Caspar antwortete: »Ich kann nicht.«

»Das müssen Sie können!« rief Quandt. »Vorgestern haben Sie mir ja

erzählt, daß der Gegenstand in Ihrem Lesebuch behandelt ist, eine

Gedankenfolge zu finden, hätte Ihnen also nicht schwerfallen können,

wenn Sie dort angeknüpft hätten.«

»Probieren Sie's doch einmal, Hauser,« fiel der Hofrat besänftigend ein.

»Schreiben Sie meinetwegen nur ein paar Sätze nieder. Ich werde mich mit

dem Herrn Lehrer ins Nebenzimmer begeben, und wenn wir zurückkommen,

sollen Sie uns irgend etwas vorzeigen und den Beweis liefern, daß Sie

wenigstens den guten Willen haben.«

Quandt nickte und ging mit dem Hofrat hinaus. Als sie im Wohnzimmer

waren, übergab der Hofrat dem Lehrer zwei Golddukaten und sagte, die

seien von Frau von Imhoff, der er Caspars Verlegenheit geschildert habe;

die gütige Dame habe sich noch hoch entschuldigt, daß es nur so wenig

sei, aber sie habe über das Geld keine freie Verfügung. »Übrigens war

der Hauser gestern bei mir,« fuhr der Hofrat fort, »und zwar kam er, um

mich zu bitten, ich möchte es doch verhindern, daß er dem

Polizeileutnant in Pflege gegeben werde.«

»Es ist doch des Teufels; er belästigt alle Leute mit seinen kindischen

Miseren,« klagte Quandt, »auch mich hat er schon darum angegangen.«

»Vor dem Hickel scheint er ja eine Heidenangst zu haben.«

»Ja, der Polizeileutnant ist eben sehr streng mit ihm.«

»Ich sagte ihm, daß von meiner Seite eine solche Absicht nicht

vorliege, und er möge nur seine Pflicht tun, dann werde ihm niemand zu

nahe treten.«

»Sehr wahr.«

»Wir redeten noch über seine Geldkalamität, und da wollte er nicht mit

der Farbe heraus. Ich versprach, ihm zu seinem Geburtstag fünf Taler zu

schenken, und fragte ihn, wann er Geburtstag habe. Darauf antwortete er

traurig, das wisse er nicht, und ich muß gestehen, es war da etwas in

seinem Wesen, was mich rührte. Aber sonst schien er mir doch gar zu

schmeichlerisch, und sein freundlich Geblinzel und Getue mißfiel mir.«

»Leider, leider, schmeichlerisch ist er, da haben Sie recht, Herr

Hofrat; besonders wo er seine Pläne durchsetzen will.«

Nach diesem Meinungsaustausch kehrten sie wieder zu Caspar zurück. Er

saß am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. »Na, was haben Sie

fertiggebracht?« rief der Hofrat jovial. Er nahm das Heft, stutzte, da

er nur einen einzigen Satz geschrieben fand, und las vor: »Wenn sie dir

Übles an deinem Körper zugefügt haben, tue ihnen Gutes dafür.« -- »Das

ist alles, Hauser?«

»Sonderbar,« murmelte Quandt.

Der Hofrat stellte sich vor Caspar hin, drehte den Kopf gegen die

Schulter und begann unvermittelt: »Sagen Sie mal, Hauser, wen haben Sie

denn eigentlich von allen Menschen, die Sie bisher kennen gelernt haben,

am meisten liebgewonnen?« Sein Gesicht sah pfiffig aus; er hatte von

seinem Amt als Gerichtsfunktionär die Manier behalten, auch das Harmlose

mit einem Ausdruck von säuerlichem Spott zu äußern.

»Stehen Sie doch auf, wenn der Herr Hofrat mit Ihnen spricht,«

flüsterte der Lehrer Caspar zu.

Caspar stand auf. Er blickte ratlos vor sich hin. Er witterte eine Falle

hinter der Frage. Er dachte plötzlich: Wahrscheinlich ist der Lehrer

darum so böse, daß ich den Aufsatz nicht gemacht habe, weil er glaubt,

ich halte ihn für meinen Feind. Er schaute zu Quandt hinüber und sagte

versonnen: »Den Herrn Lehrer hab' ich am liebsten.«

Der Hofrat wechselte mit Quandt einen Blick des Einverständnisses und

räusperte sich bedeutsam.

Aha, ein Bestechungsversuch, dachte Quandt und war stolz darauf, nicht

im mindesten von der Antwort erbaut zu sein.

Caspars Leben wurde nun immer einförmiger und zurückgezogener. Er hatte

niemand, mit dem er eine vertrauliche Unterhaltung führen konnte. Frau

von Kannawurf ließ auch nichts von sich hören, und das wurmte ihn denn

doch, trotzdem er behauptet hatte, an Briefen sei ihm nichts gelegen. Wo

war sie überhaupt? Lebte sie noch? Er mochte oft nicht ausgehen, alle

Wege waren ihm verhaßt, jede Verrichtung fand ihn lau. Zudem war das

Wetter immer schlecht, der November brachte gewaltige Stürme, und so saß

er in der freien Zeit auf seinem Zimmer, glitt mit den Blicken über die

Hügelränder oder streifte bang den Himmel und sinnierte unablässig. Er

wartete, wartete. Einmal ging er insgeheim in die Kaserne und erkundigte

sich vorsichtig, ob man dort etwas über Schildknecht wisse. Man konnte

ihm keine Auskunft geben. Das nährte die verflackernde Hoffnungsflamme,

aber in den darauffolgenden Tagen fühlte er sich krank und wollte sich

des Morgens kaum zum Verlassen des Bettes entschließen. Es kamen noch

manchmal Fremde zu Besuch; er verhielt sich störrisch und einsilbig.

Wenn er aufgefordert wurde, in Gesellschaft zu gehen, sagte er bitter:

»Was soll mir das Schwätzen?« Als er eines Abends über den Schloßplatz

ging und an der mächtigen Fassade mit den hohen, immer geschlossenen

Fenstern emporsah, glaubte er in den leergedachten Sälen übergroße

Gestalten wahrzunehmen, die ihn feindselig beobachteten. Sie schienen

alle in Purpur gekleidet, mit goldenen Ketten um den Hals. Ein

grenzenlos ermattender Schmerz drückte ihn nieder, und er war nahe

daran, sich auf das Pflaster zu werfen und zu heulen gleich einem Hund.

Er fühlte sich so kalt, so trüb. In einer Nacht träumte er, er sähe auf

einem grünen Steinblock eine goldene Schale und darauf lagen fünf

seltsam qualmende Herzen, doch nicht in natürlicher Form, sondern so wie

Lebküchner die Herzen backen; er stand davor und sagte laut: »Das ist

meines Vaters Herz, das ist meiner Mutter Herz, das ist meines Bruders

Herz, das ist meiner Schwester Herz, das ist mein eignes Herz.« Sein

eignes lag oben und hatte zwei lebendige, traurige Augen.

Nicht selten hatte er das bestimmte Gefühl von der fernen Wirkung einer

überaus teuern Person. Die Person handelte, sprach und litt für ihn,

aber eine Welt lag dazwischen, und was auch immer sie unternahm, konnte

die Weite zwischen ihm und ihr nicht verringern. Er spürte unheimliche

Vorgänge so deutlich, daß er oft dastand und lauschte wie auf ein

Gespräch hinter einer dünnen Wand. Und er faltete die Hände unterm Kinn

und lächelte ängstlich.

Blind hätte der Lehrer sein müssen, wenn er von alledem nichts bemerkt

hätte. Seine Beobachtungen sammelte er sozusagen unter einem Titel, und

dieser Titel lautete: Der Kampf mit dem schlechten Gewissen. »Ich habe

kein Wohlwollen mehr für den Menschen,« erklärte Quandt, »ich habe kein

Wohlwollen mehr für ihn, seit ich gesehen habe, wie gleichgültig ihn die

Katastrophe mit dem Lord gelassen hat. War mir selbst doch zumut, als

hätte ich einen Bruder verloren, und er wollte sich nicht einmal zu

einer den Schein wahrenden Trauer verstellen. Er hat ein Herz von Stein

und eine ganz pöbelhafte Undankbarkeit.«

Wir sehen den Lehrer gleichsam hinter einer Hecke, wir sehen ihn lauern,

wir sehen, wie er mannigfaltige Nachrichten über Caspar aus früheren

Jahren zusammenträgt, Fakten und Umstände, die er mit dem Spürsinn eines

Untersuchungsrichters aufstöbert, deutet, beleuchtet und still zum Zweck

bereithält. Wir sehen ihn in Haß entbrennen gegen den ewig Verstockten,

immer Verschlossenen, und wir können nicht umhin, ihn einem Menschen

ähnlich zu finden, den ein Irrlicht so lange geneckt und gelockt hat,

bis er endlich in eine Art von rasender Trunkenheit gerät.

Zu Anfang Dezember, es war an einem Donnerstag, abends nach Tisch,

fragte Quandt Caspar, ob er seine Übersetzung für morgen schon fertig

habe. Caspar erwiderte in ernster Stimmung, doch mit unaufrichtiger

Freundlichkeit, wie es Quandt vorkam, ja, er sei damit fertig. Quandt

nahm das Buch, zeigte ihm, wie groß die Aufgabe sei, und fragte noch

einmal, ob er denn wirklich so weit übersetzt habe.

Caspar bejahte. »Ich bin sogar noch um einen Absatz weitergekommen,«

sagte er.

Quandt glaubte es nicht; es war ihm unwahrscheinlich; die Aufgabe

enthielt ein paar Fälle, mit denen Caspar nicht allein hätte fertig

werden können und bei denen er seine Hilfe unbedingt hätte in Anspruch

nehmen müssen. Indes fand er es für gut, im Beisein seiner Frau nichts

weiter zu bemerken, sondern ihn ungestört auf sein Zimmer gehen zu

lassen.

Ungefähr fünf Minuten später ergriff Quandt das lateinische

Elementarbuch und folgte Caspar. Caspar hatte die Tür schon zugeriegelt,

und bevor er öffnete, fragte er, ob der Lehrer noch etwas wünsche.

»Machen Sie auf!« befahl Quandt kurz. Als er drinnen war, las er ihm

einige willkürlich herausgerissene Sätze vor und ersuchte ihn zu sagen,

wie er es übersetzt habe. Caspar schwieg eine Weile, dann entgegnete er,

er habe bloß präpariert, er wolle erst jetzt übersetzen. Quandt blickte

ihn ruhig an, sagte ausdrucksvoll: »So,« wünschte gute Nacht und

entfernte sich.

Drunten erzählte er den Sachverhalt seiner Frau, und sie kamen überein,

daß dahinter ein bübischer Trotz stecke, weiter nichts. Am andern Morgen

berichtete er auch dem Hofrat darüber, dieser schrieb ein kurzes

Briefchen an Caspar und gab es dem Lehrer mit. Caspar las das Schreiben

in Quandts Gegenwart, und als er zu Ende war, reichte er es dem Lehrer,

sichtlich verstimmt. In dem Brief warnte ihn der Hofrat schonend vor

Eigenschaften, denen nur gemeine Naturen sich überließen, die jedoch, so

war der Wortlaut, »unserm Hauser leider nicht fremd zu sein scheinen«.

