Daumer stellt die Metaphysik auf die Probe

Der Präsident blieb länger als eine Woche in der Stadt. Während dieser

Zeit kam er entweder ins Daumersche Haus, um Caspar zu sprechen, oder er

ließ den Jüngling zu sich in den Gasthof rufen. Feuerbach liebte nicht

Zeugen seines Zusammenseins mit Caspar. Seit er an einem der ersten

Tage mit ihm durch die Straßen gegangen war (wo der früh gealterte, doch

mächtig anzuschauende Mann neben dem zarten, ein wenig gebückt gehenden

jungen Menschen allenthalben Aufsehen erregt hatte) und an einer Ecke,

an der die beiden vorüber mußten, ein Kerl wie aus der Erde gewachsen

plötzlich neben ihnen hergeschlichen war, verzichtete der Präsident

darauf, sich mit seinem Schützling öffentlich zu zeigen.

Seine Gespräche mit Caspar, so geschickt sie auch eine

Beziehungslosigkeit bisweilen vortäuschen mochten, verfolgten natürlich

einen ganz bestimmten Zweck. Caspar, der davon wenig merkte, teilte sich

seinem hohen Gönner ohne Befangenheit mit, und durch sein unschuldiges

Geplauder wurde Feuerbachs Herz oft sonderbar bewegt, so daß er, dem

Wort und Sprache in Fülle gegeben waren, sich nicht selten zum Schweigen

verurteilt fand. Ja, er verlor an Sicherheit; »Caspars Blick gleicht dem

Glanz eines morgendlich reinen Himmels, bevor die Sonne aufgeht,«

schrieb er an eine altvertraute Freundin, »und manchmal ist mir unter

diesem Blick zumute, als hielte der rasend dahinstürmende

Schicksalswagen zum ersten Male still; die ganze Vergangenheit steht

auf, erlittene Willkür und der Trug des Rechts, die Kränkungen des

Neides und manche Tat, deren Früchte faul und ekel am Wege liegen. Dazu

kommt, daß ich in betreff seiner unbekannten Herkunft auf einer Spur

bin, die mich, ich fürchte sehr, an den Rand eines verderblichen

Abgrunds führt, wo es gilt, sich den Göttern zu vertrauen, denn Menschen

werden dort keinem Gesetz mehr untertan sein.«

Am letzten Tag der Anwesenheit Feuerbachs schickte sich Caspar eine

Stunde vor Abend zum Ausgehen an, da der Präsident ihn zu sich bestellt

hatte. Er trat ins Wohnzimmer, um zu sagen, daß er gehe, und fand Anna

Daumer allein. Sie saß am Fenster und las gerade das Büchlein des

Polizeirats Merker. Kaum daß Caspar die Tür geöffnet, versteckte sie das

Heft rasch und erschreckt unter der Schürze. »Was lesen Sie denn da und

warum verbergen Sie es denn?« fragte Caspar lächelnd.

Anna errötete und stotterte etwas. Darauf schaute sie mit feuchten Augen

empor und sagte: »Ach, Caspar, die Menschen sind doch gar zu schlecht.«

Er entgegnete nichts, sondern lächelte noch immer. Das erschien Anna

auffallend, aber Caspar dachte sich weiter gar nichts dabei. Es war eine

seiner Seltsamkeiten, daß er sich nie entschließen konnte, eine

Frauensperson ganz ernst zu nehmen; Frauenzimmer können nichts als

dasitzen und ein wenig nähen oder stricken, pflegte er zu sagen; sie

essen und trinken unaufhörlich und alles durcheinander und deswegen sind

sie immer krank; auf andre Weiber schmähen sie und wenn sie dann mit

ihnen beisammen sind, tun sie schön und lieb. Als er einmal in solcher

Weise redete, beklagte sich Frau Daumer, doch er antwortete ihr: »Sie

sind kein Frauenzimmer, Sie sind eine Mutter.« Auch ereignete es sich

einst, daß er bei einem Paradezug von Seiltänzern einem zu Pferd

sitzenden Mädchen, dessen bunter Putz und Reitkunst seine Aufmerksamkeit

erweckt hatte, ein paar Straßen weit folgte; darüber ärgerte er sich

nachher gewaltig, und er meinte, nun sei ihm doch auch einmal

geschehen, was bei andern, wie er höre, zuweilen der Fall sei, er sei

einem Weibe nachgelaufen.

Er sagte, daß er zum Nachtessen wieder zu Hause sein werde, aber Anna

erwiderte, das sei wohl zu spät, ihr Bruder habe davon gesprochen, daß

er den Abend mit Caspar bei der Magistratsrätin Behold verbringen

wollte; die Rätin habe schon einige Male darum gebeten, sie sei eine

einflußreiche Person, und wenn Daumer sich nicht eine Feindin an ihr

machen wolle, müsse er der Einladung folgen.

»Der Herr Präsident geht vor,« sagte Caspar verdrossen und ging.

