Stanhope hatte dem Kutscher befohlen, vorauszufahren, und ging zu Fuß
durch die menschenleeren Gassen, in denen sein Schritt wie in einer
Kirche widerhallte. Er war verstört, zerschlagen und außerstande, eine
vernünftige Überlegung anzustellen. Im Gasthof angelangt, schloß er
sich ein und machte eine halbe Stunde lang Fechtübungen mit dem Florett.
Er unterbrach sich erst, als er von draußen eine Stimme vernahm, die mit
dem Kammerdiener unterhandelte, der Auftrag hatte, niemand vorzulassen.
Stanhope lauschte; er erkannte die Stimme, nickte gleichgültig, und mit
dem Degen noch in der Hand öffnete er. Es war Hickel, der auch sofort
eintrat und den ihn schweigend betrachtenden Grafen etwas verlegen
begrüßte.
Nach seinem Begehr gefragt, räusperte er sich und stotterte ein paar
unzusammenhängende Floskeln, aus denen hervorging, daß er um den Besuch
Stanhopes bei Feuerbach wußte. Sein Benehmen verriet trotz einer
unangenehm wirkenden Kriecherei eine nicht zu fassende freche
Vertraulichkeit.
Stanhope verwandte keinen Blick von dem aufgeregten Mann in der
kleidsamen Uniform. »Was hatte es eigentlich zu bedeuten, daß Sie mir zu
einer Zusammenkunft mit dem Herrn Präsidenten Ihre Hilfe anboten?«
fragte er frostig.
»Der Herr Graf haben sich aber meine Hilfe doch gefallen lassen,«
erwiderte Hickel. »Wer weiß, ob der Staatsrat ohne mich zu haben gewesen
wäre, er versteht es, sich zu verschanzen. Der Herr Graf geruhen das
nicht anzuerkennen. Je nun,« fügte er achselzuckend hinzu, »große Herren
haben ihre Launen.«
»Wie kommen Sie denn überhaupt dazu, sich zum Zwischenträger
anzubieten?«
»Zwischenträger? Der Herr Graf legen meiner unschuldigen Zuvorkommenheit
ein zu großes Gewicht bei.«
»Das Gewicht gaben Sie selbst. Sie beliebten dunkel zu sein. Sie
gefielen sich in einigen Wendungen, um deren Aufklärung ich höflichst
gebeten haben möchte.« Stanhope verbarg nach wie vor unter steifer Würde
die Unsicherheit, die er diesem Menschen gegenüber empfand.
»Ich stehe dem Herrn Grafen ganz zu Diensten,« versetzte Hickel. »Darf
ich meinerseits fragen, inwieweit sich der Herr Graf zu eröffnen
gedenken werden?«
»Zu eröffnen? Wem zu eröffnen? Ihnen? Ich habe nichts zu eröffnen.«
»Der Herr Graf haben in mir einen Mann von unbedingter Verschwiegenheit
vor sich.«
»Was soll das heißen?« fuhr Stanhope auf. »Wollen Sie mir Scharaden zu
lösen geben?«
»Man hat sich vor der Ankunft Eurer Lordschaft nach einer
vertrauenswürdigen Persönlichkeit umgesehen,« sagte Hickel plötzlich mit
eisiger Ruhe. »Meine langjährigen Beziehungen zu Exzellenz Feuerbach
empfahlen mich mehr als einige bescheidene Fähigkeiten.«
Stanhope entfärbte sich und sah zu Boden. »Sie haben also direkte
Aufträge?« murmelte er.
Der Polizeileutnant verbeugte sich. »Aufträge? Nein,« entgegnete er
zögernd. »Man versicherte sich meines guten Willens und ich wurde
angewiesen, mich Eurer Lordschaft zur Verfügung zu stellen.«
Es war Stanhope zumute, als ob er an diesem Tag schon einmal gestorben
wäre, und zwar einen bußfertigen Tod, und als ob er nun wieder zum Leben
aufgestanden und ein für allemal seiner Bestimmung übergeben sei.
Er wollte um fünf Uhr bei Frau von Imhoff zum Tee erscheinen und fragte
den Polizeileutnant, ob er ein Stück Wegs mitfahre. Obwohl aus der Frage
der Wunsch einer Ablehnung klang, nahm Hickel, dem es darum zu tun war,
mit dem Lord öffentlich gesehen zu werden, das Anerbieten dankbar an.
