Um es jetzt direkter zu sagen: Wir kommen durch die Untersuchung der

hysterisch Kranken und anderer Neurotiker zur Überzeugung, daß ihnen die

Verdrängung der Idee, an welcher der unverträgliche Wunsch hängt,

_mißlungen_ ist. Sie haben sie zwar aus dem Bewußtsein und aus der

Erinnerung getrieben und sich anscheinend eine große Summe Unlust

erspart, _aber im Unbewußten besteht die verdrängte Wunschregung

weiter_, lauert auf eine Gelegenheit, aktiviert zu werden, und versteht

es dann, eine entstellte und unkenntlich gemachte _Ersatzbildung_ für

das Verdrängte ins Bewußtsein zu schicken, an welche sich bald dieselben

Unlustempfindungen knüpfen, die man durch die Verdrängung erspart

glaubte. Diese Ersatzbildung für die verdrängte Idee -- das _Symptom_ --

ist gegen weitere Angriffe von Seiten des abwehrenden Ichs gefeit, und

an Stelle des kurzen Konflikts tritt jetzt ein in der Zeit nicht

endendes Leiden. An dem Symptom ist neben den Anzeichen der Entstellung

ein Rest von irgendwie vermittelter Ähnlichkeit mit der ursprünglich

verdrängten Idee zu konstatieren; die Wege, auf denen sich die

Ersatzbildung vollzog, lassen sich während der psychoanalytischen

Behandlung des Kranken aufdecken, und zu seiner Heilung ist es

notwendig, daß das Symptom auf diesen nämlichen Wegen wieder in die

verdrängte Idee übergeführt werde. Ist das Verdrängte wieder der

bewußten Seelentätigkeit zugeführt, was die Überwindung beträchtlicher

Widerstände voraussetzt, so kann der so entstandene psychische

_Konflikt_, den der Kranke vermeiden wollte, unter der Leitung des

Arztes einen besseren Ausgang finden, als ihn die Verdrängung bot. Es

gibt mehrere solcher zweckmäßiger Erledigungen, welche Konflikt und

Neurose zum glücklichen Ende führen, im einzelnen Falle auch miteinander

kombiniert erzielt werden können. Entweder wird die Persönlichkeit des

Kranken überzeugt, daß sie den pathogenen Wunsch mit Unrecht abgewiesen

hat, und veranlaßt, ihn ganz oder teilweise zu akzeptieren, oder dieser

Wunsch wird selbst auf ein höheres und darum einwandfreies Ziel geleitet

(was man seine _Sublimierung_ heißt), oder man erkennt seine Verwerfung

als zu Recht bestehend an, ersetzt aber den automatischen und darum

unzureichenden Mechanismus der Verdrängung durch eine Verurteilung mit

Hilfe der höchsten geistigen Leistungen des Menschen; man erreicht seine

bewußte Beherrschung.

Verzeihen Sie mir, wenn es mir nicht gelungen ist, Ihnen diese

Hauptgesichtspunkte der nun _Psychoanalyse_ genannten Behandlungsmethode

klarer faßlich darzustellen. Die Schwierigkeiten liegen nicht nur in der

Neuheit des Gegenstandes. Welcher Art die unverträglichen Wünsche sind,

die sich trotz der Verdrängung aus dem Unbewußten vernehmbar zu machen

verstehen, und welche subjektiven oder konstitutionellen Bedingungen bei

einer Person zutreffen müssen, damit sich ein solches Mißlingen der

Verdrängung und eine Ersatz- oder Symptombildung vollziehe, darüber

werden noch einige spätere Bemerkungen Aufschluß geben.

III.

Meine Damen und Herren! Es ist nicht immer leicht die Wahrheit zu sagen,

besonders wenn man kurz sein muß, und so bin ich heute genötigt, eine

Unrichtigkeit zu korrigieren, die ich in meinem letzten Vortrag

vorgebracht habe. Ich sagte Ihnen, wenn ich unter Verzicht auf die

Hypnose in meine Kranken drang, mir doch mitzuteilen, was ihnen zu dem

eben behandelten Problem einfiele; sie wüßten ja doch alles angeblich

Vergessene, und der auftauchende Einfall werde gewiß das Gesuchte

enthalten, so machte ich tatsächlich die Erfahrung, daß der nächste

Einfall meines Kranken das richtige brachte und sich als die vergessene

Fortsetzung der Erinnerung erwies. Nun, das ist nicht allgemein richtig;

ich habe es nur der Abkürzung halber so einfach dargestellt. In

Wirklichkeit traf es nur die ersten Male zu, daß sich das richtige

Vergessene durch einfaches Drängen von meiner Seite einstellte. Setzte

man das Verfahren fort, so kamen jedesmal Einfälle, die nicht die

richtigen sein konnten, weil sie nicht passend waren, und die die

Kranken selbst als unrichtig verwarfen. Das Drängen brachte hier keine

weitere Hilfe, und man konnte wieder bedauern, die Hypnose aufgegeben zu

haben.