Es war mildes Wetter, der Schnee war längst verschwunden, weiße Wolken

zogen über die spitzgiebligen Dächer hin. Als Caspar in das Zimmer trat,

das der Präsident bewohnte, saß dieser am Schreibtisch und blickte mit

zurückgelehntem Körper düster sinnend ins Leere. Erst nach einer Weile

wandte er sich zu Caspar und redete ihn, aus seinem dunkeln Nachdenken

heraus, ohne Begrüßung an. »Ich kehre morgen nach Ansbach zurück,

Caspar, wie Sie ja wissen,« begann er und verdeckte die Augen mit der

Hand; »Sie werden mich einige Wochen, ja vielleicht monatelang nicht

sehen. Ich möchte hie und da von Ihnen Nachricht haben, von Ihnen

selbst, will Sie aber nicht auffordern, mir regelmäßig zu schreiben,

damit Ihnen nicht eine ungern erfüllte Pflicht daraus erwachse. Nun

dachte ich mir, Ihnen eine Gelegenheit zur Mitteilung zu geben, bei der

Sie mehr auf sich selbst als an andre gewiesen sind. Sie sollen nicht

zur Rechenschaft befohlen sein, aber was Sie einem Freund oder sagen

wir Ihrer Mutter vertrauen würden, das sollen Sie hier bewahren.«

Damit reichte er Caspar ein in blauen Pappendeckel gebundenes

Schreibheft. Caspar ergriff es mechanisch und las auf einem weißen

herzförmigen Schildchen: Tagebuch -- Stundenbuch für Caspar Hauser. Er

schlug es auf und gewahrte, auf der ersten Seite eingeklebt, das Bild

Feuerbachs und darunter, von der Hand des Präsidenten geschrieben, die

Worte: Wer die Stunde liebt, der liebt Gott; der Lasterhafte entflieht

sich selbst.

Caspar schaute den Präsidenten mit großen Augen ängstlich an. Er

wiederholte für sich im stillen, mit sichtbarer Bewegung der Lippen, die

geschriebenen Worte und dann, was der Präsident zu ihm gesagt; alles

verfloß im Nebel und, des feierlichen Tones halber, in eine Ahnung von

Gefahr.

Es pochte an der Tür und auf das Herein des Präsidenten brachte ein

Eilbote einen Brief. Kaum hatte Feuerbach, ohne das Schreiben zu öffnen,

einen Blick auf das Siegel geworfen, als er die Handglocke läutete und

dem eintretenden Diener den Befehl gab, es solle sogleich angespannt

werden. »Ich muß noch diesen Abend reisen,« sagte er zu Caspar.

In unbestimmtem Lauschen und Warten blieb Caspar stehen. Der Postillon

im Hof knallte mit der Peitsche. Ein Hauch der Ferne umwehte Caspar, er

spürte plötzlich etwas von der Größe der Welt, und die Wolken am Himmel

schienen Arme herunterzustrecken, um ihn emporzuheben. Als ihm der

Präsident die Hand zum Abschied reichte, bat er schmeichelnd, mit

verlangendem Lächeln: »Möcht' auch mitfahren.«

»Wie, Caspar!« rief der Präsident in gespielter Überraschung, und

plötzlich wieder das frühere Du der Anrede wählend, »willst du denn fort

von den Nürnbergern? Hast du denn vergessen, was du deinem gütigen

Pflegevater schuldig bist? Was würde Herr Daumer sagen, wenn du ihn so

undankbar verließest? und viele andre wackere Männer, die sich deiner

angenommen haben? Es erstaunt mich, Caspar. Bist du denn nicht gern

hier?«

Caspar schwieg und senkte die Augen. Hier ist immer dasselbe, dachte er.

Er sehnte sich fort; er dachte, einmal könne man fortgehen, man könnte

in der Nacht das Tor öffnen und könnte gehen, ohne den Weg zu wissen.

Vielleicht käme dann einer, um zu fragen: wohin, Caspar? Und er führte

ihn zu einem Schloß, vor dem viel Volks versammelt ist; drinnen ruft

eine Stimme Caspars Namen, die Leute machen Platz und viele Arme deuten

auf das Tor, dem er zuschreitet.

»Sprich!« mahnte der Präsident barsch.

»Sie sind alle gut mit mir,« flüsterte Caspar mit zuckenden Lippen.

»Nun also!«

»Es ist nur --«

»Was? Was ist --? Heraus mit der Sprache!«

Caspar schlug langsam die Augen auf, machte mit dem Arm eine weite

Geste, als wolle er den ganzen Erdkreis in das Wort einbeziehen und

sagte: »Die Mutter.«

Feuerbach wandte sich weg, ging zum Fenster und blieb schweigend stehen.

Eine Viertelstunde später schritt Caspar durch die engen Gassen beim

Rathaus und kam alsbald auf den menschenverlassenen Egydienplatz. Es

war schon dunkel geworden, vor der Kirche brannte eine Öllaterne, und

während er nach links abbog, wo das niedere Buschwerk einer Gartenanlage

den Platz gegen die Laufergasse schloß, gewahrte er einen ruhig

stehenden Mann, der gebeugten Kopfes nach ihm hersah. Caspar ging ein

wenig langsamer, plötzlich sah er, daß der Mann den Arm erhob und mit

dem Finger winkte.

Caspars Herz klopfte laut. Irgend etwas zwang ihn, der stummen

Aufforderung des Unbekannten zu folgen. Der Mann fuhr fort, mit dem

Finger zu winken, und wie hingezogen tat Caspar ein paar Schritte auf

ihn zu. Da ging der Mann tiefer in das Gehölz, hörte aber nicht auf zu

winken. Caspar konnte sein Gesicht nicht sehen, das unter dem weit in

die Stirn gedrückten Hut versteckt war.

Er folgte dem Menschen, obwohl alle Fibern seines Leibes widerstrebten,

mit Grauen fühlte er sich Schritt um Schritt gezogen, seine Augen waren

aufgerissen, Staunen und Schrecken lagen in seinem Gesicht, und die

Hände hielt er mit gespreizten Fingern von sich gestreckt.

