Der Schriftsteller lachte, worauf ihm der Professor vielsagend mit dem
Kopf zunickte.
»Haben Sie den Unsinn gehört, der hier in der Stadt über seine
fürstliche Abkunft geredet wird?« ließ sich jetzt die holsteinische
Baronin hören, deren Stimme wie aus einem Kellerloch kam.
Der Professor nickte wieder und sagte: »In der Tat, es werden hier
starke Zumutungen an die Leichtgläubigkeit des Publikums gestellt.«
Eine Zeitlang schwiegen alle, wie von einem Schuß erschreckt. Endlich
entgegnete Daumer mit heiserer Stimme und mit der Höflichkeit eines
schlechten Komödianten: »Was veranlaßt Sie, meine Ehre zu beschimpfen?«
»Was mich veranlaßt?« prasselte der cholerische Herr auf. »Diese
Gaukelfuhr veranlaßt mich dazu. Der Umstand, daß man ein ganzes Land
skrupellos mit einem albernen Märchen füttert. Muß denn der gute
Deutsche immer wieder das Opfer von Abenteurern #à la# Cagliostro
werden? Es ist eine Schmach.«
Herr von Tucher hatte sich erhoben und blickte dem Aufgeregten mit so
unverhohlener Geringschätzung ins Gesicht, daß dieser plötzlich schwieg.
»Wir sind natürlich überzeugt,« mischte sich der Schriftsteller, ein
klapperdürrer Herr mit kahlem Schädel, vermittelnd ein, »daß Sie, Herr
Daumer, im besten Glauben handeln. Sie sind Opfer, wie wir alle.«
Jetzt konnte sich Pfisterle, den die Wut förmlich aufgeschwellt hatte,
nicht länger halten. Mit geballten Fäusten sprang er vom Stuhl empor und
schrie: »Ja, zum Teufel, warum sollen wir uns denn das gefallen lassen?
Da kommen sie her, niemand hat sie gerufen, kommen her, um dagewesen zu
sein und mitreden zu können, haben von Anfang an alles besser gewußt,
und wenn sie blind wie die Maulwürfe sind, werfen sie sich noch stolz in
die Brust und rufen: Wir sehen nichts, also ist nichts da. Warum soll
denn das ein Unsinn sein, geehrte Dame, was man von seiner Abstammung
erzählt? Warum denn, bitte? Leugnen Sie etwa, daß hinter den Mauern, wo
unsre Großen wohnen, sich Dinge ereignen, die das Tageslicht zu scheuen
haben? Daß dort die Verträge des Bluts für nichts geachtet und
Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wenn der Vorteil eines
Einzelnen es erheischt? Soll ich mit Tatsachen dienen? Sie können es
nicht leugnen. Bei uns wenigstens sind die paar Dutzend Männer noch
nicht vergessen, die ihre mutige Freiheitsfahne durch das Land getragen
und mit brennenden Fackeln in die Lügendämmerung der Paläste geleuchtet
haben.«
»Genug, genug!« unterbrach der Professor den rabiaten Zeitungsmann.
»Mäßigen Sie sich, Herr!«
»Ein Demagoge!« sagte die Baronin und stand mit erschrockenen Augen
auf. Der Archivdirektor heftete einen vorwurfsvollen und kühlen Blick
auf Daumer, der den Kopf gesenkt und die Lippen eigensinnig geschlossen
hatte. Als er emporschaute, blieb sein Auge mit gerührtem Ausdruck auf
Caspar ruhen, der frei und arglos dastand, den lächelnden klaren Blick
von einem zum andern gleiten ließ, nicht als ob von ihm gesprochen würde
und er daran teilhätte, sondern als ob das bewegte Spiel der Mienen und
Gebärden lediglich seine Schaulust erwecke. In der Tat verstand er kaum,
wovon die Rede war.
Der Leipziger Professor hatte seinen Hut ergriffen und wandte sich noch
einmal, an Pfisterle vorübersprechend, gegen Daumer. »Was ist denn
bewiesen von den Mutmaßungen törichter Köpfe?« fragte er gellend.
»Nichts ist bewiesen. Fest steht nur, daß aus irgendeinem
gottverlassenen Dorf in den fränkischen Wäldern sich ein Bauerntölpel in
die Stadt verirrt, daß er nicht ordentlich sprechen kann, daß ihm alle
Werke der Kultur unbekannt sind, das Neue neu, das Fremde fremd
erscheint. Und darüber geraten einige kurzsichtige, sonst ganz wackere
Männer außer sich und nehmen die plumpen Aufschneidereien des geriebenen
Landstreichers für bare Münze. Wunderliche Verschrobenheit!«
»Ganz wie der Polizeirat Merker,« konnte sich der Archivdirektor nicht
enthalten zu bemerken. Auch Pfisterle wollte dawiderreden, wurde aber
durch eine energische Kopfbewegung des Herrn von Tucher zum Schweigen
gebracht.
