Quandt unternimmt den letzten Sturm auf das Geheimnis

Obwohl eine Zeitlang von einer Strafversetzung Hickels die Rede war,

verlautete darüber nichts Näheres, und die Sache schien allmählich in

Vergessenheit zu geraten. Ohne Zweifel waren da allerlei verborgene

Einflüsse im Spiel, die den Polizeileutnant sicherstellten. »Dem Mann

ist nicht beizukommen,« sagten die Eingeweihten; »er ist zu gefährlich

und weiß zuviel.« Freilich war Hickel brauchbar im Dienst und von seinen

Untergebenen äußerst gefürchtet. Dabei wurde sein Lebenswandel immer

undurchdringlicher; außer im Kasino und im Amt sprach er mit keinem

Menschen. Auf der Polizeiwache saß er halbe Nächte, aber nur deswegen,

um seine Leute zu drangsalieren.

Sogar Quandt hatte ihn fürchten gelernt. Eines Nachmittags im Oktober,

der Lehrer saß mit seiner Frau und Caspar beim Kaffee, trat plötzlich

säbelrasselnd Hickel ins Zimmer, schritt ohne Gruß auf Caspar zu und

fragte herrisch: »Sagen Sie mal, Hauser, wissen Sie vielleicht etwas

über den Verbleib des Soldaten Schildknecht?«

Caspar wurde aschfahl. Der Polizeileutnant fixierte ihn mit glitzernden

Augen und donnerte, ungeduldig über das lange Schweigen: »Wissen Sie

etwas oder wissen Sie nichts? Reden Sie, Mensch, oder, so wahr mir Gott

helfe, ich lasse Sie auf der Stelle ins Gefängnis bringen!«

Caspar erhob sich. Ein Knopf seiner Joppe verwickelte sich in die

Fransen des Tischtuchs, und während er zurückwich, fiel die Kaffeekanne

um und das schwarze Gebräu ergoß sich über das Linnen.

Die Lehrerin tat einen Schrei; Quandt aber machte ein ärgerliches

Gesicht, denn das großspurige Auftreten des Polizeileutnants verdroß

ihn, auch war es ihm um so verwunderlicher, als Hickel gerade Caspar

gegenüber sich seit Monaten einer steifen und finsteren Zurückhaltung

beflissen hatte. »Was soll er denn mit dem Deserteur zu schaffen haben?«

sagte er unwillig.

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein!« brauste Hickel auf.

»Oho, Herr Polizeileutnant, in meinem Hause bitte ich mir ein

höflicheres Benehmen aus,« versetzte Quandt.

»Ach was! Sie sind ein Schwachmatikus, Herr Lehrer. Was nicht auf Ihrem

Mist wächst, das ästimieren Sie nicht. Überhaupt, was ist's denn? Zwei

Jahre sind's her, seit der Mensch bei Ihnen wohnt, und wir sind genau so

klug wie zuvor. Wenn das Ihre ganze Kunst war, dann lassen Sie sich nur

heimgeigen.«

Der Hieb saß. Quandt verbiß seinen Groll und schwieg.

»Aber es hat ein Ende jetzt,« fuhr Hickel fort; »ich werde mit dem

Hofrat reden, und der Hauser kommt zu mir in die Pflege.«

»Damit werden Sie mir bloß einen Gefallen erweisen,« erwiderte Quandt

und verließ hochaufgerichtet das Zimmer.

Die Lehrerin blieb mit gesenkten Augen sitzen. Hickel marschierte hastig

auf und ab und trocknete mit dem Ärmel seine Stirn. »Wie mir nur ist,

wie mir nur ist,« murmelte er fast verstört. Dann wandte er sich wieder

schimpfend an Caspar. »Unglückseliger, verdammt Unglückseliger! Was für

ein Teufel hat Sie geritten! Übrigens,« fügte er leise hinzu und stellte

sich neben Caspar, »der Bursche ist verhaftet und wird ausgeliefert.

Kommt auf die Plassenburg, der Kerl.«

»Das ist nicht wahr,« sagte Caspar, ebenfalls leise, gedehnt und etwas

singend. Er lächelte, dann lachte er, ja, er lachte, wobei sein Gesicht

stark erbleichte.

Hickel wurde stutzig. Er kaute an seiner Lippe und sah düster ins Leere.

Plötzlich griff er nach seiner Kappe, und mit einem bösen, eiligen Blick

auf Caspar entfernte er sich.

Quandt war nicht gesonnen, den Schimpf, den ihm der Polizeileutnant

angetan, auf sich sitzen zu lassen. Er beschwerte sich beim Hofrat

Hofmann, doch dieser schien nicht sehr bereit, sich einzumischen. Der

Lehrer nahm die Gelegenheit wahr, noch eine andre Sache zum Austrag zu

bringen.

Seit Feuerbachs Tod hatte der Hofrat die Oberaufsicht über Caspars

Pflege. Auf eine Hilfe wie die vom Grafen Stanhope war nicht mehr zu

rechnen, man hatte den Bürgermeister Enders und die Gemeinde um

Unterstützung angegangen, aber ein Beschluß war noch in der Schwebe.

