Gespräch zwischen einem, der maskiert bleibt, und einem, der sich
enthüllt
Es regnete in Strömen, als die Kalesche des Lords am späten Abend über
den Ansbacher Schloßplatz donnerte. Dazu scheuten die Pferde plötzlich
vor einem über den Weg trottenden Hund, und der elsässische Kutscher
fluchte in seinem greulichen Dialekt so laut, daß sich hinter den
dunkeln Fensterquadraten ein paar weiße Zipfelmützen zeigten. Die Zimmer
im Gasthof zum Stern waren vorausgemietet, der Wirt tänzelte mit einem
Parapluie vors Tor und begrüßte den Fremdling mit unzähligen tiefen
Komplimenten und Kratzfüßen.
Stanhope schritt an ihm vorüber zur Treppe, da trat ihm ein Herr in der
Uniform eines Gendarmerieoffiziers entgegen, sehr eilfertig, mit
regentriefendem Mantel und stellte sich ihm als Polizeileutnant Hickel
vor, der die Ehre gehabt habe, Seiner Lordschaft vor einigen Wochen beim
Rittmeister Wessenig in Nürnberg flüchtig, »leider allzu flüchtig«,
begegnet zu sein. Er nehme sich die Freiheit, dem Herrn Grafen seine
Dienste in der unbekannten Stadt anzubieten, und bitte um Vergebung für
die einem Überfall ähnliche Störung, aber es sei zu vermuten, daß Seine
Lordschaft wenig Zeit und vielerlei Geschäfte habe, darum wolle er nicht
versäumen, in erster Stunde nachzufragen.
Stanhope schaute den Mann verwundert und ziemlich von oben herab an. Er
sah ein frisches, volles Gesicht mit eigentümlich kecken und dabei
zärtlich ergebenen Augen. Unwillkürlich zurücktretend, hatte Stanhope
das Gefühl, daß hier einer seine ganze Person als Werkzeug antrug,
gleichviel zu welchen Zwecken; nichts Neues war ihm der begehrlich
streberische Glanz solcher Blicke, schon glaubte er seinen Mann in- und
auswendig zu kennen. Aber woher wußte der Dienstbeflissene davon? Wer
hatte ihn auf die Fährte gebracht? Eine feine Nase war ihm jedenfalls
zuzutrauen. Der Lord dankte ihm kurz und erbat sich für eine bestimmte
Stunde seinen Besuch, worauf der Polizeileutnant militärisch grüßte und
ebenso eilig, wie er gekommen war, wieder in den Regen hinausrannte.
Stanhope bewohnte den ganzen ersten Stock und ließ sogleich in allen
Zimmern Kerzen aufstellen, da ihm unbeleuchtete Räume verhaßt waren;
während der Kammerdiener den Tee bereitete, nahm er ein in Saffian
gebundenes Andachtsbüchlein aus der Reisetasche und begann darin zu
lesen. Oder wenigstens hatte es den Anschein, als lese er, in
Wirklichkeit dachte er hundert zerstreute Gedanken, die Ruhe des kleinen
Landstädtchens war ihm unheimlicher als Kirchhofsstille. Nach dem Imbiß
ließ er den Wirt rufen, befragte ihn über dies und jenes, über die
Verhältnisse im Ort, über den ansässigen Adel und die Beamtenschaft. Der
Wirt zeigte sich den neuen Läuften gründlich überlegen. Er hatte noch
die selige Markgrafenzeit erlebt, und mit dem Tag, wo Höfling und
Hofdame aus ihren ziervollen Rokokopalästchen die Flucht vor dem
heransausenden Kriegssturm ergriffen hatten, war es aus mit dem Glanz
der Welt; ein stinkendes Rattennest war sie geworden, ein
Aktentrödelmarkt mit dem hochtrabenden Namen Appellationssenat, eine
Tintenhöhle, ein Paragraphenloch.
Damals, ach, damals! Wie verstand man zu schäkern, wie heiter war das
Treiben, man spielte, man parlierte, man tanzte -- und der dicke Mann
fing vor den Augen des Lords an, einige gravitätische Menuettposen und
Pas de deux zu illustrieren, wozu er eine verschollene Melodie trällerte
und mit zwei Fingern jeder Hand schelmisch die Rockschöße hob.
Der Lord blieb vollkommen ernsthaft. Er fragte auch beiläufig, ob Herr
von Feuerbach in der Stadt sei, doch bei diesen Worten zog der Dicke ein
säuerliches Gesicht. »Die Exzellenz?« grollte er. »Ja, die ist da.
Wohler wäre uns, sie wär' nicht da. Wie ein brummiger Kater lauert sie
uns auf und faucht uns an, wenn wir ein bißchen pfeifen. Er kümmert sich
um alles, ob die Straßen gekehrt sind, ob die Milch verwässert ist;
überall ist er hinterher, aber Galanterie hat er keine im Leib. Nur
eines versteht er gründlich, er ist ein scharfer Esser, und halten zu
Gnaden, Herr Graf, wenn Sie mit ihm zu tun haben, müssen Sie alles
loben, was auf seinen Tisch kommt.«
Stanhope entließ den Schwätzer huldvoll, dann bezeichnete er dem Diener
die Kleider, die für morgen instand zu setzen seien, und begab sich zur
Ruhe. Am andern Morgen erhob er sich spät, schickte den Lakaien in die
Wohnung Feuerbachs und ließ um eine Unterredung bitten. Der Mann kam mit
der Botschaft zurück, der Herr Staatsrat könne heute und wohl auch in
den nächsten Tagen nicht empfangen, er ersuche Seine Lordschaft, ihm das
Anliegen schriftlich mitzuteilen. Stanhope war wütend. Er begriff, daß
er sich überstürzt habe, und fuhr sogleich zum Hofrat Hofmann, der ihm
empfohlen war.
Indessen hatte sich die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet, und
nach weiteren vierundzwanzig Stunden war schon ein Sagenkranz um seine
Person geflochten. Ein halb Dutzend mit Goldguineen gefüllte Säcke seien
auf dem Reisewagen des Fremdlings aufgeschnallt gewesen, hieß es, und er
wolle das Markgrafenschloß samt dem Hofgarten kaufen, er führe ein Bett
mit Schwanendaunen mit sich und gestickte Wäsche, er sei ein Vetter des
Königs von England und Caspar Hauser sein leiblicher Sohn. Stanhope,
kühl bis in die Nieren, sah sich als Mittelpunkt kleinstädtischen
Schwatzes und war es zufrieden.
Der Hofrat hatte ihm keine Erklärung über das Verhalten des Präsidenten
zu geben vermocht. Um die dienstlichen Schritte zu beraten, suchten sie
den Archivdirektor Wurm auf, der bei Feuerbach großes Vertrauen genoß.
