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[Illustration: Beduinen der syrischen Wüste.
Nach einem Aquarell von John Sargent, ~R. A.~]
Durch die
Wüsten und Kulturstätten
Syriens
Reiseschilderungen
von
G. L. Bell
Mit einem Farbendruckbild nach einem Aquarell von
_John Sargent_, ~R. A.~,
161 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen,
sowie einer Karte von Syrien
[Illustration]
Leipzig
Verlag von Otto Spamer
1908
Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
[Illustration]
Ihm dünkt die unbekannte Ferne der liebste Freund; er wandelt,
wo über ihm die Mutter all der Myriaden von Sternen ihre Bahn zieht.
Ta'abata Sharran.
Vorwort.
Wer es heutzutage als Nichtgelehrter und Nichtpolitiker wagt, zu der
ungeheuer umfangreichen Reiseliteratur einen neuen Band hinzuzufügen,
muß mindestens mit einer Entschuldigung ausgerüstet sein. Die
meinige ist bereit und ist, wie ich hoffe, auch so überzeugend und
glaubhaft, wie solche Dinge sein müssen. Ich wollte weniger eine
Reisebeschreibung liefern als vielmehr eine Schilderung der Leute,
denen ich begegnet bin, oder die mich auf meinen Wegen begleitet haben,
wollte berichten, in was für einer Welt sie leben und mit welchem
Auge sie dieselbe betrachten. Und da ich es für besser hielt, die
Leute soviel als möglich selbst reden zu lassen, habe ich ihre Worte
in meine Wanderungen eingeflochten, habe getreulich wiederholt, was
ich gehört: die Erzählungen, womit der Hirt sowie der Bewaffnete die
Stunden des Marsches kürzten, die Unterhaltungen, die am Lagerfeuer,
im schwarzen Zelt der Araber und im Gastgemach der Drusen von Mund
zu Mund gingen, sowie die vorsichtigeren Äußerungen der türkischen
und syrischen Beamten. Ihre Politik beschränkt sich auf Vermutungen
-- oft sind sie scharfsinnig genug -- über die Resultate, die das
Zusammenwirken unbekannter Kräfte, deren Stärke und Zweck meist nur
undeutlich erfaßt werden, ergeben könnte; sie schöpfen ihr Wissen aus
so ganz anderen Informationsquellen, legen bei ihren Vergleichen einen
so ganz anderen Maßstab an als wir, und treten an die ihnen vorgelegten
Probleme mit einem von dem unseren ganz verschiedenen Anschauungskreis
heran. Der Orientale ist ein altes Kind. Mancher Wissenszweig, der
uns von elementarster Notwendigkeit erscheint, ist ihm unbekannt;
meist, nicht immer, bereitet ihm auch die Pflicht, sich solches Wissen
anzueignen, wenig genug Sorge, und er kümmert sich kaum um das, was wir
praktischen Nutzen nennen. Nach unsrer Auffassung des Wortes praktisch
ist er nicht praktischer als ein Kind, und sein Begriff von Nutzen
weicht sehr von dem unseren ab. Andrerseits wieder wird sein Tun und
Lassen durch überlieferte Sitten- und Umgangsgesetze geregelt, die bis
auf den Beginn der Zivilisation zurückdatieren, Gesetze, die bis jetzt
noch durch keinen Wechsel der Lebensweise, der sie entsprungen sind
und auf die sie sich beziehen, eine größere Veränderung zu erfahren
brauchten. Abgesehen davon ist der Orientale ganz wie wir auch;
die menschliche Natur verändert sich jenseits des Suezkanals nicht
vollständig, auch ist es nicht etwa unmöglich, sich mit den Bewohnern
jener Himmelsstriche auf freundlichen, ja freundschaftlichen Fuß zu
stellen. Ja, in gewisser Beziehung ist es sogar leichter als in Europa.
Ist doch die Verkehrsweise des Ostens weit weniger durch künstliche
Fesseln eingeengt, herrscht doch infolge der größeren Verschiedenheit
auch eine viel weitgehendere Duldsamkeit. Kasten, Stämme und Sekten
teilen die Gesellschaft in zahllose Gruppen, deren jede ihrem eignen
Gesetz folgt, und mag dieses Gesetz unsrer Meinung nach noch so
phantastisch sein, dem Orientalen ist es eine ausreichende Erklärung
für jede Sonderbarkeit. Ob ein Mann sich bis an die Augen in Schleier
gehüllt zeigt, oder ob es ihm gefällt, nur mit einem Gürtel bekleidet
zu erscheinen -- es wird keine Bemerkung über ihn fallen. Warum auch?
Gehorcht er doch, wie ein jeder, lediglich seinem eignen Gesetz. So
kann auch der Europäer die weltfremdesten Orte bereisen, ohne großer
Kritik, ja auch nur Neugier zu begegnen. Man wird die Neuigkeiten,
die er bringt, voll Interesse, seine Ansichten voll Aufmerksamkeit
anhören, aber niemand wird ihn für sonderbar oder närrisch oder auch
nur für im Irrtum befangen halten, weil seine Gewohnheiten und seine
Anschauungsweise von denen des Volkes abweichen, in dem er sich gerade
aufhält. »Adat-hu«: es ist so Brauch bei ihm. Der Ausländer handelt
deshalb auch am klügsten, wenn er gar nicht versucht, sich bei den
Orientalen dadurch einzuschmeicheln, daß er ihre Gewohnheiten nachäfft,
außer wenn er es geschickt genug tut, um für einen der Ihrigen gelten
zu können. Im allgemeinen mag er den Bräuchen andrer achtungsvoll
begegnen, sich selbst aber genau an seine eignen halten -- das wird ihm
die größte Achtung sichern. Die Beachtung dieser Regel ist vor allem
für Frauen von höchster Wichtigkeit, denn eine Frau kann nie ganz sich
selbst verleugnen. Daß sie einer großen und geachteten Nation angehört,
deren Sitten unantastbar sind, wird für sie die beste Gewähr für
allgemeine Rücksichtnahme sein.
Keins der Länder, die ich besucht habe, ist dem Reisenden
jungfräuliches Land, wenn auch manche dieser Gegenden bisher nur selten
aufgesucht und nur in teuren und meist schwer erhältlichen Werken
beschrieben worden sind. Von solchen Orten habe ich einen kurzen
Bericht gegeben und alle die Photographien hinzugefügt, die mir von
Interesse zu sein schienen. Bei den Städten Nordsyriens habe ich auch
jener historischen Überreste Erwähnung getan, die dem gelegentlichen
Beobachter ins Auge fallen. Es gibt in Syrien und am Rande der Wüste
noch viel Forscherarbeit zu tun, noch manches schwierige Problem zu
lösen. De Vogüé, Wetzstein, Brünnow, Sachau, Dussaud, Puchstein und
seine Kollegen, die Glieder der Princetonschen Expedition u. a. m.
haben das Werk mit gutem Erfolg begonnen, und auf ihre Schriften
verweise ich alle diejenigen, denen daran liegt zu erfahren, wie
unermeßlich reich das Land an architektonischen Monumenten und
schriftlichen Überresten einer weit zurückliegenden Geschichte ist.