In diesem Stadium der Ratlosigkeit klammerte ich mich an ein Vorurteil,

dessen wissenschaftliche Berechtigung Jahre später durch meinen Freund

C. G. _Jung_ in Zürich und seine Schüler erwiesen wurde. Ich muß

behaupten, es ist manchmal recht nützlich, Vorurteile zu haben. Ich

brachte eine hohe Meinung von der Strenge der Determinierung seelischer

Vorgänge mit und konnte nicht daran glauben, daß ein Einfall des

Kranken, den er bei gespannter Aufmerksamkeit produzierte, ganz

willkürlich und außer Beziehung zu der von uns gesuchten vergessenen

Vorstellung sei; daß er mit dieser nicht identisch war, ließ sich aus

der vorausgesetzten psychologischen Situation befriedigend erklären. In

dem behandelten Kranken wirkten zwei Kräfte gegen einander, einerseits

sein bewußtes Bestreben, das in seinem Unbewußten vorhandene Vergessene

ins Bewußtsein zu ziehen, anderseits der uns bekannte Widerstand, der

sich gegen solches Bewußtwerden des Verdrängten oder seiner Abkömmlinge

sträubte. War dieser Widerstand gleich Null oder sehr gering, so wurde

das Vergessene ohne Entstellung bewußt; es lag also nahe, anzunehmen,

daß die Entstellung des Gesuchten um so größer ausfallen werde, je

größer der Widerstand gegen das Bewußtwerden des Gesuchten sei. Der

Einfall des Kranken, der anstatt des Gesuchten kam, war also selbst

entstanden wie ein Symptom; er war eine neue, künstliche und ephemere

Ersatzbildung für das Verdrängte, und demselben um so unähnlicher, eine

je größere Entstellung er unter dem Einfluß des Widerstandes erfahren

hatte. Er mußte aber doch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gesuchten

aufweisen, kraft seiner Natur als Symptom, und bei nicht zu intensivem

Widerstand mußte es möglich sein, aus dem Einfall das verborgene

Gesuchte zu erraten. Der Einfall mußte sich zum verdrängten Element

verhalten wie eine Anspielung, wie eine Darstellung desselben in

_indirekter_ Rede.

Wir kennen auf dem Gebiete des normalen Seelenlebens Fälle, in denen

analoge Situationen wie die von uns angenommene auch ähnliche Ergebnisse

liefern. Ein solcher Fall ist der des _Witzes_. Durch die Probleme der

psychoanalytischen Technik bin ich denn auch genötigt worden, mich mit

der Technik der Witzbildung zu beschäftigen. Ich will Ihnen ein einziges

solches Beispiel erläutern, übrigens einen Witz in englischer Sprache.

Die Anekdote erzählt:[10] Zwei wenig skrupulösen Geschäftsleuten war es

gelungen, sich durch eine Reihe recht gewagter Unternehmungen ein großes

Vermögen zu erwerben, und nun ging ihr Bemühen dahin, sich der guten

Gesellschaft aufzudrängen. Unter anderem erschien es ihnen als ein

zweckmäßiges Mittel, sich von dem vornehmsten und teuersten Maler der

Stadt, dessen Bilder als Ereignisse betrachtet wurden, malen zu lassen.

