Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausführung im Wege steht

Schon lange hieß es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar

Hauser an Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni

den förmlichen Antrag an den Magistrat, ihm den Jüngling zu überlassen,

er wünsche für seine Zukunft zu sorgen. Der Magistrat ließ durch den

Bürgermeister erwidern: zum ersten, daß ein solches Ersuchen #in pleno#

vorgetragen werden müsse; zum zweiten, daß der Lord vor allem den

Nachweis eines hinlänglichen Vermögens erbringen müsse, damit die Stadt

eine sichere Gewähr für das Wohlergehen ihres Pfleglings habe.

Stanhope nahm den Bescheid sehr ungnädig auf. Er ging zum Bürgermeister,

zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Höfe, sogar

vertrauliche Briefe hoher Fürstlichkeiten; Herr Binder, bei aller

Ehrfurcht vor Seiner Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschluß

des Kollegiums nicht rückgängig machen zu können.

Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast

geladen war, seine Geringschätzung gegen das pedantisch-überhebliche

Bürgerpack zu äußern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte,

in einem Brief an den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen

und es als einen durch Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen

Ärgers hinzustellen, machte die Sache doch böses Blut. Der Argwohn war

einmal geweckt. Man wollte wissen, daß er in seinem Hotel häufig

Persönlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit denen er

hinter verschlossenen Türen lange Verhandlungen führte. Wie kommt es

überhaupt, fragte man sich, daß der angeblich so reiche und vornehme

Mann sein Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt? Fürchtet er

am Ende, von seinen eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie

sie im »Adler« oder im »Bayrischen Hof« wohnt? Dies schien plausibel,

wenn man einer unverfolgbaren Nachricht trauen durfte, die irgendwer

eines Tages verbreitete und nach welcher der Lord ehedem als

Traktätchenverkäufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen herumgezogen sei.

Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Bürgermeister in

seiner Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen

Geschäften, die ihn wegberiefen; bei seiner Rückkunft werde er den

geforderten Vermögensnachweis vorlegen. Zugleich deponierte er

fünfhundert Gulden in guten Scheinen, welche Summe ausschließlich für

die kleinen Wünsche und Bedürfnisse seines Lieblings zu verwenden sei.

Der Bürgermeister wandte ein, daß eigentlich Herr von Tucher die

Verwaltung dieses Geldes übernehmen müsse, doch der Lord schüttelte den

Kopf und meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefaßte

Strenge, er handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte

Lebenspflanze könne nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden.

»Seien wir doch eingedenk, daß das Schicksal eine alte Schuld an Caspar

abzutragen hat und daß es engherzig ist, immerfort hemmen und

beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den Willen der Menschen

ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.«

Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten

großen Eindruck auf den Bürgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern

darüber aus, daß die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht

werden konnten, und versicherte, daß die Stadt es sich stets zur Ehre

rechnen würde, einen solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen.

Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte

ihm, der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch

Caspar sei ausgegangen, müsse aber in Bälde zurückkehren, er möge zu

warten geruhen. Ungeduldig schritt er in dem großen Salon auf und ab.

Er nahm die Brieftasche heraus, zählte Geld, notierte mit dem Bleistift

Ziffern auf ein Blatt, wobei er mit den Zähnen knirschte und der feine

weiße Hals sich langsam dunkelrot färbte wie bei einem Trinker. Er

stampfte auf den Boden, das Gesicht war förmlich aufgerissen, der Blick

glitzerte. »Gottverdammte Bestien,« murmelte er, und auf den schmalen

Lippen lag eine wilde Verachtung.

Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Würde des Edelmanns. O, Herr

Graf, muß der Vorhang des öffentlichen Theaters nur für eine

Viertelstunde fallen, damit der Schauspieler, überdrüssig der

gutgelernten Rolle, sein geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit

verändere? Schade, daß kein Spiegel in dem Raum angebracht war,

vielleicht hätte er den Lord zur Besinnung gebracht und zur Behutsamkeit

ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tür aufzugehen, und das

Stück begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht zugunsten des

Grafen? Wäre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von größerer Kunst

gewesen? Der echte Komödiant tragiert sein Spiel auch leeren Räumen vor

und macht selbst die Wände zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren

noch Stimmen des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes

Höhlengetier hatte noch Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit

getroffen wurden.

Es scheint, daß der Lord ein schlechter Rechner war, denn die

aufgestellten Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so

daß er immer wieder von neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne

Posten auf ihre Richtigkeit prüfte. »Für Popularitätszwecke entschieden

zu wenig,« sagte er mürrisch, eine Äußerung, deren Unbedachtsamkeit

dadurch gemildert war, daß sie in englischer Sprache getan wurde. Dann

noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhören, nicht wie aus einem

geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Räuberdrama: »Wenn der

Graue sich wieder blicken läßt, will ich ihn in den Schwanz kneifen;

seine Beute ist wahrhaftig groß genug. Kronen sind keine Marktware, er

mag ehrlicher im Teilen sein.«

Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine

schlechtverschlossene Fensterspalte zwängt sich der Wind, und es gleicht

einer Stimme, oder das Holz der jahrhundertalten Möbel zieht sich

zusammen, und es klingt wie ein Schuß oder wie ein Miniaturgewitter.

Zudem war Graf Stanhope abergläubisch; das Rieseln der Kalkkörner hinter

den Tapeten erinnerte ihn an den Tod; wenn er mit dem linken Fuß ein

Zimmer betrat, wurde ihm übel und ängstlich. Dies war hier geschehen; er

nahm sich zusammen und schwieg, um so mehr als er vom Flur herauf

Caspars helle Stimme hörte; er begab sich wieder in seine Rolle, die

Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurück, er holte einen Band

Rousseauscher Schriften aus dem Bücherregal in der Ecke, setzte sich in

den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen.

Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklärte Antlitz aus dem

Dämmer tauchte, da zitterte empfundener Schmerz über die Züge des Lords

und eine plötzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde

verwirrt, er lenkte den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das

fremdere Wesen betroffen, ihn leise anrief, brach er das Schweigen; es

lag nahe, die bevorstehende Reise als Grund der Verstimmung anzuführen,

aber der Zustand inneren Zurückbebens und jähen Wankelmutes in solchen

Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt, wenngleich er sich heute

stärker als sonst fühlbar machte. Ihm war dann, als ob der Anblick des

Jünglings den vorgesetzten Willen lähme, als ob mühsam aufgebaute Pläne

zusammenbrächen, wie von einem Orkan gefaßt, so daß er das Werk wieder

von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er

glich dann der Penelope, die, was sie tagsüber kunstvoll gesponnen, bei

Nacht wieder in seine Fäden trennte.

Caspars wehmütige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht

beschwichtigt durch den Hinweis, daß sein eignes Wohl diese Trennung

erforderlich mache, auch nicht durch die Versicherung Stanhopes, daß er

sobald als möglich, vielleicht schon nach Verlauf eines Monats,

zurückkehren werde. Caspar schüttelte den Kopf und sagte mit erstickter

Stimme, die Welt sei gar zu groß; er umklammerte den Freund und bat

flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener entlassen,

er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er

wolle wieder von Brot und Wasser leben. »Ach, tu es, Heinrich!« rief er

unter Tränen. »Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?«

Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jünglings.

Der Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und

verlieh seinen Worten größeres Gewicht. »Daß du so kleinmütig bist,

Caspar, beweist ein kleines Vertrauen zu mir,« sagte er, »wie kannst du

nur glauben, daß Gott, der uns endlich vereinigt hat, uns nun wieder

voneinander reißen wird? Das hieße seine Weisheit und Güte verdächtigen.

Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der Mensch findet sich zum

Menschen durch ein auserwähltes Gesetz; halte du deine Bestimmung fest,

so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde lang oder

wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewißheit der

Erfüllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird

nicht ungeduldig. Auch mußt du dich beherrschen lernen, Caspar;

Fürstensöhne weinen nicht.«

Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord führte Caspar zum offenen

Fenster und sprach bewegt: »Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die

Sterne durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns

erkennen.«

Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, daß Caspar nachdenklich wurde und,

feierlich gestimmt, sich der zügellosen Verzweiflung schämte, die keinen

Zwang des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglückte

Gegenwart in Kauf nehmen wollte. Es war, als spüre Caspar die höhere

Notwendigkeit, welche die Schicksale steigert und heimlich ineinander

stickt; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in

dieser Stunde zum Begreifen und der Damm, der den Strom der Sehnsucht

hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte Leidenschaft adelt den

Jüngling zum Mann. Fürstensöhne weinen nicht; ein starkes Wort; der

leise Windhauch, der die Vorhänge bauschte, flüsterte es nach.

Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte, daß er Eile habe, er wolle

der Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er

Abschied; Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstücken

gefüllten Beutel; er gebot ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten

und keiner Einrede Gehör zu leihen.

Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete

ein ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von

Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, daß

Caspar ihm das Geld abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von

Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autorität darauf, und er würde

Gewalt angewendet haben, wenn nicht Caspar, eingeschüchtert durch

Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit seines mächtigen

Freundes, klein beigegeben hätte. Doch verharrte er in dumpfer

Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher außer sich. »Ich werde

dich aus dem Haus stoßen,« rief er, nicht mehr fähig, sich zu

beherrschen, »ich werde deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich

endlich kennen lernen, du Schlack!«

Caspar, betrübt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu

sollen. »Ach, wenn das der Graf wüßte, der würde Augen machen!« sagte er

erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des

Grafen läge, jedes Unrecht zu sühnen.

»Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig,«

versetzte Herr von Tucher. »Wie oft hat er mir versichert, er habe dich

zur Folgsamkeit und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen

Wohltätern keinen Anlaß zur Klage zu geben. Du aber mißachtest sein

Gebot und bist seiner großmütigen Liebe ganz und gar unwürdig.«

Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlägen des Grafen wußte er nichts,

eher vom Gegenteil; er bestritt daher, daß der Lord dergleichen gesagt

habe. Da schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner,

woraus ersichtlich ist, daß das so weise aufgerichtete Erziehungssystem

sich nicht einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies, um

Ausbrüche empörter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls

hintanzuhalten.

Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher

war des unerquicklichen Kampfes müde; obwohl entschlossen, Caspar nicht

länger zu behalten, verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur

Rückkehr des Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein

der Enttäuschung ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines

Vetters und begab sich für den Rest des Sommers auf ein Landgut in der

Nähe von Hersbruck, wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte. Da

es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam, brauchte

er für den Unterricht Caspars keine Maßnahmen zu treffen; er empfahl ihm

fleißiges Eigenstudium, trug Sorge für seine täglichen Bedürfnisse, ließ

ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach kaltem

Abschied, die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des

Hauses überlassend.

Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter

Kreide auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verödete Gasse, in der

die Sonne brütete, ließen ihm das Alleinsein stetig fühlbar werden.

Gesellschaft hatte er keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen,

zahlreicher noch, seit die passionierte Teilnahme eines Lord

Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab, wurden nicht

zugelassen, die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust.

Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm

dann der Freund näher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die

trennende Ferne. Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das, was

Stanhope ihm anvertraut, zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das

Papier zum Mitwisser der mysteriösen Andeutungen. Aber aus seiner Art,

sie zu fassen, erhellte klar, daß er sich im mindesten nicht dabei

zurechtfinden konnte. Es war ein Märchen. Er verstand nicht den Bau der

Ordnungen, nicht das labyrinthisch verschlungene Gefüge der menschlichen

Gesellschaft. Noch war das Schloß mit seinen weiten Hallen ein Traum: da

wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war sein Wunsch,

dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen erwachte;

erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer ermessen,

wie weit er von seinem Ziel verschlagen worden.

Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen,

die auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete. Seine Freude war groß,

doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt, als könne es zwischen ihm

und dem Freund nicht mehr werden wie vordem, als hätte die Zeit sein

Antlitz verwandelt. Bei jedem Wagenrollen, jedem Läuten am Tor dehnte

sich sein Herz bis zum Springen. Als der Erwartete endlich erschien,

war Caspar keines Lautes mächtig; er taumelte nur so und griff um sich,

wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord veränderte

Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes

Anderssein für später, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren

Regung, in die der Jüngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch

vielleicht, dem er Macht über sein Inneres zugestehen mußte und dessen

Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jäger das

erbeutete Wild.

Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen

gehabt habe. Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen

Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter

mißgelaunt darüber. »Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar?«

erkundigte er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen

Hundes: »Viel, immer.« Dann fügte er hinzu: »Ich habe sogar an dich

geschrieben, Heinrich.«

»An mich geschrieben?« wiederholte der Lord verwundert. »Du wußtest doch

meinen Aufenthalt nicht!«

Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte. »In mein Buch hab' ich's

geschrieben,« sagte er.

Der Graf wurde nervös, doch stellte er sich zutraulich. »In welches

Buch? Und was hast du denn geschrieben? Darf ich's nicht lesen?«

Caspar schüttelte den Kopf.

»Also Heimlichkeiten, Caspar?«

»Nein, keine Heimlichkeiten, aber zeigen kann ich dir's nicht.«

Stanhope brach das Gespräch ab, nahm sich aber vor, der Sache auf den

Grund zu gehen.

Er war wieder im »Wilden Mann« abgestiegen, doch lebte er anders als

vorher. Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und

trieb den größten Aufwand, als sei es ihm darum zu tun, Reichtum zu

zeigen. Er brachte seine eigne Equipage mit, deren Räder vergoldet

waren, während am Schlag Wappen und Adelskrone prangten. Als

Dienerschaft hatte er einen Jäger und zwei Kämmerlinge, und diese drei

Betreßten erregten das Staunen der Nürnberger.

Er säumte nicht, sein Ansuchen um die Überlassung Caspar Hausers zu

erneuern. Zum Beleg seines günstigen Vermögensstandes wies er, scheinbar

nur nebenbei, auf die Kreditbriefe hin, die er seit seiner Rückkunft

beim Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte. Es lag darin eine

Gebärde von Prahlerei, als seien so geringfügige Summen kaum der Rede

wert; in der Tat aber waren die Akkreditive, von deutschen

Wechselhäusern aus Frankfurt und Karlsruhe ausgestellt, von riesiger

Höhe.

Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wünsche

des Lords beraubt. In der Versammlung der Stadtväter wurde die Frage

aufgeworfen: ja warum? Was will er eigentlich mit dem Hauser? Darauf las

Bürgermeister Binder mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der

Zuschrift des Grafen vor, worin es hieß: »Der Unterzeichnete fühlt um so

mehr den Beruf, sich des unglücklichen Findlings anzunehmen, als er bei

langem Umgang mit ihm die selbst einem Vaterherzen wohltuende Erfahrung

gemacht hat, wie sehr ihm dies kindliche Gemüt in liebender

Anhänglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist.«

»Fragen wir also den Hauser selber,« hieß es, »man muß wissen, ob er

Lust hat, dem Grafen zu folgen.«

Caspar wurde vor Gericht zitiert. In tiefer Bewegung erklärte er, er sei

überzeugt, daß der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal

nehme, erklärte, mit dem Grafen gehen zu wollen, wohin ihn dieser auch

führen werde.

Trotz alledem verzögerte sich die förmliche Bewilligung des Magistrats

durch eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstände, die aber

nach und nach zu entschiedenem Widerstand erwuchsen, bis sie sich

schließlich in einer einzelnen Stimme Gehör verschafften, welcher

niemand zu widerstehen wagte.

Der übermäßige Eifer des Lords, sich der Person Caspars zu versichern,

rührte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor. Sein

pomphaftes Auftreten mißfiel dem Bürger, der einer bescheidenen

Lebensführung, auch bei Großen, mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer

Verschwendungssucht, die nur die schlechten Instinkte des Pöbels nährte.

Es erbitterte, wenn der Graf in seiner Prunkkarosse daherfuhr, mit

Absicht die belebtesten Plätze wählte und nach rechts und links

Kupfermünzen ins Volk streute, das sich dann, jeder Würde bar, vor dem

in nachlässiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wälzte.

Man sprach davon, daß Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die

Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe. Merkel, wenngleich er

gesichert schien, wurde zur Vorsicht ermahnt; es lief das Gerücht, der

Lord dürfe die Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer

vorgeschriebenen Grenze.

Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurückgekehrt. Die Entwicklung

der Dinge war ihm bekannt; er wollte für seinen Teil ein klares Ende

herbeiführen. Er richtete an den Lord einen ziemlich weitläufigen Brief,

in welchem er ihn schließlich vor die Wahl stellte: entweder den

Jüngling ganz zu sich zu nehmen und ihn, den Baron, damit seiner

Verantwortlichkeitspflicht zu entheben, oder einen jährlichen Beitrag

auszusetzen, welcher es ermögliche, Caspar einem verständigen und

gebildeten Mann vollständig zu übergeben; in letzterem Falle müsse Seine

Herrlichkeit allerdings die Güte haben, jedem Verkehr mit Caspar

schriftlich wie mündlich für die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen; er

seinerseits würde sich dafür gern verbinden, dem Lord regelmäßigen

Bericht über Caspars Tun und Treiben abzustatten.