Schon war er dem Unbekannten so nahe, daß er dessen gelbe Zähne zwischen

den Lippen schimmern sah, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn sich

nicht in diesem Augenblick auf der andern Seite des Gebüsches ein Trupp

betrunkener junger Leute hätte hören lassen; der fremde Mann stieß einen

gurrenden Laut aus, bückte sich rasch und war unter dem Schutz des

Laubwerks im Nu verschwunden.

Auch Caspar kehrte um und rannte gegen die Kirche; er lief geradeswegs

mitten in die Schar der Lärmmacher hinein, die ihn aufzuhalten suchten,

und so vermischte sich ein Schrecken mit dem andern. Nur mit Mühe riß er

sich los, einige folgten ihm schreiend, er verdoppelte seine Eile, der

Hut fiel ihm vom Kopf, er ließ ihn liegen, rannte, so schnell er konnte,

durch die Judengasse und weiter und ging erst wieder langsamer, als er

sich auf der Brücke zur Insel Schütt befand.

Daumer war schon unruhig geworden und wartete vor dem Haustor. Betroffen

hörte er Caspars hastigen und unklaren Bericht an, und nach einiger

Überlegung meinte er, er glaube nicht recht an das Abenteuer; »da hat

dir wohl deine allweil erregte Phantasie einen törichten Streich

gespielt,« sagte er ungewöhnlich streng. »Nein, es ist wirklich wahr,«

beteuerte Caspar. Dann klagte er, daß er den Hut verloren habe, und

schließlich zeigte er, auf einmal ganz heiter geworden, das Heft, das

ihm der Präsident geschenkt und das er während der ganzen Zeit

krampfhaft in der Hand festgehalten hatte.

Zerstreut besah es Daumer. »Hat dir Anna nicht gesagt, daß wir zur

Magistratsrätin gehen?« fragte er mißgelaunt. »Es ist höchste Zeit; mach

flink und zieh dir den Sonntagsrock an.«

Caspar schaute ihn mit schrägem Blick von unten an und ging zögernd ins

Haus. Daumer, der schon im Gesellschaftskleid war, wandelte zweimal bis

zum Pegnitzufer und wieder zurück; eine halbe Stunde verfloß und Caspars

langes Ausbleiben machte ihn endlich ungeduldig. Er eilte die Stiege

hinan und betrat Caspars Zimmer, wo eine Kerze brannte. Zu seinem Ärger

nahm er wahr, daß Caspar angekleidet auf dem Bette lag und schlief. Er

rüttelte ihn an der Schulter, ließ aber plötzlich ab, durchmaß ein

paarmal das Zimmer, ohne seines Mißmuts Herr zu werden, dann stieß er

zornig hervor: »Ach was, soll die Neugier der guten Leute um ihren

Schmaus betrogen werden!«

Durch den finstern Flur schritt er ins Gemach der Schwester, die vor dem

Klavier saß und spielte. Er legte ihr den Fall vor und Anna gab ihm ohne

weiteres recht, daß er Caspar zu Hause lasse. »Dann muß jemand zur Rätin

und unser Ausbleiben entschuldigen,« sagte Daumer in einem Ton, als ob

das Versäumnis sonst schlecht ausgelegt werden könne und er

Unannehmlichkeiten zu befürchten habe. Anna erwiderte, die Magd sei

nicht da, und nach einigem Besinnen erklärte sie sich bereit, den Gang

selbst zu tun.

Als sie fort war, setzte sich Daumer zu den Büchern, rückte die Lampe

zurecht und las. Doch er hatte ein schlechtes Gewissen und fuhr bei

jedem Laut zusammen. Nach einer geraumen Weile hörte er Schritte; Anna

trat hinter seinen Stuhl und sagte hastig, die Magistratsrätin sei

mitgekommen, um Caspar zu holen. Daumer sprang auf; »das heiße ich den

Spaß zu weit getrieben,« murmelte er entrüstet. Anna legte ihm die Hand

auf den Mund, denn schon stand die Rätin in der Türe; reich geschmückt,

im Seidenmantel, ein kostbares Spitzentuch um den Kopf.

Sie war eine nicht mehr ganz junge, aber sehr stattliche Frau,

ungewöhnlich groß gewachsen, mit ungewöhnlich kleinem Kopf. In ihrem

Betragen vermischte sich das Modisch-Französische und das

Nürnbergerisch-Provinzliche auf eine nicht immer ganz einwandfreie

Weise, und wo jenes zur Geltung kommen sollte, guckte dieses wie der

Zipfel eines schlechtverborgenen Armeleutgewands unter einer brokatenen

Tunika hervor.

Sie rauschte auf Daumer zu, majestätisch wie eine schaumige Woge, und

der gute Mann, niedergeschmettert von so viel Glanz, vergaß seinen Groll

und führte die dargereichte Hand der Dame an seine Lippen. »Muß ich

selbst Sie an Ihr Versprechen erinnern?« rief sie mit einer sonoren,

kräftigen Stimme. »Was soll's bedeuten, Professor? Was ist vorgefallen?

Weshalb die Absage? Sie sehen, ich verlasse meine Gäste, um ein Wort

einzulösen, das Ihnen zu brechen so leicht wird. Keine Ausflucht, lieber

Daumer, Caspar muß mit, wo ist er?«

»Er schläft,« erwiderte Daumer zaghaft.