Am selben Abend, wiederum nach dem Nachtmahl, brachte Quandt eines der

Übungshefte Caspars zum Vorschein und sagte: »Aus diesem Heft ist ein

Blatt herausgeschnitten, Hauser. Sie wissen doch, daß ich Ihnen das

schon zahllose Male verboten habe.«

»Ich hatte in das Blatt einen Flecken gemacht, und den wollte ich nicht

in der Schrift haben,« versetzte Caspar.

Statt aller Antwort forderte Quandt den Jüngling auf, mit ihm in sein

Studierzimmer zu kommen. Seiner Frau sagte er, sie möge die Kerze

anzünden, ergriff die Lampe und schritt voran. Im andern Zimmer

angelangt, schloß er sorgfältig beide Türen, hieß Caspar Platz nehmen

und begann: »Sie werden mir doch wohl nicht zumuten, daß ich Ihre

Ausrede für bare Münze nehme?«

»Was für eine Ausrede?« fragte Caspar matt.

»Nun, das mit dem Flecken. Ich glaube nicht an diesen Flecken.«

»Warum wollen Sie es denn nicht glauben?«

»Sie kennen doch das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,

und wenn er auch die Wahrheit spricht. Sie, lieber Freund, lügen öfter

als einmal.«

»Ich lüge nicht,« erwiderte Caspar ebenso matt und tonlos.

»Das getrauen Sie sich mir ins Gesicht zu behaupten?«

»Ich weiß nicht, daß ich lüge.«

»O, schelmischer Rabulist!« rief Quandt bitter. »Wenn ich Ihre häufigen

Unwahrheiten nicht jedesmal berede, so bestimmt mich dazu die nach und

nach gewonnene Einsicht, daß ich Sie von dem Übel doch nicht heilen

kann. Wozu also soll ich mich vergeblich grämen? Sie sind gewohnt, so

lange nein zu sagen, bis man Sie dermaßen überführt hat, daß Sie nicht

mehr nein sagen können, und dann sprechen Sie dennoch kein Ja.«

»Soll ich ja sagen, wenn nein ist? Beweisen Sie mir, daß ich gelogen

habe.« Caspar sah den Lehrer mit einem jener Blicke an, die dieser als

tückisch zu bezeichnen pflegte.

»Ach, Hauser, wie schmerzt es mich, Sie mir gegenüber so zu sehen,«

versetzte Quandt. »Ich bin um Beweise nicht verlegen und habe so viele,

daß ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Erinnern Sie sich nicht an

die Geschichte mit dem Leuchter? Sie behaupteten, die Handhabe sei

abgebrochen, und es ist doch unwiderleglich nachgewiesen, daß sie

abgeschmolzen war?«

»Es war so, wie ich gesagt habe.«

»Damit lasse ich mich nicht abspeisen. Sie können übrigens versichert

sein, daß ich mir den Vorfall mit allem Fleiß notiert habe, nämlich

schriftlich, um nötigenfalls vollständige Rechenschaft über Sie geben zu

können.«

Caspar machte ein sehr betroffenes Gesicht; er schwieg.

»Und weiter, betrachten wir einen Fall jüngsten Datums,« fuhr Quandt

fort; »es war doch einerlei, ob Sie vorgestern mit der Übersetzung

fertig waren oder ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten. Da Sie

tagsüber beschäftigt waren, so konnten und durften Sie die Arbeit

abends machen. Warum sagten Sie, Sie seien fertig, während Sie nicht das

geringste daran getan hatten?«

»Ich habe gemeint, Sie fragen, ob ich präpariert hätte.«

»Lächerlich. Sie hatten neulich schon die Frechheit, meine Worte einfach

zu verdrehen. Ich habe deutlich gefragt: Haben Sie Ihre Übersetzung

gemacht? Meine Frau war zugegen und ist Zeuge.«

»Wenn Sie es gesagt haben, habe ich's eben anders verstanden.«

»Die gewohnten Ausflüchte. Sie hatten ja nicht einmal präpariert. Das

können Sie jemand aufbinden, der Sie nicht so genau kennt wie ich. Ich

wünschte, ich hätte Sie nie kennen gelernt; am Ende kommt man durch Sie

noch um den Ruf eines redlichen Mannes. Aber Sie werden durchschaut,

nicht nur von mir, sondern auch von andern. Es gibt nur noch wenig

Familien, bei denen Sie für liebenswürdig und aufrichtig gelten; die

meisten sehen ein, daß Sie eine alltägliche Einbildung und einen

niedrigen Hochmut besitzen, daß Sie gleichgültig und anmaßend gegen

weniger Vornehme sind, sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden. Und

was Ihre Verlogenheit betrifft, so bin ich erbötig, Ihnen in jedem

einzelnen Fall auf den Kopf zuzusagen, ob Sie bei der Wahrheit geblieben

sind, was in und außer Ihrem Horizont liegt, was Ihre Aufmerksamkeit

fesseln kann und was nicht. Ich gebe Ihnen ein artiges Exempelchen aus

der letzten Zeit. Es war beim Mittagstisch die Rede vom Regierungsrat

Fließen. Meine Frau meinte, es sei dem guten alten Mann unangenehm, daß

er nicht bei den Seinen in Worms sein könne. Ich bemerkte hierauf, daß

der Regierungsrat eine große Verwandtschaft im Rheinkreis und so und so

viele Enkel habe. Darauf sagten Sie: Elf Enkel hat er, es wurde beim

Generalkommissär davon gesprochen. Ich antwortete, daß ich von neunzehn

Enkeln gehört, Sie versicherten aber, es seien elf. Ich wußte dem nun

allerdings nichts entgegenzusetzen, aber das wußte ich bestimmt, daß Sie

die Zahl nur in der Geschwindigkeit aufgegriffen hatten, um uns zu

imponieren, um den Namen des Generalkommissärs in den Mund nehmen zu

können und uns zu zeigen, daß Sie mit den Verhältnissen der Personen

vertraut seien, die jenes Haus besuchten. Hand aufs Herz: ist's nicht

so?«

»Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewiß.«

»Das glaube ich nicht.«

»Doch.«

»Pfui, schämen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der

Lüge zu beharren. Dazu gehört ein hoher Grad von Erbärmlichkeit, um

nicht zu sagen Nichtswürdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig

gelegen, aber Ihre fortgesetzte dreiste Behauptung läßt tief blicken.

Sie zeigt, daß Sie nie einen Fehler auf eigne Rechnung nehmen, daß Sie

nie eine Schwäche zugestehen wollen und es dabei aufs Äußerste ankommen

lassen. In der ersten freien Stunde werde ich den Regierungsrat selbst

fragen, wie viele Enkel er hat. Sind es wirklich elf, so werde ich Ihnen

gehörige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie in einer Weise

beschämen, daß Sie an mich denken sollen.«

Caspar senkte ergeben den Kopf.

»Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch,

lieber Freund,« begann Quandt nach einer Pause, während welcher man den

Sturmwind gegen die Fenster donnern und im Kamin wimmern hörte. »Es ist

jetzt endlich an der Zeit, daß Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem

Schicksal ungeheuchelten Anteil nimmt, reinen Wein einschenken. Sie

scheinen immer noch der Meinung, die ganze Welt stehe Ihrem Märchen von

der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der hohen Abkunft gläubig

gegenüber. Sie befinden sich in einem schmählichen Irrtum, lieber

Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem

rätselhaften Vorgang beschäftigt, aber nach und nach sind doch alle

vernünftigen Menschen zu der Einsicht gelangt, daß sie das Opfer --

lassen Sie mich die Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden

waren. Ich kann mir wohl denken, Hauser, daß Sie den Anschlag

ursprünglich nicht so weit treiben wollten. Im vorigen Winter, als die

Schrift des Präsidenten erschienen war, da zeigten Sie sich selbst

erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an ein

Kind, das ein bißchen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das

ganze Haus in Flammen sieht. Sie fürchteten, den Futterplatz zu

verlieren, den Sie sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie

mußten gerade da eine Entdeckung und die wohlverdiente Strafe fürchten,

wo Ihre verblendeten Freunde das Glück für Sie sahen. Prüfen Sie sich

doch in Ihrem Innern, ob ich nicht recht habe.«

Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge.

»Schön; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen,« fuhr Quandt mit

düsterer Befriedigung fort. »Es ist nun wieder still um Sie geworden,

Hauser. Eigentümlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr

recht um Sie kümmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor

der angebliche Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet

hat. Kein Mensch unter all den vielen Tausenden, welche die Stadt

Nürnberg bewohnen, hat zur kritischen Zeit oder später eine Person

beobachtet, die auch nur im entferntesten im Zusammenhang mit einer

solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde glaubten trotzdem

an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen Kerkermeister

glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll.

Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tür

gesetzt. Er wird wohl gewußt haben, warum. Und heute steht Ihre Sache

so, daß Sie sich entschließen müssen. Ihre mächtigsten Gönner, der

Staatsrat, der Lord Stanhope, die Frau Behold, haben das Zeitliche

verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen Wink des Himmels? Es hat ja

nun keinen Zweck mehr für Sie, die Fiktion aufrechtzuerhalten. Sie sind

doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein nützliches Glied der

menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser, eröffnen

Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!«

»Ja, was soll ich denn sprechen?« fragte Caspar dumpf und langsam, indes

seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht

lauter greisenhafte Falten entstanden.

Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand. »Die

Wahrheit sollen Sie sprechen!« rief er beschwörend. »Ach, Hauser, es ist

ja ein Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen

gespensterhaft aus jedem Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemüt ist bedrückt. Auf!

die gequälte Brust, Hauser! Lassen Sie endlich einmal die Sonne

hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die Wahrheit! Die Wahrheit!« Er

packte Caspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm mit seinen Händen

das Geheimnis entreißen.

Was denn? Was denn? dachte Caspar, und sein Blick flatterte wehevoll

umher.

»Ich will Ihnen entgegenkommen,« sagte Quandt. »Knüpfen wir an ein

Greifbares an. Als Sie nach Nürnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie

trugen in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bücher, es

waren alte Mönchsschriften, darunter eine mit dem Titel: Kunst, die

verlorenen Jahre einzubringen. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat

Ihnen die Bücher gegeben?«

»Wer? Der, bei dem ich gewesen.«

»Das ist ja klar,« versetzte Quandt mit erregtem Lächeln, »aber Sie

sollen mir sagen, wie der hieß, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich

doch nicht für so närrisch halten, daß ich glaube, Sie wüßten das nicht.

