume und verfallene Treppen, bis mich endlich Gablān

zurückrief. Wenn die Leute eine Person im Pelzmantel zur Nachtzeit an

diesem unheimlichen Ort umherwandeln sähen, meinte er, würden sie die

Erscheinung für einen Geist halten und niederschießen. Überdies wollte

er mich fragen, ob er nicht nach Tneib zurückkehren dürfte. Da einer

der Araber uns morgen recht gut nach dem ersten Drusendorf führen

könnte, wollte er sich lieber dem Gebirge nicht weiter nähern. Ich

willigte gern ein; war es mir doch eine Erleichterung, nicht mehr die

Verantwortung für seine Sicherheit zu tragen. Er bekam drei Napoleon

für seine Mühe und einen warmen Dankesbrief an Fellāh ul 'Isa, und wir

schieden mit vielen Versicherungen, daß wir gern wieder zusammen reisen

würden, wenn Gott es so fügte.

Der steinige Fuß des Djebel Haurān ist mit Dörfern bestreut, die seit

der mohammedanischen Einwanderung im 7. Jahrhundert verödet liegen.

Ich besuchte zwei, die nicht allzu abseits von meinem Wege lagen,

Schabha und Schabhiyyeh, und fand sie ganz desselben Charakters,

wie Umm ed Djimāl. Von weitem gleichen sie gutgebauten Städten mit

viereckigen Türmen und dreistöckigen Häusern. Wo die Mauern eingestürzt

sind, da liegen sie noch, keine Hand hat sich gerührt, die Trümmer

zu beseitigen. Monsieur de Vogüé hat als erster die Architektur des

Haurān beschrieben; noch jetzt ist sein Werk das hauptsächlichste

Quellenbuch. Die Wohnhäuser sind um einen Hof gebaut, von welchem aus

gewöhnlich eine Außentreppe in das obere Stockwerk führt. Es ist kein

Holz zu den Bauten verwendet, selbst die Türen bestehen aus schwerem

Stein und bewegen sich in steinernen Angeln, und die Fenster werden

durch dünne Steinplatten mit Durchbruchmuster ersetzt. Bisweilen findet

man auch Spuren eines säulenflankierten Tores, oder durch die Mauer

ist ein gekoppeltes Fenster gebrochen, dessen Bogen von kleinen Säulen

mit groben, ganz einfachen Kapitälen getragen werden. Hin und wieder

findet man auch die Querbalken der Türen mit Kreuzen oder den Initialen

Christi geziert, im allgemeinen aber ist wenig Schmuck vorhanden. Die

Zimmerdecken sind mit Steinplatten getäfelt, die auf querlaufenden

Bogen ruhen. Soweit man mit Sicherheit annehmen kann, sind Nabathäische

Gräber und Inschriften die ältesten geschichtlichen Denkmäler dieses

Distrikts; ihnen folgen zahlreiche Überreste aus der heidnischen

Römerzeit, die wahre Blüteperiode aber scheint die christliche Ära

gewesen zu sein. Nach der Besitzergreifung durch die Mohammedaner, die

dem Wohlstande des Hügellandes von Haurān ein Ende bereitete, wurden

nur wenige Dörfer wieder bewohnt, und als vor ungefähr 150 Jahren die

Drusen einwanderten, fanden sie keine eigentliche Bevölkerung vor. Sie

eigneten sich das Gebirge an, zerstörten die alten Stätten vollständig,

indem sie sie wieder aufbauten, und dehnten ihre Herrschaft auch

über das südliche Flachland aus, ohne sich jedoch in den Ortschaften

dieses umstrittenen Gebiets festzusetzen, das dem Archäologen ein

dankbares Feld für seine Forschungen verblieben ist. Die amerikanische

Expedition wird einen guten Gebrauch von dem hier ruhenden ungeheuren

Material machen, und da ich wußte, daß berufenere Hände hier bereits

die Arbeit getan hatten, rollte ich mein Metermaß auf und faltete den

Zollstab zusammen. Aber ich konnte mir nicht versagen, Inschriften zu

kopieren, und die wenigen (sie waren wirklich außerordentlich gering an

Zahl), die ~Dr.~ Littmanns wachsamem Auge entgangen, zufällig aber zu

meiner Kenntnis gelangt waren, habe ich ihm übermittelt, als wir uns in

Damaskus trafen.