Meine Reise endete nicht in Alexandretta, wie dieser Bericht hier.
In Kleinasien habe ich mich jedoch hauptsächlich mit Archäologie
beschäftigt; die Resultate meiner dortigen Forschung sind in einer
Serie von Artikeln in der »Revue Archéologique« veröffentlicht worden,
wo sie dank der Güte Monsieur Salomon Reinachs, des Herausgebers, einen
weit günstigeren Platz gefunden haben, als ihnen die Seiten dieses
Buches bieten konnten.
Ich kenne weder die Leute noch die Sprache Kleinasiens gut genug, um in
engere Fühlung mit dem Lande zu kommen, aber selbst auf meine spärliche
Bekanntschaft hin bin ich bereit, dem türkischen Bauer ein ehrenvolles
Zeugnis auszustellen. Ihn zeichnen viele Tugenden aus, unter denen die
Gastfreundschaft obenansteht.
Ich habe mich bemüht, auch die politische Stellung unwichtiger Personen
zu schildern. Sie erscheinen denen, die in ihrer Mitte leben, gar nicht
so nebensächlich, und ich meinesteils bin immer denen dankbar gewesen,
die mir über ihre gegenseitigen Beziehungen Aufschluß gegeben haben.
Aber es kommt mir nicht zu, die Regierung des Türken zu rechtfertigen
oder zu verdammen. Ich habe lange genug in Syrien gelebt, um
einzusehen, daß seine Verwaltung weit davon entfernt ist, eine ideale
zu sein, habe aber auch die unruhigen Elemente genügend kennen gelernt,
die er mehr oder weniger gut im Zaum hält, um zu wissen, daß seine
Stellung eine schwierige ist. Ich glaube nicht, daß irgend eine andre
Regierung allgemeine Zufriedenheit ernten würde: gibt es doch wenige,
die selbst in geeinigteren Ländern dieses ersehnte Ziel zu erreichen
imstande sind.
Aber diese Erwägungen liegen außerhalb des Rahmens unsres Buches. Ich
schließe mein Vorwort wohl am besten damit, womit jeder orientalische
Verfasser es begonnen haben würde: Im Namen Gottes, des Barmherzigen
und Gnädigen.
[Illustration: Moschee Omar.]
Erstes Kapitel.
Dem Angehörigen höherer Stände bieten sich selten Momente freudigerer
Erwartung, als wenn er an der Schwelle einer Reise in ferne Länder
steht. Die Pforten der Enge öffnen sich ihm; es fällt die Kette vor
dem Eingang ins Heiligtum, mit unsicherem Blick nach rechts und links
schreitet er vorwärts und blickt -- ins Unermeßliche. In die Welt
der Abenteuer und großen Taten, die Welt voll schwarzer Wetter und
lockenden Sonnenscheins, die in jeder ihrer Falten eine unbeantwortete
Frage, einen unlösbaren Zweifel bringt. Du mußt allein hineinschreiten,
mußt dich absondern von den Scharen deiner Freunde, die die Rosengärten
aufsuchen, mußt den Purpur und das feine Linnen zurücklassen, die den
kämpfenden Arm hindern, -- freudlos, heimat- und besitzlos will sie
dich haben, diese Welt der Wunder. Statt der überredenden Worte deiner
Ratgeber wirst du das Rauschen des Windes hören, Regenschauer und
scharfer Frost werden dir ein stärkerer Ansporn sein als Lob und Tadel,
und die Not wird ein entschiedeneres Muß sprechen als die armselige
Stimme der Einsicht, die wir Menschen ganz nach Belieben zu befolgen
oder zu mißachten pflegen. Du verläßt dein schützendes Heim und fühlst,
sobald du den Pfad betrittst, der über die gerundeten Schultern der
Erde dahinführt, gleich dem Manne im Märchen; die Reifen lösen sich,
die dein Herz gefesselt halten.
Es war ein stürmischer Morgen, der 5. Februar. Der Westwind erhob
sich aus dem Mittelmeer, fegte über die Erde dahin, wo die Kanaaniter
Krieg führten mit den hartköpfigen Bergbewohnern Judäas, übersprang
die gewaltige Gebirgsmauer, die die Könige von Assyrien und Ägypten
vergebens zu überwinden versucht, schrie nach Jerusalem die Kunde von
kommendem Regen hinein, jagte weiter über die öden Osthänge hinab,
setzte mit einem Sprung über das tiefeingeschnittene Bett des Jordans
und verschwand jenseits der hohen moabitischen Höhen in der Wüste.
Und die ganze Meute des Sturmes jagte ihm nach, ein kläffendes Rudel,
ostwärts jagend und sich des tollen Tanzes freuend.
[Illustration: Die heilige Grabeskirche.]
Wer, mit frischem Leben in den Adern, möchte wohl an einem solchen Tage
zu Hause bleiben? Für mich gab es überhaupt keine Wahl. Schon im grauen
Dämmern waren die Maultiere mit all meinen Habseligkeiten ausgezogen.
Zwei Zelte, ein Lebensmittelwagen mit so wenig luxuriösen Vorräten
für einen Monat, daß selbst der abgehärtetste Reisende sich nicht mit
weniger begnügen kann, zwei kleine Maultierkörbe voll photographischer
Artikel, einige wenige Bücher und ein stattliches Paket Landkarten --
das war alles. Mit den aus Beirut mitgebrachten Maultieren und ihren
drei Führern war ich zufrieden und beabsichtigte, dieselben auch auf
der Weiterreise mitzunehmen. Die Männer stammten alle aus dem Libanon,
zwei, Vater und Sohn, beide Christen, aus einem Dorfe nördlich von
Beirut. Der Vater -- Ibrahim mit Namen -- ein altes, zahnloses
Individuum, saß rittlings über den Maultierkörben und murmelte fromme
Worte, Segenssprüche und Beteuerungen seiner Ergebenheit gegen
seinen gnädigsten Auftraggeber, ohne sich jedoch bewogen zu sehen,
weitere Anstrengungen zum Wohle der Gesellschaft zu machen. Der Sohn,
Habīb, zählte zwei- oder dreiundzwanzig Jahre, war dunkel, stämmig,
breitschulterig, mit kühnem Blick unter schwarzen Brauen hervor, und
einem Profil, das ein Grieche ihm hätte neiden können. Treiber Nummer
drei war ein Druse, ein großer, schlottriger, unverbesserlich träger
Mensch, ein Schurke im kleinen, der freilich meinen gerechten Unwillen
hinsichtlich gestohlenen Zuckers und fehlender Piaster stets durch
einen bittenden Blick aus seinen glänzenden Hundeaugen wieder zu bannen
wußte. Er zeigte sich gefräßig und stumpfsinnig, Fehler, die bei einer
Kost von trocknem Brot, Reis und ranziger Butter freilich wohl schwer
vermeidlich sind, aber selbst mitten unter seine Todfeinde gestellt,
leierte er seine Arbeit weiter und schlurfte mit derselben Miene blöder
Gleichgültigkeit hinter seinen Maultieren und seinem Esel her, die er
in den Straßen von Beirut zeigte. Er hieß Mohammed.
