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ÜBER PSYCHOANALYSE
von
SIGMUND FREUD
INHALTSVERZEICHNIS
Titelseite und Widmung. . . . . . . . . --
I. Vorlesung. . . . . . . . . . . 1
Über die Entstehung und Entwicklung der Psychoanalyse. . 2
Die Hysterie. . . . . . . . . . 4
Der Fall Dr. Breuers. . . . . . . . . 5
Die »Talking cure«. . . . . . . . . 7
Die Entstehung der Symptome aus psychischen Traumen. . . 8
Symptome als Erinnerungssymbole. . . . . . . 10
Fixierung an die Traumen. . . . . . . . 11
Das Abreagieren der Affekte. . . . . . . 12
Die hysterische Konversion. . . . . . . . 13
Die psychische Spaltung. . . . . . . . 14
Hypnoide Zustände. . . . . . . . . 15
II. Vorlesung. . . . . . . . . . . 16
Charcots und Janets Forschungen. . . . . . . 17
Änderung der Technik. . . . . . . . . 18
Verzicht auf die Hypnose. . . . . . . . 19
Verdrängung und Widerstand. . . . . . . . 20
Beispiel einer Verdrängung. . . . . . . . 21
Dynamische Auffassung der seelischen Spaltung. . . . 22
Symptombildung infolge mißglückter Verdrängung. . . . 24
Ziel der Psychoanalyse.. . . . . . . . 26
III. Vorlesung. . . . . . . . . . . 27
Die Technik des Erratens aus freien Einfällen des Kranken. 28
Die indirekte Darstellung. . . . . . . . 30
Die psychoanalytische Grundregel. . . . . . 31
Das Assoziationsexperiment. . . . . . . . 32
Die Traumdeutung. . . . . . . . . . 33
Manifester Trauminhalt und latente Traumgedanken. . . 34
Die Wunscherfüllung im Traume. . . . . . . 36
Die Traumarbeit. . . . . . . . . . 37
Die Fehl-, Symptom- und Zufallshandlungen. . . . . 38
Einwendungen gegen die Psychoanalyse. . . . . . 40
IV. Vorlesung. . . . . . . . . . . 42
Die Sexualität in der Ätiologie. . . . . . . 43
Die infantile Sexualität. . . . . . . . 44
Ein amerikanischer Beobachter über die Liebe im Kindesalter. 45
Psychoanalysen an Kindern. . . . . . . . 46
Die Phase des Autoerotismus. . . . . . . 47
Die Objektwahl. . . . . . . . . . 48
Endgestaltung des normalen Sexuallebens. . . . . 49
Zusammenhang von Neurose und Perversion. . . . . 50
Der Kernkomplex der Neurosen. . . . . . . 52
Die Ablösung des Kindes von den Eltern. . . . . 53
V. Vorlesung. . . . . . . . . . . 54
Regression und Phantasie. . . . . . . . 55
Neurose und Kunst. . . . . . . . . 56
Die Übertragung. . . . . . . . . . 57
Die Angst vor der Befreiung des Verdrängten. . . . 59
Ausgänge der psychoanalytischen Arbeit. . . . . 60
Das schädliche Übermaß der Sexualverdrängung. . . . 62
Anmerkungen zur Transkription. . . . . . . --
ÜBER
PSYCHOANALYSE
FÜNF VORLESUNGEN
GEHALTEN ZUR 20JÄHRIGEN GRÜNDUNGSFEIER
DER
CLARK UNIVERSITY IN WORCESTER MASS.
SEPTEMBER 1909.
VON
Prof. Dr. Sigm. Freud LL. D.
LEIPZIG UND WIEN
_FRANZ DEUTICKE_
1910.
Verlags-Nr. 1701.
K. und K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen.
Herrn
G. Stanley Hall, Ph. D., LL. D.
Präsidenten der Clark University,
Professor der Psychologie und Pädagogik
in Dankbarkeit
zugeeignet.
I.
Meine Damen und Herren! Es ist mir ein neuartiges und verwirrendes
Gefühl, als Vortragender vor Wißbegierigen der Neuen Welt zu stehen. Ich
nehme an, daß ich diese Ehre nur der Verknüpfung meines Namens mit dem
Thema der Psychoanalyse verdanke, und beabsichtige daher, Ihnen von
Psychoanalyse zu sprechen. Ich will es versuchen, Ihnen in gedrängtester
Kürze einen Überblick über die Geschichte der Entstehung und weiteren
Fortbildung dieser neuen Untersuchungs- und Heilmethode zu geben.
Wenn es ein Verdienst ist, die Psychoanalyse ins Leben gerufen zu haben,
so ist es nicht mein Verdienst. Ich bin an den ersten Anfängen derselben
nicht beteiligt gewesen. Ich war Student und mit der Ablegung meiner
letzten Prüfungen beschäftigt, als ein anderer Wiener Arzt, Dr. Josef
_Breuer_,[1] dieses Verfahren zuerst an einem hysterisch
erkrankten Mädchen anwendete (1880-1882). Mit dieser Kranken- und
Behandlungsgeschichte wollen wir uns nun zunächst beschäftigen. Sie
finden dieselbe ausführlich dargestellt in den später von _Breuer_ und
mir veröffentlichten »Studien über Hysterie«.[2]
[1] Dr. Josef _Breuer_, geb. 1842, korrespondierendes Mitglied der
k. Akademie der Wissenschaften, bekannt durch Arbeiten über die
Atmung und zur Physiologie des Gleichgewichtssinnes.
[2] Studien über Hysterie. 1895. Fr. Deuticke, Wien, 2. Aufl.,
1909. Stücke meines Anteils an diesem Buch sind von
Dr. A. A. _Brill_ in New York ins Englische übertragen worden
(Selected papers on Hysteria and other Psychoneuroses by S. Freud,
Nr. 4 der »Nervous and Mental Disease Monograph Series«, New
York).
Vorher nur noch eine Bemerkung. Ich habe nicht ohne Befriedigung
erfahren, daß die Mehrzahl meiner Zuhörer nicht dem ärztlichen Stande
angehört. Besorgen Sie nun nicht, daß es besonderer ärztlicher
Vorbildung bedarf, um meinen Mitteilungen zu folgen. Wir werden
allerdings ein Stück weit mit den Ärzten gehen, aber bald werden wir uns
absondern und Dr. _Breuer_ auf einen ganz eigenartigen Weg begleiten.