Die Straßen waren jetzt etwas belebter als am Mittag; die alten Beamten
und Pensionisten machten um diese Stunde ihren täglichen Spaziergang
über die Promenade. Viele blieben stehen und grüßten gegen das Innere
der hocherlauchten Kutsche.
Nun passierte es, daß an einer Straßenecke der Mann auf dem Bock wieder
einmal sein welsches Geschrei ertönen ließ; es stand nämlich mitten auf
dem Fahrdamm ein träumerisch wolkenwärts guckender Herr, der von dem
Herannahen der gräflichen Karosse keine Notiz zu nehmen schien. Höchst
erschrocken sprang er beiseite, als der Elsässer zu fluchen begann, doch
nicht schnell genug, daß nicht seine Kleider durch den Kot beschmutzt
wurden, der von den Hufen der Pferde und den Rädern aufspritzte.
Hickel bog den Kopf zum Fenster hinaus und griente, denn der Besudelte
stand mit einem verdutzten und unglücklichen Gesicht, hielt die Arme vom
Leib und sah sich die Bescherung an.
»Wer ist der ungeschickte Mann?« erkundigte sich Stanhope, den die
Schadenfreude des Polizeileutnants verdroß.
»Das? Das ist der Lehrer Quandt, Mylord.«
Eigner Zufall; eine halbe Stunde später wurde bei Frau von Imhoff
derselbe Name genannt. Der Präsident und seine Freundin waren nach
langen Beratungen übereingekommen, Caspar in die Obhut des Lehrers
Quandt zu geben.
»Er ist ein aufgeklärter und gebildeter Kopf und genießt als Bürger wie
als Mensch allgemeine Achtung,« sagte Frau von Imhoff.
»Und ist er denn geneigt, eine so verantwortungsreiche Aufgabe zu
übernehmen?« fragte der Lord zerstreut. Doch darüber konnte Frau von
Imhoff keine Auskunft geben.
Als Stanhope sich am andern Morgen beim Präsidenten melden ließ, traf er
Herrn Quandt dortselbst. Beide waren offenbar schon einig, denn
Feuerbach zeigte sich sehr aufgeräumt, und als sich der Lord wegen des
gestrigen Zwischenfalls mit dem Wagen bei Quandt entschuldigte, hatte
der Präsident seinen Spaß an der Verlegenheit des Lehrers, die er durch
harmlose Witzchen über zerstreute Denker und dergleichen noch steigerte.
Sein Gelächter trieb einen wahren Angstschweiß auf Quandts Stirn, er
verneigte sich vor Stanhope wie ein Muselmann vor dem Kalifen, und es
hatte den Anschein, als müsse er sich geschmeichelt fühlen, daß der Kot
der gräflichen Karosse seine geringe Person der Beachtung wert gefunden.
»Na, Quandt, machen Sie sich nicht so mausig,« mahnte der Präsident
belustigt, »ich wette, Ihre Ehefrau hat Ihnen tüchtig den Marsch
geblasen und sich gemüht, das Röcklein wieder sauber zu kriegen.«
»Es war ja nur der Mantel, Euer Exzellenz,« erwiderte Quandt lächelnd
und von so viel Leutseligkeit beglückt.
Stanhope blieb gemessen. Sie befanden sich diesmal im Staatszimmer des
Präsidenten, und drei hohe Fenster gewährten Aussicht gegen den Garten.
Der Raum war wohnlich geschmückt, auch hier alles von der größten
Nettigkeit. In einer Art von vertiefter Nische hing ein gutes Ölbild
Napoleon Bonapartes im Krönungsornat; Stanhope betrachtete es mit
vorgeblichem Interesse; in Wirklichkeit prüfte er aufmerksam das Wesen
und Gehaben des Lehrers.
Quandt war mittelgroß und hager; über der hohen Stirn waren tabaksgelbe
Haare mit Hilfe von Pomade ganz lächerlich glatt zurückgekämmt. Die
Augen blickten schüchtern, fast betrübt, und blinzelten bisweilen, die
Hakennase stach ein wenig prahlerisch in die Luft, der Mund, versteckt
unter demütigen und zerbissenen Schnurrbartstoppeln, hatte einen
säuerlichen Zug, der die Berufsgewohnheit vielen Nörgelns verriet.