»#Nom de Dieu!# Er schläft! Daß dich das Mäusle beißt! So wird man ihn

halt wecken. Marsch, marsch, voran!«

Daumer hatte nicht den Mut, zu widersprechen, dies zupackende Gebaren

beraubte ihn der gegenständlichen Gründe. Er nahm die Lampe und schritt

voraus. Anna, die zurückblieb, räusperte sich empört, dies beirrte aber

Frau Behold keineswegs, als Antwort zuckte sie nur verächtlich die

Achseln.

Daumer stand so versonnen an Caspars Lager, daß er die Lampe

wegzustellen vergaß. In der Tat mochte es schwerlich etwas Schöneres zu

sehen geben als den Engelsfrieden und die rosenhafte Heiterkeit, die auf

dem Gesicht des Schläfers leuchteten. Frau Behold schlug unwillkürlich

die Hände zusammen, und darin lag Wahrheit und Gefühl.

»Bestehen Sie noch darauf, ihn zu wecken?« fragte Daumer richterlich.

»Der Schlaf ist heilig. Die seligen Geister werden fliehen, sobald

unsre Hand ihn berührt.«

Frau Behold klappte die Lider auf und zu, als wolle sie das bißchen

Rührung davonjagen, wie man Fliegen mit einem Wedel vertreibt. »Schön

gesagt,« spottete sie, und ihre Stimme surrte wie das Rädchen einer

Spindel. »Aber ich bestehe auf meinem Schein. Ich will dem Buben was

dafür schenken, und was die seligen Geister betrifft, die kommen wieder,

zum Schlafen gibt's Nächte genug.«

Während Daumer den Schlafenden bei den Schultern emporhob und durch

zärtliches Zureden mehr sich selbst als Caspar zu beschwichtigen schien,

zeigte sich in dem kleinen Gesicht der Frau Behold eine wunderliche

Erregung. Sie blinzelte mit den Augen, ihre Unterlippe wurde schlaff und

entblößte eine schmale, feste Zahnreihe wie bei einem Nagetier. »#Pauvre

diable#,« murmelte sie, »armes Herzle,« und erfaßte Caspars Hand.

Davon erwachte Caspar völlig, befreite die Hand mit einem Ruck und

schüttelte sich. Sein trunken-müder Blick fragte, was man mit ihm

vorhabe, Daumer erklärte es, schenkte Wasser in ein Glas und gab es ihm

zu trinken, nahm den Sonntagsrock, der schon bereitlag, und hielt ihn

zum Anziehen hin.

Caspar heftete den verdunkelten Blick auf Frau Behold und sagte trotzig:

»Ich will nicht zu der Frau.«

»Wie, Caspar?« rief Daumer erstaunt und verletzt. Zum erstenmal vernahm

er dies »ich will nicht«, zum erstenmal stand Caspars Wille gegen ihn

auf. Caspar war selber erschrocken, sein Blick war schon wieder gefügig,

als Daumer mit ernsthaftem Ton fortfuhr: »Ich aber will es. Ich will

auch, daß du die Dame um Verzeihung bittest. Es geht nicht an, daß du

eine Laune über dich Herr werden läßt. Wenn wir uns der Rücksichten

gegen die Menschen entbinden würden, stünden wir alle so hilflos da wie

du am ersten Tag.«

Mit niedergeschlagenen Augen tat Caspar, was ihm befohlen worden. Frau

Behold nahm den ganzen Auftritt nicht schwer. Sie tätschelte Caspars

Wange und fand den Professor Daumer ziemlich komisch.

Eine halbe Stunde später waren sie in den festlich erleuchteten Zimmern

der Rätin. Caspar, von Menschen umdrängt, mußte die gewöhnliche Flut der

Fragen über sich ergehen lassen. Frau Behold wich nicht von seiner

Seite, sie lachte beinahe zu allem, was er sagte, und er wurde

allmählich verwirrt und unruhig, empfand Angst vor den Worten; es schien

ihm gefährlich, zu sprechen, es war, als ob alle Worte zweifach

vorhanden wären, einmal offenbar, das andre Mal verhüllt, und so wie die

Worte hatten auch die Menschen etwas Zwiefaches, und unwillkürlich

suchten seine Blicke in ein und derselben Person die zweite, die lauernd

hinterherging und verführerisch mit dem Finger winkte.

Es war ihm unverständlich, was sie von ihm wollten, ihre Kleidung, ihre

Gebärden, ihr Nicken, ihr Lächeln, ihr Beisammensein, alles war ihm

unverständlich, und auch er selbst, er selbst fing an, sich

unverständlich zu werden.

Indessen verlebte Daumer eine böse Stunde. Frau Behold, die stolz darauf

war, ihr Haus zum Sammelort vornehmer Fremden zu machen, hatte heute

einen Herrn zu Gast, der, wie man sich erzählte, unter falschem Namen

reiste, da er in wichtiger diplomatischer Mission nach einer Residenz im

Osten des Landes unterwegs sei. Man raunte sich auch zu, daß der hohe

Fremde großes Interesse an dem Findling Hauser nehme und daß er vielen

einflußreichen Personen gegenüber sich abfällig und tadelnd über die

unsinnigen Gerüchte geäußert habe, die Caspars Herkunft zum Gegenstand

hatten. Und man muß gestehen, daß die einflußreichen Personen sich dem

Gewicht einer solchen Meinung nicht verschlossen, aber das Treiben des

vornehmen Herrn gab auch Anlaß zu mancherlei Verdacht, und der Redakteur

Pfisterle, Querulant wie immer, behauptete sogar, der diplomatische Herr

sei nach seiner Ansicht nichts andres als ein verkappter Spion.