Auf einer großen Soiree wurden die kostbaren Bilder zuerst gezeigt, und

die beiden Hausherren führten selbst den einflußreichsten Kunstkenner

und Kritiker zur Wand des Salons, auf welcher die beiden Portraits

nebeneinander aufgehängt waren, um ihm sein bewunderndes Urteil zu

entlocken. Der sah die Bilder lange Zeit an, schüttelte dann den Kopf,

als ob er etwas vermissen würde, und fragte bloß, auf den freien Raum

zwischen beiden Bildern deutend: »And where is the Saviour?« Ich sehe,

Sie lachen alle über diesen guten Witz, in dessen Verständnis wir nun

eindringen wollen. Wir verstehen, daß der Kunstkenner sagen will: Ihr

seid ein Paar Spitzbuben, wie die, zwischen denen man den Heiland ans

Kreuz hängte. Aber er sagt es nicht, anstatt dessen äußert er etwas, was

zunächst sonderbar unpassend und nicht dazu gehörig scheint, was wir

aber im nächsten Moment als eine _Anspielung_ auf die von ihm

beabsichtigte Beschimpfung und als einen vollgültigen Ersatz für

dieselbe erkennen. Wir können nicht erwarten, daß sich beim Witz alle

die Verhältnisse widerfinden lassen, die wir bei der Entstehung des

Einfalles bei unseren Patienten vermuten, aber auf die Identität in der

Motivierung von Witz und Einfall wollen wir Gewicht legen. Warum sagt

unser Kritiker den beiden Spitzbuben nicht direkt, was er ihnen sagen

möchte? Weil neben seinem Gelüste, es ihnen unverhüllt ins Gesicht zu

sagen, sehr gute Gegenmotive in ihm wirksam sind. Es ist nicht

ungefährlich, Leute zu beleidigen, bei denen man zu Gaste ist, und die

über die kräftigen Fäuste einer zahlreichen Dienerschaft verfügen. Man

kann leicht jenem Schicksal verfallen, das ich im vorigen Vortrag in

eine Analogie mit der »Verdrängung« brachte. Aus diesem Grunde bringt

der Kritiker die beabsichtigte Beschimpfung nicht direkt, sondern in

entstellter Form als eine »Anspielung mit Auslassung« zum Ausdruck, und

dieselbe Konstellation verschuldet es nach unserer Meinung, daß unser

Patient, anstatt des gesuchten Vergessenen, einen mehr oder minder

entstellten _Ersatzeinfall_ produziert.

[10] Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Fr. Deuticke,

Wien 1905 (p. 59).

Meine Damen und Herren! Es ist recht zweckmäßig, eine Gruppe von

zusammengehörigen, mit Affekt besetzten Vorstellungselementen nach dem

Vorgang der _Züricher_ Schule (_Bleuler_, _Jung_ u. a.) als einen

»_Komplex_« zu bezeichnen. Wir sehen also, wenn wir bei einem Kranken,

von dem letzten, was er noch erinnert, ausgehen, um einen verdrängten

Komplex zu suchen, so haben wir alle Aussicht, diesen zu erraten, wenn

uns der Kranke eine genügende Anzahl seiner freien Einfälle zur

Verfügung stellt. Wir lassen also den Kranken reden, was er will, und

halten an der Voraussetzung fest, daß ihm nichts anderes einfallen kann,

als was in indirekter Weise von dem gesuchten Komplex abhängt. Erscheint

Ihnen dieser Weg, das Verdrängte aufzufinden, allzu umständlich, so kann

ich Ihnen wenigstens die Versicherung geben, daß er der einzig gangbare

ist.

Wenn wir diese Technik ausüben, so werden wir noch durch die Tatsache

gestört, daß der Kranke häufig inne hält, in Stockungen gerät und

behauptet, er wisse nichts zu sagen, es falle ihm überhaupt nichts ein.

Träfe dies zu und hätte der Kranke recht, so wäre unser Verfahren

wiederum als unzulänglich erwiesen. Allein eine feinere Beobachtung

zeigt, daß ein solches Versagen der Einfälle eigentlich nie eintritt.

Dieser Anschein kommt nur dadurch zu stande, daß der Kranke den

wahrgenommenen Einfall unter dem Einfluß der Widerstände, die sich in

verschiedene kritische Urteile über den Wert des Einfalls kleiden,

zurückhält oder wieder beseitigt. Man schützt sich dagegen, indem man

ihm dieses Verhalten vorhersagt und von ihm fordert, daß er sich um

diese Kritik nicht kümmere. Er soll unter völligem Verzicht auf solche

kritische Auswahl alles sagen, was ihm in den Sinn kommt, auch wenn er

es für unrichtig, für nicht dazu gehörig, für unsinnig hält, vor allem

auch dann, wenn es ihm unangenehm ist, sein Denken mit dem Einfall zu

beschäftigen. Durch die Befolgung dieser Vorschrift sichern wir uns das

Material, welches uns auf die Spur der verdrängten Komplexe führt.