Stanhope spürte, daß man nur mit scheuer Vorsicht an die Sache ging; die
amtssässigen Herren konnten sich keines freien Verhältnisses zu einem
Manne rühmen, dessen Hand wie Eisenlast auf ihnen ruhte.
Am Abend folgte Stanhope der Einladung in einen Familienkreis. Als er
hier die Rede auf den Präsidenten brachte, wurde eine Reihe von
Anekdoten erzählt, die teils lächerlich, teils bizarr klangen, oder man
berichtete, wie um den Mangel an Liebe und echtem Sichbescheiden durch
Umstände zu verdecken, welche das Mitleid herausforderten, von dem
Unglück, welches Feuerbach an zweien seiner Söhne erlebe, von einer
zerrütteten Ehe, von der menschenhassenden Einsamkeit, in welcher der
Alte hauste, und in der man doch wieder etwas wie eine dunkle
Verschuldung sehen wollte. »Er ist ein Fanatiker,« ließ sich ein
kahlköpfiger Kanzleivorstand vernehmen, »er würde, wie Horatius, seine
eignen Kinder dem Henkersknecht ausliefern.«
»Er vergibt niemals einem Feind,« sagte ein andrer klagend, »und dies
beweist keine christliche Gesinnung.«
»Das alles wäre nicht so schlimm, wenn er nicht in jedem Menschen eine
Art von Übeltäter sehen würde,« meinte die Dame des Hauses, »und bei
jeder Harmlosigkeit gleich das ganze Strafgesetz aufmarschieren ließe.
Neulich ging ich um die Dämmerung mit meiner Tochter auf der Triesdorfer
Straße spazieren, und wir waren unbedachtsam genug, ein paar Äpfel von
den Bäumen zu pflücken; auf einmal steht die Exzellenz vor uns, schwingt
den Stock in der Luft und schreit mit einer fürchterlich krähenden
Stimme: Oho, meine Gnädige, das ist Diebstahl am Gemeindegut! Nun bitt'
ich einen Menschen, Diebstahl! Was soll denn das heißen?«
»Du mußt aber auch sagen, Mama,« fügte die Tochter hinzu, »daß er dabei
ganz pfiffig geschmunzelt hat und sich kaum das Lachen verbeißen konnte,
als wir, vor Schrecken zitternd, die Äpfel in den Graben warfen.«
Der bloße Name des Mannes glich einem Steinblock im Strom, vor dem das
Wasser staut und aufprallt. Stanhope machte kein Hehl aus seiner
Bewunderung für den Präsidenten. Er zitierte Stellen aus seinen
Schriften, schien selbst die trockensten juristischen Abhandlungen zu
kennen und pries die von Feuerbach durchgeführte Abschaffung der Folter
als eine Tat, die über die Jahrhunderte leuchten würde. Es war ein
Mittel zu blenden, wie irgendein andres.
Auf allen Gassen, in allen Salons gab es alsbald nur einen einzigen
Gesprächsstoff, und das war Lord Stanhope. Lord Stanhope, der Held und
die Zuflucht der unschuldig Verfolgten; Lord Stanhope, der Gipfel der
Eleganz, Lord Stanhope, der Freigeist, Lord Stanhope, der Liebling des
Glücks und der Mode, Lord Stanhope, der Melancholische, und Lord
Stanhope, der Strengreligiöse. So viel Tage, so viel Gesichter; heute
ist Lord Stanhope kalt, morgen ist er leidenschaftlich; zeigt er sich
hier heiter und ungebunden, dort wird er tiefsinnig und würdevoll sein;
Gelehrsamkeit und leichte Tändelei, die Stimme des Gemüts und sittliche
Forderung: es kommt nur auf das Register an, das der geschickte
Orgelspieler braucht. Wie interessant sein Aberglauben, wenn er in einem
Zirkel bei Frau von Imhoff seine Furcht vor Gespenstern bekennt und
schildert, daß er dabei gewesen, wie ein Landsmann in den Krater des
Vesuv zur Hölle gefahren sei; wie entzückend die Ironie, mit der er bei
andrer Gelegenheit gottlose Gedichte von Byron zu rezitieren versteht.
Die Elemente mischen sich, man weiß nicht wie. Es ist eine Lust, die
Welle zu Schaum zu schlagen und den kleinen provinzlichen Sumpf im
vergoldeten Kahn zu durchfahren.
Am fünften Tag kam der Jäger zurück. Er brachte erweiterte Vollmachten;
Befehle, denen Stanhope durch seine Reise nach Ansbach zum Teil
zuvorgekommen war, aus denen als bemerkenswert etwas wie Furcht vor den
Maßnahmen Feuerbachs auffiel. Es wurde ihm geboten, sich dem Präsidenten
in jedem Fall zu fügen, da Widerstand Verdacht erweckt hätte; das
Äußerste zu versuchen, aber sich zu fügen und neue Minen zu graben, wenn
die alten wirkungslos geworden. Von einem gefährlichen Dokument war die
Rede, das einstweilen beiseitegebracht oder unschädlich gemacht werden
müsse, von dessen Inhalt aber jedenfalls Abschrift zu nehmen sei.
Das überreichte Schreiben sollte im Beisein des Jägers zerrissen und
verbrannt werden. Dies geschah. Vor allem brachte der Bursche Geld,
herrliches bares Geld. Stanhope atmete auf.
Am nächsten Abend lud er einige der vornehmsten Familien der Stadt zu
einem geselligen Beisammensein in die Räume des Kasinos. Man raunte sich
zu, daß er die Speisen nach besonderen Rezepten habe bereiten lassen und
die Musikpiecen mit dem Kapellmeister selbst durchprobiert habe. Vor
Beginn des Tanzes erhielt jede Dame ein ebenso sinniges wie kostbares
Angebinde: ein kleines Schildchen von Gold, auf welchem in emaillierter
Schrift die Devise stand: »#Dieu et le coeur.#« Danach nahm der Lord sein
Glas und forderte die Anwesenden auf, mit ihm das Wohl eines Menschen
auszubringen, der ihm so teuer sei, daß er den Namen vor so vielen Ohren
gar nicht auszusprechen wage, wüßten doch alle, wen er meine: jenes
wunderbare Geschöpf, vom Schicksal wie auf eine Warte der Zeit
hingestellt: #Dieu et le coeur#, dies gelte ihm, dem Mutterlosen, dessen
die Mütter gedenken möchten, welche Kinder geboren, und die Jungfrauen,
die sich der Liebe weihten.