Dr. _Breuers_ Patientin, ein 21jähriges, geistig hochbegabtes Mädchen,
entwickelte im Verlaufe ihrer über zwei Jahre ausgedehnten Krankheit
eine Reihe von körperlichen und seelischen Störungen, die es wohl
verdienten, ernst genommen zu werden. Sie hatte eine steife Lähmung der
beiden rechtsseitigen Extremitäten mit Unempfindlichkeit derselben,
zeitweise dieselbe Affektion an den Gliedern der linken Körperseite,
Störungen der Augenbewegungen und mannigfache Beeinträchtigungen des
Sehvermögens, Schwierigkeiten der Kopfhaltung, eine intensive Tussis
nervosa, Ekel vor Nahrungsaufnahme und einmal durch mehrere Wochen eine
Unfähigkeit zu trinken trotz quälenden Durstes, eine Herabsetzung des
Sprachvermögens, die bis zum Verlust der Fähigkeit fortschritt, ihre
Muttersprache zu sprechen oder zu verstehen, endlich Zustände von
Abwesenheit, Verworrenheit, Delirien, Alteration ihrer ganzen
Persönlichkeit, denen wir unsere Aufmerksamkeit später werden zuwenden
müssen.
Wenn Sie von einem solchen Krankheitsbilde hören, so werden Sie, auch
ohne Ärzte zu sein, der Annahme zuneigen, daß es sich um ein schweres
Leiden, wahrscheinlich des Gehirns, handle, welches wenig Aussicht auf
Herstellung biete und zur baldigen Auflösung der Kranken führen dürfte.
Lassen Sie sich indes von den Ärzten belehren, daß für eine Reihe von
Fällen mit so schweren Erscheinungen eine andere und weitaus günstigere
Auffassung berechtigter ist. Wenn ein solches Krankheitsbild bei einem
jugendlichen weiblichen Individuum auftritt, dessen lebenswichtige
innere Organe (Herz, Niere) sich der objektiven Untersuchung normal
erweisen, das aber heftige _gemütliche_ Erschütterungen erfahren hat,
und wenn die einzelnen Symptome in gewissen feineren Charakteren von der
Erwartung abweichen, dann nehmen die Ärzte einen solchen Fall nicht zu
schwer. Sie behaupten, daß dann nicht ein organisches Leiden des Gehirns
vorliegt, sondern jener rätselhafte, seit den Zeiten der griechischen
Medizin _Hysterie_ benannte Zustand, der eine ganze Anzahl von Bildern
ernster Erkrankung vorzutäuschen vermöge. Sie halten dann das Leben für
nicht bedroht und eine selbst vollkommene Herstellung der Gesundheit für
wahrscheinlich. Die Unterscheidung einer solchen Hysterie von einem
schweren organischen Leiden ist nicht immer sehr leicht. Wir brauchen
aber nicht zu wissen, wie eine Differentialdiagnose dieser Art gemacht
wird; uns mag die Versicherung genügen, daß gerade der Fall von
_Breuers_ Patientin ein solcher ist, bei dem kein kundiger Arzt die
Diagnose der Hysterie verfehlen wird. Wir können auch an dieser Stelle
aus dem Krankheitsbericht nachtragen, daß ihre Erkrankung auftrat,
während sie ihren zärtlich geliebten Vater in seiner schweren, zum Tode
führenden Krankheit pflegte, und daß sie infolge ihrer eigenen
Erkrankung von der Pflege zurücktreten mußte.
Soweit hat es uns Vorteil gebracht, mit den Ärzten zu gehen, und nun
werden wir uns bald von ihnen trennen. Sie dürfen nämlich nicht
erwarten, daß die Aussicht eines Kranken auf ärztliche Hilfeleistung
dadurch wesentlich gesteigert wird, daß die Diagnose der Hysterie an
die Stelle des Urteils auf ernste organische Hirnaffektion tritt. Gegen
die schweren Erkrankungen des Gehirns ist die ärztliche Kunst in den
meisten Fällen ohnmächtig, aber auch gegen die hysterische Affektion
weiß der Arzt nichts zu tun. Er muß es der gütigen Natur überlassen,
wann und wie sie seine hoffnungsvolle Prognose verwirklichen will.[3]
[3] Ich weiß, daß diese Behauptung heute nicht mehr zutrifft, aber
im Vortrage versetze ich mich und meine Hörer zurück in die Zeit
vor 1880. Wenn es seither anders geworden ist, so haben gerade die
Bemühungen, deren Geschichte ich skizziere, daran einen großen
Anteil.
Mit der Erkennung der Hysterie wird also für den Kranken wenig geändert;
desto mehr ändert sich für den Arzt. Wir können beobachten, daß er sich
gegen den hysterischen ganz anders einstellt als gegen den organisch
Kranken. Er will dem ersteren nicht dieselbe Teilnahme entgegenbringen
wie dem letzteren, da sein Leiden weit weniger ernsthaft ist und doch
den Anspruch zu erheben scheint, für ebenso ernsthaft zu gelten. Aber es
wirkt noch anderes mit. Der Arzt, der durch sein Studium so vieles
kennen gelernt hat, was dem Laien verschlossen ist, hat sich von den
Krankheitsursachen und Krankheitsveränderungen, z. B. im Gehirn eines an
Apoplexie oder Neubildung Leidenden Vorstellungen bilden können, die bis
zu einem gewissen Grade zutreffend sein müssen, da sie ihm das
Verständnis der Einzelheiten des Krankheitsbildes gestatten. Vor den
Details der hysterischen Phänomene läßt ihn aber all sein Wissen, seine
anatomisch-physiologische und pathologische Vorbildung im Stiche. Er
kann die Hysterie nicht verstehen, er steht ihr selbst wie ein Laie
gegenüber. Und das ist nun niemandem recht, der sonst auf sein Wissen so
große Stücke hält. Die Hysterischen gehen also seiner Sympathie
verlustig; er betrachtet sie wie Personen, welche die Gesetze seiner
Wissenschaft übertreten, wie die Rechtgläubigen die Ketzer ansehen; er
traut ihnen alles mögliche Böse zu, beschuldigt sie der Übertreibung und
der absichtlichen Täuschung, Simulation; und er bestraft sie durch die
Entziehung seines Interesses.
Diesen Vorwurf hat nun Dr. _Breuer_ bei seiner Patientin nicht verdient;
er schenkte ihr Sympathie und Interesse, obwohl er ihr anfangs nicht zu
helfen verstand. Wahrscheinlich erleichterte sie es ihm auch durch die
vorzüglichen Geistes- und Charaktereigenschaften, für die er in der von
ihm abgefaßten Krankengeschichte Zeugnis ablegt. Seine liebevolle
Beobachtung fand auch bald den Weg, der die erste Hilfeleistung
ermöglichte.
