Aus dem tief eingeschnittenen, das Jordantal überragenden Gebirge

kamen wir in ein flaches Hügelland, in dem zahlreiche verfallene

Plätze liegen. Eine Viertelstunde vor den an der Quelle des Wādi Sīr

befindlichen Ruinen stießen wir auf eine ansehnliche Menge Mauerwerk

und eine Zisterne, welche die Araber Birket Umm el 'Amūd (Brunnen der

Mutter der Säule) nennen. Jūsef berichtete, daß dieser Name von einer

Säule herrühre, die früher inmitten des Wassers gestanden; ein Araber

schoß nach ihr und zerstörte sie, und nun liegen ihre Trümmer auf dem

Grunde der Zisterne. Der Hügel (oder Tell, um ihm dem heimischen Namen

zu geben) von Amēreh ist ganz mit Ruinen bedeckt, und weiterhin, in

Jadūdeh, findet man Felsengräber und Sarkophage am Rande der Brunnen.

Der ganze Saum der Wüste ist mit ähnlichen Zeugen einer vergangenen

Bevölkerung übersät; wir finden Dörfer aus dem 5. und 6. Jahrhundert,

der Zeit, wo Mādeba eine reiche, blühende Christenstadt war, ja einige

entstammen zweifellos einer noch früheren, vielleicht vorrömischen

Periode.

In Jadūdeh hat ein Christ aus Salt, der größte Kornproduzent der

Gegend, seinen Wohnsitz aufgeschlagen; er bewohnt ein einfaches

Landhaus auf der Spitze des Hügels. Man rechnet ihn zu den energischen

Bahnbrechern, die bemüht sind, die Grenzen der Kultur immer weiter

hinauszuschieben. Bei Jadūdeh verließen wir das Hügelland und betraten

die endlose, mit spärlichem Grün bewachsene Ebene. Hie und da ein

kegeliger Hügel oder ein niedriger Höhenzug, dann wieder weite,

unbegrenzte Ebene. Ruhevoll dem Auge und doch nie monoton liegt sie,

in die magische Glut des winterlichen Sonnenuntergangs getaucht; auf

den sanft gewölbten Erhöhungen rastet noch das Licht, die leichten

Bodensenkungen bergen schon die Schatten der Nacht, und über dem

allen breitet sich der weite Himmelsdom aus, der Wüste und Meer

gleichermaßen überwölbt. Die erste größere Erhebung ist der Tneib.

Wir erreichten ihn nach einem neunstündigen Marsch um ½6 Uhr, gerade

als die Sonne sank, und schlugen unsere Zelte an der südlichen

Berglehne auf. Der ganze Abhang war voller Ruinen: niedrige Mauern aus

rohbehauenen Steinen ohne Mörtel, in Felsen gehauene Zisternen, deren

einige ursprünglich jedenfalls weniger zu Wasser- als zu Kornbehältern

benutzt worden, welchem Zweck sie auch jetzt noch dienen. Namrūd war

zum Besuch eines benachbarten Landwirtes geritten, einer seiner Männer

aber eilte sofort, ihn von meiner Ankunft zu benachrichtigen, und

gegen 10 Uhr abends erschien er im Glanze der frostblitzenden Sterne

mit vielen Freudenbezeigungen und der Versicherung, daß meine Wünsche

leicht zu erfüllen seien. So legte ich mich zur Ruhe, eingehüllt in das

kalte Schweigen der Wüste, und erwachte am andern Morgen zu einem Tage

voll Sonnenschein und guter Aussichten.

[Illustration: Das Theater 'Ammān.]