Wie dem auch war, von all diesen Neuigkeiten hatte Daumer in seiner

Weltverlorenheit nichts erfahren. Der Fremde gesellte sich nach kurzer

Weile zu ihm, und sie kamen ins Gespräch, wobei es jener leicht

anzustellen wußte, daß sie sich von den übrigen Gästen absonderten.

Daumer, eingeschüchtert durch die Manieren, die delikate Zwanglosigkeit

des hohen Herrn, dessen Rockbrust voller Orden hing, wußte zuerst kaum

etwas zu sagen, antwortete bloß wie ein Schüler mit nein und ja.

Allmählich gab er sich freier und erzählte seinem Zuhörer vieles von

Caspar, kam auf dessen furchtsames Wesen zu sprechen und schilderte wie

zur Erläuterung das Benehmen des Jünglings, als er heute abend, vor

einem eingebildeten, ohne Zweifel eingebildeten, Verfolger flüchtend

nach Hause gekommen war.

Der Fremde hörte aufmerksam zu. »Vielleicht hat er sich aber gar nicht

getäuscht,« entgegnete er vorsichtigen Tons, »es mag sich da mancherlei

in der Verborgenheit abspielen. Meines Wissens haben ja auch Sie, lieber

Professor, vor längerer Zeit eine Art von Warnung erhalten. Sie dürfen

sich daher nicht wundern, wenn aus gewissen Drohungen Ernst wird.«

Daumer stutzte, doch der Fremde fuhr mit liebenswürdiger Offenheit,

scheinbar harmlos plaudernd, fort: »Sie sollten sich an den Gedanken

gewöhnen, daß da Mächte im Spiel sind, die vor nichts zurückschrecken,

um ihre Maßregeln mit Nachdruck durchzuführen. Das unruhige Gemunkel

wird vielleicht als störend empfunden, vielleicht hat man etwas auf dem

Kerbholz und möchte die Öffentlichkeit vermeiden. Vorläufig mag es der

Gewalt, die da im Hintergrund ist, darum zu tun sein, die Dinge

möglichst in Verborgenheit abzumachen, aber sie könnte wohl auch offenes

Spiel treiben, sie könnte der Polizei und den Gerichten mit Gemütsruhe

die Hände binden. Einstweilen begnügt man sich aber, die Fäden hinter

den Kulissen zu ziehen.«

Von neuem stutzte Daumer; die Worte seines Gegenüber schienen einen

genauen Bezug zu haben; doch der Fremde ließ ihm keine Zeit zu

überlegen, er fuhr mit heller Stimme, fast vertraulichen Tones fort:

»Ich glaube vor allem, daß man die Verbreitung all des hirnlosen

Geschwätzes durch das bequeme und naheliegende Mittel der Druckschrift

fürchtet und ahnden wird. Man demaskiert sich dort oben ungern, noch

weniger will man von andern demaskiert werden, man liebt es nicht auf

den Markt zu treten, noch seine privaten Angelegenheiten da ausgeboten

zu sehen; das ist begreiflich. Der Staatsbürger hat Freiheiten genug;

in seinem Bereich mag er sich tummeln, nach oben soll er sich gebunden

finden.«

Was war das? Daumer meinte zu verstehen, worauf es hinauswollte; er

beschloß, dem dunkeln Befehl zu gehorchen; war doch dem Zwang schon

seine eigne Freiwilligkeit zuvorgekommen.

»Ich möchte mir eine Frage erlauben, verehrter Professor,« begann der

Fremde wieder; »sind Sie wirklich überzeugt, daß der hergelaufene Knabe,

an dem ich auf meine Art, ich will es nicht leugnen, ein gewisses

äußeres Interesse nehme, die ununterbrochene Aufmerksamkeit ernsthafter

Männer verdient und rechtfertigt? Lohnt es sich denn, die ganze Welt mit

seiner zweifelhaften Sache zu beschäftigen? Was bleibt für die großen

Angelegenheiten der Nation, der Wissenschaft, der Kunst, der Religion,

des Lebens überhaupt, wenn ein Mann wie Sie die besten Geisteskräfte an

ein empfindsames Naturspiel verschwendet? Man rühmt die

außergewöhnlichen Gaben des Findlings. Ich bemühe mich umsonst, solche

Gaben zu entdecken; ich bin kühn genug, zu behaupten, daß ich damit nur

an Ihre eigne Ungewißheit rühre. Lassen wir noch ein wenig Zeit vergehen

und wir werden über diesen Punkt eine betrübende Sicherheit gewinnen.

Innerhalb der menschlichen Gesellschaft gibt es Hunderttausende von

Wesen, die, mit ebensogroßen oder noch größeren Eigenschaften geboren,

gleichwohl einem ungleich elenderen Los verfallen sind. Die wahrhafte

Tugend müßte sich auch für sie entflammen, denn in der Idee darf dem

Erbarmen mit der menschlichen Not keine Grenze gesetzt sein. Aber wo

endete der Mann, der sein Herz nach allen Seiten hin zerrisse und in

Fetzen austeilte? Er stünde leer da an dem Tage, wo ein würdiger

Gegenstand ein würdiges Opfer von ihm forderte. Denken Sie sich von

Caspars Lebensalter ein Dutzend Jahre hinweg und das vermeintliche

Wunder ist enthüllt bis auf den Grund und hat Ihnen nichts mehr zu geben

als die beschämende Selbstverständlichkeit einer natürlichen Tatsache.