Es war bemerkt worden, daß die Kranke in ihren Zuständen von Absenz,
psychischer Alteration mit Verworrenheit, einige Worte vor sich hin zu
murmeln pflegte, welche den Eindruck machten, als stammten sie aus einem
Zusammenhange, der ihr Denken beschäftige. Der Arzt, der sich diese
Worte berichten ließ, versetzte sie nun in eine Art von Hypnose und
sagte ihr jedesmal diese Worte wieder vor, um sie zu veranlassen, daß
sie an dieselben anknüpfe. Die Kranke ging darauf ein und reproduzierte
so vor dem Arzt die psychischen Schöpfungen, die sie während der
Absenzen beherrscht und sich in jenen vereinzelt geäußerten Worten
verraten hatten. Es waren tieftraurige, oft poetisch schöne Phantasien,
Tagträume würden wir sagen, die gewöhnlich die Situation eines Mädchens
am Krankenbett seines Vaters zum Ausgangspunkt nahmen. Hatte sie eine
Anzahl solcher Phantasien erzählt, so war sie wie befreit und ins
normale seelische Leben zurückgeführt. Das Wohlbefinden, das durch
mehrere Stunden anhielt, wich dann am nächsten Tage einer neuerlichen
Absenz, welche auf dieselbe Weise durch Aussprechen der neu gebildeten
Phantasien aufgehoben wurde. Man konnte sich dem Eindrucke nicht
entziehen, daß die psychische Veränderung, die sich in den Absenzen
äußerte, eine Folge des Reizes sei, der von diesen höchst affektvollen
Phantasiebildungen ausging. Die Patientin selbst, die um diese Zeit
ihres Krankseins merkwürdigerweise nur Englisch sprach und verstand, gab
dieser neuartigen Behandlung den Namen »talking cure« oder bezeichnete
sie scherzhaft als »chimney sweeping«.
Es ergab sich bald wie zufällig, daß man durch solches Reinfegen der
Seele noch mehr erreichen könne als vorübergehende Beseitigung der immer
wiederkehrenden seelischen Trübungen. Es ließen sich auch
Leidenssymptome zum Verschwinden bringen, wenn in der Hypnose unter
Affektäußerung erinnert wurde, bei welchem Anlaß und kraft welches
Zusammenhanges diese Symptome zuerst aufgetreten waren. »Es war im
Sommer eine Zeit intensiver Hitze gewesen und Patientin hatte sehr arg
durch Durst gelitten; denn, ohne einen Grund angeben zu können, war ihr
plötzlich unmöglich geworden, zu trinken. Sie nahm das ersehnte Glas
Wasser in die Hand, aber sowie es die Lippen berührte, stieß sie es weg
wie ein Hydrophobischer. Dabei war sie offenbar für diese paar Sekunden
in einer Absenz. Sie lebte nur von Obst, Melonen u. dgl., um den
qualvollen Durst zu mildem. Als das etwa sechs Wochen gedauert hatte,
räsonierte sie einmal in der Hypnose über ihre englische
Gesellschafterin, die sie nicht liebte, und erzählte dann mit allen
Zeichen des Abscheus, wie sie auf deren Zimmer gekommen sei, und da
deren kleiner Hund, das ekelhafte Tier, aus einem Glas getrunken habe.
Sie habe nichts gesagt, denn sie wollte höflich sein. Nachdem sie ihrem
steckengebliebenen Ärger noch energisch Ausdruck gegeben, verlangte sie
zu trinken, trank ohne Hemmung eine große Menge Wasser und erwachte aus
der Hypnose mit dem Glas an den Lippen. Die Störung war damit für immer
verschwunden.«[4]
[4] Studien über Hysterie, 2. Aufl., p. 26.
Gestatten Sie, daß ich Sie bei dieser Erfahrung einen Moment aufhalte!
Niemand hatte noch ein hysterisches Symptom durch solche Mittel
beseitigt und war dabei so tief in das Verständnis seiner Verursachung
eingedrungen. Es mußte eine folgenschwere Entdeckung werden, wenn sich
die Erwartung bestätigen ließ, daß noch andere, daß vielleicht die
Mehrzahl der Symptome bei der Kranken auf solche Weise entstanden und
auf solche Weise aufzuheben war. _Breuer_ scheute die Mühe nicht, sich
davon zu überzeugen, und forschte nun planmäßig der Pathogenese der
anderen und ernsteren Leidenssymptome nach. Es war wirklich so; fast
alle Symptome waren so entstanden als Reste, als Niederschläge, wenn Sie
wollen, von affektvollen Erlebnissen, die wir darum später »psychische
Traumen« genannt haben, und ihre Besonderheit klärte sich durch die
Beziehung zu der sie verursachenden traumatischen Szene auf. Sie waren,
wie das Kunstwort lautet, durch die Szenen, deren Gedächtnisreste sie
darstellten, _determiniert_, brauchten nicht mehr als willkürliche oder
rätselhafte Leistungen der Neurose beschrieben zu werden. Nur einer
Abweichung von der Erwartung sei gedacht. Es war nicht immer ein
einziges Erlebnis, welches das Symptom zurückließ, sondern meist waren
zahlreiche, oft sehr viele ähnliche, wiederholte Traumen zu dieser
Wirkung zusammengetreten. Diese ganze Kette von pathogenen Erinnerungen
mußte dann in chronologischer Reihenfolge reproduziert werden, und zwar
umgekehrt, die letzte zuerst und die erste zuletzt, und es war ganz
unmöglich, zum ersten und oft wirksamsten Trauma mit Überspringung der
später erfolgten vorzudringen.
Sie werden nun gewiß noch andere Beispiele von Verursachung hysterischer
Symptome als das der Wasserscheu durch den Ekel vor dem aus dem Glas
trinkenden Hund von mir hören wollen. Ich muß mich aber, wenn ich mein
Programm einhalten will, auf sehr wenige Proben beschränken. So erzählt
_Breuer_, daß ihre Sehstörungen sich auf Anlässe zurückführten »in der
Art, daß Patientin mit Tränen im Auge, am Krankenbett sitzend, plötzlich
vom Vater gefragt wurde, wieviel Uhr es sei, undeutlich sah, sich
anstrengte, die Uhr nahe ans Auge brachte und nun das Zifferblatt sehr
groß erschien (Makropsie und Strabismus conv.); oder Anstrengungen
machte, die Tränen zu unterdrücken, damit sie der Kranke nicht sehe«.[5]
Alle pathogenen Eindrücke stammten übrigens aus der Zeit, da sie sich an
der Pflege des erkrankten Vaters beteiligte. »Einmal wachte sie nachts
in großer Angst um den hochfiebernden Kranken und in Spannung, weil von
Wien ein Chirurg zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte sich für
einige Zeit entfernt, und Anna saß am Krankenbette, den rechten Arm über
die Stuhllehne gelegt. Sie geriet in einen Zustand von Wachträumen und
sah, wie von der Wand her eine schwarze Schlange sich dem Kranken
näherte, um ihn zu beißen. (Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf der
Wiese hinter dem Hause wirklich einige Schlangen vorkamen, über die das
Mädchen schon früher erschrocken war, und die nun das Material der
Halluzination abgaben.) Sie wollte das Tier abwehren, war aber wie
gelähmt; der rechte Arm, über die Stuhllehne hängend, war
'eingeschlafen', anästhetisch und paretisch geworden, und als sie ihn
betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen mit
Totenköpfen (Nägel). Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlange
mit der gelähmten rechten Hand zu verjagen, und dadurch trat die
Anästhesie und Lähmung derselben in Assoziation mit der
Schlangenhalluzination. Als diese verschwunden war, wollte sie in ihrer
Angst beten, aber jede Sprache versagte, sie konnte in keiner sprechen,
bis sie endlich einen _englischen_ Kindervers fand und nun auch in
dieser Sprache fortdenken und beten konnte.«[6] Mit der Erinnerung
dieser Szene in der Hypnose war auch die seit Beginn der Krankheit
bestehende steife Lähmung des rechten Armes beseitigt und die Behandlung
beendigt.