Man war gerührt; man war außerordentlich gerührt. Ein paar weiße
Taschentücher flatterten in sanften Händen, und eine ergriffene
Baßstimme murrte: »Seltener Mann.« Der seltene Mann, als ob er seine
eigne Bewegung nicht anders meistern könne, begab sich auf den
anstoßenden Balkon und schaute sinnend auf das Volk, das teils in
ehrfürchtig flüsternden Gruppen stand, teils in der Dunkelheit auf und
ab promenierte. Viele auch hatten sich, der Musik lauschend, an die
gegenüberliegende Mauer gedrängt, und eine ganze Reihe von Gesichtern
glänzte fahl in dem aus den Fenstern flutenden Lichtschein.
Da gewahrte Stanhope den Uniformierten, der sich ihm bei seiner Ankunft
in der Stadt präsentiert. Er hatte ihn seitdem völlig aus dem Gedächtnis
verloren, der Mann war zur festgesetzten Stunde im Hotel gewesen, doch
hatte Stanhope die Verabredung nicht gehalten, und jener hatte nur die
Karte zurückgelassen. Jetzt stand er wenige Schritte entfernt unter
einem Laternenpfahl, und sein Gesicht schien auffallend böse.
Ein Unbehagen überlief den Lord. Er verbeugte sich höflich nach der
Richtung, wo der Regungslose stand. Darauf hatte der nur gewartet; er
trat näher, und dicht am Balkon stehend, war sein Gesicht etwa in
Brusthöhe des Grafen.
»Polizeileutnant Hickel, wenn ich nicht irre,« sagte Stanhope und
reichte ihm die Hand; »ich hatte das Unglück, Ihren Besuch zu versäumen,
ich bitte mich zu entschuldigen.«
Der Polizeileutnant strahlte vor Ergebenheit und heftete den Blick
andächtig auf den redenden Mund des Grafen. »Schade,« versetzte er, »ich
hätte sonst gewiß den Vorzug, den heutigen Abend in Mylords
Gesellschaft zu verbringen. Man rechnet meine Wenigkeit hier gleichfalls
zu den oberen Zehntausend, haha!«
Stanhope rückte kaum merklich den Kopf. Was für ein unangenehmer
Geselle, dachte er.
»Waren Eure Herrlichkeit schon beim Staatsrat Feuerbach?« fuhr der
Polizeileutnant fort. »Ich meine heute. Die Exzellenz war nämlich bis
jetzt starrköpfig, wollte mit Eurer Herrlichkeit nur schriftlich
unterhandeln. Es ist mir endlich gelungen, den eigensinnigen Mann andern
Sinnes zu machen.«
All das wurde in der biedersten Weise vorgebracht; doch Stanhope zeigte
ein befremdetes Gesicht. »Wie das?« fragte er stockend.
»Nun ja, ich kann bei dem guten Präsidenten manches durchsetzen, woran
andre sich umsonst die Zähne ausbeißen,« erwiderte Hickel, ebenfalls mit
dem heitersten und gefälligsten Ausdruck. »Solche Hitzköpfe sind um den
Finger zu wickeln, wenn man sie zu nehmen versteht. Haha, das ist
lustig: um den Finger gewickelte Hitzköpfe, haha!«
Stanhope blieb eisig. Er empfand einen an Ekel grenzenden Widerwillen.
Der Polizeileutnant ließ sich nicht beirren. »Mylord sollten keinesfalls
lange überlegen,« sagte er. »Wenn auch die Angelegenheit jetzt nicht
gerade sonderlich drängt, so treffen Sie doch den Staatsrat in einem
Zustand von Unentschlossenheit, dünkt mich, der auszunutzen ist. Und was
das bedrohliche Dokument anbelangt ...« Er hielt inne und machte eine
Pause.
Stanhope fühlte, daß er bis in den Hals erbleichte. »Das Dokument? Von
welchem Dokument sprechen Sie?« murmelte er hastig.
»Sie werden mich vollständig verstehen, Herr Graf, wenn Sie mir eine
halbe Stunde Gehör schenken wollen,« antwortete Hickel mit einer
Unterwürfigkeit, die sich beinahe wie Spott ausnahm. »Was wir uns zu
sagen haben, ist nicht unwichtig, muß aber keineswegs noch heute gesagt
werden. Ich stehe zu jeder beliebigen Zeit zur Verfügung.«
Seiner Unruhe trotzend, glaubte Stanhope Gleichgültigkeit zeigen zu
sollen. Obwohl ein Stichwort gefallen war, das er nicht überhören
durfte, verschanzte er sich hinter einer vornehmen Unnahbarkeit. »Ich
werde mich sicherlich an Sie wenden, wenn ich Ihrer bedarf, Herr
Polizeileutnant,« sagte er kurz und wandte sich stirnrunzelnd ab.
Hickel biß sich auf die Lippen, schaute mit einiger Verblüffung dem
Grafen nach, der durch die offene Saaltür verschwunden war, und ging
dann leise pfeifend über die Straße. Plötzlich drehte er sich um,
verbeugte sich höhnisch und sagte mit geschraubter Verbindlichkeit, wie
wenn Stanhope noch vor ihm stünde: »Der Herr Graf sind im Irrtum; auch
bei dero Gnaden wird mit Wasser gekocht.«
Als Stanhope wieder unter seine Gäste getreten war, zog er den
Generalkommissär von Stichaner ins Gespräch. Im Verlauf der Unterhaltung
äußerte er, er habe sich entschlossen, dem Präsidenten morgen seinen
Besuch zu machen; wenn Feuerbach auch dann bei seinem wunderlichen
Starrsinn verbleibe, werde er es als vorsätzlichen Affront auffassen und
abreisen.
Er sagte das mit so lauter Stimme, daß einige danebenstehende Herren und
Damen es hören mußten; unter diesen befand sich auch Frau von Imhoff,
die mit Feuerbach sehr befreundet war. An sie hatte sich der Lord
offenbar wenden wollen. Frau von Imhoff war aufmerksam geworden, sie
blickte herüber und sagte etwas verwundert: »Wenn ich mich nicht
täusche, Mylord, so hat Exzellenz ja Ihnen einen Besuch abgestattet. Ich
traf ihn spät nachmittags in seinem Garten, als er eben im Begriff war,
zum 'Stern' zu gehen. Sie waren wohl nicht zu Hause?«
»Ich verließ mein Hotel um acht Uhr,« antwortete Stanhope.
Eine Stunde später schickten sich viele zum Aufbruch an. Der Lord erbot
sich, Frau von Imhoff, deren Gatte verreist war, in seinem Wagen nach
Hause zu bringen. Da sie der Weg vorüberführte, ließ Stanhope beim
»Stern« halten und erkundigte sich, ob in seiner Abwesenheit jemand
vorgesprochen habe. In der Tat hatte Feuerbach seine Karte abgegeben.