Dies Material von Einfällen, welche der Kranke geringschätzend von sich

weist, wenn er unter dem Einflüsse des Widerstandes anstatt unter dem

des Arztes steht, stellt für den Psychoanalytiker gleichsam das Erz dar,

dem er mit Hilfe von einfachen Deutungskünsten seinen Gehalt an

wertvollem Metall entzieht. Wollen Sie sich bei einem Kranken eine

rasche und vorläufige Kenntnis der verdrängten Komplexe schaffen, ohne

noch auf deren Anordnung und Verknüpfung einzugehen, so bedienen Sie

sich dazu der Prüfung mit dem _Assoziationsexperiment_, wie sie

_Jung_[11] und seine Schüler ausgebildet haben. Dies Verfahren leistet

dem Psychoanalytiker so viel wie die qualitative Analyse dem Chemiker;

es ist in der Therapie der neurotisch Kranken entbehrlich, unentbehrlich

aber zur objektiven Demonstration der Komplexe und bei der Untersuchung

der Psychosen, die von der Züricher Schule so erfolgreich in Angriff

genommen worden ist.

[11] C. G. _Jung_, Diagnostische Assoziationsstudien, I. Bd., 1906.

Die Bearbeitung der Einfälle, welche sich dem Patienten ergeben, wenn er

sich der psychoanalytischen Hauptregel unterwirft, ist nicht das einzige

unserer technischen Mittel zur Erschließung des Unbewußten. Dem gleichen

Zwecke dienen zwei andere Verfahren, die Deutung seiner Träume und die

Verwertung seiner Fehl- und Zufallshandlungen.

Ich gestehe Ihnen, meine geehrten Zuhörer, daß ich lange geschwankt

habe, ob ich Ihnen anstatt dieser gedrängten Übersicht über das ganze

Gebiet der Psychoanalyse nicht lieber eine ausführliche Darstellung der

_Traumdeutung_ bieten soll. Ein rein subjektives und anscheinend

sekundäres Motiv hat mich davon zurückgehalten. Es erschien mir fast

anstößig, in diesem praktischen Zielen zugewendeten Lande als

»Traumdeuter« aufzutreten, ehe Sie noch wissen konnten, auf welche

Bedeutung diese veraltete und verspottete Kunst Anspruch erheben kann.

Die Traumdeutung ist in Wirklichkeit die Via Regia zur Kenntnis des

Unbewußten, die sicherste Grundlage der Psychoanalyse und jenes Gebiet,

auf welchem jeder Arbeiter seine Überzeugung zu gewinnen und seine

Ausbildung anzustreben hat. Wenn ich gefragt werde, wie man

Psychoanalytiker werden kann, so antworte ich, durch das Studium seiner

eigenen Träume. Mit richtigem Takt sind alle Gegner der Psychoanalyse

bisher einer Würdigung der »Traumdeutung«[12] ausgewichen oder haben mit

den seichtesten Einwendungen über sie hinwegzukommen getrachtet. Wenn

Sie im Gegenteile die Lösungen der Probleme des Traumlebens anzunehmen

vermögen, werden Ihnen die Neuheiten, welche die Psychoanalyse Ihrem

Denken zumutet, keine Schwierigkeiten mehr bieten.

[12] Die Traumdeutung, 2. Aufl., Fr. Deuticke, Wien 1909.

Vergessen Sie nicht daran, daß unsere nächtlichen Traumproduktionen

einerseits die größte äußere Ähnlichkeit und innere Verwandtschaft mit

den Schöpfungen der Geisteskrankheiten zeigen, anderseits aber mit der

vollen Gesundheit des Wachlebens verträglich sind. Es ist keine absurd

klingende Behauptung, daß, wer jenen »normalen« Sinnestäuschungen,

Wahnideen und Charakteränderungen Verwunderung anstatt Verständnis

entgegenbringt, auch nicht die leiseste Aussicht hat, die abnormen

Bildungen krankhafter Seelenzustände anders als im laienhaften Sinne zu

begreifen. Zu diesen Laien dürfen Sie heute getrost fast alle Psychiater

zählen. Folgen Sie mir nun auf einem flüchtigen Streifzug durch das

Gebiet der Traumprobleme.

