Ohne die übrige Gesellschaft anscheinend der Beachtung zu würdigen,

haftete sein Auge auf den drei Scherarātscheichs, die am Eingang

sitzend, Hammelfleisch und Quark aßen, und auf die fremde Frau am

Feuer. Mit einem gemurmelten Gruß schritt er in den Hintergrund

des Zeltes und schlug die ihm von Nahār dargebotene Speise aus.

Es war Gablān, aus der Herrscherfamilie der Da'dja, und zwar ein

Vetter des regierenden Scheichs. Wie ich in der Folge herausfand,

hatte er erfahren -- Neuigkeiten reisen schnell in der Wüste -- daß

Namrūd einen Führer für einen Fremdling brauchte, und war gekommen,

um mich nach seines Onkels Zelten zu geleiten. Es waren nicht mehr

als fünf Minuten seit seiner Ankunft vergangen, als Nahār Namrūd

etwas ins Ohr flüsterte, worauf der letztere, sich mir zuwendend,

vorschlug, daß wir nun, da das Essen vorüber, aufbrechen und Gablān

mit uns nehmen wollten. Es überraschte mich, die Abendunterhaltung so

kurzerhand abgebrochen zu sehen, aber ich hütete mich, Einwendungen

zu machen, und als wir dann über Namrūds Ackerland und den Tneib

hinaufsprengten, hörte ich den Grund. Es war Blutfehde zwischen den

Da'dja und den Scherarāt. Auf den ersten Blick hatte Gablān die Abkunft

der drei Männer erkannt und sich deshalb schweigend in die Tiefe des

Zeltes begeben. Er wollte seine Hand nicht mit ihnen in dieselbe

Hammelschüssel tauchen. Nahār kannte -- wer wollte auch nicht? -- die

Schwierigkeit der Sachlage, und da er nicht wußte, wie die Scherarāt

sich verhalten würden, hatte er uns, aus Furcht vor irgendwelchem

Unfall, eilends weggeschickt. Aber am andern Morgen hatte sich die Luft

geklärt (bildlich gesprochen, nicht in Wirklichkeit), und der lange

Regentag sah die Todfeinde freundschaftlich um Namrūds Kaffeetöpfe in

der Höhle sitzen.

Dieser dritte Regentag war mehr, als menschliche Geduld zu ertragen

vermochte. Ich hatte mittlerweile ganz vergessen, was es heißt, nicht

regenfeucht zu sein, warme Füße und trockne Betten zu haben. Gablān

weilte am Morgen eine Stunde bei mir, um zu hören, was ich von ihm

wollte. Ich erklärte ihm, daß ich vollständig befriedigt sein würde,

wenn er mich so durch die Wüste und bis an den Fuß des Gebirges bringen

könnte, daß ich keinen Militärposten zu Gesicht bekäme. Gablān dachte

einen Augenblick nach.

»O meine Dame,« sagte er, »glauben Sie, daß Sie mit den Polizeisoldaten

in Konflikt kommen könnten? Da will ich meine Flinte mitnehmen.«

Ich erwiderte, daß ich nicht beabsichtigte, der ganzen Soldateska des

Sultans den Krieg zu erklären, und daß ich hoffte, mit etwas Vorsicht

einen Zusammenstoß vermeiden zu können. Gablān aber meinte, Kriegslist

wäre mit einer Kugel beflügelt wirksamer, und beschloß, seine Flinte

doch lieber mitzunehmen.

Da ich am Nachmittag nichts Besseres zu tun hatte, sah ich zu, wie die

Scherarāt Korn von Namrūd einhandelten. Einen Zeitraum von einigen

Tausend Jahren und meine anachronistische Persönlichkeit abgerechnet,

hätten es Jakobs Söhne sein können, die nach Ägypten hinabkamen, mit

ihrem Bruder Joseph um das Gewicht der Säcke zu feilschen.