Am andern Vormittag um elf Uhr hielt die gräfliche Karosse in der
Heiligenkreuzgasse vor dem Tor des Feuerbachschen Gartens. Mit
aristokratisch gebundenen Schritten, die gertenhaft biegsame Gestalt
unnachahmlich gestreckt, näherte sich Stanhope dem landhausähnlichen
Gebäude, indem er genau die Mitte der kahlen Baumallee einhielt. Sein
Anzug bekundete peinliche Sorgfalt; in dem Knopfloch des braunen
Gehrocks glühte ein rotes Ordensbändchen, die Krawatte war durch eine
Diamantschließe gehalten und wie ein geistiger Schmuck umspielte ein
müdes Lächeln die glattrasierten Lippen. Als er ungefähr zwei Drittel
des Wegs zurückgelegt hatte, hörte er eine brüllende Stimme aus dem
Haus, zugleich rannte eine Katze vor ihm über den Kies. Ein böses Omen,
dachte er, verfärbte sich, blieb stehen und schaute unwillkürlich
zurück. Es war so neblig, daß er seinen Wagen nicht mehr sah.
Er zog die Glocke am Tor und wartete geraume Weile, ohne daß geöffnet
wurde. Indes dauerte das Geschrei drinnen fort, es war eine Männerstimme
in Tönen wilder Wut. Stanhope drückte endlich auf die Klinke, fand den
Eingang unversperrt und betrat den Flur. Er sah niemand und trug
Bedenken, weiterzugehen. Plötzlich wurde eine Tür aufgerissen, ein
Frauenzimmer stürzte heraus, anscheinend eine Magd, und hinterher eine
gedrungene Gestalt mit mächtigem Schädel, in welcher Stanhope sofort den
Präsidenten erkannte. Doch erschrak er dermaßen vor dem zornverzerrten
Gesicht, den gesträubten Haaren und der durchdringenden Stimme, daß er
wie angewurzelt stehen blieb.
Was hatte sich ereignet? War ein Unheil passiert? Ein Verbrechen zu Tag
gekommen? Nichts von alledem. Bloß ein stinkender Qualm zog durch den
Korridor, weil ein Topf mit Milch in der Küche übergelaufen war. Die
Frauensperson hatte sich beim Wasserholen verschwatzt, und da war es
denn ein gar würdeloser Anblick, den alten Berserker zu sehen, wie er
mit den Armen fuchtelte und bei jeder jammernden Widerrede der
Gescholtenen von neuem raste, die Zähne fletschte, mit den Füßen
stampfte und sich vor Bosheit überschrie.
Ein komisches Männlein, dachte Stanhope voll Verachtung; und vor diesem
kleinen Provinztyrannen und Polizeiphilister habe ich gebebt! Sich
vornehm räuspernd, schritt er die drei Stufen empor, die ihn noch von
dem lächerlichen Kriegsschauplatz trennten, da wandte sich Feuerbach
blitzschnell um. Der Lord verneigte sich tief, nannte seinen Namen und
bat nachsichtig lächelnd um Entschuldigung, wenn er störe.
Schnelle Röte überflog das Gesicht Feuerbachs. Er warf einen seiner
jähen, fast stechenden Blicke auf den Grafen, dann zuckte es um Nase und
Mund, und auf einmal brach er in ein Gelächter aus, in welchem
Beschämung, Selbstironie und irgendeine gemütliche Versicherung lag,
kurz, es hatte einen befreienden, wohltuenden und überlegenen Klang.
Mit einer Handbewegung forderte er den Gast zum Eintreten auf; sie kamen
in ein großes wohlerhaltenes Zimmer, das bis in jeden Winkel von
außerordentlicher Akkuratesse zeugte. Feuerbach begann sogleich über
sein bisheriges Verhalten gegen den Lord zu sprechen, und ohne Gründe
anzuführen, sagte er, die Notwendigkeit, die ihn bestimmt, sei stärker
als die gesellschaftliche Pflicht. Doch habe er eingesehen, daß er einen
Mann von solchem Rang und Ansehen nicht verletzen könne, zumal ihm
schätzenswerte Freunde so viel Anziehendes berichtet hätten, deshalb
habe er Seine Lordschaft gestern aufgesucht.
Stanhope verbeugte sich abermals, bedauerte, daß er Seiner Exzellenz
nicht habe aufwarten können, und fügte bescheiden hinzu, er müsse diese
Stunde zu den höchsten seines Lebens rechnen, vergönne sie ihm doch die
Bekanntschaft eines Mannes, dessen Ruf und Ruhm einzig und über die
Grenzen der Sprache wie der Nation hinausgedrungen sei.
Von neuem der jähe, scharfe Blick des Präsidenten, ein schamhaft
satirisches Schmunzeln in dem verwitterten Gesicht und dahinter, fast
rührend, ein Strahl naiver Dankbarkeit und Freude. Der Lord seinerseits
stellte vollendet einen Mann der großen Welt dar, der vielleicht zum
erstenmal befangen ist.
Sie nahmen Platz, der Präsident durch die Gewohnheit des Berufs mit dem
Rücken gegen das Fenster, um seinen Gast im Licht zu haben. Er sagte,
eine der Ursachen, weshalb er ihn zu sprechen verlange, sei ein gestern
eingetroffener Brief des Herrn von Tucher, worin ihm dieser nahelege,
Caspar zu sich ins Haus zu nehmen. Diese plötzliche Sinnesänderung sei
ihm um so merkwürdiger erschienen, als er ja wisse, daß Herr von Tucher
den Absichten des Grafen geneigt gewesen; er habe den Faden verloren,
die ganze Geschichte sei ihm verschwommen geworden, er habe nun sehen
und hören wollen.
Im Tone größten Befremdens erwiderte Stanhope, er könne sich das
Vorgehen Herrn von Tuchers durchaus nicht erklären. »Man braucht den
Menschen nur den Rücken zu kehren und sie verwandeln ihr Gesicht,« sagte
er geringschätzig.
»Das ist nun so,« versetzte der Präsident trocken. »Ich will übrigens
Ihre Erwartung nicht hinhalten, Herr Graf. Wie ich schon dem
Bürgermeister Binder mitteilte, kann es auf keinen Fall geschehen, daß
Ihnen Caspar überlassen werde. Ein solches Ansinnen muß ich gänzlich und
ohne Bedenken abweisen.«
Stanhope schwieg. Ein schlaffer Unwillen malte sich in seinen Zügen. Er
blickte unablässig auf die Füße des Präsidenten, und als ob ihn das
Sprechen Überwindung koste, sagte er endlich: »Lassen Sie mich Ihnen,
Exzellenz, vor Augen führen, daß Caspars Lage in Nürnberg unhaltbar ist.
