Halten Sie nun zusammen, was wir an Mitteln zur Aufdeckung des

Verborgenen, Vergessenen, Verdrängten im Seelenleben besitzen, das

Studium der hervorgerufenen Einfälle der Patienten bei freier

Assoziation, ihrer Träume und ihrer Fehl- und Symptomhandlungen; fügen

Sie noch hinzu die Verwertung anderer Phänomene, die sich während der

psychoanalytischen Behandlung ergeben, über die ich später unter dem

Schlagwort der »Übertragung« einige Bemerkungen machen werde, so werden

Sie mit mir zu dem Schlusse kommen, daß unsere Technik bereits wirksam

genug ist, um ihre Aufgabe lösen zu können, um das pathogene psychische

Material dem Bewußtsein zuzuführen und so die durch die Bildung von

Ersatzsymptomen hervorgerufenen Leiden zu beseitigen. Daß wir während

der therapeutischen Bemühungen unsere Kenntnis vom Seelenleben der

normalen und der kranken Menschen bereichern und vertiefen, kann gewiß

nur als ein besonderer Reiz und Vorzug dieser Arbeit eingeschätzt

werden.

Ich weiß nicht, ob Sie den Eindruck empfangen haben, daß die Technik,

durch deren Arsenal ich Sie eben geführt habe, eine besonders schwierige

ist. Ich meine, sie ist dem Gegenstande, den sie bewältigen soll,

durchaus angemessen. Aber so viel ist sicher, daß sie nicht

selbstverständlich ist, daß sie erlernt werden muß wie die histologische

oder die chirurgische. Es wird Sie vielleicht verwundern, zu hören, daß

wir in Europa eine Menge von Urteilen über die Psychoanalyse von

Personen gehört haben, die von dieser Technik nichts wissen und sie

nicht anwenden, und dann von uns wie im Hohne verlangten, wir sollten

ihnen die Richtigkeit unserer Resultate beweisen. Es sind unter diesen

Widersachern gewiß auch Personen, denen wissenschaftliche Denkweise

sonst nicht fremd ist, die z. B. ein Ergebnis mikroskopischer

Untersuchung nicht darum verwerfen würden, weil es am anatomischen

Präparat nicht mit freiem Auge zu bestätigen ist, und nicht eher, als

bis sie den Sachverhalt selbst mit Hilfe des Mikroskops beurteilt haben.

Aber in Sachen der Psychoanalyse liegen die Verhältnisse wirklich

ungünstiger für die Anerkennung. Die Psychoanalyse will das im

Seelenleben Verdrängte zur bewußten Anerkennung bringen, und jeder, der

sie beurteilt, ist selbst ein Mensch, der solche Verdrängungen besitzt,

vielleicht sie nur mühsam aufrecht erhält. Sie muß also bei ihm

denselben Widerstand hervorrufen, den sie bei den Kranken weckt, und

dieser Widerstand hat es leicht, sich in intellektuelle Ablehnung zu

verkleiden und Argumente herbeizuziehen, ähnlich wie die, welche wir bei

unseren Kranken mit der psychoanalytischen Grundregel abwehren. Wie bei

unseren Kranken, so können wir auch bei unseren Gegnern häufig eine sehr

auffällige affektive Beeinflussung des Urteilsvermögens im Sinne einer

Herabsetzung konstatieren. Der Dünkel des Bewußtseins, der z. B. den

Traum so geringschätzig verwirft, gehört zu den stärksten

Schutzeinrichtungen, die in uns ganz allgemein gegen das Durchdringen

der unbewußten Komplexe vorgesehen sind, und darum ist es so schwierig,

die Menschen zur Überzeugung von der Realität des Unbewußten zu bringen

und sie Neues kennen zu lehren, was ihrer bewußten Kenntnis

widerspricht.

IV.

Meine Damen und Herren! Sie werden nun zu wissen verlangen, was wir mit

Hilfe der beschriebenen technischen Mittel über die pathogenen Komplexe

und verdrängten Wunschregungen der Neurotiker in Erfahrung gebracht

haben.