Ohne Zweifel war es doch Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder

ein Spielgenosse, gleichviel. Hauser! Stellen Sie sich vor, Sie befänden

sich vor Gottes Angesicht. Und Gott würde fragen: Woher kommst du? Wo

ist deine Heimat, der Ort, wo du geboren bist? Wer hat dir einen

falschen Namen angedichtet und wie heißt du mit dem Namen, den du in der

Wiege empfangen hast? Wer hat dich unterrichtet und angelernt, die

Menschen zu täuschen? Was würden Sie in Ihrer Seelennot antworten, was

antworten, wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte,

zur Sühnung des verübten Trugs?«

Caspar starrte den Lehrer atemlos an. Das Blut stockte ihm. Die ganze

Welt verkehrte sich ihm.

»Was würden Sie antworten?« wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen

Angst und Hoffnung; ihm schien es, als sei er nahe daran, die

verschlossene Pforte zu sprengen.

Caspar stand schwerfällig auf und sagte mit zuckendem Mund: »Ich würde

antworten: Du bist kein Gott, wenn du solches von mir verlangst.«

Quandt prallte zurück und schlug die Hände zusammen. »Lästerer!« schrie

er mit durchdringender Stimme. Dann streckte er den rechten Arm aus und

rief: »Hebe dich weg, du Unzucht, du verfluchter Lügengeist! Hinaus mit

dir, Infamer! Besudle meine Luft nicht länger!«

Caspar kehrte sich um, und während er nach der Türklinke tastete,

krächzte hinter ihm die Wanduhr zehn Schläge in das Sturmgebrodel.

Seufzend, schlaflos wälzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen.

Seine Heftigkeit mochte ihn gereuen, denn im Lauf des folgenden Tages

suchte er sich Caspar wieder zu nähern. Aber Caspar blieb kalt und in

sich gekehrt. Abends brachte Quandt das Gespräch auf den Regierungsrat

Fließen; er sagte, daß er sich erkundigt habe, und rief Caspar scherzend

zu: »Achtzehn Enkel, Hauser, achtzehn sind es! Na, sehen Sie, daß ich

recht gehabt habe?«

Caspar schwieg.

»Aber Hauser, Sie essen ja gar nichts mehr,« sagte die Lehrerin besorgt.

»Ich habe keinen Appetit,« erwiderte Caspar; »kaum daß ich angefangen

habe zu essen, bin ich auch schon satt.«

Am Mittwoch, dem elften Dezember, kam Quandt verspätet und sehr erregt

zu Tisch. Er hatte auf dem Heimweg von der Schule einen heftigen

Auftritt mit einem Fuhrknecht gehabt, der in der bergigen Pfarrgasse

sein Pferd zuschanden geschlagen hatte, weil es den schwerbeladenen

Wagen nicht zum Hafenmarkt hinaufziehen konnte. Quandt hatte dem rohen

Kumpan Vorstellungen gemacht und einige hinzukommende Bürger zu Zeugen

der unmenschlichen Quälerei angerufen. Dafür war der Fuhrknecht mit

erhobenem Peitschenstiel auf ihn losgegangen und hatte ihn angebrüllt,

er solle sich zum Teufel scheren und sich nicht um Sachen kümmern, die

ihn nichts angingen. »Gott sei Dank ist mir der Name des Kerls bekannt,

und ich werde dem Polizeileutnant darüber Meldung erstatten,« schloß

Quandt. Er wurde nicht müde zu beschreiben, wie der armselige Klepper

vor dem Gefährt immer wieder vergeblich an den Strängen gezerrt habe und

wie das schwarze Blut unter seinen Rippen hervorgequollen sei. »Der

Spitzbube,« grollte er, »ich werde es ihm zeigen, ein Tier so zu

rackern.«

Nachher, als Caspar weggegangen war, fragte ihn seine Frau, ob es ihm

denn nicht aufgefallen sei, daß Caspar gar kein Wort über die Geschichte

fallen gelassen habe.

»Ja, er war ganz stumm, es ist mir aufgefallen,« bestätigte Quandt.

Eine halbe Stunde darauf ging er in Caspars Zimmer und bat ihn, die

schriftliche Anzeige gegen den Fuhrknecht, die er verfaßt hatte, in der

Wohnung Hickels abzugeben. Um drei Uhr kehrte Caspar mit der Nachricht

zurück, der Polizeileutnant habe einen mehrtägigen Urlaub genommen und

sei verreist.

#Aenigma sui temporis#

Es geschah am übernächsten Tage, einem Freitag, als Caspar kurz nach

zwölf das Gerichtsgebäude verlassen wollte, daß er im Korridor vor der

unteren Treppe von einem fremden Herrn angesprochen wurde, einem

anscheinend sehr vornehmen Mann, der groß und schlank war, einen

schwarzen Backen- und Kinnbart trug, und der ihn aufforderte, ihm wenige

Minuten Gehör zu schenken.

Caspar stutzte, denn in der Stimme des Mannes war etwas sehr Dringliches

und etwas sehr Achtungsvolles.

Sie gingen ein paar Schritte seitwärts von der Treppe, wo niemand

vorüberkommen konnte. Der Fremde lächelte ermutigend, als er Caspars

scheues Wesen bemerkte, und begann sogleich in derselben dringlichen und

achtungsvollen Weise: »Sie sind Caspar Hauser? Bis heute sind Sie es

gewesen. Morgen werden Sie diesen Namen abstreifen. Wie mich schon der

erste Blick in Ihr Gesicht belehrt und erschüttert hat! Prinz, mein

Prinz! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen.«

Er bückte sich rasch und küßte ehrfurchtsvoll Caspars Hand.

Caspar hatte keine Worte. Er sah aus wie einer, dem plötzlich das Herz

stillsteht.

»Ich komme vom Hof, ich komme als Abgesandter Ihrer Mutter, ich komme,

Sie zu holen,« fuhr der Fremde fort, nicht weniger hastig, nicht weniger

respekterfüllt. »Ich vermute, daß Sie seit langem darauf vorbereitet

sind. Doch müssen wir auf der Hut sein. Wir haben große Hindernisse zu

scheuen. Sie müssen mit mir entfliehen. Alles ist bereit. Die Frage ist

nur, ob Sie willens sind, sich ohne Rückhalt mir anzuvertrauen, und ob

ich auf Ihre unbedingte Verschwiegenheit rechnen darf?«

Wie sollte Caspar imstande sein, darauf zu antworten? Er schaute in das

Gesicht des Mannes, das ihm in jeder Beziehung außergewöhnlich, ja

märchenhaft erschien, und mit stupider Aufmerksamkeit haftete sein Blick

auf den zahllosen kleinen Blatternarben, die auf der Nase und den Wangen

des Fremden sichtbar waren.

»Ihr Schweigen ist für mich beredt,« sagte der Fremde mit einer

schnellen Verbeugung. »Der Plan ist der: Sie finden sich morgen

nachmittag um vier Uhr im Hofgarten ein, und zwar neben der Lindenallee,

wenn man vom Freibergschen Haus kommt. Man wird Sie von dort zu einem

bereitstehenden Wagen führen. Die einbrechende Dunkelheit wird unsre

Flucht begünstigen. Kommen Sie ohne Mantel, so wie Sie sind; Sie werden

standesgemäße Kleider finden. Bei der ersten Raststation an der Grenze,

die wir in drei Stunden erreichen können, werden Sie sich umkleiden. Ich

bin Ihnen unbekannt. Sie sollen sich dem Unbekannten nicht auf Treu und

Glauben übergeben. Bevor Sie in den Wagen steigen, werde ich Ihnen ein

Zeichen behändigen, an dem Sie unzweifelhaft erkennen werden, daß ich zu

meinem Auftrag von Ihrer Mutter bevollmächtigt bin.«

Caspar rührte sich nicht. Nur sein ganzer Körper schwankte ein wenig,

als wäre er erstarrt und der Wind drohe ihn umzublasen.

»Darf ich dies alles als abgemacht ansehen?« fragte der Fremde.

Er mußte die Frage wiederholen. Da nickte Caspar -- ernsthaft, schwer,

und auf einmal war ihm die Kehle wie verbrannt.

»Werden Sie sich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platze einfinden,

mein Prinz?«

Mein Prinz! Caspar wurde leichenblaß. Er schaute wieder die

Blatternarben mit verzehrender Aufmerksamkeit an. Dann nickte er

abermals, mit einer Bewegung, die den Schein von Kälte oder von

Verschlafenheit hatte.

Der Fremde lüpfte mit demutsvoller Höflichkeit den Hut; hierauf ging er

und verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse.

Während des ganzen Auftrittes, der etwa acht bis zehn Minuten gedauert

hatte, war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen.

War es Freude, die Caspar empfand? War Freude so beschaffen, daß einen

dabei fror bis ins Mark? Daß beständig Schauder über den Rücken liefen

wie kaltes Wasser?

Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne, weil

er glaubte, der Erdboden sinke unter seinen Füßen. Menschen, geht mir

aus dem Weg, dachte er; weh mich nicht an, Schnee; Wind, sei nicht so

wild. Er betrachtete seine Hand und berührte mit der Spitze seines

Fingers starr nachdenklich die Stelle, auf die der Fremde ihn geküßt.

Warum arbeiten die Schustergesellen noch, es ist ja Mittagszeit,

grübelte er, als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte. Unaufhörlich

rannen die Schauder über den Nacken herab.

Es war schön, zu wissen, daß mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit

jedem Gedanken Zeit verging. Denn darum handelte es sich jetzt ganz

allein: daß die Zeit verging.

Als er nach Hause kam, sagte er zur Magd, er wolle nichts essen, und

sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er stellte sich ans Fenster, und

während ihm die Tränen über die Backen liefen, sagte er: »Dukatus ist

gekommen.«

Seine Gedanken hatten etwas von einem nächtlichen Flug wilder Vögel. Bis

heute war ich Caspar Hauser, dachte er, von morgen an bin ich der andre;

und was bin ich jetzt? Gestern war ich noch ein Schreiberlein, und

morgen werd' ich vielleicht einen blauen Mantel tragen, mit goldenen

Borten verziert; auch einen Degen soll mir Dukatus bringen, lang und

schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm. Aber ist denn alles wahr, kann

es denn sein? Freilich kann es sein, weil es doch sein muß.

Erst als es völlig finster war, zündete Caspar das Licht an. Die

Lehrerin schickte herauf und ließ fragen, ob er nichts zu sich nehmen

wolle. Er bat um ein Stück Brot und ein Glas Milch. Dies wurde gebracht.

Sodann fing er an, seine Laden auszuräumen; einen ganzen Stoß von

Papieren und Briefen warf er ins Feuer, die Schreibhefte und Bücher

ordnete er mit peinlicher Sorgfalt. Er öffnete eine Truhe und zog unter

mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor, das er noch von der

Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besaß. Er betrachtete es lange;

es war weiß lackiert, mit schwarzen Flecken, und hatte einen Schweif,

der bis auf das Brettchen fiel. O Rößlein, dachte er, hast mich manches

Jahr begleitet, was wird nun aus dir? Ich will wiederkommen und dich

holen, und einen silbernen Stall werd' ich dir bauen. Damit stellte er

das Spielding behutsam auf ein Ecktischchen neben dem Fenster.