Plötzlich wurde von der Straße draußen das Rollen einer Kutsche hörbar.
Direktor Wurm ging zum Fenster, und nachdem der Wagen vor dem Haus
gehalten hatte, sagte er: »Der Staatsrat kommt.«
»Wie?« entgegnete Daumer rasch. »Herr von Feuerbach?«
»Ja, Herr von Feuerbach.«
In seiner Benommenheit versäumte Daumer die Pflicht des Hausherrn, und
als er sich aufraffte, um den Präsidenten zu empfangen, stand dieser
schon auf der Schwelle. Mit seinem Imperatorenblick überflog er die
Gesichter aller Anwesenden, und als er den Archivdirektor gewahrte,
sagte er lebhaft: »Gut, daß ich Sie treffe, lieber Wurm, ich habe etwas
mit Ihnen zu sprechen.«
Er trug die einfache Kleidung eines Privatmannes, und außer einem
kleinen Ordenskreuz neben dem Halsaufschlag des Rockes war keinerlei
Schmuck an ihm zu sehen. Die außerordentlich stolze Haltung des
gedrungenen, massigen Körpers und das steif Aufrechte, soldatisch
Gebietende seines stets etwas zurückgeworfenen Hauptes erweckten
ehrfurchtsvolle Scheu; sein Gesicht, auf den ersten Anblick dem eines
verdrießlichen alten Fuhrmanns ähnlich, wurde durch die dunkelglühenden
Augen, in denen die Unrast geistiger Leidenschaften lag, und durch die
festgeschlossenen, kühngebogenen Lippen geadelt.
Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der viel Zeit hat. Trotz der
Würde, die ihm sein Amt verlieh und die er nicht verringerte, hatte sein
Auftreten etwas Heftiges, und in der Art, wie er die im Zimmer
Versammelten begrüßte, war Förmlichkeit und Strenge enthalten. Es wirkte
darum erschreckend auf alle, als ihm Caspar ungezwungen entgegentrat und
ihm von selbst die Hand hinstreckte, die Feuerbach auch ergriff, ja
sogar eine Zeitlang in der seinen behielt.
Caspar war es wunderlich wohl geworden, seit der Präsident eingetreten
war. Er hatte oft an ihn gedacht, seit er mit ihm auf dem Gefängnisturm
gesprochen hatte, und seit dem ersten Händedruck liebte er besonders die
Hand des Präsidenten, eine warme, harte, trockene Hand, die sich
wohlverschloß beim Gruß, als ob sie glaubwürdige Versprechungen gäbe,
und die eigne Hand ruhte dabei so sicher in ihr wie der müde Körper
abends im Bett.
Daumer geleitete den Präsidenten und den Direktor Wurm in sein
Studierzimmer und kehrte dann zurück. Die fremden Gäste schickten sich
an zu gehen, sie hatten durch die Dazwischenkunft Feuerbachs etwas von
ihrer überlegenen Haltung verloren. Caspar wollte der Dame in den Mantel
helfen, doch sie machte eine abwehrende Geste und folgte eilig ihren
Begleitern. Herr von Tucher und Pfisterle entfernten sich ebenfalls.
Caspar nahm ein Schreibheft aus der Lade und setzte sich zur Lampe, um
seine lateinische Arbeit anzufertigen, da kamen der Präsident und
Direktor Wurm wieder ins Zimmer. Feuerbach ging auf Caspar zu, legte die
Hand auf sein Haar, bog den Kopf des Jünglings leicht zurück, so daß der
Lampenschein voll in Caspars Gesicht fiel, betrachtete seltsam lange und
mit bohrender Aufmerksamkeit das seinem Blick stillhaltende Antlitz und
murmelte endlich, gegen Wurm gewendet, tief atmend: »Keine Täuschung. Es
sind dieselben Züge.«
Der Archivdirektor nickte stumm.
»Das und die Träume ... zwei wichtige Indizien,« sagte der Präsident
mit dem gleichen Ton von Vertieftheit. Er schritt zum Fenster, die Hände
auf dem Rücken, und sah eine Weile hinaus. Darauf wandte er sich zu
Daumer und fragte unvermittelt, wie es mit Caspars Ernährung stehe.