[Illustration: Abbrechen des Lagers.]

Unserm neuen Führer, Fendi, fiel die Aufgabe zu, mich über alle

Neuigkeiten im Gebirge zu unterrichten. Der Tod hatte in den letzten

fünf Jahren tüchtig unter der großen Familie der Turschān aufgeräumt.

Faīz el Atrasch, der Scheich von Kreyeh, war tot -- vergiftet, wie

man sagte, und ein oder zwei Wochen vor meiner Ankunft war auch der

berühmteste aller Drusenführer, Schibly Beg el Atrasch, an einer

geheimnisvollen, langwierigen Krankheit gestorben -- wieder Gift, hieß

es. Hier war Krieg, dort drohte er, ein schrecklicher Raubzug der

Araber aus dem Wādi Sirhan mußte gerächt, eine Rechnung mit den Suchūr

beglichen werden, im allgemeinen aber herrschte Wohlstand und Friede,

soviel die Drusen sich nur wünschten. Zur Abwechselung schossen wir

ein wenig nach Kaninchen, die schlafend in der Sonne lagen, was zwar

kein besonders vornehmer Sport war, aber doch dazu beitrug, unsre Töpfe

zu füllen und Mannigfaltigkeit in unser Menü zu bringen. Später ließ

ich Fendi und die Maultiere den Weg allein fortsetzen und machte, nur

von Michaïl begleitet, einen langen Umweg nach einigen Ruinen. Weit

entfernt von dem übrigen Teil meiner Gesellschaft, beendeten wir gerade

unser Frühstück am Fuße einer zerfallenen Mauer, als wir zwei Reiter

über die Steppe und auf uns zukommen sahen. Schnell das Frühstück

weggepackt und aufgestiegen, denn wir meinten, jede Begrüßung, die sie

uns zugedacht, besser im Sattel entgegennehmen zu können. Sie hielten

vor uns, und ihrem Gruß folgte ganz unmittelbar die Frage nach dem Ziel

unsrer Reise. Ich antwortete: »Nach Salchad, zu Nasīb el Atrasch,« und

sie ließen uns ohne weitere Bemerkung vorüber. Es waren keine Drusen,

denn sie trugen nicht den bei diesem Volk üblichen Turban, sondern

Christen aus Kreyeh, wo sich eine große Christengemeinde befindet. Sie

ritten hinab nach Umm ed Djimāl, um den Winterquartieren ihrer Herden

einen Besuch abzustatten, berichtete Fendi, dem sie eine Meile vor uns

begegnet waren. Einige Stunden bevor wir die gegenwärtigen Grenzen der

Kultur erreichten, sahen wir die Spuren ehemaligen Ackerbaus, und zwar

in Gestalt langer, parallel laufender Steinlinien, die zur Seite der

einst fruchtbaren Erde aufgehäuft waren. Sie sahen wie die Raine und

Gräben einer riesigen Wiese aus, und sie scheinen fast unvergänglich zu

sein, diese Zeichen eines menschlichen Fleißes, der doch seit der Zeit

der arabischen Einwanderung geruht haben muß.