Aufs sonderbarste angefeindet und von keinem unter allen, die sich seine
Schützer nennen, verstanden; mit dem Druck einer Dankesschuld beladen,
die das Schicksal selbst für ihn aufgenommen hat und die er niemals wird
bezahlen können, da ihm ja sonst jeder Tag und jedes Erlebnis zu einer
wucherischen Zinsenabgabe würde und er, ein Junger, ein Wachsender, der
er ist, sein Dasein für sich verzehren muß, ist er waffenlos ausgesetzt.
Zudem will die Stadt, wie mir ausdrücklich versichert wurde, nur noch
bis zum nächsten Sommer für ihn sorgen und ihn dann einem
Handwerksmeister in die Lehre geben. Das, Exzellenz, dünkt mich schade.«
(Hier erhob der Lord seine Stimme ein wenig, und sein Gesicht mit den
niedergeschlagenen Augen erhielt den Ausdruck verbissenen Hochmuts.) »Es
dünkt mich schade, die seltene Blume in einen von aller Welt
zerstampften Rasen setzen zu lassen.«
Der Präsident hatte aufmerksam zugehört. »Gewiß, das alles ist mir
bekannt,« antwortete er. »Eine seltene Blume, gewiß. War doch sein
erstes Auftreten derart, daß man einen durch ein Wunder auf die Erde
verlorenen Bürger eines andern Planeten zu sehen vermeinte, oder jenen
Menschen des Plato, der, im Unterirdischen aufgewachsen, erst im Alter
der Reife auf die Oberwelt und zum Licht des Himmels gestiegen ist.«
Stanhope nickte. »Meine Hinneigung zu ihm, die dem allgemeinen Urteil
übertrieben erschienen ist, entstand mit dem ersten Hörensagen über
seine Person; sie findet auch in der Geschichte meines Geschlechts
etwas wie eine atavistische Rechtfertigung,« fuhr er in kühlem
Plauderton fort. »Einer meiner Ahnen wurde unter Cromwell geächtet und
floh in ein Grabgewölbe. Die eigne Tochter hielt ihn verborgen und
nährte ihn, bis die Flucht gelang, kümmerlich mit erstohlenen Brocken.
Seitdem weht vielleicht ein wenig Grabesluft um die Nachgeborenen. Ich
bin der Letzte meines Stammes, ich bin kinderlos. Nur noch ein Traum
oder, wenn Sie wollen, eine fixe Idee bindet mich ans Leben.«
Feuerbach warf den Kopf zurück. Die Linie seines Mundes zuckte in die
Länge wie ein Bogen, dessen Sehne zerrissen ist. Plötzlich lag Größe in
seiner Gebärde. »Eine innere Verantwortung hindert mich, Ihnen zu
willfahren, Herr Graf,« sagte er. »Hier steht so Ungeheures auf dem
Spiel, daß jeder Gnadenbeweis und jedes Liebesopfer daneben gar nicht
mehr in Frage kommt. Hier ist den in Abgründen kauernden Dämonen des
Verbrechens ein Recht zu entreißen und dem bangen Auge der Mitwelt, wenn
nicht als Trophäe, so doch als Beweis dafür entgegenzuhalten, daß es
auch dort eine Vergeltung gibt, wo Untaten mit dem Purpurmantel bedeckt
werden.«
Der Lord nickte wieder -- doch ganz mechanisch. Denn innerlich erstarrte
er. Es wurde ihm schwül vor der elementaren Gewalt, die aus der Brust
dieses Mannes zu ihm redete, und die selbst das Pathos verzehrte, das
ihm anfangs unbehaglich war und ihn ironisch gestimmt hatte. Er fühlte,
daß gegen diesen Willen zu kämpfen, der sich wie Unwetter verkündigte,
ein aussichtsloses Mühen sein würde, und wenn es ein Beschluß über ihm
war, durch den er in das Labyrinth lichtscheuer Verrichtungen mehr
geglitten als geschritten war, so fand er sich jetzt ratlos und
ohnmächtig darin, und es wurde ihm auf einmal wichtig, einen Anschein
von Ehre und Tugend aus dem Chaos seines Innern zu retten. Er beugte
sich vor und fragte sanft: »Und ist das Recht, das Sie jenen entreißen
wollen, die Leiden dessen wert, dem es zukommt?«
»Ja! Auch dann, wenn er daran verbluten müßte!«
»Und wenn er verblutet, ohne daß Sie Ihr Ziel erreichen?«
»Dann wird aus seinem Grab die Sühne wachsen.«
»Ich ermahne Sie zur Vorsicht, Exzellenz, um Ihretwillen,« flüsterte
Stanhope, indem sein Blick langsam von den Fenstern zur Tür wanderte.
Feuerbach sah überrascht aus. Es war etwas Verräterisches in dieser
Wendung, in irgendeinem Sinn verräterisch. Aber die blauen Augen des
Lords strahlten durchsichtig wie Saphire, und eine frauenhafte Trauer
lag in der Neigung des schmalen Hauptes. Der Präsident fühlte sich
hingezogen zu dem Manne, und unwillkürlich nahmen seine Worte einen
milden, ja fast liebreichen Klang an, als er sagte: »Auch Sie? Auch Sie
sprechen von Vorsicht? Meine Sprache scheint Ihnen kühn; sie ist es. Ich
bin es satt, auf einem Schiff zu dienen, das durch die Verblendung
seiner Offiziere in den schmählichen Untergang rennt. Aber ich könnte
mir denken, daß es einem Bürger des freien England unbegreiflich ist,
wenn ein Mensch wie ich seine Ruhe und die Sicherheit der Existenz
aufgeben muß, um das Gewissen des Staats für die primitivsten
Forderungen der Gesellschaft wachzurütteln. Es ist überflüssig, mich zur
Vorsicht zu mahnen, Mylord. Ich würde alles das auch demjenigen ins Ohr
schreien, der sich mir als Denunziant bekennte. Ich fürchte nichts, weil
ich nichts zu hoffen habe.«
Stanhope ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er versonnen
antwortete: »Mein Unkenruf wird Sie weniger verwundern, wenn ich Ihnen
gestehe, daß ich nicht uneingeweiht in die Verhältnisse bin, auf die Sie
hindeuten. Ich bin nicht das Werkzeug des Zufalls. Ich bin nicht ohne
äußeren Antrieb zu dem Findling gekommen. Es ist eine Frau, es ist die
unglücklichste aller Frauen, als deren Sendboten ich mich betrachte.«
Der Präsident sprang empor, als ob ein Blitz im Zimmer gezündet hätte.
