Ebene, wobei wir auf ein anderes, Nedjēreh genanntes, verfallenes
Bauwerk stießen. Dergleichen Aufhäufungen behauener Steine tragen bei
den Arabern den Namen »rudjm«; es wäre interessant zu wissen, wie
weit nach Osten hin sie zu finden sind, wie weit die Steppe von einer
seßhaften Bevölkerung bewohnt gewesen ist. Eine Tagereise von 'Alya
-- sagte Gablān -- liegt ein zweites Fort, Charāneh, und ein drittes,
Um er Resās, nicht weit davon. Und noch mehr gibt es, einige mit
Bildwerken; zur Winterzeit, wo die westlichen Weideplätze fast leer
sind, kann man sie wohl besuchen[4]. Während wir dahinritten, lehrte
mich Gablān, die Wüste zu lesen, auf die aus großen Steinen gelegten
viereckigen Lagerstätten der arabischen Diener zu achten, und auf
die halbkreisförmigen Erdlöcher, die die Kamelmütter für ihre Jungen
aushöhlen. Dann lehrte er mich auch die Pflanzen am Boden kennen, und
ich fand, daß die Flora in der Wüste wohl spärlich vertreten, aber
doch sehr verschiedenartig ist, und daß fast jede Gattung von den
Arabern nutzbar gemacht wird. So würzen sie mit dem Blatt des Utrufān
ihre Butter, bereiten einen trefflichen Salat aus dem stacheligen
Kursa'aneh, füttern ihre Kamele mit den dürren Stengeln des Billān,
die Schafe mit denen des Schīh, und die Asche des Gāli wird beim
Seifesieden benützt. Gablān gefiel sich in seiner Lehrerrolle sehr
wohl, und wenn wir von einem graublauen, stacheligen Fleck an einen
anderen, ganz ähnlichen kamen, pflegte er zu sagen: »Nun, meine Dame,
was ist das?« Und er lächelte befriedigt, wenn die Antwort richtig kam.
[4] Mehrere dieser Ruinen wurden von _Musil_ aufgesucht, aber sein Werk
ist noch nicht veröffentlicht.
[Illustration: Kapitäl Muwaggar.]
Ich sollte diesen Abend in Fellāh ul 'Isas Zelt speisen und wurde von
Gablān abgeholt, als das letzte Abendrot den westlichen Himmel säumte.
Das kleine Zeltlager hallte bereits von dem Konzert der Töne wider, die
der Wüste zur Nachtzeit eigen sind: die Kamele grunzten und ächzten,
Schafe und Ziegen blökten, und unaufhörlich bellten die Hunde. Das
Zelt des Scheichs war nur durch den Schein des Herdfeuers erhellt,
und mein mir gegenübersitzender Wirt verschwand bald in einer Wolke
beißenden Rauchs, bald erstrahlte er im Lichte einer glänzenden Flamme.
So oft sich ein angesehener Gast einstellt, muß ein Schaf ihm zu Ehren
geschlachtet werden, und so geschah es, daß wir mit unseren Fingern
ein üppiges Mahl aus Hammelfleisch, Quark und riesigen Stücken Brot
verzehrten. Aber der Araber ißt selbst bei festlichen Gelegenheiten
erstaunlich wenig, ja viel weniger, als eine mit gutem Appetit
gesegnete Europäerin, und hat man keinen Gast, so begnügt man sich mit
Brot und einer Schale Kamelmilch. Freilich pflegen diese Leute auch
den größten Teil des Tages zu verplaudern oder zu verschlafen, aber
ich habe die 'Agēl bei keiner besseren Kost auch einen Marsch von vier
Monaten machen sehen. Meiner Meinung nach müßte der Beduine, obgleich
er mit so wenig auskommt, immer hungrig sein; er ist so auffallend
spärlich und hager, und wenn der Stamm von Krankheit aufgesucht wird,
erheischt sie gewöhnlich viele Opfer. Auch meine Dienerschaft tat sich
gütlich, und da Mohammed, oder vielmehr jetzt Tarif, der Christ, zum
Schutz unsrer Zelte hatte zurückbleiben müssen, wurde ein Holznapf
mit Essen gefüllt und »für den Gast, der zurückbleiben mußte«, hinaus
geschickt.
Beim Kaffee entspann sich zwischen Fellāh ul 'Isa und Namrūd ein
lebhaftes Gespräch, das die Lage der Belkastämme scharf beleuchtete.