Bestenfalls bleibt ein Kuriosum, mit welchem man ein Tischgespräch

würzen kann. Ein Kuriosum und das bißchen Geheimnis, das allen unreifen

Köpfen so aufregend dünkt.«

Widerspruch und Abwehr malten sich in Daumers Zügen; sein

umherschweifender Blick suchte nach Caspar, aber alles, was er zu sagen

wußte, war: »Nicht durch Worte kann die Seele für sich zeugen.«

Der Fremde lächelte bitter. »Die Seele! die Seele!« erwiderte er

spöttisch. »Sie kann nicht durch Worte zeugen, denn sie ist nur ein Wort

wie jedes andre. Das Auge schaut, der Finger spürt, jedes Härchen lebt

auf eigne Weise, das Blut durchspritzt die Adern, jeder Sinn macht den

Raum lebendig, den Tod fühlbar, was ziert ihr euch da und wollt ein

Besonderes haben und sprecht von Seele, als sei die Seele wie ein

Schmuckstück, das eine eitle Frau im Kästchen verschließt und

gelegentlich an ihren Busen steckt, um beim Ball damit zu glänzen! Jeder

ist im allgemeinen ausgeteilt und sein Zuschuß von Kräften ist kein

Privileg, sondern nur eine Hoffnung. Oder dürfte der Adler die Seele für

sich in Beschlag nehmen, weil er besser zu fliegen vermag als die Gans?

Die Seele! Ihr Herren beleidigt den Schöpfer damit, ob ihr sie leugnet

oder ob ihr Bücher schreibt, um sie zu beweisen.«

Es entstand ein Schweigen. Er spricht wie ein Satan, dachte Daumer, und

als er sich anschickte zu antworten, kam ihm der Fremde mit höflicher

Eindringlichkeit zuvor. »Ich weiß, Sie lieben Caspar,« sagte er mit

veränderter Stimme, ernst und herzlich, »Sie lieben ihn brüderlich, und

nicht Mitleid nährt diesen Trieb, sondern die schöne Begierde, die stets

den Gott in der Brust des andern sucht und nur im Ebenbild sich selbst

erkennen will. Aber Sie möchten eine Ausrede haben für Ihre Liebe, das

ist es. Muß ich Ihnen sagen, daß es keine tieferen Wunden gibt als die

Enttäuschungen aus solchem Zwiespalt? Ich rate Ihnen, fliehen Sie den

Anblick und die Gesellschaft dessen, der Ihnen nichts mehr zu bieten hat

als Enttäuschung.«

»Also sind wir denn zu schwach, dem Erlebnis gegenüber so zu bleiben wie

wir zu sein glaubten, indem wir es ersehnten!« rief Daumer verzweifelt.

Der Fremde verzog sein faltig-altes Gesicht zu einer Grimasse des

Bedauerns. Eine leichte Gebärde verriet, daß das Gespräch für ihn

erschöpft sei, und sie mischten sich wieder unter die übrigen Gäste.

Daumer, völlig aus der Fassung gebracht, wünschte nichts weiter, als den

lärmenden Kreis zu verlassen. Er suchte Caspar und bemerkte ihn, blaß

und schweigsam, mitten unter schillernden Roben und grauen und braunen

Fräcken; Frau Behold saß auf einem niedrigen Schemel fast zu seinen

Füßen, und ihr Gesicht sah hart und düster aus.

Der Abschied war umständlich. Als sie auf den vereinsamten Gassen

schweigend ein Stück Wegs zurückgelegt hatten, schlang Daumer den Arm

um Caspars Schulter und sagte: »Ach, Caspar, Caspar!« Es klang wie eine

Beschwörung.

Caspar, den es nach Belehrung dürstete und dessen Herz zum Überfließen

voll von Fragen war, seufzte auf und lächelte seinem Lehrer in

wiedererwachtem Vertrauen zu. Sei es nun, daß Blick und Lächeln Daumer

an einer Stelle seines Innern trafen, wo er sich unsicher und schuldig

fühlte, sei es, daß die Nacht, die Einsamkeit, die quälenden Zweifel,

das wunderliche Gespräch, das er eben geführt, seinen Geist zu

übertriebener Inbrunst entzündeten, er blieb stehen, umarmte Caspar noch

fester und rief mit emporgewandten Augen: »Mensch, o Mensch!«

Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein. Ihm war, als eröffne sich ihm

auf einmal, was dies zu bedeuten habe: Mensch! Er sah ein Geschöpf, tief

unten verstrickt und angekettet, von tief unten hinaufschauend, fremd

sich selbst, fremd dem andern, dem es das Wort Mensch zuschrie und der

ihm nichts antworten konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf: Mensch.

Sein Ohr hielt den Klang fest, der durch die Ergriffenheit Daumers etwas

Weihevolles für ihn bekommen hatte. Am andern Morgen nahm er sein

Tagebuch zur Hand, und die erste Eintragung, die er darin machte, waren

die drei Worte: Mensch, o Mensch -- für jeden andern natürlich eine

sinnlose Hieroglyphe, für ihn aber ein deutungsvoller Hinweis, ein

entschleiertes Geheimnis beinahe, ein Wahl- und Zauberspruch zur

Abwendung von Gefahren. Es entsprach seinem kindischen Wesen, daß er von

derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum betrachtete,

welches nur in Zeiten der Andacht und Sammlung zugänglich war, und in

einer jener sehnsüchtigen und angstvoll traurigen Stimmungen, die ihn

häufig befielen, faßte er den sonderbaren und folgenschweren Entschluß,

daß kein andrer Mensch außer seiner Mutter jemals Einblick in dieses

Heft erlangen, jemals lesen sollte, was er darin aufschreiben würde.