[5] Studien über Hysterie, 2. Aufl., p. 31.
[6] l. c. p. 30.
Als ich eine Anzahl von Jahren später die _Breuer_sche Untersuchungs- und
Behandlungsmethode an meinen eigenen Kranken zu üben begann, machte ich
Erfahrungen, die sich mit den seinigen vollkommen deckten. Bei einer
etwa 40jährigen Dame bestand ein Tic, ein eigentümlich schnalzendes
Geräusch, das sie bei jeder Aufregung und auch ohne ersichtlichen Anlaß
hervorbrachte. Es hatte seinen Ursprung in zwei Erlebnissen, denen
gemeinsam war, daß sie sich vornahm, jetzt ja keinen Lärm zu machen, und
bei denen wie durch eine Art von Gegenwillen gerade dieses Geräusch die
Stille durchbrach; das eine Mal, als sie ihr krankes Kind endlich
mühselig eingeschläfert hatte und sich sagte, sie müsse jetzt ganz still
sein, um es nicht zu wecken, und das andere Mal, als während einer
Wagenfahrt mit ihren beiden Kindern im Gewitter die Pferde scheu wurden,
und sie sorgfältig jeden Lärm vermeiden wollte, um die Tiere nicht noch
mehr zu schrecken.[7] Ich gebe dieses Beispiel anstatt vieler anderer,
die in den »Studien über Hysterie« niedergelegt sind.[8]
[7] l. c. 2. Aufl., p. 43 u. 46.
[8] Eine Auswahl aus diesem Buche, vermehrt durch einige spätere
Abhandlungen über Hysterie, liegt gegenwärtig in einer englischen,
von Dr. A. A. _Brill_ in New York besorgten Übersetzung vor.
Meine Damen und Herren, wenn Sie mir die Verallgemeinerung gestatten,
die ja bei so abgekürzter Darstellung unvermeidlich ist, so können wir
unsere bisherige Erkenntnis in die Formel fassen: _Unsere hysterisch
Kranken leiden an Reminiszenzen._ Ihre Symptome sind Reste und
Erinnerungssymbole für gewisse (traumatische) Erlebnisse. Ein Vergleich
mit anderen Erinnerungssymbolen auf anderen Gebieten wird uns vielleicht
tiefer in das Verständnis dieser Symbolik führen. Auch die Denkmäler und
Monumente, mit denen wir unsere großen Städte zieren, sind solche
Erinnerungssymbole. Wenn Sie einen Spaziergang durch _London_ machen, so
finden Sie vor einem der größten Bahnhöfe der Stadt eine reichverzierte
gotische Säule, das _Charing Cross_. Einer der alten Plantagenetkönige
im XIII. Jahrhundert, der den Leichnam seiner geliebten Königin Eleanor
nach Westminster überführen ließ, errichtete gotische Kreuze an jeder
der Stationen, wo der Sarg niedergestellt wurde, und _Charing Cross_ ist
das letzte der Denkmäler, welche die Erinnerung an diesen Trauerzug
erhalten sollten.[9] An einer anderen Stelle der Stadt, nicht weit von
London Bridge, erblicken Sie eine modernere hochragende Säule, die
kurzweg »_The Monument_« genannt wird. Sie soll zur Erinnerung an das
große Feuer mahnen, welches im Jahre 1666 dort in der Nähe ausbrach und
einen großen Teil der Stadt zerstörte. Diese Monumente sind also
Erinnerungssymbole wie die hysterischen Symptome, soweit scheint die
Vergleichung berechtigt. Aber was würden Sie zu einem Londoner sagen,
der heute noch vor dem Denkmal des Leichenzuges der Königin Eleanor
in Wehmut stehen bliebe, anstatt mit der von den modernen
Arbeitsverhältnissen geforderten Eile seinen Geschäften nachzugehen oder
sich der eigenen jugendfrischen Königin seines Herzens zu erfreuen? Oder
zu einem anderen, der vor dem »Monument« die Einäscherung seiner
geliebten Vaterstadt beweinte, die doch seither längst soviel glänzender
wiedererstanden ist? So wie diese beiden unpraktischen Londoner benehmen
sich aber die Hysterischen und Neurotiker alle; nicht nur, daß sie die
längst vergangenen schmerzlichen Erlebnisse erinnern, sie hängen noch
affektvoll an ihnen, sie kommen von der Vergangenheit nicht los und
vernachlässigen für sie die Wirklichkeit und die Gegenwart. Diese
Fixierung des Seelenlebens an die pathogenen Traumen ist einer der
wichtigsten und praktisch bedeutsamsten Charaktere der Neurose.
[9] Vielmehr die spätere Nachbildung eines solchen Denkmals. Der
Name _Charing_ selbst soll, wie mir Dr. E. _Jones_ mitteilte, aus
den Worten _Chère reine_ hervorgegangen sein.
Ich gebe Ihnen gern den Einwand zu, den Sie jetzt wahrscheinlich bilden,
indem Sie an die Krankengeschichte der _Breuer_schen Patientin denken.