Zunächst mußte nun zu den Arabern geschickt werden. Nach einer Beratung

entschieden wir uns für die Da'dja, einen Stamm der Belkaaraber, als

für die nächsten und wahrscheinlich geeignetsten, und ein Bote wurde

in ihr Lager entsandt. Wir verbrachten den Morgen mit Besichtigung

der Ruinen und Betrachtung einer Menge Kupfermünzen, die Namrūds

Pflugschar zu Tage gefördert. Lauter römische; eine zeigte undeutlich

die Züge Konstantins, andre waren älter, keine entstammte der jüngeren

byzantinischen Periode oder der Zeit der Kreuzzüge. Soweit die

Münzfunde Zeugnis ablegen können, liegt Tneib seit dem Eindringen

der Araber verödet. Namrūd hat die Totenstadt entdeckt, die Gräber

aber leer gefunden; wahrscheinlich wurden sie schon vor Jahrhunderten

ausgeplündert. Sie waren zisternenartig und in die Felsen gehauen.

Zwischen zwei massigen Steinsäulen ein schmaler Eingang dicht über

dem Erdboden, einige wenige Vorsprünge zum Hinabsteigen in den

Seitenwänden, im unteren Raume Nischen, die in übereinander liegenden

Reihen rund um die Mauern liefen. Fast am Fuße des Südabhanges

sahen wir die Grundmauern eines Gebäudes, das eine Kirche gewesen

sein mochte. Aber das alles war nur ein zu armseliges Ergebnis für

die Forschung eines ganzen Tages; wir machten deshalb am goldenen

Nachmittag einen zweistündigen Ritt nordwärts in ein breites, zwischen

niederen Hängen liegendes Tal. Um den ganzen Rand desselben lagen in

Zwischenräumen Ruinen, und nach Osten zu standen verfallene Mauern

auch in der Mitte des Tales, -- Namrūd nannte die Stelle Kuseir es

Sahl, die kleine Wüstenburg. Unser Ziel aber war eine kleine Gruppe

von Gebirgen am Westende, Chureibet es Suk. Zunächst kamen wir an ein

kleines, halb im Sand begrabenes Bauwerk (41 Fuß zu 39 Fuß 8 Zoll,

größte Ausdehnung von Ost nach West). Zwei Sarkophage zeigten an, daß

es ein Mausoleum gewesen. In der Westwand war ein bogengeschmücktes

Tor; den Pfeilerbogen krönte ein flaches Gesims. In der Höhe des

Bogens verschmälerten sich die Mauern um einen kleinen Vorsprung,

und etwas höher lief eine geschweifte Kranzleiste. Ein paar Hundert

Meter westwärts von dem Kasr oder der Burg (die Araber benennen die

meisten Ruinen Burg oder Kloster) liegt ein zerfallener Tempel, der

augenscheinlich in irgend einer Zeit einem anderen Zwecke gedient hat,

als dem ihm von der Natur zukommenden, denn er zeigte eingestürzte

Mauern um die beiden Reihen von je sieben Säulen und unerklärliche

Querwände an der westlichen Seite des Säulenganges. Dahinter schien

ein doppelter Hof gelegen zu haben, und noch weiter nach Westen hin

befand sich ein ganzer Komplex von zerfallenem Mauerwerk. Das Tor sah

nach Osten hin, seine Pfeiler zeigten feine Steinmeißelungen: ein Band,

eine Palmette, ein zweites glattes Band, eine Weinranke, eine Haspel

und Weife, einen Pfeil und eine zweite Palmette auf der oberen Leiste.

Das Ganze ähnelte außerordentlich den Kunstwerken in Palmyra -- es

konnte kaum den Vergleich aushalten mit dem Steinbildwerk in Mahitta,

war überhaupt nüchterner und den klassischen Mustern näher verwandt

als jene Architektur. Nördlich vom Tempel stand auf einer kleinen

Reihenerhebung noch eine Ruine, ein zweites Mausoleum. Es war ein

längliches Rechteck aus großen, sorgsam ohne Mörtel gefügten Steinen.

An der südöstlichen Ecke führte eine Treppe in eine Art Vorzimmer, das

dank dem abfallenden Abhang in gleicher Höhe mit der Ostseite lag. An

der Außenwand dieses Vorraums standen Säulenstümpfe, vermutlich die

Überreste eines schmalen Säulenganges, der die Ostfassade geschmückt.