[Illustration: Straße in Jerusalem.]
Das letzte Glied unserer Karawane war Michaïl, der Koch, ein
Jerusalemer und Christ, dem die Religion freilich nicht viel
Kopfzerbrechen machte. Er hatte Mr. Mark Sykes auf Reisen begleitet und
von ihm folgendes Zeugnis erhalten: »Mit Ausnahme dessen, was er bei
mir gelernt hat, versteht er nicht viel vom Kochen, aber er macht sich
keinen Strohhalm daraus, ob er lebt oder getötet wird.« Als ich Michaïl
diese Worte vorlas, lachte er immer wieder in sich hinein, und ich
engagierte ihn auf der Stelle. Es war freilich ein ungenügender Grund,
aber ebenso gut, wie mancher andere. Seinen Fähigkeiten entsprechend,
diente er mir gut, aber er war ein empfindliches, hitziges Männchen,
das mit einer Einbildungskraft, deren Größe ich selbst in unserer
dreimonatigen Bekanntschaft nicht ganz ergründet habe, überall und
in allem eine beabsichtigte Beleidigung witterte. Unglücklicherweise
hatte Michaïl in den Jahren, die seit seinem Schiffbruch auf dem See
Wan mit Mr. Sykes verflossen waren, außer dem Kochen auch noch einiges
andere gelernt. Es ist typisch für ihn, daß er sich nie die Mühe
gab, mir jenes Abenteuer zu schildern, obwohl er einmal, als ich es
erwähnte, kopfnickend bemerkte: »Wir waren damals dem Tode so nahe,
wie ein Bettler der Armut, aber Exzellenz weiß ja, daß der Mensch nur
einmal sterben kann.« Dagegen traktierte er meine Ohren beständig mit
Geschichten von Reisenden, die da behauptet hatten, ohne Michaïls
kulinarische Künste nicht in Syrien reisen zu können und zu wollen. Die
Arrakflasche war die Schwäche, die ihm verhängnisvoll werden sollte,
und nachdem ich alle Maßregeln, von überredender Schmeichelei bis zur
Jagdpeitsche, angewendet hatte, entließ ich ihn an der cilicischen
Küste mit anderm Bedauern als der Sehnsucht nach zähen Ragouts und
kalten Pfannkuchen.
[Illustration: St. Stephanstor in Jerusalem.]
Ich hegte den Wunsch, den einsamen Weg nach Jericho ganz allein
hinabzureiten, wie ich schon zuvor getan hatte, als mein Antlitz auch
der Wüste zugewendet war, aber Michaïl war der Meinung, daß sich das
mit meiner Würde nicht vertrüge, und ich hegte die Überzeugung, daß
selbst seine schwatzhafte Gegenwart diesen Weg nicht der Einsamkeit
entkleiden konnte. Um neun Uhr saßen wir im Sattel, ritten um die
Mauern von Jerusalem in das Tal des Kidron hinab, vorbei an dem
Schmerzensgarten von Gethsemane, und den Ölberg hinan.
[Illustration: Mohammedanische Prozession zieht durch die Gärten des
Ölberges.]
Hier hielt ich inne, um mich wieder dem Eindruck hinzugeben, den
keine Vertrautheit mit der Gegend abschwächen kann, dem Eindruck der
mauerumgürteten Stadt, die unter einem bleiernen Himmel grau inmitten
der grauen Landschaft liegt, und doch vergoldet wird von der
Hoffnung und dem unauslöschbaren Sehnen aller Pilger. Menschliches
Hoffen, das blinde Tasten der gefesselten Seele nach einem Ziel, das
jedem Wunsche Erfüllung, jedem müden Herzen Frieden geben wird, --
das ist es, was die Stadt gleich einem halb lichten, halb wehmütigen
Glorienschein umgibt, den so manche Zähre benetzt, manche Enttäuschung
befleckt hat. Der West wandte mein Pferd, und vorwärts galoppierten wir
über den Gipfel des Hügels und die Straße hinab, die sich durch die
judäische Wüste hinzieht.
[Illustration: Russische Pilger.]
Am Fuße des ersten Abstieges liegt eine Quelle, »Ain esh Shems«, d.
i. »Sonnenquell«, von den Arabern genannt, während die christlichen
Pilger ihr den Namen »Apostelbrunnen« beigelegt haben. Selten wird
man hier während des Winters vorüberkommen, ohne russische Bauern
zu finden, die auf ihrem beschwerlichen Wege vom Jordan herauf hier
rasten. Tausende überschwemmen alljährlich das Land, alte Männer und
Frauen zumeist, die ein Menschenalter lang gedarbt und gespart haben,
um die etwa 150 Rubel zu erübrigen, die sie nach Jerusalem bringen
sollen. Von den fernsten Grenzen des russischen Reiches kommen sie
zu Fuß nach dem Schwarzen Meere, wo sie sich als Deckpassagiere auf
den kleinen schmutzigen russischen Dampfern einschiffen. Als einziger
Kajütenpassagier habe ich einst mit 300 dieser Pilger die Überfahrt
von Smyrna nach Jaffa gemacht. Es war tiefer Winter, stürmisch und
kalt für den an Deck Schlafenden, selbst wenn er mit Schafpelz und
gefütterten Schaftstiefeln ausgerüstet war. Meine Reisegefährten
hatten aus Sparsamkeit ihre Lebensmittel selbst mitgebracht: ein
Laib Brot, etliche Oliven, eine rohe Zwiebel waren ihre tägliche
Nahrung. Am Morgen und am Abend vereinigten sie sich um ein in der
Schiffsküche hängendes Muttergottesbild zum Gebet, und das Summen ihrer
Litaneien vereinigte sich auf seinem Wege himmelan mit dem Stampfen
der Schraube und dem Plätschern der aufgewühlten Flut. Die Pilgrime
erreichen Jerusalem gegen Weihnachten und verweilen bis nach Ostern,
damit sie noch ihre Kerzen an der heiligen Flamme entzünden können,
die am Auferstehungsmorgen aus dem Grabe Christi hervorbricht. Zu
Fuß wandern sie an alle die heiligen Stätten, Obdach in den großen
Unterkunftshäusern findend, die die russische Regierung für sie erbaut
hat. Viele sterben infolge von Mangel, Ermüdung und den Unbilden
eines unvertrauten Klimas; aber in Palästina sterben, ist ja die
höchste Gunst, die die göttliche Hand verleihen kann: ruhen doch die
Gebeine friedlich im Heiligen Lande, während die Seele unmittelbar ins
Paradies eilt. Man kann diesen kindlich einfältigen Reisenden auf jeder
Landstraße begegnen; im heimischen Pelz pilgern sie durch Sommerglut
und Winterregen dahin, gestützt auf den Stab, den die eigne Hand am
steilen Jordanufer geschnitten. Sie verleihen der von so schwermütiger
Poesie erfüllten Landschaft einen noch ernsteren Charakter. In
Jerusalem wurde mir einst eine Geschichte erzählt, die das Wesen der
russischen Pilger besser beleuchtet, als es seitenlange Schilderungen
vermögen. Ein Einbrecher war überführt und nach Sibirien geschickt
worden, wo er viele Jahre als Sträfling verbrachte. Als seine Zeit um
war, kehrte er gebessert zu seiner alten Mutter zurück, und die beiden
brachen nach dem Heiligen Lande auf, wo er für seine Sünden Buße tun
wollte. Nun versammelt sich um die Zeit, wo die Pilger dort weilen, der
ganze Abschaum von Syrien in Jerusalem, um zu betteln und die arglosen
Wallfahrer zu betrügen. Einer dieser Vagabunden ging den russischen
Büßer um ein Almosen an, als dieser gerade selbst nichts hatte. Durch
die Zurückweisung erbittert, schlug der Syrier den andern zu Boden und
verletzte ihn so schwer, daß er drei Monate im Hospital liegen mußte.