Wir pflegen, wenn wir erwacht sind, die Träume so verächtlich zu

behandeln, wie der Patient die Einfälle, die der Psychoanalytiker von

ihm fordert. Wir weisen sie aber auch von uns ab, indem wir sie in der

Regel rasch und vollständig vergessen. Unsere Geringschätzung gründet

sich auf den fremdartigen Charakter selbst jener Träume, die nicht

verworren und unsinnig sind, und auf die evidente Absurdität und

Sinnlosigkeit anderer Träume; unsere Abweisung beruft sich auf die

ungehemmt schamlosen und unmoralischen Strebungen, die in manchen

Träumen offen zu Tage treten. Das Altertum hat diese Geringschätzung der

Träume bekanntlich nicht geteilt. Die niederen Schichten unseres Volkes

lassen sich in der Wertschätzung der Träume auch heute nicht irre

machen; sie erwarten von ihnen wie die Alten die Enthüllung der Zukunft.

Ich bekenne, daß ich kein Bedürfnis nach mystischen Annahmen zur

Ausfüllung der Lücken unserer gegenwärtigen Erkenntnis habe, und darum

habe ich auch nie etwas finden können, was eine prophetische Natur der

Träume bestätigte. Es läßt sich viel andersartiges, was auch wunderbar

genug ist, über die Träume sagen.

Zunächst, nicht alle Träume sind dem Träumer wesensfremd, unverständlich

und verworren. Wenn Sie die Träume jüngster Kinder, von 1½ Jahren an,

Ihrer Betrachtung unterziehen wollen, so finden sie dieselben ganz

simpel und leicht aufzuklären. Das kleine Kind träumt immer die

Erfüllung von Wünschen, die der Tag vorher in ihm erweckt und nicht

befriedigt hat. Sie bedürfen keiner Deutungskunst, um diese einfache

Lösung zu finden, sondern nur der Erkundigung nach den Erlebnissen des

Kindes am Vortag (Traumtag). Es wäre nun gewiß die befriedigendste

Lösung des Traumrätsels, wenn auch die Träume der Erwachsenen nichts

anderes wären als die der Kinder, Erfüllungen von Wunschregungen, die

ihnen der Traumtag gebracht hat. So ist es auch in Wirklichkeit; die

Schwierigkeiten, welche dieser Lösung im Wege stehen, lassen sich durch

eine eingehendere Analyse der Träume schrittweise beseitigen.

Da ist vor allem die erste und gewichtigste Einwendung, daß die Träume

Erwachsener gewöhnlich einen unverständlichen Inhalt haben, der am

wenigsten etwas von Wunscherfüllung erkennen läßt. Die Antwort lautet

hier: Diese Träume haben eine Entstellung erfahren; der psychische

Vorgang, der ihnen zu Grunde liegt, hätte ursprünglich ganz anderen

Ausdruck in Worten finden sollen. Sie müssen den _manifesten

Trauminhalt_, wie Sie ihn am Morgen verschwommen erinnern und mühselig,

anscheinend willkürlich, in Worte kleiden, unterscheiden von den

_latenten Traumgedanken_, die Sie im Unbewußten vorhanden anzunehmen

haben. Diese Traumentstellung ist derselbe Vorgang, den Sie bei der

Untersuchung der Bildung hysterischer Symptome kennen gelernt haben; sie

weist auch darauf hin, daß das gleiche Gegenspiel der seelischen Kräfte

bei der Traumbildung wie bei der Symptombildung beteiligt ist. Der

manifeste Trauminhalt ist der entstellte Ersatz für die unbewußten

Traumgedanken, und diese Entstellung ist das Werk von abwehrenden

Kräften des Ichs, Widerständen, welche den verdrängten Wünschen des

Unbewußten den Zugang zum Bewußtsein im Wachleben überhaupt verwehren,

in der Herabsetzung des Schlafzustandes aber wenigstens noch so stark

sind, daß sie ihnen eine verhüllende Vermummung aufnötigen. Der Träumer

erkennt dann den Sinn seiner Träume ebenso wenig wie der Hysterische die

Beziehung und Bedeutung seiner Symptome.

Daß es latente Traumgedanken gibt und daß zwischen ihnen und dem

manifesten Trauminhalt wirklich die eben beschriebene Relation besteht,

davon überzeugen Sie sich bei der Analyse der Träume, deren Technik mit

der psychoanalytischen zusammenfällt. Sie sehen von dem scheinbaren

Zusammenhang der Elemente im manifesten Traum ganz ab und suchen sich

die Einfälle zusammen, die sich bei freier Assoziation nach der

psychoanalytischen Arbeitsregel zu jedem einzelnen Traumelement ergeben.