Am Fuße des ersten Ausläufers des Gebirges, des Tell es Schih (er ist

nach der grauweißen Schihpflanze genannt, die das beste Schaffutter

gibt), verließen wir die unfruchtbare Wüste und betraten die Region

des Ackerbaus -- verließen aber auch die langen, sauberen Flächen und

versanken knöcheltief in den Schmutz eines syrischen Weges. Er führte

uns bergauf, an den Rand des niedrigsten Plateaus des Djebel Druz

(Drusengebirges); hier liegt Umm er Rummān, die Mutter der Granatäpfel,

ein so unwirtlicher, unsauberer kleiner Ort, wie man sich ihn nur

denken kann. Am Eingang des Dorfes machte ich Halt und fragte eine

Gruppe Drusen nach einem Lagerplatz. Sie wiesen mich an einen höchst

schmutzigen Ort in der Nähe des Friedhofes mit der Bemerkung, dies sei

der einzige Ort, wo ich weder der Saat noch dem Gras Schaden zufügen

könnte, und dabei ruhte, weiß der Himmel, die Saat noch im Schoße

der Erde, und das Gras bestand aus wenigen braunen Stengeln, die aus

der schmelzenden Schneedecke hervorsahen. Ich dachte nicht daran,

meine Zelte so nahe bei den Gräbern aufzuschlagen und verlangte, die

Wohnung Mohammed el Atraschs, des Scheichs von Umm er Rummān zu wissen.

Dieser Fürst der Turschān saß auf seinem Dache und leitete gewisse

Feldarbeiten, die unten im Moraste vorgenommen wurden. Die Zahl der

Jahre hatte ihm eine unförmliche Gestalt verliehen, die durch die Menge

der Kleidungsstücke, in die er der Winterkälte wegen seinen fetten,

alten Körper gehüllt hatte, nur noch grotesker geworden. Ich näherte

mich ihm, soweit es der Schmutz erlaubte, und rief hinauf:

»Friede sei mit dir, o Scheich!«

»Und mit Dir!« kreischte er zur Antwort.

»Wo in Eurem Dorfe finde ich einen trocknen Platz zum Lagern?«

Der Scheich beriet sich in den höchsten Tönen mit seinen Leuten unten

im Morast und erwiderte endlich, daß er es nicht wüßte, bei Gott nicht.

Noch immer wußte ich nicht, wohin meine Schritte lenken, da nahte ein

Druse und kündigte mir an, daß er mir einen Ort außerhalb der Stadt

zeigen könne. Sehr froh, der Verantwortung ledig zu sein, hieß mich der

Scheich mit lauter Stimme in Frieden gehen und nahm seine Beschäftigung

wieder auf.

[Illustration: Mohammed el Atrasch.]

Mein Führer war ein junger Mann mit den scharfgeschnittenen Zügen und

dem klugen Gesichtsausdruck seines Volkes. Wie alle seine Stammesbrüder

war auch er mit einer lebhaften Neugier begabt und lockte, während

er von einer Seite der Straße auf die andere hüpfte, um dem Schlamm

und Schneewasser zu entrinnen, meine ganze Geschichte aus mir heraus,

das Woher und Wohin, den Namen meines Vaters und meiner Freunde im

Djebel Druz. Dieses Ausfragen ist sehr verschieden von der Sitte der

Araber, bei denen es ein Haupterfordernis guter Erziehung ist, niemand

mehr zu fragen, als er mitzuteilen für angemessen hält. In At Tabaris

Geschichte finden wir eine hübsche Erzählung von einem Manne, der bei

einem arabischen Scheich Schutz suchte. Er blieb bei ihm. Der Scheich

starb, und sein Sohn, der an seiner Stelle regierte, wurde ebenfalls

alt. Endlich kam der Enkel jenes ersten Wirtes zu seinem Vater und

sprach: »Wer ist der Mann, der bei uns wohnt?« Und der Vater erwiderte:

»Mein Sohn, er kam zu meines Vaters Zeiten zu uns, mein Vater wurde

grau und starb, und er blieb unter meinem Schutz. Nun bin auch ich

alt geworden, aber in all den Jahren haben wir ihn weder gefragt, wie

er heißt, noch was er bei uns will. Und auch du sollst es nicht tun.«

Doch freute ich mich, wieder im Bereich des scharfen Witzes und der

forschenden Schwarzaugen der Gebirgsbewohner zu sein, wo jede Frage

eine schnelle Antwort oder eine scharfe Zurückweisung erheischt. Und

als mein Partner gar zu wißbegierig wurde, brauchte ich nur zu sagen:

»Höre, mein Freund, ich bin nicht ‚du’, sondern Eure Exzellenz«. Da

lachte er, verstand und nahm sich den Verweis zu Herzen.