Daumer erwiderte, er habe in letzter Zeit versucht, ihn an Fleischkost
zu gewöhnen. »Zuerst hat er sich sehr gewehrt, auch hat es den Anschein
nicht, als ob die veränderte Diät ihm sehr zuträglich sei. Es ist sogar
zu befürchten, daß sie seine inneren Kräfte wesentlich vermindert. Er
wird zusehends stumpfer.«
Feuerbach zog die Stirn empor und deutete gegen Caspar. Daumer verstand
den Wink und forderte Caspar auf, zu den Frauen hinüberzugehen. Er
wartete nicht ab, bis der Jüngling das Zimmer verlassen hatte, sondern
fuhr mit beklommenem Eifer fort: »An demselben Tag, wo Caspar zum
erstenmal Fleisch genoß, schnappte der Hund unsers Nachbars, der ihm bis
dahin höchst zugetan war, nach ihm und bellte ihn wütend an. Das war mir
eine wunderbare Lehre.«
Der Präsident entgegnete finster: »Dem mag sein, wie ihm wolle. Aber ich
mißbillige die zahllosen Experimente, die Sie mit dem jungen Menschen
vornehmen. Wozu das alles? Wozu magnetische und andre Kuren? Man
berichtet mir, daß Sie gegen gewisse krankhafte Zustände homöopathische
Heilmittel anwenden. Wozu? Das muß einen so zarten Organismus aufreiben.
Die Jugend ist es, die die Krankheiten heilt.«
»Ich bin erstaunt, daß Eure Exzellenz dagegen etwas einzuwenden haben,«
versetzte Daumer kalt und demütig. »Der menschliche Körper wird oft von
vorübergehenden Leiden befallen, denen auf homöopathischem Weg am besten
beizukommen ist. Erst vorigen Montag hat, wie ich bestimmt versichern
kann, eine kleine Dosis Silizea Wunder gewirkt. Kennen Eure Exzellenz
nicht den schönen, alten Spruch:
Ein kluger Arzt, der nimmt da seine Hilfe her, von wo der Schaden kömmt,
Löst Salzsucht auf durch Salz, löscht Feuer aus durch Flammen.
Ihr Kinder der Natur, ihr zieht die Kunst zusammen,
Macht weniges aus viel und wirket viel durch wenig.«
Feuerbach mußte unwillkürlich lächeln. »Mag sein, mag sein,« polterte
er, »aber damit ist nichts bewiesen, und wenn auch, so trifft es die
Sache nicht.«
»Meine Sache steht auch nicht darauf.«
»Um so besser. Vergessen Sie nicht, daß hier ein Recht durchzusetzen
ist, das Recht eines Lebens. Ist es nötig, deutlicher zu sein? Ich
glaube kaum. Gar bald, ich hoffe es, wird das Dunkel sich lüften, das
über den rätselhaften Menschen gebreitet ist, und der Dank, den ich und
andre Ihnen schon jetzt schulden, lieber Daumer, wird nicht durch ein
Mißvergnügen geschmälert sein, das sich an Ihre vielleicht schädlichen
Irrtümer heften muß.«
Das klang feierlich.
Man kanzelt mich ab wie einen Schulbuben, dachte Daumer erbittert, als
der Präsident und Direktor Wurm sich verabschiedet hatten; was ist mir
doch in den Kopf gefahren, daß ich die Sache des heimatlosen Findlings
zu meiner eignen machen mußte? Wär' ich nur bei meinem Leisten
geblieben, in meiner Einsamkeit.
Es geht mich wenig an, was sie da über sein Schicksal fabeln, fuhr er
in seinen verdrossenen Überlegungen fort; allerdings, der Ton des
Präsidenten läßt auf etwas Ungewöhnliches schließen; das seltsame Gerede
über Caspars Herkunft, sollte es wirklich einen Bezug haben? Gleichviel,
was wäre das mir? Ob eines Bauern, ob eines Fürsten Sohn, was würde es
besagen? Freilich, wenn so ein hoher Herr einem in den Weg läuft, gibt
man sich als beflissenen Diener; verbriefter Adel und erlauchte
Abstammung fordern nun einmal den Respekt des Bürgers. Doch ein andres
ist das Leben und ein andres die Idee; ein andres, den Mächtigen zu
willfahren, weil es zwecklos ist, ihnen zu trotzen, und ein andres,
ihrer zu vergessen, eingeschlossen und gefeit in der goldenen Wohnung
der Philosophie. Zwischeninne führt die Grenze, die den Menschen aus
Staub von dem Menschen aus Geist trennt. Sollte ich in meinem Optimismus
zu weit gegangen sein, wenn ich in Caspar den Menschen aus Geist sah?
Noch steht es zu bezweifeln.
Ein Gedankengang, der nicht frei von ahnungsvoller Betrübnis war.