Es mag füglich wundernehmen, daß ein Gemüt wie das seine, so mit Ahnung

begabt, so mit Erfahrungen vielerlei Art gefüllt, vom ersten Augenblick

der vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermaßen blinde

Gläubigkeit verfiel, daß auch nicht ein Funke des Mißtrauens, der Furcht

oder nur des zweifelnden Staunens in ihm erglomm. Ein Vorgang, so weit

außerhalb des gebundenen Wirklichen, so abenteuerlich in seiner

Plötzlichkeit, so zierdelos und simpel, daß ein Schüler, ein Kind, ein

Verrückter daran Anstoß genommen hätte, und er, dem so viele

Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld entmummt

gegenübergetreten waren, er, dem die Welt nichts andres war, als was der

Schwalbe, die vom Süden kommt, das durch Bubenhände zerstörte Nest, er

ergriff mit unerschütterlicher Zuversicht die unbekannte Hand, die sich

aus unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte, die starre, kalte, stumme

Hand.

Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr. Oder es war überhaupt von

Hoffnung keine Rede. Hier war das selbstverständlich Endliche, das

jenseitig Sichere, das Ungefragte, dem kein Wort der menschlichen

Sprache, ja nicht einmal ein Gedanke, eine Vorstellung, eine Vision mehr

nahekommen konnte und das sich so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang

der Sonne, wenn es Tag wird. O ihr müdgetriebenen Glieder, ihr Ketten an

den Gliedern, ihr trägen Minuten, ihr schweigenden Stunden! Noch

prasselt der Kalk in der Mauer, noch bellt von fern ein Hund, noch bläst

der Sturm den Schnee ans Fenster, noch knistert das Licht auf der Kerze,

und alles dies ist voll Bosheit, weil es so beständig scheint, so

langsam vergeht.

Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe. Er schlief fest, später in der Nacht

hörte er alle Viertelstundenschläge von den Kirchen. Bisweilen richtete

er sich auf und schaute beklommen in die Finsternis. Dann kam ein Traum,

in dem Schlaf und Wachen unmerklich ineinander flossen. Ihm träumte

nämlich, er stehe vor dem Spiegel, und er dachte: Wie sonderbar, ich

habe ein so bestimmtes Gefühl von der Glätte des Spiegelglases, und doch

träume ich nur. Er erwachte oder glaubte zu erwachen, verließ das Bett

oder glaubte es zu tun, machte sich im Zimmer zu schaffen, legte sich

wieder hin, schlief ein, erwachte abermals und grübelte: Sollte ich das

mit dem Spiegel nur geträumt haben? Jetzt trat er vor den Spiegel hin,

gewahrte sein umschattetes Bild, fand etwas Fremdes daran, wovor ihm

graute, und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch, das blau war und

goldene Borten hatte. Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer

Weile wirklich erwachte, da erkannte er, daß alles nur ein Traum

gewesen war, denn der Spiegel war keineswegs verhängt.

Es war eine lange Nacht.

Des Morgens ging er wie gewöhnlich aufs Gericht. Er verrichtete seine

Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen. Um elf Uhr klappte er das

Tintenfaß zu, räumte auch hier alles säuberlich zusammen und entfernte

sich still.

Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz über Mittag vom Hause fort.

Caspar saß mit der Frau allein bei Tisch. Sie sprach beständig vom

Wetter. »Der Sturm hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen,« erzählte

sie, »und der Schneider Wüst von nebenan ist durch die herunterfallenden

Ziegel beinahe erschlagen worden.«

Caspar blickte schweigend hinaus: er konnte kaum das gegenüberliegende

Gebäude sehen; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die

verdunkelte Gasse.

Caspar aß nur die Suppe; als das Fleisch kam, stand er auf und ging in

sein Zimmer.

Punkt drei Uhr kam er wieder herunter, nur mit seinem alten braunen Rock

bekleidet und ohne Mantel.

»Wo wollen Sie denn hin, Hauser?« rief ihn die Lehrerin von der Küche

aus an.

»Ich muß beim Generalkommissär etwas holen,« entgegnete er ruhig.

»Ohne Mantel? Bei der Kälte?« fragte die Frau erstaunt und trat auf die

Schwelle.

Er sah zerstreut an sich herab, dann sagte er: »Adieu, Frau Lehrerin,«

und ging.

Bevor er die Haustür schloß, warf er noch einen Abschiedsblick in den

Flur, auf das geschweifte Geländer der Treppe, auf den alten braunen

Schrank mit den Messingschnallen, der zwischen Küchen- und Wohnzimmertür

stand, auf das Kehrichtfaß in der Ecke, das mit Kartoffelschalen,

Käserinden, Knochen, Holzspänen und Glassplittern angefüllt war, und auf

die Katze, die stets heimlich und genäschig hier herumschlich. Trotz des

blitzhaft schnellen Anschauens dieser Dinge schien es Caspar, als ob er

sie nie deutlicher und nie so absonderlich gesehen hätte.

Als die Klinke eingeschnappt war, ließ der schier unerträgliche Druck,

der seine Brust verschnürte, ein wenig nach, und seine Lippen verzogen

sich zu einem schalen Lächeln.

Dem Lehrer werd' ich schreiben, dachte er; oder nein, besser ist es,

selber zu kommen; wenn der Winter vorbei ist, werd' ich kommen und mit

dem Wagen vors Haus fahren; ich werd' es einrichten, daß es Nachmittag

sein wird, da ist er daheim. Wenn er vors Tor tritt, werd' ich ihm nicht

die Hand reichen, ich will mich stellen, als ob ich ein andrer wäre, in

meinen schönen Kleidern wird er mich ja nicht erkennen. Er wird einen

tiefen Bückling machen: »Wollen Euer Gnaden gnädigst eintreten?« wird er

sprechen. Wenn wir im Zimmer sind, stell' ich mich vor ihn hin und

frage: »Erkennen Sie mich nun?« Er wird auf die Knie fallen, aber ich

reiche ihm die Hand und sage: »Sehen Sie jetzt ein, daß Sie mir unrecht

getan haben?« Er wird es einsehen. »Ei,« sag' ich, »zeigen Sie mir doch

mal Ihre Kinder und schicken Sie nach dem Polizeileutnant.« Den Kindern

werd' ich Geschenke bringen, und wenn dann der Polizeileutnant kommt, zu

dem werd' ich nicht reden, den werd' ich nur anschauen, nur

anschauen ...

Von der Gumbertuskirche schlug es halb vier. Es war noch viel zu früh.

Auf dem unteren Markt ging Caspar rings an den Häusern herum. Vor dem

Pfarrhaus blieb er eine Weile sinnend stehen. Infolge seiner inneren

Hitze spürte er die Kälte kaum. Er sah nur wenige Leute, die, wie vom

Wind gepeitscht, schnell vorüberhuschten.

Als er sich von der Hofapotheke rechts gegen den Schloßdurchlaß wandte,

schlug es dreiviertel. Da rief jemand; er blickte empor, der Fremde von

gestern stand neben ihm. Er trug einen Mantel mit mehreren Kragen und

darüber noch einen Pelzkragen. Er verbeugte sich und sagte ein paar

höfliche Worte. Caspar verstand ihn nicht, denn der Wind war gerade so

heftig, daß man hätte schreien müssen, um einander zu hören. Daher

machte der Fremde bloß eine Gebärde, durch die er Caspar bat, mit ihm

gehen zu dürfen. Offenbar war er selbst eben im Begriff gewesen, den Ort

des Stelldicheins aufzusuchen.

Bis zum Hofgarten waren es nur noch wenige Schritte. Der Fremde öffnete

das Türchen und ließ Caspar den Vortritt. Caspar ging voran, als ob es

so sein müsse. Eine Mischung von einfältiger Ergebenheit und ruhigem

Stolz zeigte sich in seinem Gesicht, um mit sonderbarer Raschheit einem

Ausdruck des Grauens Platz zu machen, denn der Augenblick war zu stark,

er konnte seine Wucht nicht ertragen. In dem Zeitraum, den er brauchte,

um von dem Pförtchen über den dichtbeschneiten Orangerieplatz zu den

Bäumen der ersten Allee zu gehen, durchlebte er in seinem Innern eine

Reihe gänzlich unzusammenhängender Szenen aus ferner Vergangenheit, eine

Erscheinung, die von Seelenforschern auf dieselbe Wurzel zurückgeführt

werden kann wie etwa die, daß ein von einem Turm Fallender während der

Zeit des Sturzes sein ganzes Dasein an sich vorübergleiten sieht. Er

erblickte zum Beispiel die Amsel, die mit ausgebreiteten Flügeln auf dem

Tisch lag; dann sah er mit ungemeiner Deutlichkeit den Wasserkrug, aus

dem er in seinem Kerker getrunken; dann sah er eine schöne goldene

Kette, die ihm der Lord aus seinen Schätzen gezeigt, womit die angenehme

Empfindung verbunden war, die ihm Stanhopes weiße, feine Hand erregte;

ferner sah er sich im Saal der Nürnberger Burg, wohin Daumer ihn

geführt, und sein Auge weilte auf der sanften Linie einer gotischen

Fensterwölbung mit einem Entzücken, das er damals sicherlich nicht

verspürt hatte.

Sie kamen zum Kreuzweg, da eilte der Fremde voraus und gab mit erhobenem

Arm irgendein Zeichen. Caspar gewahrte hinter dem Gebüsch noch zwei

andre Personen, deren Gesichter durch die aufgestellten Mantelkragen

völlig verhüllt waren.

»Wer sind diese?« fragte er und zauderte, weil er annahm, hier sei der

verabredete Platz.

Mit den Blicken suchte er den Wagen. Das Schneegestöber erlaubte jedoch

nicht weiter als zehn Ellen zu sehen.

»Wo ist der Wagen?« fragte er. Da der Fremde auf beide Fragen nicht

antwortete, schaute er ratlos gegen die zwei hinter dem Gebüsch. Diese

näherten sich oder es schien wenigstens so. Sie riefen dem

Blatternarbigen etwas zu, erst der eine, dann der andre. Darauf

entfernten sie sich wieder und standen dann auf der andern Seite des

Wegs.

Der Fremde drehte sich um, griff in die Tasche seines Mantels, brachte

ein lilafarbenes Beutelchen zum Vorschein und sagte mit heiserer Stimme:

»Öffnen Sie es; Sie werden darin das Zeichen finden, das uns Ihre Mutter

übergab.«

Caspar nahm das Beutelchen entgegen. Während er sich bemühte, die Schnur

zu entknüpfen, durch die es zugebunden war, hob der Fremde einen langen,

blitzenden Gegenstand in der Faust und schnellte mit dem Arm gegen

Caspars Brust.

Was ist das? dachte Caspar bestürzt. Er fühlte etwas Eiskaltes tief in

sein Fleisch glitschen. Ach Gott, das sticht ja, dachte er und wankte

dabei. Den Beutel ließ er fallen.