Sie werden von der heranrückenden Zivilisation hart bedrängt. Syrische
Bauern setzen sich mehr und mehr in ihren Sommerquartieren fest, und
was noch schlimmer ist, ihre Tränken werden jetzt von zirkassischen
Kolonisten benützt, die vom Sultan Ostsyrien als Wohnsitz angewiesen
bekamen, nachdem die Russen sie von Haus und Hof im Kaukasus vertrieben
hatten. Keine angenehme Leute, diese Zirkassier! Mürrisch und zänkisch
sind sie, aber allerdings auch fleißig und unternehmend; aus ihren
steten Streitigkeiten mit den Arabern gehen sie regelmäßig als Sieger
hervor. Haben sie doch neuerdings das Entnehmen von Wasser aus dem
Zerka, auf den die Beduinen den ganzen Sommer über angewiesen sind, zum
casus belli erhoben, und es wird nahezu unmöglich, nach 'Ammān, dem
zirkassischen Hauptquartier, hinabzugehen, um die wenigen Bedürfnisse
eines arabischen Lebens, wie Kaffee, Zucker und Tabak, einzuhandeln.
Nach Namrūds Ansicht müßten die Belkastämme die Regierung angehen,
einen Kāimakām zum Schutze ihrer Interessen über ihren Distrikt zu
setzen, aber Fellāh ul 'Isa zauderte, den Storchenkönig hereinzurufen,
denn er fürchtete die Besatzung, die dieser schicken würde, auch das
zwangsweise Registrieren des Viehs und andre schlimme Streiche. Ja,
die Tage der Belkaaraber sind gezählt. Die Ruinen deuten auf dieselbe
Möglichkeit hin, die schon in vergangenen Jahrhunderten bestand: es
kann sich eine seßhafte Bevölkerung über ihr ganzes Gebiet ausbreiten,
und ihnen selbst bleibt die Wahl, entweder Dörfer zu gründen und den
Boden zu bebauen, oder nach Osten zurückzuweichen, wo Wasser im Sommer
fast nicht zu haben, und die Hitze unerträglich ist.
Namrūd wendete sich von diesem unliebsamen Thema ab und begann, die
Herrschaft der Engländer in Ägypten zu preisen. Freilich war er nie
dort gewesen, aber einer seiner Vettern, ein Schreiber in Alexandrien,
hatte ihm erzählt, daß die Bauern dort reich würden, und daß es in der
Wüste ebenso friedlich herging, wie in den Städten.
»Blutfehde gibt's nicht mehr,« sagte er, »auch keinen Raub. Wenn jemand
einem anderen seine Kamele stiehlt, wißt ihr, was da geschieht? Der
Herr der Kamele geht zu dem nächsten Konak (Richter) und beschwert
sich; dann reitet ein Zaptieh (Polizeisoldat) ganz allein durch die
Wüste, bis er das Zelt des Räubers erreicht. Da entbietet er seinen
Gruß und tritt ein. Und der Herr des Zeltes? Der macht Kaffee und
versucht, den Zaptieh als einen Gast zu behandeln. Aber jetzt hat der
Soldat seinen Kaffee getrunken, er legt Geld auf den Herd und sagt:
‚Nimm diesen Piaster.’ So bezahlt er für alles, was er ißt und trinkt
und nimmt nichts an. Am Morgen geht er wieder, nachdem er noch Bescheid
hinterlassen hat, daß nach soundsoviel Tagen die Kamele wieder beim
Richter sein müssen. Da fürchtet sich der Räuber, holt die Kamele
zusammen und schickt sie hin. Vielleicht fehlt eins an der Zahl. Da
sagt der Richter zu dem Herrn der Kamele: ‚Sind alle Tiere hier?’
und er erwidert: ‚Eins fehlt.’ So sagt er: ‚Was ist es wert?’ und er
antwortet: ‚Acht lira.’ Wāllah! er bezahlt.«
[Illustration: Melken der Schafe.]