Nun vor allem eines: Die psychoanalytische Forschung führt mit wirklich

überraschender Regelmäßigkeit die Leidenssymptome der Kranken auf

Eindrücke aus ihrem Liebesleben zurück, zeigt uns, daß die pathogenen

Wunschregungen von der Natur erotischer Triebkomponenten sind, und

nötigt uns anzunehmen, daß Störungen der Erotik die größte Bedeutung

unter den zur Erkrankung führenden Einflüssen zugesprochen werden muß,

und dies zwar bei beiden Geschlechtern.

Ich weiß, diese Behauptung wird mir nicht gerne geglaubt. Selbst solche

Forscher, die meinen psychologischen Arbeiten bereitwillig folgen, sind

geneigt zu meinen, daß ich den ätiologischen Anteil der sexuellen

Momente überschätze, und wenden sich an mich mit der Frage, warum denn

nicht auch andere seelische Erregungen zu den beschriebenen Phänomenen

der Verdrängung und Ersatzbildung Anlaß geben sollen. Nun ich kann

antworten: Ich weiß nicht, warum sie es nicht sollten, habe auch nichts

dagegen, aber die Erfahrung zeigt, daß sie solche Bedeutung nicht haben,

daß sie höchstens die Wirkung der sexuellen Momente unterstützen, nie

aber die letzteren ersetzen können. Dieser Sachverhalt wurde von mir

nicht etwa theoretisch postuliert; noch in den 1895 mit Dr. J. _Breuer_

publizierten Studien über Hysterie stand ich nicht auf diesem

Standpunkte; ich mußte mich zu ihm bekehren, als meine Erfahrungen

zahlreicher wurden und tiefer in den Gegenstand eindrangen. Meine

Herren! Es befinden sich hier unter Ihnen einige meiner nächsten Freunde

und Anhänger, die die Reise nach Worcester mit mir gemacht haben. Fragen

Sie bei ihnen an und Sie werden hören, daß sie alle der Behauptung von

der maßgebenden Bedeutung der sexuellen Ätiologie zuerst vollen

Unglauben entgegenbrachten, bis sie durch ihre eigenen analytischen

Bemühungen genötigt wurden, sie zu der ihrigen zu machen.

Die Überzeugung von der Richtigkeit des in Rede stehenden Satzes wird

durch das Benehmen der Patienten nicht gerade erleichtert. Anstatt uns

die Auskünfte über ihr Sexualleben bereitwillig entgegenzubringen,

suchen sie dieses mit allen Mitteln zu verbergen. Die Menschen sind

überhaupt nicht aufrichtig in sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre

Sexualität nicht frei, sondern tragen eine dicke Oberkleidung aus --

Lügengewebe zu ihrer Verhüllung, als ob es schlechtes Wetter gäbe in

der Welt der Sexualität. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind

sind in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht

günstig; eigentlich kann niemand von uns seine Erotik frei den anderen

enthüllen. Wenn Ihre Patienten aber erst gemerkt haben, daß sie sich's

in Ihrer Behandlung behaglich machen dürfen, dann legen sie jene

Lügenhülle ab, und dann erst sind Sie in der Lage, sich ein Urteil über

unsere Streitfrage zu bilden. Leider sind auch die Ärzte in ihrem

persönlichen Verhältnis zu den Fragen des Sexuallebens vor anderen

Menschenkindern nicht bevorzugt, und viele von ihnen stehen unter dem

Banne jener Vereinigung von Prüderie und Lüsternheit, welche das

Verhalten der meisten »Kulturmenschen« in Sachen der Sexualität

beherrscht.