Nach seiner Genesung kam der russische Konsul zu ihm und sprach: »Wir
haben den Burschen, der dich fast getötet hat; du mußt Zeugnis ablegen
gegen ihn, ehe du fortgehst.« Der Pilgrim aber versetzte: »Nein, lassen
Sie ihn laufen. Ich bin auch ein Verbrecher.«
[Illustration: Pilger werden im Jordan getauft.]
Jenseits des Quells lag die Straße menschenleer, und obgleich sie
mir schon bekannt war, überraschte mich doch diese tiefe Einsamkeit
aufs neue. Kein lebendes Wesen, keine Blume, die kahlen Stengel
der vorjährigen Disteln nur, die nackten Höhen, der steinige Weg.
Und doch hat die Wüste von Judäa so manchem Feuergeiste das Leben
gegeben. Grimme Propheten sind aus ihr hervorgegangen, die eine Welt
mit Gottes Zorn bedrohten, an der sie selbst keinen Teil hatten,
die sie nicht verstanden; die Täler sind voll von Höhlen, die jene
Männer beherbergten; ja bis zum heutigen Tage sind einige von
hungernden, abgemagerten Asketen bevölkert, die an einer überlieferten
Religionsausübung festhalten, der selbst unser nüchterner Verstand
nur schwer die Berechtigung absprechen kann. Bevor es Mittag war,
erreichten wir die Karawanserei, die halbwegs nach Jericho und zwar
an der Stelle liegt, wo der Legende nach der barmherzige Samariter
den unter die Mörder Gefallenen fand. Ich ging hinein, um geschützt
vor dem kalten Wind zu frühstücken. Drei deutsche Handlungsreisende
schrieben Ansichtspostkarten im Gastzimmer und handelten mit dem Wirt
um imitierte Beduinenmesser. Ich saß und horchte auf ihr Geschwätz
-- es waren die letzten Worte, die ich auf Wochen hinaus in einer
europäischen Sprache hören sollte, aber ich fand keine Ursache, der
Zivilisation nachzutrauern, die ich hinter mir ließ. Ostwärts von der
Karawanserei senkt sich der Weg und kreuzt ein trocknes Flußbett, das
mancher Greueltat zum Schauplatz gedient hat. An den Ufern verborgen,
pflegten die Beduinen den vorüberziehenden Pilgern aufzulauern,
sie auszuplündern und zu morden. Denn noch vor 15 Jahren war die
Straße ebenso wenig vom Auge des Gesetzes behütet, wie jetzt das
Ostjordanland; im letzten Jahrzehnt hat sich die öffentliche Sicherheit
ein paar Meilen weiter ostwärts ausgedehnt. Endlich erreichten wir den
Gipfel des letzten Hügels und blickten in das Tal des Jordans, auf das
Tote Meer und die verschleierten moabitischen Berge im Hintergrund
-- die Grenze der Wüste. Zu unsern Füßen Jericho, ein unromantischer
Haufen baufälliger Gasthäuser und Hütten, in denen die einzigen Araber
hausen, die der Tourist zu Gesicht bekommt, ein Mischgesindel von
Beduinen und Negersklaven. Ich ließ mein Pferd bei den Maultiertreibern
oben am Hang, -- »Der Herr schenke Ihnen Gedeihen!« -- »Gelobt sei
Gott!« -- »Wenn es Eurer Exzellenz gut geht, sind wir zufrieden!« --
und lief bergab in das Dorf. Aber Jericho genügte mir nicht für diesen
herrlichen ersten Reisetag; ich sehnte mich danach, Touristen, Hotels
und Ansichtspostkarten hinter mir zu lassen. Zwei weitere Stunden
würden uns an das Jordanufer bringen, und dort, an der hölzernen
Brücke, die West und Ost verbindet, konnten wir an einem geschützten
Platz zwischen den Erdhügeln, im Dickicht von Rohr und Tamarisken
unsre Zelte aufschlagen. Ein kurzer Halt, um Futter für die Pferde und
Maultiere zu kaufen, und weiter ging es über den schmalen Streifen
Ackerland, der Jericho umgibt, dem Ghor, dem Tale des Jordan, zu.
[Illustration: Kloster Kurutul oberhalb Jerichos.]
Ist die Straße nach Jericho schon öde genug, so bietet das Jordantal
einen Anblick fast unheimlicher Unwirtlichkeit. Hätten die Propheten
des Alten Testamentes ihren Fluch über diese Gegend geschleudert,
ebenso wie sie es über Babylon oder Tyrus taten, es könnte keinen
besseren Beweis für die Wahrheit ihrer Prophezeiungen geben; aber sie
schwiegen, und unsre Einbildungskraft muß auf die Flammen von Sodom
und Gomorrha zurückgreifen, auf jenes legendenhafte Strafgericht, das
in unsrer eignen Kindheit ebenso spukte, wie es in den Kindheitstagen
der semitischen Rasse gespukt hat. Eine schwere, schwüle Atmosphäre
lastete über diesem tiefstgelegenen Teile der Erdoberfläche; über
unsern Häuptern, oben auf den Gipfeln der Hügel, wo der Mensch die
freie Gottesluft atmet, raste der Wind dahin, im Tale aber war alles
leb- und bewegungslos wie in der Tiefe des Meeres. Wir bahnten uns
einen Weg durch das niedrige Buschwerk des dornigen Sidrbaumes, des
Christusdornes, aus dessen Zweigen angeblich Christi Dornenkrone
geflochten war. Man kennt zwei Arten des Christusdorns, die Araber
nennen sie Zakūm und Dōm. Aus dem Zakūm ziehen sie ein medizinisches
Öl, der Dōm aber trägt kleine, dem Holzapfel ähnelnde Früchte, die zur
Zeit der Reife eine rötlichbraune, einladende Farbe aufweisen. Sie
sind das wahre Abbild des Toten Meeres, verlockend anzusehen, auf den
Lippen aber eine sandige Bitterkeit zurücklassend. Das Sidrgestrüpp
lichtete sich und blieb hinter uns; wir befanden uns auf einer
trocknen Schlammdecke, die nichts Grünes trägt. Sie ist von gelber
Farbe und hier und da mit grauweißem, giftigem Salze bestreut, dessen
Lebensfeindlichkeit sich dem Auge ganz unbewußt von selbst aufdrängt.