Sechs Sarkophage standen längs der noch vorhandenen Mauern, je zwei

an der Nord-, Süd- und Westwand. Über der Basis der zu beiden Seiten

der Treppe befindlichen Säulen lief ein Fries, der einen kühnen Torus

zwischen beiden Wänden aufwies, und dasselbe Motiv wiederholte sich auf

der Innenseite der Sarkophage. Die Stützmauer auf der Südseite zeigte

zwei Vorsprünge, im übrigen war das Gebäude ganz einfach, nur einige

der umherliegenden Fragmente schmückte ein lockeres Weinrankenmuster.

Dieses Mausoleum erinnert an das Pyramidengrab, das in Nordsyrien

vielfach vorkommt, wenn ich auch kein zweites so weit südlich gesehen

habe. Es mag vielleicht einst dem schönen Denkmal mit der Säulenfassade

geähnelt haben, das eine der Sehenswürdigkeiten des südlichen Dāna ist,

und die Fragmente von Weinrebenskulptur waren vielleicht Teile der

Krönung.

[Illustration: Torweg 'Ammān.]

Als ich kurz vor Sonnenuntergang zu meinen Zelten zurückkehrte,

erfuhr ich, daß der Bote, den wir am Morgen abgesandt, sich unterwegs

aufgehalten hatte und, erschreckt durch die vorgerückte Stunde,

umgekehrt war, ohne seinen Auftrag auszurichten. Das war ärgerlich

genug, war aber nichts im Vergleich zum Betragen des Wetters am

nächsten Morgen. Ich erwachte, um die ganze Gegend in Nebel und Regen

getaucht zu sehen, den ganzen Tag jagte der Südwind einher, und der

Regen schlug an unsre Zeltwände. Am Abend brachte Namrūd die Kunde,

daß Gäste bei ihm eingekehrt seien. Es befanden sich nämlich ein oder

zwei Meilen entfernt einige Suchūrzelte (das Gros des Stammes hielt

sich noch weit im Osten auf, wo das Winterklima weniger rauh ist), und

der lange Regentag war für die männlichen Bewohner zu viel geworden.

Sie hatten ihre Rosse bestiegen und waren nach Tneib geritten, mochten

die Frauen und Kinder sehen, wie sie durch die Nacht kamen. Ein

Plauderstündchen nach dem langen, feuchten Tag war verlockend, ich

schloß mich der Gesellschaft an.

Namrūds Höhle läuft weit in die Erde hinein; sie muß sich bis in

die Mitte des Tneibberges erstrecken. Mit Ausnahme der niedrigen

Schlafstellen und der Krippen für das Vieh, die in die Wände eingehauen

sind, ist der erste Raum augenscheinlich natürlichen Ursprungs.

Ein enger, durch die Felsen gebrochener Gang führt in ein kleines

Gelaß, hinter welchem noch mehrere andere liegen, die ich aber auf

Treu und Glauben hinnahm, da die schwüle, eingeschlossene Luft und

die zahllosen Fliegen mich von weiterer Besichtigung abhielten. An

diesem Abend bot die Höhle ein so urwüchsiges, wildes Bild, daß

selbst der abenteuerlichste Geist davon befriedigt sein mußte. In

rote Lederstiefel und gestreifte, regendurchweichte Mäntel gehüllt,

saßen zehn bis zwölf Araber in der Mitte um das Reisigfeuer, in dessen

Asche die drei Kaffeetöpfe standen, die von der Wüstengastlichkeit

untrennbar sind. Hinter ihnen kochte eine Frau Reis über einem helleren

Feuer, das flackernde Lichter in die Tiefen der Höhle und auf Namrūds

Vieh warf, das, an seinen Felsenkrippen stehend, gemächlich seinen

Häcksel zermalmte. Nachdem man mir einen verhältnismäßig sauberen

Platz im Kreise eingeräumt und eine Tasse Kaffee gereicht hatte,

ging die Unterhaltung weiter, solange als ein Mann seine arabische

Pfeife fünfmal rauchen konnte. Sie drehte sich hauptsächlich um die

Schandtaten der Regierung. Der Arm des Gesetzes, oder vielmehr die

gepanzerte Faust der Ungerechtigkeit ist ein beständig drohender

Schrecken am Saum der Wüste. Dieses Jahr war sie, infolge der

Anforderungen des Krieges, zu unheimlicher Tätigkeit veranlaßt worden.