Fellāh ul 'Isa äußerte keine direkte Billigung dieses Systems, aber er
lauschte mit Interesse, als ich, soweit ich sie selbst verstand, die
Grundsätze der Fellahīn-Bank erläuterte, und erkundigte sich endlich,
ob Lord Cromer nicht geneigt sein würde, seine Herrschaft bis Syrien
auszudehnen -- eine Einladung, die, in seinem Namen anzunehmen, ich
mich nicht erkühnen mochte. Es war vor fünf Jahren, im Haurāngebirge,
wo mir eine ähnliche Frage vorgelegt wurde, und ihre Beantwortung
war eine harte Nuß für meine Diplomatie gewesen. Da hatten sich die
drusischen Scheichs von Kanawāt im Schutze der Nacht in meinem Zelte
eingefunden, und nach manch vorsichtigem Umschweifen und vielen
Versicherungen meinerseits, daß kein Lauscher nahe, hatten sie mich
gefragt, ob die Drusen, falls die Türken abermals ihren Vertrag brechen
sollten, wohl bei Lord Cromer in Ägypten Schutz suchen dürften. Und ob
ich ihm vielleicht eine Botschaft überbringen würde? Ich gab mir den
Anschein, den Vorschlag nach allen Seiten hin zu erwägen und erwiderte
dann, die Drusen wären doch Bergbewohner und eine Ebene, wie Ägypten,
würde ihnen daher schwerlich zusagen. Da sah der Scheich el Balad den
Scheich ed Dīn an, und ein Land ohne Berge, in die man flüchten, ohne
Bergpfade, die man leicht verteidigen kann, muß ihnen wohl wie ein
furchtbares Gespenst erschienen sein, denn sie erwiderten, die Sache
wolle allerdings wohl überlegt sein, und ich hörte nichts wieder davon.
Trotzdem liegt die Moral offen da. Sobald ein Mann in ganz Syrien, ja
selbst in der Wüste unter der Ungerechtigkeit andrer oder seiner eignen
Unfähigkeit zu leiden hat, wünscht er von jener Hand regiert zu werden,
die Ägyptens Wohlstand begründet hat, und die Besetzung dieses Landes
durch die Engländer, die uns anfangs die Sympathie der Mohammedaner
zu rauben drohte, ist schließlich doch die wirksamste Reklame für das
englische Regierungssystem geworden[5].
[5] Die jetzigen Unruhen in Ägypten mögen die obigen Behauptungen
zweifelhaft erscheinen lassen, aber ich glaube, mit Unrecht. Während
die Ägypter das Elend vergessen haben, aus dem unsere Verwaltung
sie befreite, schmachten die Syrier wie die Bewohner der Wüste
noch darunter; in ihren Augen verbringen ihre Nachbarn die Tage in
ungetrübtem, beneidenswertem Wohlleben. Aber sobald der Wolf von
der Tür verjagt ist, pflegen die Beschränkungen, die der unbeugsame
Arm des Gesetzes auferlegt, eine unruhige, unstete Bevölkerung zur
Auflehnung zu reizen. Sie sehnen die vielen unverdienten Vorteile
zurück, die ihnen früher aus der schlechten, wankelmütigen Regierung
erwuchsen. Justiz ist ein treffliches Ding, wenn sie deine berechtigten
Ansprüche wahrt, aber abscheulich, wenn man in die Rechte anderer gern
einen Griff tun möchte. Fellāh ul 'Isa und seine Genossen würden ihre
Schattenseiten bald genug kennen lernen.
Als ich dem Gespräch lauschte und in die sternenhelle Nacht hinaussah,
da nahm mein Geist den Faden wieder auf, den er vorher gesponnen, jenes
Thema, das Gablān eröffnet hatte, als er stillstehend auf die Spuren
seines früheren Lagers gewiesen, und ich sagte:
»In dem Zeitalter vor dem großen Propheten redeten eure Väter wie ihr
jetzt, auch in derselben Sprache; uns aber, die wir eure Bräuche nicht
kennen, ist die Bedeutung ihrer Worte entschwunden. Sagt mir doch, was
bedeutet dieses Wort?«
Die Männer am Herd neigten sich vorwärts, und eine emporzüngelnde
Flamme beleuchtete ihre dunklen, gespannten Gesichter.
»Bei Gott,« sagten sie, »sprach man so vor des Propheten Zeit?«
»Mascha'llah! wir gebrauchen das Wort noch. Es ist das Zeichen auf dem
Boden, wo das Zelt errichtet wurde.«
So ermutigt, zitierte ich die Strophe Imr el Kais', die Gablāns
Bemerkung in mir wachgerufen:
»Wandrer, steh still! Laß uns beweinen die Geliebte an ihrem Ruheplatz
im rinnenden Sand zwischen ēd Dudjēl und Haumal.«
Da erhob Gablān an der Zeltstange sein Haupt und rief aus:
»Mascha'llah! das ist 'Antara!«
Denn der unbelesene Araber schreibt jedwede Dichtung 'Antara zu, er
kennt keinen anderen Namen in der Literatur.