Lassen Sie uns nun in der Mitteilung unserer Ergebnisse fortfahren. In

einer anderen Reihe von Fällen führt die psychoanalytische Erforschung

die Symptome allerdings nicht auf sexuelle, sondern auf banale

traumatische Erlebnisse zurück. Aber diese Unterscheidung wird durch

einen anderen Umstand bedeutungslos. Die zur gründlichen Aufklärung und

endgültigen Herstellung eines Krankheitsfalles erforderliche

Analysenarbeit macht nämlich in keinem Falle bei den Erlebnissen der

Erkrankungszeit Halt, sondern sie geht in allen Fällen bis in die

Pubertät und in die frühe Kindheit des Erkrankten zurück, um erst dort

auf die für die spätere Erkrankung bestimmenden Eindrücke und Vorfälle

zu stoßen. Erst die Erlebnisse der Kindheit geben die Erklärung für die

Empfindlichkeit gegen spätere Traumen, und nur durch die Aufdeckung und

Bewußtmachung dieser fast regelmäßig vergessenen Erinnerungsspuren

erwerben wir die Macht zur Beseitigung der Symptome. Wir gelangen hier

zu dem gleichen Ergebnis wie bei der Erforschung der Träume, daß es die

unvergänglichen, verdrängten Wunschregungen der Kindheit sind, die ihre

Macht zur Symptombildung geliehen haben, ohne welche die Reaktion auf

spätere Traumen normal verlaufen wäre. Diese mächtigen Wunschregungen

der Kindheit dürfen wir aber ganz allgemein als sexuelle bezeichnen.

Jetzt bin ich aber erst recht Ihrer Verwunderung sicher. Gibt es denn

eine infantile Sexualität? werden Sie fragen. Ist das Kindesalter nicht

vielmehr die Lebensperiode, die durch das Fehlen des Sexualtriebes

ausgezeichnet ist? Nein, meine Herren, es ist gewiß nicht so, daß der

Sexualtrieb zur Pubertätszeit in die Kinder fährt, wie im Evangelium der

Teufel in die Säue. Das Kind hat seine sexuellen Triebe und

Betätigungen von Anfang an, es bringt sie mit auf die Welt, und aus

ihnen geht durch eine bedeutungsvolle, an Etappen reiche Entwicklung die

sogenannte normale Sexualität des Erwachsenen hervor. Es ist nicht

einmal schwer, die Äußerungen dieser kindlichen Sexualbetätigung zu

beobachten; es gehört vielmehr eine gewisse Kunst dazu, sie zu übersehen

oder wegzudeuten.

Durch die Gunst des Schicksals bin ich in die Lage versetzt, einen

Zeugen für meine Behauptungen aus Ihrer Mitte selbst anzurufen. Ich

zeige Ihnen hier die Arbeit eines Dr. _Sanford Bell_, die 1902 im

»American Journal of Psychology« abgedruckt worden ist. Der Autor ist

ein Fellow der Clark University, desselben Instituts, in dessen Räumen

wir jetzt stehen. In dieser Arbeit, betitelt: A preliminary study of the

emotion of love between the sexes, die drei Jahre vor meinen »Drei

Abhandlungen zur Sexualtheorie« erschienen ist, sagt der Autor ganz so,

wie ich Ihnen eben sagte: The emotion of sex-love.... does not make its

appearance for the first time at the period of adolescence, as has been

thought. Er hat, wie wir in Europa sagen würden, im amerikanischen Stil

gearbeitet; nicht weniger als 2500 positive Beobachtungen im Laufe von

15 Jahren gesammelt, darunter 800 eigene. Von den Zeichen, durch die

sich diese Verliebtheiten kundgeben, äußert er: The unprejudiced mind in

observing these manifestations in hundreds of couples of children cannot

escape referring them to sex origin. The most exacting mind is satisfied

when to these observations are added the confessions of those who have

as children, experienced the emotion to a marked degree of intensity,

and whose memories of childhood are relatively distinct. Am meisten aber

werden diejenigen von Ihnen, die an die infantile Sexualität nicht

glauben wollten, überrascht sein zu hören, daß unter diesen früh

verliebten Kindern nicht wenige sich im zarten Alter von drei, vier und

fünf Jahren befinden.

Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie diesen Beobachtungen eines

engsten Landsmannes eher Glauben schenken würden als den meinigen. Mir

selbst ist es vor kurzem geglückt, aus der Analyse eines fünfjährigen,

an Angst leidenden Knaben, die dessen eigener Vater kunstgerecht mit ihm

vorgenommen,[14] ein ziemlich vollständiges Bild der somatischen

Triebäußerungen und der seelischen Produktionen auf einer frühen Stufe

des kindlichen Liebeslebens zu gewinnen. Und ich darf Sie daran

erinnern, daß mein Freund Dr. C. G. _Jung_ Ihnen in diesem Saale vor

wenigen Stunden die Beobachtung eines noch jüngeren Mädchens vorlas,

welches aus dem gleichen Anlaß wie mein Patient -- bei der Geburt eines

Geschwisterchens -- fast die nämlichen sinnlichen Regungen, Wunsch- und

Komplexbildungen, mit Sicherheit erraten ließ. Ich verzweifle also nicht

daran, daß Sie sich mit der anfänglich befremdlichen Idee der infantilen

Sexualität befreunden werden, und möchte Ihnen noch das rühmliche

Beispiel des Züricher Psychiaters E. _Bleuler_ vorhalten, der noch vor

wenigen Jahren öffentlich äußerte, »er stehe meinen sexuellen Theorien

ohne Verständnis gegenüber«, und seither die infantile Sexualität in

ihrem vollen Umfang durch eigene Beobachtungen bestätigt hat.[15]

[14] Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrbuch für

psychoanalyt. und psychopathologische Forschungen. Bd. I,

1. Hälfte, 1909.

[15] _Bleuler_, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. Jahrbuch der

schweiz. Gesellschaft für Schulgesundheitspflege, IX, 1908.

Wenn die meisten Menschen, ärztliche Beobachter oder andere, vom

Sexualleben des Kindes nichts wissen wollen, so ist dies nur zu leicht

erklärlich. Sie haben ihre eigene infantile Sexualbetätigung unter dem

Drucke der Erziehung zur Kultur vergessen und wollen nun an das

Verdrängte nicht erinnert werden. Sie würden zu anderen Überzeugungen

gelangen, wenn sie die Untersuchung mit einer Selbstanalyse, einer

Revision und Deutung ihrer Kindheitserinnerungen beginnen würden.