[Illustration: Tempel, Chureibet es Suk.]

Ohne jede Aussicht auf Entschädigung in Geld oder Naturalien waren

Kamele und Pferde in Menge längs des Randes der Wüste wegkommandiert

worden. Die Araber hatten alles gesammelt, was ihnen noch von Vieh

übrig blieb und es fünf bis sechs Tagereisen landeinwärts gesandt,

wohin die Soldaten nicht vorzudringen wagten, und Namrūd war ihrem

Beispiel gefolgt, indem er nur soviel Tiere zurückbehielt, als für die

Feldarbeit nötig waren. Meine Mitgäste ergriffen einer nach dem anderen

das Wort: ihre harte Sprache mit den Gutturallauten erfüllte die Höhle.

Bei Gott und Mohammed riefen wir so viele Flüche auf die zirkassische

Reiterei herab, daß die kräftigen Männer in ihren Sätteln hätten wanken

mögen. Von Zeit zu Zeit beugte sich eins der turbanumwundenen Häupter,

dem die schwarzen Haarsträhne unter dem gestreiften Tuch hervor um die

Wangen hingen, nach einer glühenden Kohle für die Pfeife, eine Hand

streckte sich nach der Kaffeetasse aus, oder das Kochfeuer flammte

unter dem frischaufgelegten Reisig hoch auf, und in der plötzlichen

Helle summten die Fliegen, bewegten sich die Kühe unruhig. Namrūd

war nicht gerade entzückt, daß sein eben gesammeltes Feuerholz so

schnell zusammenschmolz, und seine Kaffeebohnen händeweise im Mörser

verschwanden. (»Wāllah, sie essen wenig, wenn es vom eignen geht, aber

viel, wenn sie Gäste sind, sie und ihre Pferde. Und das Korn ist knapp

so spät im Jahre!«)

[Illustration: Mausoleum, Chureibet es Suk.]

Aber das Wort »Gast« ist geheiligt vom Jordan bis zum Euphrat,

und Namrūd wußte wohl, daß er seine Stellung und seine Sicherheit

vornehmlich der Gastfreundschaft verdankte, die er auf jeden

erstreckte, mochte er noch so ungelegen kommen. Ich steuerte auch

einen Beitrag zu dem Gelage bei, indem ich ein Kistchen Zigaretten

verteilte, und ehe ich mich zurückzog, waren freundschaftliche

Beziehungen zwischen mir und den Beni Sachr hergestellt.

[Illustration: Belkaaraber.]

Der folgende Tag versprach ebensowenig, wie sein Vorgänger. Die

Maultiertreiber zeigten sich nicht geneigt, die schützenden Höhen

zu verlassen und ihre Tiere einem solchen Regen in der offnen Wüste

auszusetzen; widerwillig nur schob ich die Reise auf und schickte die

Männer nach dem drei Stunden entfernten Mādeba nach Hafer für die

Pferde, schärfte ihnen aber ein, nicht zu verraten, wer sie geschickt.

Am Nachmittag klärte es sich etwas auf, und ich ritt in südlicher

Richtung durch die Wüste nach Kastal, einem auf einer Erhöhung

liegenden, befestigten römischen Lager.

