Im Verlauf der folgenden Wochen gab es in den Salons und Bürgerstuben
der Stadt allerlei sonderliche Dinge zu munkeln. Ohne daß das Gerede
bestimmte Formen annahm, wollte man doch in dem plötzlichen Tod des
Präsidenten Feuerbach auch weiterhin nichts sehen als die Frucht einer
mysteriösen Verschwörung. Eine greifbare Äußerung fiel natürlich nicht;
die Flüsterer nahmen sich in acht. Sehr insgeheim raunten sie sich zu,
auch Lord Stanhope sei an dieser Verschwörung beteiligt, und nach und
nach tauchte das bestimmte Gerücht auf, der Lord gehe damit um, einen
Kriminalprozeß gegen Caspar Hauser anzustrengen, und habe sich zu dem
Ende schon der Hilfe eines bedeutenden Rechtsgelehrten versichert. Auf
einmal bekannte sich kein Mensch mehr zu dem früheren Enthusiasmus für
den Grafen, das großartige Andenken, das er hinterlassen, war verwischt,
und in einigen maßgebenden Familien, wo er der Abgott gewesen, sprach
man bereits mit ängstlicher Vorsicht seinen Namen aus.
Caspars Freunde wurden besorgt. Frau von Imhoff suchte eines Tages den
Polizeileutnant auf und erkundigte sich, was von dem Gemunkel zu halten
sei. Mit kühlem Bedauern erwiderte Hickel, daß die öffentliche Meinung
in diesem Punkt nicht fehlgehe. »Das Blatt hat sich eben gewendet,«
sagte er; »Seine Lordschaft sieht in Caspar Hauser jetzt nur einen
gewöhnlichen Schwindler.«
Darauf verließ Frau von Imhoff den Polizeileutnant, ohne ein Wort zu
entgegnen und ohne Gruß.
Ei, die sanften Seelen, höhnte Hickel für sich, das Grausen faßt sie an.
Hickel hatte eine neue Wohnung auf der Promenade gemietet und lebte wie
ein großer Herr. Woher mag er die Mittel haben? fragten die Leute. Er
hat Glück am Kartentisch, sagten einige; andre behaupteten im Gegenteil,
daß er fortwährend große Summen verliere.
Auch damit war der Gesprächsstoff nicht erschöpft. Eine andre
Seltsamkeit: Im Sommer war aus der Infanteriekaserne ein Soldat auf
unaufgeklärte Weise verschwunden. Zu andrer Zeit wäre ein solches
Ereignis vielleicht unbeachtet geblieben. Jetzt hefteten sich auch daran
allerlei Fabeleien. Es wurde gesagt, jener Soldat, der den Hauser
beaufsichtigt, habe von gewissen Geheimnissen Kenntnis erhalten und sei
beiseitegeschafft worden. Man wurde furchtsam; man verschloß bei Nacht
sorgfältig die Haustüren. Es war nicht mehr geheuer in der guten,
stillen Stadt. Wer fremden Namens war, wurde beargwöhnt.
Selbst Frau von Kannawurf erfuhr solchen Argwohn, wenngleich um sie
etwas Unantastbares war, das den verleumderischen Worten die Kraft
raubte. Dennoch fiel es auf, daß sie sich des Umgangs mit ihresgleichen
entzog und sich anstatt dessen häufig unter Menschen der niedersten
Volksklasse herumtrieb. Sie verbrachte viele Stunden in geistlosem
Gespräch mit Bauernweibern und Arbeiterfrauen, stieg zu ihrem Türmer
hinauf oder gesellte sich zu den Kindern, die von der Schule
heimkehrten. Da geschah es denn oft, daß sie zum maßlosen Staunen der
begegnenden Bürger einen lärmenden Schwarm von Knaben und Mädchen um
sich versammelt hatte und in ihrer Mitte lächelnd durch die Gassen zog.
Wahrscheinlich ist sie eine Demagogin, hieß es. Gesinnungstüchtige
Eltern verboten ihren Sprößlingen, sich an den skandalösen Aufzügen zu
beteiligen. Kein Zweifel, auch die Behörde fand das Treiben anstößig,
denn einmal am Abend hatte man beobachtet, daß der Polizeileutnant vor
dem Imhoffschlößchen Posten faßte; zwei Stunden lang war er in der
Dunkelheit unbeweglich unter einem Baum gestanden.