In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene

Devotion vor. »Mit dem wärmsten Dank habe ich, hochzuverehrender Herr,

die zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen, mit denen Sie mich

seit den wenigen Wochen Ihres Hierseins überschüttet haben,« hieß es

unter anderm; »aus dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte

Verehrung an den Tag zu legen, zu welcher mich Ihre Herzensgüte und Ihr

seltener Edelmut zwingen. Aus dieser Gesinnung entspringt mir auch die

Pflicht des Vertrauens, zu der Sie mich so oft aufgefordert haben, und

so trete ich vor Ihnen, edler Mann, geraden und offenen Sinnes auf mit

der Zuversicht, daß Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken

werden. Caspar ist nicht der, für den Sie ihn zu halten scheinen. Wie

konnten Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennen lernen, da ihn ja

im Umgang mit Ihnen, dem er alles verdankt und von dem er alles

erwartet, was sein Sinn begehrt, auch alles dazu einlud, im besten Licht

zu leuchten. Herr Graf! Sie haben ihm eine Freundschaft bezeigt, wie man

sie nur einem Gleichgestellten schenkt. Bei der unbegrenzten Eitelkeit,

mit welcher die Natur neben so reichen Gaben seine Seele verunstaltet

hat und die von einfältigen Menschen hier noch großgezogen wurde, haben

Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon krankes Wesen

gemischt, das kein Seelenarzt, auch nicht der geschickteste, wird jemals

wieder daraus entfernen können. Ich bin von nichts weiter entfernt, als

Ihnen damit einen Vorwurf zu machen, ich bitte Sie inständig, auch nicht

einen solchen finden zu wollen. Sie sind außer Schuld. Aber feststellen

muß ich, daß während der ganzen Zeit, die Caspar in meinem Hause weilte,

kein Anlaß war, mit ihm unzufrieden zu sein, während er seit Ihrem

Aufenthalt dahier, ich sage es mit blutendem Herzen und mit der

Zaghaftigkeit, die mir Liebe und Ehrfurcht gegen Sie, vortrefflicher

Mann, gebieten, wie umgewandelt und verkehrt ist.«

Eine solche Sprache mußte auch dem verwöhntesten Ohr schmeicheln.

Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein, durch den Brief

des Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein, sprach auch

überall in Gesellschaft davon. In einer Eingabe an das Kreisgericht in

Ansbach, die sich als notwendig erwiesen und worin er seine

Bereitwilligkeit anzeigte, nicht nur während seines Lebens für Caspar

Hauser zu sorgen, sondern auch dessen Erhaltung für den Fall seines

Todes zu sichern, erwähnte er, daß zwischen ihm und Herrn von Tucher

Verhältnisse eingetreten seien, die ihm für jetzt und künftig jeden

Verkehr unmöglich machten; es sei deshalb von Wichtigkeit, daß Caspar

tunlichst bald in eine andre Umgebung versetzt werde.

Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich, Herrn von Tucher von der

verhüllten Anklage des Lords zu unterrichten. Herr von Tucher war außer

sich. Er teilte der Behörde seinen an Stanhope gerichteten Brief

wörtlich mit, schilderte noch einmal und in düsteren Farben den

unheilvollen Einfluß des Grafen auf Caspars Charakter und ersuchte um

schleunige Decharge von einer Vormundschaft, die ihm, wie er sich

ausdrückte, Sorgen, Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und

Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe. Da das Ansbacher Amt

ein Gutachten über die Person des Lords gewünscht, schrieb er zurück, er

habe den Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten

Eigenschaften kennen gelernt. Das Gerücht bezeichne ihn als sehr

vermöglich, er selbst behaupte, eine jährliche Rente von zwanzigtausend

Pfund Sterling, also dreimalhunderttausend Gulden, zu genießen, welches

Einkommen ihn übrigens als Earl und erblichen Pair von Großbritannien

noch keineswegs unter die reichen Edelleute seines Landes setze.

»Vorausgesetzt, daß die hochlöbliche Kuratelbehörde genügende Sicherheit

erlangt,« schloß er sein mächtig langes Schreiben, »auch solche, die

über gewisse bedenkliche Konjunkturen in England Aufschluß gibt, habe

ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch Lord Stanhope,

sonderlich in finanzieller Hinsicht, nichts einzuwenden.«

Ein umständliches Verfahren, ein endloser Instanzenweg. Stanhope

zappelte schon vor Ungeduld und Wut. Doch schienen ungeachtet des

geschäftigen Klatsches und der widerstreitenden Meinungen alle

Hindernisse beseitigt, und er sah sich dem von Anfang an mit langsamer

Zähigkeit verfolgten Ziele nahe, als plötzlich alles wieder vernichtet

wurde. Der Präsident Feuerbach legte nämlich sein Veto ein gegen die

Entfernung Caspars aus Nürnberg. Er schickte einen Privatboten an den

Bürgermeister Binder und ließ ihn wissen, daß er soeben von seiner

Badekur in Karlsbad zurückgekommen und was im Werke sei als vollkommene

Neuigkeit vernehme. Er untersagte jede Entscheidung, bevor er den ihm

verworren und verdächtig erscheinenden Fall geprüft und die

auszuführenden Schritte gutgeheißen habe.