Lassen Sie die Zweifel fallen und gehen Sie mit mir an eine Würdigung

der infantilen Sexualität von den frühesten Jahren an.[16] Der

Sexualtrieb des Kindes erweist sich als hoch zusammengesetzt, er läßt

eine Zerlegung in viele Komponenten zu, die aus verschiedenen Quellen

stammen. Er ist vor allem noch unabhängig von der Funktion der

Fortpflanzung, in deren Dienst er sich später stellen wird. Er dient der

Gewinnung verschiedener Arten von Lustempfindung, die wir nach Analogien

und Zusammenhängen als Sexuallust zusammenfassen. Die Hauptquelle der

infantilen Sexuallust ist die geeignete Erregung bestimmter, besonders

reizbarer Körperstellen, außer den Genitalien, der Mund-, After- und

Harnröhrenöffnung, aber auch der Haut und anderer Sinnesoberflächen. Da

in dieser ersten Phase des kindlichen Sexuallebens die Befriedigung am

eigenen Körper gefunden und von einem fremden Objekt abgesehen wird,

heißen wir die Phase nach einem von _Havelock Ellis_ geprägten Wort die

des _Autoerotismus_. Jene für die Gewinnung von sexueller Lust

bedeutsamen Stellen nennen wir _erogene Zonen_. Das Ludeln oder

Wonnesaugen der kleinsten Kinder ist ein gutes Beispiel einer solchen

autoerotischen Befriedigung von einer erogenen Zone aus; der erste

wissenschaftliche Beobachter dieses Phänomens, ein Kinderarzt namens

_Lindner_ in Budapest, hat es bereits richtig als Sexualbefriedigung

gedeutet und dessen Übergang in andere und höhere Formen der

Sexualbetätigung erschöpfend beschrieben.[17] Eine andere

Sexualbefriedigung dieser Lebenszeit ist die masturbatorische Erregung

der Genitalien, die eine so große Bedeutung für das spätere Leben behält

und von vielen Individuen überhaupt nie völlig überwunden wird. Neben

diesen und anderen autoerotischen Betätigungen äußern sich sehr

frühzeitig beim Kinde jene Triebkomponenten der Sexuallust oder, wie wir

gern sagen, der Libido, die eine fremde Person als Objekt zur

Voraussetzung nehmen. Diese Triebe treten in Gegensatzpaaren auf, als

aktive und passive; ich nenne Ihnen als die wichtigsten Vertreter dieser

Gruppe die Lust, Schmerzen zu bereiten (Sadismus), mit ihrem passiven

Gegenspiel (Masochismus), und die aktive und passive Schaulust, von

welch ersterer später die Wißbegierde abzweigt, wie von letzterer der

Drang zur künstlerischen und schauspielerischen Schaustellung. Andere

Sexualbetätigungen des Kindes fallen bereits unter den Gesichtspunkt der

_Objektwahl_, bei welcher eine fremde Person zur Hauptsache wird, die

ihre Bedeutung ursprünglich Rücksichten des Selbsterhaltungstriebes

verdankt. Der Geschlechtsunterschied spielt aber in dieser kindlichen

Periode noch keine ausschlaggebende Rolle; Sie können so jedem Kinde,

ohne ihm Unrecht zu tun, ein Stück homosexueller Begabung zusprechen.

[16] Drei Vorlesungen zur Sexualtheorie, Wien, Fr. Deuticke, 1906,

2. Auflage, 1910.

[17] Jahrbuch für Kinderheilkunde, 1879.

Dies zerfahrene, reichhaltige, aber dissoziierte Sexualleben des Kindes,

in welchem der einzelne Trieb unabhängig von jedem anderen dem

Lusterwerbe nachgeht, erfährt nun eine Zusammenfassung und Organisation

nach zwei Hauptrichtungen, so daß mit Abschluß der Pubertätszeit der

definitive Sexualcharakter des Individuums meist fertig ausgebildet ist.

Einerseits unterordnen sich die einzelnen Triebe der Oberherrschaft der

Genitalzone, wodurch das ganze Sexualleben in den Dienst der

Fortpflanzung tritt, und ihre Befriedigung nur noch als Vorbereitung und

Begünstigung des eigentlichen Sexualaktes von Bedeutung bleibt.

Anderseits drängt die Objektwahl den Autoerotismus zurück, so daß nun im

Liebesleben alle Komponenten des Sexualtriebes an der geliebten Person

befriedigt werden wollen. Aber nicht alle ursprünglichen

Triebkomponenten werden zu einem Anteil an dieser endgültigen

Feststellung des Sexuallebens zugelassen. Noch vor der Pubertätszeit

sind unter dem Einfluß der Erziehung äußerst energische Verdrängungen

gewisser Triebe durchgesetzt und seelische Mächte wie Scham, Ekel, Moral

hergestellt worden, welche diese Verdrängungen wie Wächter unterhalten.

Kommt dann im Pubertätsalter die Hochflut der sexuellen Bedürftigkeit,

so findet sie an den genannten seelischen Reaktions- oder

Widerstandsbildungen Dämme, welche ihr den Ablauf in die sogenannten

normalen Wege vorschreiben und es ihr unmöglich machen, die der

Verdrängung unterlegenen Triebe neu zu beleben. Es sind besonders die

_koprophilen_, d. h. die mit den Exkrementen zusammenhängenden

Lustregungen der Kindheit, welche von der Verdrängung am gründlichsten

betroffen werden, und ferner die Fixierung an die Personen der

primitiven Objektwahl.