Es ist wahr, Frau von Kannawurf war eine auffallende Person und benahm
sich auffallend. Aber ihre kuriosen Handlungen hatten einen Anschein von
Leichtigkeit, ja Lässigkeit. Sie hatte eine Art von Lächeln, in welchem
sich selbstvergessene Hingebung an irgendein Gedachtes, Gefühltes mit
der Verzweiflung über die eigne Unzulänglichkeit aufs rührendste
mischten. Sie lebte an allem und in allem, starb mit jedem Seufzer
gleichsam dahin, flog mit jeder Freude in eine entrückte Region.
Eines Abends im August trat sie ins Zimmer ihrer Freundin, warf sich wie
atemlos vom Laufen auf das Sofa und war lange nicht zu sprechen fähig.
»Was hast du nur wieder getrieben, Clara?« sagte Frau von Imhoff
vorwurfsvoll; »das heißt nicht leben, das heißt sich verbrennen.«
»Es hilft nichts,« murmelte das junge Weib erschlafft, »ich muß reisen.«
Frau von Imhoff schüttelte liebenswürdig tadelnd den Kopf. Diese Worte
hatte sie seit drei Monaten des öfteren vernommen. »Bis zu unserm
Familienfest wirst du doch noch bleiben, Clara,« erwiderte sie herzlich.
Wieviel Willenskraft gehört doch manchmal dazu, einen Entschluß nicht
auszuführen, sagte Clara von Kannawurf zu sich selbst; und nach einer
Pause des Schweigens wandte sie das Gesicht der Freundin entgegen und
fragte: »Warum, Bettine, kannst du Caspar nicht zu dir ins Haus nehmen?
Er soll und darf nicht länger beim Lehrer Quandt bleiben. Dieses Haus zu
betreten ist mir unmöglich. Seine Lage ist schauderhaft, Bettine. Wozu
sage ich dir das! Du weißt es, ihr wißt es ja alle; ihr bedauert es
alle, aber keiner rührt nur den Finger. Keiner, keiner hat den Mut zu
tun, was er getan zu haben wünscht, wenn das geschehen ist, was er im
stillen fürchtet.«
Frau von Imhoff blickte betreten auf ihre Handarbeit. »Ich bin nicht
glücklich und nicht unglücklich genug, um mit Aufopferung des eignen
einem fremden Schicksal mich hinzugeben,« versetzte sie endlich.
Clara stützte den Kopf in die Hand. »Ihr lest ein schönes Buch, ihr seht
ein ergreifendes Theaterstück und seid erschüttert von diesen nur
eingebildeten Leiden,« fuhr sie bewegt und eindringlich fort. »Ein
trauriges Lied kann dir Tränen entlocken, Bettine; erinnere dich nur,
wie du weintest, als Fräulein von Stichaner neulich den 'Wanderer' von
Schubert sang. Bei den Worten: Dort, wo du nicht bist, ist das Glück,
hast du geweint. Du konntest eine Nacht lang nicht schlafen, als man uns
erzählte, drüben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes Kind
verhungern lassen. Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das
Ferne, woran ihr eure Teilnahme verschwendet? Warum immer nur dem Wort,
dem Klang, dem Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen, dessen
Not handgreiflich ist? Ich versteh' es nicht, versteh' es nicht, das
quält mich, daran, ja daran verbrenn' ich.«
Das leise, melodische Stimmchen verging in einem Hauchen. Frau von
Imhoff stützte den Kopf in die Hand und schwieg lange. Dann erhob sie
sich, setzte sich neben Clara, streichelte die Stirn der Freundin und
sagte: »Sprich mal mit ihm. Er soll zu uns kommen. Ich will es
durchsetzen.«
Clara umschlang sie mit beiden Armen und küßte sie dankbar. Aber nicht
mit freiem Herzen hatte Frau von Imhoff diesen Entschluß gefaßt, und sie
atmete seltsam erleichtert auf, als ihr am andern Tag Frau von Kannawurf
die Eröffnung machte, Caspar habe sich unbegreiflicherweise hartnäckig
gegen den Vorschlag gesträubt, das Haus des Lehrers zu verlassen. Zuerst
habe er keinen Grund für seine Weigerung nennen wollen, als er aber
Claras Betrübnis wahrgenommen, habe er gesagt: »Dort hat man mich
hingebracht, und dort will ich bleiben. Ich will nicht, daß es heißt,
beim Lehrer Quandt hat er's nicht gut genug gehabt, da haben ihn aus
Mitleid die Imhoffs genommen. Ich hab' ja mein Brot und mein Bett, mehr
brauch' ich nicht, und das Bett ist das Allerbeste, was ich auf der Welt
kennen gelernt habe, alles andre ist schlecht.«
Da fruchtete keine Einrede mehr. »Schließlich könnt ihr ja mit mir
anstellen, was ihr wollt,« fügte er hinzu, »aber daß ich freiwillig
hingehen soll, das wird nicht geschehen. Wozu auch? Lang kann's nimmer
dauern.«
So war ihm denn das Wort entschlüpft. War deshalb der tiefe Glanz in
seinen Augen? Blickte er deshalb mit stummer Spannung die Straßen
entlang, wenn er morgens zum Appellgericht ging? War's deswegen, daß er
stundenlang am Fenster lehnte und hinüberspähte gegen die Chaussee? Daß
er gierig aufhorchte, wenn er irgendwo zwei Menschen leise miteinander
reden sah? Daß er täglich dabei sein mußte, wenn der Postwagen ankam,
und daß er den Briefboten ausfragte, ob er nichts für ihn habe?