Der Bürgermeister fand sich verbunden, den Lord sogleich von der neuen

Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen. Stanhope empfing und las das

Briefchen Binders in seinem Hotel gerade während man ihn rasierte. Er

stieß den Bader beiseite, sprang auf und rannte, noch mit dem

Seifenschaum auf seiner Wange, heftig erregt durch das Zimmer. Es

dauerte geraume Zeit, bis er sich seiner Toilettenpflicht wieder

erinnerte; er zerriß den Zettel, den ihm Binder geschickt, in hundert

kleine Stücke und saß dann unter dem Rasiermesser mit einem Gesicht so

voll Haß und Galle, daß die Hand des erschrockenen Barbiers zu zittern

begann und er sich nach vollendeter Arbeit eilig aus dem Staube machte.

Zu spät bedachte der Graf, daß er sich vergessen habe; aber wie

empfindlich mußte der Schlag sein, der ihn getroffen, wenn dadurch die

eherne Ruhe und Zurückhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschüttert

werden konnte!

Mit fliehender Hand schrieb er einige Zeilen, schloß und siegelte den

Brief, ließ den Jäger kommen, gebot ihm, ein Pferd zu satteln, und trug

ihm auf, die Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und

Stelle zu bringen, kost' es, was es wolle.

Der Mann entfernte sich schweigend. Er kannte seinen Herrn. Er wußte,

daß sein Herr sich nicht mit Späßen beschäftigte, Liebeshändeln und

kleinen Intrigen. Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft, diese

Spannung eines gräßlichen Entweder-Oder, diese Miene eines angestrengten

Wettläufers, diese krampfhafte Fassung des Hasardspielers. Man hatte

dergleichen Ritte schon oft unternommen bei Tag wie bei Nacht; man mußte

eine verschwiegene Zunge haben, um die unbehaglichen Zutaten solcher

Obliegenheiten vor einer wißbegierigen Welt bergen zu können, denn es

hatte nicht selten den Anschein, als ob man der Mittler lichtscheuer

Geschäfte sei. Eile war stets geboten; man kam auch stets zurecht, doch

jenes »Kost' es, was es wolle« war ein bißchen aufschneiderisch, man

erhielt nicht immer seinen Lohn, man mußte oft wochenlang warten und

heimlich nach den Brocken haschen, die von der gräflichen Tafel

abgetragen wurden; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa, man

erwartete Gelder aus England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um

Geld zu irgendeinem vornehmen Herrn geschickt, und es war auffallend,

daß dem gräflichen Verlangen häufig nicht eben diensteifrig begegnet

wurde, der vornehme Herr ließ in seiner Sprache eher etwas von

Geringschätzung als von Ehrfurcht gegen die Person des Lords merken.

Woran hing das alles? Wohin liefen die Fäden, die dieses über den Pöbel

erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knüpften? Der edle Abkömmling

eines edeln Geschlechts, seine Tage in einer erbärmlichen Spelunke

fristend, einer der stolzesten Namen eines stolzen Reiches, abhängig von

der schmierigen Freundlichkeit eines Gastwirts, verdammt, seines Lebens

Mark und Kern mit eignen Füßen in den Schlamm zu treten, das strenge

Gedächtnis unantastbarer Ahnen preiszugeben, wofür? Woran hing das

alles?

Jede gegenwärtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit, jeder Tag die

Trümmerstätte eines goldenen Ehemals; ehemals, da der Name Stanhope in

den Hauptstädten Europas noch jene Rolle gespielt, die seinem Träger

selbst nur noch wie eine Sage erschien, als der jugendliche Lord das

Entzücken der Salons von Paris und Wien gewesen war, als er reich

gewesen und den Reichtum benutzt hatte, um seine maßlose Jugend damit zu

sättigen und der Welt seiner Standesgenossen das Schauspiel einer

Verschwendung ohnegleichen zu geben. Seine Feste und Gastmähler waren

berühmt gewesen. Er war von Land zu Land gereist mit einem Hofstaat von

Köchen, Sekretären, Kammerdienern, Handwerkern und Spaßmachern. Er hatte

bei einer Pergola in Madrid für fünfundzwanzigtausend Livres Blumen an

die Frauen verteilen lassen. Er hatte während des Wiener Kongresses die

Könige und Fürsten bewirtet, Wettrennen veranstaltet, die allein ein

Vermögen verschlangen, und Oratorien und Opern für eigne Rechnung

aufführen lassen. Seine luxuriösen Launen hielten die Gesellschaft in

Atem; er beschenkte seine Freunde mit Villen und Landgütern und seine

Freundinnen mit Perlenketten. Er war jahrelang der Timon des Kontinents

gewesen, um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern drängte, die

alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelüste bei

ihm befriedigten. Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war

sprichwörtlich geworden, seine Art, mit immer gefüllten Händen Gold um

sich her zu streuen, achtlos, ob es in die Gosse oder auf die Teppiche

fiel, glich dem Wahnsinn oder einer tollen Probe auf die menschliche

Habgier.

Dann das Ende: Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten

den unaufhaltsamen Zusammenbruch. Es war an einem Abend im Palais

Bourbon, man hatte hoch gespielt, Stanhope verlor viele Tausende, um so

bezaubernder wirkte sein unbefangenes Geplauder, das Feuer und die Anmut

seines Geistes. Der Gesandte, Lord Castlereagh, trat zu ihm und machte

ihm eine hastige Mitteilung. Man sah ihn erblassen, ein Lächeln von

eigner Schwermut gefror auf den feinen Zügen, andern Tags reiste er. Er

glaubte in der Heimat das zurückgezogene Leben eines Landedelmannes

führen zu können, dies mißlang. Die Güter waren überschuldet, von allen

Seiten drängten Gläubiger, außerdem graute ihm vor der Einsamkeit, haßte

er die menschenlose Natur. Er floh. Der Glanz vergangener Zeiten mußte

Fetzen borgen für ein Dasein, das allmählich von innen ausgehöhlt wurde

durch die Angst um das nackte Brot. Es war still um ihn geworden; seine

Wanderzüge waren eine Jagd nach den früheren Freunden und Genossen, aber

auf einmal gab es keinen mehr, der nicht alles vorher gewußt hätte und

aus sicherer Schanze heraus Verdammnis predigte. In einem römischen

Hotel nahm er, verzweifelt, erschöpft, aller Hoffnung bar, Strychnin.

Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn. Das Gift, das seinen

Körper verlassen hatte, schien von seiner Seele Besitz zu ergreifen. Er

rang mit dem Dämon, der ihn niedergestoßen; er wurde wild und kalt;

seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm, die

Schwächen seiner Umgebung zu benutzen. Er begab sich in den Dienst hoher

Herren und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer

Hintertreppen. Er wurde Emissär des Papstes und bezahlter Agent

Metternichs. Bald war sein Name ausgestrichen aus der Liste der

Untadeligen und jenen Abenteurern zugezählt, die an den Grenzbezirken

der Gesellschaft eine gefürchtete Korsarenrolle spielen. Die

außerordentlichen Talente, die er besaß, machten ihm keine Aufgabe

schwer; der unablässige Zwang zu handeln, die Vielfältigkeit der

Beziehungen erstickten die Stimmen des Gewissens und die Empfindung

dunkler Schmach. Oben geächtet und bei aller Nützlichkeit gemieden, war

er in den Niederungen noch immer der erlauchte Mann; er wurde ein

geübter Menschenjäger und Seelenfänger; was dem Druck des Unglücks

entsprungen war, wurde Metier; das unwiderstehliche, sanfte Lächeln:

Metier; die edeln Manieren, das ritterliche Betragen, die gewinnende

Konversation, die treffliche Bildung: alles Metier; jedes Zucken der

Wimpern, jede Verbeugung war Geschäft; alles hatte Folgen, alles

Ursache, ein nachlässiges Wort konnte das Mißlingen einer Aufgabe

bedeuten -- und doch, wie entbehrungsvoll war ein solches Dasein, wie

jämmerlich der Lohn! Und wie ging es bei alldem langsam bergab, ins

Kleine hinein, als ob die Kette, an der er zog, von selber und ohne daß

sie sich lockerte, Glied um Glied absetzte, um ihn in den Abgrund zu

zerren.

Eines Tages hieß die Kriegslosung Caspar Hauser. Der Auftrag war

deutlich, seine Quelle klar, die Umstände finster wie nichts zuvor. Man

sagte: Du bist der rechte Mann, das Unternehmen ist schwer, aber

einträglich, es scheint von geringer Bedeutung, doch Ungeheures steht

auf dem Spiel. Die Verhandlungen wurden nicht von Gesicht zu Gesicht

geführt, alles war hinter Vorhängen versteckt, jeder Mittler trug das

Wort eines namenlosen Gebieters. Das Gespenstertreiben reizte die

Phantasie, der Abgrund begann zu leuchten. Das Ausspinnen des Plans

hatte etwas von Wollust; der seltene Vogel mußte meisterlich beschlichen

werden.

Ja, der Auftrag war deutlich, er hatte Hand und Fuß. Du hast den

Findling aus dem Bereich zu entfernen, in welchem er anfängt für uns

gefährlich zu werden, lautete die Weisung; nimm ihn zu dir, nimm ihn mit

in ein Land, wo niemand von ihm weiß; laß ihn verschwinden, stürze ihn

ins Meer oder wirf ihn in eine Schlucht oder miete das Messer eines

Bravo oder laß ihn unheilbar krank werden, wenn du dich auf

Quacksalberei verstehst, aber verrichte das Werk gründlich, sonst ist

uns nicht gedient. Unsers Dankes bist du versichert; wir notieren

unsern Dank mit der und der Summe bei Israel Blaustein in X.

Was war zu überlegen? Alle Not konnte zu Ende sein. Jedes Zögern machte

schon mitschuldig; den untätigen Wisser zu beseitigen war für jene ein

Zwang. Es gab keine Wahl. Der Beginn des Unternehmens lag weit zurück;

schon damals, wo man den Mordgesellen in Daumers Haus geschickt, hatte

Stanhope Befehl, einzugreifen, falls der Anschlag, an dem er selber

unbeteiligt war, nicht gelingen sollte. Die Roheit und Verworfenheit der

angewandten Mittel schreckten ihn, beleidigten seinen guten Geschmack,

rüttelten sein besseres Wesen auf. Er floh, er verbarg sich. Das Elend

und drohender Hunger lockten ihn wieder ins Garn, und so machte er sich

auf »aus weiter Ferne«, um sein Opfer zu betören.

Doch wie sonderbar war schon das erste Begegnen und Zusammensein! Welch

eine Stimme! Welch ein Auge! Was erschütterte den Verderber und riß ihn

hin? Er wurde betört, er! Dieser Vogel verstand auch zu singen, das

hatte der Netzeknüpfer nicht bedacht. Auf einmal sah er sich geliebt.

Nicht wie Frauen lieben, das hatte er erfahren, das kann gewürdigt und

auch vergessen werden, es liegt im Fluß der Dinge begründet, Zufall und

Trieb haben gleichen Anteil daran; auch nicht wie Männer lieben oder

Eltern oder Geschwister oder wie ein Kind liebt; Gesetz und Aneignung,

Not und Wille binden die Kreatur an ihresgleichen; doch im tiefsten

Grund ruht Wetteifer, Kampf und Feindschaft. Dies aber war anders,

ungeahnt und wundersam rührte die Schönheit einer Seele an das ummauerte

Herz.