Meine Herren! Ein Satz der allgemeinen Pathologie sagt aus, daß jeder

Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen Disposition mit sich

bringt, insofern er gehemmt, verzögert werden oder unvollkommen ablaufen

kann. Dasselbe gilt für die so komplizierte Entwicklung der

Sexualfunktion. Sie wird nicht bei allen Individuen glatt durchgemacht

und hinterläßt dann entweder Abnormitäten oder Dispositionen zu späterer

Erkrankung auf dem Wege der Rückbildung (Regression). Es kann geschehen,

daß nicht alle Partialtriebe sich der Herrschaft der Genitalzone

unterwerfen; ein solcher unabhängig gebliebener Trieb stellt dann das

her, was wir eine _Perversion_ nennen, und was das normale Sexualziel

durch sein eigenes ersetzen kann. Es kommt, wie bereits erwähnt, sehr

häufig vor, daß der Autoerotismus nicht völlig überwunden wird, wovon

die mannigfaltigsten Störungen in der Folge Zeugnis ablegen. Die

ursprüngliche Gleichwertigkeit beider Geschlechter als Sexualobjekte

kann sich erhalten, und daraus wird sich eine Neigung zur homosexuellen

Betätigung im reifen Leben ergeben, die sich unter Umständen zur

ausschließlichen Homosexualität steigern kann. Diese Reihe von Störungen

entspricht den direkten Entwicklungshemmungen der Sexualfunktion; sie

umfaßt die _Perversionen_ und den gar nicht seltenen allgemeinen

_Infantilismus_ des Sexuallebens.

Die Disposition zu den Neurosen ist auf andere Weise von einer

Schädigung der Sexualentwicklung abzuleiten. Die Neurosen verhalten sich

zu den Perversionen wie das Negativ zum Positiv; in ihnen sind dieselben

Triebkomponenten als Träger der Komplexe und Symptombildner nachweisbar

wie bei den Perversionen, aber sie wirken hier vom Unbewußten her; sie

haben also eine Verdrängung erfahren, konnten sich aber derselben zum

Trotze im Unbewußten behaupten. Die Psychoanalyse läßt uns erkennen, daß

überstarke Äußerung dieser Triebe in sehr frühen Zeiten zu einer Art von

partieller _Fixierung_ führt, die nun einen schwachen Punkt im Gefüge

der Sexualfunktion darstellt. Stößt die Ausübung der normalen

Sexualfunktion im reifen Leben auf Hindernisse, so wird die Verdrängung

der Entwicklungszeit gerade an jenen Stellen durchbrochen, wo die

infantilen Fixierungen stattgefunden haben.

Sie werden jetzt vielleicht den Einwand machen: Aber das ist ja alles

nicht Sexualität. Ich gebrauchte das Wort in einem viel weiteren Sinne,

als Sie gewohnt sind, es zu verstehen. Das gebe ich Ihnen gern zu. Aber

es fragt sich, ob nicht vielmehr Sie das Wort in viel zu engem Sinne

gebrauchen, wenn Sie es auf das Gebiet der Fortpflanzung einschränken.

Sie opfern dabei das Verständnis der Perversionen, den Zusammenhang

zwischen Perversion, Neurose und normalem Sexualleben, und setzen sich

außer stande, die leicht zu beobachtenden Anfänge des somatischen und

seelischen Liebeslebens der Kinder nach ihrer wahren Bedeutung zu

erkennen. Wie immer Sie aber über den Wortgebrauch entscheiden wollen,

halten Sie daran fest, daß der Psychoanalytiker die Sexualität in jenem

vollen Sinne erfaßt, zu dem man durch die Würdigung der infantilen

Sexualität geleitet wird.

Kehren wir nun nochmals zur Sexualentwicklung des Kindes zurück. Wir

haben hier manches nachzuholen, weil wir unsere Aufmerksamkeit mehr den

somatischen als den seelischen Äußerungen des Sexuallebens geschenkt

haben. Die primitive Objektwahl des Kindes, die sich von seiner

Hilfsbedürftigkeit ableitet, fordert unser weiteres Interesse heraus.