Der Lord war nicht unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtung; er
fragte den Präsidenten, ob die Verhandlungen zum gewünschten Ziel
geführt hätten, und als dieser bejahte, wandte er sich an Quandt,
reichte ihm stumm dankend die Rechte und sagte, er werde ihm am
Nachmittag seinen Besuch abstatten. Sehr benommen von solcher Huld,
verbeugte sich der Lehrer abermals tief, machte sein Kompliment gegen
den Präsidenten und ging.
Auch Stanhope entfernte sich bald, da Feuerbach zu einer Gerichtssitzung
mußte. Im Hotel angekommen, verbrachte er zwei Stunden mit dem Schreiben
eines Briefes, und als er fertig war, schickte er den Jäger damit ab. Um
halb zwei stellte sich, wie verabredet, der Polizeileutnant ein; sie
aßen zusammen und gingen hernach zu Quandt.
Das Häuschen des Lehrers, das am Kronacher Buck beim oberen Tor lag,
war auf den Glanz hergerichtet; Frau Quandt, eine frische, gefällige
junge Frau, mit dem rostfarbigen Seidenkleid wie zu einer Hochzeit
angetan, stand knicksend am Eingang, in der guten Stube war der Tisch
mit Konditorkuchen beladen, und das feine Porzellanservice blinkte
einladend auf dem schneeweißen Tuch.
Der Lord war gegen die Lehrerin von väterlicher Freundlichkeit; da sie
guter Hoffnung war, wünschte er Glück, ein Händedruck bekräftigte seine
zarte Teilnahme; er fragte, ob es das erstemal sei; das junge Weib wurde
purpurrot, schüttelte den Kopf und sagte, sie habe schon einen
dreijährigen Knaben. Als der Kaffee aufgetragen war, gab ihr Quandt
einen Wink, sie ging still hinaus und die drei Männer blieben allein.
Stanhope sagte, noch könne er sich nicht in den Gedanken einer Trennung
von Caspar finden, aber er sei enchantiert von dieser friedlichen und
geordneten Häuslichkeit und es beruhige ihn ungemein, seinen Liebling
hier untergebracht zu wissen. So dürfe man denn endlich hoffen, daß der
Unglückliche, an dem schon so viele Pfuscherhände herumprobiert und der
dabei an Leib und Seele Schaden erlitten, einen rettenden Port erreicht
habe.
Quandt legte beteuernd die Hand auf die Brust.
»Ja,« mischte sich Hickel ein, indem er den letzten Bissen Kuchen
hinunterschluckte und Schnurrbart und Lippen mit dem Handrücken
abwischte, »das wohl; und es muß nun einmal Licht werden um dieses Kind
der Dunkelheit.«
Der Lord runzelte die Brauen, ein Zeichen des Unwillens, das Hickel
nicht entging; er lächelte leer vor sich hin, nahm aber eine drohende
Miene an.
»Leider ist ja Anlaß zum Argwohn vorhanden,« fuhr Stanhope fort, und
seine Stimme war tonlos und kalt; »wohin man sich auch wendet und wie
man es auch betrachtet, überall Argwohn und Zweifel. Da ist es kein
Wunder, wenn die ursprüngliche Neigung von Bitterkeit durchtränkt ist.
Will ich mich gleich dem liebenden Gefühl hingeben, so melden sich doch
immer wieder Stimmen, deren Urteil oder Gewicht zu verdächtigen sinnlos
wäre, und der schlummernde Funke des Mißtrauens löscht nicht aus.«
»Nun also,« ließ sich Hickel wieder vernehmen, »so hab' ich doch recht!
Man muß reinen Tisch machen. Man muß den hinterlistigen Burschen endlich
Mores lehren. Man muß ihm die Mucken aus dem Kopf jagen.«
Stanhope erblaßte; über Hickel hinwegblickend, sagte er schneidend:
»Herr Polizeileutnant, ich muß mich gegen einen solchen Ton verwahren.