Während wir so dahinritten, überfiel uns plötzlich ein schwerer
Regenschauer. Die Maultiertreiber schauten besorgt drein, selbst
Michaïls Gesicht zog sich lang: lagen doch vor uns die Schlammhänge
von Genesis, die Pferd und Maultier nur bei vollständiger Trockenheit
überschreiten können. Der Regen währte zwar nur sehr wenige Minuten,
genügte aber, um den harten Schlamm in der Ebene in eine butterähnliche
Masse zu verwandeln. Die Pferde versanken darin bis zu den Fesseln,
und mein Hund Kurt winselte, als er seine Pfoten aus dem gelben Leime
zog. So kamen wir an die Schlammhänge, die größte Seltsamkeit dieses
unwirtlichen Landes. Eine Viertelmeile westwärts vom Jordan -- auf dem
Ostufer des Stromes ist dieser Streifen viel schmäler -- verwandelte
sich die platte Ebene plötzlich in eine Kette steiler, durch tiefe
Einschnitte getrennter Schlammbänke. Sie sind nicht hoch, höchstens
30 bis 40 Fuß, aber die Gipfel sind so spitz, die Seiten so steil
abfallend, daß der Reisende sich seinen Weg über und um dieselben mit
der größten Sorgfalt bahnen muß. Der Regen hatte die Abhänge glatt wie
Glas gemacht; selbst für den Fußgänger war es fast unmöglich, sich
aufrecht zu halten. Mein Pferd stürzte, als ich es darüber führte,
da wir uns aber glücklicherweise auf einem kleinen Grat befanden,
gelang es dem Tiere, sich durch die erstaunlichsten gymnastischen
Anstrengungen wieder emporzuarbeiten. Ich schickte ein Stoßgebet zum
Himmel, als meine kleine Karawane aus dem Bereich der Schlammhänge
war; bei anhaltendem Regen wären wir möglicherweise zu stundenlangem
Warten verurteilt worden, denn wenn der Reiter in eine der schlammigen
Vertiefungen stürzt, muß er darin warten, bis der Boden wieder trocken
ist.
[Illustration: Zug durch das Ghor.]
Am Flußufer war Leben. Der Boden war mit jungem Gras und gelben
Gänseblümchen bedeckt, das rostfarbene Gezweig der Tamarisken zeigte
die ersten Spuren des Frühlings. Ich sprengte auf die große Brücke mit
dem Balkendach und den Seiten aus Gitterwerk zu -- auf dieses Tor zur
Wüste, das dem Reisenden einen tiefen Eindruck hinterläßt. Da lag der
freie, mit kurzem Gras bewachsene, von den Schlammbänken begrenzte
große Platz, den ich so gut in der Erinnerung hatte, und -- dem Himmel
sei Dank -- er war leer. Wir hatten Ursache zur Besorgnis in dieser
Hinsicht gehabt. Die türkische Regierung zog in dieser Zeit alle
verfügbaren Truppen zusammen, um den Aufstand in Jemen zu unterdrücken.
Die Regimenter des südlichen Syriens zogen über die Brücke nach 'Ammān,
von wo sie mit der Bahn auf der Mekkalinie bis zu der damaligen
Endstation Ma'ān, in der Nahe von Petra, befördert wurden. Von Ma'ān
aus führte sie ein schrecklicher Marsch durch eine Sandwüste an die
Spitze des Golfes von 'Akaba. Viel hundert Mann, viel tausend Kamele
kamen um, ehe das Ziel erreicht war, denn auf dem ganzen Wege gibt es
(so sagen die Araber) nur drei Brunnen, von denen der eine ungefähr
zwei Meilen abseits der Heerstraße liegt und allen denen unauffindbar
ist, die nicht mit dem Lande vertraut sind.
[Illustration: Jordanbrücke.]
Wir errichteten unsere Zelte, pflöckten die Pferde an und entzündeten
ein mächtiges Feuer aus Weiden- und Tamariskenholz. Es war eine
ruhige, trübe Nacht, auf den Bergen regnete es, -- bei uns nicht. Die
jährliche Regenmenge beläuft sich auf nur wenige Zoll im Jordantal.
Wir waren nicht allein. Die türkische Regierung erhebt nämlich von
allen Brückenpassanten einen kleinen Zoll und hat zu diesem Zweck
einen Wächter dort stationiert. Er wohnt in einer Lattenhütte neben
dem Brückentor, und zwei oder drei zerlumpte Araber aus el Ghor
teilen seine Einsamkeit. Einer derselben, ein grauhaariger Neger,
sammelte Feuerholz für uns und durfte zur Belohnung die Nacht bei uns
verbringen. Er war eine vergnügte Seele, dieser Mabūk. Unbekümmert
darum, daß ihn die Natur mit einer außergewöhnlich häßlichen Mißgestalt
bedacht hatte, tanzte er munter um das Lagerfeuer. Er erzählte gern von
den Soldaten, den armen Burschen, die schon auf ihrer ersten Tagereise
zerlumpt, mit zerfetzten Schuhen, dazu halb verhungert bei der Brücke
ankamen. Am selben Morgen war ein Tābūr (900 Mann) durchgezogen,
andere wurden morgen erwartet -- wir hatten sie gerade verfehlt.
»Mascha'llah!« sagte Michaïl, »Euer Exzellenz haben Glück. Erst
entrinnen Sie den Schlammhängen und nun den Redīfs.« -- »Gelobt sei
Gott!« murmelte Mabūk, und von dem Tage galt es für besiegelt, daß ich
unter einem glücklichen Stern reiste. Mabūk brachte uns auch die erste
Kunde aus der Wüste. Unaufhörlich sprach er von Ibn er Raschīd, dem
jungen Häuptling der Schammār, dem sein mächtiger Onkel Mohammed einen
so unsicheren Landbesitz in Zentral-Arabien als Erbe hinterlassen.
Zwei Jahre lang hatte ich nichts von Nedjd gehört -- und was machte
Ibn Sa'oud, der Beherrscher von Rīad und Ibn er Raschīds Nebenbuhler?
Wie stand der Krieg zwischen ihnen? Mabūk hatte allerlei gehört, es
hieß, Ibn er Raschīd sei in die Enge getrieben; vielleicht zogen die
Redīfs gar nach Nedjd und nicht nach Jemen, -- wer weiß? Hatten wir
auch schon gehört, daß die 'Ajārmeh einen Scheich der Suchūr ermordet
hatten, gerade als der Stamm aus dem östlichen Weideland zurückkehrte?
So lief das übliche Gespräch; die Themen der Wüste -- blutige Fehde und
Kameldiebstahl -- alle wurden sie erörtert, ich hätte vor Freude weinen
mögen, als ich ihnen wieder lauschte. Ein wahres Babel von arabischen
Dialekten herrschte an diesem Abend um mein Feuer: Michaïl sprach das
gewöhnlich klingende, jeder Vornehmheit entbehrende Jerusalemisch,
Habīb drückte sich, außerordentlich schnellsprechend, im Dialekt des
Libanon aus, und Mohammed hatte den langgezogenen, monoton beirutischen
Akzent, während die Lippen des Negers ein der schönen, kraftvollen
Beduinensprache ähnelndes Idiom formulierten. Selbst den Männern fiel
die Verschiedenartigkeit der Dialekte auf, und sie wandten sich an mich
mit der Frage, welches der richtige sei. Ich konnte nur erwidern: »Das
weiß Gott allein, denn er ist allwissend!« eine Antwort, die mit Lachen
aufgenommen wurde, obgleich ich gestehen muß, daß ich sie nur zaghaft
äußerte.