Alle ihre Traumen entstammten ja der Zeit, da sie den kranken Vater
pflegte, und ihre Symptome können nur als Erinnerungszeichen für seine
Krankheit und seinen Tod aufgefaßt werden. Sie entsprechen also einer
Trauer, und eine Fixierung an das Andenken des Verstorbenen ist so kurze
Zeit nach dem Ableben desselben gewiß nichts Pathologisches, entspricht
vielmehr einem normalen Gefühlsvorgang. Ich gestehe Ihnen dieses zu; die
Fixierung an die Traumen ist bei der Patientin _Breuers_ nichts
Auffälliges. Aber in anderen Fällen, wie in dem von mir behandelten
Tic, dessen Veranlassungen um mehr als fünfzehn und zehn Jahre
zurücklagen, ist der Charakter des abnormen Haftens am Vergangenen sehr
deutlich, und die Patientin _Breuers_ hätte ihn wahrscheinlich
gleichfalls entwickelt, wenn sie nicht so kurze Zeit nach dem Erleben
der Traumen und der Entstehung der Symptome zur _kathartischen_
Behandlung gekommen wäre.
Wir haben bisher nur die Beziehung der hysterischen Symptome zur
Lebensgeschichte der Kranken erörtert; aus zwei weiteren Momenten der
_Breuer_schen Beobachtung können wir aber auch einen Hinweis darauf
gewinnen, wie wir den Vorgang der Erkrankung und der Wiederherstellung
aufzufassen haben. Fürs erste ist hervorzuheben, daß die Kranke
_Breuers_ fast in allen pathogenen Situationen eine starke Erregung zu
unterdrücken hatte, anstatt ihr durch die entsprechenden Affektzeichen,
Worte und Handlungen, Ablauf zu ermöglichen. In dem kleinen Erlebnis mit
dem Hund ihrer Gesellschafterin unterdrückte sie aus Rücksicht auf diese
jede Äußerung ihres sehr intensiven Ekels; während sie am Bette des
Vaters wachte, trug sie beständig Sorge, den Kranken nichts von ihrer
Angst und ihrer schmerzlichen Verstimmung merken zu lassen. Als sie
später diese selben Szenen vor ihrem Arzt reproduzierte, trat der damals
gehemmte Affekt mit besonderer Heftigkeit, als ob er sich solange
aufgespart hätte, auf. Ja, das Symptom, welches von dieser Szene
erübrigt war, gewann seine höchste Intensität, während man sich seiner
Verursachung näherte, um nach der völligen Erledigung derselben zu
verschwinden. Anderseits konnte man die Erfahrung machen, daß das
Erinnern der Szene beim Arzte wirkungslos blieb, wenn es aus irgend
einem Grunde einmal ohne Affektentwicklung ablief. Die Schicksale dieser
Affekte, die man sich als verschiebbare Größen vorstellen konnte, waren
also das Maßgebende für die Erkrankung wie für die Wiederherstellung.
Man sah sich zur Annahme gedrängt, daß die Erkrankung darum zu stande
kam, weil den in den pathogenen Situationen entwickelten Affekten ein
normaler Ausweg versperrt war, und daß das Wesen der Erkrankung darin
bestand, daß nun diese »eingeklemmten« Affekte einer abnormen Verwendung
unterlagen. Zum Teil blieben sie als dauernde Belastungen des
Seelenlebens und Quellen beständiger Erregung für dasselbe bestehen; zum
Teil erfuhren sie eine Umsetzung in ungewöhnliche körperliche
_Innervationen_ und _Hemmungen_, die sich als die körperlichen Symptome
des Falles darstellten. Wir haben für diesen letzteren Vorgang den Namen
der »_hysterischen Konversion_« geprägt. Ein gewisser Anteil unserer
seelischen Erregung wird ohnedies normalerweise auf die Wege der
körperlichen Innervation geleitet und ergibt das, was wir als »Ausdruck
der Gemütsbewegungen« kennen. Die hysterische Konversion übertreibt nun
diesen Anteil des Ablaufs eines mit Affekt besetzten seelischen
Vorganges; sie entspricht einem weit intensiveren, auf neue Bahnen
geleiteten Ausdruck der Gemütsbewegung. Wenn ein Strombett in zwei
Kanälen fließt, so wird eine Überfüllung des einen stattfinden, sobald
die Strömung in dem anderen auf ein Hindernis stößt.
Sie sehen, wir sind im Begriffe, zu einer rein psychologischen Theorie
der Hysterie zu gelangen, in welcher wir den Affektvorgängen den ersten
Rang anweisen. Eine zweite Beobachtung _Breuers_ nötigt uns nun, in der
Charakteristik des krankhaften Geschehens den Bewußtseinszuständen eine
große Bedeutung einzuräumen. Die Kranke _Breuers_ zeigte mannigfaltige
seelische Verfassungen, Zustände von Abwesenheit, Verworrenheit und
Charakterveränderung neben ihrem Normalzustand. Im Normalzustand wußte
sie nun nichts von jenen pathogenen Szenen und von deren Zusammenhang
mit ihren Symptomen; sie hatte diese Szenen vergessen oder jedenfalls
den pathogenen Zusammenhang zerrissen. Wenn man sie in die Hypnose
versetzte, gelang es nach Aufwendung beträchtlicher Arbeit, ihr diese
Szenen ins Gedächtnis zurückzurufen, und durch diese Arbeit des
Wiedererinnerns wurden die Symptome aufgehoben. Man wäre in großer
Verlegenheit, wie man diese Tatsache deuten sollte, wenn nicht die
Erfahrungen und Experimente des Hypnotismus den Weg dazu gewiesen
hätten. Durch das Studium der hypnotischen Phänomene hat man sich an die
anfangs befremdliche Auffassung gewöhnt, daß in einem und demselben
Individuum mehrere seelische Gruppierungen möglich sind, die ziemlich
unabhängig von einander bleiben können, von einander »nichts wissen«,
und die das Bewußtsein alternierend an sich reißen. Fälle solcher Art,
die man als »Double conscience« bezeichnet, kommen gelegentlich auch
spontan zur Beobachtung. Wenn bei solcher Spaltung der Persönlichkeit
das Bewußtsein konstant an den einen der beiden Zustände gebunden
bleibt, so heißt man diesen den _bewußten_ Seelenzustand, den von ihm
abgetrennten den _unbewußten_. In den bekannten Phänomenen der
sogenannten posthypnotischen Suggestion, wobei ein in der Hypnose
gegebener Auftrag sich später im Normalzustand gebieterisch durchsetzt,
hat man ein vorzügliches Vorbild für die Beeinflussungen, die der
bewußte Zustand durch den für ihn unbewußten erfahren kann, und nach
diesem Muster gelingt es allerdings, sich die Erfahrungen bei der
Hysterie zurechtzulegen. _Breuer_ entschloß sich zur Annahme, daß die
hysterischen Symptome in solchen besonderen seelischen Zuständen, die er
_hypnoide_ nannte, entstanden seien. Erregungen, die in solche hypnoide
Zustände hineingeraten, werden leicht pathogen, weil diese Zustände
nicht die Bedingungen für einen normalen Ablauf der Erregungsvorgänge
bieten. Es entsteht also aus dem Erregungsvorgang ein ungewöhnliches
Produkt, eben das Symptom, und dieses ragt wie ein Fremdkörper in den
Normalzustand hinein, dem dafür die Kenntnis der hypnoiden pathogenen
Situation abgeht. Wo ein Symptom besteht, da findet sich auch eine
Amnesie, eine Erinnerungslücke, und die Ausfüllung dieser Lücke schließt
die Aufhebung der Entstehungsbedingungen des Symptoms in sich ein.