Aus diesem Material erraten Sie die latenten Traumgedanken ganz so, wie

Sie aus den Einfällen des Kranken zu seinen Symptomen und Erinnerungen

seine versteckten Komplexe erraten haben. An den so gefundenen latenten

Traumgedanken ersehen Sie ohne weiteres, wie vollberechtigt die

Rückführung der Träume Erwachsener auf die Kinderträume ist. Was sich

jetzt als der eigentliche Sinn des Traumes dem manifesten Trauminhalt

substituiert, das ist immer klar verständlich, knüpft an die

Lebenseindrücke des Vortages an, erweist sich als eine Erfüllung

unbefriedigter Wünsche. Den manifesten Traum, den Sie aus der Erinnerung

beim Erwachen kennen, können Sie dann nur beschreiben als eine

_verkappte_ Erfüllung _verdrängter_ Wünsche.

Sie können durch eine Art von synthetischer Arbeit jetzt auch Einsicht

nehmen in den Prozeß, der die Entstellung der unbewußten Traumgedanken

zum manifesten Trauminhalt herbeigeführt hat. Wir heißen diesen Prozeß

die »Traumarbeit«. Derselbe verdient unser vollstes theoretisches

Interesse, weil wir an ihm wie sonst nirgends studieren können, welche

ungeahnten psychischen Vorgänge im Unbewußten, oder genau ausgedrückt,

_zwischen_ zwei gesonderten psychischen Systemen wie dem Bewußten und

dem Unbewußten, möglich sind. Unter diesen neu erkannten psychischen

Vorgängen heben sich die der _Verdichtung_ und der _Verschiebung_

auffällig heraus. Die Traumarbeit ist ein Spezialfall der Einwirkungen

verschiedener seelischer Gruppierungen aufeinander, also der Erfolge der

seelischen Spaltung, und sie scheint in allem Wesentlichen identisch mit

jener Entstellungsarbeit, welche die verdrängten Komplexe bei

mißglückender Verdrängung in Symptome verwandelt.

Sie werden ferner bei der Analyse der Träume, am überzeugendsten Ihrer

eigenen, mit Verwunderung die ungeahnt große Rolle entdecken, welche

Eindrücke und Erlebnisse früher Jahre der Kindheit auf die Entwicklung

des Menschen nehmen. Im Traumleben setzt das Kind im Menschen gleichsam

seine Existenz mit Erhaltung all seiner Eigentümlichkeiten und

Wunschregungen, auch der im späteren Leben unbrauchbar gewordenen, fort.

Mit unabweislicher Macht drängt sich Ihnen auf, durch welche

Entwicklungen, Verdrängungen, Sublimierungen und Reaktionsbildungen aus

dem ganz anders beanlagten Kind der sogenannt normale Mensch, der

Träger und zum Teil das Opfer der mühsam errungenen Kultur, hervorgeht.

Auch darauf will ich sie aufmerksam machen, daß wir bei der Analyse der

Träume gefunden haben, das Unbewußte bediene sich, insbesondere für die

Darstellung sexueller Komplexe, einer gewissen Symbolik, die zum Teil

individuell variabel, zum anderen Teil aber typisch festgelegt ist, und

die sich mit der Symbolik zu decken scheint, die wir hinter unseren

Mythen und Märchen vermuten. Es wäre nicht unmöglich, daß die letzteren

Schöpfungen der Völker ihre Aufklärung vom Traume her empfangen könnten.

Endlich muß ich Sie mahnen, daß Sie sich nicht durch den Einwand irre

machen lassen, das Vorkommen von Angstträumen widerspreche unserer

Auffassung des Traumes als Wunscherfüllung. Abgesehen davon, daß auch

diese Angstträume der Deutung bedürfen, ehe man über sie urteilen kann,

muß man ganz allgemein sagen, daß die Angst nicht so einfach am

Trauminhalt hängt, wie man's sich ohne weitere Kenntnis und Rücksicht

auf die Bedingungen der neurotischen Angst vorstellt. Die Angst ist eine

der Ablehnungsreaktionen des Ichs gegen stark gewordene verdrängte

Wünsche, und daher auch im Traume sehr gut erklärlich, wenn die

Traumbildung sich zu sehr in den Dienst der Erfüllung dieser verdrängten

Wünsche gestellt hat.