Dem rätselhaften Wesen tat die Zeit keinen Abbruch. Es lag Frau von
Kannawurf daran, ihn einer Gebundenheit zu entreißen, die ihn einem
innigen Verhältnis zur umgebenden Welt entziehen und jede frohe
Betätigung zwangvoll machen mußte. Sie sann immer auf Ablenkung, und
jenes Familienfest, von dem ihre Freundin Bettine gesprochen, gab
Gelegenheit, damit Caspar wieder einmal aus sich heraus und einer
anteilvollen Welt gegenübertrete.
Die Feier wurde von Herrn von Imhoff zu Ehren der Goldenen Hochzeit
seiner Eltern veranstaltet und sollte am zwölften September stattfinden.
Der junge Doktor Lang, ein Freund des Hauses, hatte zu der Gelegenheit
ein sinnreiches Bühnenspiel in Versen verfaßt, welches von einigen Damen
und Herren der Gesellschaft ausgeführt werden sollte. Bei den Proben,
die im oberen Saal des Schlosses abgehalten wurden, zeigte es sich, daß
einer der jungen Leute, der die Rolle eines stummen Schäfers darstellte,
seines plumpen Benehmens halber unfähig war, den Part zu gewünschter
Wirkung zu bringen. Da hatte Frau von Kannawurf, die selbst mitspielte,
den Einfall, diese Rolle Caspar zu übertragen. Die Anregung fand
Beifall.
Caspar willigte ein. Da er eine Person vorzustellen hatte, die nichts
zu sprechen brauchte, glaubte er sich der Aufgabe leichterdings
gewachsen, die seiner alten Neigung für das Theater entgegenkam. Er ging
fleißig zu den Proben, und wenngleich das phrasenhafte Wesen des Stücks
nicht eben sein Gefallen erweckte, so erfreute er sich doch an der
wechselvollen Bewegung innerhalb eines abgemessenen Vorgangs.
Das harmlose Spiel hatte einen berechneten und für das Publikum unschwer
durchschaubaren Bezug auf ein schon weit zurückliegendes Ereignis in der
Familie der Imhoffs. Einer der Brüder des Barons hatte sich zu Anfang
der zwanziger Jahre an burschenschaftlichen Umtrieben beteiligt und war,
von dem feierlichen Bannfluch des Vaters und nebenbei von den
politischen Behörden verfolgt, nach Amerika entflohen. Nach erlassener
Amnestie war er zurückgekehrt, hatte vor dem Familienhaupt alle
freiheitlichen Ideen abgeschworen, und von da ab hatte ihm die
väterliche Gnade wieder geleuchtet.