Das Korn wurde in einem tiefen, trocknen Felsenloch aufbewahrt und,

goldenem Wasser gleich, eimerweise heraufgezogen. Es war zur besseren

Konservierung in Spreu aufbewahrt worden und mußte nun zuvörderst am

Brunnenrande gesiebt werden, eine Arbeit, die nicht ohne viel und

ärgerliches Geschrei vor sich ging. Nicht einmal die Kamele waren

ruhig, sondern mischten sich mit Grunzen und Blöken in den Streit, als

die Araber sie mit den vollen Säcken beluden. Die Scheichs der Suchūr

und der Scherarāt saßen in dem feinen Sprühregen ringsum auf Steinen

und murmelten bisweilen: »Gott! Gott!« Dann riefen sie wieder: »Er ist

gnädig und barmherzig!« Nicht selten wurde auch das reine Korn wieder

unter das ungesiebte geschüttet; dann pflegte sich ungefähr folgende

Szene zu entspinnen:

Namrūd: »O du! o du! Knabe! Möge deine Wohnstatt zerstört werden! Mögen

deine Tage dir Unheil bringen!«

[Illustration: Römischer Meilenstein.]

Beni Sachr: »Bei dem Angesicht des Propheten Gottes! Er sei gebenedeit!«

Die Scherarāt im Chor murmelnd: »Gott! Und Mohammed, der Prophet

Gottes! Friede sei mit ihm!«

Eine Person im Schafsfell und in bloßen Füßen: »Kalt, kalt! Wāllah!

Regen und Kälte!«

Namrūd: »Still, o Bruder! Steige hinab und ziehe Korn herauf! Es ist

warm unten!«

Beni Sachr: »Lob sei Gott, dem Allmächtigen!«

Chor der Kamele: »B-b-b-b-b-dd! G-r-r-o-o-a-a-!«

Kameltreiber: »Still, ihr Verdammten! Möget ihr in den Schmutz gleiten!

Gottes Zorn komme über euch!«

Chor der Suchūr: »Gott! Gott! Beim Lichte seines Angesichtes!«

In der Dämmerung ging ich in das Dienerschaftszelt und fand Namrūd, der

bei dem Feuer, an dem mein Essen kochte, mit leiser Stimme Geschichten

von Mord und Raub erzählte.

»In den Tagen meiner Kindheit,« sagte er (und diese Tage lagen

noch nicht weit zurück), »konnte man nicht einmal das Ghor in Ruhe

überschreiten. Aber ich hatte ein Pferd, das ging! -- Wāllah! wie es

ging! Zwischen Sonnenaufgang und -untergang trug es mich von Mezerīb

nach Salt, ohne seinen Schritt zu wechseln. Überdies war ich allen

Ghawārny (Eingeborenen des Ghor) bekannt. Und eines Nachts mußte ich

nach Jerusalem reiten -- ich mußte, ob ich wollte oder nicht. Der

Jordan hatte wenig Wasser, und ich überschritt ihn an der Furt, denn

es gab damals noch keine Brücke. Und als ich an das andere Ufer kam,

hörte ich Schreien und das Aufklatschen von Kugeln. Über eine Stunde

hielt ich mich in dem Tamariskengebüsch verborgen, bis der Mond unter

war; dann ritt ich vorsichtig weiter. Am Anfang der Schlammhänge machte

mein Pferd plötzlich einen Seitensprung; ich sah hinunter und erblickte

den Körper eines Menschen -- nackt und mit Messerstichen bedeckt. Er

war ganz tot. Und als ich noch hinabstarrte, sprangen sie hinter den

Schlammhängen hervor, zehn Reiter, und ich nur einer. Ich retirierte

nach dem Dickicht zu und feuerte meine Pistole zweimal ab, aber sie

umringten mich, zogen mich vom Pferde und banden mich. Danach wurde

ich wieder hinaufgesetzt und fortgeführt. Und als sie an ihren Rastort

kamen, berieten sie, ob sie mich töten sollten, und einer sprach:

»Wāllah! macht doch ein Ende!« Er kam heran und sah mir ins Gesicht. Es

dämmerte. »Es ist Namrūd,« sprach er, denn er kannte mich, und ich war

ihm einmal zu Hilfe gekommen. Da machten sie mich los und ließen mich

gehen, und ich ritt nach Jerusalem.«

Die Maultiertreiber und ich lauschten mit atemloser Aufmerksamkeit

einer Erzählung nach der anderen.