Ich fürchte, daß Ihnen dieses Stück meiner Darstellung nicht sehr
durchsichtig erschienen ist. Aber haben Sie Nachsicht, es handelt sich
um neue und schwierige Anschauungen, die vielleicht nicht viel klarer
gemacht werden können; ein Beweis dafür, daß wir mit unserer Erkenntnis
noch nicht sehr weit vorgedrungen sind. Die _Breuer_sche Aufstellung der
_hypnoiden_ Zustände hat sich übrigens als hemmend und überflüssig
erwiesen und ist von der heutigen Psychoanalyse fallen gelassen worden.
Sie werden später wenigstens andeutungsweise hören, welche Einflüsse und
Vorgänge hinter der von _Breuer_ aufgestellten Schranke der hypnoiden
Zustände zu entdecken waren. Sie werden auch mit Recht den Eindruck
empfangen haben, daß die _Breuer_sche Forschung Ihnen nur eine sehr
unvollständige Theorie und unbefriedigende Aufklärung der beobachteten
Erscheinungen geben konnte, aber vollkommene Theorien fallen nicht vom
Himmel, und Sie werden mit noch größerem Recht mißtrauisch sein, wenn
Ihnen jemand eine lückenlose und abgerundete Theorie bereits zu Anfang
seiner Beobachtungen anbietet. Eine solche wird gewiß nur das Kind
seiner Spekulation sein können und nicht die Frucht voraussetzungsloser
Erforschung des Tatsächlichen.
II.
Meine Damen und Herren! Etwa gleichzeitig, während _Breuer_ mit seiner
Patientin die Talking cure übte, hatte Meister _Charcot_ in Paris jene
Untersuchungen über die Hysterischen der Salpêtrière begonnen, von denen
ein neues Verständnis der Krankheit ausgehen sollte. Diese Resultate
konnten damals in Wien noch nicht bekannt sein. Als aber etwa ein
Dezennium später _Breuer_ und ich die vorläufige Mitteilung über den
psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene veröffentlichten, welche
an die kathartische Behandlung bei _Breuers_ erster Patientin anknüpfte,
da befanden wir uns ganz im Banne der _Charcot_schen Forschungen. Wir
stellten die pathogenen Erlebnisse unserer Kranken als psychische
Traumen jenen körperlichen Traumen gleich, deren Einfluß auf hysterische
Lähmungen _Charcot_ festgestellt hatte, und _Breuers_ Aufstellung der
hypnoiden Zustände ist selbst nichts anderes als ein Reflex der
Tatsache, daß _Charcot_ jene traumatischen Lähmungen in der Hypnose
künstlich reproduziert hatte.
Der große französische Beobachter, dessen Schüler ich 1885/86 wurde, war
selbst psychologischen Auffassungen nicht geneigt; erst sein Schüler
P. _Janet_ versuchte ein tieferes Eindringen in die besonderen
psychischen Vorgänge bei der Hysterie, und wir folgten seinem Beispiele,
als wir die seelische Spaltung und den Zerfall der Persönlichkeit in das
Zentrum unserer Auffassung rückten. Sie finden bei _Janet_ eine Theorie
der Hysterie, welche den in Frankreich herrschenden Lehren über die
Rolle der Erblichkeit und der Degeneration Rechnung trägt. Die Hysterie
ist nach ihm eine Form der degenerativen Veränderung des Nervensystems,
welche sich durch eine angeborene Schwäche der psychischen Synthese
kundgibt. Die hysterisch Kranken seien von Anfang an unfähig, die
Mannigfaltigkeit der seelischen Vorgänge zu einer Einheit
zusammenzuhalten, und daher komme die Neigung zur seelischen
Dissoziation. Wenn Sie mir ein banales aber deutliches Gleichnis
gestatten, _Janets_ Hysterische erinnert an eine schwache Frau, die
ausgegangen ist, um Einkäufe zu machen, und nun mit einer Menge von
Schachteln und Paketen beladen zurückkommt. Sie kann den ganzen Haufen
mit ihren zwei Armen und zehn Fingern nicht bewältigen, und so entfällt
ihr zuerst ein Stück. Bückt sie sich, um dieses aufzuheben, so macht
sich dafür ein anderes los u. s. w. Es stimmt nicht gut zu dieser
angenommenen seelischen Schwäche der Hysterischen, daß man bei ihnen
außer den Erscheinungen verminderter Leistung auch Beispiele von
teilweiser Steigerung der Leistungsfähigkeit, wie zur Entschädigung,
beobachten kann. Zur Zeit, als _Breuers_ Patientin ihre Muttersprache
und alle anderen Sprachen bis auf Englisch vergessen hatte, erreichte
ihre Beherrschung des Englischen eine solche Höhe, daß sie im stande
war, wenn man ihr ein deutsches Buch vorlegte, eine tadellose und
fließende Übersetzung desselben vom Blatt herunterzulesen.
Als ich es später unternahm, die von _Breuer_ begonnenen Untersuchungen
auf eigene Faust fortzusetzen, gelangte ich bald zu einer anderen
Ansicht über die Entstehung der hysterischen Dissoziation (oder
Bewußtseinsspaltung). Eine solche, für alles weitere entscheidende,
Divergenz mußte sich notwendigerweise ergeben, da ich nicht wie _Janet_
von Laboratoriumsversuchen, sondern von therapeutischen Bemühungen
ausging.