Diese etwas philiströse Begebenheit hatte den Hauspoeten zu seiner
Dichtung begeistert. Ein König gibt einem ihn besuchenden Freund und
Waffengenossen ein Gastmahl. Ein zweiter Polykrates, brüstet er sich bei
diesem Anlaß mit seiner Macht, dem Frieden seiner Länder, den Tugenden
seiner Untertanen. Die Höflinge an der Tafel bestärken ihn voll
schmeichlerischen Eifers in seinem Glückswahn, nur der Gastfreund wagt
das kühne Wort, daß er auf dem Purpur des Herrschers doch einen Makel
bemerke. Der König fühlt sich getroffen und läßt jenen hart an, auch
weiß er zu verhindern, daß der Freund weiterspreche, da seine Gemahlin
Zeichen eines großen Seelenschmerzes von sich gibt. Unterdessen ziehen
im Burghof Schnitter und Schnitterinnen mit Lachen und munteren
Zwiegesprächen auf, und Musik begleitet die Erntefeier. Plötzlich
entsteht ein Stillschweigen; die Geigen, die Rufe, das Gelächter
verstummen, und auf die Frage des Königs wird mitgeteilt, der schwarze
Schäfer, der sich schon seit Menschengedenken nicht im Land habe sehen
lassen, sei unter das Volk getreten. Der Gastfreund begehrt zu wissen,
was für eine Bewandtnis es mit diesem Schäfer habe, und man antwortet
ihm, der Wunderbare besitze die Gabe, durch seinen bloßen Anblick bei
jedem Menschen die Erinnerung an dessen stärkste Schuld wachzurufen,
Schuldlose aber den Gegenstand langgehegter Sehnsucht schauen zu lassen.
Zur Bestätigung dessen hört man auch aus der Mitte des Volkes Weinen und
allerlei klagende Töne. Der König befiehlt, daß sich der Fremdling
entferne, doch die Königin, unterstützt von den Bitten des Gastfreunds
und der Höflinge, fleht den Gemahl an, ihn heraufkommen zu lassen. Der
König fügt sich, und alsbald betritt der stumme Schäfer die Szene. Er
schaut den König an; der verhüllt sein Gesicht; er schaut die Königin
an, und diese, dunkel ergriffen, ergeht sich in einem längeren
Selbstgespräch, aus welchem deutlich wird, daß ihr erstgeborener Sohn
wegen einer unbesonnen angestifteten Verschwörung vom Vater verstoßen
wurde und seitdem verschollen ist. Mit ausgebreiteten Armen,
unwiderstehlich gezogen, geht sie auf den Schäfer zu, und siehe, es ist
der reuig zurückgekehrte Prinz. Man erkennt, man umarmt ihn, das Eis des
königlichen Herzens schmilzt, und alles löst sich in Wonne auf.
Caspar benahm sich nicht ungeschickt. Im Lauf der Vorbereitungen fand
er von sich selbst aus einen heftigen Antrieb zu der Rolle und fühlte
sich so hinein, als ob sein alltägliches Leben von ihm abgelöst wäre.
Ähnlich verhielt es sich mit Frau von Kannawurf, die die Königin machte;
auch sie gab sich ihrer Aufgabe mit einem Ernst hin, der das Spielhafte
des Vorgangs undienlich vertiefte und daher die Rollen ihrer Partner
schattenhaft werden ließ. So webten die beiden gleichsam in einer eignen
Welt für sich.
Es war ein sehr warmer Septembertag, als gegen sechs Uhr abends die
geladenen Gäste erschienen, im ganzen etwa fünfzig Personen, die Frauen
in großer Pracht, unmäßig aufgedonnert, die Männer in Fräcken und
gestickten Uniformen. Das Podium für die Komödie nahm die Schmalwand des
Saales völlig ein, Kulissen und Requisiten, auch eine Anzahl Statisten
waren vom Direktor des Schloßtheaters zur Verfügung gestellt worden. Die
Tafel befand sich in einem Nebensaal; dort hatte sich auch die
Musikkapelle eingefunden, denn nach dem Essen sollte getanzt werden.
Um sieben Uhr ertönte ein Glockenzeichen, alles begab sich auf die
Plätze. Der Vorhang rollte auf, und der König begann seine überhebliche
Tirade. Der Gastfreund, vom Verfasser selbst gemimt, hielt respektvollen
Widerpart, dann kam das heitere Zwischenspiel auf dem Hof, und das
Folgende nahm seinen ruhigen Fortgang. Nun trat Caspar auf. Das schwarze
Gewand kleidete ihn trefflich und hob die Blässe seines Gesichts. Sein
Erscheinen auf der Bühne hatte eine unmittelbare Wirkung. Das Husten und
Räuspern hörte auf; Totenstille entstand. Wie er den König und die
Königin anblickte, wie er auf sie zuschritt und traumhaft lächelte, das
war ergreifend. Einige sahen ihn sogar zittern und beobachteten, daß
sich seine Finger wie im Krampf in die Hand schlossen. Nun der Monolog
der Königin; auch dies klang anders, als Schauspieler sonst sich geben,
sie tritt an den Jüngling heran, sie legt die Arme um seinen Hals ...