[Illustration: Kloster Mar Saba in der Wüste von Judäa.]
Grau und windstill brach der Morgen herein. Vom Augenblick meines
Erwachens an bis zum Aufbruch waren 1½ Stunden für Vorbereitungen
festgesetzt; manchmal kamen wir zehn Minuten früher fort, manchmal
leider auch später. Die Wartezeit verplauderte ich mit dem
Brückenwärter, einem Jerusalemer Kind. Er vertraute meinem mitleidigen
Ohr all seine Kümmernisse, die Streiche, die ihm die Ottomanische
Regierung zu spielen pflegte, und die Schwere des Daseins in den
heißen Sommermonaten. Und dann das Gehalt! ein reines Nichts! Sein
Einkommen war jedoch größer, als er einzugestehen beliebte, denn ich
entdeckte in der Folge, daß er für jedes meiner sieben Tiere drei statt
zwei Piaster gefordert hatte. Es ist sehr leicht, sich gut mit den
Orientalen zu stellen, und wenn sie ein Entgelt für ihre Freundschaft
verlangen, so ist es gewöhnlich sehr bescheiden. Wir überschritten
den Rubikon für drei Piaster pro Kopf und schlugen den nordwärts nach
Salt führenden Weg ein. Der südliche geht nach Mādeba in Moab, der
mittlere aber nach Heschbān, wo der schurkische Sultan ibn 'Ali id Diāb
ul 'Adwān, der große Scheich aller Belkaaraber, wohnt. Die Ostseite
des Jordantales ist viel fruchtbarer als das Westufer. Liefern doch
die schönen Höhen von Ajlun Wasser genug, um die ganze Ebene in einen
Garten zu verwandeln, aber das kostbare Naß wird nicht aufgespeichert,
und die Araber vom Stamme 'Adwān begnügen sich damit, ein wenig Korn
zu erbauen. Noch war die Zeit des Blühens nicht gekommen. Ende März
aber ist das Ghor ein einziger Teppich aus den verschiedenartigsten
lieblichen Blüten, die alle freilich nur einen Monat lang die sengende
Hitze des Tales ertragen können, ja, dieser einzige Monat sieht die
Pflanzen knospen, blühen und reifen Samen tragen. Ein armseliger
Araber zeigte uns den Weg. Er war gekommen, um sich den Redīfs
zuzugesellen, da ein wohlhabender Einwohner von Salt ihn gegen ein
Entgelt von 50 Lire als Ersatzmann gedungen hatte. Aber er kam zu
spät; als er die Brücke erreichte, war sein Regiment schon vor zwei
Tagen durchmarschiert. Es tat ihm leid, denn gern wäre er dem Krieg
entgegengezogen, -- überdies mußte er auch wahrscheinlich die 50 Lire
zurückerstatten -- aber seine Tochter würde sich freuen, denn sie hatte
beim Abschied geweint. Er stand still, um seinen Lederpantoffel aus dem
Schlamm zu ziehen.
»Nächstes Jahr,« sprach er, nachdem er mich wieder eingeholt, »werde
ich, so Gott will, nach Amerika gehen.«
Verwundert betrachtete ich die halbnackte Gestalt, die bloßen Füße in
den zerrissenen Schuhen, den zerlumpten, von den Schultern gleitenden
Rock, den Wüstenturban aus einem Tuch und Schnüren von Kamelshaar
hergestellt.
»Kannst du Englisch?« fragte ich.
»Nein,« erwiderte er gelassen, »aber ich werde dann das Reisegeld
erspart haben. Hier ist bei Gott kein Vorwärtskommen möglich.«
Ich fragte, was er in den Vereinigten Staaten zu tun gedenke.
»Handeln,« lautete die Antwort, »und wenn ich 200 Lire zusammen habe,
komme ich wieder.«
Dieselbe Geschichte kann man durch ganz Syrien hören. Hunderte
wandern alljährlich aus und finden, wohin sie auch kommen, mitleidige
Landsleute, die ihnen eine helfende Hand reichen. Sie bieten billige
Waren auf den Straßen feil, schlafen unter Brücken und leben von
einer Kost, die kein freier Bürger auch nur eines Blickes würdigen
würde, und kehren, haben sie ihre 200 Lire erworben, in die Heimat
zurück, reiche Leute in den Augen ihres Dorfes. Im Ostjordanland
sind die Auswanderungsgelüste nicht so groß, aber als ich einst im
Gebirge von Haurān einen Drusen nach dem Weg fragte, gab er mir im
reinsten Yankeeenglisch Bescheid. Ich hielt mein Pferd an, hörte seine
Geschichte und fragte schließlich, ob er wieder nach Amerika wolle.
Er wandte sich um nach den Steinhütten seines Dorfes, das knietief
in Schlamm und schmelzendem Schnee eingebettet lag, »Gibt's nicht!«
erwiderte er, und als ich schon weiterritt, klang noch ein fröhliches
»Mein Lebtag nicht!« hinter mir her.
[Illustration: Die Klagemauer in Jerusalem.]
Ein zweistündiger Ritt brachte uns an das Gebirge, das wir durch ein
gewundenes Tal betraten. Mein Freund nannte es Wād el Hassanīyyeh,
nach dem Stamme gleiches Namens. Es war voll Anemonen, weißem
Ginster (rattam nennen ihn die Araber), Cyclamen, Hyazinthen und
wilden Mandelbäumen. Für nutzlose Pflanzen, mögen sie noch so schön
sein, hat der Araber keine Namen, sie heißen alle haschīsch, Gras,
während das kleinste Gewächs, das von irgend welchem Nutzen ist,
in seiner Sprache bekannt und bezeichnet ist. Der Weg, ein bloßer
Saumpfad, stieg allmählich bergan. Gerade, ehe wir in die Nebelschicht
eintraten, die den Gipfel des Berges einhüllte, sahen wir unter uns,
nach Süden hin, das Tote Meer wie eine riesige Milchglasscheibe unter
dem bleiernen Himmel daliegen. Bei richtigem Gebirgswetter, einem
feuchten, dahinjagenden Nebel, erreichten wir gegen 4 Uhr Salt. Dank
dem Regen, der in der vergangenen Nacht über uns weggezogen und hier
niedergefallen war, hatte sich die ganze Umgebung des Dorfes in einen
Sumpf verwandelt. In der Hoffnung auf ein trockneres Unterkommen
zögerte ich, die Zelte aufschlagen zu lassen. Es war mein erstes
Bemühen, die Wohnung Habīb Effendi Fāris' ausfindig zu machen, um
dessentwillen ich nach Salt gekommen war, obgleich ich ihn nicht
kannte. Auf seiner Hilfe allein beruhte die Möglichkeit, meine Reise
fortzusetzen. Ich hatte nur insofern Anrecht auf seinen Beistand,
als er mit der Tochter eines eingebornen Priesters in Haifa, eines
würdigen alten Mannes und guten Freundes von mir, verheiratet war.