Sie sehen, die Traumerforschung wäre an sich durch die Aufschlüsse

gerechtfertigt, die sie über sonst schwer wißbare Dinge liefert. Wir

sind aber im Zusammenhange mit der psychoanalytischen Behandlung der

Neurotiker zu ihr gelangt. Nach dem bisher Gesagten können Sie leicht

verstehen, wie die Traumdeutung, wenn sie nicht durch die Widerstände

des Kranken allzu sehr erschwert wird, zur Kenntnis der versteckten und

verdrängten Wünsche des Kranken und der von ihnen genährten Komplexe

führt, und ich kann zur dritten Gruppe von seelischen Phänomenen

übergehen, deren Studium zum technischen Mittel für die Psychoanalyse

geworden ist.

Es sind dies die kleinen Fehlhandlungen normaler wie nervöser Menschen,

denen man sonst keine Bedeutung beizulegen pflegt, das Vergessen von

Dingen, die sie wissen könnten und andere Male auch wirklich wissen

(z. B. das zeitweilige Entfallen von Eigennamen), das Versprechen in der

Rede, das sich uns selbst so häufig ereignet, das analoge Verschreiben

und Verlesen, das Vergreifen bei Verrichtungen und das Verlieren oder

Zerbrechen von Gegenständen u. dgl., lauter Dinge, für die man eine

psychologische Determinierung sonst nicht sucht, und die man als

zufällige Ergebnisse, als Erfolge der Zerstreutheit, Unaufmerksamkeit

und ähnlicher Bedingungen unbeanstandet passieren läßt. Dazu kommen noch

die Handlungen und Gesten, welche die Menschen ausführen, ohne sie

überhaupt zu bemerken, geschweige denn, daß sie ihnen seelisches Gewicht

beilegten, wie das Spielen, Tändeln mit Gegenständen, das Summen von

Melodien, das Hantieren am eigenen Körper und an dessen Bekleidung und

ähnliches.[13] Diese kleinen Dinge, die _Fehlhandlungen_ wie die

_Symptom-_ und _Zufallshandlungen_, sind nicht so bedeutungslos, wie man

durch eine Art von stillschweigendem Übereinkommen anzunehmen bereit

ist. Sie sind durchaus sinnvoll, aus der Situation, in der sie

vorfallen, meist leicht und sicher zu deuten, und es stellt sich heraus,

daß sie wiederum Impulsen und Absichten Ausdruck geben, die

zurückgestellt, dem eigenen Bewußtsein verborgen werden sollen, oder daß

sie geradezu den nämlichen verdrängten Wunschregungen und Komplexen

entstammen, die wir bereits als die Schöpfer der Symptome und die

Bildner der Träume kennen gelernt haben. Sie verdienen also die

Würdigung von Symptomen, und ihre Beachtung kann wie die der Träume zur

Aufdeckung des Verborgenen im Seelenleben führen. Mit ihrer Hilfe verrät

der Mensch in der Regel die intimsten seiner Geheimnisse. Wenn sie

besonders leicht und häufig zu stande kommen, selbst beim Gesunden, dem

die Verdrängung seiner unbewußten Regungen im ganzen gut gelungen ist,

so haben sie es ihrer Geringfügigkeit und Unscheinbarkeit zu danken.

Aber sie dürfen hohen theoretischen Wert beanspruchen, da sie uns die

Existenz der Verdrängung und Ersatzbildung auch unter den Bedingungen

der Gesundheit erweisen.

[13] Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 3. Aufl., 1910,

S. _Karger_, Berlin.

Sie merken es bereits, daß sich der Psychoanalytiker durch einen

besonders strengen Glauben an die Determinierung des Seelenlebens

auszeichnet. Für ihn gibt es in den psychischen Äußerungen nichts

Kleines, nichts Willkürliches und Zufälliges, er erwartet überall dort

eine ausreichende Motivierung, wo man gewöhnlich eine solche Forderung

nicht erhebt; ja er ist auf eine _mehrfache Motivierung_ desselben

seelischen Effekts vorbereitet, während unser angeblich eingeborenes

Kausalbedürfnis sich mit einer einzigen psychischen Ursache für

befriedigt erklärt.

Über Psychoanalyse: Fünf Vorlesungen · 第 2 / 4 段