O ungeheurer, ungeheurer Schrecken! Er griff nach einem der

Baumstämmchen und versuchte zu schreien, aber es ging nicht. Auf einmal

brach er in die Knie. Vor seinen Augen wurde es schwarz. Er wollte den

Fremden bitten, daß er ihm helfe, doch die Füße des Mannes, die er noch

eine Sekunde zuvor gesehen, waren verschwunden. Die Schwärze vor den

Augen wich wieder; er sah sich um; niemand war mehr da; auch die beiden

hinter dem Gebüsch waren nicht mehr da.

Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebüsch entlang und senkte

den Kopf herunter, um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu

schützen, den ihm der Wind entgegenspritzte. Er machte ein paar

Bewegungen mit dem Körper, als suche er in der Erde eine Höhlung zum

Hineinschlüpfen, konnte dann nicht weiter und blieb sitzen. Ihm schien,

als riesle etwas im Innern seines Leibes. Es fror ihn jetzt erbärmlich.

Möcht' sehen, was in dem Beutel ist, dachte er, während seine Zähne

klapperten. O ungeheurer Schrecken, der ihn abhielt, nach jener Stelle

zu blicken, wo der Fremde gestanden.

Wenn ich nur ein Wort wüßte, durch das mir leichter würde, dachte er,

wie einer, der sich durch Zauberformeln zu schützen wähnt. Und er sagte

zweimal: »Dukatus«.

Welches Wunder, plötzlich ward ihm leicht. Er glaubte aufstehen und nach

Hause gehen zu können. Er erhob sich. Er sah, daß er gehen konnte.

Nachdem er einige taumelnde Schritte gemacht, fing er an zu laufen. Ihm

war, als ob sein Körper ohne Schwere sei, ihm war, als fliege er. Er

lief, lief, lief. Bis zum Tor des Gartens; über den Schloßplatz; über

den Markt an der Kirche vorbei; bis zum Kronacher Buck, bis in den Flur

des Quandtschen Hauses; lief, lief, lief.

In Schweiß gebadet, stürzte er in den Flur. Weiter ging's nicht mehr;

keuchend lehnte er sich an die Wand. Die Magd gewahrte ihn zuerst. Über

sein Aussehen entsetzt, gab sie einen gellenden Schrei von sich. Da kam

Quandt aus der Stube; seine Frau folgte ihm.

Caspar starrte ihnen entgegen, sprach aber nichts, sondern deutete bloß

auf seine Brust.

»Was ist geschehen?« fragte Quandt rauh und kurz.

»Hofgarten -- gestochen,« stammelte Caspar.

Und Quandt? Wir sehen ihn schmunzeln. Nichts andres: wir sehen ihn

schmunzeln. Und wenn Jahrhunderte, feierlich in Purpur angetan wie

Gottes Engel, auf uns zutreten und uns beschwören, die Tatsachen nicht

zu verzerren, so ist nichts andres zu erwidern, als daß Quandt

schmunzelte, seltsam schmunzelte. »Wo sind Sie denn gestochen, mein

Lieber?« fragte er gedehnt.

Wieder deutete Caspar auf seine Brust.

Quandt knöpfte ihm Rock, Weste und Hemd auf, um die Wunde anzuschauen.

Richtig, da war ein Stich, nicht größer als eine Haselnuß. Aber nicht

die geringste Spur von Blut war zu bemerken. Eine Wunde ohne Blut, das

gibt es nicht; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis.

»Also gestochen,« sagte Quandt. »So lassen Sie uns sofort umkehren und

zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten, wo das passiert sein soll,« fügte

er energisch hinzu. »Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem

Wetter im Hofgarten zu tun gehabt? Marsch, kommen Sie! Die Sache muß

unverzüglich aufgeklärt werden.«

Caspar widersprach nicht. Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder

auf die Gasse. Quandt faßte ihn unter, wie ein Krüppel schlich Caspar

dahin.

Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton: »Diesmal haben

Sie Ihren dümmsten Streich gemacht, Hauser. Diesmal wird es keinen so

guten Ausgang nehmen wie beim Professor Daumer, das kann ich Ihnen

schriftlich geben.«

Caspar blieb stehen, warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte:

»Gott -- wissen.«

»Machen Sie nur keine Faxen,« zeterte Quandt, »ich weiß, was ich weiß.

Wenn Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen, damit haben Sie bei

mir kein Glück, denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf. Ich

kann Ihnen nur raten, spielen Sie nicht länger die Stumme von Portici

und gestehen Sie lieber gleich. Ein wenig bange machen wollen Sie uns,

die Leute wollen Sie durcheinander hetzen. Gestochen? Wer soll Sie denn

gestochen haben? Vielleicht um Ihnen Ihre jämmerlichen paar Moneten aus

der Tasche zu ziehen? So ein Unsinn! Gehen Sie nicht so langsam, Hauser,

meine Zeit ist knapp.«

»Den Beutel -- will ich holen,« stammelte Caspar leise.

»Was denn für einen Beutel?«

»Der Mann -- mir gegeben.«

»Was für ein Mann?«

»Der mich gestochen.«

»Aber Hauser, Hauser, es ist ja himmelschreiend! Bilden Sie sich denn

ein, daß ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube? So wenig wie an

den schwarzen Peter. Bilden Sie sich denn ein, daß ich über den wahren

Täter einen Augenblick im Zweifel bin? Gestehen Sie's doch! Gestehen

Sie, daß Sie sich selber ein bißchen gestochen haben. Ich will über die

Sache noch einmal schweigen, ich will Gnade für Recht ergehen lassen.«

Caspar weinte.

Dicht vor dem Hofgarten brach er plötzlich zusammen. Quandt war

verwirrt. Es kamen einige Männer des Weges, diese bat er, daß sie den

Jüngling nach Hause führen möchten, er selbst wolle zur Polizei. Die

Männer mußten erst geraume Weile warten, bis sich Caspar ein wenig

erholt hatte; auch dann hielt es schwer, ihn zum Gehen zu bewegen.

Es wurde später von den Ärzten als eine Unbegreiflichkeit bezeichnet,

daß Caspar mit der furchtbaren Verletzung in der Brust imstande gewesen

war, den Weg vom Hofgarten zum Lehrerhaus, hernach vom Lehrerhaus zum

Schloßplatz und endlich vom Schloßplatz wieder nach Hause zurückzulegen,

das erstemal laufend, das zweitemal am Arme Quandts, das drittemal von

den Männern halb gezogen, im ganzen über sechzehnhundert Schritte.

Als Quandt den Weg nach dem Rathaus einschlug, war es finster geworden.

Der diensttuende Offiziant erklärte, daß ohne speziellen Auftrag des

Bürgermeisters, der im Bade sei, die Anzeige nicht protokolliert werden

dürfe. Der Lehrer schwatzte noch eine Weile mit ihm, dann begab er sich

unwillig und verdrossen in die eine Viertelstunde vor der Stadt gelegene

Kleinschrottsche Badewirtschaft, wo der Bürgermeister im Kreis seiner

Vertrauten beim Bier saß. Quandt trug den Fall vor. Man staunte,

zweifelte, plädierte, bestieg den Amtsschimmel und gestattete hierauf

die förmliche Protokollaufnahme. Um sechs Uhr wurde das interessante

Aktenprodukt bei Laternen- und Kerzenschein dem Stadtgericht zur

weiteren Untersuchung übergeben.

Quandt kehrte nach Hause zurück. Auf der Gasse vor seiner Wohnung fand

er viele Menschen, und zwar waren es Personen jeglichen Standes, die dem

Unwetter zum Trotz gekommen waren und in einem Schweigen verharrten, das

den Lehrer stutzig machte. Er ging sogleich in das Zimmer Caspars, der

zu Bett gebracht worden war. Der Doktor Horlacher war zugegen. Er hatte

die Wunde schon untersucht.

»Wie steht's?« fragte Quandt.

Der Doktor antwortete, es sei kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden.

»Das dacht' ich mir,« versetzte Quandt.

Jetzt erschien der Hofrat Hofmann. Ein Polizeisoldat hatte ihm unten den

lilafarbenen Beutel übergeben, der an der Unglücksstätte gefunden worden

war.

»Kennen Sie diesen Beutel?« fragte der Hofrat.

Mit fieberglänzenden Augen blickte Caspar auf den Beutel, den der Hofrat

öffnete. Es lag ein Zettel darin, der, so schien es zunächst, mit

Hieroglyphen bedeckt war.

Die Lehrerin, die dabeistand, schüttelte den Kopf. Sie zog ihren Mann

beiseite und sagte zu ihm: »Es ist doch eigen; genau so legt der Hauser

immer seine Briefe zusammen, wie das Papier im Beutel zusammengefaltet

war.«

Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats, der den Zettel erst

prüfend betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte.

»Es ist wohl Spiegelschrift,« sagte Quandt lächelnd.

»Ja,« erwiderte der Hofrat; »eine sonderbare Kinderei.«

Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenüber und las vor: »Caspar

Hauser wird Euch genau erzählen können, wie ich aussehe und wer ich bin.

Dem Hauser die Mühe zu sparen, denn er könnte schweigen müssen, will ich

aber selber sagen, woher ich komme. Ich komme von der bayrischen Grenze

am Fluß. Ich will Euch sogar meinen Namen verraten: M. L. O.«

»Das klingt ja geradezu höhnisch,« sagte der Hofrat nach einem

verwunderten Schweigen.

Quandt nickte erbittert vor sich hin.

Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte, fiel sein Kopf schwer

in das Kissen und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen

Zügen. Es schloß sich sein Mund mit einem Ausdruck, als wolle er von nun

an nie mehr reden. Und _daß_ er hätte reden können, womit dieser

M. L. O. offenbar nicht gerechnet hatte, empfand er bis in das Fieber

hinein als eine Art schmerzlichen Triumphes.

Quandt, den Zettel, den ihm der Hofrat gegeben, zwischen den Händen,

wanderte aufgeregt hin und her. »Das sind schöne Streiche,« rief er aus,

»schöne Streiche! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten,

Hauser. Sie verdienen eine Tracht Prügel, das verdienen Sie.«

Der Hofrat runzelte die Stirn. »Gemach, Herr Lehrer; lassen Sie das

doch!« sagte er mit ungewöhnlich ernstem Ton. Bevor er sich

verabschiedete, versprach er, am nächsten Morgen den Kreisphysikus zu

schicken, woraus ersichtlich war, daß auch er an keine unmittelbare

Gefahr dachte.

Indes kam der Kreisphysikus, von Frau von Imhoff dazu bewogen, noch am

selben Abend. Es war der Medizinalrat Doktor Albert. Er untersuchte

Caspar mit großer Sorgfalt; als er fertig war, machte er ein

bedenkliches Gesicht. Quandt, seltsam gereizt dadurch, sagte fast

herausfordernd: »Es fließt ja gar kein Blut aus der Wunde.«

»Das Blut sickert nach innen,« entgegnete der Medizinalrat mit einem den

Lehrer nur streifenden Blick. Er legte einen Umschlag von Senfteig auf

das Herz und empfahl die möglichste Ruhe.