In diesem Augenblick eilte ein Mann aus dem Hintergrund des Saales bis
vor die Rampe und rief ein gellendes: »Halt!« Die Spieler auf der Szene
fuhren erschrocken zusammen, die Zuschauer erhoben sich, und eine
allgemeine Unruhe entstand. »Wer ist das? Wer wagt das? Was gibt's?«
wurde durcheinander gerufen; man drängte nach vorn, die Frauen schrien
ängstlich, Stühle wurden umgeworfen, und nur mit Mühe gelang es dem
Hausherrn, eine gefährliche Panik zu verhüten.
Indes stand der Urheber der Verwirrung noch immer unbeweglich vor dem
Podium. Es war Hickel. Bleich und feindselig stierte er auf die Szene
und schien nichts zu gewahren außer Caspar und Frau von Kannawurf, die,
aneinander gedrängt, furchtsam in den verdunkelten Saal schauten. Der
erste, der sich an Hickel wandte, war der junge Doktor Lang. In seinem
Phantasiekostüm des »Gastfreundes« trat er an den Rand der Estrade und
fragte wütend nach dem Grund einer so unverantwortlichen Handlungsweise.
Der Polizeileutnant holte tief Atem und sagte laut mit einer gläsernen
Stimme: »Ich muß die hochgeehrte Versammlung tausendmal um
Entschuldigung bitten, und da ich selbst zu den hier Geladenen gehöre,
wird meine Versicherung vielleicht Glauben finden, daß mir ein solcher
Schritt nicht leicht geworden ist. Aber ich kann nicht dulden, daß der
Hauser ein frivoles Amüsement zu einer Stunde fortsetzt, wo ich die
Nachricht von einem schrecklichen Unglück erfahren habe, das ihn wie
keinen andern trifft und für sein ferneres Leben von folgenschwerer
Bedeutung sein wird.«
Finstere, neugierige und unwillige Augen blickten auf den
Polizeileutnant. Der Doktor Lang entgegnete zornig: »Unsinn! Eine
Teufelei ist es, weiter nichts. Was auch immer vorgefallen ist, so kann
weder ich noch irgend jemand von den Anwesenden Ihnen das Recht zu einer
so groben Eigenmächtigkeit zugestehen. Ist es schlimm, was Sie zu melden
haben, so war um so mehr Grund zu warten, unser Spiel war ja am Ende. Es
ist ein Wahnsinn, ein Mißbrauch der Gastfreundschaft.«
»Jawohl, der Doktor hat recht,« riefen einige Stimmen.
Hickel senkte den Kopf und legte die Hand vor die Stirn.
»Darf ich wissen, worum es sich handelt?« trat nun Herr von Imhoff
dazwischen.
Hickel raffte sich empor und erwiderte dumpf: »Graf Stanhope hat seinem
Leben freiwillig ein Ende gemacht.«
Es entstand eine lange Stille. Fast alle blickten auf Caspar, der gegen
eine Soffitte lehnte und langsam die Augen schloß.
»Er hat sich erschossen?« fragte Herr von Imhoff.
»Nein,« antwortete Hickel, »er hat sich erhängt.«
Raschelnde Laute des Schreckens ließen sich vernehmen. Herr von Imhoff
biß sich auf die Lippen. »Weiß man Näheres?« fuhr er fort zu fragen.
»Nein. Das heißt, ich habe nur eine allgemein gehaltene Nachricht von
seinem Jäger. Er war bei einem Freund, dem Grafen von Belgarde, an der
normannischen Küste zu Besuch. Am Morgen des vierten September fand man
ihn im Turmzimmer des Schlosses an einer Seidenschnur hängend als
Leiche.«
Herr von Imhoff sah zu Boden. Als er wieder aufblickte, fixierte er den
Polizeileutnant fremd und sagte: »Es tut uns allen von Herzen leid. Ich
glaube, daß niemand in diesem Saal ist, der dem unglücklichen Mann nicht
ein lebendiges Andenken bewahren wird. Nichtsdestoweniger, Herr
Leutnant, bleiben Sie mir Ihres sonderbaren Vorgehens halber
Rechenschaft schuldig.«
Hickel verbeugte sich stumm.