Diese Art Fort war an der Ostgrenze des Kaiserreichs nicht ungewöhnlich

und wurde von den Ghassaniden nachgeahmt, als sie sich in der

syrischen Wüste niederließen; nimmt man doch an, daß auch Mschitta

nur ein besonders schönes Beispiel dieser Art Gebäude war. Kastal

hat eine starke Befestigungsmauer, die nur durch ein einziges, nach

Osten gehendes Tor und durch runde Bastionen an den Ecken und den

Seiten entlang, unterbrochen wird. Im Innern befindet sich eine Reihe

parallellaufender gewölbeartiger Räume, die in der Mitte einen Hof

freilassen -- es ist dies mit kleinen Veränderungen der Plan von Kal'at

el Beida in der Safa und von den modernen Karawansereien[1]. Nach

Norden zu liegt ein gesondertes Gebäude, wahrscheinlich das Prätorium,

die Wohnung des Festungskommandanten. Es besteht aus einem riesigen

gewölbten Raum mit einem mauerumgebenen Hof davor und einem runden

Turm in der südwestlichen Ecke. Der Turm hat innen eine Wendeltreppe,

außen aber einen Fries, der oben Laubwerk und unten gekehlte

Triglyphen, dazwischen aber leere Metopen zeigt. Die Maurerarbeit ist

ungewöhnlich gut, und die Mauern von bedeutender Stärke; mit solchen

Verteidigungswerken selbst an den fernsten Grenzen des Reiches konnten

die Römer des Nachts in guter Ruh schlafen.

[1] Vorzügliche Pläne und Photographien des Forts sind von _Brünnow_

und _Domaszewski_ in Band 11 ihres großen Werkes »Die Provincia Arabia«

veröffentlicht worden. Bei meinem Besuch des Kastals war dieser Band

noch nicht erschienen.

[Illustration: Ruinen einer Kirche, Mādeba.]

Als ich vor fünf Jahren Kastal besuchte, war es unbewohnt, und das Land

unbebaut, aber jetzt hatten sich ein paar Bauernfamilien unter den

zerbröckelnden Gewölben angesiedelt, und junges Korn sproßte zwischen

den Mauern, -- lauter Dinge, die wohl das Herz eines Menschenfreundes

erwärmen, dem Archäologen aber einen kalten Schauer durch die Brust

jagen müssen. Kein größerer Vernichter als der Pflug, kein schlimmerer

Zerstörer als der Bauer, der nach behauenen Steinen zum Bau seiner

Hütte Ausschau hält. Ich bemerkte noch ein anderes Zeichen der sich

ausbreitenden Zivilisation, zwei ausgehungerte Soldaten nämlich, die

Wärter der nächsten Haltestelle der Haddjbahn, die nach der einige

Meilen weiter westwärts gelegenen Ruine den Namen Zīza erhalten hat.

Veranlassung zu ihrem Besuch war die magere Henne, die einer der

beiden Soldaten in der Hand trug. Er hatte sie aus der Mitte ihrer

noch dürftigeren Gefährtinnen im Festungshof gerissen -- gegen welchen

Preis, wollen wir lieber nicht erforschen, denn der Hungrige kennt kein

Gesetz. Es lag mir nicht besonders viel daran, den Behörden in 'Ammān

meine Anwesenheit im Grenzgebiet merken zu lassen, deshalb brach ich

schnell auf und ritt ostwärts nach Zīza.

[Illustration: Das Fort von Zīza.]