Sie wendet sich zunächst allen Pflegepersonen zu, die aber bald hinter

den Eltern zurücktreten. Die Beziehung der Kinder zu ihren Eltern ist,

wie direkte Beobachtung des Kindes und spätere analytische Erforschung

des Erwachsenen übereinstimmend dartun, keineswegs frei von Elementen

sexueller Miterregung. Das Kind nimmt beide Elternteile und einen Teil

besonders zum Objekt seiner erotischen Wünsche. Gewöhnlich folgt es

dabei selbst einer Anregung der Eltern, deren Zärtlichkeit die

deutlichsten Charaktere einer, wenn auch in ihren Zielen gehemmten,

Sexualbetätigung hat. Der Vater bevorzugt in der Regel die Tochter, die

Mutter den Sohn; das Kind reagiert hierauf, indem es sich als Sohn an

die Stelle des Vaters, als Tochter an die Stelle der Mutter wünscht.

Die Gefühle, die in diesen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und

in den daran angelehnten zwischen den Geschwistern untereinander geweckt

werden, sind nicht nur positiver, zärtlicher, sondern auch negativer,

feindseliger Art. Der so gebildete Komplex ist zur baldigen Verdrängung

bestimmt, aber er übt noch vom Unbewußten her eine großartige und

nachhaltige Wirkung aus. Wir dürfen die Vermutung aussprechen, daß er

mit seinen Ausläufern den _Kernkomplex_ einer jeden Neurose darstellt,

und wir sind darauf gefaßt, ihn auf anderen Gebieten des Seelenlebens

nicht minder wirksam anzutreffen. Der Mythus vom König _Ödipus_, der

seinen Vater tötet und seine Mutter zum Weib gewinnt, ist eine noch

wenig abgeänderte Offenbarung des infantilen Wunsches, dem sich

späterhin die _Inzest_schranke abweisend entgegenstellt. Die

_Hamlet_-Dichtung _Shakespeares_ ruht auf demselben Boden des besser

verhüllten Inzestkomplexes.

Um die Zeit, da das Kind von dem noch unverdrängten Kernkomplex

beherrscht wird, setzt ein bedeutungsvolles Stück seiner intellektuellen

Betätigung im Dienste der Sexualinteressen ein. Es beginnt zu forschen,

woher die Kinder kommen, und errät in Verwertung der ihm gebotenen

Anzeichen mehr von den wirklichen Verhältnissen, als die Erwachsenen

ahnen können. Gewöhnlich hat die materielle Bedrohung durch ein neu

angekommenes Kind, in dem es zunächst nur den Konkurrenten erblickt,

sein Forscherinteresse geweckt. Unter dem Einfluß der in ihm selbst

tätigen Partialtriebe gelangt es zu einer Anzahl von »_infantilen

Sexualtheorien_«, wie daß es beiden Geschlechtern das gleiche männliche

Genitale zuspricht, daß es die Kinder durch Essen empfangen und durch

das Ende des Darmes gebären läßt, und daß es den Verkehr der

Geschlechter als einen feindseligen Akt, eine Art von Überwältigung

erfaßt. Aber gerade die Unfertigkeit seiner sexuellen Konstitution und

die Lücke in seinen Kenntnissen, die durch die Latenz des weiblichen

Geschlechtskanals gegeben ist, nötigt den infantilen Forscher, seine

Arbeit als erfolglos einzustellen. Die Tatsache dieser Kinderforschung

selbst, sowie die einzelnen durch sie zu Tage geförderten infantilen

Sexualtheorien bleiben von bestimmender Bedeutung für die

Charakterbildung des Kindes und den Inhalt seiner späteren neurotischen

Erkrankung.

Über Psychoanalyse: Fünf Vorlesungen · 第 3 / 4 段