Mich trieb vor allem das praktische Bedürfnis. Die kathartische
Behandlung, wie sie _Breuer_ geübt hatte, setzte voraus, daß man den
Kranken in tiefe Hypnose bringe, denn nur im hypnotischen Zustand fand
er die Kenntnis jener pathogenen Zusammenhänge, die ihm in seinem
Normalzustand abging. Nun war mir die Hypnose als ein launenhaftes und
sozusagen mystisches Hilfsmittel bald unliebsam geworden; als ich aber
die Erfahrung machte, daß es mir trotz aller Bemühungen nicht gelingen
wollte, mehr als einen Bruchteil meiner Kranken in den hypnotischen
Zustand zu versetzen, beschloß ich, die Hypnose aufzugeben und die
kathartische Behandlung von ihr unabhängig zu machen. Weil ich den
psychischen Zustand meiner meisten Patienten nicht nach meinem Belieben
verändern konnte, richtete ich mich darauf ein, mit ihrem Normalzustand
zu arbeiten. Das schien allerdings vorerst ein sinn- und aussichtsloses
Unternehmen zu sein. Es war die Aufgabe gestellt, etwas vom Kranken zu
erfahren, was man nicht wußte und was er selbst nicht wußte; wie konnte
man hoffen, dies doch in Erfahrung zu bringen? Da kam mir die Erinnerung
an einen sehr merkwürdigen und lehrreichen Versuch zu Hilfe, den ich bei
_Bernheim_ in _Nancy_ mitangesehen hatte. _Bernheim_ zeigte uns damals,
daß die Personen, welche er in hypnotischen Somnambulismus versetzt und
in diesem Zustand allerlei hatte erleben lassen, die Erinnerung an das
somnambul Erlebte doch nur zum Schein verloren hatten, und daß es
möglich war, bei ihnen diese Erinnerungen auch im Normalzustand zu
erwecken. Wenn er sie nach den somnambulen Erlebnissen befragte, so
behaupteten sie anfangs zwar, nichts zu wissen, aber wenn er nicht
nachgab, drängte, ihnen versicherte, sie wüßten es doch, so kamen die
vergessenen Erinnerungen jedesmal wieder.
So machte ich es also auch mit meinen Patienten. Wenn ich mit ihnen bis
zu einem Punkte gekommen war, an dem sie behaupteten, nichts weiter zu
wissen, so versicherte ich ihnen, sie wüßten es doch, sie sollten es nur
sagen, und ich getraute mich der Behauptung, daß die Erinnerung die
richtige sein würde, die ihnen in dem Moment käme, wenn ich meine Hand
auf ihre Stirn legte. Auf diese Weise gelang es mir, ohne Anwendung der
Hypnose, von den Kranken alles zu erfahren, was zur Herstellung des
Zusammenhangs zwischen den vergessenen pathogenen Szenen und den von
ihnen erübrigten Symptomen erforderlich war. Aber es war ein mühseliges,
ein auf die Dauer erschöpfendes Verfahren, das sich für eine endgültige
Technik, nicht eignen konnte.
Ich gab es jedoch nicht auf, ohne aus den dabei gemachten Wahrnehmungen
die entscheidenden Schlüsse zu ziehen. Ich hatte es also bestätigt
gefunden, daß die vergessenen Erinnerungen nicht verloren waren. Sie
waren im Besitze des Kranken und bereit, in Assoziation an das von ihm
noch Gewußte aufzutauchen, aber irgend eine Kraft hinderte sie daran,
bewußt zu werden und nötigte sie, unbewußt zu bleiben. Die Existenz
dieser Kraft konnte man mit Sicherheit annehmen, denn man verspürte eine
ihr entsprechende Anstrengung, wenn man sich bemühte, im Gegensatz zu
ihr die unbewußten Erinnerungen ins Bewußtsein des Kranken einzuführen.
Man bekam die Kraft, welche den krankhaften Zustand aufrecht erhielt,
als _Widerstand_ des Kranken zu spüren.
Auf diese Idee des Widerstandes habe ich nun meine Auffassung der
psychischen Vorgänge bei der Hysterie gegründet. Es hatte sich als
notwendig zur Herstellung erwiesen, diese Widerstände aufzuheben; vom
Mechanismus der Heilung aus konnte man sich jetzt ganz bestimmte
Vorstellungen über den Hergang bei der Erkrankung bilden. Dieselben
Kräfte, die heute als Widerstand sich dem Bewußtmachen des Vergessenen
widersetzten, mußten seinerzeit dieses Vergessen bewirkt und die
betreffenden pathogenen Erlebnisse aus dem Bewußtsein gedrängt haben.
Ich nannte diesen von mir supponierten Vorgang _Verdrängung_ und
betrachtete ihn als erwiesen durch die unleugbare Existenz des
_Widerstandes_.
Man konnte sich aber auch die Frage vorlegen, welches diese Kräfte und
welche die Bedingungen der Verdrängung seien, in der wir nun den
pathogenen Mechanismus der Hysterie erkennen. Eine vergleichende
Untersuchung der pathogenen Situationen, die man durch die kathartische
Behandlung kennen gelernt hatte, gestattete hierauf Antwort zu geben.
Bei all diesen Erlebnissen hatte es sich darum gehandelt, daß eine
Wunschregung aufgetaucht war, welche in scharfem Gegensatze zu den
sonstigen Wünschen des Individuums stand, sich als unverträglich mit den
ethischen und ästhetischen Ansprüchen der Persönlichkeit erwies. Es
hatte einen kurzen Konflikt gegeben, und das Ende dieses inneren Kampfes
war, daß die Vorstellung, welche als der Träger jenes unvereinbaren
Wunsches vor dem Bewußtsein auftrat, der Verdrängung anheimfiel und mit
den zu ihr gehörigen Erinnerungen aus dem Bewußtsein gedrängt und
vergessen wurde. Die Unverträglichkeit der betreffenden Vorstellung mit
dem Ich des Kranken war also das Motiv der Verdrängung; die ethischen
und anderen Anforderungen des Individuums waren die verdrängenden
Kräfte. Die Annahme der unverträglichen Wunschregung oder die Fortdauer
des Konflikts hätten hohe Grade von Unlust hervorgerufen; diese Unlust
wurde durch die Verdrängung erspart, die sich in solcher Art als eine
der Schutzvorrichtungen der seelischen Persönlichkeit erwies.
Ich will Ihnen anstatt vieler einen einzigen meiner Fälle erzählen, in
welchem Bedingungen und Nutzen der Verdrängung deutlich genug zu
erkennen sind. Freilich muß ich für meinen Zweck auch diese
Krankengeschichte verkürzen und wichtige Voraussetzungen derselben bei
Seite lassen. Ein junges Mädchen, welches kurz vorher den geliebten
Vater verloren hatte, an dessen Pflege sie beteiligt gewesen war -- eine
Situation analog der bei der Patientin _Breuers_ --, brachte, als ihre
ältere Schwester sich verheiratete, dem neuen Schwager eine besondere
Sympathie entgegen, die sich leicht als verwandtschaftliche Zärtlichkeit
maskieren konnte. Diese Schwester erkrankte bald und starb, während die
Patientin mit ihrer Mutter abwesend war. Die Abwesenden wurden eiligst
zurückgerufen, ohne in sichere Kenntnis des schmerzlichen Ereignisses
gesetzt zu werden. Als das Mädchen an das Bett der toten Schwester trat,
tauchte für einen kurzen Moment eine Idee in ihr auf, die sich etwa in
den Worten ausdrücken ließe: _Jetzt ist er frei und kann mich heiraten._
Wir dürfen als sicher annehmen, daß diese Idee, welche die ihr selbst
nicht bewußte intensive Liebe zum Schwager ihrem Bewußtsein verriet,
durch den Aufruhr ihrer Gefühle im nächsten Moment der Verdrängung
überliefert wurde. Das Mädchen erkrankte an schweren hysterischen
Symptomen, und als ich sie in Behandlung genommen hatte, stellte es sich
heraus, daß sie jene Szene am Bette der Schwester und die in ihr
auftretende häßlich-egoistische Regung gründlich vergessen hatte. Sie
erinnerte sich daran in der Behandlung, reproduzierte den pathogenen
Moment unter den Anzeichen heftigster Gemütsbewegung und wurde durch
diese Behandlung gesund.