Die Hausfrau und mit ihr einige andre Damen waren bemüht, die Gäste zu
beruhigen, aber während die Diener die Kerzen des großen Kronleuchters
anzündeten, meldete man Frau von Imhoff, daß ihre Schwiegermutter, die
Jubilarin, infolge der ausgestandenen Aufregung unwohl geworden sei und
sich auf ihr Zimmer begeben habe. Sie folgte sogleich nach. Dies war ein
Signal zu allgemeinem Aufbruch. Der Regierungspräsident und der
Generalkommissär mit ihren Frauen verließen zuerst den Saal, und
schließlich blieben nur ein paar intime Freunde des Barons um diesen
versammelt und nahmen in gedrückter Stimmung an der weitläufigen Tafel
Platz.
»Ich hab' es immer geahnt, daß uns der gute Lord noch einmal eine
grimmige Überraschung bereiten würde,« sagte Herr von Imhoff.
»Was wird aber nun mit dem armen Hauser geschehen?« meinte einer aus der
Gesellschaft.
Man sprach allerlei Vermutungen darüber aus; die Unterhaltung kam in
Fluß, und wie oft ein unglückliches Ereignis dazu dient, die Phantasie
der entfernt Beteiligten wohltätig anzuregen, so auch hier. Man gab sich
bis über Mitternacht lebhaften Gesprächen hin.
Caspar hatte sich während des raschen Aufbruchs der Gäste in dem kleinen
Ankleidezimmer für die Schauspieler versteckt. Die jungen Leute
entledigten sich eilfertig ihres Kostüms und verschwanden. Nach einer
Weile kam ein Diener, um die Lichter auszulöschen, und dieser entdeckte
Caspar. Als Caspar gegen die Treppe zu ging, hörte er Schritte hinter
sich, und Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Sie fragte ihn, ob er
nach Hause wolle, und er bejahte. »Es regnet,« sagte sie unten beim Tor
und streckte die Hand hinaus. Sie wartete ein wenig, um den Regen
vorübergehen zu lassen, aber es wurde ein heftiger Guß daraus, und das
Wasser knatterte lärmend auf die Bäume und den ausgedörrten Boden. Ein
kaltfeuchter Luftstrom schlug ihnen entgegen, und Frau von Kannawurf
forderte Caspar auf, mit ihr ins Zimmer zu gehen, es könne allzulang
dauern. Er folgte still.
Oben machte sie Licht, dann stand sie und sah versonnen in die Flamme.
Ihre Schultern bebten fröstlich. Caspar hatte sich auf das Sofa
gesetzt. Allgemach spürte er eine so große Müdigkeit, daß es ihn
förmlich hintüberzog, und er mußte sich auf den Rücken legen. Da trat
Clara zu ihm und ergriff seine Hand, die er ihr jedoch hastig wieder
entriß. Er machte die Augen zu, und einen Moment lang war sein Gesicht
vollkommen leblos. Frau von Kannawurf stieß einen matten Angstruf aus
und fiel neben ihm auf die Knie. Dann rief sie ihre Kammerzofe und bat
um Wasser; sie schenkte ein Glas voll und reichte es ihm zu trinken. Er
trank ein paar Schlücke. »Was ist dir, Caspar?« flüsterte sie, und zum
erstenmal duzte sie ihn. Er lächelte dankbar. »Du bist wie eine
Schwester,« sagte er scheu und berührte mit den Fingern das Haar ihres
über ihn gebeugten Kopfes. Dieses Wort Schwester hatte in seinem Mund
einen eignen Klang; es tönte wie ein nie zuvor gesprochenes Wort.
Clara schmiegte sich an seine Seite; ihr war, als müßte sie ihn wärmen,
er aber rückte ängstlich fort, da wollte sie sich wieder erheben, doch
betastete er mit der Hand ihren Arm und sah sie an mit einem bittenden
Ausdruck von Schmerz und Liebe. »Clara,« sagte er, und sie glaubte
vergehen zu sollen oder zu einem andern Leben erwachen zu müssen, denn
die schüchtern-flehentliche Art, wie er diesen Namen aussprach, hatte
etwas Überirdisches.
Es kam nun so, daß Stunde auf Stunde verging und sie immer nebeneinander
lagen, stumm, stumm, regungslos und über und über zitternd beide. Sie
streckte die Hand nach ihm aus, und der Atem seines Mundes floß in die
Luft gleich dem ihren.