Ich aber entgegnete: »Nein; 'Antara sprach anders. Er sagte: Haben die
Sänger der Vorzeit mir etwas Neues zu singen gelassen? oder kommt dir
ihr Haus zurück, wenn du seine Stätte betrachtest? Lebīd aber sprach
am weisesten, als er sagte: Was ist der Mensch, als ein Zelt und sein
Bewohner? Der Tag kommt, wo sie gehen, und die Stätte ist verlassen.«
Gablān machte eine zustimmende Bewegung und bemerkte:
»Bei Gott! Die Ebene ist mit Stätten bedeckt, an denen ich rastete!«
Damit hatte er den Ton angeschlagen. Ich schaute hinaus in die Nacht
und schaute die Wüste mit seinen Augen; sie war nicht mehr öde, sondern
dichter mit Erinnerungen an menschliche Wesen besetzt, als irgendwelche
Stadt. Jeder Streifen gewann Bedeutung, jeder einzelne Stein ließ das
Bild eines Herdes auferstehen, an dem das warmpulsierende arabische
Leben kaum erkaltet war, mochte auch das Feuer selbst vor Jahrhunderten
erloschen sein. In schattenhaften Umrissen erstand eine Stadt; ihre
Linien schoben sich ineinander, sie wogten und wechselten; aus
Elementen, die alt sind, wie die Zeit selbst, entstand Neues, nicht war
das Neue vom Alten, nicht das Alte vom Neuen zu unterscheiden.
[Illustration: Gablān ibn Hamud ad Da'dja.]
Die Araber sprechen nicht von einer Wüste oder Wildnis, wie wir.
Warum auch? Ihnen ist es eben keine Wüste, keine Wildnis, vielmehr
ein Land, das sie bis ins kleinste kennen, ein Mutterland, dessen
geringste Produkte ihnen von Nutzen sind. Sie verstehen es, an den
unendlichen Flächen Freude zu haben, sie ehren das Rauschen des
Sturmes, -- verstanden es wenigstens in jenen Tagen, als sie ihre
Gedanken zu unvergessenen Versen gestalteten. Sie besangen in mancher
Strophe die Lieblichkeit der bewässerten Stellen, sangen von der
Fliege, die dort brummt, wie von einem Mann, der in Weinlaune Lieder
summt, seinem eignen Ohr zum Genuß, von den Regentümpeln, die gleich
Silber glitzern oder, wenn der Wind sie kräuselt, wie der Panzer eines
Kriegers schimmern. Wenn sie die trocknen Wasserläufe kreuzten, merkten
sie auf die geheimnisvollen Wunder der Nacht, wo die Sterne an das
Himmelsgewölbe geschmiedet schienen, als wollte die Dämmerung für immer
säumen. Imr ul Kais hatte die Plejaden gleich Juwelen in dem Netzwerk
eines Gürtels hängen sehen, hatte mit dem Wolf, der im Finstern heulte,
Kameradschaft geschlossen: »Du und ich, wir sind verwandt; sieh, die
Furche, die du ziehst, wird mit der meinen die gleiche Ernte geben.«
Tag oder Nacht, sie kannten kein Entsetzen, das sie lähmte, keine leere
Furcht, keinen Feind, der unbesiegbar war. Jene Sänger riefen weder
Mensch noch Gott um Hilfe an; drohte Gefahr, so dachten sie an ihr
Schwert, ihr Roß, an die großen Taten ihres Stammes, und ihre Rechte
allein genügte zu ihrer Rettung. Dann frohlockten sie als Menschen,
deren Blut heiß in den Adern rollt, und dankten keinem, der es nicht
wert war.
[Illustration: Die Haddjstraße.]