Urfa am Euphrat war der Stammplatz der Familie, aber Abu Namrūd hatte
lange in Salt gelebt und kannte die Wüste. Die Stunden, in denen er
mich Grammatik lehren sollte, verbrachten wir größtenteils damit, den
Erzählungen der Araber und seines Sohnes Namrūd zu lauschen, der mit
Habīb Fāris zusammen arbeitete, und dessen Name jedem Belkaaraber
bekannt war.
[Illustration: Juden aus Buchara.]
»Wenn Sie je in die Wüste wollen, so müssen Sie zu Namrūd gehen,« sagte
Abu Namrūd. Und darum war ich jetzt hier.
Nach kurzem Fragen fand ich die Wohnung Habīb Fāris'. Ich wurde
freundlich aufgenommen; Habīb war ausgegangen, Namrūd auswärts (verließ
mich mein guter Stern?), aber wollte ich nicht hereinkommen und
ausruhen? Das Haus war klein und voller Kinder, und noch erwog ich
bei mir die Frage, ob nicht der feuchte Erdboden draußen eine bessere
Ruhestatt darbieten möchte, als plötzlich ein schöner, alter, ganz
arabisch gekleideter Mann erschien mit der Erklärung, daß er und kein
anderer mich beherbergen würde, mein Pferd am Zügel nahm und mich
mit sich führte. Das Tier wurde in der Karawanserei eingestellt,
ich stieg eine hohe, schlüpfrige Treppe hinauf und betrat einen
steingepflasterten Hof. Jūsef Effendi eilte voraus und öffnete die
Tür seines Gastzimmers. Fußboden und Diwan waren mit dicken Teppichen
belegt, die Fenster blitzten, wenn sie auch viele zerbrochene Scheiben
aufwiesen, eine europäische Chiffonniere stand an der Wand: ich sah
mich in meinen Erwartungen weit übertroffen. Einen Augenblick später
war ich ganz heimisch, trank Jūsefs Kaffee und aß meinen eignen Kuchen
dazu.
[Illustration: Abessinische Priester.]
Jūsef Effendi Sukkar (Friede sei mit ihm!) ist Christ und einer der
reichsten Bewohner von Salt. Er ist ein sehr lakonischer Mann, sucht
aber als Wirt seinesgleichen. Er tischte mir ein ausgezeichnetes
Abendessen auf, dessen Reste Michaïl vorgesetzt wurden, nachdem ich
mich gütlich getan hatte. So sorgte er zwar für meine leiblichen
Bedürfnisse, konnte oder wollte aber nichts tun, um meine Besorgnisse
bezüglich der Weiterreise zu zerstreuen. Glücklicherweise erschienen in
diesem Augenblick Habīb Fāris und seine Schwägerin Pauline, eine alte
Bekannte von mir, sowie mehrere andere Personen, die sich alle die Ehre
geben wollten, den Abend mit mir zu verplaudern. (»Behüte, die Ehre ist
ganz auf meiner Seite!«) Wir ließen uns nieder zu Kaffee, dem bitteren,
schwarzen Kaffee der Araber, der jeden Nektar übertrifft. Die Tasse
wird dir gereicht mit einem »Geruhe anzunehmen!«, leer gibst du sie
zurück und murmelst dabei »Langes Leben dir!« Während du trinkst,
ruft dir eins zu »Gesundheit!«, und du erwiderst »Deinem Herzen!« Als
die Tassen ein- oder zweimal herumgegeben und alle erforderlichen
Höflichkeitsbezeigungen ausgetauscht waren, brachte ich die Rede auf
das Geschäftliche. Wie konnte ich das drusische Gebirge erreichen?
Die Regierung würde mir wahrscheinlich die Erlaubnis verweigern, bei
'Ammān stand ein Militärposten am Eingang zur Wüste, und in Bosra
kannte man mich, denn dort war ich ihnen vor fünf Jahren durch die
Finger geschlüpft, ein Kunststück, das mir zum zweitenmal schwerlich
gelingen würde. Habīb dachte nach, und schließlich schmiedeten wir
einen Plan. Er wollte mich am andern Morgen nach Tneib, am Rande der
Wüste, schicken, wo seine Kornfelder lagen, und wo ich Namrūd finden
würde. Der mochte einen der großen Stämme benachrichtigen, unter dessen
Schutz und Geleit konnte ich dann völlig sicher in die Berge reisen.
Jūsefs zwei Söhnchen hörten mit erstaunten Augen zu und brachten mir
am Schlusse der Unterhaltung ein Stück Zeitung mit einer Karte von
Amerika. Darauf zeigte ich ihnen meine Landkarten und erzählte ihnen,
wie groß und schön die Welt sei, bis die Gesellschaft gegen zehn Uhr
aufbrach, und mein Wirt Decken für meine Lagerstatt auszubreiten
begann. Erst jetzt bekam ich meine Wirtin zu sehen. Sie war eine
außerordentlich schöne Frau, groß und bleich, mit einem ovalen Gesicht
und großen, sternengleichen Augen. Sie trug sich arabisch: ein enges,
dunkelblaues Gewand schlug beim Gehen um ihre bloßen Knöchel, ein
dunkelblauer Schleier war mit einem roten Tuch um die Stirn befestigt
und fiel lang über ihren Rücken hinunter, bis fast auf die Erde. Nach
der Weise der Beduinenfrauen waren ihr auf Kinn und Hals zierliche
Muster in Indigofarbe tätowiert. Sie brachte Wasser und goß es mir
über die Hände; ihre große, stattliche Gestalt bewegte sich schweigend
im Zimmer und verschwand, nachdem alle Obliegenheiten erfüllt waren,
ebenso ruhig wieder, wie sie gekommen. Ich sah sie nicht noch einmal.
»Sie trat herein und grüßte mich,« sprach jener Dichter, der in Mekka
gefangen lag, »dann erhob sie sich, um Abschied zu nehmen, und als sie
meinen Blicken entschwand, folgte ihr meine Seele.« Niemand darf Jūsefs
Weib sehen. Obgleich er ein Christ ist, hält er sie doch in strengerer
Abgeschlossenheit, als die Muselmänner ihre Frauen, -- und vielleicht
tut er recht daran.
An meine Fenster schlug der Regen; während ich mich auf mein Lager
streckte, klang mir Michaïls Ausruf in den Ohren: »Mascha'llah! Ew.
Exzellenz haben Glück!«
Zweites Kapitel.