»Herr Graf!« rief er außer sich. »Sie wissen also --«
»Ich weiß,« versetzte Stanhope ruhig. Nachdem er mit düsterer Miene
beobachtet hatte, wie der Präsident krampfhaft die Stuhllehne gepackt
hielt, so daß die Arme sichtbar zitterten, und wie das große Gesicht
sich verfaltete und bewegte, fuhr er mit monotoner Stimme und einem
matten, seltsam süßlichen Lächeln fort: »Sie werden mich fragen: Wozu
die Umwege? Was wollen Sie mit dem Knaben? Ich antworte Ihnen: Ich will
ihn in Sicherheit bringen, ich will ihn in ein andres Land bringen, ich
will ihn verbergen, ich will ihn der Waffe entziehen, die fortwährend
gegen ihn gezückt ist. Kann man klarer sein? Wollen Sie noch mehr?
Exzellenz, ich habe Kenntnis von Dingen, die mein Blut gefrieren lassen,
selbst wenn ich nachts erwache und in der Pause zwischen Schlaf und
Schlaf daran denke, wie man an ein Fieberbild denkt. Ersparen Sie mir
die Ausführlichkeit. Rücksichten, bindender als Schwüre, machen meine
Zunge lahm. Auch Sie scheinen ja, es ist mir rätselhaft, auf welche
Weise, Einblick gewonnen zu haben in diesen grauenhaften Schlund von
Schande, Mord und Jammer; so darf ich Ihnen wohl sagen, daß ich, der den
Königen und Herren der Erde sehr genau und sehr nah ins Gesicht geschaut
hat, niemals ein Antlitz sah, dem Geburt und Geist einen gleich hohen
Adel und der Schmerz eine ergreifendere Macht verliehen haben als dem
jener Frau. Ich ward ihr Sklave mit dem Augenblick, wo das Bild ihrer
tragischen Erscheinung zum erstenmal mein Gemüt belud. Es wurde meine
Lebensidee, die ihr vom Schicksal zugefügten Wunden in ihrem Dienst zu
mildern. Ich will schweigen darüber, wie ich Gewißheit über den Zustand
der gemarterten und am Rand des Todes hinsiechenden Seele gewann und wie
sich mir von denen, die ein Jahrzehnte hindurch fortgesponnenes Gewebe
von Leiden um das unbeschützte Dasein der Unglücklichen flochten,
langsam Stirn um Stirn entschleierte. Das Haupt der Meduse kann nicht
gräßlicher sein. Genug damit, daß ich meine wahre Natur unterdrücken und
mich harmlos geben mußte; ich mußte lügen, schmeicheln, schleichen und
Ränke durch Ränke schlagen, ich habe mich verkleidet und täuschungsvolle
Aufgaben übernommen. Dabei fraß mir der Zorn am Mark und ich fragte
mich, wie es möglich sei, weiterzuleben mit solcher Wissenschaft in der
Brust. Aber das ist es ja eben: man lebt weiter. Man ißt, man trinkt,
man schläft, man geht zu seinem Schneider, man promeniert, man läßt
sich die Haare scheren, und Tag reiht sich an Tag, als ob nichts
geschehen wäre. Und genau so ist es mit jenen, von welchen man glaubt,
daß das böse Gewissen ihre Sinne verwüsten und ihre Adern verdorren
müsse, sie essen, trinken, schlafen, lachen, amüsieren sich, und ihre
Taten rinnen von ihnen ab wie Wasser von einem Dach.«
»Sehr wahr! Das ist es, so ist es!« rief Feuerbach leidenschaftlich
bewegt. Er eilte ein paarmal durch das Zimmer, dann blieb er vor
Stanhope stehen und fragte streng: »Und weiß die Frau von allem --? Weiß
sie von ihm? Was ist ihr bekannt? Was erwartet, was hofft sie?«
»Aus persönlicher Erfahrung kann ich darüber nichts melden,« entgegnete
der Lord mit derselben traurigen und matten Stimme wie bisher. »Vor
kurzem wurde bei der Gräfin Bodmer erzählt, sie habe laut aufgeweint,
als man den Namen Caspar Hauser vor ihr genannt. Mag sein, ganz
glaubwürdig ist es nicht. Hingegen ist mir ein andrer Vorfall bekannt,
der auf eine fast übersinnliche Beziehung schließen läßt. Eines Mittags
vor zwei Jahren befand sich die Fürstin allein in der Schloßkapelle und
verrichtete ihr Gebet. Nachdem sie geendet und sich erheben wollte, sah
sie plötzlich über dem Altar das Bild eines schönen Jünglings, dessen
Gesicht einen unendlichen Kummer ausdrückte. Sie rief den Namen ihres
Sohnes, Stephan hieß er, der Erstgeborene, dann fiel sie in Ohnmacht.
Später erzählte sie die Vision einer vertrauten Dame, und diese, die
Caspar selbst in Nürnberg gesehen hatte, war von der Ähnlichkeit tief
berührt. Und das Wunderbare ist, daß die Erscheinung sich am selben Tag
und zur selben Stunde gezeigt hatte, wo der Mordanfall im Hause Daumers
stattfand. So viel ist klar, daß sich auf beiden Seiten ein
geheimnisvolles Zusammenstreben offenbart. Ferner ist es klar,
Exzellenz, daß jedes Zaudern Gefahr bedeutet und ein leichtfertiges
Vergeuden günstiger Gelegenheit. Ich rufe Ihnen das in ernster Not
entgegen. Es könnte kommen, daß unsre Versäumnisse vor einen
Richterstuhl gefordert werden, wo keine Reue das Geschehene ausgleicht.«
Der Lord erhob sich und trat zum Fenster. Seine Augenlider waren
gerötet, sein Blick verdunkelt. Wen verriet er eigentlich, wen belog er?
Seine Auftraggeber? Den Jüngling, den er an sich gekettet? Den
Präsidenten? Sich selbst? Er wußte es nicht. Er war erschüttert von
seinen eignen Worten, denn sie erschienen ihm wahr. Wie sonderbar, alles
das erschien ihm wahr, als ob er der Retter wirklich sei. Er liebte sich
in diesen Minuten und hätschelte sein Herz. Eine Finsternis des
Vergessens kam über ihn, und sofern er Müdigkeit und Ekel zu erkennen
gab, galten sie nur dem wesenlosen Schemen, das an seiner Stelle
gesessen, an seiner Statt geredet und gehandelt hatte. Er löschte
zwanzig Jahre Vergangenheit von der Tafel seines Gedächtnisses hinweg
und stand da -- reingewaschen durch eine Halluzination von Güte und
Mitleid.