Solche Vorsätze starrsinnig zu halten, dazu war er durchaus imstande.

Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus

kamen, die mit Feuerbach befreundet waren und große Teilnahme für Caspar

hegten, kam zufälligerweise die Rede auf das Geschenk, das der Präsident

seinem Schützling gemacht, und da Daumer erzählte, es befände sich in

dem Büchlein ein sehr gutes Stahlstichporträt des Präsidenten, wünschten

die Damen das Heft gern zu sehen. Zu aller Erstaunen weigerte sich

Caspar, es zu zeigen. Daumer warf ihm erschrocken seine Unhöflichkeit

vor, aber er blieb hartnäckig. Die Damen bestanden nicht weiter darauf,

ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in eine andre Richtung,

aber als sie fortgegangen waren, nahm Daumer den Jüngling ins Gebet und

fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung. Caspar schwieg. »Und würdest

du auch mir, wenn ich es verlangte, das Heftchen vorenthalten?« fragte

Daumer. Caspar sah ihn groß an und antwortete treuherzig: »Sie werden es

gewiß nicht verlangen, bitte schön!«

Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still.

Gegen Abend kam Herr von Tucher, bat Daumer um eine Unterredung unter

vier Augen, und als sie allein waren, sagte er ohne weitere Einleitung:

»Ich muß Sie leider davon in Kenntnis setzen, daß ich unsern Caspar

zweimal beim Lügen ertappt habe.«

Daumer schlug stumm die Hände zusammen. Das fehlte nur noch, dachte er.

Beim Lügen! Zweimal beim Lügen ertappt! Ei du gütiger Himmel, wie war

das zugegangen!

Die Sache verhielt sich so: Am Sonntag sei er mit dem Bürgermeister in

Caspars Zimmer getreten, erzählte Herr von Tucher, und habe den Jüngling

ersucht, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Da habe Caspar, der bei den

Büchern gesessen, erwidert, er dürfe nicht, Daumer habe ihm verboten,

das Haus zu verlassen. Dem Bürgermeister sei das gleich bedenklich

erschienen, besonders da ihn Caspar kaum anzusehen gewagt, er habe sich

unauffällig bei Daumer erkundigt, wie dieser sich wohl erinnern werde,

und seinen Verdacht bestätigt gefunden. Am andern Tag seien beide, Herr

Binder und Herr von Tucher, während Daumer vom Hause fortgewesen, zu

Caspar gekommen und hätten ihm seine Unwahrheit vorgehalten. Unter

Erglühen und Erblassen habe er sein Vergehen zugestanden, habe aber, wie

ein gescheuchter Hase in die Enge getrieben und den ersten besten Ausweg

ergreifend, albernerweise eine Geschichte erfunden von einer Dame, die

bei ihm gewesen und die ihm ein Geschenk versprochen, weshalb er auf sie

gewartet habe.

»Auf unser mehr bestürztes als strenges Zureden bekannte er sich auch

dieser Unwahrheit schuldig,« fuhr Herr von Tucher mit unerschütterlichem

Ernst fort. »Er gab zu, daß er nur in Ruhe habe studieren wollen und daß

ihm kein andres Mittel eingefallen sei, um die lästigen Störungen

abzuwenden. Inständig flehte er uns an, Ihnen nichts von seinem

Fehltritt zu erzählen, er wolle es nie wieder tun. Ich hab' mir's aber

überlegt und bin zu dem Schluß gelangt, daß es besser ist, wenn Sie

alles wissen. Es ist vielleicht noch Zeit, um das böse Laster mit Erfolg

zu bekämpfen. Man kann ihm ja nicht ins Herz schauen, doch ich glaube

noch immer an die Unverdorbenheit seines Gemüts, wenngleich ich

überzeugt bin, daß uns nur die äußerste Wachsamkeit und unerbittliche

Maßnahmen vor gröberen Enttäuschungen bewahren können.«

Daumer sah vollkommen vernichtet aus. »Und das von einem Menschen, auf

dessen heiliges Wahrheitsgefühl ich Eide geschworen hätte,« murmelte er.

»Wenn Sie es nicht wären, der mir das erzählt, ich würde lachen. Noch

vor einer Stunde hätte ich jeden für einen Schurken erachtet, der mir

gesagt hätte, Caspar sei einer Lüge fähig.«

»Auch mir ist es nahgegangen,« versetzte Herr von Tucher. »Aber wir

müssen Geduld haben. Sehen Sie zu, halten Sie die Augen offen, warten

Sie auf den nächsten gegründeten Anlaß, dann greifen Sie ein, und zwar

mit wuchtiger Hand.«

Eine Lüge; nein, zwei Lügen auf einmal! Der arme Daumer, er wußte sich

keinen Rat. Er ging hin und überlegte. Herr von Tucher nimmt den ganzen

Vorgang zu schwer, sagte er sich; Herr von Tucher ist eine sehr gerechte

Natur, aber ohne Zweifel ein Mann mit vielen Vorurteilen, die ihn dazu

verführen, eine Lüge mit allen verfehmenden Zeichen der Übeltat

auszustatten; Herr von Tucher kennt das tägliche Leben nicht, das

unsereinen unterscheiden lehrt zwischen dem, was schlecht ist und was

der Andrang gebieterischer Umstände auch dem Redlichsten entpreßt. Aber

was geht mich Herr von Tucher an, hier handelt es sich um Caspar. Ich

glaubte einst, von ihm fordern zu dürfen, was keiner sonst von keinem

fordern darf. War es eine Verblendung, eine Anmaßung von mir? Wir wollen

sehen; ich muß jetzt herausbekommen, ob er schon zu den Gewöhnlichen

gehört oder ob sein Wille noch einer unhörbar rufenden Stimme zu

gehorchen fähig ist. Hat sich sein Ohr jedem Geisterhauch und -schall

schon verschlossen, dann ist seine Lüge eine Lüge wie jede andre, kann

ich aber noch übersinnliche Kräfte des Verstehens in ihm wecken, dann

will ich die Philister verachten, die immer gleich mit dem Bakel

erscheinen.