Die Gesänge aus dieser Periode der Naturdichtung gehören zu den
schönsten, die je aus menschlichem Munde kamen. Sie berühren jede Seite
des arabischen Lebens, sie atmen die innigsten Gefühle. Gibt es doch
kaum schönere Verse als die, in denen Lebīd den Wert des Lebens preist;
jede einzelne der 14 Strophen atmet einen über alles Lob erhabenen
Ernst. Er schaut der Sorge, dem Alter, dem Tod ins Auge und schließt,
an die enggezogenen Grenzen des menschlichen Wissens erinnernd: »O du,
dessen Auge dem Fluge der Vögel folgt und dem Wege des Kiesels, der
deiner Hand entflohen, wie kannst du wissen, was Gott vorhat?« Und
die warnende Stimme ist nie die Stimme des Zornes, und so oft sie
sich auch von neuem erheben muß, der kühne Mut des Sängers erlahmt
nicht. »Der Tod wählt nicht!« singt Tārafa, »er schlingt sein Seil
um den flüchtigen Fuß des Geizhalses wie um den des Verschwenders.«
Aber er fügt hinzu: »Was fürchtest du dich? Das Heute ist dein.« Und
der furchtlose Zuhair kleidet seine Lebensweisheit in die Worte:
»Das Heute, das Gestern und die verronnenen Tage kenne ich, aber in
die Zukunft blickt mein Auge nicht. Denn ich habe gesehen, wie das
Verhängnis, einem blinden Kamel gleich, im Finstern schlich; wen es
traf, der fiel, wen es verschonte, dem blühte langes Leben.« Der
Hauch der Begeisterung kam über alle, über alt und jung, Männer und
Frauen, und zu dem Schönsten, was uns die Wüste geschenkt hat, zählt
der Grabgesang einer Schwester für ihren toten Bruder. Er ist als
historisches Dokument ebenso wertvoll, wie als Zeugnis der herzlichsten
Gefühle. Dem Gedicht liegt folgende Tatsache zugrunde. Nach der
Schlacht von Bedr wurde ein gewisser Nadr Ibn el Hārith von Mohammed in
Uthail gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Aus Kutailas Versen
ersieht man den Sturm der Gefühle, den des Propheten Verfügung bei
seinen Zeitgenossen hervorrief, die sich ihr nicht unterwerfen wollten,
und doch drücken sie gleichzeitig die einem Mann gebührende Achtung
aus, dessen Stamm dem ihren an Rang gleichkam.
Und in noch stärkerer Sprache erhebt sich der freie Geist der Wüste bei
jenem Manne, der in Mekka gefangen lag. Der Ausdruck seiner Todesangst,
der visionäre Besuch seiner Geliebten in der Zelle des Gefängnisses,
dann die herrliche Beteurung, daß kein Elend seinen Mut brechen könne,
und das furchtlose Erinnern des starken Mannes an die Leidenschaft,
die wohl sein Leben verwirkt, die Seele aber freigelassen hatte, den
Tod zu überwinden -- welch Fülle edler Gefühle! Auf der Steppe geboren
und ausgewachsen, haben die Sänger aus der Zeit der Wüstendichtung ein
Gedenkblatt hinterlassen, in dem reichere und gebildetere Nationen sie
schwerlich übertreffen können.
Viertes Kapitel.
Ein arabisches Sprichwort sagt: »Hayyeh rubda wa la daif mudha« --
weder aschgraue Schlange noch Mittagsgast. Wir hüteten uns, durch
zu langes Bleiben gegen die gute Sitte zu verstoßen, es wurde noch
vor Tagesanbruch in unserm Lager lebendig. Es ist als befände man
sich inmitten eines Opals, wenn man zur Zeit der Morgendämmerung in
der Wüste erwacht. Durch die aus den Bodensenkungen emporsteigenden
Nebel und den Tau, der in gespenstigen Formen von den schwarzen
Zelten niederrieselte, schoß der erste schwache Schimmer des
östlichen Himmels, dem bald die tiefgelben Strahlen der aufgehenden
Sonne folgten. Ich schickte Fellāh ul 'Isa ein purpurfarbenes,
silbergesticktes Tuch »für den kleinen Sohn«, der so ernsthaft am
Herde gespielt hatte, verabschiedete mich dankend von Namrūd, trank
eine Tasse Kaffee, und während der alte Scheich mir den Bügel hielt,
stieg ich auf und ritt mit Gablān davon. Wir erklommen den Djebel el
'Alya und kreuzten den Kamm des Gebirgszugs. Die Landschaft ähnelte der
unsrer englischen Grenzlande, aber sie war großartiger, die Windungen
größer, die Entfernungen weiter. Die klare, kalte Luft regte die
Sinne an und ließ das Blut rascher pulsieren. Bei mir würde das alte
Wort vom Golf von Neapel anders lauten: »Die Wüste an einem schönen
Morgen sehen -- und sterben -- wenn du es vermagst.« Selbst die blöden
Maultiere spürten einen Hauch davon und eilten über den schwammigen
Boden (»Verrückt, ihr Verwünschten!«), bis ihre Körbe sich überschlugen
und sie zu Fall brachten. Zweimal mußten wir halten, um sie auf die
Beine zu bringen und wieder zu beladen. Das »Kleine Herz«, der höchste
Gipfel des Djebel Druz (Drusengebirges), sah heiter auf uns nieder;
sein Schneegewand leuchtete weit in den Norden hinauf.