Feuerbach hatte sich vor seinen Schreibtisch niedergelassen. Den Kopf in
die Hand gestützt, schaute er sinnend in die Luft. »Wir sind die Diener
unsrer Taten, Mylord,« begann er nach langem Schweigen, und die sonst
polternde oder schrille Stimme hatte einen sanften und feierlichen
Klang. »Vor dem schlimmen Ende zittern, hieße jede Schlacht aufgeben,
bevor sie geschlagen. Offenheit gegen Offenheit, Herr Graf! Bedenken
Sie, ich stehe hier auf einem verlorenen Posten des Landes. Mein Leben
war für eine andre Bahn bestimmt, einst glaubte ich es wenigstens, als
in der Verborgenheit einer Kreisstadt beschlossen zu werden. Ich habe
meinem König Dienste geleistet, die gewürdigt worden sind und die
vielleicht dazu beigetragen haben, seinem Namen das stolze Attribut des
Gerechten zu verleihen. Noch größere wollte ich leisten, sein Volk
erhöhen, die Krone zu einem Symbol der Menschlichkeit machen. Dies
scheiterte. Ich ward zurückgestoßen. Freilich, man hat mich belohnt,
aber nicht anders als wie Domestiken belohnt werden.«
Er hielt inne, rieb das Kinn mit dem Handrücken und knirschte mit den
Zähnen. Dann fuhr er fort: »Von früher Jugend an habe ich mich dem
Gesetz geweiht. Ich habe den Buchstaben verachtet, um den Sinn zu
veredeln. Der Mensch war mir wichtiger als der Paragraph. Mein Streben
war darauf gerichtet, die Regel zu finden, die Trieb von Verantwortung
scheidet. Ich habe das Laster studiert wie ein Botaniker die Pflanze.
Der Verbrecher war mir ein Gegenstand der Obsorge; in seinem erkrankten
Gemüt wog ich ab, was von seinen Sünden auf die Verirrungen des Staates
und der Gesellschaft entfiel. Ich bin bei den Meistern des Rechts und
bei den großen Aposteln der Humanität in die Lehre gegangen, ich wollte
das Zeitalter der überlebten Barbarei entreißen und Pfade zur Zukunft
bauen. Überflüssig zu beteuern. Meine Schriften, meine Bücher, meine
Erlässe, meine ganze Vergangenheit, das heißt eine Kette ruheloser Tage
und arbeitsvoller Nächte, sind Zeugen. Ich lebte nie für mich, ich lebte
kaum für meine Familie; ich habe die Vergnügungen der Geselligkeit, der
Freundschaft, der Liebe entbehrt; ich zog keinen Gewinn aus eroberter
Gunst; kein Erfolg schenkte mir Rast oder nachweisbares Gut, ich war
arm, ich blieb arm, geduldet von oben, begeifert von unten, mißbraucht
von den Starken, überlistet von den Schwachen. Meine Gegner waren
mächtiger, ihre Ansichten waren bequemer, ihre Mittel gewissenlos; sie
waren viele, ich einer. Ich bin verfolgt worden wie ein räudiger Hund;
Pasquillanten und Verleumder besudelten meine gute Sache mit Schmutz. Es
war eine Zeit, da konnte ich nicht durch die Straßen der Residenz gehen,
ohne die gröblichsten Insulten des Pöbels fürchten zu müssen. Als ich,
durch widerwärtige Intrigen und Anfeindungen gezwungen, mein
Professorenamt in Landshut aufgeben mußte, als man den studentischen
Janhagel gegen mich in Raserei versetzt hatte und ich nach meiner Heimat
floh, Weib und Kind im Stich lassend, da trachteten mir bezahlte
Schergen nach dem Leben. Es war der große Krieg, alle Ordnung war
zerrüttet; von der österreichischen Partei wurde ausgesprengt, daß ich
mit der französischen Partei im Bündnis stehe, die dem Kaiser Napoleon
zur Errichtung eines okzidentalischen Kaiserreichs den Weg bahnen und
die souveränen Fürsten stürzen wolle, die Franzosen verdächtigten
umgekehrt meine Beziehungen zu Österreich. Es gab einen Mann, einen
Amts- und Berufsgenossen, einen Gelehrten, berühmt und angesehen -- o,
ein feiger Poltron, die Zeit wird seinen Namen an einen der Schandpfähle
des Jahrhunderts heften! --, der sich nicht entblödete, mich öffentlich
als Spion zu bezeichnen, und mein Protestantentum zum Vorwand nahm, den
König gegen mich mißtrauisch zu machen. Ich erlag nicht. Die
Widrigkeiten hatten ein Ende, mein Fürst nahm mich wieder in Gnaden auf,
freilich nur in Gnaden. Ein neuer Herr bestieg den Thron, ich blieb in
Gnaden. Heute bin ich ein alter Mann, sitze hier in der Stille, immer in
Gnaden. Auch meine Feinde sind besänftigt oder sie stellen sich so, auch
sie sind in Gnaden. Aber was es bedeutet, eine aufs Große und Allgemeine
gerichtete Existenz vernichtet zu sehen, bevor noch die letzte Faser des
Geistes, der sie trug und nährte, ihre Kraft verzehrt hat, das empfinden
nicht jene, das weiß nur ich.«
Feuerbach stand auf und atmete tief. Hierauf griff er zur
Schnupftabaksdose, nahm eine Prise, dann wandte er Stanhope voll das
Gesicht zu, und unter den barschen Brauen blitzte ein rührend-ängstlicher
und dankbarer Blick hervor, während er sagte: »Herr Graf, ich bin mir
nicht ganz klar darüber, was mich bewegt, so zu Ihnen zu sprechen. Es
erstaunt mich selbst. Sie sind der erste, der zu hören bekommt, was so
verzweifelt den Klagen eines Zurückgesetzten ähnelt und doch nur die
Erklärung für eine unabänderliche Notwendigkeit bieten soll. Es ist mir
in der Angelegenheit Caspars nichts an dem Besonderen des Falles
gelegen, und nicht das Besondere der Person ist es, was meinen Beschluß
stärkt. An mich tritt der härteste Zwang heran, der einen Mann von
grauen Haaren treffen kann, und nötigt mich zu der Frage an das
Schicksal: ob denn alles Geopferte und Gewirkte umsonst gewesen, ob es
mir und den Gleichstrebenden keine andre Frucht gezeitigt hat als
Ohnmacht hier und Gleichgültigkeit dort. Ich muß die Probe machen, ich
muß es durchführen, komme, was da wolle; ich muß wissen, ob ich in Wind