Quandt griff sich an die Stirn. »Wie,« sagte er zu seiner Frau, »sollte

sich der Bursche in seinem Leichtsinn doch ernstlichen Schaden zugefügt

haben?«

Die Lehrerin schwieg.

»Ich bezweifle es, ich muß es bezweifeln,« fuhr Quandt fort. »Sieh doch

selbst, der sonst so wehleidige Mensch klagt ja mit keiner Silbe über

Schmerzen.«

»Er antwortet auch nichts, wenn man ihn fragt,« fügte die Frau hinzu.

Um neun Uhr fing Caspar an zu delirieren. Quandt war entschlossen, an

das Delirium nicht zu glauben. Als Caspar aus dem Bett springen wollte,

schrie er ihn an: »Machen Sie nicht solche widerlichen Umstände, Hauser!

Gehen Sie schleunig in Ihr Bett zurück.«

Der Pfarrer Fuhrmann trat gerade in das Zimmer und hörte dies. »Aber

Quandt! Quandt!« sagte er entsetzt. »Ein wenig Milde, Quandt, im Namen

unsrer Religion.«

»O,« versetzte Quandt kopfschüttelnd, »Milde ist hier schlecht

angebracht. In Nürnberg, wo er doch auch so eine verworfene Komödie

aufgeführt hat, gebärdete er sich genau so, und ich habe mir sagen

lassen müssen, daß er dabei von zwei Männern ist gehalten worden. Was

mich betrifft, ich lasse mir so ein Schauspiel nicht bieten.«

Frau von Imhoff hatte eine Pflegerin vom Krankenhaus geschickt, die über

Nacht an Caspars Lager wachte. Er schlummerte zwei bis drei Stunden.

Schon früh am Morgen erschien eine Gerichtskommission. Caspar war bei

klarem Bewußtsein. Vom Untersuchungsrichter aufgefordert, erzählte er,

ein fremder Herr habe ihn zum artesischen Brunnen in den Hofgarten

bestellt.

»Zu welchem Zweck bestellt?«

»Das weiß ich nicht.«

»Er hat darüber gar nichts gesagt?«

»Doch; er hat gesagt, man könnte die Tonarten des Brunnens besichtigen.«

»Und daraufhin sind Sie ihm schon gefolgt? Wie sah er aus?«

Caspar gab eine kurze, abgerissen gelallte Beschreibung und der Art, wie

ihn der Fremde gestochen. Sonst war nichts aus ihm herauszubringen.

* * * * *

Es wurde nach Zeugen gefahndet. Es stellten sich Zeugen. Zu spät für die

Verfolgung des Täters. Schon die erste Anzeige war, durch die Mitschuld

Quandts, unverantwortlich verzögert worden. Als man die am Ort des

Verbrechens befindlichen Blutspuren untersuchen wollte, ergab es sich,

daß inzwischen schon zuviele Menschen dagewesen waren und den Schnee

zertreten hatten. Aus einem so wichtigen Umstand Nutzen zu ziehen mußte

also von vornherein verzichtet werden.

Zeugen fanden sich genug. Die Zirkelwirtin in der Rosengasse bekundete,

gegen zwei Uhr sei ein Mann in ihr Haus gekommen, den sie nie zuvor

gesehen, und habe gefragt, wann eine Retour nach Nördlingen gehe. Der

Mann war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt gewesen, von mittlerer Größe,

bräunlicher Hautfarbe und mit Blatternarben im Gesicht.

Er habe einen blauen Mantel mit Pelzkragen, einen runden schwarzen Hut,

grüne Pantalons und Stiefel mit gelben Schraubsporen getragen. In der

Hand hielt er eine Reitgerte. Er habe nur fünf Minuten geweilt und ganz

wenig gesprochen; auffallend sei es gewesen, daß er nicht sagen gewollt,

wo er logierte.

So beschrieb auch der Assessor Donner einen Mann, den er um drei Uhr im

Hofgarten neben der Lindenallee gesehen, und zwar in Gesellschaft von

zwei andern Männern, die der Assessor jedoch nicht betrachtet hatte.

Ein Spiegelarbeiter namens Leich ging ein paar Minuten vor vier Uhr von

seiner Wohnung auf dem neuen Weg durch die Poststraße auf die Promenade

und von da über den Schloßplatz. Er sah vom Schloß her zwei Männer über

die Gasse schreiten und, die Reitbahn zur Linken lassend, zum Hofgarten

gehen. Er erkannte in dem einen von ihnen Caspar Hauser. Als die beiden

zum Laternenpfahl am Eck der Reitbahn kamen, wandte sich Caspar Hauser

um und blickte den Schloßplatz hinauf, so daß ihn der Beobachter noch

einmal und genau hatte sehen können. Bei den Schranken blieb der Fremde

stehen, um Hauser mit höflicher Gebärde den Vortritt zu lassen. Der

Arbeiter dachte für sich: wie doch die Herren bei solchem Sturm und

Schnee spazierengehen mögen.

»Drei Viertelstunden später,« erzählte der Mann, »als ich von einer

Besorgung beim Büttner Pfaffenberger zurückkam, standen auf dem

Schloßplatz viele Leute, die jammerten und sagten, der Hauser sei im

Hofgarten erstochen worden.«

Und weiter. Ein Gärtnergehilfe, der in der Orangerie beschäftigt ist,

hört gegen vier Uhr Stimmen. Er blickt zum Fenster hinaus und sieht

einen Mann im Mantel vorüberlaufen. Der Mann läuft einen guten Trab. Die

Stimmen sind etwa einen Büchsenschuß weit vom Orangeriehaus entfernt

gewesen, nicht so weit, wie das Uzsche Denkmal ist. Es waren zweierlei

Stimmen, eine Baß- und eine helle Stimme.

Neben der Weidenmühle wohnt eine Näherin. Ihr Fenster geht auf den

Hofgarten; sie sieht bis in die zwei gegen den hölzernen Tempel zu

führenden Alleen. Bei beginnender Dämmerung gewahrt sie den Mann im

Mantel; er tritt aus dem neuen Gittertor und steigt am Abhang der

Rezatwiese hinab. Er stutzt, als er vor dem hochgeschwollenen Wasser

steht. Er kehrt um und wendet sich gegen die Stäffelchen an der Mühle,

geht über den Steg auf der Eiberstraße und verschwindet. Die Frau hat

von seinem Gesicht nur einen schräglaufenden schwarzen Bart wahrnehmen

können.

Es meldet sich auch der Schreiber Dillmann zu einer Aussage. Die

unverbrüchliche Gewohnheit des alten Kanzlisten ist es, jeden

Nachmittag, wie das Wetter auch beschaffen ist, zwei Stunden lang im

Hofgarten zu promenieren. Er hat Caspar und den Fremden gesehen. Er

versichert aber, nicht vorangegangen sei Caspar dem Fremden, sondern

hintennach sei er gegangen. »Er ist ihm gefolgt, wie das Lamm dem

Metzger zur Schlachtbank folgt,« sagt er.

Zu spät. Zu spät der Eifer. Zu spät die erlassenen Steckbriefe und

Streifzüge der Gendarmerie. Es konnte nicht mehr fruchten, daß man sogar

den Rezatstrom aus seinem Bett leitete, um vielleicht das Mordinstrument

zu entdecken, das der Unbekannte bei seiner Flucht von sich geworfen

haben mochte. Was lag an diesem Dolch?

Was lag an den Zeugen? Was lag an den Verhören? Was lag an den Indizien,

womit eine saumselige Justiz ihre Unfähigkeit prahlerisch verbrämte? Es

wurde gesagt, daß die Nachforschungen planlos und kopflos betrieben

wurden. Es wurde gesagt, eine geheimnisvolle Hand sei im Spiel, deren

Machenschaften darin gipfelten, die wahren Spuren allmählich und mit

Absicht zu verwischen und die Aufmerksamkeit der Behörde irrezuleiten.

_Wer_ es sagte, konnte natürlich nicht erkundet werden, denn die

öffentliche Meinung, ein Ding, ebenso feig wie ungreifbar, orakelt nur

aus sicheren Hinterhalten. Und sie schwieg gar bald stille hier, wo

Verleumdung, Bosheit, Lüge, Dummheit und Heuchelei ein schönes

Menschenbild wie zwischen Mühlrädern zermalmten, bis daß nichts mehr

übrigblieb als ein ärmliches Märchen, wovon sich das Volk dieser

Gegenden an rauhen Winterabenden vor dem Ofen unterhält.

* * * * *

Am Sonntag nachmittag traf Quandt den jungen Feuerbach, den Philosophen,

auf der Straße.

»Wie geht's dem Hauser?« fragte der den Lehrer.

»Ei, er ist ganz außer Gefahr; dank' der Nachfrage, Herr Doktor,«

antwortete Quandt geschwätzig; »die Gelbsucht ist eingetreten, aber das

soll ja die gewöhnliche Folge einer heftigen Erregung sein. Ich bin

überzeugt, daß er in ein paar Tagen das Bett wird verlassen können.«

Sie sprachen noch eine Weile von andern Dingen, hauptsächlich von der

neuerdings zwischen Nürnberg und Fürth geplanten Dampfschienenbahn, ein

Unternehmen, gegen das Quandt eine ganze Kanonade von Skepsis auffahren

ließ, dann verabschiedete er sich von dem stillen jungen Mann mit der

Dankbarkeit eines beklatschten Redners und eilte, beständig vor sich

hinlächelnd, nach Hause. Er war in einer höchst zuversichtlichen

Stimmung, einer Stimmung, in der man bereit ist, seinen ärgsten Feinden

Nachsicht angedeihen zu lassen. Warum, das mochten die Götter wissen.

War der schöne Tag daran schuld? Man darf nicht vergessen, daß in Quandt

auch eine Art von Poet steckte; oder war es die Nähe des

Weihnachtsfestes, das jedem guten Christenmenschen gleichsam eine

Erneuerung seiner Seele verspricht? Oder war es am Ende der Umstand, daß

gegenwärtig so viele vornehme und ausgezeichnete Personen sein

bescheidenes Heim aufsuchten und daß er inmitten dieses bescheidenen

Heims eine Stellung von ungeahnter Wichtigkeit innehatte? Genug, wie dem

auch sein mochte, er war mit sich zufrieden, folglich stammte sein

Lächeln aus der lautersten Quelle.

Vor seiner Wohnung traf er auf den Polizeileutnant. »Ah, vom Urlaub

zurück?« begrüßte er ihn mit gedankenloser Freundlichkeit. Gleich darauf

sagte er sich: mit dem habe ich ja noch ein Hühnchen zu rupfen.

Hickel drückte die Augen zusammen und sah aus, als ob er lachen wollte.

Sie gingen miteinander hinauf.