[Illustration: Araber, Mardūf reitend.]
Am Fuße des Nordabhangs der 'Alyaberge betraten wir eine weite wellige
Ebene, ähnlich der, die wir bereits im Süden hinter uns gelassen.
Wir passierten viele jener geheimnisvollen Ruinen, aus denen unsre
Phantasie Schlüsse auf die Geschichte des Landes zu ziehen versucht,
und endlich wurden wir der verstreuten Lagerplätze der Hassaniyyeh
ansichtig, die mit den Da'dja befreundet sind und derselben Gruppe
von Araberstämmen angehören. Hier sahen wir plötzlich zwei Reiter
über die Wüste kommen. Gablān ritt ihnen entgegen, sprach eine Weile
mit ihnen und kehrte dann mit ernstem Gesicht zurück. Gerade am Tage
vorher, während wir friedlich von Tneib herüberritten, hatten 400 in
böser Absicht verbündete Reiter der Suchūr und der Howeitāt die Ebene
überschwemmt, eine vorgeschobene Zeltgruppe der Beni Hassan überfallen
und die Zelte sowie 2000 Stück Vieh hinweggeführt. Ich meinte, es sei
fast schade, daß wir einen Tag zu spät gekommen, Gablān aber sah bei
dieser meiner Äußerung noch ernster drein und erklärte, daß er dann an
dem Kampfe hätte teilnehmen, ja mich verlassen müssen, obgleich ich
seinem Schutz anvertraut sei, denn die Da'dja wären verpflichtet, den
Beni Hassan gegen die Suchūr beizustehen. Und vielleicht würde der
gestrige Vorfall genügen, um den kaum geschlossenen Waffenstillstand
zwischen diesem mächtigen Stamme und den Verbündeten der 'Anazeh zu
brechen und die Wüste wieder mit Krieg zu überziehen. Es herrschte
Kummer in den Zelten der Kinder Hassans. Das Haupt in den Händen
verborgen, saß ein Mann weinend an seiner Zeltstange; es war ihm alles
genommen worden, was er sein eigen genannt. Das Besitztum des Arabers
ist ebensoviel Wechselfällen unterworfen, wie das des Spekulanten an
der Börse. Heute noch ist er der reichste Mann der Wüste, und schon
morgen hat er vielleicht nicht ein einziges Kamel mehr zu eigen. Er
lebt in beständigem Kriegszustand. Hat er auch mit den Nachbarstämmen
die heiligsten Treuschwüre ausgetauscht, so ist er doch nicht sicher,
daß nicht eine Hunderte von Meilen entfernt wohnende Räuberbande nachts
in sein Lager einbrechen wird. So verließ vor zwei Jahren ein in Syrien
ganz unbekannter Stamm, die Beni Awadjēh, seinen Wohnsitz hinter Bagdad
oben, durchquerte Mardūf reitend (zwei auf einem Kamel) 300 Meilen
Wüste und fiel in das Land östlich von Aleppo, wo sie ungezählte
Menschen töteten und alles Vieh wegführten. Wie viele Jahrtausende
dieser Zustand schon dauert, können uns die erzählen, die die ältesten
Berichte aus der inneren Wüste gelesen haben, denn er geht bis in die
fernste Zeit zurück; aber in all den Jahrhunderten hat die Erfahrung
den Araber keine Weisheit gelehrt. Nie ist er sicher und lebt doch
in der größten Sorglosigkeit. Er schlägt sein kleines, aus zehn bis
fünfzehn Zelten bestehendes Lager in einer weiten, ungeschützten, ja
nicht einmal zu schützenden Ebene auf, zu weit von seinen Gefährten, um
sie zu Hilfe zu rufen, zu weit auch, um die Reiter zu sammeln und den
Räubern zu folgen, deren Rückzug infolge der geraubten Herden natürlich
ein so langsamer ist, daß eine schnelle Verfolgung zuversichtlich von
Erfolg begleitet sein würde. Hat der Araber so all sein Hab und Gut
verloren, so durchzieht er bettelnd die Wüste; der eine gibt ihm ein