Was immer auch gegen den Jüngling zeugen mag, so ist er doch nur als die
mißleitete Kreatur eines unbekannten Frevlers zu betrachten.«
Hickel senkte den Kopf, und von neuem irrte das leere Lächeln über sein
Gesicht. »Verzeihen Eure Lordschaft,« entgegnete er hastig und ziemlich
erschrocken, »aber das ist die Meinung der ganzen Welt, zumindest des
aufgeklärten und vernünftigen Publikums. Erst gestern war ich Zeuge, wie
der Ritter von Lang und der Pfarrer Fuhrmann sich über den Findling und
die Dummheit der Nürnberger geäußert haben. Das hätten der Herr Graf
nur hören sollen. Wir wissen ja dahier auch, es ist von Gerichts wegen
bekannt geworden, was der Herr von Tucher über den Undank und die
moralische Verderbtheit des Findlings an Eure Lordschaft geschrieben
hat. Zeigen Sie doch Herrn Quandt den Brief des Barons und er wird sich
überzeugen, daß ich nur gesagt habe, was jeder anständige und
vorurteilslose Mann darüber denkt.« Und Hickel heftete auf den Grafen
einen befremdet-forschenden Blick.
»Dem ist nicht ganz so,« versetzte Stanhope abweisend und nippte
mechanisch von der Kaffeetasse. »Herr von Tucher spricht in seinem Brief
nur von einigen übeln Gewohnheiten Caspars. Auch ich habe Augen; ein
liebendes Herz ist niemals blind; versteht es nicht abzuwägen, so ist
ihm doch die Gabe der Ahnung eigen. Im übrigen wollen wir unserm
würdigen Gastgeber nicht vorgreifen. An ihm wird es sein, zu richten.
Was krumm gewachsen ist, kann er grade biegen, und wenn er mir die
häßlichen Flecken von meinem Kleinod nimmt, will ich's ihm fürstlich
danken.«
Hickel verzog das Gesicht und schwieg. Quandt hatte mit gespannter
Aufmerksamkeit das Gespräch verfolgt. Wozu der Wortstreit? dachte er;
als ob es nicht die leichteste Sache von der Welt wäre, zu erkennen, ob
einer ein Spitzbube ist. Man muß die Augen offen halten, das ist alles;
der Gute ist gut, der Böse ist bös, wo liegt da die Schwierigkeit? Ein
Übel auszurotten, wenn es sich nicht zu tief eingefressen hat, ist nur
eine Frage der Tatkraft und Umsicht. Aber mir scheint, mir scheint,
meditierte der Lehrer in seinem stillen Sinne weiter, da sind noch ganz
andre Dinge verborgen, die Herren reden nicht von der Leber weg.
Und damit traf er wohl das Richtige, wie sich bald erweisen sollte. Er
entwickelte dem höflich zuhörenden Lord seine Anschauungen über Moral,
über den Verkehr mit Menschen, den Umgang mit Schülern, die
Notwendigkeit der Aufmunterung, den Wert der Zensur; alles ein wenig
umständlich und verklausuliert, aber einfach, staunenswert einfach; nur
die sorgenvolle Miene gab einen Anschein von Schwierigkeit und
Philosophie. Der Lord nickte ein paarmal mit dem Kopf, während Hickel
entschiedene Zeichen von Ungeduld von sich gab. Dann beim Fortgehen,
während Stanhope sich von der Frau verabschiedete, zog Hickel den Lehrer
beiseite und flüsterte ihm zu: »Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn
jagen durch die Reden des Grafen, lieber Quandt. Der gute Graf betrügt
sich selber und möchte das Sonnenklare nicht wahr haben. Die
Teufelsgeschichte nimmt ihn absonderlich her. Sie leisten ihm einen
gewaltigen Dienst, wenn Sie den Schwindler entlarven.«
Das war das Merkwort und der Anschlag. Es barg den Kern des Komplotts.
Nun, Caspar, sollst du in ein kleines Städtchen gehen und in ein kleines
Haus, sollst in Verborgenheit leben, und die Wände der Welt sollen sich
verengen, bis sie wieder zum Kerker werden. Gewalt hat sich der List
verbrüdert; der Richter wird richten, was er sieht, und nicht wissen,
was er fühlt. Niedrig sollst du werden, damit die Freunde sich in Feinde
verwandeln und deine Einsamkeit leichtere Beute des Verfolgers sei. Das
Blut soll gegen sich selber zeugen, Licht soll verweslich werden,
Frucht soll nicht mehr wachsen, die Stimme des Himmels soll verstummen,
und auf die Nacht -- denn Nacht wird sein -- soll keine Frühe folgen.