Vielleicht darf ich Ihnen den Vorgang der Verdrängung und deren
notwendige Beziehung zum Widerstand durch ein grobes Gleichnis
veranschaulichen, das ich gerade aus unserer gegenwärtigen Situation
herausgreifen will. Nehmen Sie an, hier in diesem Saale und in diesem
Auditorium, dessen musterhafte Ruhe und Aufmerksamkeit ich nicht genug
zu preisen weiß, befände sich doch ein Individuum, welches sich störend
benimmt und durch sein ungezogenes Lachen, Schwätzen, Scharren mit den
Füßen meine Aufmerksamkeit von meiner Aufgabe abzieht. Ich erkläre, daß
ich so nicht weiter vortragen kann, und daraufhin erheben sich einige
kräftige Männer unter Ihnen und setzen den Störenfried nach kurzem
Kampfe vor die Tür. Er ist also jetzt »verdrängt« und ich kann meinen
Vortrag fortsetzen. Damit aber die Störung sich nicht wiederhole, wenn
der Herausgeworfene versucht, wieder in den Saal einzudringen, rücken
die Herren, welche meinen Willen zur Ausführung gebracht haben, ihre
Stühle an die Türe an und etablieren sich so als »Widerstand« nach
vollzogener Verdrängung. Wenn Sie nun noch die beiden Lokalitäten hier
als das »Bewußte« und das »Unbewußte« aufs Psychische übertragen, so
haben Sie eine ziemlich gute Nachbildung des Vorgangs der Verdrängung
vor sich.
Sie sehen nun, worin der Unterschied unserer Auffassung von der
_Janet_schen gelegen ist. Wir leiten die psychische Spaltung nicht von
einer angeborenen Unzulänglichkeit zur Synthese des seelischen Apparats
ab, sondern erklären sie dynamisch durch den Konflikt widerstreitender
Seelenkräfte, erkennen in ihr das Ergebnis eines aktiven Sträubens der
beiden psychischen Gruppierungen gegeneinander. Aus unserer Auffassung
erheben sich nun neue Fragestellungen in großer Anzahl. Die Situation
des psychischen Konflikts ist ja eine überaus häufige, ein Bestreben
des Ichs, sich peinlicher Erinnerung zu erwehren, wird ganz regelmäßig
beobachtet, ohne daß es zum Ergebnis einer seelischen Spaltung führt.
Man kann den Gedanken nicht abweisen, daß es noch anderer Bedingungen
bedarf, wenn der Konflikt die Dissoziation zur Folge haben soll. Ich
gebe Ihnen auch gern zu, daß wir mit der Annahme der Verdrängung nicht
am Ende, sondern erst am Anfang einer psychologischen Theorie stehen,
aber wir können nicht anders als schrittweise vorrücken und müssen die
Vollendung der Erkenntnis weiterer und tiefer eindringender Arbeit
überlassen.
Unterlassen Sie auch den Versuch, den Fall der Patientin _Breuers_ unter
die Gesichtspunkte der Verdrängung zu bringen. Diese Krankengeschichte
eignet sich hiezu nicht, weil sie mit Hilfe der hypnotischen
Beeinflussung gewonnen worden ist. Erst, wenn Sie die Hypnose
ausschalten, können Sie die Widerstände und Verdrängungen bemerken und
sich von dem wirklichen pathogenen Vorgang eine zutreffende Vorstellung
bilden. Die Hypnose verdeckt den Widerstand und macht ein gewisses
seelisches Gebiet frei zugänglich, dafür häuft sie den Widerstand an den
Grenzen dieses Gebietes zu einem Walle auf, der alles Weitere
unzugänglich macht.
Das Wertvollste, was wir aus der _Breuer_schen Beobachtung gelernt
haben, waren die Aufschlüsse über den Zusammenhang der Symptome mit den
pathogenen Erlebnissen oder psychischen Traumen, und nun dürfen wir
nicht versäumen, diese Einsichten vom Standpunkte der Verdrängungslehre
zu würdigen. Man sieht zunächst wirklich nicht ein, wie man von der
Verdrängung aus zur Symptombildung gelangen kann. Anstatt eine
komplizierte theoretische Ableitung zu geben, will ich an dieser Stelle
auf unser früher gebrauchtes Bild für die Verdrängung zurückgreifen.
Denken Sie daran, mit der Entfernung des störenden Gesellen und der
Niederlassung der Wächter vor der Türe braucht die Angelegenheit nicht
beendigt zu sein. Es kann sehr wohl geschehen, daß der Herausgeworfene,
der jetzt erbittert und ganz rücksichtslos geworden ist, uns weiter zu
schaffen gibt. Er ist zwar nicht mehr unter uns, wir sind seine
Gegenwart, sein höhnisches Lachen, seine halblauten Bemerkungen los
geworden, aber in gewisser Hinsicht ist die Verdrängung doch erfolglos
gewesen, denn er führt nun draußen einen unerträglichen Spektakel auf,
und sein Schreien und mit den Fäusten an die Türe Pochen hemmt meinen
Vortrag mehr als früher sein unartiges Benehmen. Unter diesen
Verhältnissen würden wir es mit Freuden begrüßen müssen, wenn etwa unser
verehrter Präsident Dr. _Stanley Hall_ die Rolle des Vermittlers und
Friedensstifters übernehmen wollte. Er würde mit dem ungebärdigen
Gesellen draußen sprechen und dann sich an uns mit der Aufforderung
wenden, ihn doch wieder einzulassen, er übernehme die Garantie, daß sich
jener jetzt besser betragen werde. Auf Dr. _Halls_ Autorität hin
entschließen wir uns dazu, die Verdrängung wieder aufzuheben und nun
tritt wieder Ruhe und Frieden ein. Es ist dies wirklich keine unpassende
Darstellung der Aufgabe, die dem Arzt bei der psychoanalytischen
Therapie der Neurosen zufällt.