oder zwei Streifen Ziegenhaartuch, der andere einen Kaffeetopf; hier
bekommt er ein Kamel, dort ein paar Schafe, bis er wieder ein Dach
über sich hat und genug Vieh, um mit den Seinen vor Hunger geschützt
zu sein. Es gibt lobenswerte Gebräuche unter den Arabern, wie Namrūd
sagte. So wartet er monate-, ja jahrelang die rechte Zeit ab, bis
sich endlich eine Gelegenheit bietet; dann machen sich die Berittenen
seines Stammes mit ihren Verbündeten auf, reiten aus, rauben die
gestohlenen Herden zurück und noch mehr dazu, und die Fehde tritt in
ein neues Stadium. In der Tat ist Raub das einzige Gewerbe und das
einzige Glücksspiel der Wüste. Als Gewerbe betrachtet, scheint es uns
auf einer falschen Auslegung der Angebot und Nachfrage betreffenden
Gesetze zu beruhen, als Glücksspiel aufgefaßt aber, läßt sich viel zu
seinen Gunsten sagen. Die Abenteuerlust findet weitesten Spielraum.
Da ist die Aufregung des nächtlichen Rittes durch die Wüste, das
Vorwärtsstürmen der Pferde zum Angriff, das majestätische (und doch
verhältnismäßig harmlose) Knallen der Flinten und schließlich die
Freude, sich für einen prächtigen Burschen halten zu können, wenn der
Zug sich beutebeladen wieder heimwärts wendet. Es ist die beste Art
fantasīa, wie sie in der Wüste sagen, denn es ist mit einem Körnchen
Gefahr gewürzt. Nicht daß die Gefahr beängstigend groß ist: der Araber
kann sich ein gut Teil Vergnügen ohne viel Blutvergießen verschaffen,
meist liegt ihm auch gar nichts am Töten. Nie erhebt er die Hand gegen
Frauen und Kinder, und wenn hier und da ein Mann fällt, so geschieht es
mehr durch Zufall. Denn wer kann schließlich das Endziel einer Kugel
voraussagen, die einmal ihren Flug durch die Lüfte angetreten hat?
So denkt der Araber über den Ghazu (Raub); der Druse hat eine andere
Meinung. Ihm ist er blutiger Krieg. Er behandelt das Spiel nicht als
Spiel, sondern geht aus, um zu morden, und verschont keinen. Solange er
noch ein Korn Pulver im Horn und die Kraft hat, den Hahn zu spannen,
schießt er alles nieder, was ihm in den Weg kommt -- Mann, Frau und
Kind.
Da ich die Unabhängigkeit der arabischen Frauen kannte und die
Leichtigkeit, mit der Ehen zwischen verschiedenen Stämmen gleicher
Stellung geschlossen werden, sah ich manches romantische, aus Liebe
mit Haß gemischte Verhältnis zwischen den Montecchi und Capuletti
voraus. »Lo, auf einmal liebte ich sie,« sagt 'Antara, »obgleich ich
ihren Verwandten erschlagen habe.« Gablān erwiderte, daß dergleichen
schwierige Fälle vorkamen und oftmals als Tragödie endeten, aber wenn
die Liebenden sich zum Warten bequemten, so käme nicht selten ein
Vergleich zustande, oder sie könnten während eines Waffenstillstandes
heiraten, der zwar immer nur kurz ist, aber doch häufig vorkommt. Wahre
Tragik aber entsteht erst, wenn Blutfehde innerhalb des Stammes selbst
ausbricht, und ein Mann, der einen seines eignen Volkes ermordet hat,
ausgestoßen wird und als heimat- und freundloser Verbannter Schutz
bei Fremden oder gar bei Feinden suchen muß. So ruft Imr ul Kais, der
verlassene Geächtete, der Nacht zu: »Oh, lange Nacht, wann wirst du der
Dämmerung weichen? Doch ist auch der Tag nicht besser als du.«
[Illustration: Lager der Agēl auf der Wanderschaft.]
[Illustration: Wüstenbrunnen.]