Caspar saß mit nacktem Oberleib im Bette, gegen aufgetürmte Kissen

gelehnt, starr wie eine Figur aus Lehm, das Gesicht grau wie Bimsstein,

die Haut des Körpers strahlend weiß wie eine Magnesiumflamme. Der

Medizinalrat hatte soeben den Verband abgenommen und wusch die Wunde.

Außerdem war noch ein Kommissionsaktuar zugegen. Dieser hatte am Tisch

Platz genommen; ein Protokollformular lag bei ihm, auf dem die

lakonischen Worte standen: »Der Damnifikat verbleibt bei seinen

bisherigen Depositionen.« Über einen eingefangenen Straßenräuber hätte

man sich nicht besser und niedlicher ausdrücken können.

Kaum hatte Caspar den eintretenden Hickel gewahrt, als er den wie einen

gebrochenen Blumenkelch seitwärts gesenkten Kopf aufrichtete und mit

weitgeöffneten Augen, in denen ein ganz unsäglicher Schrecken lag, dem

Ankömmling ins Gesicht starrte.

Ohne zu sprechen, erhob Hickel drohend den Zeigefinger. Diese Gebärde

schien den Schrecken Caspars aufs äußerste zu treiben; er faltete die

Hände und murmelte ächzend: »Nicht nahekommen! Ich hab's ja doch nicht

selber getan.«

»Aber Hauser! Was fällt Ihnen denn ein!« rief Hickel mit einer

Lustigkeit, die man etwa im Wirtshaus zur Schau trägt, und seine gelben

Zähne blinkten zwischen den vollen Lippen; »ich hab' Ihnen ja nur

gedroht, weil Sie ohne Erlaubnis in den Hofgarten gegangen sind. Wollen

Sie das vielleicht auch leugnen?«

»Keine Auseinandersetzungen, wenn ich bitten darf,« mahnte der

Medizinalrat unwillig. Er hatte den Verband erneuert, zog nun den Lehrer

beiseite und sagte leise und ernst: »Ich kann Ihnen nicht verhehlen,

daß Hauser wahrscheinlich die Nacht nicht überleben wird.«

Offenen Mundes stierte Quandt den Arzt an. Seine Knie wurden weich wie

Butter. »Wie? Was?« hauchte er, »ist's möglich?« Er schaute alle

Anwesenden der Reihe nach langsam an, wobei sein Gesicht dem eines

Menschen glich, der sich soeben behaglich zum Essen setzen wollte und

dem plötzlich Schüssel, Teller, Messer und Gabel, ja der ganze Tisch

weggezaubert wird.

»Kommen Sie mit mir, Herr Lehrer,« sagte mit heiserer Stimme Hickel, der

am Ofen stand und mit sinnloser Geschäftigkeit seine Hände an den

Kacheln rieb.

Quandt nickte und schritt mechanisch voraus.

»Ist's möglich!« murmelte er wieder, als er auf der Stiege stand. »Ist's

möglich!« Hilfesuchend blickte er den Polizeileutnant an. »Ach,« fuhr er

elegisch fort, »wir haben doch unser redlich Teil getan. An treuer

Fürsorge haben wir's wahrlich nicht fehlen lassen.«

»Lassen Sie doch die Flausen, Quandt,« antwortete der Polizeileutnant

grob. »Sagen Sie mir lieber, was hat denn der Hauser alles geredet in

seinem Wahn?«

»Unsinn, lauter Unsinn,« versetzte Quandt bekümmert.

»Achtung, Herr Lehrer, da sehen Sie mal hinunter,« rief Hickel, indem er

sich über das Geländer beugte.

»Was denn?« gab Quandt erschrocken zurück, »ich sehe nichts.«

»Sie sehen nichts? Potz Kübel, ich auch nicht. Es scheint, wir sehen

beide nichts.« Er lachte wunderlich, richtete sich wieder kerzengerade

auf und hüstelte trocken. Dann ging er, indes Quandt ihm nicht wenig

betroffen nachguckte.

Wohin soll es auch kommen mit der Welt, wenn Leute wie Hickel unter die

Gespensterseher geraten? Auf ihren robusten Schultern ruhen die

Fundamente der Ordnung, des Gehorsams und aller staatlich anerkannten

Tugenden. Mag es auch in diesem besonderen Fall so beschaffen gewesen

sein, daß die Ausgeburt rühmenswerter Untertaneneigenschaften dennoch

einer Regung bösen Gewissens anheimfiel, nun, dann muß erklärt werden,

daß dieses böse Gewissen mit einem martialischen Aussehen gesegnet war,

daß es zu allen Mahlzeiten einen beneidenswerten Appetit entwickelte und

daß es das sanfteste Ruhekissen für einen unvergleichlich gesunden

Schlaf war, der durch keine Feuerglocke und kein Tedeum hätte gestört

werden können.

Im Zimmer Caspars hatte der Kommissionsaktuar neuerdings ein Verhör

begonnen. Caspar sollte sagen, ob noch ein Dritter zugegen gewesen sei,

während er im Appellgericht mit dem fremden Mann gesprochen.

Caspar antwortete matt, er habe niemand bemerkt, nur vor dem Tor seien

Leute gewesen. »Arme Leute passen mir immer dort auf,« sagte er, »zum

Beispiel eine gewisse Feigelein, der hab' ich manchmal einen Kreuzer

gegeben, auch die Tuchmacherswitwe Weigel.«

Der Aktuar wollte weiterfragen, doch Caspar lispelte: »Müde -- recht

müde.«

»Wie ist Ihnen, Hauser?« erkundigte sich die Wärterin.

»Müde,« wiederholte er; »werd' jetzt bald weggehen von dieser

Lasterwelt.«

Eine Weile schrie und redete er für sich hin, hernach wurde er wieder

ganz stille.

Er sah ein Licht, das langsam erlosch. Er vernahm Töne, die aus dem

Innern seines Ohrs zu dringen schienen; es klang, wie wenn man mit einem

Hammer auf eine Metallglocke haut. Er erblickt eine weite, einsame,

dämmernde Ebene. Eine menschliche Gestalt rennt schnell darüber hin. O

Gott, es ist Schildknecht. Was läufst du so, Schildknecht? ruft er ihm

zu. Hab' Eile, große Eile, antwortet jener. Auf einmal schrumpft

Schildknecht zusammen, bis er eine Spinne ist, die an einem glühenden

Faden zum Ast eines riesengroßen Baumes emporklimmt. Tränen des Grauens

fallen wie Regen aus Caspars Augen.

Er sah ein seltsames Gebäude; es glich einer kolossalen Kuppel; es hatte

kein Tor, keine Tür, kein Fenster. Aber Caspar konnte fliegen, flog

hinauf und schaute durch eine kreisrunde Öffnung in das Innere, das von

himmelblauer Luft erfüllt war. Auf himmelblauen Marmorfliesen stand eine

Frau. Vor diese trat ein Mensch, kaum deutlicher zu sehen als ein

Schatten, und er teilte ihr mit, daß Caspar gestorben sei. Die Frau hob

die Arme und schrie vor Schmerz, daß die Wölbung erzitterte. Da klaffte

der Boden auseinander und es kam ein langer Zug von Menschen, die alle

weinten. Und Caspar sah, daß ihre Herzen zitterten und zuckten wie

lebendige Fische in der Hand des Fischers. Und einer trat heraus, der

gerüstet war und ein Schwert trug, der sprach ungeheure Worte, aus denen

sich das ganze Geheimnis enthüllte. Und alle, die zuhörten, preßten die

Hände gegen die Ohren, schlossen die Augen und stürzten vor Kummer zu

Boden.

Dann war alles verwandelt. Caspar spürte sich voll von wunderbaren

Kräften. Er spürte die Metalle in der Erde, von tief unten zogen sie ihn

an, und die Steine spürte er, die Adern von Erz hatten. Dazwischen ruhte

vielfältiger Samen, und er brach auf, und die Würzlein schossen und

bebend hoben sich die Gräser. Aus dem Boden sprangen Quellen hoch empor

wie Fontänen und auf ihren Spitzen leuchtete die willkommene Sonne. Und

inmitten des Weltalls stand ein Baum mit weitem Gipfel und unzähligen

Verästelungen; rote Beeren wuchsen aus den Zweigen, und auf der Krone

oben bildeten die Beeren die Form eines Herzens. Innen im Stamm floß

Blut, und wo die Rinde zerrissen war, sickerten schwärzlichrote Tropfen

hindurch.

Mitten in diesem Wogen verzweiflungsvoller Bilder und krankhafter

Entzückungen war es Caspar, als ob ihn jemand in einen Raum trüge, wo

keine Luft zum Atmen mehr war. Da half kein Sträuben und Sichbäumen, es

trug ihn hin und ein kühler Wind wehte über sein Haar, seine Finger

krümmten sich, als suche er sich irgendwo zu halten. Es war eine

namenlose Erschöpfung, von welcher der vergebliche Kampf begleitet war.

Auf der Straße fuhr der Nürnberger Postwagen vorbei, und der Postillon

blies ins Horn.

Es kamen bis zum Abend viele Leute, um nach seinem Befinden zu fragen.

Frau von Imhoff blieb lange an seinem Bett sitzen.

Um acht Uhr schickte die Pflegerin zum Pfarrer Fuhrmann, der mit größter

Schnelligkeit eintraf. Er legte Caspar die Hand auf die Stirn. Mit

angstvoll großen Augen schaute sich Caspar um; seine Schultern

zitterten. Er machte mit dem Zeigefinger auf dem Deckbett Bewegungen,

als wolle er schreiben. Das dauerte jedoch nicht lange.

»Sie haben mir einmal gesagt, lieber Hauser, daß Sie auf Gott vertrauen

und mit seiner Hilfe jeden Kampf kämpfen wollen,« sagte der Pfarrer.

»Weiß es nicht,« flüsterte Caspar.

»Haben Sie denn heute schon zu Gott gebetet und ihn um seinen Beistand

angerufen?«

Caspar nickte.

»Und wie ist Ihnen darauf gewesen? Haben Sie sich nicht gestärkt

gefühlt?«

Caspar schwieg.

»Wollen Sie nicht wieder beten?«

»Bin zu schwach; vergehen mir gleich die Gedanken.« Und nach einer Weile

sagte er wie für sich, seltsam leiernd: »Das ermüdete Haupt bittet um

Ruhe.«

»So will ich ein Gebet sprechen,« fuhr der Pfarrer fort, »beten Sie im

stillen mit. Vater, nicht mein --«

»Sondern dein Wille geschehe,« vollendete Caspar hauchend.

»Wer hat so gebetet?«

»Der Heiland.«

»Und wann?«

»Vor -- seinem -- Sterben.« Bei diesem Wort sträubte sich sein Körper

empor und über sein Gesicht ging ein höchst qualvolles Zucken. Er

knirschte mit den Zähnen und schrie dreimal gellend: »Wo bin ich denn?«

»Aber, Hauser, in Ihrem Bett sind Sie,« beruhigte ihn Quandt. »Es kommt

ja bei Kranken öfter vor, daß sie sich an einem andern Ort zu befinden

wähnen,« wandte er sich erklärend an den Pfarrer Fuhrmann.