Der Regen hatte die Wasserläufe der Wüste gefüllt, nur selten sind

sie so tief und fließen so schnell, wie der eine, den wir an jenem

Nachmittag durchkreuzen mußten. Auch die große Römerzisterne von Zīza

war bis zum Rande gefüllt, so daß die Suchūr den ganzen kommenden

Sommer hindurch Wasser genug haben würden. Die Ruinen von Zīza sind

viel zahlreicher als in Kastal; es muß hier eine große Stadt gestanden

haben, denn ein weiter Raum ist mit den Mauerwerken zerfallener

Häuser bedeckt. Vermutlich war Kastal das jene Stadt schützende Fort

und teilte den Namen Zīza. Hier befindet sich auch ein sarazenisches

Kal'ah, ein Fort, welches Soktan, ein Scheich der Suchūr -- so

erzählte Namrūd -- wiederherstellen und mit einer in der Wüste ganz

unbekannten Pracht ausstatten ließ. Aber da es in dem Gebiet liegt,

auf dem das neue Landgut erstehen soll, ist es in Besitz des Sultans

gekommen und geht nun wieder dem Verfall entgegen. Die Erhebungen

dahinter sind mit Mauerwerk bedeckt, darunter die Überreste einer

Moschee, deren Kuppel noch nach Süden zu sichtbar ist. Zīza war zu

Ibrahim Paschas Zeit noch ägyptische Garnison, und es waren vornehmlich

seine Soldaten, die die Zerstörung der alten Bauten vollendeten. Ehe

sie kamen, standen viele Baudenkmäler, so z. B. mehrere christliche

Kirchen, noch vollständig gut erhalten, wie die Araber erzählen. Unser

Heimweg führte uns längs des Eisenbahndammes hin, und die Unterhaltung

drehte sich um die möglichen Vorteile, die dem Lande aus eben dieser

Bahnlinie erwachsen konnten. Namrūd hegte Zweifel in dieser Hinsicht.

Er sah scheel auf alle Beamten und Soldaten; hatte er doch wirklich

mehr Grund, diese offiziellen Räuber zu fürchten, deren Habgier nicht

durch Gastfreundschaft entwaffnet werden konnte, als die Araber, die

ihm zu sehr verpflichtet waren, um ihm großen Schaden zuzufügen. Er

hatte im vergangenen Jahre einige Wagenladungen Korn nach Damaskus

geschickt; ja, es war ein billigeres und schnelleres Transportmittel

als die Kamele, solange die Waren überhaupt ankamen, aber gewöhnlich

waren die Kornsäcke bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt soviel leichter

geworden, daß der Vorteil dadurch wieder aufgehoben wurde. Das würde

später vielleicht besser werden, später, wenn man auch Lampen, Kissen

und die übrigen Ausstattungsstücke der Wüstenbahn an dem Platz belassen

würde, für den sie gekauft und bestimmt waren. Wir sprachen auch von

Aberglauben und von Furcht, die das Herz bei Nacht befallen. Es gibt

gewisse Orte, erzählte Namrūd, an die kein Araber im Dunkel zu gehen

wagt -- unheimliche Brunnen, denen sich der Durstige nicht nähert,

Ruinen, wo der Müde nicht Obdach sucht, Höhlen, die dem Einsamen

verhängnisvolle Ruhestatt bieten würden. Was fürchten sie? Ja, wer

weiß, wovor die Menschen sich fürchten? Er selbst hatte einst einen

Araber um den Verstand gebracht, als er im Zwielicht nackt vor ihm aus

einem einsamen Wassertümpel hervorsprang. Der Mann rannte entsetzt nach

seinen Zelten, versicherte, einen Djenn gesehen zu haben und beschwor

seine Leute, die Herden nicht zur Tränke an das Wasser zu führen, in

dem der Djenn wohnte, bis endlich Namrūd kam, ihn auslachte und die

Sache aufklärte.

Wir kehrten nicht unmittelbar zu den Zelten zurück. Ich war diesen

Abend zu Scheich Nahār von den Beni Sachr geladen, demselben, der die

Nacht vorher in Namrūds Höhle verbracht hatte, und nach einer Beratung

hatten wir uns dahin entschieden, daß selbst eine Person von meiner

hohen Würde eine solche Einladung recht wohl annehmen könnte, ohne sich

dadurch etwas zu vergeben.

[Illustration: Christliches Zeltlager.]

»Im allgemeinen,« fügte Namrūd hinzu, »sollten Sie nur die Zelte großer

Scheichs besuchen, sonst könnten Sie Leuten in die Hände fallen, die

Sie nur um des Geschenkes willen einladen, das Sie spenden. Nahār

gut; er ist ein ehrlicher Mann, obgleich Meskin,« -- eine Bezeichnung,

die alle Formen leiser Verachtung in sich schließt, mag diese sich nun

erstrecken auf unverschuldete Armut, Dummheit oder die ersten Stufen

des Lasters.