Es gibt eine Sage, die von einem Land erzählt, wo nicht Tau noch Regen

fiel, daher entstand Trockenheit und Wassermangel, weil nur ein einziger

Brunnen war, der Wasser erst in großer Tiefe enthielt; wie nun die Leute

zu verschmachten anfingen, da kam ein Jüngling zu dem Brunnen, der die

Zither spielte und seinem Instrument so süße Melodien entlockte, daß das

Wasser bis zur Mündung des Brunnens heraufstieg und im Überfluß

dahinströmte.

So wie dem Brunnen erging es dem Lord, wenn der Jüngling Caspar bei ihm

weilte und die süßen Melodien seines Wesens spielte. Sein Geist stieg

aus der Tiefe, ein jammernder Blick flog rückwärts, Scham entzündete das

bebende Gemüt, leicht schien es das Übel ungeschehen zu machen, er fand

sich selbst wieder, es strahlte ihm aus diesem Antlitz das Bild der

eignen noch unbefleckten Jugend entgegen, und so, wie er hätte sein

können, wenn das Schicksal nicht sein Edelstes zermalmt hätte, so sah er

sich genommen, geglaubt und verherrlicht. Und so wahr, so reich, so

grundlos schenkend, daß der verruchteste Geizhals und Bösewicht seine

Truhe nach Kostbarkeiten durchwühlt hätte, nur um sich der Qual der

Verschuldung zu entledigen.

Aber er gab -- nichts. Er konnte sich nicht selber geben, denn seine

Person war zum voraus verschrieben, sein Leben war von denen bezahlt,

denen er diente, bezahlt sein Tag und seine Nacht, bezahlt seine Reue,

sein Unfrieden, sein schlechtes Gewissen. Er führte eine Tat im Schilde,

die jede Falte seines Gesichts mit Lüge bemalte, aber bisweilen dachte

er in Wirklichkeit daran, mit Caspar zu fliehen. Doch wohin? Wo gab es

eine Ruhestatt für den Geächteten eines Erdteils? Ach, wenn er die

stillen Stunden mit Caspar verbrachte und dieses Antlitz ihm zugeneigt

war, in dem der reine Glanz des Menschen wohnte, da fühlte er, daß auch

er noch ein Mensch war, und er konnte in unermeßlicher Wehmut vor sich

hintrauern. Dann vergaß er Zweck und Sendung und rächte sich an jenen,

deren schuldiges Opfer er war, indem er hinwarf, was er von ihren

Geheimnissen wußte, und doppelten Verrat beging. Er erfüllte Caspar mit

Erwartungen auf Macht und Größe, das war seine Gegengabe, das Geschenk

des Geizhalses. Ein Glück, daß der Zauber an Kraft verlor, wenn er von

dem Jüngling entfernt war und er nicht mehr jenen fragenden Blick auf

sich lasten fühlte, bei dem ihm zumute war, als sei ein Gesandter Gottes

neben ihn hingestellt. Inmitten der finstern Überlegung und im Verfolg

der furchtbaren Pläne schrieb er gleichwohl kurze leidenschaftliche

Briefchen an den Umgarnten, wie dies: »In der ersten Woche, da ich dich

kennen lernte, hieß ich mich deinen Vasall; solltest du je für eine Frau

dasselbe fühlen, was du für mich empfindest, so bin ich verloren.« Oder:

»Wenn du einmal Kälte an mir bemerkst, so schreibe es nicht einer

Herzlosigkeit zu, sondern nimm es für den Ausdruck jenes Schmerzes, den

ich bis ans Grab in mich verschließen muß; meine Vergangenheit ist ein

Kirchhof, als ich dich fand, hatte ich Gott schon halb verloren, du

warst der Glöckner, der mir die Ewigkeit einläutete.« Es waren Wendungen

im Geschmack der Zeit, beeinflußt durch Modepoeten, aber sie bekundeten

doch die Ratlosigkeit eines bis ins Innerste verworrenen Gemüts.

So hin- und hergerissen, hemmte er selbst den Gang seiner Unternehmung.

Er ließ geschehen, was geschah, und unterlag dem Anprall der Ereignisse,

denn sie waren mächtiger als seine Entschlüsse. Er wußte, daß er sein

schändliches Werk enden würde und enden müsse, aber er zauderte, und

dies Zaudern gab ihm Zeit, sein Geschick zu beklagen. Er versuchte sich

eine Ausrede vor dem Himmel zu schaffen, indem er betete, und vor dem

Richter in sich selbst, indem er aus seinem Dasein ein Fatum machte. Den

an Genuß und Wohlleben hängenden Geist beschwichtigte er durch den

Sophismus, daß die Notwendigkeit stärker sei als Liebe und Erbarmen, und

das klare Bild des Endes eskamotierte er hinweg mit einem billigen: es

wird ja so schlimm nicht werden!

Indessen wurde auch nach der hastigen Absendung des Jägers die

Unsicherheit seiner Lage immer größer, die Kosten des Aufenthalts

wuchsen beständig, die Kreditbriefe nutzten wenig, sie waren einstweilen

nur ein Aushängeschild, die Bedrängnis zwang ihn zu Taten, und er faßte

den Entschluß, nach Ansbach zu reisen und mit dem Präsidenten Feuerbach

persönlich zu unterhandeln.