Einstweilen erhielt Caspar vom Gericht eine kleine Lohnerhöhung für

seine Schreiberei; das Geld lieferte er pünktlich dem Lehrer ab. Die

beschränkten Verhältnisse erlaubten ihm nicht die geringste Freiheit in

seinen Ausgaben. Anfangs Oktober war er konfirmiert worden, und mit

Sehnsucht erwartete er das sogenannte Taggeld, das ihm von der Stadt

dafür ausgesetzt war. Ungehalten über die Verschleppung, wandte er sich

an den Pfarrer Fuhrmann; dieser riet ihm, er solle den Lehrer ersuchen,

aufs Gemeindeamt zu gehen, um die Auszahlung zu betreiben.

»So etwas tu' ich nicht, Herr Hofrat, ich mache nicht den Bittsteller,

mein Stolz erlaubt das nicht,« sagte Quandt.

Der Hofrat zuckte die Achseln. »Geben Sie ihm doch die paar Taler

einstweilen aus Ihrer Tasche,« sagte er, »man wird's Ihnen gewiß bald

ersetzen.«

»In Hinsicht auf den Hauser gibt es keine Gewißheiten,« versetzte

Quandt; »ich habe ohnehin Auslagen genug und weiß nicht, ob ich noch

lange so zusehen kann.«

Der Hofrat überlegte. »Er hat doch wohlhabende und reiche Freunde,«

sagte er dann, »die können doch helfen.«

»Ach du lieber Gott,« seufzte der Lehrer, »denen ist er viel zu

interessant, als daß sie an seine kleine Notdurft denken.«

»Ich will einmal morgen zu Ihnen kommen und den Hauser fragen, wozu er

denn eigentlich so dringend Geld braucht,« schloß der Hofrat das

Gespräch.

Des Abends kam Caspar noch spät in Quandts Zimmer und flehte ihn mit

aufgehobenen Händen an, ihn doch nicht aus dem Haus zu geben, er wolle

ja alles tun, was man von ihm verlange; »nur nicht zum Polizeileutnant,

alles, nur das nicht,« sagte er.

Der Lehrer beruhigte ihn nach Kräften und sagte, davon könne vorläufig

keine Rede sein, der Polizeileutnant habe ihn bloß schrecken wollen.

»Nein,« antwortete Caspar, »auch der Offiziant Maier hat heute auf dem

Gericht davon gesprochen.«

»Nun, Hauser, jetzt gebärden Sie sich aber wie ein kleiner Knabe und

sind doch schließlich ein erwachsener Mann,« sagte Quandt tadelnd. »Ich

kann das nicht ganz ernst nehmen, Sie lieben es zu übertreiben und sich

kindisch zu stellen. Der Polizeileutnant würde Ihnen auch nicht den Kopf

abbeißen, wennschon ich zugebe, daß er bisweilen etwas derbe Manieren

hat. Aber Sie sind ja jetzt auch ein Christ in des Wortes voller

Bedeutung, und ohne Zweifel haben Sie den Spruch schon gehört: Tue

deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt

sammelst.«

Caspar nickte. »Es steht ein Gesätzlein darüber in Dittmars

'Weizenkörnern',« erwiderte er.

»Ganz recht; wir haben es ja zusammen durchgenommen,« fuhr Quandt

lebhaft fort. »Wissen Sie was! Damit Sie das schöne Merkwort genau im

Gedächtnis behalten, schlage ich Ihnen vor, mir Ihre eignen Gedanken

darüber niederzuschreiben. Ich will es meinetwegen als ein Pensum für

sich betrachten und Sie können den ganzen morgigen Nachmittag dazu

verwenden.«

Caspar schien einverstanden.

Der Hofrat kam nicht, wie er versprochen, am nächsten, sondern erst am

zweitfolgenden Tag. Als er ins Zimmer trat, redete der Lehrer gerade mit

zornigen Gebärden auf Caspar ein. Auf die Frage des Hofrats, was Caspar

verbrochen habe, sagte Quandt: »Ich muß mich doch gar zu viel mit ihm

herumärgern. Vorgestern stellte ich ihm ein Thema für den deutschen

Aufsatz, er versprach mir, es auszuarbeiten, und er hatte den ganzen

gestrigen Nachmittag dazu Zeit. Soeben verlang' ich nun sein Heft, und

hier, überzeugen Sie sich selbst, Herr Hofrat, auch nicht eine Zeile hat

er geschrieben. Eine solche Trägheit ist himmelschreiend.«

Quandt reichte dem Hofrat das aufgeschlagene Heft: oben auf einer Seite

stand der Titel des Aufsatzes: Tue deinen Feinden Gutes, damit du

feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst; danach kam aber nichts und die

Seite war leer. »Warum haben Sie's denn nicht gemacht?« fragte der

Hofrat kühl.

Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman · 第 34 / 41 题