Der Meskin empfing mich mit der Würde eines Fürsten und geleitete mich

an den Ehrenplatz auf dem zerlumpten Teppich zwischen dem viereckigen

als Feuerstelle dienenden Loch im Fußboden und der Scheidewand, die das

Frauengelaß von dem der Männer trennt. Wir hatten unsre Pferde an die

langen Zelttaue gebunden, die dem schwachen Gebäude eine so wunderbare

Festigkeit verleihen, und unsre Augen schweiften von unserm Sitzplatz

aus nach Osten hin über die Landschaft -- Wellenberg und Wellental

-- sie hob und senkte sich, als atme die Wüste leise und ruhig in

der hereinbrechenden Nacht. Die dem Winde abgekehrte Seite eines

Araberzeltes ist stets offen; dreht sich der Wind, so nehmen die Weiber

die Zeltwand ab und drehen es nach einer anderen Himmelsrichtung; in

einem Augenblick ist die Lage verändert, und die Wohnung blickt nach

der günstigsten Seite hin. Das Häuschen der Araber ist so klein und

leicht, und doch so fest verankert, daß der Sturm ihm wenig anhaben

kann. Das grobe Gewebe aus Ziegenhaar quillt in der Feuchtigkeit

auf und filzt so zusammen, daß nur fortgesetzter, vom Sturm heftig

gepeitschter Regen in die Wohnstätte eindringen kann.

Die Kaffeebohnen waren geröstet und gestoßen, und die Kaffeetöpfe

summten am Feuer, als von Osten her drei Reiter kamen und vor

dem offnen Zelt hielten. Es waren untersetzte, breitschulterige

Männer mit auffallend unregelmäßigen Gesichtern und vorstehenden

Zähnen. Während Platz im Kreis um das Feuer gemacht wurde, und die

frierenden, durchweichten Männer ihre Hände über die Glut streckten,

ging die Unterhaltung ununterbrochen weiter, denn es waren ja nur

Scherarātmänner, die herab nach Moab gekommen waren, um Korn zu

kaufen, und die Scherarāt sind zwar einer der größten und mächtigsten

Stämme und die berühmtesten Kamelzüchter, sind aber von unreinem Blut,

und kein Belkaaraber würde in ihren Stamm hineinheiraten. Sie haben

keine bestimmten Weideplätze; selbst zur Zeit der großen Sommerdürre

durchstreifen sie nur die innere Wüste, unbesorgt darum, daß sie oft

tagelang kein Wasser finden. Die Unterhaltung an Nahārs Feuer drehte

sich um meine Reise. Ein Suchūrneger, ein kräftiger Mann mit klugem

Gesicht, wollte mich sehr gern als Führer in das drusische Gebirge

begleiten, gestand aber, daß er sicherlich würde umkehren und fliehen

müssen, sobald er das Gebiet jener tapferen Bergbewohner erreichte,

denn es besteht unaufhörlich Fehde zwischen den Drusen und den Beni

Sachr. Die Negersklaven der Suchūr werden von ihren Herren, die ihren

Wert kennen, gut behandelt und genießen, da ein Abglanz von dem Ruhme

des großen Stammes, dem sie dienen, auch auf sie fällt, einen gewissen

Ruf in der Wüste. Schon war ich halb geneigt, trotz der Aussicht,

meinen Neger im ersten Drusendorf möglicherweise als Leiche vor mir zu

sehen, sein Anerbieten anzunehmen, als meine Gedanken durch die Ankunft

eines neuen Gastes in eine neue Bahn gelenkt wurden. Es war ein großer,

junger Mann mit feinem, hübschem Gesicht, ziemlich heller Gesichtsfarbe

und langen, fast braunen Locken. Schon bei seiner Annäherung erhoben

sich Nahār und die anderen Suchūrscheiche und küßten ihn, noch ehe er

das Zelt betrat, jeder auf beide Wangen. Namrūd stand ebenfalls auf und

rief ihm entgegen:

»Alles gut? Geb's Gott! Wer ist bei dir?«

Der junge Mann erhob die Hand und erwiderte:

»Gott.«

Er war allein.

[Illustration: Herden der Suchūr.]

Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens · 第 2 / 24 段