»Geben Sie ihm zu trinken,« sagte dieser.

Die Lehrerin brachte ein Glas frisches Wasser.

Als Caspar getrunken hatte, wischte ihm Quandt den kalten Schweiß von

der Stirn. Er selber bebte an allen Gliedern. Er beugte sich über den

Jüngling und fragte dringend, feierlich beschwörend: »Hauser! Hauser!

Haben Sie mir nichts mehr zu sagen? Sehen Sie mich einmal so recht

aufrichtig an, Hauser! Haben Sie mir nichts mehr zu beichten?«

Da packte Caspar in höchster Herzensnot die Hand des Lehrers. »Ach Gott,

ach Gott, so abkratzen müssen mit Schimpf und Schande!« stieß er

jammernd hervor.

Das waren seine letzten Worte. Er kehrte sich ein wenig auf die rechte

Seite und drehte das Gesicht zur Wand. Jedes Glied seines Körpers starb

einzeln ab.

Zwei Tage später wurde er begraben. Es war nachmittags und der Himmel

von wolkenloser Bläue. Die ganze Stadt war in Bewegung. Ein berühmter

Zeitgenosse, der Caspar Hauser das Kind von Europa nennt, erzählt, es

sei zu der Stunde Mond und Sonne gleicher Zeit am Firmament gestanden,

jener im Osten, diese im Westen, und beide Gestirne hätten im selben

fahlen Glanz geleuchtet.

* * * * *

Etwa anderthalb Wochen später, drei Tage nach Weihnachten, es war Abend

und Quandt und seine Frau wollten sich eben zu Bett begeben, erschallten

starke Schläge gegen das Haustor. Sehr erschrocken, zögerte Quandt eine

Weile; erst als sich die Schläge wiederholten, nahm er das Licht und

ging, um zu öffnen.

Draußen stand Frau von Kannawurf. »Führen Sie mich in Caspars Zimmer,«

sagte sie zum Lehrer.

»Jetzt noch? In der Nacht?« wagte dieser einzuwenden.

»Jetzt, in der Nacht,« beharrte die Frau.

Ihr Wesen schüchterte Quandt dergestalt ein, daß er stumm zur Seite

trat, sie vorangehen ließ und mit dem Licht folgte.

In Caspars Zimmer erinnerte wenig an den Verstorbenen. Es war alles

umgestellt und verräumt. Nur das Holzpferdchen stand noch auf dem

Ecktisch neben dem Fenster.

»Lassen Sie mich allein,« gebot Frau von Kannawurf. Quandt stellte den

Leuchter hin, entfernte sich schweigend und wartete in Gemeinschaft mit

seiner Frau unten an der Stiege. »Es ist sehr gutmütig von mir, daß ich

mir so etwas in meinem Hause gefallen lasse,« murrte er.

Mit verschränkten Armen schritt Clara von Kannawurf im Zimmer auf und

ab. Ihr Blick fiel auf den Tisch, wo eine Abschrift des

Sektionsprotokolles lag; es ging daraus hervor, daß man nach dem Tode

Caspars die Seitenwand seines Herzens ganz durchstochen gefunden hatte.

Clara nahm das Papier mit beiden Händen und zerknitterte es in ihren

Fäusten.

Was fruchtet aller Schmerz und Reue? Man kann nicht die Gewesenen aus

Luft zurückgestalten; man kann der Erde nicht ihre Beute abfordern.

Tränen beruhigen; aber diese Trauernde hatte keine Tränen mehr; für sie

waren keine Sterne mehr, kein Glanz des Himmels; für sie wuchs kein

Gras mehr, duftete keine Blume mehr, ihr schmeckte der Tag nicht mehr

und die Nacht nicht mehr, für sie hatte sich alles Menschentreiben, ja

selbst das Schaffen der Elemente in eine einzige düstere Wolke von nie

wieder gutzumachender Schuld zusammengeballt.

Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein, als Clara wieder herabkam.

Sie blieb ganz dicht vor dem Lehrer stehen, und während sie ihn mit

weitaufgeschlagenen Augen ansah, sagte sie bebend und kalt: »Mörder.«

Dies war für Quandt etwa so, wie wenn man ihm einen Schwefelbrand unter

die Nase gehalten hätte. Es läßt sich denken, der wackere Mann war

vollkommen ahnungslos; im Schlafrock, gesticktem Hauskäppchen und mit

Schlappschuhen an den Füßen wartet er, daß der ungebetene Gast sein Haus

wieder verlasse, und da fällt ein Wort, wie es nicht einmal ein böser

Traum erzeugen kann.

»Das Weib ist wahnsinnig! Ich werde sie zur Rechenschaft ziehen,« tobte

er noch im Bette.

Clara wohnte bei Imhoffs. Sie fand die Freundin noch auf. Frau von

Imhoff sagte ihr, daß man morgen auf den Kirchhof gehen wolle, weil das

Kreuz auf Caspar Hausers Grab errichtet werde. Frau von Imhoff empfand

Claras Schweigsamkeit wie einen Alpdruck und erzählte, erzählte. Vieles

von Caspar, vieles von denen, die um ihn waren. Quandt wolle ein Buch

schreiben, worin er haarklein nachzuweisen gedenke, daß Caspar ein

Betrüger gewesen; daß Hickel den Dienst quittiert habe und aus Ansbach

wegziehe, wohin, wisse niemand, daß alle Bemühungen, dem furchtbaren

Verbrechen auf den Grund zu kommen, vergeblich gewesen seien.

Clara blieb wie aus Stein. Als sie sich für die Nacht trennten, sagte

sie leise und mit unheimlicher Sanftmut: »Auch du bist seine Mörderin.«

Frau von Imhoff prallte zurück. Doch Clara fuhr ebenso leise und sanft

fort: »Weißt du es denn nicht? willst du's nicht wissen? Versteckst du

dich vor der Wahrheit wie Kain vor Gottes Ruf? Weißt du denn nicht, wer

er war? Glaubst du denn, daß die Welt immer und ewig darüber schweigen

wird, so wie sie jetzt schweigt? Er wird auferstehen, Bettine, er wird

uns zur Rechenschaft fordern und unsre Namen mit Schmach bedecken; er

wird das Gewissen der Nachgebornen vergiften, er wird so mächtig im Tode

sein, als er ohnmächtig im Leben war. Die Sonne bringt es an den Tag.«

Darauf verließ Clara das Zimmer ruhig wie ein Schatten.

Am andern Morgen ging sie früh vom Hause fort. Sie besuchte ihren Türmer

auf der Johanniskirche, saß lange oben auf der Steinbank in der schmalen

Galerie und blickte weit über die winterliche Ebene. Sie sah aber nicht

Schnee, sie sah nur vergossenes Blut. Sie sah nicht das Land, sie sah

nur ein durchstochenes Herz.

Dann schlug sie den Weg nach dem Kirchhof ein. Der Totengräber führte

sie zum Grab. Eben kamen zwei Arbeiter und lehnten ein hölzernes Kreuz

gegen den Stamm einer Trauerweide.

Nach wenigen Minuten erschien der Pfarrer Fuhrmann. Er erkannte Clara

und grüßte sie ernst und höflich. Sie, ohne zu danken, schaute an ihm

vorüber, ihr Blick streifte den mit schmutzigem Schnee bedeckten

Grabhügel und die Arbeiter, die jetzt das Kreuz zu Häupten des Grabes

einrammten. Auf einem großen, herzförmigen Schild, das inmitten des

Grabkreuzes befestigt war, standen in weißen Lettern die Worte:

#_HIC JACET

CASPARUS HAUSER

AENIGMA

SUI TEMPORIS

IGNOTA NATIVITAS

OCCULTA MORS._#

Sie las es, schlug die Hände vors Gesicht und brach in ein gellend wehes

Gelächter aus. Jählings wurde sie aber wieder ganz still. Sie drehte

sich gegen den Pfarrer um und rief ihm zu: »Mörder!«

In diesem Augenblick kamen vom Hauptpfad her einige Leute, die der

Zeremonie der Kreuzaufstellung hatten beiwohnen wollen: Herr und Frau

von Imhoff, Herr von Stichaner, Medizinalrat Albert, der Hofrat Hofmann,

Quandt und seine Frau. Sie sahen den Pfarrer bleich und aufgeregt, und

der Eindruck eines jeden war, daß etwas Schlimmes vor sich gehe. Frau

von Imhoff, voller Ahnung, eilte auf ihre Freundin zu und umschlang sie

mit den Armen. Aber mit verwilderten Gebärden machte sich Clara los,

stürzte der Gruppe der Nahenden entgegen und schrie mit durchdringender

Stimme: »Mörder seid ihr! Mörder! Mörder! Mörder!«

Nun rannte sie an ihnen vorbei, auf die Straße hinaus, wo sich alsbald

viele Menschen um sie versammelten, und schrie, schrie! Endlich wurde

sie von einigen Männern umringt und am Weiterlaufen verhindert.

Quandt hatte wieder einmal recht behalten. Sie war wahnsinnig geworden.

Noch am selben Tag wurde sie in eine Anstalt gebracht. Mit der Zeit

verging die Raserei, aber ihr Geist blieb umnachtet.

Sehr zu Herzen war der Auftritt am Grabe dem Pfarrer Fuhrmann gegangen.

Er wollte sich nicht zufrieden geben, wenn man ihm vorhielt, daß es doch

eine Irre gewesen, die so gehandelt. Noch vor seinem kurz darauf

erfolgten Ableben sagte er zu Frau von Imhoff, die ihn besuchte: »Mich

freut die Welt nicht mehr. Warum klagte sie mich an? Mich, gerade mich?

Ich hab' ihn ja liebgehabt, den Hauser.«

»Die Unglückliche,« erwiderte Frau von Imhoff leise, »an Liebe allein

hatte sie nicht genug.«

»Ich trage keine Schuld,« fuhr der alte Mann fort. »Oder doch nicht

mehr, als dem sterblichen Leib überhaupt zukommt. Schuldig sind alle,

die wir da wandeln. Aus Schuld keimt Leben, sonst hätte unser Stammvater

im Paradies nicht sündigen dürfen. Auch unsern hingeschiedenen Freund

kann ich nicht freisprechen. Was hat es ihm gefrommt, das Träumen über

seine Herkunft? Wo Verrat von allen Lippen quillt, flieht der Tüchtige

in den Kreis fruchtbarer Neigungen. Aber Schwärmer hören nur sich

selbst. Unschuldig, meine Beste, unschuldig ist nur Gott. Er gnade

meiner Seele und der des edeln Caspar Hauser.«

_Ende._

Von demselben Verfasser sind bei _S. Fischer Verlag_ in _Berlin_

folgende Werke erschienen:

Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman · 第 35 / 41 题