Als es von der Schloßuhr zwölf schlug, schauerte Clara zusammen. Sie
erhob sich und sagte mit tiefer Beteuerung vor sich hin: »Nie, nie, nie,
nie.« Dann schritt sie zum Fenster und öffnete es. Der Regen hatte
längst aufgehört, das Firmament war klar, der ganze Sternenhimmel lag
funkelnd vor ihr da. Ihre volle Brust drängte den unbekannten Welten
entgegen, denn von dieser, auf der sie lebte, war sie satt.
Sie sagte zu Caspar, er könne die Nacht im Schloß verbleiben, aber er
entgegnete, das wolle er nicht. Sie ging dann hinaus, um zu sehen, ob
Frau von Imhoff noch wach sei. Sie schritt am Speisesaal vorbei, wo die
Herren noch beim Wein saßen und laut redeten. Die Baronin hatte sich
gleichfalls noch nicht zur Ruhe begeben. Clara teilte ihr mit, daß
Caspar bis jetzt bei ihr gewesen sei. Frau von Imhoff nickte, sah aber
die Freundin etwas verlegen und verwundert an. »Ich werde morgen früh
meinen Koffer packen und reisen,« sagte Clara leise und mit einem
Ausdruck unwiderruflicher Bestimmtheit, der ihr bisweilen eigen war und
ihre kindlichen Züge seltsam hart und leidend machte. Frau von Imhoff
erhob sich überrascht und trat nahe an die Freundin heran. Plötzlich
fielen sie einander in die Arme, und Clara schluchzte.
Sie verstanden sich; es war nicht nötig zu sprechen.
Als sich Clara losriß, sagte sie, sie werde Caspar noch in die Stadt
begleiten. »Das kannst du unmöglich tun,« wandte Frau von Imhoff ein,
»oder ich werde dir wenigstens den Diener mitgeben.«
»Bitte, nicht,« antwortete Clara lächelnd, »du weißt doch, daß ich
keine Furcht habe. Es beirrt mich auch, wenn man meinethalben ängstlich
ist. Die Nacht tut mir gut, und ich freue mich auf den einsamen
Rückweg.«
Eine Viertelstunde später wanderte sie mit Caspar über die noch feuchte
Straße gegen die Stadt. Sie redeten auch jetzt nichts, und vor dem
Lehrerhaus reichten sie einander die Hände. »Jetzt gehst du
wahrscheinlich fort von mir, Clara,« sagte da plötzlich Caspar und
schaute sie mit einem verschleierten Blick an.
Sie war ebenso erstaunt wie bewegt über diese Worte, die ein tiefes
Vorgefühl verrieten. Wie schön sind seine Augen, dachte sie, sie sind
hellbraun wie die eines Rehs; gleicht er doch auch sonst einem Reh, das
traurig-verwundert im dunkeln Wald steht.
»Ja, ich gehe,« erwiderte sie endlich.
»Und warum denn? Bei dir war mir wohl.«
»Ich komme wieder,« versicherte sie mit einer gezwungenen Herzlichkeit,
hinter der ein Aufschrei erstarb. »Ich komme wieder. Wir werden uns
schreiben. Zu Weihnachten komm' ich wieder.«
»Ich komme wieder; das hab' ich schon einmal gehört,« sagte Caspar
bitter. »Bis Weihnachten ist lang. Und schreiben tu' ich nicht. Was hat
man vom Schreiben, ist ja doch nur Papier. Geh nur, leb wohl.«
»Es kann nicht anders sein,« flüsterte Clara, und ihr Blick suchte die
Sterne. »Sieh, Caspar, dort oben ist das Ewige. Wir wollen es nicht
vergessen wie alle andern. Wir wollen nichts vergessen. Ach, vergessen,
vergessen, darin liegt alle Bosheit der Welt. Uns gehören die Sterne,
Caspar, und wenn du hinaufschaust, bin ich bei dir.«
Caspar schüttelte den Kopf. »Leb wohl,« sagte er matt.
Im Erdgeschoß wurde ein Fenster geöffnet, und das mit einer Bettmütze
gekrönte Haupt des Lehrers wurde sichtbar, um gleich darauf wieder zu
verschwinden. Es war eine schweigende Mahnung.