»Es herrschen gute und schlechte Gebräuche unter den Arabern,« sagte

Namrūd, »aber der guten sind viele. Wenn eine Blutfehde zu Ende

gebracht werden soll, begeben sich die beiden Feinde zusammen in das

Zelt des Klägers. Der Herr des Zeltes entblößt sein Schwert, wendet

sich nach Süden zu und zieht, unter Anrufung des Namens Gottes,

einen Kreis auf den Fußboden. Dann nimmt er einen Streifen von der

Zeltwand sowie eine Hand voll Asche vom Herde, wirft beides in den

Kreis und schlägt siebenmal mit dem bloßen Schwerte auf den Strich.

Nun springt der Angeklagte in den Kreis, und einer der Anverwandten

seines Widersachers ruft mit lauter Stimme: »Ich nehme den Mord, den

er verübt, auf mich!« Damit ist der Friede hergestellt. O meine Dame,

die Frauen dieses Stammes erfreuen sich großer Macht, und die Mädchen

sind sehr angesehen. Denn wenn eines sagt: ‚Ich möchte den und den zum

Gatten haben,’ so muß er sie heiraten, will er nicht Schande auf sich

laden. Und hat er schon vier Frauen, so soll er sich lieber von einer

scheiden lassen und an ihrer Stelle die heiraten, die seiner begehrt.

Denn so verlangt es die Sitte bei den Arabern.«

Danach wandte sich Namrūd zu meinem drusischen Maultiertreiber und fuhr

fort:

»O Mohammed, hüte dich! Die Zelte der Suchūr sind nahe, und es

herrschte nie Friede zwischen den Beni Sachr und den Drusen. Kennten

sie dich, sie würden dich sicherlich töten -- nein, nicht nur töten,

sondern dich lebendig verbrennen, ohne daß die Dame oder auch ich dich

schützen könnten.«

Das warf kein günstiges Licht auf den Charakter meines Freundes Nahār,

der gegen ein Tuch Gastfreundschaft mit mir ausgetauscht hatte, und die

kleine Gruppe am Feuer war denn auch infolge dieser Mitteilung etwas

gedrückt. Aber Michaïl war der Situation gewachsen.

»Lassen sich Ew. Exzellenz nicht beunruhigen,« sagte er, sein

gedünstetes Gemüse zierlich anrichtend, »bis wir das Drusengebirge

erreichen, soll er ein Christ sein und nicht Mohammed, sondern Tarif

heißen, welches ein bei den Christen üblicher Name ist.«

So bekehrten und tauften wir den erstaunten Mohammed, noch ehe die

Kottelets aus der Pfanne genommen werden konnten.

Drittes Kapitel.

Am Morgen des 12. Februar, es war ein Sonntag, stürmte es noch immer,

doch beschloß ich trotzdem weiterzureisen. Die in Tneib verbrachten

Tage waren zwar nicht verloren, findet man doch nicht oft Gelegenheit,

das Leben auf diesen in die Wüste vorgeschobenen Farmen stündlich zu

beobachten. Aber meine Gedanken waren bereits vorausgeeilt, und ich

sehnte mich, ihnen auf dem Pfade zu folgen, den sie eingeschlagen. Ich

glaubte sie einzuholen, als die Hufe unserer Pferde auf den Schienen

der Haddjbahn erklangen, und wir unser Antlitz der Wüste zuwandten.

In nordöstlicher Richtung vorwärts eilend, ließen wir Mschitta etwas

südlich liegen. Obgleich niemand, der diese Ruine in all ihrer

Lieblichkeit gekannt hat, auf den Gedanken kommen wird, den jetzt so

entstellten Mauern einen zweiten Besuch abzustatten, will ich doch

nicht unterlassen, hier etwas über den Vandalismus zu sagen, mit dem

sie ihrer Schönheit beraubt worden sind. Hätte man dieses herrliche

Baudenkmal, das länger als tausend Jahre von aller Zerstörungswut, den

Einfluß der Winterstürme ausgenommen, verschont geblieben war, nicht

auch noch weiter unberührt in dieser Hügellandschaft stehen lassen

können, der sie in ihrer phantastischen Schönheit einen so romantischen

Reiz verlieh? Aber da ist die Eisenbahn erbaut worden, die Ebene füllt

sich, und weder der syrische Bauer noch der türkische Soldat sind

geneigt, Mauern zu verschonen, die ihnen von praktischem Nutzen sein

können. Mögen deshalb alle, die die Ruine in ihrem ursprünglichen

Zustande sahen, sich dankbar und ohne zu großes Bedauern der schönen

Erinnerung freuen.