An einem Samstag zu Ende November gebot er, eilends den Reisewagen

instand zu setzen, und schickte eine Nachricht ins Tuchersche Haus, daß

Caspar sogleich zu ihm kommen möge. Er aber begab sich, nachdem er

Auftrag erteilt, Caspar bis zu seiner Wiederkehr zurückzuhalten, auf

einem Weg, wo er dem Gerufenen nicht zu begegnen fürchten mußte, selbst

dorthin, ließ sich in Caspars Zimmer führen, gab vor, auf ihn warten zu

wollen, und als er allein war, durchstöberte er in gehetzter Eile alle

Schubläden, Bücher und Hefte des Jünglings, um einen vor Wochen von ihm

selbst an Caspar geschriebenen Brief zu finden, in welchem ihm höchst

unbedachte, auf die Zukunft Caspars bezügliche Bemerkungen entschlüpft

waren und den er um jeden Preis aus der Welt schaffen wollte, denn schon

hatte man ihn gewarnt, schon hatten die Finsteren hinter dem Vorhang

gedroht.

Sein Suchen war vergeblich.

Da öffnete sich auf einmal die Tür, und Herr von Tucher stand auf der

Schwelle. In seinem ängstlichen Eifer hatte der Lord die nahenden

Schritte überhört. Herr von Tucher sah mächtig groß aus, da sein

Scheitel den oberen Pfosten der Türe berührte; in seiner Haltung lag ein

schmerzliches Erstaunen, und nach einem langen Schweigen sagte er mit

heiserer Stimme: »Herr Graf! Das sind doch nicht etwa die Geschäfte

eines Spions?«

Stanhope zuckte zusammen. »Einen Anwurf solcher Art erlauben Sie mir

wohl mit Schweigen zu übergehen,« entgegnete er mit gelassenem Hochmut.

»Aber was soll das,« fuhr Herr von Tucher fort, »wie soll ich den

Augenschein deuten? Mir ahnt, Herr Graf, eine innere Stimme verrät es

mir, daß hier nicht alles auf geraden Wegen vor sich geht.«

Der Lord geriet in Verwirrung; er preßte die eine Hand an die Stirn, und

mit flehendem Ton sagte er: »Ich bedarf mehr des Mitleids und der

Nachsicht, als Sie denken, Baron.« Er zog das Taschentuch aus der

Brusttasche, drückte es vor die Augen und begann plötzlich zu weinen,

wirkliche, unverstellte Tränen. Herr von Tucher war sprachlos. Seine

erste Regung war ein düsterer Argwohn und der Verdacht, daß alle trüben

und versteckten Redereien über Caspars Schicksal eines ernstlichen

Grundes doch nicht entbehren mochten.

Stanhope, als ahne er, was in dem klugen Manne vorging, faßte sich

schnell und sagte: »Nehmen Sie sich eines schwankenden Herzens an. Ich

tappe im Dunkeln. Ja, es will in Worte gebracht sein, ich zweifle an

Caspar! Ich vermag ihn nicht loszusprechen von gewissen

Unaufrichtigkeiten und heuchlerischen Künsten ...«

»Auch Sie also!« konnte sich Herr von Tucher nicht enthalten auszurufen.

»Und ich fahnde nach Beweisen.«

»Diese Beweise suchen Sie in Schubladen und Schränken, Herr Graf?«

»Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen, die er mir vorenthielt.«

»Wie? Geheime Aufzeichnungen? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt.«

»Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden.«

»Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch, das er vom Präsidenten

erhalten hat?«

Stanhope griff diesen Gedanken, der ihn aus der schiefen Situation

halbwegs rettete, mit Vergnügen auf. »Ja, gerade dieses, ohne Frage

dasselbe,« beteuerte er rasch, indem er sich zugleich gewisser

verräterischer Andeutungen Caspars darüber entsann.

»Ich weiß nicht, wo er es aufbewahrt,« sagte Herr von Tucher; »ich würde

auch Anstand nehmen, es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern. Im

übrigen weiß ich zufällig, daß er vor einiger Zeit aus demselben

Tagebuch das Bildnis des Präsidenten, das sich auf der ersten Seite

befand, herausgeschnitten und das Ihre, Herr Graf, an dessen Stelle

gesetzt hat.« Damit langte Herr von Tucher nach einer Mappe, die auf

dem Schreibpult lag, zog ein darin befindliches Blatt hervor und reichte

es Stanhope. Es war Feuerbachs Porträt.

Der Lord sah eine Weile darauf nieder, und beim Anschauen dieser

jupiterhaften Züge beschlich ihn eine niegekannte Furcht. »Das ist also

der berühmte Mann,« murmelte er; »ich bin im Begriff, ihn aufzusuchen,

ich erwarte viel von seiner unbestechlichen Einsicht.« Doch alles, was

er plante, der Weg dorthin, der Zwang, dem furchtbaren Blick dieser

Augen standhalten zu sollen, versetzte ihn in eine Befangenheit, deren

er nicht Herr werden konnte.

»Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzückt sein, Ihre Bekanntschaft

zu machen,« sagte Baron Tucher höflich, und da Stanhope sich anschickte

zu gehen, bat er ihn, dem Präsidenten seine verehrungsvollen Grüße zu

übermitteln.

Zwei Stunden später sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstraße

dahin. Es war ein arger Sturm, in Wellen und Spiralen krümmte sich der

Staub empor, der Lord kauerte, in Tücher eingehüllt, in der Ecke des

Gefährts und wandte keinen Blick von der herbstlich-trübseligen

Landschaft. Doch sein krankhaft leuchtendes Auge sah weder Felder noch

Wälder, sondern schien die Ebene nach verborgenen Gefahren zu

durchspähen. Das Auge eines Besessenen oder eines Flüchtlings. Als kurz

vor dem Städtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hörbar wurde,

drückte er die Hände gegen die Ohren, wandte sich ab und stöhnte seine

zur Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens.

Danach saß er wieder aufrecht, hart und kalt wie Stahl, ein Hexenlächeln

um die dünnen Lippen.

Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman · 第 20 / 41 题