Ich will Bettine bitten, daß sie ihn täglich besucht, überlegte Clara,
während sie allein durch die öden Gassen ging; ich bring' ihm Unheil,
wenn ich bleibe, ein Abgrund gähnt mir entgegen, wie er fürchterlicher
nicht zu denken ist. Schwester! Wie war mir doch, als er mich Schwester
nannte! Die himmlische Seligkeit pochte mir an die Brust. So hätt' ich
einen verlorenen Bruder gefunden, und mehr noch; aber, gerechter Gott,
mehr darf es nicht sein. Ihn anzutasten! Seinen Schlummer stören! O
verbrecherische Lippen, denen ein Kuß nichts bedeutet! Hätt' ich's
getan, ich müßte seine Mörderin heißen, was kann ich Besseres tun als
fliehen? Ein guter Genius wird ihn schützen; vermessen, wollt' ich durch
meine armselige Gegenwart ihn behütet glauben; ein so edles Ding kann
nicht zugrunde gehen, weil sich zwei Augen von ihm wenden.
Diese wirre und aufgeregte Gedankenfolge entschleiert ein rettungslos
verstricktes Gemüt, das in seiner Schwärmerei den Entschluß eines Opfers
faßt, verzagt, geblendet durch den Anblick von so viel Schicksal und in
seiner Betrübnis irregehend an den Kreuzwegen der Liebe.
Den Blick beständig zum Himmel gerichtet, und zwar auf das schöne
Sternbild des Wagens, das wie ein erstarrter Zackenblitz im
Dunkelblauen schwamm, bemerkte Clara nicht, daß am Portal des Schlosses
eine Gestalt lehnte. Sie prallte erst zurück, als ihr die nächtige
Person den Weg verstellte. O Gott, der Grauenvolle, dachte sie.
Hickel, denn dieser war es, verneigte sich gegen die bestürzte Frau.
»Vergebung, Madame, Vergebung,« murmelte er. »Und nicht nur für diesen
Überfall, auch für das andre. Sie sind zu schön, Madame. Wenn Sie die
Gnade hätten, zu erwägen, daß Ihre sublime Schönheit mit meinem Kopf
umspringt wie ein mutwilliger Knabe mit seinem Kreisel, wenn Sie in
Betracht ziehen wollten, daß es selbst beim Komödiespiel einen Punkt
gibt, wo die verrückt gewordene Phantasie den Gegenstand ihrer Wünsche
besudelt und das Bildliche eifersüchtig für ein Wirkliches hält, so
würden Sie vielleicht Ihren zerknirschten Diener durch ein tröstliches
Wort beglücken.«
Alles dies klang einfältig, formlos, geziert, höhnisch und verzweifelt.
Er schien die Worte zwischen den Zähnen zu zerquetschen, und man konnte
ihm ansehen, daß er sich nur mit Anstrengung steif und ruhig hielt.
Clara trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme, drückte sie fest
gegen die Brust und sagte befehlend: »Lassen Sie mich vorbei!«
»Madame, von Ihrem Mund hängt zur Stunde manches ab,« fuhr Hickel fort
und hob den Arm mit der starren Bewegung einer Wachsfigur. »Ich bin nie
ein Bettler gewesen. Hier steh' ich und bettle. Verleugnen Sie nicht Ihr
Gesicht, das einen Engel glauben läßt!«
Er trat zur Seite, wortlos ging Clara an ihm vorüber. Sie läutete, und
der Pförtner, der auf sie gewartet, öffnete sogleich. Als sie drinnen
war, spürte sie eine entsetzliche Übelkeit. In ihrem Hirn war etwas wie
zerrissen. Auf der Treppe stockte sie; ihr war, als müsse sie umkehren
und den furchtbaren Mann noch einmal anreden.
Als Caspar am nächsten Nachmittag zu Imhoffs kam, wurde ihm mitgeteilt,
daß Frau von Kannawurf schon abgereist sei. Er bat Frau von Imhoff, sie
möchte ihm Claras Bild zeigen, das er seit dem ersten Gesellschaftsabend,
dem er im Schlosse beigewohnt, nicht mehr gesehen. Die Baronin führte
ihn in ein Erkergemach, wo das Porträt zwischen zwei Ahnenbildnissen an
der Wand hing.
Er setzte sich davor und betrachtete es lange mit stummer
Aufmerksamkeit. Als er ging, versprach Frau von Imhoff, ihm eine
Zeichnung von dem Bild anfertigen zu lassen. Er war so zerstreut, daß er
nicht einmal dankte.