geredet und auf Sand geschrieben habe; ich muß wissen, ob die
Versprechungen, mit denen man die Bitterkeit meines Exils versüßt hat,
nur wohlfeile Lockspeise waren; ich muß und will wissen, ob man es ernst
meint mit mir und meiner Sache. Ich habe Beweise, Graf, es liegen
furchtbare Indizien vor; ich kann dreinschlagen, ich habe den Donnerkeil
und kann das Wetter machen, alles ist von mir fixiert und in einem
besonderen Dokument dargestellt; man weiß es, man wird es nicht zum
Äußersten treiben, denn zum Äußersten bin ich entschlossen, um das
kostbare Gut zu wahren, zu dem ich vor Gott und den Menschen als Hüter
bestellt bin. Immerhin, ich werde warten, große Dinge brauchen viel
Geduld. Aber Caspar darf mir nicht entfernt werden. Er ist die lebendige
Waffe und der lebendige Zeuge, deren ich bedarf, und zwar in stets
erreichbarer Nähe. Verlöre ich ihn, so wäre das Fundament meines letzten
Werks dahin, ich spür' es wohl, es ist das letzte, und jeder Anspruch
auf Gehör würde wesenlos. Und Sie, edler Mann, was verlören Sie? Wollen
Sie eine Tat der Barmherzigkeit oder der Liebe verrichten und der
Gerechtigkeit nicht gedenken? Das hieße Gold wegwerfen, um Häckerling zu
erhalten.«
Stanhopes Gesicht war nach und nach so fahl geworden, als flösse kein
Blut mehr unter der Haut. Er hatte sich niedergesetzt, sich geduckt, wie
wenn er sich verkriechen wollte; ein paarmal waren Blicke aus seinen
Augen gebrochen wie wilde Tiere, die ihren Käfig zertrümmert haben, dann
rief er sie wieder zurück, saugte sie in sich hinein, hielt den Atem an,
nestelte mit den Fingern am Kettchen des Lorgnons, und als der Präsident
am Ende war, richtete er sich mit einer leidenschaftlichen Bewegung auf.
Er hatte Mühe, sich zu finden, er hatte Mühe, Worte zu finden, in
heftigem Wechsel zuckte es um seinen Mund, wie wenn er lachen oder einen
körperlichen Schmerz verbeißen wollte, und als er die Hand des
Präsidenten ergriff, wurde ihm eiskalt; der Doppelgänger stand an seiner
Seite, dieser Schattenleib des Gelebten, Begangenen, Versäumten, und
zischelte ihm das Wort des Verrats ins Ohr, aber seine Augen waren
feucht, als er sagte: »Ich verstehe. Alles, was ich zu antworten vermag,
ist: nehmen Sie mich als Freund, Exzellenz, betrachten Sie mich als
Ihren Helfer. Ihr Vertrauen ist mir wie ein Wink von oben. Doch welche
Bürgschaft haben Sie? Welche Gewähr, daß Sie Ihr Herz nicht einem
Unwürdigen eröffnet haben, der nur besser zu heucheln versteht als alle
andern? Ich hätte Caspar entführen können, ich könnte es noch --«
»Wenn dies Antlitz lügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann
will ich es meinetwegen für ein Hirngespinst erklären, Wahrheit auf
Erden zu suchen,« unterbrach ihn Feuerbach lebhaft. »Entführen, Caspar
entführen?« fuhr er gutmütig lachend fort. »Sie scherzen; ich möchte das
jedem Manne widerraten, der noch Wert darauf legt, im Sonnenschein
spazierenzugehen.«
Stanhope versank eine Weile in regungsloses Grübeln, dann fragte er
hastig: »Was soll aber geschehen? Schnelles Handeln ist Pflicht. Wohin
mit Caspar?«
»Er soll hierher nach Ansbach,« versetzte Feuerbach kategorisch.
»Hierher? Zu Ihnen?«
»Zu mir, nein. Das ist leider unmöglich, aus vielen Gründen unmöglich.
Ich muß viel allein sein, ich habe viel zu arbeiten, ich bin viel auf
Reisen, meine Gesundheit ist erschüttert, mein Charakter eignet sich
schlecht zu der Rolle, die ich dabei übernehmen müßte, und außerdem
verbietet es die Sache, ein allzu persönliches Band zu knüpfen.«
Stanhope atmete auf. »Wohin also mit ihm?« beharrte er.
»Ich werde nach einer Familie Umfrage halten, wo er gute Pflege und
geistige wie sittliche Unterstützung findet,« sagte der Präsident. »Noch
heute will ich mit Frau von Imhoff sprechen und ihren Rat einholen, sie
kennt die hiesigen Leute. Seien Sie dessen versichert, Mylord, daß ich
über den Jüngling wachen werde wie über mein eignes Kind. Die Nürnberger
Schwabenstreiche sind zu Ende. Daß ich Ihrem Verkehr mit Caspar
keinerlei Schranken setze, bedarf nicht der Erwähnung. Herr Graf, mein
Haus ist das Ihre. Glauben Sie mir, auch unter der Hülle des Beamten und
Richters schlägt ein für Freundschaft empfängliches Herz. Man wird in
diesem Land der Kleingeisterei nicht verwöhnt durch den Umgang mit
Männern.«
Nachdem sie noch flüchtig über die an Herrn von Tucher und den
Nürnberger Magistrat zu sendenden Nachrichten beraten hatten,
verabschiedete sich Stanhope.
Der Präsident schritt lange Zeit, in tiefe Gedanken versunken, auf und
ab. Von Minute zu Minute wurde sein Gesicht unruhiger und finsterer. Ein
sonderbares, nagendes, nicht abzuweisendes Mißtrauen stieg in seiner
Brust empor. Je mehr Frist verstrich, seit der Graf das Zimmer verlassen
hatte, je mehr wuchs diese peinigende Empfindung. Er war ein zu
gewiegter Menschenkenner, um sich gewissen Merkmalen zu entziehen, die
ihn bedenklich stimmten. Plötzlich schlug er sich mit der Hand vor die
Stirn, begab sich an den Schreibtisch und schrieb in großer Hast drei
Briefe: einen nach Paris an einen hochgestellten englischen Freund,
einen an den bayrischen Geschäftsträger nach London und einen dritten an
den Staatsminister der Justiz, Doktor von Kleinschrodt, in München. In
jenen beiden zog er genaue Erkundigungen über die Person des Grafen
Stanhope ein, in letzterem meldete er seine baldige Ankunft in der
Residenz und ersuchte um Reiseurlaub.
Alle drei Briefe ließ er zur Stunde mit expresser Post aufgeben.