[Illustration: Mschitta.]

Namrūd und Gablān plauderten unaufhörlich. In der vergangenen Nacht

waren noch spät zwei Soldaten an der Höhlentür erschienen und hatten,

nachdem ihnen Einlaß gewährt worden, eine seltsame Geschichte erzählt.

Sie hatten, so behaupteten sie, den Truppen angehört, die der Sultan

aus Bagdad abgesandt hatte, um Ibn er Raschīd gegen Ibn Sa'oud zu Hilfe

zu kommen. Sie erzählten, daß der letztere sie Schritt für Schritt bis

an die Tore von Haīl, Ibn er Raschīds Hauptstadt zurückgetrieben, und

daß Ibn Sa'oud, während die beiden Heere einander gegenüber lagen,

mit nur wenig Begleitern vor seines Feindes Zelt geritten sei und seine

Hand auf die Zeltstange gelegt habe, so daß der Fürst der Schammār ihn

wohl oder übel eintreten lassen mußte. Und hier war ein Übereinkommen

getroffen worden. Ibn er Raschīd erkannte Sa'ouds Herrschaft über Rīad

und die dazugehörigen ausgedehnten Lehnsgüter an und trat seinen ganzen

Landbesitz bis auf ungefähr eine Meile vor Haīl ab, behielt aber diese

Stadt und das nördlich davon gelegene Land. Die beiden Soldaten hatten

sich so gut wie möglich westwärts durch die Wüste geschlagen, denn, wie

sie sagten, waren die meisten ihrer Waffenbrüder getötet worden, die

übrigen aber entflohen.

[Illustration: Mschitta, Fassade.]

Es war dies die bei weitem authentischste Nachricht, die ich von

Nedjd erhalten konnte, und ich habe auch Grund anzunehmen, daß sie im

wesentlichen richtig war[2]. Ich habe viele Araber hinsichtlich Ibn

er Raschīds Charakter gefragt: die Antwort war fast immer dieselbe.

»Schatīr djiddan,« d. h. »er ist sehr klug«, einen Augenblick später

aber pflegten sie hinzuzufügen: »madjnun« (aber verrückt). Ich halte

ihn für einen rücksichtslosen, leidenschaftlichen Menschen von

rastlosem Geist und wenig Urteilskraft, der nicht energisch, vielleicht

auch nicht grausam genug ist, seine Autorität den aufsässigen

Stämmen gegenüber geltend zu machen, die sein Onkel Mohammed mit der

Eisenfaust Furcht niederhielt (der Krieg war nichts als eine lange

Reihe von Verrätereien seitens seiner eignen Verbündeten), vielleicht

auch zu stolz, sich den Bedingungen des gegenwärtigen Friedens zu

unterwerfen. Er ist überzeugt, daß die englische Regierung Ibn Sa'oud

gegen ihn bewaffnet hat, und stützt sich bei dieser Annahme auf die

Tatsache, daß der Scheich von Kweit, der für unseren Verbündeten gilt,

in der Hoffnung, den Einfluß des Sultans an den Grenzen von Kweit

abzuschwächen, jenen heimatlosen Verbannten mit den Mitteln ausgerüstet

hat, in dem Lande, wo seine Väter geherrscht, wieder festen Fuß zu

fassen. Der Beginn des ganzen Unheils lag vielmehr in der Freundschaft,

die sich der Welt dadurch kundtat, daß Schammārische Pferde in

Konstantinopel, und zirkassische Mädchen in Haīl erschienen, was aber

das Ende anbetrifft, so hat der Krieg kein Ende in der Wüste, und jeder

Unfriede kommt wieder dem Ungestüm irgend eines jungen Scheichs zu

statten.

[2] Seit den oben erwähnten Ereignissen ist Ibn Sa'oud, nach einem

vergeblichen Appell an einen mächtigen Bundesgenossen, glaube ich, zu

einem Einvernehmen mit dem Sultan gekommen, und Ibn er Raschīd soll

bemüht sein, die türkische Besatzung auszutreiben, die eigentlich zu

seiner Hilfe gekommen war. Ganz kürzlich hat sich das Gerücht vom Tode

Ibn er Raschīds verbreitet.

[Illustration: Mschitta, die inneren Hallen.]