Man findet viele Inschriften in Umm er Rummān, einige nabathäischen

und die anderen cufischen Ursprungs, ein Beweis, daß die Stadt auf dem

Hochplateau oben eine alte Niederlassung war, die von Arabern nach

ihrer Einwanderung wieder bewohnt wurde. Eine sehr vergnügte Schar

kleiner Knaben folgte mir von Haus zu Haus; voll Eifer, mir einen

beschriebenen Stein in der Mauer oder im Pflaster um die Feuerstelle zu

zeigen, stürzten die kleinen Burschen immer einer über den andern. In

einem Hause hielt mich eine Frau am Ärmel fest und beschwor mich, ihren

Mann zu heilen. Das Gesicht in schmutzige Binden gehüllt, lag derselbe

in einem dunklen Winkel des fensterlosen Raumes, und als die Lappen

entfernt waren, sah ich eine schreckliche Wunde, das Werk einer Kugel,

die durch den Backen gedrungen war und die Kinnlade zerschmettert

hatte. Ich empfahl der Frau, die Wunde zu waschen und die Binden rein

zu halten, und gab ihr ein antiseptisches Mittel, jedoch nicht ohne

die Warnung, den Mann die Medizin ja nicht trinken zu lassen, obgleich

ich wußte, daß es wenig ausmachte, ob er sie äußerlich oder innerlich

nahm, da der Tod ihn sich bereits zur Beute ersehen. Das war der erste

von einer langen Reihe Elender, die jedem, der unzivilisierte Länder

bereist, vor Augen kommen und verzweiflungsvoll um sein Mitleid flehen.

Männer und Frauen mit Krebs und schrecklichen Geschwüren, mit Fieber

und Rheumatismus, Kinder, die von Geburt an verkrüppelt sind, Blinde

und Alte -- sie alle hoffen, daß die unendliche Weisheit des Westens

ein Heilmittel für sie in Bereitschaft habe. Du schauderst über all das

menschliche Elend und deine eigene Ohnmacht.

Mein Forschungsgang brachte mich endlich bis an die Tür des Scheichs

und ich trat ein, um ihm einen offiziellen Besuch abzustatten. Nun

die Tagesgeschäfte erledigt waren, spielte er den aufmerksamen Wirt.

Wir saßen im Besuchszimmer (Mak'ad), einem dunklen, schmutzigen

Nebengebäude mit einem eisernen Ofen in der Mitte, sprachen über den

Krieg in Japan, über Wüstenraub (Ghazu) und andere Dinge, während

des Scheichs Sohn, Selmān, ein hübscher, sechzehnjähriger Junge, uns

Kaffee kochte. Mohammed ist der Schwager von Schibly und von Yahya

Beg el Atrasch. Vor fünf Jahren war ich des letzteren Gast in seinem

Dorfe 'Areh gewesen, wohin ich mich vor dem türkischen Mudīr in Bosra

geflüchtet hatte. Selmān ist der einzige Sohn seines bejahrten Vaters

und der einzige Sproß des berühmten turschānischen Hauses 'Areh, denn

Schibly und Yahya sind kinderlos. Auf meinem Heimwege begleitete mich

der muntere, aufgeweckte Knabe; leichtfüßig stieg er durch den Morast;

über der ganzen Gestalt lag ein Hauch von Vornehmheit, das Kennzeichen

eines edlen Geschlechts. Er hatte keine Schule besucht, obgleich

sich eine große drusische Schule in dem 15 Meilen entfernten Kreyeh

befindet, die von einem ziemlich gebildeten Christ geleitet wird.

»Mein Vater schätzt mich so hoch, daß er mich nicht von sich lassen

will,« erklärte er.

»Aber Selmān,« hob ich an.

»O Gott!« erwiderte er, wie es üblich ist, wenn man beim Namen genannt

wird.

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 5 / 24 段