Salt ist eine wohlhabende Gemeinde von über 10000 Einwohnern, die zur
Hälfte Christen sind. Es liegt in einer reichen, um ihrer Trauben und
Pfirsiche willen bekannten Gegend; schon im 14. Jahrhundert tut der
Geograph Abu'l Fīda seiner Gärten Erwähnung. Auf dem Hügel liegt über
den dichtgedrängten Dächern ein zerfallenes Kastell, welcher Zeit
entstammend, weiß ich nicht. Die Bewohner glauben an ein sehr hohes
Alter der Stadt, ja die Christen behaupten, in Salt sei eine der ersten
Gläubigengemeinden gewesen; es geht sogar die Sage, daß Christus selbst
hier das Evangelium gepredigt habe. Obgleich die Aprikosenbäume noch
nichts weiter als ihre kahlen Zweige zeigten, trug doch das ganze
Tal den Stempel freundlicher Wohlhabenheit, als ich mit Habīb Fāris
durchritt, der sein Pferd bestiegen hatte, um mich auf den rechten
Weg zu bringen. Er hatte auch seinen Anteil an den Weinbergen und
Aprikosengärten und schmunzelte geschmeichelt, als ich mich lobend
über sie aussprach. Wer hätte auch an einem solchen Morgen nicht
schmunzeln sollen? Die Sonne schien, blitzender Frost lag auf der Erde,
und die Luft zeigte jene durchsichtige Klarheit, die nur an hellen
Wintertagen nach einem Regen zu beobachten ist. Aber es war nicht
nur ein allgemeines Gefühl des Wohlwollens, dem meine anerkennenden
Worte entsprangen: die Bewohner von Salt und Mādeba sind ein kluges,
fleißiges Völkchen, das jedes Lob verdient. In den fünf Jahren, wo ich
die Gegend nicht besucht, hatten sie die Grenze des Ackerlandes um
die Breite eines zweistündigen Rittes nach Osten hin vorgeschoben und
den Wert des Bodens so unbestreitbar bewiesen, daß nach der Eröffnung
der Haddjbahn der Sultan einen großen, im Süden bis Ma'ān reichenden
Landstrich für sich reserviert hat, den er in eine Königliche Farm
umzuwandeln gedenkt. Er und seine Pächter werden Reichtümer ernten,
denn wenn auch nur ein mäßig guter Regent, so ist der Sultan doch ein
vorzüglicher Landwirt.
Eine halbe Stunde hinter Salt verabschiedete sich Habīb und überließ
mich der Obhut seines Knechtes Jūsef, eines kräftigen Menschen, der mit
seiner Holzkeule (Gunwā nennen sie die Araber) über der Schulter neben
mir dahinschritt. Wir zogen durch die weiten, baumlosen, unbewohnten,
ja fast unbebauten Täler, die die Belkaebene umgeben, und vorbei an
der Öffnung des Wādi Sīr, durch welches man, immer durch die schönsten
Eichenwälder reitend, bis in das Jordantal hinabgelangen kann. Auch
die Berge würden hier Bäume tragen, wenn die Kohlenbrenner sie nur
wachsen ließen -- wir fanden manches Eichen- und Schwarzdorndickicht
auf unserm Wege --, aber ich möchte gar nichts geändert haben an dem
herrlichen Ostjordanland. Zwei Menschenalter später wird es im Schmucke
der Kornfelder stehen und mit Dörfern übersät sein; die Wasser des Wādi
Sīr werden Mühlräder treiben, und man wird selbst Chausseen bauen,
aber -- dem Himmel sei Dank -- ich werde das alles nicht sehen müssen.
Solang ich lebe, wird das Hochland bleiben, als was es Omar Khayyām
besingt: »Verstreuten Grüns ein schmales Band, trennt es die Wüste von
dem Ackerland.« Öde und menschenleer wird es auch ferner sein; nur hie
und da wird ein einzelner Hirt, auf die langläufige Flinte gelehnt,
mitten in seiner Herde stehen, und wenn ich den Reitersmann, der so
selten nur sein Roß durch die Berge lenkt, frage, woher er kommt, wird
er noch immer antworten: »Möge dir die Welt noch Raum genug bieten! Von
den Arabern komme ich.«
[Illustration: Ein Adwānaraber als Feldhüter.]
Und hin zu den Arabern führte uns unsere Reise. In der Wüste gibt es
weder Beduinen -- alle Zeltbewohner heißen Araber (mit einem kräftigen
Rollen des Gutturallautes) -- noch auch Zelte, sondern nur Häuser,
manchmal auch »Haarhäuser«, wenn eine nähere Bestimmung nötig ist,
sonst schlechthin »Häuser«, eine Bezeichnung, die nur die äußerste
Verachtung alles dessen erfinden konnte, was zu einem Haus gehört; denn
mit einem solchen haben diese Zelte nichts gemeinsam als höchstens das
Dach aus schwarzen Ziegenhaaren. Man kann Araber sein, auch wenn man
zwischen Mauern wohnt. Die Leute von Salt zählen samt den Abādeh, den
Da'dja und den Hassaniyyeh und mehreren anderen die große Schar der
'Adwān bildenden Arabern, zu den Belkastämmen. Zwei mächtige Stämme
streiten um die Oberherrschaft in der Syrischen Wüste, die Beni Sachr
und die 'Anazeh. Es besteht eine traditionelle, jetzt freilich durch
bedauerliche Vorkommnisse getrübte Freundschaft zwischen den Suchūr und
den Belkaarabern, und wahrscheinlich deshalb wurde mir hier erzählt,
daß die 'Anazeh zwar die an Zahl überlegenere, an Mut aber die bei
weitem untergeordnetere der beiden Parteien sei. Mit einem Sohne Talāl
ul Fāiz', des Beherrschers aller Beni Sachr, verknüpft mich sozusagen
eine Grußbekanntschaft. Vor fünf Jahren, aber einen Monat später, also
gerade zu der Zeit, wo der ganze Stamm die heißen östlichen Weideländer
verläßt und jordanwärts zieht, stieß ich gerade in dieser Gegend auf
ihn. In Begleitung eines zirkassischen Polizeisoldaten ritt ich von
Mādeba nach Mschitta -- es war, ehe die Deutschen die mit Steinbildwerk
versehene Fassade von dem prächtigen Gebäude ablösten. Als wir die mit
den Herden und schwarzen Zelten der Suchūr bedeckte Ebene kreuzten,
kamen drei bis an die Zähne bewaffnete Reiter mit finsteren Brauen
und drohenden Mienen auf uns zu, um uns den Weg abzuschneiden. Aus
der Ferne schon riefen sie uns ihren Gruß zu, wandten aber um und
ritten langsam zurück, sobald sie des Soldaten ansichtig wurden. Der
Zirkassier lachte: »Das war Scheich Fāiz,« sagte er, »Talāls Sohn.
Wie die Schafe, wāllah! Wie die Schafe laufen sie, wenn sie einen von
uns erblicken!« Ich kenne die 'Anazeh nicht, da ihre Winterwohnplätze
mehr nach dem Euphrat zu liegen, aber unbeschadet meiner sonstigen
Hochachtung für die Suchūr, glaube ich, daß jene, ihre Nebenbuhler,
die wahren Aristokraten der Wüste sind. Ihr Herrscherhaus, die Beni
Scha'alān, trägt den stolzesten Namen, und ihre Pferde sind die besten
in ganz Arabien; sogar die Schammār, Ibn er Raschīds Leute, kaufen sie
gern, um ihre eigne Zucht damit aufzubessern.
[Illustration: Lager in der Nähe des Toten Meeres.]