Obgleich wir Ebenen durchritten, die ganz wüste und für den

oberflächlichen Beschauer fast ganz ohne charakteristische Züge waren,

reisten wir doch selten länger als eine Meile, ohne eine Stelle zu

erreichen, die einen Namen trug. Der Araber verfügt in seiner Rede

über ein erstaunliches Ortsregister. Frage ihn, wo der oder jener

Scheich sein Lager aufgeschlagen hat, und er wird dich sofort aufs

genauste berichten. Du findest auf der Karte einen leeren Fleck und

auch die Gegend, wo das Lager sich befindet, zeigt solche Leere.

Dem Auge des Nomaden genügen eben die unbedeutendsten Kennzeichen,

eine Bodenerhebung, ein großer Stein, die Spur einer Ruine, ja jede

Vertiefung, die zur Winter- oder Sommerzeit voll Wasser steht.

[Illustration: Belkaaraber.]

Reite mit einem Araber, wenn du wissen willst, warum die

vormohammedanische Poesie so reich an Ortsnamen ist, du wirst auch

sehen, wie nutzlos es bei den meisten Orten sein würde, sie an einer

bestimmten Stelle zu suchen, denn derselbe Name kehrt wohl hundertmal

wieder. Wir gelangten jetzt an einen kleinen Hügel, den Gablān

Theleleth el Hirschah nannte, und später an einen etwas kleineren,

Theleleh. Hier hielt Gablān an, deutete auf ein paar rauchgeschwärzte

Steine am Boden und sagte:

»Hier stand mein Herd. Hier hatte ich vor fünf Jahren mein Lager. Mein

Vater hatte sein Zelt dort drüben aufgeschlagen, mein Onkel das seinige

unter der Böschung.«

Ich hätte mit Imr ul Kais oder mit irgend einem anderen großen Sänger

aus dem Zeitalter der Naturdichtung reisen können, wo der Ode hoher

Flug sich demselben Thema zuwandte, dem ewig gleichen Thema vom Wechsel

des Lebens in der Wüste.

Die Wolken lösten sich in Regen auf, als wir Theleleh den Rücken

kehrten und ostwärts schritten -- kommt doch der reisende Araber selten

schneller vorwärts als im Schritt. Namrūd schlug seiner Gewohnheit nach

die Zeit tot, indem er Geschichten erzählte.

»Meine Dame,« sagte er, »ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen,

die unter den Arabern sehr bekannt ist; Gablān kennt sie gewiß. Es

war einmal ein Mann -- er ist jetzt tot, aber seine Söhne leben noch,

-- der lag in Blutfehde, und in der Nacht überfiel ihn sein Feind mit

vielen Reitern; sie trieben seine Herden, seine Kamele und Pferde weg

und nahmen ihm die Zelte und alles, was er hatte. So sah sich der

Mann, der erst reich und geachtet war, in der größten Not. Da zog er

aus und kam an das Zelt eines Stammes, der mit seinem eignen weder in

Freundschaft noch in Fehde war. Er legte seine Hand auf die Stange

des Zeltes, das dem Scheich gehörte, und sagte: »O Scheich, ich bin

dein Gast.« (‚Ana dachīlak’, sagt einer, der Gastfreundschaft und

Schutz erheischt.) Der Scheich erhob sich, führte ihn hinein, setzte

ihn an den Herd und war gütig gegen ihn. Er gab ihm auch Schafe und

etliche Kamele und Zeug zu einem Zelt. Darauf ging der Mann hinweg,

und es glückte ihm so, daß er nach zwei Jahren wieder so reich war,

wie zuvor. Nach abermals zehn Jahren begab es sich, daß der Scheich,

sein Gastfreund, Unglück hatte und seinerseits alles verlor, was er

besaß. Und er sprach: »Ich werde nach den Zelten von dem und dem

gehen, der ist jetzt reich und wird mir tun, wie ich ihm getan habe.«

Als er an die Zelte kam, war der Mann nicht da, aber sein Sohn war

darin. Und der Scheich legte seine Hand auf die Stange und sprach:

»'Ana dachīlak«. Der Sohn antwortete: »Ich kenne dich nicht, aber da

du unsre Hilfe anrufst, so komme herein, meine Mutter wird dir Kaffee

kochen«. Da trat der Scheich ein, und die Frau hieß ihn sich an den

Herd setzen und kochte ihm Kaffee. Es gilt aber für eine Beschimpfung

bei den Arabern, wenn die Frau den Kaffee kocht. Und während er noch

beim Kaffee saß, kehrte der Herr des Zeltes zurück. Da ging sein Sohn

hinaus und erzählte ihm, daß der Scheich da wäre. Und sein Vater

sprach: »Wir wollen ihn die Nacht dabehalten, da er unser Gast ist,

aber beim Dämmern schicken wir ihn fort, damit uns seine Feinde nicht

über den Hals kommen.« Und sie ließen den Scheich sich in eine Ecke des

Zeltes legen und gaben ihm nur Brot und Kaffee, und am nächsten Tage

hießen sie ihn gehen. Und sie gaben ihm als Bedeckung zwei Reiter mit

auf eine Tagesreise, denn das pflegen die Araber zu tun mit einem, der

ihren Schutz begehrt hat und in Gefahr seines Lebens ist, aber dann

überließen sie es ihm zu verhungern oder in die Hände seiner Feinde zu

fallen. Aber solche Undankbarkeit kommt selten vor -- gelobt sei Gott!

Und daher wird diese Geschichte auch nicht vergessen werden!«

Wir näherten uns jetzt einigen Abhängen, die beinahe mit dem Namen

Hügel beehrt werden konnten. Sie bildeten einen großen, südwärts

sich erstreckenden Halbkreis, in dessen innerer Seite Fellāh ul 'Isa

seine Zelte aufgeschlagen hatte. Zur Zeit meines Besuchs dort hielten

die Da'dja die ganze Ebene besetzt, sowohl den Fuß des stufenförmig

aufsteigenden Djebel el 'Alya, wie auch den nordwestlichen Landstrich

zwischen den Hügeln und dem Fluß Zerka. Mudjemir, der junge Scheich,

wohnte nordwärts; seine beiden Onkel, Fellāh ul 'Isa und Hamūd, der

Vater Gablāns, gemeinsam in der nach Süden gelegenen Ebene. Ich traf

Hamūd nicht an, da er gerade fortgeritten war, um einige seiner Herden

zu inspizieren. Gablān sprengte voraus, um uns anzumelden, und als wir

selbst uns dem Zelte des großen Scheich näherten, trat ein weißhaariger

Mann heraus, uns zu bewillkommnen. Das war mein Wirt, Fellāh ul 'Isa,

ein in ganz Belka wegen seiner Weisheit berühmter Scheich mit weit

größerem Ansehen, als sonst ein alter Mann aus einem Herrscherhause

über seinen Stamm besitzt.

[Illustration: Fellāh ul 'Isa ad Da'dja.]

Vor einem halben Jahre war er als hochgeachteter Gast bei den

Drusen gewesen, die eigentlich mit arabischen Scheichs nicht auf

freundschaftlichem Fuße stehen, und das war der Grund, warum Namrūd

gerade ihn als den besten Ratgeber in meinen Reiseangelegenheiten

erachtet hatte. Wir mußten in seinem Zelte sitzen, bis der Kaffee

bereitet war, welche Zeremonie eine geschlagene Stunde in Anspruch nahm

und unter feierlichem Schweigen vor sich ging. Nichts war hörbar als

das Geräusch der die Bohnen zermalmenden Mörserkeule, Töne, die, von

kundiger Hand geleitet, dem Wüstenwanderer wie liebliche Musik dünken.

Als der Genuß vorüber -- die Sonne war inzwischen durchgebrochen--,

ritt ich mit Gablān und Namrūd die Hügel nordwärts vom Lager hinan, um

einige Ruinen zu besichtigen, von denen die Araber berichtet hatten.

[Illustration: Kapitäl Muwaggar.]

Djebel el 'Alya erwies sich als ein welliges Hochland, das sich in

einer Ausdehnung von vielen Meilen nach Norden und Nordosten hin

sanft abdachte. Die Hauptrichtung der unvermittelt aus der Ebene

aufsteigenden Bergkette ist von West nach Südost; ihr Kamm ist mit

einer Reihe Ruinen gekrönt, deren ich zwei sah. Es mögen wohl Forts

zum Schutze einer Grenze gewesen sein, vermutlich der Ghassanidischen.