Es bedurfte einer schlaflosen Nacht, um dem sonderbaren Plan Daumers,

der eine Art Gottesurteil in sich schließen sollte, auf die Beine zu

helfen. Die Weigerung Caspars, sein Tagebuch zu zeigen, gab den Anstoß.

Ich will ihn bewegen, mir aus eignem Trieb das Heft zu bringen,

kalkulierte Daumer; ich will etwas wie eine metaphysische Kommunikation

zwischen mir und ihm herstellen; ich werde ihn, ohne ein Wort zu

sprechen, mit meinem geistigen Verlangen zu erfüllen trachten und werde

eine Stunde festsetzen, innerhalb deren das nur Gewünschte zu geschehen

hat. Kann er folgen, so ist alles gut; wenn nicht, dann ade,

Wunderglaube, dann hat dieser beredsame Materialist recht gehabt, mir

die Seele wegzudisputieren.

Am Morgen, so gegen neun Uhr, kam Anna zu ihrem Bruder und sagte, Caspar

gefalle ihr heute ganz und gar nicht; er sei schon um fünf aufgestanden

und es sei eine Unruhe in ihm, die sie noch nie wahrgenommen; beim

Frühstück habe er fortwährend ängstlich um sich herumgeschaut und keinen

Bissen gegessen.

Daumer lächelte. Sollte er jetzt schon spüren, was ich mit ihm vorhabe?

dachte er, und seine Stimmung wurde mild und zuversichtlich.

Ein schicklicher Vorwand, die Frauen aus dem Haus zu schaffen, fand sich

ungezwungen; Frau Daumer mußte ohnehin auf den Markt, Anna wurde

überredet, einige Besuche zu machen. Um elf Uhr machte sich Caspar an

seine Schularbeiten, Daumer ging ins Nebenzimmer, ließ aber die Tür

offen. Er setzte sich, das Gesicht gegen Caspars Platz gerichtet, ein

wenig hinter der Schwelle auf ein Stühlchen, und es gelang ihm alsbald,

mit erstaunlicher Energie all seine Gedanken auf das eine Ziel zu

richten, auf dem einen Punkt zu sammeln. Im Haus war es sehr still, kein

Laut störte das wunderliche Beginnen.

Bleich und gespannt saß er also und beobachtete, daß Caspar häufig

aufstand und zum Fenster trat. Einmal öffnete er das Fenster, das andre

Mal schloß er es wieder. Dann begab er sich zur Tür und schien zu

überlegen, ob er hinausgehen solle. Sein Auge war ohne Stetigkeit und

sein Mund eigentümlich gramvoll verzogen. Aha, es rumort in ihm,

frohlockte Daumer, und immer, wenn Caspar sich dem Schränkchen näherte,

in dem das blaue Heft wahrscheinlich lag, bekam der unglückliche Magier

vor Erwartung Herzklopfen.

Wie weit war Caspar davon entfernt, auch nur zu ahnen, was in Daumer

vorging! zu ahnen, daß in dieser Stunde sein Geschick und Wesen vor ein

Tribunal gestellt wurde!

Es war ihm ungeheuer bang heute. Es war ihm so bang, daß er ein paarmal

die ganz bestimmte Vorstellung hatte, es würde ihm etwas Schlimmes

zustoßen. Ja, er hatte das unabweisbare Gefühl, daß einer unterwegs sei,

der ihm etwas zuleide tun werde. Erstickend lag die Luft im Raum, die

Wolken am Himmel blieben lauernd stehen; wenn durch die Baumkronen vor

dem Fenster eine Schwalbe strich, sah es aus, als ob eine schwarze Hand

pfeilschnell auf- und niedertauche; das Deckengebälk bog sich niedriger,

hinter dem Getäfel der Wand knackte es unheimlich.

Caspar ertrug es nicht mehr. Sein Blick stach, eine kühlschaurige Angst

floß ihm durch die Haare, die Brust wurde eng, es trieb ihn hinaus,

hinaus ... Plötzlich verließ er mit fliehenden Gebärden das Zimmer.

Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus

dem Rausch erwacht. Vorüber, die Frist war verstrichen. Er schämte sich

sowohl seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn

er war ja ein gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die

spielerische Willkür dessen, was er gewollt, ernüchtert zu empfinden.

Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgültigkeit. Der Hoffnungen zu

gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknüpft,

verursachte ihm einen schalen Geschmack auf der Zunge. Er faßte den

unerschütterlichen Vorsatz, sein Leben wie ehedem dem Beruf, der

Einsamkeit und den Studien zu widmen und die Kräfte des Geistes nur

dort zu opfern, wo im Frieden der Erkenntnis und des Forschens jede Gabe

sichtbar bezahlt wird.

Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman · 第 15 / 41 题