Inschriften sind nicht vorhanden. Das erste der verfallenen Gebäude

lag direkt über Fellāh ul 'Isas Lager -- meiner Ansicht nach ist es

der auf der Karte von Palästina nahe an der Haddjbahn eingezeichnete

Kasr el Ahla. Der Name ist den Da'dja unbekannt. Sollte es an dem

sein, so liegt die Ruine vier oder fünf Meilen weiter nach Osten, als

von den Kartographen eingezeichnet, und der Name sollte Kasr el 'Alya

heißen. Es war ein mäßiger Komplex, ringsum von Mauerwerk umgeben, das

eine unentwirrbare Menge Ruinen umschloß. Nachdem wir drei oder vier

Meilen weiter ostwärts geritten waren, fanden wir auf der Nordseite

des Djebel el 'Alya, am Eingange eines Tales, eine große Zisterne,

die, ungefähr 40 zu 50 Meter groß, sorgsam aus behauenen Steinen

erbaut und halb voll Erde war. Weiter oben, der Spitze des Hügels

zu, war eine Gruppe Ruinen, von den Arabern El Muwaggar benannt[3].

Hier hat sich vermutlich eine militärische Station befunden, denn

die wenigen Überreste kleinerer Wohnstätten legen den Gedanken an

eine Stadt nahe. Nach Osten zu aber lag ein Gebäude, das die Araber

für einen einstigen Stall erklären. Es war gleich einer Kirche in

drei parallele Schiffe geteilt. Bogengänge trennten das Mittelschiff

von den Seitenflügeln; die sechs auf jeder Seite befindlichen runden

Bogen ruhen auf gemauerten Säulen, auf deren Innenseite Löcher zum

Durchleiten der Spannseile angebracht sind. Wahrscheinlich wurden

vorzeiten Pferde zwischen die Bogen eingestellt. Eine faßbogenförmige

Decke wölbt sich über den drei Abteilungen, Gemäuer sowohl als Wölbung

bestehen aus kleinen, durch spröden, zerbröckelnden Mörtel verbundenen

Steinen. Einige hundert Meter nach Nordwesten fanden wir eine große,

unbedeckte, leere Zisterne mit ausgemauerten Wänden und einer Treppe

in der einen Ecke. Die größte Ruine lag noch weiter westwärts, fast

auf der Spitze des Hügels. Bei den Arabern heißt sie Kasr; vermutlich

war es eine Festung oder Baracken. Der Haupteingang fand sich nach

Osten zu, und da sich der Boden hier senkte, wurde die Front durch

einen Unterbau von acht Gewölben getragen, über denen Spuren von drei

oder vier Toren sichtbar waren, die nur vermittels Treppen zugängig

gewesen sein können. Zu beiden Seiten des Einganges hatten kannelierte

Säulen gestanden -- einige waren noch vorhanden --, und die Fassade

war mit Säulen und mit einer Nische geschmückt gewesen. Fragmente

bedeckten noch den Boden; daneben lagen verschiedene Kapitäle, alle

im korinthischen Stil, obgleich manche von ihrem Urbild beträchtlich

abwichen. Etliche Kannelierungen zeigten sehr einfache Motive, wie ein

Kleeblatt an jedem Außenbogen eines gewundenen Stengels; andre wiederum

waren torusförmig und mit dem Palmstammmuster überdeckt. Die Fassade

maß 40 Schritt; hinter ihr lag ein Vorraum, der durch eine Kreuzmauer

von einem quadratischen Hof getrennt war. Ob dieser Hof früher von

Gemächern umgeben gewesen, konnte ich nicht feststellen, da er von

Trümmern überdeckt und mit Rasen bewachsen war. Zu beiden Seiten der

parallel laufenden Gewölbe befand sich noch je ein anderer gewölbter

Raum, also zehn im ganzen, aber die beiden angefügten Gewölbe schienen

keinerlei Oberbau getragen zu haben, da die massiven Seitenwände des

Vorraums auf den Außenmauern der acht innern Gewölbe ruhten. Das

Gewölbe bestand aus viereckigen Steinen und Geröll, durch Mörtel

verbunden.

[3] El Muwakker geschrieben, aber die Beduinen ändern das harte k in

ein hartes g. Beschreibung des Ortes in »Die Provincia Arabia«, 11.

Band.

[Illustration: Kapitäl Muwaggar.]

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 3 / 24 段